I.

Ich sprach zur Taube: »Flieg' und bring im Schnabel

Das Kraut mir heim, das Liebesmacht verleiht,

Am Ganges blüht's, im alten Land der Fabel --« --

Die Taube sprach: »Es ist zu weit.«

E. Geibel nach François Coppée.

Bravo! Bravo! Da capo!

Ein wahrhaft frenetischer Applaus rauschte und brauste durch die weiten

Räume des Opernhauses zu X. und übertäubte fast die wilden, diabolischen

Klänge des Orchesters, das eine seltsame, originelle Weise spielte.

Es war die erste Aufführung der neuen Oper eines unbekannten und

ungenannten Komponisten, eine phantastische Oper, »Satanella« genannt,

deren Libretto dem Publikum eine jener rätselhaften »Teufelinnen«

der alten Zeiten vor Augen führte, die aus ihrem unterirdischen Reich

heraufgekommen war, um durch ihre Schönheit einen »minnigen Sänger« zu

bestricken und in den Tod zu treiben. Von dem wütenden Volke aufgegriffen,

wird sie als Hexe zum Scheiterhaufen geschleppt und an den Pfahl gebunden.

Unter den Klängen eines prachtvollen Chores wird der Holzstoß entzündet,

und Rauch und Flammen steigen empor, die Teufelin zu vertilgen von der

Erde. Da plötzlich teilten sich die Flammen, Satanella schüttelt lachend

die Fesseln von ihren Händen, das graue Büßer- und Sterbehemd fällt von

ihren Schultern, und sie selbst steht in Höllenpracht gekleidet vor

dem entsetzten Volk. In wilden Dithyramben singt sie ihr bestrickendes

Zauberlied, und mit dem jauchzenden Schluß: »Lebt wohl, ich kehre zurück

zu euch, so lang die Schönheit Siege feiern wird, so lange Männerherzen

sich noch bethören und betrügen lassen --« sinkt Satanella hinab in die

sie verschlingende Erde.

Diesem Schlusse jauchzte das Publikum zu und konnte sich nicht satt hören

an der mächtigen, süßen und metallreichen Stimme der fremden Sängerin,

welche eigens gekommen war, um die »Satanella« zu singen, und konnte

sich nicht satt sehen an dem wunderbar malerischen Schlußtableau mit dem

brennenden Scheiterhaufen, den mittelalterlichen Mauern der Stadt mit ihren

Türmen und Erkern, dem entsetzt zusammengedrängten Volke und der Gestalt

der Satanella auf dem Holzstoße.

Und sie war in der That wunderbar schön, diese fremde Primadonna,

Señora Dolores Falconieros -- eine schlanke, geschmeidige Gestalt mit

dem leuchtenden Rothaar Tizians, das in üppigen Wellen herabfiel auf das

scharlachrote, seidene Gewand, das sie umschloß. Und in dem blutlosen und

doch lebensfrischen Antlitz brannten große, strahlende, sammetschwarze

Augen, deren Glanz noch gehoben wurde durch die sich über der feinen

römischen Nase schließenden dunklen Brauen, durch die langen,

seidenartigen Wimpern.

Und wie sie dort stand auf der Bühne inmitten des rotglühenden Feuers,

im roten Gewand und roten Haar, in dem ein zweigezacktes Brillantdiadem

blitzte und funkelte, mit der wunderbar bestrickenden Stimme ihr in

seltsamem Rhythmus sich bewegendes Teufelinnenlied singend und dazu ein

flammensprühendes Scepter schwingend, dessen Feuerregen bis ins Parkett

hinabflog, da bot sie ein Bild, das mit leichtbegreiflicher, dämonischer

Macht das herbeigeströmte Auditorium zu jenem frenetischen Beifall

entfachte, welches immer wieder und wieder die »Satanella« veranlaßte,

aus den Tiefen der Hölle, den Versenkungen, hinaufzusteigen, und mit

dankendem Lächeln grüßend ihr verkohlendes Scepter zu schwingen.

Das Schicksal der neuen Oper war entschieden. Der berühmte blonde Tenorist

als »minniger Sängerheld« und die durch den Intendanten entdeckte und

sofort berühmt gewordene Fremde hatten der herrlichen Musik den Odem des

Lebens eingehaucht und die Weihe erteilt, hinauszuziehen in alle Welt.

Etwa eine Stunde später hatte sich ein kleiner, aber gewählter Kreis

in dem künstlerisch ausgestatteten Salon des Direktors der Akademie der

Künste, Professor Balthasar, zusammengefunden. Der Hausherr, ein über

die Grenzen Europas hinaus bekannter geistvoller Maler in der Blüte seiner

Jahre, liebte es, nach dem Theater einen Kreis um sich zu versammeln, in

welchem er und seine liebenswürdige Gattin die Honneurs machten und für

leibliche und geistige Unterhaltung ihrer Gäste aufs Trefflichste sorgten.

Um den runden Tisch, dessen silbernes Theegerät von Frau Balthasar lautlos

und gewandt gehandhabt wurde, saßen etwa sechs bis acht Personen mit

Einschluß des Hausherrn und der Hausfrau. Da war der hochberühmte,

geniale Historienmaler Richard Keppler, der feinsinnige Dichter N., die

berühmte Schauspielerin Luise R., der Legationsrat Freiherr von Falkner.

Ein Platz war noch leer -- er harrte eines verspäteten Gastes.

»Mir summt die Melodie des Teufelinnenliedes noch im Kopf -- ich kann sie

nicht loswerden,« meinte Professor Balthasar.

»Das macht der dämonische Einfluß dieser Musik -- es ist ein rechtes,

echtes Teufelswerk,« rief die Schauspielerin.

»Ja, aber das Werk eines genialen Teufels,« entgegnete Keppler.

»Das ist das rechte Wort dafür,« sagte der Legationsrat, eine hohe,

gebietende Erscheinung mit dunklem Auge und Haar und gleichem vollen Bart,

»die ›Satanella‹ ist ein Werk, das aus jedem Takte einen Born von

Genialität sprudeln läßt, aber eine Genialität, die ich herzlos nennen

möchte, weil sie nicht das Herz, sondern nur den Geist berührt und

anregt. Der Komponist ist ein Genie, das ist über jeden Zweifel erhaben,

aber er ist kein Genie von Gottes Gnaden, sondern von denen Lucifers.«

»Und versteht doch so warme Herzenstöne anzuschlagen,« nahm sich Frau

Balthasar des unbekannten Meisters an, »ich erinnere Sie nur an das süße

Liebeslied des Troubadours im zweiten Akt.«

»O ja, es schmeichelt sich dem Gehör ein, aber nicht dem Herzen,«

erwiderte Falkner kühl, »es bezaubert, aber es ergreift nicht.«

»Nun, dann erkläre ich mich befriedigt mit dem Zauber, den das Liebeslied

enthält,« rief Keppler, »warum sollen wir armen Sterblichen uns nicht

einmal bezaubern lassen? Wir können nur von Glück sagen, wenn dabei unser

Herz nicht Schaden leidet.«

»Sie mögen recht haben, Keppler,« sagte der Legationsrat ruhig, »die

Individualität eines jeden ist ja so verschieden. Für mich ist die Musik

keine Musik, wenn sie nur blendet und berauscht. So erkläre ich offen, auf

die Gefahr hin, für einen Vandalen gehalten zu werden, daß für mich die

Mehrzahl der antiken Statuen nichts sind, als alte Marmorblöcke, deren

blöde Augen uns Epigonen recht dumm anstarren, und daß das schönste

Antlitz, aus dem kein Herz spricht, mich entsetzlich gleichgültig läßt.

So die Musik der ›Satanella‹. Ich bewundere den elektrischen Strom der

Genialität, der durch ihre Takte pulsiert, aber ich liebe sie nicht, weil

nicht _ein_ warmer, menschlicher Herzschlag sie durchzittert.«

Während der Legationsrat sprach, hatte sich die eine der Portieren geteilt

und in ihrem Faltenrahmen erschien, nur von Frau Balthasar bemerkt, eine

dunkle Frauengestalt mit rotem Tizianhaar -- Dolores Falconieros. Sie legte

lächelnd den Finger auf die Lippen zum Zeichen, daß sie noch unbemerkt

bleiben wollte, und so stand sie noch als Professor Balthasar entgegnete:

»Nun wohl, aber was der Musik fehlt, das gaben ihr die Darsteller!«

»Wie wunderbar schön sang unser Heldentenor den Minnesänger, wie

seelenvoll,« rief die Schauspielerin.

»Und wie herrlich war die Falconieros in der Titelrolle,« setzte Keppler

hinzu, »es war eine unvergleichliche Leistung.«

»Gewiß, unvergleichlich in der Darstellung der grausamsten

Herzlosigkeit,« sagte Falkner spöttisch, »mir war's, als spielte diese

Satanella ihr eigenstes Selbst -- nicht _einen_ warmen Herzenston vermag

diese Fremde anzuschlagen, eben weil sie es nicht kann, weil auch sie nur

ganz Genie ist. Ich mag diese herzlosen Frauen nicht.«

»Aber die Falconieros --« begann der bis dahin nur zuhörende

Dichter --

»Die Falconieros, wie sie sich mit ihrem =nom de guerre= nennt, könnte

die ›Satanella‹ komponiert und gedichtet haben,« vollendete Falkner

kurz und kühl.

Frau Marianne Balthasar hatte dem Gespräch mit steigendem Unbehagen

zugehört und schob jetzt rasch das Theegerät zur Seite.

»Ah -- die Señora!« rief sie, die peinliche Scene endend und auf die

noch in dem Thürrahmen stehende Sängerin zuschreitend. Die übrigen

erhoben und verbeugten sich, als ihre Namen vorstellend genannt wurden, und

Donna Dolores nahm auf dem leeren Sessel zwischen dem Professor und Keppler

Platz -- Falkner saß ihr gegenüber.

»Vor allem Pardon, daß ich so spät komme,« sagte sie mit einem

reizenden Lächeln, das ihre wunderschönen Züge noch verschönte, »aber

ich mußte ja erst die Garderobe wechseln -- --«

»Die Satanella aus- und das Gewand gewöhnlicher Sterblicher anziehen,«

scherzte der Professor.

»Als ob ich diese Satansfarbe je ablegen könnte!« erwiderte sie und

strich mit der schlanken weißen Hand über ihr jetzt hochaufgestecktes

Haar. Dabei irrte ihr Blick über den Tisch und traf den des

Legationsrates.

»Wie Sie nur so sprechen können, Señora,« sagte Keppler und betrachtete

die Sängerin mit entzücktem Künstlerblick, »oder sollten Sie in der

That nicht wissen, welch kostbaren Schmuck Sie auf dem Haupte tragen?«

»Mein Haar,« lachte sie. »Ach, das ist eine Künstlerlaune. Gewöhnliche

Sterbliche nennen es Rot.«

»Ich wußte nicht, daß auch in Spanien unser germanisches Blond üblich

ist,« bemerkte Frau Balthasar.

»O, ich bin ja zur Hälfte eine Deutsche,« erwiderte Donna Dolores

mit ihrem reinen, aber doch fremdartigen Dialekt, »und ich betrachte

Deutschland als meine Heimat, wenn auch die Sonne hier weniger sengend

strahlt als in Brasilien.«

»O ja, bedeutend kühler,« sagte Professor Balthasar fröstelnd. »Wir

Nordländer sind ein eignes Volk -- uns ist nur wohl, wenn uns das Eis bis

ans Herz steigt. Das südliche Feuer, das andere durchglüht, stößt uns

ab, wenn es uns berührt.«

»Ja, wenn es Gift und Dolch, Vendetta und Lava sprüht,« warf Falkner

ein.

Wieder traf ihn ein Blick aus den dunklen Augen der Sängerin, und wieder

mußte er sich widerstrebend eingestehen, daß diese Augen außerhalb

der Bühne einen ganz anderen Ausdruck hatten, einen freien, stolzen und

dennoch weichen Ausdruck.

