Der Schloßherr vom Falkenhof lachte, daß ihm die Augen übergingen.

»Anderen Leuten!« wiederholte er ganz außer Atem. »Gut, sehr gut!

Anderen Leuten! Warum machst du eine Pause vor dieser kostbaren Umgehung

des Namens Theobald Ruß, =Dr. phil.= etc., he?«

»Lassen wir den Doktor Ruß aus dem Spiele, Onkel,« erwiderte Falkner

unmutig über die Äußerung, zu welcher ihn die Art des Kranken

hingerissen hatte. »Sage mir lieber, wie du dich fühlst seit dem

gestrigen, bösen Anfall?«

Der alte Herr überhörte diese Frage vollständig. Mit ganz

gleichgültiger Miene ergriff er ein Federmesser und begann an seiner Feder

herumzuschnitzeln.

»Nun, mein Junge, erzähle mir, was man in B. thut und treibt,« sagte er

dabei jovial. »Ist es wahr, daß man eine Weltausstellung daselbst plant?

Schöner Gedanke, aber wo nimmt man das Geld her? Ich gebe keinen Deut

dazu!«

So wenig ihm der Onkel sympathisch war, hier überkam es Alfred Falkner

doch wie ein Weh bei dem forcierten leichten Ton des armen Krüppels, um

dessen Mund und Augen sich schon solch schreckliche Linien zogen. Was

war das Leben dieses Mannes gewesen? Ein schneckenartiges Fortbewegen an

Krücken, ein reicher Besitz und ein Zusehen an den Lebensfreuden anderer

-- ein Dasein voll Entsagung, Verbitterung und der Freude, seine Umgebung

mit seinen Bosheiten zu peinigen. Warum muß es solche Menschen geben?

Die zitternden gelben, krallenartigen Hände sanken müde mit ihrem

Spielwerk in den Schoß, und die stechenden Augen des Kranken richteten

sich forschend auf die ernsten Züge seines Gegenüber.

»Was haben sie dir drüben über mich gesagt?« flüsterte er plötzlich

leise, schnell.

»Nur die Thatsachen, Oheim,« erwiderte Falkner, aber der Unwille über

das von den Seinen Gehörte stieg dabei wieder in ihm auf.

Eine Weile war es still in dem Krankenzimmer, so still, daß man nur die

Fliegen an den geschlossenen Fenstern summen hörte.

»Höre, Alfred,« nahm endlich der Schloßherr wieder das Wort, und es

war merkwürdig, wie unsicher die scharfe Stimme plötzlich klang, »ich

glaube, ich habe ein Unrecht an dir gethan!«

Erstaunt sah der also Angeredete empor. -- Lauerte hinter diesen

sonderbaren Worten eine neue Bosheit, wie er sie unter der euphemistischen

Bezeichnung eines »Scherzes« so gern auszuteilen beliebte?

»Es ist nämlich -- das heißt,« fuhr der Kranke noch unsicherer fort,

»na, als ich gestern die kleine Mahnung bekam, daß gegen den Tod kein

Kraut gewachsen ist, da kamen mir plötzlich tugendhafte Gedanken -- na,

schließlich bist du ja alt genug, hast deinen Verstand und wirst dich

darüber hinwegsetzen, nicht wahr, mein Junge?«

Falkner sah forschend nach seinem Onkel hinüber -- verlor sich die

Besinnung des alten Herrn wieder?

»Nun, zum Kuckuck, begreifst du denn heut' gar nicht?« platzte der Alte

mit gewohnter Ungeduld heraus und setzte höhnisch hinzu: »Thue nur nicht

so, als hätten die drüben dir nicht, seitdem du laufen kannst, in den

Kopf gesetzt, daß du mein Erbe, der Erbe vom Falkenhof bist! Kannst du das

leugnen?«

»Nein!« sagte Falkner fest.

»Nun, siehst du,« quiekte der Kranke. »Und du hast's natürlich

geglaubt?«

»Ja,« bestätigte der Gefragte.

»Natürlich, solche Dinge glaubt man gern,« höhnte der Freiherr,

»aber,« fügte er spöttisch hinzu, »mein Gewissen hat mir gestern

deshalb geschlagen -- ich hätte dir den frommen Glauben nehmen sollen,

nehmen müssen, wenn du willst, Alfred. Aber es hat mir zu viel Freude

gemacht, den hochgelahrten, superklugen, christlichmilden Herrn Doktor Ruß

und seine holde Ehehälfte -- --«

»Meine Mutter,« fiel Falkner stark ein.

»Nun ja, deine Mutter, die auf meinen Tod lauert, seitdem sie unter meinem

Dache lebt, kurz, die ganze Gesellschaft am Narrenseile herumzuführen.

Aber schließlich kann ich ja doch die langen Gesichter nicht mehr sehen,

wenn sie erfahren, daß sie die Rechnung ohne den Wirt, d. h. ohne

die Lehensbestimmungen gemacht haben, aber es ist dir doch nicht _sehr_

unangenehm, Alfred, daß dir der Falkenhof so vor der Nase fortgeschnappt

wird?«

»Ich verstehe dich noch nicht, Onkel,« entgegnete Falkner etwas

beklommen.

Der Kranke bewegte sich unruhig in seinem Sessel hin und her.

»Du bist doch sonst nicht so schwer von Begriffen,« sagte er

verdrießlich, »aber freilich, dir hat ja keine Seele etwas von den

Erbfolgebestimmungen des Falkenhofes gesagt -- mich wundert's nur, daß der

weise Herr Doktor Ruß sie noch nicht herausgedüftelt hat -- _der_ muß

doch seine Nase sonst in allem haben. Aber die Erbschaft schien ihm wohl

_zu_ sicher -- --«

»Onkel --!« fiel Falkner etwas ungeduldig ein.

»Ja, ja, ich komme schon zur Sache,« fuhr der Freiherr auf und kramte

etwas nervös unter den Papieren herum, welche seinen Schreibtisch

bedeckten. »Da ist es,« sagte er und zog ein Dokument hervor, »das

heißt, dies sind die Lehensbestimmungen vom Jahre 1563, bestätigt durch

die Unterschrift und das Insiegel Sr. Majestät Maximilian II., des

heiligen römischen und deutschen Reiches =Imperator et Rex=. Anerkannt

sind sie ferner unter meinem Großvater selig durch den damaligen

Landesfürsten und dessen Regierung, so daß selbst der Herr Doktor Ruß,

falls er sie umstoßen wollte, kein Glück damit haben dürfte. Nun also,

hier steht es schwarz auf weiß:

»Die Erbfolge auf gedachtem Lehen, der Falkenhof genannt, ist also

geregelt, daß dem jemaligen Inhaber desselben, wenn er mit dem Tode

abgegangen oder gerichtlich auf den Besitz Verzicht geleistet hat, sein

ältestes Kind, gleichviel ob es ein Sohn ist oder eine Tochter, folgt. In

letzterem Falle bleibt aber das Lehen nur so lange in ihrem Besitz, bis sie

stirbt, und fällt dann an das älteste Glied männlicher Descendenz

aus dem Freiherrlichen Hause Derer von Falkner zurück. Bei Mangel an

Leibeserben des jemaligen Besitzers fällt das Lehen an den Ältesten des

Hauses oder dessen ältestes Kind, gleichviel ob Sohn oder Tochter. In

letzterem Falle gelten immer die oben angeführten Bestimmungen, daß eine

Lehnsherrin des Falkenhofes ihn niemals auf ihre Kinder, falls sie

sich vermählt, nach ihrem Tode übertragen kann, sondern dem ältesten

männlichen Agnaten oder dessen Descendenz überlassen muß. Vermählt die

Lehnsherrin sich aber mit dem ersten Agnaten oder dessen Erben selbst, so

fällt das Lehen natürlich an die Kinder aus dieser Ehe und die anderen

Agnaten treten vor diesen zurück.«

»Nun, was sagst du dazu?« fragte der Freiherr triumphierend, als er die

Lesung des Artikels beendet.

Falkner hatte sich erhoben und war ans Fenster getreten -- es kann ein

Mensch sehr groß denken und erhaben sein über die Schwäche, den Besitz

zu seinem Götzen zu machen, aber die plötzliche Nachricht, er sei

nicht reich, sondern arm, wird ihn doch bewegen. Alfred Falkner war

nicht habsüchtig, aber er war auch an ein Leben der Einschränkung nicht

gewöhnt; er war aufgewachsen mit dem Bewußtsein, daß er der Erbe des

Falkenhofes, des reichsten Lehens der Monarchie sei, es war ihm nie gesagt

worden und er hatte nie daran gedacht, daß an diesem Bewußtsein getastet

werden könnte, und nun -- dem alten Herrn wurde die Pause doch zu lang und

die Stille zu drückend.

»Alfred!« rief er, und in seinem Ton lag ein sonderbares Gemisch von

Scheu, Trotz, Spott und Reue. »Alfred, nimm dir's nicht zu Herzen -- --

's ist mir leid, daß es dir weh thut -- ich habe ja aber bloß den alten

Schleicher, den Ruß, ärgern wollen, nicht dich, denn im Grunde bist du

mir doch der Liebste von allen. Als ich von Bruder Friedrich damals im Zorn

schied, drohte ich ihm, die Lehensbestimmungen zu deinen Gunsten umstoßen

zu wollen, und ich hab's auch wirklich versucht, aber es läßt sich an dem

Dokument da nicht rütteln, Alfred!«

Jetzt wandte Falkner sich um und trat neben den Stuhl, in dem das boshafte,

hinfällige Schattenbild eines Menschen sich krümmte unter dem geraden,

vorwurfsvollen Blick seines Neffen, der so hoch und gebietend neben ihm

stand.

»Kein Wort weiter, Onkel!« sagte er fest. »Gott soll mich behüten,

daß je der Gedanke in mir keimte, andere um ihr gutes Recht betrügen

zu wollen. Sind diese Bestimmungen rechtskräftig, so soll mit meiner

Bewilligung niemand wagen, daran zu rütteln, damit ich bereichert werde.

Daß du mich aber in Unwissenheit darüber gelassen, mich als reichen

Erben erziehen ließest, nur in der boshaften Freude, meine Mutter zu

enttäuschen und den Mann zu ärgern, den du nicht leiden magst -- das sind

Dinge, die du vor deinem Gewissen zu verantworten hast, nicht vor mir!«

»Alfred!« wimmerte der alte Mann, »Alfred, scheide nicht im Zorn von mir

-- daß ist doch ein häßliches Scheiden --«

Falkner beugte seine hohe Gestalt über den elenden Krüppel.

»Es mag schwerere Enttäuschungen geben, als diese,« sagte er, mitleidig

geworden im Angesicht des Todes, der sein Opfer schon gezeichnet hatte.

»Und zum Beweis, daß ich nicht grolle, findest du mich bereit, dir

Beistand zu leisten, falls du ihn zur Ordnung deiner Angelegenheiten neben

dem eines Juristen bedarfst!«

Der kranke Mann heftete seine stechenden, klugen Augen fest auf das

männlich-schöne Antlitz seines Neffen, und dabei bekamen diese sonst vor

Bosheit funkelnden Augen einen eigentümlich verschwommenen Ausdruck.

»Du bist ein guter Junge,« sagte er matt, und nach einer Pause fügte

er hinzu: »Mich hat die Sache doch angegriffen und alteriert -- ich

hatte geglaubt, du würdest außer dir geraten -- das hätte mir nicht so

geschadet! Geh' jetzt und schicke mir ein Glas Wein oder sonst etwas zur

Stärkung, hörst du? Bleib' aber auf dem Falkenhof, bis der Justizrat

kommt --!«

Er lehnte sich erschöpft zurück, und Falkner verließ das Zimmer. In der

Bibliothek aber mußte er stehen bleiben zu einem Augenblick der Sammlung

an diesem Wendepunkte seiner Zukunft. Die Enttäuschung, die ihn getroffen,

war groß und die Entsagung größer, denn ohne habsüchtig zu sein, läßt

sich der plötzliche Verlust eines großen Besitzes, dieses =nervus rerum=

der Welt, immerhin schwer genug tragen, selbst da, wo Jugend, Kraft und

Fähigkeit sich finden, den Verlust, wenn auch nicht zu ersetzen, so doch

zu mildern. Leute, welche nichts wissen von dem Luxus des Lebens, welche

die vielen Dinge als Liebhabereien für Sammlungen, Bücher etc. nicht

kennen, verschmerzen Verluste von Vermögen oder geträumten Erbschaften

viel eher und leichter, als solche, welche sich ein mehr innerliches und

einsames Dasein durch das zu verschönern suchen, was ihrem Geschmack

entspricht, aber eben nur mit großen Mitteln zu erkaufen ist. Alfred

Falkner gehörte nicht zu den Menschen, welche das Geld im Wahn des

Leichtsinns mit vollen Händen unwürdigen Zwecken opfern, er spielte

auch nicht, aber er genoß sein Leben, indem er reiste und sein Heim durch

kostbare Gemälde und Kunstgegenstände verschönte. Er konnte diesen

Liebhabereien frönen, denn er erhielt die Mittel dazu, und wenn er auch

keine Schulden im Hinblick auf das zu erwartende große Erbe machte, so

ward ihm doch manches, selbst Geld daraufhin angeboten.

