II. Vererbung neu erworbener Eigenschaften.

Während „die Vererbung ererbter Eigenschaften“ als eine nicht

wegzudiscutirende Thatsache von den Naturforschern zugegeben, aber in

verschiedener Weise zu erklären versucht wird, gehen hinsichtlich des

zweiten Problems, mit welchem wir uns jetzt beschäftigen wollen, ihre

Ansichten in diametral entgegengesetzten Richtungen auseinander. Sind

doch in der Neuzeit nicht wenige Stimmen laut geworden, welche das

Problem überhaupt ganz aus der Welt schaffen wollen, indem sie schon

die Möglichkeit einer Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften glauben in

Abrede stellen zu müssen.

Den prononcirtesten Standpunkt hat auch in dieser Beziehung ~Weismann~

eingenommen, welcher sich das Verdienst erworben hat, die Discussion

über das Vererbungsproblem wieder in lebhaften Fluss gebracht, viele

Fragen schärfer formulirt und dabei auch manches alte Vorurtheil

beseitigt zu haben. Die Vererbung erworbener Eigenschaften sucht er als

eine unmögliche Annahme darzustellen, weil er sich keinen Mechanismus

denken kann, durch welchen sich Zustände anderer Körpertheile und

Veränderungen den Keimzellen derart mittheilen sollten, dass die

Substanz des Keimes „correspondirend verändert würde“; ausserdem

aber sieht er sich auch noch „durch eine Reihe grosser Gruppen von

Thatsachen verhindert, eine derartige Vererbung als wirklich vorkommend

anzunehmen“.

Indem ~Weismann~ der Anpassung der Organismen an äussere Verhältnisse

keinen Einfluss auf das Zustandekommen neuer Artcharaktere

einräumt, weil die während des individuellen Lebens erworbenen

Eigenthümlichkeiten seiner Meinung nach nicht auf den Keim übertragbar

sind, muss er nothwendiger Weise zu der Annahme geführt werden, dass

neue Artcharaktere direct vom Keim aus bewirkt werden. Auf diesen

Standpunkt ist in der That auch ~Weismann~ immer mehr geführt worden,

bis er ihn zuletzt in seinen Schriften „Die Allmacht der Naturzüchtung“

und „Ueber Germinalselection“ in aller Consequenz durchgeführt hat. In

ihnen sucht er alle Veränderungen in der Organismenwelt durch zufällige

Keimesvariation und durch Naturzüchtung zu erklären.

~Weismann~’s Ansichten haben auf vielen Seiten Beifall gefunden, und es

gibt nicht Wenige, welche die Uebertragbarkeit erworbener Charaktere

als eine wissenschaftlich unhaltbar gewordene Lehre betrachten.

„Für denjenigen, der sich die Grösse des Räthsels der angeblichen

Uebertragung von Veränderungen des Personaltheils auf den Germinaltheil

vorgestellt hat,“ bemerkt ~Roux~, „ist die von ~Weismann~ sorgfältig

begründete und neben ihm auch von Anderen angebahnte Theorie von

der Continuität des Keimplasmas die Erlösung von einem auf unserem

Erkenntnissvermögen lastenden Alp, die Befreiung von zwei der

schwierigsten entwicklungsmechanischen Probleme, von Problemen, welche

schwerer lösbar erscheinen als das der Entstehung des Zweckmässigen

ohne zweckthätiges Wirken. Als nach Erkenntniss strebende Wesen werden

wir dringend wünschen, dass sich dieses Fundament von der Theorie der

Continuität des Keimplasmas immer mehr bewahrheiten möge.“

Auch in dieser Hinsicht ist unser Standpunkt ein entgegengesetzter. Wie

~Darwin~ und ~Spencer~, ~Virchow~, ~Haeckel~, ~Hering~, ~Nägeli~ u. A.

halten wir an der Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften, an ihrer

Uebertragbarkeit auf den Keim fest. Ohne ihre Annahme würde in der

Continuität des organischen Entwicklungsprocesses eine Lücke entstehen;

es würde ein nothwendiges Glied in unserer Theorie der Biogenesis

fehlen, wir würden auf eines der wichtigsten Erklärungsprincipien für

die Entwicklung der Organismenwelt verzichten.

Hiermit wollen wir natürlich keineswegs Alles gutheissen, was in der

Literatur über Vererbung erworbener Eigenschaften geschrieben ist, und

wir sind der Meinung von ~Weismann~, dass die Angaben von Vererbung von

Verstümmlungen, zufälligen Verletzungen, dieser und jener Krankheit

theils irrthümlich sind, theils mit der grössten Skepsis beurtheilt

werden müssen.