Der Thee war beendet, und der kleine Kreis erhob sich, um entweder an die

bücherbeladenen Tische zu treten oder eine jener Mappen zu durchblättern,

welche in großen Gestellen an der Wand standen und kostbare Skizzen und

Stiche enthielten.

Donna Dolores setzte sich in ein Fauteuil und blätterte in einer dieser

Mappen, indem sie lächelnd auf Keppler hörte, der sie um den Vorzug bat,

sie als »Satanella« malen zu dürfen.

»Denn,« meinte er, »mir läßt's keine Ruhe, bis ich das Problem der

Farbe gelöst, das Sie, Donna Falconieros, uns heut' Abend vorgezaubert

haben. Diese wunderbare, köstliche Wirkung von Rot in Rot -- ich hatte

mir nie eine solche Kühnheit geträumt. Und, was die Hauptsache war -- sie

wirkte ästhetisch.«

»Meine Kühnheit ist durch Ihren Ausspruch absolviert,« entgegnete Donna

Dolores, »denn offen gesagt, mir bangte fast, als ich heut' Abend in der

Garderobe das scharlachrote Kleid anlegte und mein Haar auflöste. Und als

dann gar die roten Flammen entzündet wurden und um mich lohten, da glaubte

ich mich dem Urteil der Verdammung, der Ausschließung aus der Zunft der

Künstler geliefert zu haben.«

»Es war ein herrlicher Anblick, diese letzte Scene der ›Satanella‹,«

rief Keppler, »eine Scene, wie sie das Auge des Malers zu sehen sich

ersehnt. Rot in Rot -- Flammen und Gold -- ich kann den Gedanken daran noch

nicht loswerden und werde eher keine Ruhe finden, bis ich die Farben auf

meiner Palette habe.«

Dolores sagte zu, dem Maler einige Sitzungen zu gewähren, und fuhr dabei

fort, den Inhalt der Mappe zu durchmustern. Plötzlich stieß sie einen

leisen Schrei aus und sah erblassend auf eine Farbenskizze, eine kleine

Landschaft mit prächtigen, dunklen alten Eichen und Ulmen, zwischen denen

ein altes im Karree gebautes Haus hervorsah mit Säulengängen rings

herum, die vier Ecken flankiert von ebensoviel hohen, erkerbeklebten,

epheuumwucherten Türmen. Auf einem derselben wehte eine grün-weiße,

schachbrettartige Flagge und deutete an, daß dieses alte, graue Haus kein

Kloster sei, wie es auf den ersten Blick den Anschein hatte.

Donna Dolores sah lange auf diese Skizze -- ihre blassen Wangen waren noch

blässer geworden und es schien, als scheute sie sich zu sprechen. Keppler

sah über ihre Schulter hinweg auf das Blatt.

»Ah, das ist der Falkenhof,« sagte er. »Nicht wahr, ein malerischer

Fleck Erde. Und Legationsrat von Falkner ist der glückliche Erbe

desselben.«

»So --?« sagte Donna Dolores mit eigentümlichem Ausdruck, indem sie

hinübersah zu dem Genannten, der mit dem Professor in eifrigem Gespräche

stand. Seine rücksichtslosen Worte über sie und ihre Leistung auf der

Bühne, die sie vorhin mit angehört, hatten sie nicht so tief getroffen,

wie man vermuten mußte, aber sie hatten doch eine kleine Wunde

hinterlassen. Von diesem Augenblicke aber, als sie hinübersah nach dem

Erben des Falkenhofes, und sein Blick wiederum über sie hinwegflog, kalt,

fast verächtlich, da wußte sie's, das dieser Mann dort ihr Feind sei,

oder werden mußte.

»Ein kleines Eden, dieser Falkenhof,« sagte Keppler, auf das Bild

deutend, »und doch wiederum der Hintergrund für einen Kampf aus der Zeit

der Bilderstürmer. Balthasar hat eines seiner berühmtesten Bilder nach

dieser Skizze geschaffen, die er an Ort und Stelle mit Bewilligung

der jetzigen Herren aufgenommen. Bei dieser Gelegenheit machte er die

Bekanntschaft Falkners.«

»Des Erben vom Falkenhofe,« wiederholte Dolores leise wie für sich.

»Ein Mann von Geist und Wissen,« fügte Keppler ebenfalls leise hinzu,

»aber mitunter absprechend und kalt bis zur Rücksichtslosigkeit.

Balthasar ist so ziemlich der einzige Künstler, dessen Salon er

besucht --«

»Also exklusiv und hochmütig ist er demnach,« fiel Dolores dem Maler ins

Wort.

»Man ist versucht, es manchmal so zu nennen,« sagte dieser achselzuckend,

»Falkner liebt wohl die Kunst und erkennt das Genie rückhaltlos an, aber

er mag nichts oder wenig von den Künstlern wissen.«

»Also doch Hochmut,« warf Dolores ein.

»Vielleicht, Señora. Aber er geht den Künstlern wenigstens nicht aus dem

Wege, während er eine ausgesprochene Abneigung gegen --«

Keppler stockte.

»Nun?« fragte die Sängerin ruhig, »warum vollenden Sie nicht: während

er eine ausgesprochene Abneigung gegen die Künstlerinnen hat.«

»Señora --« sagte der Maler halb lachend, halb verlegen.

»Warum nicht aussprechen, was der Betreffende so zur Schau trägt?«

sagte sie achselzuckend, leicht, indem sie die Skizze fortlegte. Aber dabei

entstieg ein tiefer Atemzug fast wie ein Seufzer ihrer Brust.

Sie erhob sich und nahm ihre Handschuhe.

»Wie, Sie wollen schon gehen, Señora?« rief der Professor und eilte auf

sie zu.

»Es ist spät, und ich bin müde,« erwiderte sie freundlich. »Die

Partie der heutigen Oper war anstrengend. Es ist gar nicht so leicht, eine

›Teufelin‹ zu spielen,« setzte sie lächelnd, fast schalkhaft hinzu.

»O Señora, singen Sie uns noch ein Lied, ein kleines Lied nur,« bat Frau

Balthasar und geleitete Dolores zu dem offenen Flügel.

Donna Dolores zögerte einen Augenblick, dann setzte sie sich an das

Instrument und ließ die Hände präludierend über die Tasten gleiten. Und

sie sang ein einfaches kleines Lied, kurz wie ein Intermezzo.

Es hat die Rose sich beklagt,

Daß gar zu schnell ihr Duft verwehe,

Den ihr der Lenz gegeben habe.

Da hab' ich ihr zum Trost gesagt,

Daß er durch meine Lieder wehe

Und dort ein ew'ges Leben habe.

Und _wie_ sang sie es! War diese süße, zauberische weiche Stimme

dieselbe, die vordem das Teufelinnenlied von der Bühne herabgejauchzt? Wie

eine Verheißung zog Wort und Ton durch das lautlose Gemach.

Und atemlos lauschte der kleine Kreis, als Dolores geendet hatte und leise

das Nachspiel erklingen ließ. Dabei schweifte ihr Blick dahin, wo die

Skizze des Falkenhofes auf der Mappe lag, und es schimmerte feucht in ihren

Augen. In weichen Mollaccorden löste sie die Melodie des Liedes des Mirza

Schaffy auf und ging in eine andere über --

Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit

Klingt ein Lied mir immerdar --

sang sie leise wie im Traum. Herzerschütternd schwollen die Töne des

schlichten Volksliedes an, und durch die einfachen Worte klang es wie ein

Schluchzen --

O du Heimatflur, o du Heimatflur,

Laß zu deinem heil'gen Raum

Mich noch einmal nur, mich noch einmal nur

Entfliehn im Traum.

Keine Schwalbe bringt, keine Schwalbe bringt

Dir zurück, wonach du weinst;

Und die Schwalbe singt, und die Schwalbe singt

Im Dorf wie einst.

Die süße Stimme verklang, und die Sängerin ließ die Hände herabsinken

von den Tasten. Ihr gegenüber stand Alfred von Falkner, das Auge wie

gebannt auf die Fremde gerichtet, die er vorhin so hart verurteilt hatte.

Und das Lied --? Es stieg vor seinem geistigen Auge empor wie eine

Erinnerung in verschwommenen Umrissen, als das Lied ertönte. War dieses

Lied nicht einst in den Kreuzgängen des Falkenhofes erklungen von einer

frischen, hellen Kinderstimme --? Er strich mit der Hand über die hohe

Stirn und sann und sann -- und es war ihm fast, als müsse er in den frohen

Tagen seiner Jugendzeit, in den engen Grenzen der Knabenjahre die Gestalt

eines Spielgefährten suchen -- ja, da war's ihm, als höre er ein kurzes,

helles, spöttisches Lachen --

Und die Schwalbe singt, und die Schwalbe singt

Im Dorf wie einst --

sang Donna Dolores dort am Flügel die Schlußworte ihres Liedes -- und

versunken waren mit einem Male die abgeblaßten, vergessenen Gestalten --

zerronnen in ein Nichts, aus dem sie entstanden.

»Das nenne ich Musik,« rief Balthasar nach einer Pause und trat auf die

Sängerin zu, »das bebte durch die geheimsten Fibern der Seele, denn es

war mit dem Herzen gesungen!«

Donna Dolores fuhr empor und richtete sich aufatmend hochauf. Dann lachte

sie kurz, hell und spöttisch, daß Falkner zusammenzuckte, denn ihm

kam dieses Lachen so bekannt vor -- und ein dunkler Blitz aus ihren

wunderschönen Augen huschte auf ihr Gegenüber.

»Mit dem Herzen?« wiederholte sie laut und deutlich, »Sie irren,

Professor Ich spielte heut' in der ›Satanella‹ mein eigenstes Selbst --

nicht _einen_ warmen Herzenston vermag ich anzuschlagen, eben weil ich kein

Herz habe -- --«

Falkner zog die Stirn in Falten, als ihm die Sängerin seine eigenen Worte

wie eine Spottdrossel wiederholte -- dann zuckte er mit den Schultern,

verächtlich, hochmütig.

Da sprühten ihm die schwarzen Augen einen wahren Teufelinnenblick zu --

es schien fast, als ginge ein rotes Feuer aus diesem Blick hervor -- wieder

lachte der feine, blaßrote Mund jenes seltsame, sinnverwirrende Lachen.

»Sie sind ein guter Psycholog und Physiolog, Herr von Falkner,« rief ihm

Donna Dolores zu -- es waren die ersten Worte, die sie an ihn richtete,

»Ihr feines Gefühl hat Sie nicht betrogen -- ich selbst habe die

›Satanella‹ komponiert!«

Ein allgemeines »Ah« der Überraschung erscholl, und Falkner biß sich

auf die Lippen -- er ärgerte sich mit einem Male über sein Urteil, er

ärgerte sich, daß er recht hatte. Donna Dolores aber ließ ihre Hände

wieder über die Tasten des Flügels gleiten, wild, wirbelnd erschollen

die rauschenden Accorde, mit denen das Volk in der ›Satanella‹ den

Holzstoß entzündet, um die Hexe zu verbrennen, die sich nun mit einem

Male in das nimmer zu vertilgende, ewig lebende böse Prinzip, in den Fluch

verwandelt, der auf der Welt seit ihrem Beginne ruht. Mächtig schwollen

die Accorde an, und mächtig setzte die Stimme der Sängerin ein:

Lebt wohl, so lang der Sonne Leuchten

Verklärt des Weibes ew'ge Macht,

So lang noch Leidenschaften glühen,

So lang noch Schönheit lockend lacht,

So lang noch Männerherzen brechen

Betrogen durch ein falsches Weib,

So lang, so oftmals kehr' ich wieder,

In eurer Mitte stets ich bleib'!

Entfacht der Flamme rote Gluten,

Ihr schafft mich nicht aus dieser Welt,

Denn wo sich Männerhochmut brüstet,

Mein Scepter reiche Ernte hält.

Ich wohn' in jedes Weibes Herzen,

Ich beuge jedes Mannes Macht,

Ich bin die Schlang' des Paradieses,

Ich stifte Unheil -- drum habt acht!

Sie schloß mit einem rauschenden Accorde, durch den es wie das Knistern

von Flammen klang, und sprang dann empor.