Und jetzt sollte alles anders werden, jetzt sollte er den Kampf um das

Dasein selbst aufnehmen und zusehen, daß er ein standesgemäßes Leben mit

dem Gehalt, das er verdiente, führte. Und seine Mutter --!

Die ganze eigene Enttäuschung, die er soeben erlebt, schrumpfte mit einem

Mal in ein Nichts zusammen in dem Gedanken an seine Mutter, denn wie würde

sie's tragen? Für sie war's ja hundertmal schwerer, sich eine eigene

Existenz zu gründen, als für ihn, der Jugend, Kraft und Fähigkeit

hatte, dem Dasein goldene Früchte abzuringen. Freilich, sie hatte ja ihren

zweiten Gatten! Falkner lächelte bitter vor sich hin, als ihm der

Mann einfiel, der seine Mutter so beherrschte, daß er selbst ihren

mütterlichen Gefühlen Zügel anlegte und sie nach seinem Gutbefinden

regelte. Jetzt konnte er's beweisen, ob seine Liebe groß genug war, um

für sie und sich zu arbeiten!

Doch die Zeit verrann, und der Kranke drinnen bedurfte einer Stärkung.

Falkner atmete tief auf, als wolle er neues Leben mit diesem Atemzuge

einsaugen, und verließ die Bibliothek. Draußen im Korridor kam ihm

Mamsell Köhler entgegen, die Beschließerin, die in ihrem ewigen grauen

Kleide von Mix-Lüster, der schwarzseidenen Schürze und dem schwarzen

Spitzentüchelchen über den eisgrauen Löckchen, die ihr altes,

verschrumpftes Gesicht einrahmten, jahraus, jahrein als ein unermüdlich

thätiges Hausgeistchen durch die Korridore, Gemächer und Treppen des

Falkenhofes huschte. Seit er selbst das Herrenhaus zuerst betreten, kannte

Alfred Falkner die kleine Mamsell Köhler, und sie war sich immer gleich

geblieben, nur daß ihre Löckchen mit der Zeit gebleicht waren. Sie trug

ihre Kleider immer noch nach dem Schnitt, der in ihrer Jugend maßgebend

gewesen, stets war sie in peinlichster Ordnung zu sehen, und ihr

Leinenkragen, ihre Manschetten und die Strümpfe, die unter den

Kreuzbändern ihrer Halbschuhe hervorleuchteten, waren stets von blendender

Weiße.

Falkner hielt sie an, als sie schnell an ihm vorüberknicksen wollte, und

bat sie, dem Onkel die gewünschte Stärkung zu bringen.

»Ei du mein Gott ja,« rief sie eifrig, »ein Gläschen Sherry oder

Madeira werden dem gnädigen Herrn Baron gut thun. Ach,« setzte sie

traurig hinzu, »er macht keine Scherze mehr mit mir, wenn ich hinein zu

ihm gehe, und was schlimmer ist, er verhöhnt mich nicht mehr -- da wird es

wohl Matthäi am letzten sein mit ihm!«

Sie huschte die Treppe herab, und Falkner stand wieder an den

säulengetragenen Bogen und sah in den Hof hinab -- vielleicht zum

letztenmal in diesem Leben, wie er dachte. Und dann schritt er langsam,

sehr langsam nach dem düsteren Zimmer, das seine Mutter bewohnte, und in

dem die Möbel so gerade und steif standen und kein Zierat Kaminsims und

Tischchen schmückte.

In der tiefen mittleren Fensternische auf dem hohen Tritt saß Frau Doktor

Ruß und strickte; ihr Gatte saß an dem feuerlosen Kamin, ein Buch in

der Hand. Sein Blick glitt schnell und forschend über den eintretenden

Stiefsohn, als suche er dessen Gedanken zu entziffern.

»Nun, wie fandest du den armen Onkel?« fragte er mit liebevollem Tone.

»Sehr verändert,« entgegnete Falkner kurz.

»Ja, es geht zu Ende mit ihm,« bemerkte Frau Ruß kühl, indem sie eine

neue Nadel abzustricken begann.

Es giebt weibliche Wesen, welche immer stricken, in jeder Stimmung, nur mit

dem Unterschied, daß sie es in erregter Stimmung schneller thun als

sonst; Wesen, welche jede Stimmung hinweg stricken und in langen Strümpfen

verarbeiten, die in Freud und Leid, in Sommerhitze und Winterkühle mit den

Nadeln klappern und, wo andere Vergessen suchen, Trost oder Mitteilung, die

gefallenen Maschen auflesen und Patentfersen stricken -- sie gemahnen an

jene grauenvollen Strickerinnen, welche zur Schreckenszeit in Frankreich um

die arbeitende Guillotine saßen und zu den fallenden Köpfen gleichmütig

für ihren Lebensunterhalt Strümpfe förderten.

Alfred Falkner ließ sich müde in einen der hochlehnigen Sessel am

Sofatisch gleiten -- noch wußte er nicht, wie er's einleiten sollte,

seine Mutter in Kenntnis von dem zu setzen, was er eben droben beim Oheim

erfahren.

»Du warst lange bei ihm,« bemerkte Doktor Ruß, »fandest du ihn bei

vollem Bewußtsein?«

»Er war vollkommen klar,« entgegnete Falkner, »und setzte mir die

Bestimmungen über die Erbfolge im Lehen auseinander --«

»Ah!« machte Doktor Ruß und legte sein Buch beiseite. Die Sache begann

ihn zu interessieren.

»Nun, was ist da lange auseinanderzusetzen?« fragte Frau Ruß

gleichgültig. »Du bist der Erbe, damit basta!«

»Nein, liebe Mutter, der bin ich nicht,« erwiderte Falkner, entschlossen,

die Sache zur Sprache zu bringen.

Frau Ruß sah ihren Sohn einen Moment an, aber sie hörte nicht auf zu

stricken.

»Ich finde solche Scherze unpassend,« sagte sie ruhig, aber scharf.

»Nun, der Onkel könnte sich höchstens einen solchen erlaubt haben, daran

erkenne ich ihn,« meinte Doktor Ruß, seinen Stiefsohn scharf beobachtend.

»Vielleicht teilte er dir auch mit, wer größere Ansprüche auf den

Falkenhof hätte, als du.«

»Gewiß that er das,« entgegnete Falkner gereizt wie immer, wenn der

Mann mit den stets vermittelnden Honigworten dort sprach. »Erben des

Falkenhofes sind rechtskräftig Onkel Friedrich von Falkner und seine

Descendenten!«

»Ah --!« Frau Ruß hatte sich erhoben und das Strickzeug mitten in die

Stube geschleudert -- ihre kalten Augen blitzten, ihre Hände ballten sich

-- im Nu war aber ihr Gatte an ihrer Seite.

»Ruhig, Adelheid, ruhig mein Weib,« mahnte er sanft, ihre Hände

streichelnd. »Siehst du nicht, daß dein guter Schwager sich einen Scherz

mit Alfred erlaubt hat? Denn so viel ich gehört, soll Baron Friedrich in

Brasilien gestorben sein, und dann besaß er nur eine Tochter --«

»Diese Tochter aber erbt den Falkenhof, und erst nach ihrem Tode fällt

das Lehen, welches ein sogenanntes Kunkellehen ist, an mich oder meine

Descendenz zurück,« erklärte Falkner ruhig.

Einen Moment war es still, ganz still in dem Zimmer. Das vordem so erregte

Antlitz der Frau Ruß war ruhig geworden, unheimlich ruhig und steinern,

die Augen leblos, als seien sie blind. Ihres Gatten Züge waren aschfahl

geworden -- er mußte sich sichtlich beherrschen, ehe er in seinen

gewöhnlichen, leisen und milden Ton zurückfallen konnte.

»Ei, das sind überraschende Nachrichten,« sagte er langsam. »Nun, wir

werden ja sehen, ob sie auch rechtskräftig sind. Ein Kunkellehen also! Und

warum hat man das nie erfahren? Adelheid, geliebtes Weib, fasse dich! Ich

stehe mutig dir zur Seite, dein und Alfreds gutes Recht zu wahren und zu

verteidigen, falls es dessen bedarf --«

»Das heißt, falls ich dessen bedarf,« rief Falkner, sich hoch

aufrichtend. »Aber ich zweifle, daß ich deines Beistandes je bedürfen

werde!«

»Ah, schön -- die stolze Falkennatur regt sich in deinem Sproß,

Adelheid,« erwiderte Doktor Ruß gemäßigt. »Und darf man fragen,«

setzte er hohnvoll hinzu, »darf man fragen, was mit uns geschehen soll,

wenn der brasilianische Onkel mit seinem Neger- und Papageiengefolge wieder

hier einzieht?«

»Wir würden in diesem Fall das Haus, auf das wir kein Anrecht haben,

verlassen, nicht wahr, liebe Mutter?«

»Als Bettler!« sagte sie mit unbeschreiblichem Ausdruck in dem halb

gezischten, halb geflüsterten Tone.

»=Vis-à-vis de rien=,« ergänzte Doktor Ruß.

»Ich für meinen Teil habe meinen Beruf,« erwiderte Falkner. »Ich kann

mich ins Ministerium versetzen lassen und werde jedenfalls dafür sorgen,

daß du, liebe Mutter, deinem Stande gemäß leben kannst!«

»Himmel, wie heroisch!« rief Doktor Ruß mit leisem Lachen, das so

provozierend wie möglich klang.

Falkner maß ihn mit blitzenden Augen.

»O,« sagte er schneidend, »jetzt bietet sich dir die Gelegenheit, deine

vielgerühmte Professur anzutreten und auch das deinige für die Frau zu

thun, welche ihr Schicksal vertrauensvoll an dich gekettet hat -- mit einem

Wort, zu beweisen, daß du auch verdienen und nicht nur verzehren kannst!«

»Alfred --!« fuhr Frau Ruß auf, angestachelt durch einen innigen

Handkuß ihres Gatten.

»Ich gehe auf mein Zimmer, liebe Mutter,« erwiderte Falkner ruhig.

»Besprich du alles mit deinem Mann -- es thut nicht gut, wenn ich dabei

bin, ich weiß es, besonders jetzt, wo ich von meinem Piedestal als Erbe

des Falkenhofes herabgestiegen bin!«

* * * * *

Der Zustand des alten Freiherrn von Falkner verschlechterte sich im Laufe

der Stunden sichtlich; zwar verlor er das Bewußtsein nicht, aber die

körperliche Schwäche nahm rapide überhand, und die Unruhe des nahen

Todes kam über ihn und ließ ihn nicht rasten. Im Krankenzimmer neben dem

Sessel des Sterbenden saß Alfred Falkner und hörte den Flügen zu, welche

die Phantasie desselben machte und sich in bizarren und grotesken Bildern

erging. Außer ihm war noch der langjährige Verwalter des Falkenhofes

zugegen, Herr Engels, dessen kraftvolle, starke Hünengestalt mit dem

mächtig langen, nunmehr ergrauten Vollbarte wohlbekannt war in Feld und

Wald ringsum, zum Wohle der weitausgedehnten Besitzung. Die subalterne

Stellung, welche er einnahm, war ihm nicht an der Wiege gesungen worden,

denn als Sohn eines hohen Staatsbeamten hatte er eine gediegene akademische

Bildung genossen. Da aber kam das Jahr 1848, und Karl Engels ließ sich von

dem losbrechenden Sturm mitreißen, auf den Barrikaden mitzufechten, und in

Gefangenschaft geraten, konnte er von Glück sagen, daß _nur_ langjährige

Festungshaft seine Strafe war. Als er dann sein Gefängnis verließ, hatte

er schwer mit dem Dasein ums tägliche Brot zu kämpfen gehabt, bis

endlich sein guter Stern ihn seinem alten Freunde und Studiengenossen,

dem »buckligen Falkner« zuführte, der ihn zuerst als Schreiber bei sich

beschäftigte, und den Schiffbrüchigen des Lebens dann zu seinem Verwalter

machte, was beiden Teilen zum Segen gereichte.

Es war ein eigenes Verhältnis gewesen zwischen den beiden. Das trauliche

»Du« der Jugendzeit hatten sie beibehalten, aber in Geschäftssachen

hatten sie sich stets steif, als Herr und Diener gegenüber gestanden,

hatten trotz aller Harmonie nie dieselbe Meinung gehabt und sich mindestens

zweimal wöchentlich tödlich verfeindet. Das gehörte zur Gesundheit

des sonderbaren Paares und schadete beiden nicht, noch weniger aber dem

Falkenhofe, der dabei trefflich gedieh, und schließlich war's ihnen so zur

Gewohnheit geworden, daß sie's für ein böses Zeichen genommen hätten,

wenn sie einmal derselben Meinung gewesen wären.