Man hat gegen die Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften als

Grund vorgebracht, dass die Uebertragung von Veränderungen des

„Personaltheiles“ auf den „Germinaltheil“ mechanisch nicht vorstellbar

sei. Wir geben zu, dass die Erklärung der Uebertragung zu den

schwierigsten Problemen gehört, müssen aber dabei gleichzeitig

hervorheben, dass diese Schwierigkeit nicht minder für den umgekehrten

Process besteht, für die Entfaltung der in der Erbmasse der Zelle

gegebenen unsichtbaren Anlagen zu den sichtbaren Eigenschaften des

Personaltheiles. Denn kann sich etwa Jemand „mechanisch“ vorstellen,

wie es das Idioplasma oder der Keim anfängt, dass sich aus ihm ein Auge

oder ein Hirn mit seinen millionenfach verschlungenen Nervenbahnen,

für einen erst später zu erfüllenden Zweck auf das Beste im Voraus

angepasst, bildet?

Wir sind im einen wie im anderen Fall noch weit davon entfernt, in die

innere Werkstatt der Natur hineinzusehen, und müssen uns hier wie dort

bescheiden, wenn es uns gelingt, ein wenig den Schleier zu lüften.

Es kann im Folgenden nicht meine Aufgabe sein, das schwierige Problem

eingehender zu erörtern; denn Experimente, welche die Vererbbarkeit

erworbener Charaktere gleichsam ad oculos demonstriren, fehlen uns

noch. Da aber das Thema in letzter Zeit wieder vielfach verhandelt

worden ist und mit allen Fragen der Theorie der Biogenesis so innig

verwebt ist, kann ich es auch nicht ganz mit Stillschweigen übergehen,

sondern muss wenigstens in aller Kürze meinen Standpunkt darzulegen

versuchen. Zum grossen Theil freilich wird es mehr ein Hervorheben von

dem sein, was schon von anderen Seiten darüber in treffender Weise

gesagt worden ist.

Analysiren wir zuerst im Allgemeinen den Vorgang, wie er sich bei der

Uebertragung erworbener Eigenschaften vollziehen muss.

Zunächst müssen äussere Ursachen in einem Organismus eine Veränderung

bewirken. +Die Veränderung muss von Dauer sein+, sie darf nicht, wie es

bei Veränderungen im Organismus so häufig der Fall ist, beim Aufhören

der Ursache wieder in den früheren Zustand zurückfallen.

+Sie muss ferner an derjenigen Substanz in der Zelle eingetreten sein,

welche wir als ihre Erbmasse+ (Idioplasma) +bezeichnet haben+. Dann

erst hat die Zelle durch äussere Ursachen eine neue Anlage erworben,

welche sie befähigt, gegen früher in veränderter Weise zu wirken, so

oft die Anlage im Lebensprocess der Zelle als innere Ursache in Kraft

tritt. Da die neu erworbene Anlage von Dauer ist, muss sie bei jeder

Vermehrung durch Theilung auf die Tochterzellen mit übertragen werden.

An diesem Vorgang haftet, wenn wir ihn in seine einfachsten

Elemente zerlegen, nichts Wunderbares, und er ist jedenfalls nicht

unverständlicher als jeder andere als Ursache und Wirkung sich im

Bereich des Organischen abspielende Vorgang. Durch einige Beispiele

lässt er sich noch begreiflicher machen.

Wie im ersten Theil beschrieben wurde (Seite 83), zeichnen sich

~Algenschwärmer~ durch ihre ~Lichtempfindlichkeit~ (Phototaxis) aus;

zugleich wurde angeführt, dass durch äussere Ursachen, wie durch

andauernde starke Belichtung oder durch andauernde hohe Temperatur,

sich ihre Lichtempfindlichkeit verändern lässt (S. 84). Es müssen daher

wohl materielle Veränderungen in den Algenschwärmern eingetreten sein,

welche der Grund ihrer jetzt veränderten Reaction gegen den Lichtstrahl

sind. Wenn sich nun solche Algenschwärmer in dem veränderten Zustand

theilen würden, so würde gewiss sich Niemand wundern, wenn auch ihre

Nachkommen eine andere Lichtstimmung zeigen würden.

Ein anderes Beispiel geben uns die +Bakterien+. Wie durch ~Pasteur~

und Andere experimentell festgestellt ist, können virulente

Bakterienarten, wie der Milzbrandbacillus, die Mikroorganismen der

Hühnercholera etc., ihre giftigen Eigenschaften verlieren, wenn sie

unter aussergewöhnlichen Bedingungen, in besonderen Nährlösungen oder

bei hoher Temperatur, gezüchtet werden.