»'s ist Zeit zur Ruhe -- gute Nacht!« rief sie und war verschwunden, ehe

sich's die anderen versahen.

Drunten vor der Thür stand das leichte Coupé der Sängerin, die Pferde

stampften schon lange vor Ungeduld, und als Dolores eingestiegen war,

entführten sie ihre leichte Last in raschem Trabe dem Hotel zu, das die

»Brasilianerin« bewohnte, und wo ihre schwarze Kammerfrau und Duenna

in einer Person, die herkulische alte Negerin, schon alles zur Ruhe

vorbereitet hatte.

»Tereza,« sagte Dolores spanisch, als ihr die Negerin die Haare zur

Nacht einflocht, »Tereza, wen meinst du wohl, habe ich heut' gesehen? Den

›Erben vom Falkenhof‹.«

»Alle Heiligen -- den Alfred? Hat er dich erkannt, Herrin?«

»O nein -- und ich hab' ihm auch kein Wort darum gesagt. Er ist ein

schöner, großer Mann geworden, hochmütig und zurückweisend ernst.«

»Wie die ganze Falkenbrut,« murrte die alte Tereza. »Nun, laß

ihn laufen. Du brauchst ihn nicht und den Alten auch nicht mit seinen

klappernden Krücken.«

»Nein, ich brauche ihn nicht,« sagte Donna Dolores, »aber,« setzte sie

mit zuckenden Lippen hinzu, »aber sehen möcht' ich den Falkenhof doch

wieder.«

»So kaufe ihnen das alte steinerne Nest ab, Herrin!« riet Tereza.

»Das geht nicht,« erwiderte Dolores sinnend, »es ist ein Lehen --«

»Was ist das?«

»Das ist -- ach Tereza, ich bin müde und möchte schlafen.«

Sie sank in die weichen Kissen und schloß die Augen.

»Der Erbe vom Falkenhof!« murmelte sie im Einschlafen.

* * * * *

Bei Professor Balthasar trennte man sich bald, nachdem Donna Dolores sich

entfernt hatte.

»Es freut mich,« hatte Keppler gesagt, nachdem sie gegangen, »es freut

mich, daß sie gerade die ›Satanella‹ komponiert hat, und daß sie's

bekannte trotz Ihrer scharfen Äußerungen, Baron Falkner, die sie gehört

haben muß.«

»Das bestätigt nur meine Worte,« erwiderte der Legationsrat, seinen Hut

ergreifend.

»Nun, ich will das doch nicht so ohne weiteres zugeben,« meinte Balthasar

nachdenklich, »gerade, daß sie mit ihrem Bekenntnis das gehörte harte

Urteil bestätigte, beweist, daß sie es nicht zu scheuen hat.«

Falkner zuckte die Achseln.

»Hier gehen unsere Ansichten auseinander, Professor. Die Kühnheit der

Falconieros blendet Sie, wie ihr Genie die Menge. Mir ist dieses laute

Bekenntnis der eigenen Herzlosigkeit mehr zuwider, als ich es ausdrücken

kann.«

»Halt, rechnen Sie diese kleine Teufelei der Señora nicht zu hoch an,«

sagte Keppler lachend, »Sie haben sie gereizt!«

»Wie konnte ich ahnen, daß sie lauschte?« erwiderte Falkner kalt.

»Überdies -- es konnte ihr nicht schaden, die Wahrheit zu hören.«

»Das heißt: Ihre Ansicht, Baron,« replizierte Keppler mit Betonung.

»Oder wollen Sie an Ihrer Behauptung, Donna Dolores habe kein Herz, jetzt

noch festhalten, jetzt, nachdem wir sie so wunderbar ergreifend singen

gehört?«

Ein beinahe feindseliger Blick aus Falkners Augen streifte den Maler.

»Sie sind selbst Künstler, Herr Keppler,« sagte er kalt, »Sie

sollten doch am Ende wissen, wie man Effekt macht. Ich bedaure, wenn

mein Skepticismus nicht mit Ihren Ansichten harmoniert, aber es ist mir

unmöglich, an die Wahrheit der so schön vorgetragenen Gefühle einer

Sängerin von Profession zu glauben.«

»Das also ist Ihr Schlagwort?« Eine feine Röte flog über das

geistreiche Gesicht des Malers. »Eine Sängerin von Profession! Sie denken

sich natürlich darunter nur ein Wesen, das möglichst viel Kapital aus

ihrer Stimme schlägt, und wie der Schuster seinen Pechdraht, allabendlich

ihre Gesangspartie abarbeitet? Ich beneide Sie nicht um diese gewonnene

Erkenntnis, Baron Falkner, und freue mich, daß ich naiv genug geblieben

bin, an die Heiligkeit eines wahren Künstlertums zu glauben.«

»=Chacun à son gout=,« erwiderte Falkner leicht, »ich bekenne, daß

mir ein so starker Glaube fehlt, wenn ich auch zugestehen will, daß es in

_früheren Zeiten_ solche um der Kunst willen wirkende Künstler gegeben

hat.«

»In jedem Fall ist die Grundidee der ›Satanella‹ eine tief

durchdachte,« mischte sich der Professor in das Gespräch.

»Meinem Geschmacke nach zu tief durchdacht für eine so junge Dame, wie

diese deutsche Brasilianerin,« unterbrach ihn Falkner nicht ohne Hohn.

»Nun, nun -- einmal hat sie nur die Musik gemacht und nicht die Worte,

und dann abstrahiere ich von der Person und zolle gern dem Werke die

gebührende Anerkennung,« rief Balthasar lebhafter werdend.

»Und ich vermag die Person von dem Werke nicht zu trennen, da sie mit

demselben durch ihren Individualismus verbunden ist.«

»O Sie Barbar,« rief Frau Balthasar, lachend zwischen die Herren tretend,

deren Dialog sie allzuscharf zugespitzt fand, »wie können Sie so hart

sein? Aber wir wollen Ihnen verzeihen, wenn Sie das Zugeständnis machen

wollen, daß Señora Falconieros eine ungewöhnlich begabte, hervorragende

Frauengestalt ist.«

Falkner verbeugte sich.

»Ich gebe das gewiß zu,« sagte er, »aber mir fehlt das Verständnis

und der Geschmack für dergleichen ›ungewöhnliche und hervorragende

Frauen‹, die in unseren Kreisen, gottlob, nicht üblich sind.«

Abermals eine Verbeugung, und Falkner verließ den kleinen Kreis.

»Das sind empörende Ansichten,« brach nun Frau Balthasar los. »Ich

begreife nicht, wie ein Mann von der geistigen Bedeutung des Barons so

engherzig sein kann.«

»Liebe Marianne, es mag sehr schwer sein, sich aus den festgeschnürten

Wickelkissen gewisser Vorurteile _selbst_ herauszuarbeiten,« entgegnete

der Professor kaltblütig. »Auch wir mögen unsere Vorurteile haben, ohne

daß wir es wissen, und auch wir mögen bei der Verteidigung der von uns

aufgestellten Ansichten aus Eigensinn und angeborener Rechthaberei weiter

gehen, als wir vordem beabsichtigten. Überdies kann kein Mensch gegen

seine Antipathien.«

»Die Äußerungen Falkners gegen Dolores deuten auf mehr als auf bloße

Antipathie.«

»Das ist noch kein Grund, weshalb sich die beiden nicht noch einmal

fabelhaft lieben sollten,« sagte Balthasar humoristisch.

»Nonsens.«

»Was willst du? Wie sagte Julia, als sie sehr rasch die Bekanntschaft

ihres Romeo gemacht?

So große Lieb' aus großem Haß entbrannt!

Ich sah zu früh, den ich zu spät erkannt.

O Wunderwerk! ich fühle mich getrieben,

Den ärgsten Feind aufs Zärtlichste zu lieben.«

Frau Marianne lachte.

»Du vergissest nur, lieber Mann, daß weder Baron Falkner das Zeug dazu

hat, ein Romeo zu sein, noch Donna Dolores, unsere Satanella, sich in eine

schmachtende Julia verwandeln wird.«

»Weshalb nicht?« meinte Keppler, dem Paare »Gute Nacht« bietend, »die

Natur spielt wunderbar, und am Ende hat jede Frau soviel von einer Julia in

sich, wie jeder Mann von einem Romeo.«

Inzwischen hatte Falkner seine Wohnung erreicht, aber er konnte noch keine

Ruhe finden. Er trat ans Fenster, öffnete es und ließ die kalte Nachtluft

in das Zimmer strömen, denn obwohl der Winter sich seinem Ende zuneigte,

und man auf den Straßen schon die ersten Frühlingsboten in Gestalt

winziger Veilchen- und Schneeglöckchensträuße verkaufte, so war des

Winters Herrschaft doch noch nicht gebrochen, und noch zeigte er manchmal

empfindlich seine Macht.

Falkner war erregt, und daß er's war, ärgerte ihn um der Ursache willen.

»Um eine Sängerin,« murmelte er verächtlich, und doch konnte er das

Bild dieser Sängerin nicht loswerden -- es gaukelte ihm vor den Augen und

blendete ihn.

»Ich hasse rote Haare« -- sagte er sich, indem seine Phantasie die

goldenen Haarmassen der Satanella in jene fuchsige Farbe tauchte, die im

Verein mit wässerigen Augen und fleckigem Teint so abstoßend wirkt.

»Sie werden bei Tageslicht so aussehen,« sagte er sich »und die dunklen

Brauen und Wimpern werden die Spuren der Farbe zeigen --«

Aber die Augen! Nein, die zu färben war ja ein Ding der Unmöglichkeit.

»Hüte dich vor denen, deren Haarfarbe von der der Augen absticht,« sagte

er vor sich hin und mußte gleichzeitig lächeln über die ausgekramte

Kinderfrauenweisheit. Und am Ende, was ging ihn die »Brasilianerin« an,

die vielleicht in ihrem Privatleben den seltenen Namen Jette Müller oder

Gustel Schulze führte. Der Gedanke daran machte ihn lachen.

»Donna Dolores Falconieros,« sagte er mit pathetischem Spott, »ich

werde Ihnen aus dem Wege gehen. Zum Glück habe ich gar nichts mit Ihnen zu

schaffen und werde es auch voraussichtlich nicht. Unsere Wege führen sehr

weit auseinander.«

Mit diesem Entschlusse glaubte Alfred von Falkner die Sache erledigt zu

haben. Aber da fiel ihm das Lied ein:

Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit

Tönt ein Lied mir immerdar --

Er kannte das Lied, aber wer hatte es gesungen, wann war es gesungen

worden und von wem? Er sammelte seine Erinnerungen und dachte an die

längstvergangenen Kinderjahre. Wen hatte damals der Falkenhof beherbergt?

Er erinnerte sich nur eines prächtigen, grünen Papageien, der ihm den

Mittelfinger der rechten Hand durch und durch gebissen hatte, daß man die

Narbe heute noch sah. Damals hatte ihn jemand verlacht mit hellem, lustigem

Lachen und ihm gesagt: »Es geschieht dir schon recht, denn wer hieß dich,

den armen Rio zu reizen!«

Er hörte plötzlich ganz deutlich die Worte wieder. Ganz recht, Rio war

der Name des gelehrten Vogels, der, wie er sich deutlich erinnerte, in drei

Sprachen zu schimpfen verstand und dabei maliziös genug aussah. Rio! Nach

jenem Biß und dem unbarmherzigen Lachen war er, Alfred Falkner, zu

dem Oheim und Lehnsherrn des Falkenhofes gelaufen und hatte sich bitter

beklagt, und seine Mutter, die damals noch Witwe seines Vaters war, hatte

ihm tröstend den blutenden Finger verbunden und dazu finsteren Angesichts

über das »herzlose fremde Ding« gemurrt, das seine Freude habe an den

Schmerzen anderer.

Aber wer war die Gescholtene?