»Karl, wer wird dich nur ärgern, wenn ich nicht mehr lebe?« hatte der

Kranke vorhin gefragt, als Engels bei ihm eintrat.

»Na, das laß dich nicht grämen,« hatte der Freund beruhigend erwidert.

»Es grämt mich aber doch,« sagte der Freiherr, der immer widersprach.

»Meine Hoffnung beruht dabei aber auf dem Satansmädel, Friedrichs Tochter

-- die wird dir schon geigen, daß du die Engel im Himmel singen hörst,

Karl!«

»Na, das ist ja schön,« erwiderte Engels, der glaubte, sein Freund rede

im Delirium, denn er wußte so wenig von der Lehenserbfolge wie Alfred

Falkner wenige Stunden zuvor.

Erst als letzterer ihn im Nebenzimmer aufklärte, begriff er die Äußerung

des Freiherrn.

»Thut mir leid für Sie,« sagte er und reichte Alfred die derbe Rechte,

»das war nicht recht von dem da drin, Sie so lange zu täuschen! Na,

überlebt er den Anfall, so will ich's ihm schon sagen, unverblümt, darauf

können Sie sich verlassen. Aber freuen thut's mich doch, das Mädchen,

Freiherrn Friedrichs Tochter wiederzusehen! Da war Leben drin, sage ich

Ihnen, alle Wetter! Das schäumte und brauste wie in einer Sektflasche,

aber die rechten Zügel fehlten, daran lag's, und der Übermut wußte

nicht, wohin zuerst. Hatte sie lieb, sehr lieb, die kleine rothaarige

Wetterhexe!«

Alfred Falkner nickte -- er sah sie jetzt wieder deutlich vor sich im

Mondschein am Brunnen, den Rosenkranz flechtend und das süße Lied von

der Jugendzeit singend; denn es giebt Momente der Erinnerung aus früheren

Jahren, die nie verblassen. Sie prägen sich dem Gedächtnis so fest ein,

daß ihre Farben frisch bleiben, bis unser Leben selbst dahingeht -- ein

Augenblick im Stundenglas der Ewigkeit.

Schwächer und schwächer wurden die Kräfte des Schloßherrn vom Falkenhof

mit dem scheidenden Tage; unaufhörlich fragte er nach dem Justizrat

Müller, seinem Sachwalter, den er nach dem Falkenhof beordert hatte, und

schon fürchteten sein Neffe und Engels, der Ersehnte könnte zu spät

kommen, als er endlich nach Sonnenuntergang eintraf.

Doktor Ruß, der sich mit seiner Frau dem Krankenzimmer bisher ferngehalten

hatte, trat dem kleinen, lebhaften Herrn schon im Vestibül entgegen und

unterrichtete ihn von dem Zustande seines Klienten. Seine Frage, ob er

in etwas sich nützlich erweisen könne, verneinte der Justizrat für den

Augenblick, trotzdem aber geleitete Ruß ihn zu den Zimmern des Freiherrn

und trat mit ihm bei dem Kranken ein.

»Was will _Der_ hier?« raunte Engels vor sich hin, denn er und Doktor

Ruß waren einander gar nicht grün, trotz der unversiegbaren Quelle von

Liebenswürdigkeiten, welche letzterer auf den Verwalter herabströmen

ließ.

»Nun, Justizrat, was bringen Sie mir für Nachrichten?« fragte der

Freiherr eifrig, und sein halberloschenes Auge begann noch einmal

aufzuflammen.

Der kleine Jurist entfaltete Papiere, die er in einer Mappe mitgebracht.

»Soll ich in Gegenwart dieser Herren sprechen?« fragte er.

Der Kranke sah Engels, Alfred Falkner und Doktor Ruß der Reihe nach an.

»Warum nicht, lieber Müller? Nur beeilen Sie sich!«

Der Justizrat putzte sein Pincenez, klemmte es auf seine Nase und

räusperte sich.

»Nun denn,« begann er, »so erlaube ich mir, Ihnen vor allem mitzuteilen,

daß der Freiherr Friedrich von Falkner, Ihr ältester Bruder, lieber

Baron, vor drei Jahren schon in Rio de Janeiro an einer akuten Krankheit

verstorben ist. Hier sind die betreffenden Papiere darüber!«

»Tot also!« sagte der Kranke leise. »Tot, gestorben vielleicht im Zorn

gegen mich. Weiter!«

»Ihm folgte ein Jahr später seine Gemahlin, die Freifrau Tereza von

Falkner, geborene Marquesa de Santiago, im Tode, verursacht durch ein

jahrelanges Brustübel,« fuhr der Justizrat fort. »Sie starb, ehe sie

von einem alten, unvermählten Onkel, dem Grafen Silvio Fernandez, dessen

große Besitzungen geerbt hatte.«

»Güter in Brasilien sind so gut wie Güter auf dem Monde,« bemerkte der

Kranke verächtlich. »Nun, und das Mädchen?«

»Die Freiin Dolores von Falkner lebt,« berichtete der Justizrat weiter.

»Sie kehrte nach dem Tode ihrer Mutter nach Europa zurück, und hält sich

momentan in B. auf --«

»Ah,« machte der Freiherr höhnisch, »sie weiß wahrscheinlich mehr von

dem Kunkellehen, als du, Alfred!«

»In B. auf,« fuhr der Justizrat fort, »woselbst sie bei der Hofoper als

erste Sängerin unter dem Namen Falconieros wirkt. Als solche trat sie erst

die große Erbschaft ihres Großoheims an.«

»Wie -- was?« fragte der Freiherr verblüfft, während aus Alfreds

Antlitz jeder Blutstropfen gewichen war. Jetzt fiel es wie Schuppen

von seinen Augen, jetzt verstand er die Ahnungsschauer, die ihn so oft

durchzuckt, jetzt wußte er's, daß es dieselbe Stimme, die Stimme der

»Satanella« war, die damals in der Mondnacht auf dem Brunnenrande das

Lied gesungen:

Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit

Tönt ein Lied mir immerdar -- --

»Die Identität der jungen Dame ist zweifelsohne,« schloß der Justizrat

seine Chronik der Linie Friedrich Falkner.

»Also eine Opernsängerin, eine Theaterprinzeß, die Erbin vom

Falkenhof,« sagte der Freiherr schneidend. »Man lernt nie aus,

Justizrat!«

»Nein,« bestätigte dieser, in seinen Papieren kramend. »Ich kann aber

mit Befriedigung feststellen, daß Donna Falconieros einen Leumund besitzt,

wie, nun, wie ihn manche unserer höchsten Damen nicht hat -- er

ist tadellos hinsichtlich ihres Lebenswandels. Das ist doch wohl die

Hauptsache!«

»Ja, die Hauptsache für sie selbst,« entgegnete der Kranke, sich

ereifernd, »für mich aber ändert sie das Faktum nicht. Opernsängerin!

Nun, da mag es mit den Gütern in Brasilien nicht weit her sein, ich

sagte es ja gleich! Wir müssen diese Donna Dolores von der Erbfolge

ausschließen, Justizrat!«

»Geht nicht,« entgegnete der Angeredete lakonisch. »Donna Dolores ist

und bleibt die erbberechtigte Freiin von Falkner. Was sie privatim thut

und treibt, geht uns nichts an! Außerdem enthalten die Lehensbestimmungen

keinen Passus, der uns in dieser Angelegenheit dienen könnte.«

»Sie thut und treibt ihre Singerei aber nicht privatim, sondern sehr

öffentlich,« sagte der Freiherr heftig.

»Aber nicht als Freiin von Falkner,« beharrte der Justizrat. »Sobald

dieser Name außer Spiel bleibt bei ihrer Künstlercarriere, kann ihr Recht

nicht angefochten werden, wenigstens nicht von dem Erblasser. Allerdings

steht es den Agnaten frei, gerichtlich gegen die Erbin vorzugehen, wenn sie

finden, daß ihre Beschäftigung eine mit ihrem Stande unverträgliche und

ehrenrührige war, respektive ist.«

»Kann ich in diesem Falle nicht finden,« ließ Engels sich vernehmen.

»Wer redet hier ungefragt?« fuhr der Freiherr auf. »Das ist meine Sache

zu entscheiden! Nun, und was würde der Erfolg eines derartigen Vorgehens

der Agnaten des Falkenhofes gegen die Erbin sein?«

Der Justizrat schnitt eine seiner charakteristischen Grimassen.

»Kosten, viel Kosten,« sagte er achselzuckend.

»Unsinn,« schrie der Kranke, den Krückstock auf die Dielen aufstoßend

und dann von sich schleudernd. »Der Bescheid, das Urtel? Ich frage nach

dem Urtel!«

»Ja, das würde höchst wahrscheinlich dahin lauten, daß, da es der

Freiin von Falkner beliebt hätte, zu ihrem Vergnügen unter anderem Namen

Opernpartien zu singen, ihr dies nicht verwehrt werden könnte, und daß

diese Künstlerpassion mit ihrem Besitz des Falkenhofes nichts zu thun

hätte, um so mehr, als dieser Besitz doch nach ihrem Ableben an die

prozessierenden Agnaten zurückfiele.«

Schon während der Replik des Justizrates hatten sich die künstlich

gehobenen Lebensgeister des Freiherrn zu legen begonnen, jetzt lehnte er

sich erschöpft zurück.

»Nun, meinetwegen,« sagte er matt. »Lassen Sie mich das Testament

unterschreiben -- Sie haben es doch mitgebracht? Alfred, deine Sache bleibt

es, gegen diese Opernprinzeß, gegen die Komödiantin zu protestieren.

_Sie_ hat kein Recht an den Falkenhof!«

Der Angeredete schwieg -- was sollte er auch sagen? Daß er im Prinzip dem

Oheim beistimmte, nicht aber im Rechtspunkte. Das aber fühlte er sicher,

daß er sie hassen mußte, die ihm vom Anbeginn »unsympathisch« war, und

die jetzt urplötzlich seinen Pfad kreuzte, wie er es nie gedacht!

Der Kranke unterzeichnete das Dokument, das der Justizrat, sorgsam nach

dem Original mundiert, mitgebracht, und Engels nebst einem Unterbeamten

unterschrieben es als Zeugen. Zwei Stunden später fuhr der kleine Jurist

nach B. zurück mit dem Testament, es beim Gericht niederzulegen, aber

er kam nicht mehr dazu, denn schon am nächsten Morgen erhielt er die

Nachricht, daß der Freiherr Gustav von Falkner zwischen zwei und drei Uhr

nachts einem Herzschlage erlegen sei.

* * * * *

Das ist eine traurige, schreckliche Stunde, wenn wir die irdischen

Überreste derer, die wir geliebt, hinausgeleiten müssen zur letzten

Ruhestätte unter dem grünen Rasen. Wem Gott noch diese Stunde erspart

hat, der kann es auch nicht ermessen, wie es thut, wenn der Sarg, den

liebende Hände mit Blumen geschmückt, hinausgetragen wird über die

heimische Schwelle, wenn er langsam hinabgleitet in das frischgegrabene

Grab und so allmählich den Blicken entschwindet -- für immer. Das ist

fast der bitterste Augenblick bei dem bitteren Scheiden, das wir den Tod

nennen, und doch werden wir geboren um zu sterben, und keiner weiß, wann

ihm sein Stündlein schlägt.

Als man den schweren eichenen Sarg des Freiherrn Gustav von Falkner

hinabließ in die Familiengruft der Falkner, die so friedlich und schön

dicht am »vielgrünen,« rauschenden Walde lag, da war es anders. Es

hatte niemand den boshaften Krüppel geliebt, der jedem mit seiner bösen,

scharfen Zunge eine Wunde beizubringen trachtete. Mit Haß und Rache im

Herzen stand das Rußsche Ehepaar und sah dem hinabgleitenden Sarge nach

-- ohne Trauer, aber auch ohne Groll stand Alfred Falkner neben ihnen.

Der Tote hatte ihn als Kind erschreckt, als Jüngling eingeschüchtert

und entrüstet, als Mann abgestoßen, dennoch aber hatte er ein viel zu

großmütiges Herz, um kleinlich zu denken und Groll hinter dem Sarge des

Mannes herzutragen, der im Grunde doch sein Wohlthäter gewesen war.

Mit unbeschränkter Dankbarkeit im Herzen folgte ihm Karl Engels, aber daß

er den Toten geliebt hätte, damit konnte er sich selbst nicht betrügen;

denn Dankbarkeit und Liebe sind zwar Geschwister, aber auch solche gehen

gern jedes seine eigenen Wege.

Als Fünfter in diesem kleinen Trauergefolge stand Justizrat Müller,

der oft nahe daran gewesen war, seinem unleidlichen Klienten den Kram zu

kündigen, und als Sechste und doch Erste, allen voran stand die Erbin des

Falkenhofes, Dolores Freiin von Falkner, im schwarzen Kleide, den schwarzen

Kreppschleier über dem prachtvollen, goldroten Haar und dem heut'

besonders marmorbleichen, klassisch schönen Antlitz, auf dem ein

solch' tiefer Ernst lag, daß Alfred Falkner vergebens den berückenden

Satanellen-Ausdruck darin suchte.