Die so durch äussere Eingriffe neu erworbenen Eigenschaften haften in

manchen Fällen den Bakterien so fest an, dass sie dieselben nicht nur

für ihre eigene Lebensdauer bewahren, sondern auch auf ihre Nachkommen

übertragen. Es müssen also auch hier wieder materielle Veränderungen in

ihnen eingetreten sein, die erblich sind, so dass man von einer neuen,

künstlich erzeugten „+physiologischen Varietät+“ des Milzbrandbacillus

etc. sprechen kann. Die Varietät behält auch ihre Eigenschaft in vielen

Generationen bei, wenn die abnormen Zuchtbedingungen schon längst

aufgehört haben, z. B. wenn sie sich in einem für Milzbrand sonst

empfänglichen Versuchsthier entwickelt; sie kann dann sogar dieses

gegen die virulente Varietät immun machen.

Wie hier für einzellige, so ist auch für höhere Organismen die

Vererbung erworbener Eigenschaften -- allerdings in einfachen Fällen

-- experimentell nachgewiesen. Ich meine die +Vererbung erworbener

Immunität+.

~Tizzoni~ hat durch eine Reihe von Züchtungsversuchen nachgewiesen,

dass +tetanusfeste Mäuse+ oder +hundswuthfeste Kaninchen+ ihre gegen

den Tetanuserreger, resp. das Hundswuthgift erworbene Immunität auch

auf ihre Nachkommen als Erbe mit übertragen. ~Behring~ hat Aehnliches

für Diphtheritis gefunden. Besonders interessant sind aber die

Experimente von ~Ehrlich~ über +die Wirkung von Ricin und Abrin bei

Mäusen+.

Ricin und Abrin wirken schon in kleinsten Dosen bei Mäusen als

starkes Gift. Mit der Nahrung aufgenommen, rufen sie im Darm eine

starke Entzündung und dadurch den Tod hervor. Indessen können durch

längere Zeit fortgesetzte Verabreichung kleinster Dosen und durch ihre

allmähliche Steigerung die Mäuse gegen die Giftwirkung so unempfindlich

werden, dass sie jetzt selbst grössere Gaben, welche bei anderen Mäusen

rasch den Tod herbeiführen, anstandslos vertragen. Sie sind +ricin-+

oder +abrinfest+ geworden, sie haben gegen die Giftwirkung des Ricin

und Abrin einen gewissen Grad von Immunität erworben.

Die Ricinfestigkeit -- und das interessirt uns hier besonders --

ist eine neu erworbene Eigenschaft nicht nur von den Wandungen des

Darmkanals, mit welchem das Ricin direct in Berührung gekommen ist,

sondern vom ganzen Körper. Auf zwei verschiedenen Wegen lässt sich dies

leicht feststellen.

Der eine Weg ist die subcutane Einverleibung des Mittels. Während sonst

schon ¹⁄₂₀₀₀₀₀ Lösung bei der Maus +sicher+ tödtlich wirkt, werden

jetzt ¹⁄₁₀₀₀ bis ¹⁄₅₀₀, in seltenen Fällen sogar ¹⁄₂₅₀ vertragen.

Der zweite Weg ist die Behandlung der Conjunctiva des Auges mit

Ricinlösungen. Bei gewöhnlichen Thieren erzeugt schon eine 0,5 bis

1,0% Lösung eine intensive Entzündung der Conjunctiva, welche sich

schliesslich zu einer Panophthalmitis steigern und den Untergang des

ganzen Auges zur Folge haben kann. Bei Mäusen dagegen, welche während

längerer Zeit mit kleinen Dosen von Ricin gefüttert worden sind,

reagirt die Augenschleimhaut selbst gegen eine mit 10% Kochsalzlösung

hergestellte Ricinpaste nicht mehr. Durch die Verfütterung kleiner

Ricindosen ist, wie ~Ehrlich~ sich ausdrückt, „eine absolute Immunität

localer Natur“ der sonst so sehr empfindlichen Conjunctiva des Auges

hervorgerufen worden.

Ein Mittel also, welches zunächst nur auf die Darmwand einwirkte,

hat, wie im ganzen Körper, so auch am Auge Veränderungen im Zustand

der Gewebe und Zellen hervorgerufen. Ihre Ricinfestigkeit ist nach

meiner Ansicht (siehe Zusatz 1) in der Weise zu erklären, dass von

den Darmwandungen aus der giftige Eiweisskörper resorbirt wird und in

kleinen Dosen durch die Körpersäfte überall hin vertheilt wird. So

erfahren schliesslich alle Zellen des Körpers die Einwirkung des Ricins

in refracta dosi, passen sich durch Gegenwirkung dem Gifte an und

werden „ricinfest“.