Der Lehnsherr vom Falkenhofe hatte zwei Brüder, eigenwillige, unbeugsame

Naturen, wie sie das Falkengeschlecht nur jemals aufzuweisen hatte. Der

jüngere der beiden, Alfreds Vater, hatte sein und seiner Gattin Vermögen

während der Dauer, daß er des Königs Rock trug, total verschwendet und

starb kurz vor dem drohenden Ruin. Der Freiherr von Falkner nahm nun die

Witwe mit dem Knaben zu sich und hielt letzterem einen Gouverneur, der es

verstand, seine Stellung derartig zu befestigen und sich unentbehrlich

zu machen, daß ihm schließlich die immer noch stattliche Witwe die Hand

reichte. Da sie nun auf dem Falkenhofe seit mehreren Jahren die Pflichten

einer Hausfrau versah, weil der Lehnsherr unvermählt geblieben war, so

wollte der Freiherr die Schwägerin, welche seine Interessen vortrefflich

zu wahren verstand, nicht mehr missen und sich von ihr trennen, und so

geschah es, daß sie mit ihrem Gatten einen Flügel des Falkenhofes zu

dauerndem Aufenthalte bezog.

Der ältere Bruder des Lehnsherrn war ein unruhiger Kopf gewesen, dessen

erinnerte sich Alfred Falkner genau. Aber da er ihm im fünfzehnten Jahre

seines Lebens schon aus den Augen geschwunden war, und auch kein Mensch

mehr seinen Namen genannt, so wußte er nichts mehr von ihm. Zwanzig Jahre

sind eine Zeit, in der man vergessen kann, besonders wenn der Gegenstand

des Vergessens totgeschwiegen wird. Je mehr indessen Alfred Falkner der

entschwundenen Erinnerung nachsann, desto mehr fand er davon wieder, und

nun trat auch die hohe, blonde Erscheinung des Oheims wieder vor sein

geistiges Auge. Er erinnerte sich dunkel, daß der seltsamerweise niemals

mehr Erwähnte gleich ihm der diplomatischen Carriere angehörte und

jahrelang einer Gesandtschaft attachiert war, die er jedenfalls im Süden

suchen mußte. Undeutlich zwar, aber doch mit Bestimmtheit besann er sich,

ein Gespräch zwischen seiner Mutter und dem Lehnsherrn belauscht zu haben,

in welchem letzterer sich bitter darüber beklagte, daß der Bruder in

einer zornigen Aufwallung seinen Dienst quittiert und obendrein noch sein

Vermögen beim Fall eines Bankhauses verloren hatte.

Der Fall eines Bankhauses! Diese Redefigur hatte damals auf Alfred einen

tiefen Eindruck gemacht, denn er konnte sich gar nicht vorstellen, »wie

ein Bankhaus fallen könnte,« und seine Phantasie spielte seitdem oft

dieses Spiel.

Nun erinnerte er sich ganz deutlich, daß der Oheim mit Kind und Kegel,

mit Sack und Pack auf dem Falkenhofe seinen Einzug hielt, dem er von

einem Mansardenfenster aus mit atemloser Neugier zugesehen, denn er hatte

gehört, daß der Herr des Hauses von einer Mulatten- und Negerwirtschaft

gesprochen, die nun die altdeutschen Räume des Falkenhofes entweihen

würde.

Das hatte in seiner jungen, unternehmungslustigen Knabenseele gezündet,

und er hatte glühend vor Erregung die Mutter gefragt, ob denn der Oheim

ein Fürst aus dem Morgenlande sei, daß er mit Mulatten und Negern komme.

Frau von Falkner hatte ihm lachend geantwortet, daß der Onkel höchstens

ein Bettlerfürst sei, aber seine Frau, die Tante, wäre wohl eine Mulattin

oder etwas ähnliches, jedenfalls eine »Fremde.«

Und nun kam der Onkel Bettlerfürst an, aber es war nur eine einzige große

Negerin mit ihm, vor der sich Alfred natürlich entsetzlich fürchtete wie

vor dem leibhaftigen Teufel. Die Tante war jedenfalls nicht schwarz von

Angesicht, das war schon ein Trost. Sie brachten auch ein kleines Mädchen

mit, hell und licht wie eine Elfe, dem ein prächtiger Papagei, Rio

genannt, auf der Schulter saß und den Hausherrn sofort mit einem kräftig

schnarrenden ›=Filou! Filou!=‹ begrüßte, was jedenfalls im Lande der

Mulatten eine Höflichkeitsphrase war, wie Alfred damals dachte, und sich

sehr wunderte, daß der also Begrüßte blaß wurde vor Zorn und seine

bissigsten Redeweisen gleich in der Stunde der Ankunft hervorkramte.

Damals hatte er jenes helle, seltsame Lachen, dessen er sich so genau zu

erinnern wußte, zum erstenmal gehört, er hatte gesehen, wie das kleine

Mädchen den vorlauten Vogel gestreichelt hatte, worauf er, ermuntert und

angefeuert durch den gespendeten Beifall, seiner ersten Äußerung noch ein

lebhaftes »=Caracho=« folgen ließ.

Nach dieser wichtigen Begebenheit wurden seine Erinnerungen wieder dunkler.

Er entsann sich nur, daß das kleine Mädchen, das damals halb so alt als

er selbst sein mochte, sein Spielkamerad wurde und unaufhörlich an seiner

Seite blieb, bis jener Biß Rios in seinen Mittelfinger und das Lachen

seiner kleinen Cousine der Freundschaft einen unheilbaren Riß beibrachte.

Er kümmerte sich nach Knabenart nicht mehr um sie und um die fremden

Bewohner des Falkenhofes, von denen er sich nicht besinnen konnte, sie

überhaupt viel gesehen zu haben. Nur bisweilen hörte er die helle Stimme

der Kleinen durch die Kreuzgänge hallen.

Mit seinem fünfzehnten Jahre, als sein Präceptor seine Mutter heiratete,

kam er auf ein Gymnasium, um dort sein Abiturientenexamen zu machen. Zwei

Jahre lang, während deren er den Falkenhof nicht wiedersah, dauerte sein

Studium, dann legte er sein Examen ab und trat sofort seine Reise nach

der Universität an. Nach den ersten zwei Semestern seines Studentenlebens

besuchte er zum erstenmal die Heimat wieder. Er fand dort alles in

hastender Thätigkeit vor -- die »Fremden« sollten den Falkenhof

verlassen. Es war ein entsetzlicher Streit unter den beiden Brüdern

ausgebrochen, welcher das Verhältnis sofort trennte -- was vorgefallen

war, darüber erfuhr er keine Silbe. Man war nicht sehr mitteilsam auf dem

Falkenhofe.

Der Oheim hatte schon einige Tage früher das Haus seines Bruders

verlassen, seine Familie folgte ihm jetzt nach, und Alfred entsann sich

genau der hoch aufgepackten Wagen, die bei seiner Ankunft vorläufig noch

unbespannt vor dem großen Thore ihrer Insassen harrten.

Als Alfred am nämlichen Abend noch allein durch die Kreuzgänge des

inneren Hofes schritt, die Cigarre im Munde, und das Mondlicht beobachtete,

wie es durch die doppelten Säulenreihen der mit Epheu und Kletterrosen

umsponnenen gotischen Bogen huschte und sich in breiten, fahlgrünlichen,

glänzenden Streifen auf die Steinfliesen legte, da hörte er plötzlich

eine wunderschöne, wenn auch noch kindlich klingende Stimme ein einfaches

Volkslied singen:

Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit

Tönt ein Lied mir immerdar -- --

Er hatte das Lied hundertmal gehört und wohl auch selbst gesummt, dennoch

aber veranlaßte es ihn diesmal, still zu stehen und den süßen Tönen zu

lauschen. Der nächste Gedanke galt der Sängerin -- wer und wo war sie?

Er brauchte nicht lange zu suchen. Die Gebäude umschlossen ein viereckiges

Stück Land, auf dem von jeher ein herrlicher Blumenflor grünte und

blühte. Inmitten des Gartens befand sich das Bassin eines großen

Brunnens, und vier kräftige, krystallhelle Wasserstrahlen schossen aus

ebensoviel dräuenden Delphinenköpfen in das graue, steinerne Becken,

das außen mit grünen Farnen und Huflattich üppig umsäumt war. Die vier

mächtigen Schweife der Delphine vereinigten sich in der Mitte des Brunnens

zu einem säulenartigen Gewinde, das sich nach oben vasenförmig

öffnete und eine ehemals vergoldet gewesene, mächtige, siebenzackige

Freiherrenkrone trug.

Auf dem Rande des Bassins saß, oder schwebte die Sängerin des

ergreifenden Liedes -- eine weißgekleidete Mädchengestalt, ein Kind, mit

lang herabwallenden Haaren, die im Mondlicht glänzten wie flüssiges, mit

Kupfer gemischtes Gold.

Alfred meinte an jenem Abend eine jener Lichtelfen zu sehen, wie das

Märchen sie beschreibt, so duftig und zart wie aus Mondschein gewoben.

Er wagte es nicht, sich zu rühren, aus Furcht, die Elfengestalt am

Brunnenrand könnte in Nebel zerfließen, wie es die Art und Weise dieser

holden Geister ist.

Und die Schwalbe singt, und die Schwalbe singt

Im Dorf wie einst -- --

verklang das Lied. Die Sängerin aber erhob sich und stand im nächsten

Augenblick auf dem Rande des Bassins, einen Kranz von Rosen und dunklem

Blattwerk in den Händen -- sie hatte ihn während des Liedes gewunden.

Mit sicheren schnellen Schritten lief sie rings um den schmalen Rand des

Bassins herum, als sei sie an solche handbreite Pfade gewöhnt.

Da tönte eine erschreckte Stimme aus dem im Schatten liegenden Flügel des

Falkenhofes hervor:

»Bei allen Heiligen, Kind, halt ein, du fällst!«

Und nun lachte die Elfe als Antwort. Ein lustiges, helles Lachen, das einen

Anflug von Spott hatte.

»Laß mich nur machen,« rief sie zurück, »ich habe hier einen schönen

Kranz gewunden, meinen Abschiedsgruß dem Falkenhof! Den will ich der

Steinkrone da droben überwerfen, damit sie auch einmal etwas spürt von

Rosenduft -- --«

»Kindereien -- komm ins Haus, es ist spät!« tönte die strenge Stimme

zurück.

»Ich komme schon -- aber erst den Kranz,« antwortete die Elfe im

Mondlicht, »er kann der alten, verwitterten Krone dort nicht schaden,

der frische Schmuck, wenn er auch morgen früh schon welk ist. Vielleicht

blüht er noch einmal auf!«

Sie hob den Arm und warf den Kranz, und warf ihn so sicher, daß er richtig

über die Krone fiel und ihre sieben, perlengezierten Zacken wie mit Purpur

umsäumte.

»Wie schön,« -- rief die Elfe triumphierend, aber in dem nämlichen

Moment glitt ihr Fuß auf dem schlüpfrigen Gestein aus -- ein Schrei

aus dem Dunkel des Hauses, und die weiße Gestalt verschwand in dem

hochaufspritzenden Wasser des Bassins.

Mit einem Sprunge war Alfred in dem Hofe und am Brunnen -- sein kräftiger

Arm zog die leichte Gestalt des Mädchens aus dem Wasser und setzte sie

vorsichtig auf den Boden. Sie war nicht bewußtlos, kaum erschrocken,

und ihre Augen, die ihm im Mondlicht seltsam dunkel erschienen, sahen ihn

fragend an.

»Bist du -- sind Sie verletzt?« fragte er stockend.

Da lachte sie schon wieder.

»O nein,« sagte sie, »der Oheim drinnen hat mir's hundertmal gesagt, ich

sei eine herzlose Person -- und denen geschieht nichts, wenn sie ins Wasser

fallen, sie können nicht untergehen. Nur Menschen, die ein Herz haben,

zieht's hinunter in den Grund.«

»So? Und was klopft denn da bei dir an der Stelle, wo bei anderen Menschen

das Herz sitzt?« fragte Alfred amüsiert.

»Da?« sie legte die Hand auf die Stelle. »O, da liegt bei mir ein hohler

Muskel!«

»Wirklich? Und fühlt der Muskel nicht?«

Sie sah ihn groß an.