Wie oft hatte der Tote da unten sie »Teufelsbrut« genannt, ein herzloses,

boshaftes Ding, auf das er am liebsten die Hunde gehetzt hätte, wie oft

hatte er den Zorn, den er für ihren Vater, und den Haß, den er für ihre

stolze, indolente Mutter gehegt, an ihr ausgelassen und ihr alle Pestilenz

der Erde angewünscht -- und heute stand sie als seine Erbin an der offenen

Gruft und ein wehes Gefühl ging durch ihr Herz, daß der liebesarme,

reiche, böse Mann dort zwischen den feuchten, dumpfen Wänden ruhen

sollte anstatt unterm grünen Rasen, und daß keine arme kleine Blume von

liebender Hand gespendet hinabfiel auf sein letztes, enges Haus --!

Es war vorüber, und die Leidtragenden, sowie die Dienerschaft machten der

Erbin Platz zum Hinausgehen. Allein schritt sie durch die Reihen, allein

schritt sie voraus der Pforte zu, wo die Wagen hielten, auf fünf Schritt

Distanz folgten ihr die anderen. Die Frau Doktor Ruß hatte sich bei der

Herfahrt geweigert, mit der »Komödiantin« zu fahren, sie hatte es so

auffallend gethan, daß in das bleiche Antlitz der Donna Dolores eine feine

Röte gestiegen war -- natürlich weigerte sie sich auch, an der Seite der

Nichte zu den Wagen zurückzukehren, und da sie sich sofort mit Ostentation

fest auf den Arm ihres Gatten lehnte, so ward es diesem auch unmöglich,

der Erbin den Arm zu reichen, der Dehors wegen. Da es Alfred Falkner

durchaus nicht versuchte, sich zum Sklaven derselben zu machen, und Engels

in sehr richtigem Taktgefühl es nicht für seines Amtes hielt, so mußte

Donna Dolores allein schreiten, aber zwei Schritt hinter ihr folgte ihr

Señor Ramo Granza, ihr Sekretär, Verwalter und Kammerdiener in einer

Person, der getreue Ramo, der sie als Kind auf dem Rücken getragen und sie

niemals verlassen hatte.

Er war es, der ihr jetzt in den Wagen half und sich dann mit

unveränderlichem Ernst auf dem Kutscherbock postierte, zum Ärger der

deutschen Diener, die den »brasilianischen Affen« schon vor Jahren,

als er mit seiner Herrschaft nach dem Falkenhof gekommen war, zum Kuckuck

gewünscht hatten.

So mußte sie denn allein zurück, mußte sie allein hinaufsteigen nach

dem Bibliothekszimmer, wo der Freiherr vorher aufgebahrt gewesen war und wo

jetzt das Testament verlesen werden sollte.

Während sie in dem für sie bestimmten Sessel Platz nahm, den Schleier

zurückschlug und die Handschuhe von den vielbewunderten, herrlich

geformten Händen streifte, mußte sie an die Kindertage zurückdenken, die

sie hier, in den Räumen des Falkenhofes verlebt. Damals, in dem sorglosen

Dahingleiten der Zeit hatte sie denselben beherrscht durch das goldene

Königstum früher Jugend, wo man die ganze Welt sein Eigen nennt und

speciell für sich geschaffen glaubt. Mit den Hunden um die Wette war sie

durch die Kreuzgänge des Hauses und durch die schattigen Alleen des Parkes

geflogen und hatte hellauf gelacht im kostbaren Übermut der Jugend, wenn

sie dabei strauchelte und fiel; aber sie hatte auch gelacht, wenn sie bei

der wilden Jagd jemand an- und umrannte. Was man anderen Kindern ihrem

Frohsinn zu gute hält, wurde ihr aber als Verbrechen ausgelegt, als der

Vorsatz, andere zu schädigen, und aus Trotz und Übermut hatte sie sich

nie verteidigt. Da gab es dann immer bittere Reden über die »Satansbrut«

und den »brasilianischen Teufel,« den man sich auf dem Falkenhof

entschieden schwärzer dachte, als den des Nordens. Zuletzt gefiel sich die

Kleine darin, den Teufel zu spielen und jagte einmal der Dienerschaft einen

tödlichen Schrecken ein, als es ihr einfiel, sich einen ausgehöhlten

Riesenkürbis mit greulich ausgeschnittener Fratze über den Kopf zu ziehen

und in dieser Toilette, einen roten Shawl um die Schultern geschlagen, im

Mondschein in den Kreuzgängen spazieren zu gehen. Sie erinnerte sich noch

deutlich, daß der Kürbis wohl leicht über den Kopf gegangen war, aber

nicht wieder zurück wollte, so daß Ramo ihn erst aufschneiden mußte, um

sie von ihrem geborgten Schädel zu befreien. Und wie Dolores daran dachte,

mußte sie lächeln -- es war ein ganz flüchtiges Lächeln nur, aber es

wurde doch bemerkt, denn Frau Doktor Ruß sagte halblaut und entrüstet zu

ihrem Sohne:

»Hast du sie lachen sehen, die herzlose Person? Sie freut sich ihrer

Erbschaft so, daß sie nicht einmal imstande ist, ihr Vergnügen in diesem

ernsten Augenblick zu beherrschen, wie es die Sitte heischt!«

Alfred Falkner nickte -- er hatte nur halb hingehört, aber das Lächeln

hatte er auch gesehen, weil -- nun ja, weil er die Augen nicht fortwenden

konnte von dem bleichen Antlitz mit den tiefen dunklen Augen, von diesem

Antlitz, das ihm so »antipathisch« war, wie er dem Maler Keppler

gesagt. Vielleicht sah er nur zu ihr hinüber, weil das Gesetz der

»Anziehungskraft des Abstoßenden« auf ihn wirkte -- so erklärte er

sich's wenigstens selbst.

So brach denn die sicher nicht an Herz-Überfluß leidende Frau Doktor Ruß

den Stab über die »lachende Erbin,« und damit that sie nur, was alle

Welt thut, die ja so gern nach dem Schein richtet, wenn die Wahrheit nichts

zum Richten bietet. Vielleicht wäre die Frau Doktorin noch empörter

gewesen, wenn sie gewußt hätte, daß Donna Dolores während dieser

ernsten Stunde an einen ihrer Kinderstreiche, an einen Kürbis gedacht. Da

war es schon noch besser, an eine reiche Erbschaft zu denken, denn das

war doch wenigstens herzloser, wie es ja nicht anders von dieser

»brasilianischen Person« zu erwarten war.

O über diese lieben Nächsten, die so gern für uns denken und stets

bemüht sind, uns ihre eigenen niedrigen oder schmutzigen Gedanken

unterzuschieben! Denn das sind weiße Sperlinge in der Gesellschaft, die

ihre eigenen freundlichen und herzenswarmen Ideen auch anderen zutrauen!

Nur der Doktor Ruß beobachtete Donna Dolores scheinbar nicht. Er saß,

das Haupt gesenkt, auf seinem Sessel und nickte manchmal seinen Gedanken

Beifall zu. Seine Ruhe war durch die entschlüpfte Erbschaft nicht getrübt

worden, wenigstens hatte niemand davon etwas gemerkt. Es war so recht der

Moment für ihn, allen zu beweisen, wie uneigennützig er war, und wie er

sich der älteren Frau nicht aus Spekulation vermählt hatte. Im Gegenteil,

er hatte die Tage vorher im Schoße seiner Familie, vor den Beamten und den

Dienstleuten die Vorteile eines Kunkellehens genau erörtert und bewiesen,

wie viel gerechter ein solches sei, als ein Majorat, und endlich die

Interessen der Erbin warm verfochten. Was er wollte, hatte er damit

bewirkt. Frau Ruß pries laut den edeldenkenden Sinn ihres Gatten. Alfred

Falkner wußte nicht, was er von alldem halten sollte, denn er begriff die

Motive seines Stiefvaters noch nicht, die andern äußerten sich beifällig

über ihn, und der Justizrat Müller sagte sich in seinem Innern:

»Ich habe mich in dir getäuscht, Freund Ruß, und sage =peccavi=! Man

denkt eben immer an solche Motive, wenn ein jüngerer Mann eine ältere

Frau heiratet. -- =Sela!=«

Nur einer stimmte in den allgemeinen Lobgesang über den »herrlichen«

Doktor Ruß nicht ein, das war der alte Engels. Der strich sich seinen

mächtigen Vollbart, kniff ein Auge zu und pfiff, wenn Doktor Ruß

docierte.

»Mir machst du keine Wippchen vor,« konnte man sich das leise Pfeifen ins

Deutsche übersetzen.

Endlich, nachdem die Beteiligten in drückendem Stillschweigen eine

Zeitlang in der Bibliothek gewartet, erschien der Justizrat mit dem

Testament und nahm an dem für ihn in den Halbkreis gerückten Tischchen

Platz. Nach den einleitenden Formalitäten erbrach er das Siegel,

entfaltete das Dokument und begann zu lesen.

Es kamen, nach den einleitenden Worten des Erblassers, zuerst die bekannten

Lehensbestimmungen zur Verlesung, an welche der Genannte eine Ermahnung

an seine Nichte knüpfte, den Falkenhof in Ehren zu halten und dem

großen Besitz eine treue Verwalterin zu sein im Hinblick auf künftige

Generationen. Hieran fügte er eine genaue Berechnung der jährlichen

Revenuen und überließ im übrigen alles den Falkenhof Angehende der

Weisheit und Einsicht der Erbin, dieser den Wunsch ans Herz legend, den

Verwalter Herrn Engels entweder in seinem Amte zu belassen oder aber

entsprechend zu pensionieren.

»Ein Wort, Herr Justizrat,« unterbrach den Vortragenden hier die klare,

deutliche Stimme der Donna Dolores. Sie hatte sich halb aufgerichtet und

stützte sich auf die Armlehne ihres Sessels. »Steht es mir frei, zu jeder

Stunde auf das Erbe des Falkenhofes ein für allemal zu verzichten?«

»Sicher, meine Gnädigste,« begann der Jurist, aber er wurde wieder

unterbrochen.

»Gewiß steht Ihnen das frei,« ertönte die Stimme Alfred Falkners,

»gerade so, wie es mir frei steht, Ihren Verzicht ein für allemal

zurückzuweisen.«

Dolores hatte sich halberschreckt nach dem Redner umgewendet -- sie wurde

um einen Schatten bleicher und ließ sich wieder in ihren Sessel fallen.

»Ich danke,« sagte sie ruhig. »Wir finden wohl noch Gelegenheit, die

beiden soeben aufgestellten Möglichkeiten zu erörtern. Wollen Sie die

Güte haben, fortzufahren, Herr Justizrat?«

Der Angeredete verbeugte sich und nahm sein Dokument wieder auf.

»In Anbetracht dessen, daß mein Neffe, der Freiherr Alfred von Falkner,

nunmehr der einzige Agnat des Lehens ist,« las er, »und meine

Nichte, Dolores Freiin von Falkner, ihr Erbe schutzlos antritt ohne den

uneigennützigen Beistand eines nahen Verwandten, so halte ich dafür, daß

es die beste Lösung wäre, wenn mein Neffe und meine Nichte, die gedachte

Erbin und der Agnat des Lehens sich miteinander vermählten. Ich empfehle

beiden die Erfüllung dieses meines Wunsches auf das Dringendste.«

Hier hielt der Justizrat ein und sah sich im Kreise um. Doktor Ruß

lächelte, seine Gemahlin wußte nicht recht, was für ein Gesicht sie

machen sollte, Alfred Falkner heftete den plötzlich starr gewordenen Blick

vor sich auf die Erde -- die stark angeschwollene Ader auf seiner Stirn

war das einzige Zeichen seiner inneren Bewegung. Donna Dolores selbst saß

unbewegt in ihrem Sessel, auch sie verriet nur durch die zarte Röte, die

ihr Antlitz urplötzlich bedeckte, daß sie gehört hatte.

Da der Justizrat keinen Einwand gegen den verlesenen Artikel hörte,

so fuhr er abermals fort. Im Laufe seiner Bestimmungen hinterließ der

Verstorbene seinem Neffen Alfred Falkner sein gesamtes, von dem Lehen

unabhängiges Privatvermögen, von welchem der Erbe an Engels und mehrere

der langjährigen Diener des Hauses Legate auszuhändigen hatte. Es blieb

ihm danach so viel, um einen anständigen jährlichen Zuschuß zu seinem

Gehalt zu haben -- freilich war derselbe kein Äquivalent für die

grandiosen Revenuen des Falkenhofes, welches der Verstorbene niemals hatte

verbrauchen können, aber, anstatt sie zu sparen, wie es schließlich sein

Recht gewesen wäre, zu dem Allodialvermögen geschlagen hatte.