~Ehrlich~ hat im Verfolg seiner Experimente auch die wichtige und

sich sofort aufdrängende Frage geprüft, ob die gegen Ricin erworbene

Immunität seiner Versuchsthiere sich durch Vermittlung von Ei und Samen

auf ihre Nachkommen vererben lässt.

Samenfäden und Eier zeigten hierbei ein verschiedenes Verhalten. Denn

als Männchen von hoher Ricin- resp. Abrinfestigkeit mit einem normalen

Weibchen gepaart wurden, liess sich an der Nachkommenschaft keine Spur

von Immunität gegen das Gift nachweisen. Das Idioplasma der Samenfäden

ist also nicht fähig, die vom Vater erworbene Giftfestigkeit auf die

Nachkommenschaft zu übertragen.

Ganz anders war der Erfolg, als Weibchen, die gegen Abrin, resp.

Ricin gefestigt waren, mit normalen Männchen gepaart wurden. Die

Nachkommenschaft erwies sich selbst 6–8 Wochen nach der Geburt noch

ausnahmlos als ricinfest.

Das zwischen Ei und Samen zu Tage tretende verschiedene Verhalten

möchte ich mir in der Weise erklären, dass das in den Säften kreisende

Gift bei der kurzen Dauer der Versuche nur auf das Ernährungsplasma der

Zellen eingewirkt hat. Das Idioplasma dagegen als die stabilere und

überhaupt den directen Eingriffen der Aussenwelt weniger ausgesetzte

Substanz ist noch unverändert geblieben. Es können daher wohl die

protoplasmareichen Eier die Giftfestigkeit durch ihr abgeändertes

Protoplasma den aus ihnen hervorgehenden Embryonalzellen übertragen,

nicht aber die Samenfäden, die nur durch ihre Kernsubstanz beim

Befruchtungsprocess wirken.

Ueberhaupt ist bei der Beurtheilung der von ~Ehrlich~ angestellten

Experimente im Auge zu behalten, dass die von ihm erzielte

Ricinfestigkeit nur von kurzer Dauer ist; sie ist noch keine

absolute geworden, das heisst, die Widerstandsfähigkeit der Zellen

gegen das Gift ist noch kein bleibender Erwerb, noch keine Anlage

ihres Idioplasmas geworden. Um dies zu erreichen, müsste wohl der

ganze Stoffwechsel der Zellen in einer über längere Zeiträume sich

erstreckenden Weise gleichmässig von der giftigen Substanz beeinflusst

werden.

Die Gegner der Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften werden in

derartigen Fällen den Sachverhalt zugeben, aber einwerfen, dass diese

Fälle erklärbar seien, weil bei ihnen doch offenbar eine directe

Wirkung des in die Säftemasse des Körpers aufgenommenen Ricins auf

die Geschlechtsproducte vorliege, dass es sich wahrscheinlich mit

der Vererbung erworbener Immunität ähnlich verhalten werde; dagegen

liege keine Uebertragung von Eigenschaften des Personaltheils

auf den Germinaltheil vor, was doch das bei der Vererbungsfrage

Ausschlaggebende und das zu Erklärende sei.

Der Einwurf wird zunächst Vielen als ein berechtigter erscheinen; denn

er erweckt den Anschein, als ob hier ein principieller Unterschied

vorliege. Nach unserer Meinung ist dies aber nicht der Fall; sondern es

handelt sich nur um einen Unterschied zwischen einem Einfacheren und

einem Complicirteren. Lassen wir nur einmal die ganze Unterscheidung

zwischen einem Personaltheil und einem Germinaltheil, auf welchen

von dem ersteren seine Eigenschaften übertragen werden sollen, ganz

weg; denn sie ist für die Vererbungsfrage, wie sie nach der Theorie

der Biogenesis liegt, sowohl überflüssig, als auch erschwert sie die

Verständigung.

Gehen wir vielmehr von der Auffassung aus, dass der Organismus in

seiner Totalität eine physiologische Lebenseinheit und als solche bei

der Vererbungsfrage zu beurtheilen ist.

Dann können wir sagen: durch das in den Körper eingeführte Ricin ist

der Gesammtzustand des Organismus verändert worden. Indem jedes Gewebe,

jede Zelle die Ricinwirkung oder bei Krankheiten die Wirkung des

specifischen Krankheitserregers erfahren hat, hat der Organismus eine

neue Eigenschaft, die Immunität gegen gewisse Einwirkungen, erhalten,

und er vererbt das Neuerworbene, sobald es ein Gemeingut aller Zellen,

die Geschlechtszellen nicht ausgenommen, geworden ist.

Würde eine Pflanze oder ein niedriger stehendes Thier in derselben

Weise eine neue Eigenschaft als Gemeingut aller seiner Zellen erworben

haben, so würde die Vererbung, wie durch die Geschlechtsproducte, so

auch auf ungeschlechtlichem Wege durch Knospen, Stecklinge, Ableger,

mit einem Worte, durch selbständig werdende Stücke jedes Körpertheiles

erfolgen können.