»Nein --« sagte sie langsam, »es muß wohl nicht sein, denn der Oheim

sagt, ich sei herz- und fühllos -- ein Satanskind!«

Und nun lachte sie wieder auf, daß es wie der Ruf der Spottdrossel durch

den Garten und die Kreuzgänge klang, raffte ihr triefend nasses Kleid

zusammen und floh in das Haus.

Am nächsten Morgen, als er hinaustrat ins Freie, waren die Wagen

verschwunden. Die »Fremden« waren abgereist und »es krähte kein Hahn

nach ihnen,« wie Mamsell Köhler, die Beschließerin, sagte, als sie an

das Inordnungbringen des verlassenen Flügels schritt.

Nein, es krähte kein Hahn nach ihnen, denn nicht mit einer Silbe wurden

sie erwähnt von dem Oheim, der Mutter und deren Gatten.

Nur einer vermißte das »Satanskind« -- das war der Verwalter des Gutes,

ein mittelalterlicher Hagestolz, dem es tausend und abertausend lustige,

kleine Streiche gespielt, wie allen im Hause, nur daß drinnen es mit

Empörung und sittlicher Entrüstung über den »schlechten Charakter«

des Mädchens erfüllte, während er darüber lachte. Dafür sang sie ihm

abends, auf dem Fensterbrett seines Häuschens hockend, eine Auswahl von

Liedern zur Mandoline vor. --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Alfred von Falkner seufzte tief auf -- er war mit seinen Erinnerungen

fertig. Es war nicht viel und nur sehr Unklares, da man ja auf dem

Falkenhofe das niederdrückende System des »Totschweigens« praktizierte

und unliebsamen Personen keine Silbe gönnte, aber er war dennoch

zufrieden, denn er wußte nun, wo er das Lied gehört hatte, das die

»Komödiantin« heut' Abend gesungen.

Bei dieser Erkenntnis fuhr ihm ein jäher Schreck wie ein glühender Strom

durch das Herz -- ihm war, als gliche die »Satanella« des heutigen Abends

der kleinen zarten Elfe von damals, als sie ihn im Mondlicht am Brunnen

ihrer Herzlosigkeit ernsthaft versicherte.

Im nächsten Moment aber mußte er sein Erschrecken belächeln.

»Unsinn,« sagte er vor sich hin, »meine Nerven sind erregt von der

Satansmusik dieser im Grunde geschmacklosen Oper. Es war das Lied, das mir

den hirnverbrannten Gedanken eingab -- denn das kleine Mädchen, das es vor

vierzehn Jahren sang, war am Ende doch eine Freiin von Falkner.«

Mit diesem beruhigenden Gedanken suchte er sein Lager auf, aber die

schlichte Weise spukte noch in seinen Träumen fort:

Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit

Tönt ein Lied mir immerdar.

* * * * *

Die Zeit verging. Abend für Abend wurde die »Satanella« aufgeführt,

und Abend für Abend zog die Oper eine unabsehbare Schar von Schau- und

Hörlustigen in die strahlenden Räume des Opernhauses.

Natürlich ward das Geheimnis der Autorschaft bald ein öffentliches, und

so geschah es, daß diejenigen, die sich eigentlich nur für die Sängerin

interessiert hatten, dieses Interesse nun auch der Oper zuwendeten, und

umgekehrt.

Donna Dolores konnte selbstverständlich nicht jeden Abend die anstrengende

Partie der »Satanella« singen und alternierte in dieser Rolle mit der

Primadonna der Oper, deren Gast sie war. Sie war eine geheimnisvolle

Persönlichkeit, über die viel gesprochen wurde, man befragte den

Intendanten, in dessen Hause sie wie eine Tochter verkehrte, aber er

verriet ihre Herkunft nicht. Niemand hatte gehört, daß sie vorher

anderswo aufgetreten war, sie war gekommen und hatte gesiegt -- ein

Mädchen aus der Fremde im Reiche der Kunst. Man brannte überhaupt darauf,

mehr von ihr zu wissen, mehr über sie zu erfahren -- vergebens. Denn die

schwarze Tereza, ihre Kammerfrau, war unbestechlich, und ihr Kammerdiener

und Sekretär in einer Person, Señor Ramo Granza, ein kleiner, nußbrauner

und geschmeidiger Brasilianer, war noch unzugänglicher, sowohl Geld als

guten Worten, und zugeknöpft von seiner weißen Krawatte bis herab zu den

glänzenden Lackstiefeln.

An den Abenden, an welchen Donna Dolores die »Satanella« sang, war auch

regelmäßig Alfred von Falkner in seiner Loge zu finden. Er wollte die

Musik studieren, fand aber keinen Blick für die Bühne, wenn Donna Dolores

auf derselben stand.

»Man sollte meinen, Sie fürchteten sich vor den fascinierenden Augen der

›Satanella‹,« sagte Richard Keppler eines Abends zu ihm. Denn auch der

Maler fand sich regelmäßig ein und war immer wieder aufs neue entzückt

von der plastischen Darstellungsweise der Fremden.

Alfred zuckte die Achseln.

»Sie hat eine wunderbar schöne Stimme, und ich komme, sie zu hören,«

erwiderte er kühl, »aber das verpflichtet mich nicht, die Sängerin

anzusehen, deren Erscheinung mir unsympathisch ist.«

Dagegen ließ sich natürlich nichts einwenden.

Es war etwa einen Monat nach jenem Abend beim Professor Balthasar, als

Donna Dolores bei dem Atelier Richard Kepplers vorfuhr.

Señor Ramo sprang vom Bock und öffnete seiner Dame die Wagenthür. Die

Sängerin, wie gewöhnlich in Schwarz gekleidet, verließ das Coupé und

betrat das Vorzimmer des Ateliers, das sich Keppler hier, inmitten des

grünen Stadtparks, selbst erbaut hatte, und zu dem die reisende Welt,

vulgo Ateliermarder, strömte, um sogar die Frühstücksreste des

Meisters zu bewundern und vor dem halbvollendeten Bilde eines Schülers in

Entzückungsrhapsodien auszubrechen, in der Meinung, vor einer Schöpfung

des Genialen zu stehen.

Donna Dolores durchschritt die wohldurchwärmte, komfortabel und

künstlerisch ausgestattete Vorhalle und öffnete die Thür, ohne

anzuklopfen. In dem mit Oberlicht versehenen Raume stand Keppler, Pinsel

und Palette in der Hand. -- Aber das gewaltige Historienbild, an welchem er

bisher arbeitete, hatte er zurückschieben lassen -- eine andere

Staffelei war herbeigerollt und darauf stand im prächtigen goldenen

Renaissancerahmen das halbvollendete, lebensgroße Porträt der Satanella.

Der Meister war so versenkt in den Anblick des Bildes, in das Studium

desselben, daß er's nicht einmal hörte, wie das Original hinter ihm

erschien, und so bot Dolores ihm auch keinen guten Tag, sondern huschte

lautlos durch die purpursamtne Portiere in das Nebenzimmer, dem =buen

retiro= des Meisters, wo in einem Korbe verpackt das Satanellenkostüm lag.

Lautlos und schnell warf sie ihr schwarzes Kleid von sich und das andere

über, dann löste sie die Haare und trat mit einem Male neben das Bild.

Keppler erschrak beinahe, dann irrte sein Auge von der Leinwand auf die

Sängerin, er verglich die Wirklichkeit mit der Kunst. Fast ängstlich

prüfte er die Wirkung des farbensatten Bildes -- dies feuerfarbene Kleid

von starrer Seide im Schnitt der Renaissance, gerafft über einem Rocke von

Goldbrokat. Und über die rauschenden, roten Falten wogte das goldrote Haar

in üppigen Massen in jenen wunderbaren Reflexen, wie sie eben nur dieses

Haar hat. Das zweizackige Brillantdiadem raffte die schweren Wellen zurück

nach dem Nacken und funkelte über der weißen Stirn mit diabolischem

Leuchten, denn die zwei rückwärts gebogenen Zacken flammten wie kleine

Hörner, das Wahrzeichen Satanellas.

Mit einem Seufzer der Enttäuschung warf Keppler die Palette zur Seite.

»Ich bin ein Stümper,« sagte er traurig, »denn ich stehe ratlos vor der

Natur. Mir fehlen die Farbentöne, die rechten Tinten für Ihr farbensattes

Bild, Madonna Diavolina!«

»Zinnober, Meister, viel Zinnober, Karmin und Ocker,« scherzte die

Sängerin.

»Und Sie damit rot anzutünchen wie den Hans Styx im Orpheus von

Offenbach! Ja, wenn ich allein vor dem Bilde stehe, dann sieht mein Auge

diese Übergänge vor sich, dann weiß ich's, wie Ihr weißer Nacken, Ihr

Antlitz sich hervorheben muß aus dieser Flut von Rot und Gold -- stehen

Sie selbst aber neben dem Bilde, da möcht' ich schier verzweifeln, dann

verwirren sich meine Begriffe -- ich werde farbenblind!«

»Das macht, weil Sie mit dem Kopfe begonnen haben --!«

»Nein, das machen Ihre Augen,« rief er heftig. »Ich war ein Thor,

Ihre Stellung so anzuordnen, daß Sie mich ansehen müssen -- mit diesem

Ausdruck ansehen müssen!«

Sie lächelte gezwungen.

»Ich werde an eine weidende Gänseherde denken,« sagte sie, »vielleicht

daß dieses Bild den Ausdruck meiner Augen verändert.«

»Sie spotten und haben recht,« entgegnete Keppler finster, indem er die

Palette wieder aufnahm. »Die Satanella muß diesen Ausdruck im Auge haben

-- wie wäre sonst die Rolle denkbar, die sie im Leben spielt?«

Er beugte sich nach seinem Farbenkasten, und Donna Dolores stieg auf das

Empor, um ihre Stellung einzunehmen: ein halbes Abwenden der Figur, das

die volle Pracht des goldigen Haarmantels zeigte, aber das Haupt

zurückgeworfen mit dem Lächeln der Siegerin auf den Lippen.

»Ich bin bereit, Apelles,« sagte sie.

Keppler warf einen flüchtigen Blick auf sie und begann dann zu arbeiten,

stumm, die Lippen aufeinander gepreßt. Endlich richtete er den Blick auf

sie.

»Ein schlechter Maler, der sein Modell langweilt!« sagte er.

»Sie sind verstimmt,« erwiderte Dolores, »ich kenne das. Es giebt

schwarze, trübe Momente in unserem Künstlerleben, wo uns das eigene

Schaffen nicht genügt, wo wir uns gestehen müssen, daß wir noch nicht

dem Ideal nahe sind, das in unserer Brust lebt.«

Keppler erwiderte nichts. Er mischte seine Farben und setzte dem Bilde

einen neuen Ton auf. Prüfend trat er einen Schritt zurück und stieß dann

einen leisen Schrei aus.

»Ich hab's --!« rief er erfreut. »Ich habe den rechten Ton gefunden,

der das Goldhaar mit dem roten Kleide harmonisch verbindet, habe ihn

gefunden, ohne daß ich ihn gerade jetzt gesucht --«

»Auch in die dunkelste Stunde dringt der siegende Lichtstrahl der Kunst,«

sagte Donna Dolores nicht ohne Vorwurf in der Stimme, »sie verläßt ihre

Jünger nicht, und wenn sie verzweifeln wollen, so sendet sie ihnen das

Gelingen.«

»Und hier habe ich auch den goldig-roten Reflex des Haares,« sagte

Keppler froh. Dann trat er vor die Sängerin hin.

»Sie haben ein gutes Wort gesprochen, =madonna mia=, das Wort von der

Kunst, der treuen Kunst. Ich hatte nicht gedacht, daß Satanella sie so

tief erfaßt!«

Es flog ein spöttisches Lächeln um ihren feinen Mund.