Die Lesung war zu Ende, der Justizrat faltete das Testament wieder

zusammen. Da erhob sich Dolores, dankte dem Sachwalter für seine Mühe und

trat vor Frau Ruß hin.

»Ich hoffe, liebe Tante,« sagte sie gewinnend, »daß du und dein Gemahl

mir die Freude machen werdet, den Falkenhof so lange als eure Heimat zu

betrachten, als es euch gefällt und ihr andere Dispositionen getroffen

habt!«

Frau Ruß öffnete den Mund zu einer Entgegnung, aber der Doktor schnitt

ihr das Wort ab.

»Wir werden gern von Ihrer Güte Gebrauch machen, liebe Dolores,« sagte

er in seiner milden, leisen Weise, indem er ihr die Hand bot.

Sie legte ihre Fingerspitzen leicht in dieselbe.

»O, Sie müssen es nicht so auffassen,« sagte sie freundlich, »es ist

ja so natürlich, wenn Sie bleiben. Ich werde jetzt sehen, wo es sich am

besten für mich wohnen läßt, und wenn Sie,« fuhr sie zu Alfred

gewendet fort, »im Laufe des Nachmittags eine Stunde Zeit haben,

Geschäftsangelegenheiten mit mir zu besprechen, so bitte ich um Ihren

Besuch!«

Falkner verbeugte sich leicht.

»Ich stehe zu Befehl,« sagte er kühl, »obgleich ich glaube, daß Herr

Engels in diesen Angelegenheiten besser bewandert ist, als ich.«

»Vielleicht,« entgegnete sie ruhig. »Überdies bleibt mir für

persönliche Dinge ja noch der schriftliche Weg, falls es Ihnen zu große

Überwindung kosten sollte, diese mit mir zu besprechen.«

»Ich ziehe das letztere der Kürze wegen vor,« erwiderte er.

Sie wendete sich mit leichtem Gruß ab, aber die zarte Röte auf ihren

Wangen war verschwunden. Was für ein Recht hatte dieser Mann, sie zu

beleidigen? Er hatte sich ihr feindlich gegenüber gestellt noch ehe

er wußte, wer sie war, denn daß es der Erbschaft wegen sein könnte,

erschien ihr für einen Mann wie Alfred von Falkner unglaublich. Und doch

-- Mamsell Köhler, die Beschließerin, machte einen solch tiefen Knicks

vor ihrer neuen Herrin, daß diese, verloren in ihre Gedanken, fast über

sie gefallen wäre.

»Ach, Fräulein Tinchen,« rief sie freundlich, das kleine, graue

Hausgeistchen, das jetzt ein Trauerkleid trug, erkennend.

»Willkommen auf dem Falkenhof, gnädigste Baroneß,« sagte sie abermals

knicksend -- es war nächst dem stummen und warmen Händedruck Engels'

bei ihrer Ankunft kurz vor der Beisetzung das einzige »Willkommen,« das

Dolores gehört.

»Nun führen Sie mich, Fräulein Tinchen,« sagte sie, »und zeigen Sie

mir den Falkenhof, damit ich sehe, wo ich wohnen kann.«

»Ei, eingerichtet ist alles,« meinte die Haushälterin, mit ihrem leis

klirrenden Schlüsselbunde voranschreitend, »aber wenn ich der gnädigsten

Baroneß gut raten soll, da möchte ich mir die Freiheit nehmen und den

westlichen Flügel vorschlagen mit dem Turmgemach, das an den nördlichen

Flügel stößt. Da ist's im Sommer kühl und im Winter warm!«

»Gut, zeigen Sie mir die Räume,« erwiderte Dolores.

Lautlos schritt Mamsell Köhler voran, den nach dem Hofe offenen Kreuzgang

des südlichen Flügels entlang, und öffnete, in den Westflügel

einbiegend, dessen erste Thür.

»Hier kommen wir nach den Zimmern der gnädigen Großmutter der

Baroneß,« sagte sie etwas leiser und ging voraus, die schützenden

Fensterladen aufzustoßen.

Dolores warf noch einen Blick zurück und hinunter in den Hof mit dem

plätschernden Brunnen, dann überschritt auch sie die Schwelle. Der Raum,

den sie zuerst betrat, war ein Garderobengemach, mit schweren, tiefen

eichenen Schränken rings um die Wände besetzt, die teils zur Aufbewahrung

der Kleider, teils für das Leinenzeug dienten. Der nächste Raum war ein

schönes, großes Schlafgemach mit prächtig geschnitztem Bett auf einer

Estrade, umgeben von schweren, rubinroten seidenen Vorhängen. Zu

den boisierten Wänden paßte trefflich das schöne, geschnitzte

Renaissanceameublement, dem eine kundige Hand die Umrahmung der stellbaren

Psyche prächtig angepaßt hatte, so daß dieses moderne Stück inmitten

der echten, alten Möbel eben nur dem Kenner auffiel. Eine sogenannte Lade

war mit Roßhaarpolstern, die mit rubinrotem Damast, wie die Vorhänge von

Bett und Fenstern bezogen waren, belegt und bildete ein schönes Ruhebett.

Kleeblatttischchen, niedere Schränke etc., alles paßte trefflich zu

einander.

»Das ist wie geschaffen für mich,« sagte Dolores, den prächtigen Raum

musternd, »meine Großmutter hat einen guten Geschmack gehabt.«

»O,« erwiderte Mamsell Köhler, und warf einen etwas scheuen Blick um

sich und dann einen gleichen auf ihre neue Herrin, »die gnädige Frau

Baronin bewohnten den westlichen Flügel jenseits der Bildergalerie, durch

die wir noch kommen. Sie schlief im südlichen Flügel, und dieses Zimmer

steht eigentlich verschlossen seit -- seit zweihundert Jahren!«

»So! Wie kommt dann aber diese Psyche hier herein?« fragte Dolores.

»Die?« sagte Mamsell Köhler etwas verlegen. »Die ließ die Frau Baronin

damals arbeiten, als sie dies Zimmer bewohnen wollte -- --«

»Und weshalb hat sie es nicht bewohnt?«

»Ja, das hatte so seine Gründe,« meinte die Haushälterin geheimnisvoll.

»Nun, Baroneß werden es sicher auch nicht bewohnen!«

»Gewiß will ich das, wenn --« sagte Dolores zögernd, und sich dann

unterbrechend. »Und was ist's mit diesem Zimmer?«

»Es geht hier um!« flüsterte Mamsell Köhler geheimnisvoll, denn sie

brannte darauf, ihre Geschichten auszukramen.

Dolores lächelte.

»Daraus mache ich mir nichts,« sagte sie mit einem Strahl des alten

Übermutes in den Augen.

Mamsell Köhler schüttelte ihre grauen Federlöckchen mit der Würde einer

Kassandra.

»O bitte, scherzen Sie nicht, gnädigste Baroneß,« flüsterte

sie feierlich. »Dies hier ist nämlich das Zimmer der bösen

Freifrau -- --«

»Ich habe ihr ja nichts gethan,« lächelte Dolores belustigt über den

Ernst der kleinen Beschließerin.

»Aber sie hat Böses gethan und muß es nun büßen, indem sie keine Ruhe

findet im Grabe,« fuhr diese unbeirrt fort, entschlossen, ihre Geschichte

zu erzählen.

Aber Dolores schritt der nächsten Thür zu.

»Später erzählen Sie mir's,« sagte sie, »abends beim Kamin, das ist

die beste Zeit für Gespenstergeschichten.«

Der nächste Raum, den sie betraten, war etwa in der Größe eines

einfensterigen Gemaches, aber nur durch ein mit Schiebevorrichtung zu

öffnendes Fenster erhellt, das, breit aber niedrig, ungefähr fünf Fuß

über den Boden angebracht war. Rings an den Wänden standen Regale, welche

dicht mit Büchern besetzt waren; die Mitte nahm ein mächtiger Globus ein,

und am Kamin stand ein steiflehniger, mit goldgepreßtem Leder überzogener

Sessel, davor ein Tischchen mit Lesepult, Schreibzeug und Feder darauf.

Mamsell Köhler öffnete schnell die nächste Thür, aber sie warf

bezeichnende Blicke auf das hohe Fenster, die indes von der alles mit

Interesse musternden Dolores nicht beachtet wurden.

Sie betraten jetzt die Bildergalerie, d. h. einen Saal mit Oberlicht,

dessen Wände mit Familienporträts dicht behangen waren. Über der Diele

zog sich zunächst eine einfache, massive Boiserie etwa drei Fuß hoch

um die Mauern, die mit verblichenem roten Samt bekleidet waren. Es

waren Perlen der Malkunst unter diesen geharnischten, Allongenperücken

tragenden, gepuderten und steifkragigen Falknerporträts, das erkannte das

kunstgeübte Auge der neuen Lehnsherrin sofort, als sie es über die

Wände gleiten ließ, unbekümmert darüber, daß so viele Ahnenaugen

sie musterten. Plötzlich aber entfloh ihren Lippen ein leiser Ruf des

Erstaunens, und schnellen Schrittes trat sie einem lebensgroßen Bilde

entgegen, das die Mitte der rechten Langwand einnahm. Es stellte eine

Dame dar in der Tracht der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts,

in weißem, bauschendem Damastkleide und mächtigem Spitzenkragen, der den

Halsausschnitt der halbentblößten Büste viereckig umrahmte und das Haupt

eben noch überragte. Der Brustlatz des Kleides war reich mit Edelsteinen

verziert, um den weißen, schlanken Hals schlang sich eine Perlenschnur.

Und das Haupt! Es trug kaum die schwere Masse goldroten Haares, das mit

Edelsteinrosetten gehalten und von einem Myrtenkrönlein überragt wurde!

Bleich war das schöne, wundersüße Antlitz mit den traurigen schwarzen

Augen, über die sich feingezeichnete, tiefdunkle Brauen wölbten, und ein

Zug unsäglichen Schmerzes lag um den entzückend geformten, blaßroten

Mund -- --

»Das könnte mein eigenes Bildnis sein,« sagte Dolores laut, zu dem Bilde

emporsehend, das seine Augen auf sie geheftet zu haben schien.

»Es ist die böse Freifrau,« flüsterte Mamsell Köhler scheu. »Man

zeiht sie schwerer Sünden und des Gattenmordes. Darüber ward sie

irrsinnig, und wenn sie tobte, sperrte man sie in das Gemach dort mit dem

hohen Fenster. Das hatte man mit Matratzen ausgepolstert, damit sie sich

nicht den Kopf einrannte an den bloßen Wänden. In dem Schlafzimmer aber

starb sie -- leider nicht zu ihrer Erlösung, denn ihr Geist wandelt

im Falkenhof umher, ein Licht in der Hand, weil sie zu den Verdammten

gehört --«

»Dazu haben die Menschen sie natürlich gemacht,« spottete Dolores.

»Übrigens,« fuhr sie, sich gewaltsam von dem Bilde abwendend fort,

»übrigens dulde ich keine mit Licht nachts herumwandelnde ›Geister‹

im Falkenhof, das können Sie den Leuten sagen, Mamsell Köhler! Es ist

schon wegen der Feuersgefahr!«

»Aber gnädigste Baroneß,« stammelte die perplex dastehende

Beschließerin, »das Licht der ›bösen Freifrau‹ ist ja ein Licht aus

der andern Welt, das zündet nicht!«

»Ich danke Ihnen für die Belehrung,« entgegnete Dolores spöttisch,

»aber ich habe nun einmal ein Mißtrauen gegen lichttragende Gespenster.«

Mamsell Köhler verstummte beleidigt -- sie hatte es so gut gemeint und der

jungen Herrin so gruselig machen wollen mit ihrer Paradegeschichte.

Wortlos öffnete sie die nächste Thür, und Dolores trat in einen hellen,

geräumigen Salon mit prachtvoller Rokokoeinrichtung. Die Vorhänge an

Thüren und Fenstern sowie der Überzug der vergoldeten Möbel waren von

schwerem, lichtblauem Atlas mit eingestickten Goldbouquets, die Wände

waren weiß in zierliche, goldbegrenzte Felder geteilt und trugen

Ölgemälde in schweren, barocken Goldrahmen; Gueridons, kleine zierliche

Kommoden, Tischchen und reizende Schreibsekretärs in wundervoll

eingelegter Arbeit standen umher -- das mittlere breite, deckenhohe

Fenster öffnete sich auf einen Balkon mit lieblicher Aussicht auf ferne

Hügelketten, prächtige Blumenanlagen und die die Landschaft links

begrenzende Wand des grünen, rauschenden Laubwalds, der hier noch als Park

diente.

»O wie hübsch und heiter ist's hier,« rief Dolores, sich rings umsehend.

»Hier an die Fenster rechts und links müssen blühende Blumenetageren

kommen, und hier in die Mitte des Salons stelle ich meinen Flügel -- wenn

ich hier bleibe,« setzte sie in Gedanken hinzu.

Die Beschließerin knickste zum Zeichen, daß sie den Auftrag von wegen

der Blumen begriffen, und öffnete die Thür zu dem das Appartement

beschließenden Turmzimmer -- ein rundes, nicht zu großes und nicht zu

kleines Gemach mit bunten Fensterscheiben, welche Wappenmalereien zierten.