+Wie nun die Zelle das Ricin empfindet und eine materielle, bleibende

Veränderung erfährt, die als Ricinfestigkeit vererbt wird, so, meine

ich, steht jede Zelle auch unter der Wirkung des Gesammtzustandes

des Körpers und erfährt in der Substanz, welche hierfür besonders

aufnahmefähig ist, in ihrem Idioplasma oder der Erbmasse, materielle

Veränderungen, welche der Ursache als Wirkung entsprechen+, wie in den

Körperzellen so auch in den Geschlechtsproducten.

In dem Organismus als einer physiologischen Lebenseinheit müssen

sich die Wirkungen aller einzelnen Organe, aller Gewebe und Zellen

schliesslich zu einer complicirten Gesammtwirkung vereinigen, welche

den Gesammtzustand des Organismus bedingt, der von jedem einzelnen

Theil empfunden wird, und, soweit es zu einer dauernden Veränderung im

Idioplasma kommt, zu einer neuerworbenen Eigenschaft geworden ist.

In besonderen Abschnitten (S. 33) haben wir früher die Mittel und

Wege besprochen, auf denen Einwirkungen aller Theile des Körpers auf

einander erfolgen können, die Säfte, in welche alle Zellen ihre Stoffe

abgeben, und aus welchen sie Stoffe aufnehmen, die Protoplasmabrücken,

die Zelle mit Zelle verbinden, und die zahllosen Nervenbahnen. Wir

haben in anderen Abschnitten gesehen, +wie durch solche Mittel und Wege

die Organe in allseitiger Fühlung (Correlation) unter einander stehen

und sich auch Einwirkungen der Aussenwelt mittheilen+.

Gleichwohl müssen wir sagen, dass wir in Wirklichkeit von allen den

complicirten Processen, von dem +ganzen Kraftwechsel oder der Dynamik+

eines vielzelligen Organismus so gut wie nichts wissen.

Auf unorganischem Gebiete sind wir in unserm Jahrhundert mit den

wunderbarsten Kraftübertragungen und Energieumwandlungen bekannt

geworden. Von einem Welttheil zum andern können wir vermittelst eines

dünnen Kupferdrahtes in Blitzeseile unsere Gedanken mittheilen;

mittelst des Telephons kann das in Berlin gesprochene Wort in Wien

gehört werden; sogar durch das blosse Medium der Luft ist bei

geeigneter Vorrichtung eine Telegraphie ohne Draht auf Entfernung

von Stunden möglich. Auf einer chemisch hergerichteten Glasplatte

hinterlassen die complicirtesten Gegenstände -- und, wie lange wird es

dauern, selbst in ihren verschiedenen Farbennuancen -- naturgetreu ihre

Spuren als Bild. Von einer sinnreich präparirten Wachsplatte lässt sich

das Lied einer Sängerin beliebig oft und noch nach Jahren durch den

Phonographen reproduciren.

Wenn wir so sehen, wie durch relativ einfache Stoffe der unorganischen

Natur, durch einen Kupferdraht, eine chemisch präparirte Glasplatte,

eine Wachstafel die complicirtesten Zustände -- ein Concertstück,

ein Lied einer Sängerin, eine Landschaft, eine menschliche Figur mit

ihrem Gesichtsausdruck entweder bloss übermittelt (Telephon) oder

dauernd festgehalten und in letzterem Fall durch geeignete Vorkehrungen

beliebig oft reproducirt werden können (Phonograph, photographische

Platte), so dürfen wir wohl ähnliche Vermögen, nur noch höher und

feiner ausgebildet, auch bei der am höchsten organisirten Substanz der

Natur, dem lebendigen Organismus der Zelle, voraussetzen.

Unsere Ansicht lässt sich demnach in die These zusammenfassen:

+Veränderungen, die im Gesammtzustand eines Organismus durch Abänderung

dieser oder jener Function während des individuellen Lebens eintreten,

rufen, wenn sie von Dauer sind, auch in den einzelnen Zellen des

Organismus Veränderungen hervor, besonders in jener Substanz, welche

wir als die Trägerin der Arteigenschaften bezeichnet haben. Zustände

des zusammengesetzten Organismus werden so in Arteigenschaften der

Zelle, in ein anderes materielles System, umgesetzt. Die Erbmasse des

Organismus wird um ein neues Glied, eine neue Anlage bereichert, welche

bei der Entwicklung der nächsten Generation sich wieder manifestirt,

indem das neu entstehende Individuum jetzt schon „vom Keim aus“ oder

aus inneren Ursachen die von den Eltern im individuellen Leben, im

Verkehr mit der Aussenwelt, erworbenen Eigenschaften mehr oder minder

reproducirt.+

In ähnlicher Weise haben sich schon andere das Vererbungsproblem

discutirende Forscher ausgesprochen, so besonders ~Spencer~, dessen

Schlussfolgerungen ich mit seinen eigenen Worten wiedergebe:

„Es ist nicht a priori einleuchtend, dass auch Abänderungen der

Structur, welche durch Abänderungen der Functionen erzeugt wurden,

auf die Nachkommenschaft übertragen werden müssen. Es ergibt sich

nicht von selbst, dass Veränderung in der Form eines Theils,

verursacht durch veränderte Thätigkeit desselben, zugleich eine solche

Veränderung in den physiologischen Einheiten des gesammten Organismus

hervorrufen müsse, dass diese, wenn Gruppen derselben in Gestalt von

Reproductionsmitteln abgeworfen werden, sich zu einem Organismus

entfalten, bei dem dieser betreffende Theil eine ähnlich abgeänderte

Form zeigt.“

„In der That sahen wir bei der Besprechung der Anpassung, dass ein

durch Zunahme oder Abnahme der Function verändertes Organ nur langsam

eine solche Rückwirkung auf das gesammte System ausüben kann, dass

jene correlativen Veränderungen sich einstellen, die nöthig sind, um

einen neuen Gleichgewichtszustand zu erzeugen; und doch können wir erst

dann, wenn ein solcher neuer Gleichgewichtszustand hergestellt ist,

erwarten, dass derselbe in den umgewandelten physiologischen Einheiten,

aus welchen sich der Organismus aufbaut, vollständig seinen Ausdruck

finde; -- nur dann können wir eine vollständige Uebertragung dieser

Abänderungen auf die Nachkommen mit Sicherheit voraussetzen.“

„Nichtsdestoweniger ergibt es sich als Deduction -- oder wenigstens als

allgemeine Folgerung -- aus ersten Principien, dass Veränderungen der

Structur, welche durch Veränderungen der Thätigkeit verursacht wurden,

ebenfalls, wenn auch nur sehr verwischt, von einer Generation auf

die andere übertragen werden müssen. -- Denn wenn ein Organismus _A_

durch irgend eine besondere Gewohnheit oder Lebensbedingung zur Form

_A′_ umgewandelt worden ist, so folgt daraus unvermeidlich, dass alle

Functionen von _A′_ mit Einschluss der Zeugungsfunction in gewissem

Grade von den Functionen von _A_ verschieden sein müssen.“

„+Wenn ein Organismus nichts Anderes ist als eine Combination

rhythmisch thätiger Theile in beweglichem Gleichgewicht, so ist es

unmöglich, die Thätigkeit und den Bau irgend eines Theiles abzuändern,

ohne Aenderungen der Thätigkeit und des Baues im ganzen Organismus

hervorzurufen+, genau so, wie kein Glied des Sonnensystems hinsichtlich

seiner Bewegung oder seiner Masse verändert werden könnte, ohne dass

damit eine durch das ganze Sonnensystem hindurch sich erstreckende

neue Anordnung verursacht würde. Und wenn der Organismus _A_ bei

seinem Uebergang zu _A′_ in allen seinen Functionen verändert worden

sein muss, dann kann auch die Nachkommenschaft von _A′_ nicht dieselbe

sein, die sie sein würde, hätte ihr Erzeuger die Form _A_ beibehalten.

Es hiesse das Fortbestehen der Kraft in Abrede stellen, wenn man

behaupten wollte, dass _A_ sich in _A′_ verwandeln und doch noch eine

Nachkommenschaft erzeugen könne, welche genau derjenigen gleich wäre,

die er ohne diese Veränderung erhalten haben würde. Dass aber die

Veränderung in der Nachkommenschaft unter sonst gleichen Umständen

nach derselben Richtung hin stattfinden muss wie die Veränderung

in dem Erzeuger, können wir im Allgemeinen schon aus der Thatsache

erschliessen, dass die in das System des Erzeugers eingeführte

Veränderung nach einem neuen Gleichgewichtszustande hinstrebt, dass sie

also die Thätigkeit aller Organe mit Einschluss der Zeugungsorgane in

Uebereinstimmung mit diesen neuen Thätigkeiten bringen muss.“

„Oder um die Frage auf ihre letzte und einfachste Form zurückzuführen,

können wir sagen, dass +ebenso wie die physiologischen Einheiten

ihrerseits in Folge ihrer speciellen polaren Kräfte sich zu einem

Organismus von speciellem Bau zusammenordnen, so auch andererseits

die Umgestaltung, welche der Bau dieses Organismus durch veränderte

Function erfahren hat, irgend eine entsprechende Umgestaltung im Bau

und in den Polaritäten seiner Einheiten erzeugen wird. Die Einheiten

und ihre Aggregate müssen auf einander einwirken und zurückwirken.