»Auch du, Brutus?« sagte sie. »Meister, Sie sind ein feiner

Menschenkenner, Sie senken Ihr klares, unbeirrtes Auge so tief in des

Menschen Seele, und dennoch halten Sie mich für eine jener Künstlerinnen,

denen die Kunst nur eine Goldquelle, nur ein Mittel ist zum Zweck?«

»Sie sind für mich ein Diamant, der in hundert verschiedenen Facetten

strahlt, Donna Dolores, jeden Tag in einer anderen! Sie sind mir ein

Rätsel, das ich noch nicht erraten habe, das verschleierte Bild von Saïs,

das ich so gern entschleiern möchte, und mich doch davor scheue, weil ich

die entsetzliche Wahrheit fürchte, die es vielleicht bergen könnte!«

»Den Pferdefuß,« schloß sie spöttisch.

»Ja, wenn Sie diesen Ton anschlagen, dann könnte man daran glauben,«

erwiderte Keppler, weiter malend, »das ist der rechte Satanellenton. Und

mir ist's lieber, Sie schlagen den an, denn gegen ihn finde ich immer noch

eine Waffe, die des Zweifels an Ihnen.«

»Daran thun Sie recht,« erwiderte sie kaltblütig.

Er sah voll zu ihr empor.

»Sie nennen mich einen guten Menschenkenner -- Sie haben unrecht, Madonna.

Denn so oft ich meinte, das Rechte in Ihnen gefunden zu haben, so oft

fühle ich mich betrogen. Ich weiß nicht, ob Sie sehr edel sind oder sehr

böse!«

»Sehr böse,« sagte sie lächelnd und sah zu ihm herab, eine Welt voll

Mutwillen in den leuchtenden Augen.

Keppler warf die Palette aufs neue hin und trat mit gekreuzten Armen vor

Dolores. In seinem charakteristischen, scharfgeschnittenen, bartlosen

Antlitz arbeitete eine mächtige Bewegung, sein sonst so klares Auge

blickte düster.

»Pausieren Sie,« sagte er, »ruhen Sie aus -- inzwischen will ich Ihnen

ein tolles Märchen erzählen.«

»Ein Märchen?« Sie sah ihn befremdet an.

»Ja, ein Märchen. Oder meinen Sie, es geschähen keine Dinge mehr

auf Erden, die von anderen Leuten Märchen genannt werden? Nur giebt es

Märchen für kleine und große Kinder.«

»Wohlan, ich höre!«

Donna Dolores trat von dem Empor herab und setzte sich in einen der

altertümlichen Sessel, wie sie in allen Arten in dem Atelier standen.

Keppler lehnte sich gegen einen Pfeiler, Dolores gegenüber.

»Es war einmal ein armer Bauernjunge,« begann er, nachdem er seine

Bewegung etwas bemeistert, »der mußte die Ziegen und Gänse des

Dorfschulzen hüten, von früh bis Abend. Und während sich seine

Schützlinge an den frischen, grünen Halmen und Kräutern labten mit

lautem Schnattern und Meckern, da lag der arme Junge in seinen zerrissenen

und dürftigen Kleidern im hohen Riedgras und träumte mit offenen Augen

von einer fremden, neuen, schönen Welt, die seine Seele ahnte, aber

nicht begriff. Eines Tages mußte er hineinlaufen in die Stadt mit einer

Botschaft -- sie betraf kuhwarme Milch für die brustkranke Frau eines

großen Malers, und der Junge drang mit seiner Botschaft direkt hinein in

das Atelier des Meisters. Da stand der Gänsehirt mit weitoffenen Augen vor

der Herrlichkeit, die im Goldrahmen auf einer Staffelei vor ihm lehnte, und

er vergaß Ziegen, Gänse und Milch.

»Acht Tage später lief der arme Junge seinem Brotherrn davon und zu dem

großen Maler, den er um Gottes willen bat, ihn bei sich aufzunehmen und

zu seinem Schüler zu machen. Zum Glück für ihn war der Maler ein

liebevoller Menschenfreund mit tiefem Blick, der es gleich gewahrte, was

tief unter den rohen Schlacken dieser Seele schlummerte. Er läuterte

sie und lehrte den Knaben selbst -- und ehe er starb, legte er den ersten

Lorbeerkranz um des Schülers Schläfe. Und der schritt weiter auf seiner

Ruhmesbahn, unaufhaltsam, aber einsam. Da trat plötzlich eine Fee aus dem

Dunkel hervor -- das heißt, er hielt sie für eine solche, und sogleich

spann sie ein Netz von goldroten Haarfäden um sein Herz -- ein Netz, das

er nicht zerreißen konnte, so dünn war es --«

Keppler brach ab und schlug beide Hände vor sein Antlitz -- er stöhnte

laut.

Dolores war blaß geworden.

»Es war nur ein Irrlicht, was Ihnen eine Fee deuchte,« sagte sie, sich

erhebend.

Da trat er ihr entgegen und faßte ihr Handgelenk, um sie am Gehen zu

hindern.

»Es _ist_ eine Fee,« rief er fast flehend, »o nehmen Sie mir nicht den

Wahn! Dolores, ich bin nicht mehr jung -- mehr als vierzig Jahre bin ich

durchs Leben gepilgert. Und wenn ein Mann in diesen Jahren liebt, dann

liebt er zu gewaltig, zu mächtig, um diese Liebe ersticken zu können im

Keime. Woran ich jahrelang nicht gedacht, jetzt will mir's nimmer aus dem

Sinn -- jetzt sehe ich durch die Räume meines Hauses eine Künstlerfrau

schweben, eine Künstlerfrau wie zu Tizians Zeiten mit goldrotem Haar und

dunklen Augen -- Dolores, glauben Sie an solche Träume?«

»Nein,« sagte sie tonlos.

»Dolores --!«

»Ich glaube nicht daran --« fuhr sie fort, »denn es giebt kein solches

Glück! Ich hab' mir's gelobt, nur dann mich zu vermählen, wenn's hier

in meinem Herzen anfängt zu sprechen. Aber es spricht nimmer -- hat noch

nicht gesprochen -- weil ich kein Herz habe. Wo es bei anderen pocht

und glüht und pulsiert, da bleibt's bei mir kalt und still -- eine

Künstlerfrau ohne Herz, das wäre ein Unglück für Ihr Haus, mein

Freund!«

Keppler ließ ihr Handgelenk los und wandte sich ab. Er war sehr blaß

geworden.

»Dolores, Dolores, was haben Sie mir gethan?«

»Ich habe Ihnen Schmerz bereitet -- aber besser zu frühen, als zu späten

Schmerz,« erwiderte sie leise und fest. »Sie haben mir viel geboten, ein

Herz, eine Hand, ein Heim, und Sie wissen nicht einmal, wer ich bin, ob ich

nicht einen erborgten Namen führe, woher ich stamme --«

»Ich weiß nur, daß in dem Namen Dolores das Glück meiner Zukunft

ruhte.«

»Und Dolores heißt der ›Schmerz‹. Wär' ich die Teufelin, die ich auf

der Bühne darstelle, dann hätte ich vorgegeben, an die Realisierung Ihrer

Träume zu glauben -- dann würde Ihr Heim binnen kurzem eine Hausfrau

haben. Aber es könnte sein, daß doch einstens noch ein zündender Funke

in meine Brust fiele und mein Herz erwachte -- was dann? Nein, mein Freund,

nicht im ›Schmerze‹ suchen Sie Ihr Lebensglück -- es liegt anderswo.«

»Und meinen Sie, es sei _kein_ Schmerz, entsagen zu müssen?« fuhr

Keppler auf.

»Er ist geringer als der Schmerz, sich betrogen zu wissen. Und ich hätte

Sie betrogen, wenn ich Ihnen von Liebe gesagt hätte, von der meine Seele

nichts weiß.«

»Wie Sie grausam sind -- Sie reichen mir in dem Korbe nicht einmal den

bittersüßen Bissen von ›ewiger Freundschaft‹ -- ›Achtung‹,

und wie diese Korbtrabanten sonst noch heißen mögen --« rief Keppler

finster.

Es zuckte wie ein Lächeln um ihre Lippen.

»O, wenn Sie sich danach sehnen --« sagte sie halb weich, halb

spöttisch.

»Gut, gut, verlachen Sie mich noch!« rief er heftig. »Das ist ja dein

Gewerbe, Satanella!«

»Richard Keppler -- hüten Sie sich --!«

Zornsprühend, flammend vor Entrüstung stand sie vor ihm,

hochaufgerichtet, schön wie noch niemals. Da beugte er sein Knie vor ihr

und verbarg sein Haupt in den rauschenden Falten ihres Kleides.

»Nicht so, Dolores, nicht so,« sagte er mit gebrochener Stimme. »Wissen

Sie nicht, daß das Herz im Übermaße seines Schmerzes selbst das

schmäht, was es liebt? Wohlan -- gehen Sie Ihren Pfad weiter -- ich

will Sie nicht auf den meinigen lenken. Ich will Ihnen _entsagen_ -- aber

_vergessen_ kann ich nicht --«

»Sie werden ein Weib finden, das besser ist, als ich --«

»Wer sagt Ihnen, daß ich ein solches will? Dolores, Sie haben heut' die

Blüten von dem Baume meines Lebens gebrochen zum -- Verwelken!«

»Ein neuer Lenz wird neue Blüten treiben -- unverwelkliche,« sagte sie

leise und beugte sich zu ihm herab. »Gott segne Ihr edles Herz und --

denken Sie meiner ohne Groll. Ich konnte, ich durfte ja nicht anders

handeln.«

Sie reichte ihm die Hand und er drückte seine Lippen darauf -- zum

Lebewohl am Scheidewege.

»Pardon -- ich glaubte nicht zu stören.«

Keppler fuhr empor bei dem Klange dieser tiefen, klangvollen Stimme und

Donna Dolores trat erblassend zurück -- denn dort, in der Thür stand

Alfred von Falkner.

»Man sagte mir nicht, daß Sie Sitzung hatten --« fuhr er fort und die

Ironie in dem Worte »Sitzung« klang doppelt schneidend in seinem Munde,

»sonst wäre ich nicht hier eingedrungen.«

»Sie stören nicht mehr,« erwiderte Keppler gefaßt, »der

Satanellentraum ist für heut' ausgeträumt -- und für immer,« setzte er

leise hinzu.

Falkner trat vor das Bild hin und musterte es lange.

»Das wird wieder ein Meisterwerk,« sagte er endlich, »ich sah selten ein

solch flammendes Farbenmeer in so wunderbare Harmonie vereint.«

»Mein Verdienst dabei ist nur das des Farbenmischens,« erwiderte Keppler

einfach, »das Bild gab mir der künstlerische Geschmack der Donna Dolores

Falconieros.«

Falkner wendete sich halb um zu der Genannten, die noch bleich und wortlos

an dem Sessel lehnte, umwogt und umrauscht von Farbe, Licht und Glanz.

»Es wird schwer, beim Anblick Ihres lichten Haares an Ihre südliche

Abkunft zu glauben, Señora,« sagte er leicht.

»Ich habe kein Interesse daran, irgend jemandes Glauben in dieser

Beziehung beeinflussen zu wollen,« erwiderte sie kühl.

»Ach, das klingt sehr stolz, wie --«

»Komödiantenstolz« -- vollendete sie ruhig.

»Wenn Sie es selbst so bezeichnen wollen --« erwiderte er achselzuckend,

»so muß ich natürlich mit meinem Vergleiche schweigen.«

Nun zuckte sie die Achseln, und zwar so unendlich gleichgültig, daß

Falkner die Augenbrauen zusammenzog und sich auf die Lippen biß.

»Ich gehe, um mich umzukleiden,« sagte Dolores zu Keppler gewendet und

war im nächsten Moment hinter der roten Portiere verschwunden.

»Ich komme mit einer Bitte, =Maëstro=,« begann Falkner nach einer Weile,

während welcher der Maler regungslos vor der Staffelei stand, »aber ich

werde sie heut' nicht aussprechen, denn Sie scheinen verstimmt zu sein.

Mein unberufenes Kommen vorhin --«

»Ich sagte Ihnen schon, daß Sie _nicht_ störten -- man kann nicht

stören, wo nichts zu stören ist,« fiel ihm Keppler ungeduldig ins Wort.