Der ganze Raum machte den Eindruck eines großen Erkers und war reich,

wohnlich und lauschig möbliert im Geschmack jener Zeit, in welcher

die reine Renaissance starb und der kommende Zopfstil schon in den sich

verschnörkelnden Linien vorspukte. Die schwarzgebeizten, matt gehaltenen

und mit Gold ciselierten Hölzer trugen nur noch den Stempel der Erinnerung

an jene formenschöne Zeit, aber sie waren immerhin interessant genug

für ein verwöhntes Auge, wozu der reiche, gepreßte und golddurchwirkte

purpurrote, echte Utrechter Samt der Überzüge und Vorhänge nicht wenig

beitrug. Es war ein Gemach so recht gemacht zum vertraulichen Plaudern,

zum Träumen, zum Sinnen, Lesen und Schreiben an dem schönen breiten

Schreibtisch, der quer vor dem mittleren der drei Fenster mit ihren

bleigefaßten Butzenscheiben stand. Den Hintergrund nahm ein Kamin ein, mit

herrlichem Aufsatz von Majolika, dessen gemalte Kacheln in erhabener Arbeit

wundersame Figuren und Wappentiere zeigten.

Dolores stieß das eine der Fenster weit auf, daß die frische, würzige

Maienluft tief eindringen konnte in das lauschige Gemach, und setzte sich

in den Sessel, der an dem Fenster stand.

»Hier will ich bleiben,« sagte sie tief atmend, »das ist ein schönes

=buen retiro=! Lassen Sie meinen Koffer in das Schlafzimmer drüben

bringen, Fräulein Tinchen, und packen Sie ihn aus, ja? Später wird meine

alte Tereza mit meinen anderen Sachen nachkommen und Ihnen den Dienst bei

mir wieder abnehmen, um den ich Sie bis dahin bitte!«

Fräulein Köhler knickste wieder.

»Ich kenne meine Pflicht, gnädige Baroneß,« sagte sie gemessen. »Aber

ich bitte, sich daran zu erinnern, daß ich vor dem Schlafzimmer gewarnt

habe!«

»Doch nicht im Ernst, liebe Köhler?« entgegnete Dolores lachend.

»In vollem Ernst!« beteuerte die Haushälterin, indem sie ihre magern

Hände zum Himmel emporhob. »In dem Schlafzimmer geht es um, und sein

Bewohner kann darin Schaden leiden an Leib und Seele.«

»Nun, seien Sie ruhig,« spottete Dolores amüsiert, »ich stehe dafür

ein, daß die böse Ahne mich nicht schlechter machen wird, und was meine

Person anbetrifft, so können Sie noch ruhiger sein. Ramo und Tereza werden

in meiner Nähe schlafen, mich zu schützen, und außerdem liegt auf meinem

Nachttisch immer ein geladener Revolver -- das ist Sitte in Brasilien bei

Damen und Herren!«

Mamsell Köhler verbeugte sich und ging mit einem Blick nach oben, als

wolle sie den Himmel zum Zeugen anrufen, daß sie ihre Pflicht gethan und

die neue Herrin vor dem Familiengespenst gewarnt habe.

Draußen aber blieb sie überlegend stehen.

»Das wird eine gute Wirtschaft werden auf dem Falkenhof,« reflektierte

sie, »schon darum, daß die Mulattin wieder herkommt, die Schwarze, die in

ein christliches Haus doch einmal nicht gehört, von dem Brasilianer, dem

Mosjö Ramo, ganz zu schweigen. Und dazu eine Herrin, die ein Freigeist ist

und nichts glaubt -- nun ja, das mag man auf dem Theater lernen, und

etwas Teufelisches hat sie schon als Kind gehabt, wo sie mich mit ihrem

Kürbiskopfe zum Schlagrühren erschreckt hat, und noch ihre Freude daran

hatte! Ja ja, die roten Haare! Man soll sich vor denen hüten, die Gott

gezeichnet hat.«

Der Gegenstand dieser Reflexionen, die zum Freigeist gestempelte junge

Lehnsherrin, weil sie dem Schloßgeiste seine Rechte einräumen wollte,

sie stand indes am Fenster des Turmgemaches, das Haupt, dem Gott seinen

schönsten Schmuck verliehen hatte, gesenkt, die Hände gefaltet. Was in

dieser jungen Seele vorging --?

Mamsell Köhler hätte es vielleicht gewußt, aber sie mußte herabgehen,

ihrer Pflicht zu genügen. Als sie den Südflügel passierte, hörte sie

in den Zimmern, welche das Ruß'sche Ehepaar bewohnte, die laute Stimme des

Freiherrn Alfred zornige Worte sprechen, und gleich darauf kam er heraus

und lief schnell die Treppe herab, an der Haushälterin vorüber, ohne sie

zu beachten.

»Nun, nun,« meinte sie für sich hin, »da drinnen haben sie wieder

einmal Feuerstein und Lunte gespielt -- da hat es Funken gegeben.

Meinetwegen -- wer will haben gute Ruh', der seh' und hör' und schweig'

dazu!«

Alfred Falkner hatte seine Mutter nach der Testamentsvorlesung in ihre

Zimmer geführt, gefolgt von Doktor Ruß, der, das Haupt gesenkt, in tiefen

Gedanken dahinschritt.

In ihrem Zimmer nahm Frau Ruß den Hut ab und setzte sich bequem -- die

Sache hatte sie angegriffen. Ihr Sohn durchmaß ein paarmal heftig den

Raum, dann blieb er plötzlich vor ihr stehen.

»Du wirst natürlich diese Einladung, auf dem Falkenhof zu bleiben, nicht

annehmen, Mutter?« fragte er.

»Es ist bereits geschehen, wie du gehört hast,« sagte Doktor Ruß vom

Fenster her.

»Mit deiner Bewilligung, Mutter?« Die Frage wurde schwer betont.

»Nun, die Annahme meines Mannes überraschte mich eigentlich,« erwiderte

Frau Ruß zögernd.

»Wir können von hier aus unsere Dispositionen für die Zukunft in aller

Ruhe treffen,« fiel der Doktor ein.

Falkner wandte sich zornig ab.

»Ich möchte von ihr nichts annehmen,« sagte er, »am allerwenigsten

Gnadengeschenke.«

»Das dachte ich zuerst auch,« sagte Frau Ruß, »aber da du nun doch bald

selbst Herr des Falkenhofes sein wirst, so können wir ja ruhig bleiben.«

»Ich selbst bald Herr?« Falkner wandte sich erstaunt um.

»Nun ja, wenn du Dolores heiratest!« nickte sie, ganz zufrieden mit

dieser ausgleichenden Idee des Verstorbenen.

»Das wird _nicht_ geschehen,« entgegnete Falkner schnell und heftig.

»Nicht?« wiederholte Frau Ruß erstaunt. »Dann erkläre ich dich für

unzurechnungsfähig,« setzte sie sehr kühl hinzu.

»Du hast recht damit, Adelheid,« sagte der Doktor, hinzutretend,

»aber Alfred wird überlegen. Natürlich,« fügte er begütigend hinzu,

»natürlich hat es für ihn momentan etwas Unerträgliches =par ordre de

Moufti= heiraten zu sollen, aber das giebt sich, solche Ecken schleift die

Zeit ab.«

»Du dürftest dich denn doch über meine Ansichten täuschen,« entgegnete

Falkner verächtlich. »Es ist nicht jedermanns Sache, um Geld zu freien.«

Hinter den Brillengläsern des Doktors blitzte es warnend auf bei diesem

Stich, aber er mäßigte sich wie immer, wenn die Bitterkeit gegen ihn in

Falkners Herzen überschäumte.

»Hier ist die reiche Braut aber dein Vermächtnis,« sagte er ruhig.

»Denke darüber, was du willst,« erwiderte Falkner stolz, »bleibe du

meinetwegen Zeit deines Lebens auf der Bärenhaut im Falkenhof, aber,«

setzte er laut und zornig hinzu, »aber laß es bleiben, für mich zu

denken und zu entscheiden oder mich beeinflussen zu wollen. Die Ansicht

meiner Mutter zu hören ist meine Pflicht. Sie ist in diesem Falle nicht

die meinige, aber jede Überredungskunst deinerseits weise ich zurück, ein

für allemal!«

Und mit diesem Ultimatum verließ Falkner tiefgereizt das Zimmer.

Doktor Ruß sah ihm lächelnd nach und rieb seine gut gepflegten weißen

Hände.

»Laß den Most schäumen, Adelheid,« sagte er heiter, »er wird schon

ausgären. Natürlich, der freiherrliche Stolz deines Sohnes bäumt sich

hoch empor, aber selbst der heftigste Sturm legt sich einmal. Wir bleiben

vorläufig auf dem Falkenhof, und ich will nicht Ruß heißen, wenn Alfred

nicht über Jahr und Tag als Herr hier einzieht.«

»Nun, das wäre allerdings wünschenswert,« entgegnete sie, »aber

Dolores wird nicht lange ohne Freier bleiben, und wer weiß, was geschieht,

wenn Alfred in seinem Stolz zu lange fortbleibt?«

Doktor Ruß lachte leise in sich hinein.

»Laß das meine Sorge sein, liebe Frau,« sagte er, »ich habe nicht

umsonst die Einladung, hier zu bleiben, angenommen.«

* * * * *

Der Freiherr war hinausgeeilt in den Park, sich durch die Luft die erregten

Nerven beruhigen zu lassen. Das Testament des Oheims hatte ihn förmlich

aus dem Gleichgewicht gebracht, so ungern er sich's selbst eingestehen

wollte, es hatte ihn urplötzlich der Notwendigkeit einer Entscheidung

gegenüber gestellt, über die er zwar nicht im Unklaren war, die sich

immerhin aber schwer geben ließ.

Was ihn hauptsächlich reizte, war, daß seine Mutter ganz einverstanden

damit schien, daß er Dolores heiraten sollte, einfach des Besitzes wegen,

und dann war es ihm ein entsetzlich peinliches Gefühl, daß sie auf die

Eingebung des Doktors hin die Einladung, auf dem Falkenhof zu bleiben, ohne

weiteres acceptiert hatte. Was waren die Pläne seines Stiefvaters dabei?

Denn daß er aus reiner Bequemlichkeit bleiben wollte, konnte kein Grund

sein, dazu kannte Falkner den Doktor zu genau, oder besser gesagt, er

mißtraute ihm zu sehr, um an die angegebenen Gründe zu glauben. Sie

waren für harmlose Personen vortrefflich, konnten aber für ein so stilles

Wasser, wie Ruß es in den Augen seines Stiefsohnes war, nicht genügen.

Natürlich war es für ihn, der den Falkenhof heut' noch verlassen wollte,

nicht möglich, diesen verborgenen Motiven nachzuforschen -- plante Doktor

Ruß in seinem rastlos thätigen Kopfe etwas, so mußte er eben dabei

gelassen werden.

Nach etwa halbstündigem Umhergehen kehrte Falkner nach dem Hause zurück,

er traf Ramo im Korridor und ließ sich bei Donna Dolores melden.

Sie empfing ihn in dem Turmzimmer, ihm unbefangen die Hand reichend, die er

indes nicht zu sehen schien.

»Sie wünschten mich zu sprechen,« sagte er kühl.

»Ja,« erwiderte sie, auf den Sessel ihr gegenüber deutend, »aber offen

gesagt, ich hatte gewünscht, das, was ich zu sagen habe, freundschaftlich

und verwandtschaftlich zu besprechen. Habe ich Sie in irgend welcher

Weise gekränkt oder beleidigt, Baron Falkner? Denn sonst müßte ich doch

wenigstens als _Dame_ Anspruch an Ihre Höflichkeit machen können, wenn

Sie diese auch der _Verwandten_ verweigern!«

Falkners Blick streifte leicht das schöne stolze Antlitz mit den

blitzenden Augen ihm gegenüber -- wenn sie auf der Bühne gestanden, hatte

er es unausgesetzt betrachtet -- hier beirrte es ihn, er wußte nicht,

weshalb.

»Beleidigt, Baronin? -- nicht daß ich wüßte,« erwiderte er

gleichgültig, »mich stößt nur die Primadonna in der Freiin von Falkner

ab.«

Jetzt lachte sie, leise und melodisch, das alte dämonische, provozierende

und doch so reizende Lachen! Daß es kein Bühnenlachen war, wußte Falkner

von früher her -- -- --

»Es ist gut, daß man nicht in die Zukunft sehen kann,« sagte sie heiter,

»sonst hätten Sie mich am Ende damals nicht aus dem Brunnen gezogen,

in den ich fiel -- Sie wissen, in der Nacht vorher, ehe wir den Falkenhof

verließen!«

O, wie ihn ihr Spott reizte!

»Wollen Sie die Güte haben, zur Sache zu kommen?« fragte er mühsam

beherrscht. Sofort wurde sie ernst.

»Gewiß, gewiß,« rief sie und setzte nicht ohne Schelmerei hinzu: »Sie

haben mir diese Unterredung der _Kürze_ wegen bewilligt! Nun wohl, Baron

Falkner, ich weiß, daß Sie mir nicht freundlich gesinnt sind, und doch

möchte ich eine Bitte an Sie richten, deren Erfüllung mich so glücklich

machen würde --«

Sie stockte, und Falkner konnte nicht umhin zu bemerken, wie lieblich sie

war mit dem niedergeschlagenen Blick, den vor Erregung sanft geröteten

Wangen, auf denen die Farbe kam und ging in diesem Augenblicke, wo es ihr

so schwer ward, das rechte Wort zu finden.

»Sie werden vielleicht gehört haben,« fuhr sie leiser fort, »daß ich

in Brasilien große Plantagen besitze, die ich von einem Onkel erbte --

leider zu spät, um meinen armen Eltern damit noch die letzte Zeit ihres

Lebens zu verschönern, zu spät, um meine kurze Bühnenlaufbahn zu

verhindern. Diese Besitzungen bringen viel, besonders, da sie auch ein

Diamantenfeld einschließen -- sie bringen mehr, als ich bei der größten

Verschwendungssucht, an der ich leider nicht leide, verzehren kann. Die

Verwaltung ruht in so bewährten Händen, als sich eben finden lassen; ich

bleibe in fortwährendem Konnex mit derselben und vollziehe jedes Geschäft

selbst, ehe es abgeschlossen wird, durch meine Unterschrift, was bei der

großen Entfernung mitunter recht langwierig ist. Unter diesen Umständen

ist mir der Falkenhof eine Last, die ich je eher je lieber« -- sie

errötete bei dieser Notlüge tief -- »loszuwerden trachte. Aus diesen

Gründen ist es mein Wunsch, auf die Erbschaft zu verzichten, und meine

Bitte geht an Sie, Baron Falkner, mir die Übertragung des Falkenhofes an

den nächsten Agnaten, also an Sie, zu erleichtern, indem Sie derselben

keine Schwierigkeit in den Weg legen. Bedenken Sie,« fuhr sie schneller

fort, als Falkner sich mit finsterem Blick und abwehrender Bewegung halb

erhob, »bedenken Sie, daß es fast unmöglich für mich ist, dem Lehen

eine ihm förderliche Herrin zu sein, daß Sie die Verpflichtung haben,

dasselbe Ihrer Familie zu erhalten -- bitte, nehmen Sie mir diese Last

ab, die mich in den wenigen Tagen, in denen ich sie besitze, schwer genug

gedrückt hat!«

Sie war aufgestanden und hatte die Hände fast flehend erhoben, ihre

Augen hatten dabei einen wunderbar weichen Ausdruck -- sie stand wie eine

Bittende vor ihm, nicht wie eine Gebende.

Jetzt erhob sich Falkner auch.

»Ich bedaure,« sagte er kalt, »Ihren Wünschen nicht Folge leisten zu

können, da ich ein für allemal ablehne, Ihren Verzicht anzunehmen, auch,

wenn Sie denselben ohne mein Vorwissen ins Werk sehen wollten. Ich verlasse

den Falkenhof in wenig Stunden und werde ihn nur dann betreten, wenn

meine Mutter mich sehen will, natürlich vorausgesetzt, daß sie solange

hierbleibt. Wenn Doktor Ruß Ihre Einladung annahm, so ist das seine Sache

-- _ich_ bin nicht in der Lage und nicht geneigt, Ihre Güte in irgend

welcher Weise in Anspruch zu nehmen, am allerwenigsten aber Ihren Verzicht

zu meinen Gunsten. Ich ziehe es vor, das Lehen in der bis jetzt immer

erfolgten natürlichen Weise an mich oder meine Descendenz kommen zu

lassen.«

Dolores war sehr blaß geworden.

»Also nur durch meinen Tod,« sagte sie langsam. »War das Ihr letztes

Wort?«

»Das war es. Ich habe ohne alle Reserve gesprochen.«

»Ja,« nickte sie schmerzlich, und setzte einfach hinzu: »Ich bitte Sie,

mich entschuldigen zu wollen, daß ich jene Bitte an Sie aussprach. Ich

hätte wissen sollen, daß sie zurückgewiesen werden mußte.«

Falkner verbeugte sich und schritt der Thür zu. Aber aus halbem Wege

kehrte er um.

»Noch eins,« sagte er schnell, geschäftsmäßig. »Noch eins, Baronin,

um klar zu sehen in allen Dingen und ein weiteres, zweckloses Pourparler zu

vermeiden. In dem Testament meines Oheims sprach dieser den Wunsch aus, den

Besitz des Falkenhofes durch eine Vermählung zwischen uns in die Hände

beider daran Berechtigten zu bringen. Daran ist natürlich nicht zu denken,

schon deshalb, weil Ihre Lebensstellung als Sängerin unvereinbar ist

mit meinen Anschauungen, dann aber auch der Kommentare wegen, denen Ihr

öffentliches und Privatleben ausgesetzt ist --«

»Was soll das heißen, Baron Falkner?« unterbrach ihn Dolores

hochaufgerichtet mit flammenden Augen, »an meinem Leben haftet nicht so

viel Makel, als im Auge Raum hat -- das ist mein Stolz, den ich Sie zu

respektieren bitte.«

Es war einen Moment still in dem Turmgemach, währenddem Falkners Blick die

vor ihm stehende herrliche Gestalt der Herrin des Falkenhofes streifte.

»Ferner,« fuhr er scheinbar unbewegt fort, »ferner ist mir der Gedanke,

nicht aus eigener Wahl mich vermählen zu müssen, so demütigend,

daß --«

»Sie sprechen, Baron Falkner, als hinge das Zustandekommen dieser

imaginären Testamentsheirat ganz allein von Ihnen ab,« unterbrach

ihn Dolores spottend. »Ich dächte, wir endeten diese unerquickliche

Konversation, schon um jenes Etwas willen, was man Zartgefühl nennt. Was

Ihnen das Recht giebt, mich in jedem Worte zu beleidigen, weiß ich nicht,

das aber fühle ich, daß wir besser thun, einander den Pfad nicht zu

kreuzen. Adieu, Baron Falkner!«

Sie wandte sich mit einem königlichen Neigen des Hauptes ab und trat an

das offene Fenster. Er verließ das Zimmer, eilte in seines und schloß

sich ein. Das eine fühlte er deutlich, daß er den Abgrund zwischen sich

und Dolores unüberbrückbar gemacht hatte.

Ja, er war an Zartgefühl, Würde und innerer Hoheit von ihr überragt

worden, die er so tief unter sich und seinen exklusiven Gefühlen zu stehen

vermeinte, um ihr von seiner Höhe herab den Standpunkt anzuweisen, auf den

er sie gestellt. Und jetzt -- --

Alfred Falkner war viel zu wahrheitsliebend, um sich der Täuschung

hinzugeben, daß sie gering zu schätzen war, und er sah auch ein, daß es

sein Stolz, seine Bitterkeit waren, die ihn dazu hingerissen hatten,

ihr Worte zu sagen, die er gern ungesprochen gemacht hätte, nicht um

ihretwillen, wie er sich verächtlich sagte, sondern um seinetwillen.

Jetzt war es geschehen, er hatte das Tischtuch zwischen sich und ihr

zerschnitten, und wenn er sein Werk krönen wollte, mußte er den Weg eines

Majestätsgesuches einschlagen, um sie als unwürdig des Erbes zu erklären

und als schwarzes Schaf aus dem Stammbaum der Falkners stoßen zu lassen,

wie es sein Oheim thun wollte, als es schon zu spät war und der Tod ihm

die Gelegenheit dazu nahm. Er errötete, wenn er daran dachte, daß der

Gedanke an einen solchen Akt himmelschreiender Ungerechtigkeit die letzten

Stunden des Toten befleckt hatte, daß er selbst in einem bösen Augenblick

der Bitterkeit daran gedacht. Mit feinem, weiblichem Takt, und indem sie

den eigenen Reichtum vorschützte, hatte sie ihm das Erbe abtreten wollen,

um seine Gefühle nicht zu verletzen -- und mit welcher beleidigenden

Verachtung hatte er ihr vergolten.

Ist das Wort der Lipp' entflohen,

Du erreichst es nimmermehr

Fährt die Reu' auch mit vier Pferden

Augenblicklich hinterher.

Kurz, als Alfred Falkner wenige Stunden später der Hauptstadt entgegenfuhr

zur Übernahme seiner Pflichten, da nahm er mit sich das unbehagliche

Gefühl der Unzufriedenheit mit sich selbst. Einsamkeit verleitet gern zu

einer Prüfung von Herz und Nieren auch gegen den Willen dessen, der diese

Prüfung lieber umgehen möchte -- und so mußte Falkner sich denn sagen,

daß sein Betragen Dolores gegenüber ein selbstgeschmiedeter Panzer

war gegen die schwarzen Augen und die goldroten Haare, die er so oft

antipathisch genannt, und die dennoch einen Zauber auf ihn ausübten den

er gern als unheilvoll bezeichnet hatte. Er erschrak bis in sein Innerstes

hinein, als das allezeit der Wahrheit zuneigende Herz ihm diese Falte

zeigte.

»Ich werde niemals diesem Zauber, dem Zauber einer Satanella

unterliegen,« sagte er laut vor sich hin, als wollte er ein Gelöbnis

aussprechen. Und im nämlichen Momente noch durchzuckte ihn der Gedanke:

»Ob sie Keppler wohl abgewiesen oder ermutigt habe?«

So ist das Menschenherz -- es hat alles in ihm Raum, selbst die scheinbar

krassesten Gegensätze, selbst die heterogensten Gefühle, dessen war

Falkner sich voll bewußt, und doch mußte er fast erleichtert hinzufügen:

»Ich glaube nicht, daß sie ihn ermutigt, er sah allzu gebeugt aus. Armer

Thor!«

Er nannte es also eine Thorheit, Dolores zu lieben; doch in diesem Punkte

waren große Helden von ihren Piedestalen herabgestiegen, um neben ihrer

Größe ein wenig Mensch zu sein und dem Herzen sein Recht zu gönnen.

Nein, Falkner fühlte, daß er heut' zu keiner Ruhe gelangen konnte, und

so nahm er zu dem alten Vorurteil seine Zuflucht, und panzerte sein Herz

damit: »Nein, es geschah ihr recht! Wie konnte sie's wagen, mir ein

Geschenk anzubieten!«

Er hatte so unrecht nicht, wenn er sich überhaupt gegen seine eigenen

Gedanken rüsten wollte, die alten Vorurteile dazu zu wählen, denn diese

sind ein Harnisch, durch den bis jetzt noch kein Vernunftgrund

siegend gedrungen ist und so hatte er denn wenigstens den Triumph der

Selbsttäuschung, mit dem er sich gegen seine eigenen unbequemen Gefühle

und Gedanken wappnen konnte. -- -- -- -- --

Dolores stand, als sie Falkner die Thür hinter sich schließen hörte,

starr, bleich und bewegungslos an dem Fenster des Turmgemaches. Die klare

Maienluft kam herein zu ihr und umfächelte ihre blassen Wangen, spielte

mit dem krausen Haar über ihrer Stirn und brachte mit sich ganze

Duftwellen von den Narcissen und Veilchenbeeten drunten auf dem

smaragdgrünen frischen Rasen. Sie spürte nichts davon, sie spürte nur

das Weh in sich, das die Verachtung bringt, sie spürte nur den Schmerz der

scharfen, bösen Worte, die sie gehört. Und als das Weh seine erste Kraft

abgestumpft, da fragte sie sich nach dem Warum, das es verursacht, aber die

Antwort blieb aus, und auch sie panzerte sich gegen das ihr Geschehene mit

dem Panzer ihres Stolzes und ihrer Würde. Aber unter dieser Eisenhülle

wollte das Weh doch nicht schlafen -- es war einmal geschehen.

Und hüte deine Zunge wohl,

Bald ist ein böses Wort gesagt --

Ja, das böse Wort -- es ist so leicht, so schnell gesprochen, vielleicht

ohne die Absicht, unheilbar zu verletzen, und doch schlägt es eine tiefe,

tiefe Wunde, in der es unberechenbar wirkt, bis es das Leben vergiftet

hat und die Freude am Leben getötet, und nur noch das stille grüne

Kirchhofsgras Heilung bringen kann.

Dolores atmete tief auf und strich mit beiden Händen über ihre Stirn, die

trocknen, brennenden Augen für einen Moment schließend und zuhaltend.

»So ist der Würfel gefallen,« dachte sie. »Wie schnell doch alles im

Leben wechselt!«

Und dann wandte sie sich ab, durchschritt den prächtigen Rokokosalon und

trat in die Bildergalerie ein. Dort suchte ihr Blick das Bild der »bösen

Freifrau,« der Heldin von Mamsell Köhlers Geistergeschichte, und wieder

war sie wie vorher überrascht von ihrer eigenen Ähnlichkeit mit der

Ahne, die gar nicht böse, sondern nur so todestraurig aussah und mit

den schwarzen, glanzlosen Augen beredt herabblickte auf ihr Ebenbild, die

letzte Freiin von Falkner.