»Gut, ich beuge mich,« erwiderte Falkner sarkastisch, »Sie übten mit

Donna -- wie heißt sie doch -- ein lebendes Bild, eine Scene aus der

›Satanella‹.«

»Was soll das, Herr von Falkner? Sie würden mich verbinden, wenn Sie

meinen Namen mit dem der Donna Dolores ganz außer allem Konnex ließen.«

»Ihr Wunsch genügt,« entgegnete Falkner.

»Wenn Sie sich indessen wundern sollten --« begann Keppler wieder.

»O nein,« fiel ihm der andere ins Wort, »das ›Wundern‹ muß man sich

abgewöhnen, wenn man Künstlerkreise, besonders aber Ateliers besucht.«

Keppler biß sich auf die Lippen und schwieg.

»Und Ihre Bitte?« sagte er endlich, »doch ich errate sie -- irgend eine

Zeichnung meiner Hand für einen Wohlthätigkeitsbazar -- nicht wahr?«

»Nein, das nicht,« entgegnete Falkner belustigt, »man vertraut mir

solche Brandschatzungsgänge nicht mehr an, seitdem ich diese Ehre einmal,

aber sehr bestimmt abgelehnt habe. Natürlich ist es aber auf Ihre Kunst

abgesehen. Unser Nachbar vom Falkenhof, der Herzog von Nordland, der

allsommerlich sein Waldschloß auf ein paar Monate bezieht, wünscht sich

und seine Töchter von Ihrer Meisterhand gemalt zu sehen und ladet Sie zu

diesem Zweck feierlichst durch mich ins Waldschloß ein.«

»Ich habe andere Pläne für diesen Sommer --« entgegnete Keppler

-- »kann man gegen diesen fürstlichen Wunsch, =vulgo= Befehl nicht

ankämpfen?«

»Schwerlich,« erwiderte Falkner, »eine Ablehnung wäre hier eine --

Unart.«

»Und deshalb muß man eine langgeplante Reise aufgeben?« seufzte der

Maler unmutig. »Den leichten Kittel an den Nagel hängen, um im Frack vor

der Staffelei zu stehen? Und dazu der Zwang des Hoflebens!«

»Dieser Zwang wird im Waldschlosse ganz abgelegt, der Herzog und seine

Töchter bewegen sich so frei und ungezwungen, wie Landedelleute. Und

überdies -- die Motive lohnen sich Ihres unsterblich machenden Pinsels.«

»Die Prinzessinnen sollen reizend sein, ich hörte davon, indes --«

»So überlegen Sie,« schloß Falkner. »Ich reise in einigen Tagen nach

der Hauptstadt von Nordland ab und bringe dann dem Herzog Ihre Antwort. Man

erwartet Sie übrigens keinesfalls vor dem Mai im Waldschloß, und da

wir jetzt im März leben, so haben Sie noch Zeit, Ihre Satanella zu

vollenden.«

Hier trat Donna Dolores wieder umgekleidet ein. Sie hatte den Hut schon

aufgesetzt und hielt eine juchtenüberzogene Kassette in der Hand.

»Ich fahre jetzt ein wenig spazieren und kann deshalb meine Garderobe

nicht mitnehmen,« sagte sie zu Keppler gewendet, »draußen wartet mein

Coupé -- =addio Maïstro!=«

Sie reichte dem Maler die Hand und neigte ihr Haupt eine Linie tief vor dem

Freiherrn, indem sie der Thür zuschritt. Doch indem sie den letzten Knopf

ihres Handschuhes zuzuknöpfen versuchte, entglitt die Kassette ihren

Händen und fiel zu Boden. Der Deckel sprang auf, und heraus rollte nebst

verschiedenen juwelenblitzenden Nadeln, Ringen und Spangen das seltsam

geformte Diadem der Satanella. Es fiel hart an die Kante eines Sessels und

eine der hornartigen Zacken brach ab dabei. Die Herren eilten herzu und

lasen die schimmernden Dinge vom Boden auf.

»Das sind echte Diamanten --« sagte Falkner unwillkürlich, indem er

den Reifen an die zerbrochene Zacke zu hängen suchte, »Diamanten von

wunderbarem Feuer!«

»Glaubten Sie, daß ich unechte Steine tragen würde?« -- Der Ton, in dem

Donna Dolores es sagte, klang fast beleidigt.

»Sie sind wenigstens üblich für Theaterschmuck, Señora!«

erwiderte Falkner, »aber ich begreife Ihre Caprice. Nur ist sie sehr

kostspielig --«

»O, mein Vorrat reicht hin, um mich als ›Selica‹ in Feuergarben

zu hüllen,« meinte sie mit natürlicher Freude, ohne eine Spur von

Prahlerei.

»Dann erlauben Sie mir, Señora, Ihnen zu Ihrer ungewöhnlich guten

Ernte zu gratulieren,« sagte der Freiherr mit verletzendem Spotte in dem

Tonfall.

Dolores richtete sich hoch auf und sah ihm fest ins Auge.

»Ich bedaure, Ihre Gratulation nicht annehmen zu können, denn ich singe

weder um Geld noch um Diamanten!«

Falkner verbeugte sich leicht und reichte ihr den Diamantreifen.

»Pardon, Señora! Aber mein Irrtum ist wohl ein verzeihlicher

gewesen --«

»Ein sehr verzeihlicher,« nickte sie, »denn Sie kennen mich ja nicht

anders, als im Nebelschleier Ihrer Vorurteile.«

Noch ein leichtes Nicken und Donna Dolores war verschwunden.

»Sesam, öffne dich,« rief Falkner, als das Coupé davonrollte und er

selbst an der Schwelle des Ateliers zum Fortgehen bereit stand, »diese

Theaterprinzessin giebt schwere Rätsel auf zum Raten und -- verlangt einen

starken Glauben. Klappern gehört zum Handwerk, Donna Rothaar, so viel

wissen wir Laien auch!«

In seiner Wohnung angelangt, fand Falkner ein Telegramm vor, in welchem

seine Mutter ihn unverzüglich wegen des nahen Todes des Lehnsherrn, seines

Oheims, nach dem Falkenhof berief.

* * * * *

Wo der rauschende Laubwald des deutschen Nordens kühlen, wonnigen Schatten

giebt, wo noch keine Axt sich gerührt, die Eichen und Buchen zu fällen,

um an ihrer Stelle rasselnde, qualmende Fabriken zu errichten, wo weit

und breit nichts zu sehen ist, als Himmel, Wald und lauschige, glitzernde

kleine Seen, da liegt der Falkenhof.

Der große vierflügelige, graue Steinbau mit seinen vier runden,

epheubewachsenen, hoch und steil bedachten Türmen lehnt sich dicht an den

grünen Wald an, der hier zum Park umgeschaffen ist, während vor seiner

Front sich ein mächtiger Rasenplatz, umsäumt mit Monatsrosen und mit

Gruppen der edelsten Rosen bepflanzt, ausdehnt. Die Wirtschaftsgebäude

verbergen sich hinter dichtem Strauchwerk und Baumgruppen, so daß

der Falkenhof einsam zu liegen scheint im grünen Wald -- ein grauer,

steingewordener Traum aus längst vergangenen Tagen.

Der Bau selbst entstammte dem sechzehnten Jahrhundert und war ursprünglich

für ein adeliges Damenstift bestimmt gewesen, das daselbst nur eine kurze

Existenz gefristet und sich dann aufgelöst hatte. Da die Stifterin und

Erbauerin eine Falkner gewesen, so fiel die Besitzung an die Falkners

zurück als Lehen, und ein Zweig dieser Familie ließ sich dauernd daselbst

nieder. Im Laufe des nämlichen Jahrhunderts starben die anderen Linien des

alten Geschlechts aus, und die des Falkenhofes führte den Namen weiter bis

heute.

Es waren viele junge Falken flügge geworden seitdem, -- viele hatten ein

friedliches Nest gefunden; andere hatten sich zu hoch gewagt im Fluge und

ihr Leben mit versengten Flügeln und gebrochenem Sinn beschlossen; wieder

andere waren verschollen, verdorben und gestorben -- während einzelne

kühn emporflogen zu sonnigen Höhen -- -- wie es das Leben so giebt und

fügt in großen Familien im Laufe der Jahre und Jahrhunderte.

Jetzt war das stolze Falkennest nur schwach besetzt -- der alte Freiherr

und sein Neffe, der Legationsrat, das waren die letzten männlichen Glieder

des alten Stammes, und da ersterer mit einem Fuße im Grabe stand und

letzterer noch unvermählt war, so stand die Existenz der Falkner auf

schwachen Füßen.

Daran dachte der Freiherr Alfred, als er von der Bahnstation der Heimat

seiner Kindheit entgegenfuhr. Er hatte schon oft daran gedacht und dennoch

vermochte er sich nicht zu entschließen, sich zu vermählen, einfach aus

dem Grunde, weil die jungen Damen, welche er kannte, sein Herz noch nicht

erweckt hatten. Wenigstens fesselte keine der Damen ihn so, daß er sie

zu seiner Gemahlin hätte wählen mögen. Nicht, daß er blasiert gewesen

wäre, denn vor dieser Krankheit des gepriesenen neunzehnten Jahrhunderts

bewahrte ihn -- sein Verstand; aber die Hohlheit des Hauptes und des

Herzens, die ihn aus all' diesen hübschen und schönen Gesichtern, die ihm

zulächelten, aus eben diesem Lächeln angrinste, hatte ihn immer wieder

zurückgeschreckt.

»Der Wahn ist kurz, die Reu' ist lang,«

hatte ihm eine warnende Stimme oft zugeflüstert, wenn er gemeint hatte,

das Rechte getroffen zu haben, dann hatte der furchtbare Gedanke, das ganze

Leben neben einer unsympathischen Gefährtin dahinwandeln zu müssen, ihn

wieder befreit von der drohenden Fessel. Darüber war er achtunddreißig

Jahre alt geworden und Legationsrat obendrein, denn daß nur sein Geist ihn

so schnell befördert, konnte niemand dem »schönen Falkner« ableugnen,

der die Wonne und Sehnsucht aller Mütter mit reifen und überreifen

Töchtern war.

Er hatte ernste, fast strenge Ansichten vom Leben und von seinen Pflichten,

und die diplomatische Laufbahn, in welche der Oheim, seine Mutter und sein

Stiefvater ihn gedrängt, war nicht nach seinem Geschmack -- ihn lockte die

Wissenschaft mehr zu sich heran, und er war auch gewillt, sich ganz zu ihr

zu wenden, sobald er frei sein würde. --

Jetzt fuhr er dieser Freiheit vielleicht entgegen, durch sonnige Felder,

schattige Waldwege und duftende Wiesen, aber er konnte die winkende

Freiheit nicht froh begrüßen, denn erstens mußte sie dem Oheim, der ihn

an unzerreißbaren Fesseln hielt, den Tod bringen, und dann -- -- --

Den zweiten Gedanken dachte er nicht aus, vielleicht weil es nicht gut ist,

jeden Gedanken auszudenken, oder auch, weil der Wagen eben in den breiten

Kiesweg einbog, der von beiden Seiten von hohen Buchen beschattet, dem

südlichen Seitenportal des Falkenhofes zuführte.

Als der Wagen unter der gedeckten Einfahrt hielt, trat Alfred Falkner

sein Stiefvater entgegen -- eine hochgewachsene Männergestalt mit klugen,

ausdrucksvollen Zügen, das schlichte, halbergraute Haar glatt nach

rückwärts gekämmt, so daß die eigentümliche runde, katzenkopfartige

Bildung des Hauptes vortrat. Seine Augen bedeckte eine Brille, der starke

Bart auf der Oberlippe war tief dunkel, wie die dichten Brauen, welche die

Augen beschatteten. Das war der Herr Doktor Ruß, der »Magister,« wie

ihn die Leute vom Falkenhof heut' noch nannten, eine unleugbar bedeutende

Erscheinung, deren peinlichste Ordnungsliebe wie in allen Dingen, so auch

in seiner Kleidung angenehm hervortrat -- er schien zu jeder Stunde bereit

das Parkett eines Hofes zu betreten, so sorgfältig und tadellos war seine

Toilette.