»Ich muß Näheres über sie erfahren,« gelobte sich Dolores, seltsam

angemutet durch das Porträt.

Dann schritt sie weiter, durch das kleine, jetzt zur Bücherei gemachte

Gemach und betrat das schöne, luftige Schlafzimmer, vor dem sie so gewarnt

worden war. In dem Vorzimmer mit den Eichenschränken hörte sie Schritte

-- es waren Ramo und Mamsell Köhler, welche den kleinen Koffer, welchen

sie mitgebracht, auspackten und dessen Inhalt passend in den Schränken

verteilten.

»Ramo,« sagte sie, auf der Schwelle stehend, »ich habe Aufträge für

dich!«

»Ja, Señora,« erwiderte der alte Diener, seiner angebeteten Herrin

in das Schlafzimmer folgend; dabei wollte er die Thür schließen, aber

Dolores bedeutete ihn in spanischer Sprache, daß dies nicht nötig sei.

»Da haben wir's,« dachte die kleine Beschließerin entrüstet, »da

haben wir die babylonische Sprachverwirrung auf dem Halse, so daß kein

Christenmensch verstehen kann, was geredet wird. Da können die da

drinnen ja den Tod von einem besprechen, ohne daß man es weiß, und von

Geheimnissen erfährt man überhaupt kein Jota mehr!«

Trotz dieses für sie sehr betrübenden Faktums machte sich Mamsell Köhler

doch noch einiges in dem Kabinett zu schaffen, denn, man konnte ja doch

noch irgend ein verständliches Wort aufschnappen, wie sie sich klassisch

ausdrückte.

»Ramo, du wirst heut' noch mit dem Nachtzuge nach B. zurückreisen,«

sagte Dolores freundlich auf Spanisch. »Dort sagst du Tereza, sie soll

meine Sachen packen und sich bereit machen, mit dir so bald als

möglich hierher zu übersiedeln. Während sie packt, gehst du zu dem

Generalintendanten und giebst dort den Brief ab, den ich dir übergeben

werde. Mein Urlaub läuft morgen ab, und du mußt die Konventionalstrafe

zahlen, die auf meinem Kontraktbruch für den Rest der Saison steht.«

»Sehr wohl,« erwiderte Ramo, dessen schnelles, echt südliches

Begriffsvermögen ihn zu dem Geschäftsführer seiner Herrin gemacht,

»Señora werden also das Theater verlassen?«

»Es wäre unziemlich, während der Trauer um den Freiherrn aufzutreten,«

sagte sie sinnend, »also muß ich wohl dieser Rücksicht ein Opfer

bringen und der Bühne vorläufig entsagen. Mein Flügel muß sehr bald

hergeschafft werden, Ramo, ich bedarf seiner dringend, und vergiß nicht,

den Kasten mit dem Schmuck selbst an dich zu nehmen!«

»Ich werde ihn zu mir ins Coupé nehmen, wie immer, Señora,« entgegnete

der Brasilianer. »In einer halben Stunde werde ich reisefertig sein,«

fügte er respektvoll sich verbeugend hinzu.

»Gut! Du magst dir dann den Brief an den Intendanten abholen!«

Ramo entfernte sich, und Dolores trat in das Kabinett, das inkrustierte

Schreibpult von Ebenholz entgegenzunehmen, das Fräulein Köhler eben

auspackte und bewunderte.

»Ich muß für Ramo, der in meinem Auftrage verreist, einen Brief

schreiben,« sagte sie, und fügte hinzu: »Da ich mich entschlossen habe,

fürs erste auf dem Falkenhof zu bleiben, so hoffe ich, daß Sie, Fräulein

Tinchen, trotz des Ihnen von dem Freiherrn hinterlassenen Legates, in

Ihrer alten Stellung verbleiben, und dieselbe in der mir bekannten und sehr

geschätzten Treue und Zuverlässigkeit weiter verwalten werden.«

Über das Gesicht der kleinen, verwitterten Person flog ein verklärender

Freudenstrahl! -- sie hatte im geheimen ihre Entlassung gefürchtet.

»O,« knickste sie, »wenn gnädige Baronin die Güte haben wollen,

mir ferner das Leinenzeug, Silber und die Bewirtschaftung des Haushaltes

anzuvertrauen -- ich bleibe nur zu gern, denn ich bin auf dem Falkenhof

aufgewachsen und grau geworden. Da wird das Scheiden schwer und die

Thätigkeit ist mein Leben -- müßig würde ich sterben --«

»Nun gut,« unterbrach Dolores freundlich den Redestrom, »das wäre also

abgemacht, und mich freut's, daß Sie bleiben. Zum Zeichen dafür will ich

Ihr Gehalt von Herrn Engels erhöhen lassen, und Sie mögen das Gleiche den

alten, langjährigen Dienern des Hauses mitteilen, damit sie sehen, daß

auch ich das Verdienst anerkenne und bereitwillig belohne. Besondere

Wünsche will ich gern hören und prüfen, ob sie zu gewähren sind,«

fügte sie hinzu und ergriff dabei ein Etui, das mit den anderen Sachen

ausgepackt wurde. Als sie es öffnete, wurde die darin befindliche,

geschmackvolle und schwer goldene Brosche nebst Ohrringen sichtbar. Sie

reichte die Brosche der Beschließerin. »Das müssen Sie schon von

mir annehmen zum Andenken und zum Zeichen, daß ich Sie nicht vergessen

hatte.«

Mamsell Köhler betrat wenige Minuten später den Korridor mit dem Gefühl,

als ob sie auf Sprungfedern wandelte, so zum Hüpfen war ihr zu Mute.

»Ei, das ist ein guter Anfang, das muß man gestehen,« dachte sie

vergnügt. »Erhöhtes Gehalt und ein kostbares Geschenk -- ich will mir

den Tag im Kalender rot anstreichen, das hat man in den Zeiten des seligen

Herrn nicht erlebt. Und wie freundlich und gütig sie ist -- nun, sie war

immer ein liebes munteres Kind! Ja, ja! Goldenes Haar, goldener Sinn!«

Die kleine graue Beschließerin vergaß ganz, daß sie sich eine Stunde

vorher selbst vor den »roten Haaren« gewarnt hatte, vor der »von Gott

Gezeichneten.« -- Daran ist aber nichts Wunderbares, wenn man die also

Bekehrte zu der großen, weitverbreiteten Familie der Wetterfahnen zählt,

die immer häßlich knarren und kreischen, wenn man sie nicht ölt. Solange

das Öl vorhält, so lange drehen sie sich selbst im konträrsten Winde

sanft und geräuschlos; aber Wind trocknet das Öl bekanntlich sehr

schnell, und es ist auch nicht jedermanns Sache, das Ölen, damit die

Fahnen sich nach seiner Seite drehen.

Dolores hatte durch ihre Großmut einen =coup diplomatique= ausgeübt,

dessen Tragweite ihr selbst nicht ganz bewußt war, denn sie hatte ihn ganz

impulsiv ausgeführt. Sie war nicht berechnend genug, um durch Geld die

Leute des Falkenhofes an sich zu ziehen -- das war ihr so im Moment durch

den Kopf gegangen, und im Moment hatte sie den Gedanken ausgeführt,

ganz ihrer raschen, lebhaften Natur folgend und nach der Eingebung des

Augenblickes handelnd.

»Seid klug wie die Schlangen,« dachte Doktor Ruß, als er von diesem

»Gnadenerlaß bei der Thronbesteigung,« wie er es nannte, erfuhr.

Aber auch er, der gewandte Menschenkenner, irrte sich in Dolores'

Charakter, denn er maß sie viel zu sehr nach dem eigenen Maß -- bei

solchen Messungen kommt man nur dann gut weg, wenn der Messende in alle

Falten des menschlichen Herzens zu sehen vermag, denn da ruht immer irgend

ein Goldkorn, verborgen den oberflächlichen Blicken.

Dolores schrieb ihren Brief an den Generalintendanten des Hoftheaters, dem

sie sich kontraktlich verpflichtet hatte, und übergab ihn dem pünktlich

erscheinenden Ramo, der alsbald nach B. abreiste. Die junge Herrin des

Falkenhofes aber stieg hinab und ging hinaus ins Freie. -- Die Atmosphäre

in ihren Zimmern war infolge des langen Geschlossenseins der Räume schwer

und drückend, Dolores mußte frische Luft einatmen, sonst --

»Nein, ich will nicht weinen,« dachte sie und trocknete eine

verräterische Thräne. »Es ist's nicht wert. Und daß er mir weh gethan,

das soll niemand erfahren, er selbst vor allem nicht -- ich will auch nicht

mehr daran denken!«

Als ob es so leicht wäre, das einmal zugefügte Weh zu vergessen, oder

beiseite zu legen wie ein Kleidungsstück -- --

Dolores schritt hinaus in die Abendkühle des frischen Maitages. Aber die

grüne Umgebung des Falkenhofes, nach der sie sich gesehnt und von der sie

geträumt hatte, seit sie von dem Schlosse geschieden, freute sie nicht,

nun sie die Herrin war über den herrlichen Fleck Erde. Träumend schritt

sie dahin, indes die kreppbesetzte Schleppe ihres Trauerkleides den Kies

auf den Gängen zusammenfegte, aber die Stille um sie her, das in kurzen

Pulsen läutende Abendglöckchen drunten im Dorfe, der starke betäubende

Duft des eben erblühenden Jasmins machten ihr erregtes Innere nicht

ruhiger.

»Wie glücklich war ich hier als Kind,« dachte sie, trotzdem damals kein

Tag vergangen war, an dem der Tote, um den sie dies schwarze Kleid

trug, sie nicht gescholten wegen ihres frohen Jugendmutes und sie eine

»rothaarige Satansbrut« genannt hatte, das hatte ihr damals Vergnügen

gemacht und sie angespornt, nun erst recht ihre kleinen, harmlosen

Teufeleien auszuüben, was ihr Renommee nicht verbessert hatte, das lag

auf der Hand. Aber heut' mußte sie sich sagen, daß die damals künstlich

genährte Abneigung gegen sie auf dem Falkenhof nicht abgenommen hatte,

und daß man ihr jenes Mißtrauen entgegenbrachte, das man so leicht gegen

»Fremde,« das heißt Ausländer hegt.

»Es muß doch in meiner Person liegen,« dachte sie traurig, »denn Alfred

Falkner trat mir feindlich entgegen, ehe er wußte, wer ich war.«

Aber dann mußte sie der Huldigungen denken, die man ihr dargebracht, so

oft sie auch erschienen war, ihre wunderbare, herrliche Stimme erschallen

zu lassen, und verwirrt dachte sie dem Rätsel nach, warum gerade dieser

eine sie haßte und verachtete, dieser einzige, an dessen --, an dessen

Wohlwollen und Freundschaft ihr so viel gelegen wäre. Eine Glutwelle

schoß bei diesem Gedanken in ihr bleiches Antlitz und verlieh ihm einen

neuen, eigenen Reiz. -- Aber schnell wie es gekommen, schwand dieses holde

Erröten wieder.

Behüt' dich Gott, es wär' so schön gewesen,

Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein!

dachte sie schmerzlich.

Hier stand sie an einem Scheidewege. Rechts führte ein Weg in das Herz des

Parkes, links -- ja links hinter dem Gebüsch von Buchen und Syringen lag

der Pavillon, den Engels sich von dem Freiherrn zum Logis ausgebeten und

erhalten hatte, als er den Falkenhof betrat. Es war eigentlich ein runder

Turm, mit einem unterkellerten Stockwerk und spitzem, viergiebeligem Dach

-- wahrscheinlich erbaut, um der damaligen Abtei als Wachtturm zu dienen

für den Thorwärter. Jetzt lag das originelle Gebäude, das lange Zeit

nur Ratten, Mäuse und deren Erzfeinde, die Eulen, bewohnten, mitten im

Grünen, und die Kletterrosen und Klematis rankten lustig an den Mauern

empor und hätten am liebsten die Bogenfenster ganz bedeckt, wenn Herr

Engels dies geduldet hätte.

O, Dolores kannte den Weg zum »Türmchen,« wie es hieß, und dieses

selbst sehr genau, hier hatte sie die ungetrübten Stunden ihres Lebens auf

dem Falkenhofe zugebracht. Sie trat halb hinter dem Gebüsch hervor und

sah hinauf zu dem Fenster, an dem sie selbst so oft gesessen -- richtig, da

saß wie damals Herr Engels, die kurze Pfeife im Munde, und den mächtigen

Bart streichend. Von Zeit zu Zeit pfiff er dem Dompfaffen vor und das

gelehrige Tier wiederholte gewissenhaft.

Die Falkner vom Falkenhof. Erster Band. · 第 6 / 13 题