»Willkommen, geliebter Sohn,« rief er mit leiser, sympathischer Stimme

und streckte dem Freiherrn beide Hände entgegen, »wir haben deiner lieben

Gegenwart mit Ungeduld entgegengesehen!«

Falkner legte seine Rechte flüchtig in eine der ihm entgegengehaltenen

Hände -- er hatte den Mann vor sich nicht leiden gemocht, als dieser noch

sein Lehrer war. Als Doktor Ruß sich mit seiner Mutter vermählte, wurde

das Gefühl gegen ihn noch bitterer, denn halberwachsene Söhne tragen

Stiefvätern meist Mißtrauen entgegen, und weder er noch Doktor Ruß

vielleicht selbst hatten die leidenschaftlichen Ausbrüche vergessen, mit

denen der damalige Jüngling die Nachricht begrüßte, seine Mutter habe

seinen Lehrer zum Gatten gewählt, der obendrein jünger war als sie

selbst. Das damalige feindliche Verhältnis hatte im Laufe der Zeit einem

ruhigen Begegnen Platz gemacht, was die Welt freundschaftlich nannte, aber

Falkners Abneigung gegen den Mann seiner Mutter war nicht ganz gewichen,

und in seinem Inneren bäumte sich jedesmal ein unbezähmbares Gefühl

empor, wenn Doktor Ruß ihn Sohn nannte.

»Steht es schon so schlimm mit dem Oheim?« fragte er als Antwort auf die

Begrüßung seines Stiefvaters.

»Es war gestern schlimmer,« entgegnete der Doktor und lud den Freiherrn

ein, mit ihm die Treppe hinaufzusteigen. »Der alte Herr hatte einen

bösen, asthmatischen Anfall, wonach er deine Gegenwart hier begehrte und

die des Justizrats Müller aus B. Am Abend verlor er das Bewußtsein,

das jedoch zum Teil heut' wiederkehrte. Aber ich fürchte, ich

fürchte« -- --

Und Doktor Ruß schüttelte bezeichnend mit dem Kopfe.

Oben an der Treppe ward der Ankömmling von seiner Mutter begrüßt, einer

stattlichen Frau, der man das Plus ihrer Jahre über denen ihres Gatten

kaum ansah. Sie mußte einst schön gewesen sein, aber ihre Züge waren

hart, ihre kalten blauen Augen ohne Güte, und ein erkältender Zug von

Hochmut lag in den herabgezogenen Mundwinkeln. Im Gegensatz zu ihrem Gatten

trug sie sich einfach, unmodisch und fast nachlässig, wie man es oft bei

älteren Damen findet, welche einsam leben und mit der Jugend auch jene

Nettigkeit ablegen zu dürfen glauben, welche ein weibliches Wesen bis ins

höchste Alter niemals entbehren kann.

»Guten Tag, Alfred,« sagte sie kurz, denn sie haßte Gefühlsäußerungen

wie Euphemismen, aber ein weicherer Strahl aus ihren kalten,

durchdringenden Augen bewies, daß die Ankunft des Sohnes sie freute

vermittelst jenes Naturinstinktes, der auch bei der Wölfin Mutterliebe

genannt wird. »Du siehst angegriffen aus,« setzte sie ebenso kühl, in

demselben Tonfall hinzu, indem sie in das düstere Zimmer voranschritt, das

sie für gewöhnlich bewohnte, und auf dessen großen Mitteltisch sie eine

Erfrischung hatte stellen lassen.

Alfred Falkner wußte, daß die Gefühlstemperatur im Falkenhof stets auf

dem Gefrierpunkt stand, deshalb konnte ein derartiger Empfang ihn nicht

mehr enttäuschen, und doch gehörte er zu den warmherzigen, warmfühlenden

Menschen, wenn er auch zu jener Species zählte, die ihr Fühlen und

Empfinden hinter der eisernen Maske des Stolzes verbergen. Und daß diese

Maske nicht gefallen war, konnte nicht ihm zur Last gelegt werden --

er hatte eben das Hochfeuer noch nicht passiert und nicht in jener

thauwindartigen, lösenden Temperatur gestanden, welche warmfühlende

Menschen um sich verbreiten, denn die sanftklingenden, milden Worte des

Doktor Ruß hatten nie ein Echo in ihm wachgerufen.

Während er sich an den Tisch setzte und die gebotene Erfrischung annahm,

umfaßte sein Stiefvater zärtlich seine Frau und küßte liebevoll ihre

große, weiße Hand.

»Mein geliebtes, gutes Weib,« sagte er salbungsvoll, »es ziemt sich zu

betrachten, wie der Herr die Geschicke lenkt. Dein Kind steht vor einem

großen Wendepunkt seines Lebens.«

»Und ich nicht minder,« sagte sie leise, und mit fast erschreckender

Leidenschaftlichkeit im Ton, die man unter dieser eisigen Hülle nicht

gesucht, fügte sie hinzu: »Nach Jahren, Jahren, Jahren der Abhängigkeit,

der Demütigung und des Gnadenbrotes!«

»Das letztere war dein Wille, geliebtes Weib,« erwiderte Ruß mit

gleicher Sanftmut. »Hättest du nicht so heftig opponiert, ich hätte eine

Professur gesucht und gefunden, die uns unabhängig gemacht hätte -- aber

die Rücksicht und der Hinblick auf deine Zukunft, Alfred, hieß uns hier

bleiben und ausharren.«

»Deine Professur hätte meine Zukunft wohl kaum beeinflußt,« sagte

Falkner ruhig.

»Doch -- unsere Liebe zu dir gebot uns zu bleiben und dein Erbe für dich

zu verwalten und zusammenzuhalten.«

Jetzt erhob sich Falkner.

»Das wäre geschehen auch ohne Erbschleicherei,« sagte er unbewegt.

Doktor Ruß hustete -- dabei aber schoß ein böser Blick unter den

Brillengläsern hervor auf die Reckengestalt seines Stiefsohnes, dem mit

süßen Reden absolut nicht zu nahen war.

»Du bedienst dich starker Ausdrücke,« sagte er indes mit gewöhnlicher

Milde, etwa wie man einem unbezähmbaren Kinde gegenüber thut.

Auf der Stirne Falkners schwoll die Ader bedenklich an, aber er beherrschte

sich wie immer.

»Wann kann ich den Onkel sehen?« fragte er nur.

»O, du magst gleich hineingehen,« entgegnete Frau Ruß. Und ohne ein

weiteres Wort verließ der Sohn das Zimmer.

»Das wird ein strenger Herr auf dem Falkenhof werden,« meinte der Doktor,

indem er sein rundes Haupt sinnend wiegte.

»Eigensinnig und hartköpfig ist er, wie alle Falkners,« erwiderte sie

achselzuckend. »Mir fiel nur der Ernst auf, den er diesmal in erhöhtem

Maße mitgebracht -- das sieht fast aus wie Schwermut.«

»Daran denkt nur dein Mutterherz, Liebe. Ihr Mütter nehmt oft für

Schwermut, was vielleicht nur -- Schulden sind,« sagte der Doktor mit

leisem Lachen.

»Möglich,« entgegnete sie kühl.

Indes schritt Alfred Falkner den Korridor des Südflügels entlang und bog

nach dem östlichen Teil des Hauses ein, in welchem der jetzige Herr des

Falkenhofes wohnte. Und wie er dem entgegenschritt, sah er durch die

von schlanken Säulen getragenen Spitzbogen, welche die kreuzgangartigen

Korridore nach innen begrenzten, während die Wohnräume nach außen

lagen, hinab in den geräumigen Hof, dessen graue Mauern bis zu den steilen

Giebeldächern hinauf mit Klematis, Kletterrosen und Epheu umsponnen waren.

Da blühten die Rosen wie ehemals auf dem smaragdgrünen Rasen, und aus

dem Brunnen mit den Delphinen, deren zusammengewundene, sich nach oben

bäumende Leiber die Freiherrnkrone trugen, rauschten die krystallhellen,

kühlen Wasserstrahlen wie damals, als in der Nacht die Feengestalt mit dem

goldenen Haare an dem Rande des Bassins schwebte, einen Kranz flocht und

dazu sang.

Warum er nur immer dieses Mädchen mit der Gestalt der Sängerin der

Satanella zusammenschmolz? Er blieb einen Augenblick stehen und sah hinab

in den Hof, der jetzt ganz von Sonnenschein erfüllt war, und es kam ihm

der Gedanke, ob der Rosenkranz, den sie damals nach der Krone geworfen und

der in ihren Zacken hängen geblieben war, schon ganz zu Staub geworden?

Ärgerlich wandte er sich ab und schritt weiter -- zu welch' absurden

Gedanken läßt sich doch der Mensch mitunter hinreißen!

Er betrat den östlichen Frontflügel, der, parallel mit dem westlichen

laufend, die anderen Flügel an Länge bedeutend überragte, so daß

das ganze Gebäude ein längliches Viereck bildete. Hier wohnte der

Schloßherr, und hier in der sogenannten Bibliothek, die aber mehr

Familienarchiv war, brachte er den größten Teil seines Lebens mit

heraldischen und genealogischen Forschungen zu. Aber der lange, weite Raum,

dessen Büchereien die Familienpapiere bargen, so daß eigentlich nichts

in ihm an eine Bibliothek mahnte, war leer. Die schweren dunkelblauen

Plüschvorhänge der drei Bogenfenster waren herabgelassen. Den Schritt

dämpfend, durchmaß Falkner den weiten Raum, und öffnete leise die Thür,

die nach dem Wohnzimmer des Onkels führte -- und dort, vor seinem offenen

Sekretär saß er, die wohlbekannte, verkrüppelte Gestalt mit dem Höcker,

tief in den grünen Saffiansessel vergraben, rechts und links die Krücken,

mit denen er sich so schnell und gewandt fortzubewegen verstand, zum

sofortigen Gebrauch an den Sessel gelehnt. Aber das gelbe, vertrocknete,

häßliche und bartlose Gesicht mit den langgezogenen Zügen, dem spitzen

Kinn und den boshaften Augen, wie sah es dem Eintretenden jetzt verändert

entgegen! Uralt und wie aus Pergament gepreßt hatte dieses Antlitz ja

immer ausgesehen, selbst in den Tagen der Jugend seines Besitzers, aber

heut' war doch ein ganz besonderes Etwas darin zu finden -- die Runen des

Todes.

»Ah, der Musjö Alfred,« schnarrte der alte Herr trotz dieser drohenden

Zeichen in seinem Antlitz mit dem gewohnten spöttischen Tone dem Neffen

entgegen. »Was verschafft mir die hohe Ehre deines Besuches!«

»Meine Mutter schrieb mir, du seiest krank, Onkel -- da wollte ich doch

einmal selbst nach dir sehen,« erwiderte Falkner herzlich und reichte dem

armen reichen Krüppel die Hand.

Kichernd wie ein Kobold kitzelte der alte Freiherr mit der Fahne der

Gänsefeder, welche er in der spindeldürren, großen gelben Rechten hielt,

die Fläche der ihm gebotenen Hand.

»Das Opfer liegt -- die Raben steigen nieder,«

citierte er mit blinzelnden Augen.

Sofort zog Falkner seine Hand zurück und schickte sich an, das Zimmer zu

verlassen.

»Hoho, wohin?« rief ihm der Kranke nach.

»Zurück nach B.,« entgegnete der Legationsrat lakonisch, ohne sich

umzuwenden.

»Hier geblieben,« kreischte der Freiherr, und als sein Neffe zögerte,

setzte er bissig hinzu: »Ist das eine Art, mit einem umzugehen? Ist das

die Manier, sich einem Erbonkel angenehm zu machen?«

Falkner ergriff einen Stuhl und setzte sich dem Kranken gegenüber.

»Ich bin gekommen, nach dir zu sehen, weil Pietät und Pflicht mir dies

gebieten,« sagte er abweisend. »Das ›Angenehmmachen‹ überlasse ich

-- anderen Leuten!«

Die Falkner vom Falkenhof. Erster Band. · 第 5 / 13 题