Die von jeder Einheit auf das Aggregat und von dem Aggregat auf jede

Einheit ausgeübten Kräfte müssen stets einem Gleichgewichtszustande

zustreben. Wenn keine Störung eintritt, so werden die Einheiten das

Aggregat in einer Form herstellen, welche ein Gleichgewicht zwischen

ihren vorher schon bestehenden Polaritäten ermöglicht. Wird umgekehrt

das Aggregat durch einwirkende Kräfte veranlasst, eine neue Form

anzunehmen, so müssen seine Kräfte danach streben, die Einheiten

im Einklange mit dieser neuen Form umzugestalten. Und wenn wir

sagen, dass die physiologischen Einheiten in irgend welchem Grade

so umgestaltet sind, dass ihre polaren Kräfte mit den Kräften des

umgewandelten Aggregats in’s Gleichgewicht gebracht sind, so ist

damit zugleich gesagt, dass diese Einheiten, wenn sie in Gestalt von

Reproductionscentren sich absondern, das Bestreben zeigen werden, sich

zu einem Aggregate aufzubauen, welches in derselben Richtung umgeändert

ist.+“

Mit den Eigenschaften, welche ~H. Spencer~ seinen hypothetisch

angenommenen physiologischen Einheiten beilegt, ist nach der

Theorie der Biogenesis die Substanz ausgestattet, welche Träger der

Arteigenschaften (Idioplasma) ist und als Erbmasse in jeder Zelle des

vielzelligen Organismus eingeschlossen ist.

+~H. Spencer~’s physiologischen Einheiten entsprechen somit unsere

Artzellen, insofern sie Träger der Erbmasse sind.+ (Siehe Zusatz 2.)

Nach der Theorie der Biogenesis haben wir der Zelle das Vermögen

zugeschrieben, Zustände des übergeordneten Organismus, dessen

anatomische Elementar-Einheit sie ist, durch materielle Veränderungen

ihres Idioplasmas festzuhalten, also in ihr materielles System,

wenn man den Vergleich gestatten will, gewissermaassen ein Bild des

aus anderen Bestandtheilen (Zellen und Zellproducten) aufgebauten

materiellen Systems des Körpers aufzunehmen und letzteres beim

Entwicklungsprocess dann wieder aus inneren Ursachen zu reproduciren.

Ein derartiges Vermögen bietet in mancher Hinsicht +eine entfernte

Analogie+ zu dem Vermögen der Hirnsubstanz, Zustände der Aussenwelt,

die ihr durch die Sinnesorgane in Bildern, Klängen und anderen

Empfindungen zugetragen werden, in das ihr eigene materielle System

aufzunehmen und durch Zeichen in sich festzuhalten, durch welche sie

unter der Schwelle des Bewusstseins kürzere oder längere Zeit in uns

fortbestehen, bis sie gelegentlich entweder durch äusseren Anstoss oder

aus inneren Ursachen wieder reproducirt werden, als Erinnerungsbilder

auftauchen und complicirten psychophysischen Processen mit als Material

dienen.

Damit betreten wir ein Gebiet, auf welchem wir uns an den äussersten

Grenzen der Naturwissenschaft bewegen, zugleich aber auch ein Gebiet,

auf welchem wir den verwandten Anschauungen so ausgezeichneter

Physiologen wie ~Fechner~ und ~Hering~ begegnen.

Beide Forscher haben die Analogie, welche sich zwischen dem Vermögen

des Gedächtnisses und der Vererbung erkennen lässt, bereits in so

trefflicher Weise auseinander gesetzt, dass ich im Folgenden nichts

Besseres thun kann, als mich mehr oder minder ihrer eigenen Worte zu

bedienen.

~Fechner~ lässt nach dem von ihm aufgestellten =Functionsprincip=

die psychophysischen Processe mit materiellen Veränderungen der

Hirnsubstanz einhergehen. In den näheren Erläuterungen hierzu bemerkt

er:

„Was bei der Ansicht, dass die Erinnerungsbilder so gut psychophysisch

fundirt sind als die Anschauungsbilder, am schwierigsten erscheinen

kann, ist die Möglichkeit, so zahllose Dinge im Gedächtnisse zu

behalten und in Erinnerung zu produciren. Aber sie ist nicht

wunderbarer als die doch thatsächlich bestehende physisch begründete

Möglichkeit, die Fertigkeit zu den verschiedensten Hantierungen in

derselben Hand zu vereinigen und wechselnd in Ausübung zu bringen. Auch

darf man nicht vergessen, dass das Erinnerungsvermögen, so unbeschränkt

es in gewissem Sinne ist, so beschränkt von anderer Seite ist. Es

unterliegt Gesetzen der Association, welche die Verbindung und Folge

der Erinnerungen regeln, und ebenso wie verwandte Fertigkeiten der

Hand sich unterstützen und disparate stören können, ist es mit den

Erinnerungen der Fall.“

„Sich den psychophysischen Mechanismus oder die organische

Einrichtung auszumalen, mittelst deren die Leistungen, welche das

Erinnerungsvermögen fordert, wirklich vollziehbar sind, wäre natürlich

sehr voreilig, solange wir noch kaum eine Ahnung über das Princip der

Nervenwirkung überhaupt und mithin über die Weise, wie es dabei zu

verrechnen wäre, haben. So viel lässt sich nur ganz im Allgemeinen

sagen, dass der +Mechanismus ein, wenn nicht im Princip, aber in den

aufgewandten Mitteln ungeheuer complicirter und nicht fester, sondern

veränderlicher, entwicklungsfähiger sein müsse+. Diesen Bedingungen

sehen wir entsprochen, und viel mehr ist für jetzt nicht zu verlangen.

Doch lässt sich noch Einiges erläuternd zufügen.“

„Die Nachklänge unserer Anschauungen in den Nachbildern haben an sich

einen gesetzmässigen, periodischen Ablauf; die Erscheinungen des

Sinnesgedächtnisses führen periodisch, wenn auch in unregelmässigen

Perioden, selbst nach längerer Zeit noch Gestalten und Bewegungen ganz

unwillkürlich in die Erscheinung zurück und würden es unstreitig viel

mehr thun, wenn nicht theils neue Eindrücke, theils die Zusammensetzung

mit den alten den deutlichen Hervortritt einzelner periodischer

Erscheinungen in diesem wogenden Meere bloss auf die Folgen sehr

intensiver, oft wiederholter Eindrücke beschränkte. Es besteht

aber doch hiernach factisch in uns das Princip einer freiwilligen,

periodischen inneren Wiederholung nicht nur einzelner Bewegungen,

sondern selbst Bewegungsfolgen, welche durch sinnliche Einwirkungen in

uns erregt wurden, gleichviel worauf es beruhe, will man anders nicht

schon die sinnlichen Phänomene von der physischen Unterlage loslösen;

und so ist kein Hinderniss, zu glauben, dass dies Princip auch als

eine der psychophysischen Grundlagen unseres Erinnerungsvermögens

eine grosse Rolle spiele. Ausserdem lässt sich voraussetzen, dass

das Princip der ungestörten Existenz und Superposition kleiner

Schwingungen und die damit zusammenhängenden Principien der Interferenz

und ungestörten Durchkreuzung von Wellen bei den sich kreuzenden,

sich mit einander zusammensetzenden, sich zeitweise ins Unbewusstsein

herabdrückenden und wieder daraus hervortretenden Erinnerungen nicht

ausser Spiel sein werden.“

„Wenn wir sehen, wie alle physikalischen Hilfsmittel aufgeboten sind,

das Auge und Ohr für die Aufnahme gesonderter Sinneseindrücke zu

befähigen, so kann man es zwar bequemer finden, die Aufbewahrung und

Wiederholung derselben als ein der Seele ohne alle äusseren Hilfsmittel

zukommendes Vermögen anzusehen, aber es auch hiergegen +nur consequent

finden, wenn man dieselbe an eine noch tiefer gehende Verwendung der

physikalischen Principien und Hilfsmittel geknüpft glaubt, womit man

nicht sowohl das Geistige herabsetzt, als die Natur heraufhebt+“ etc.

„Wenn die Erinnerungsbilder, Phantasiebilder und das Denken

begleitenden Schemata alle noch psychophysisch fundirt sind, so ist

es auch das Denken selbst, indem jeder andere Stoff und Gang des

Denkens ein anderes Material und eine andere Verknüpfungsweise der

Schemata voraussetzt, ohne die überhaupt kein Denken stattfinden kann,

wie eine andere Melodie und Harmonie nicht ohne andere Töne und eine

andere Verbindungsweise der Töne sein kann. Nun gewährt ein Klavier

in seiner verhältnissmässig geringen Zahl festliegender Tasten doch

die Möglichkeit, die allerverschiedensten Melodieen und Harmonieen

auszuführen, und so vielerlei und so hohe Gedanken der Mensch fassen

mag, 25 Buchstaben reichen hin, sie auszudrücken; es kommt beide

Male nur auf die Verbindung und die Folge an, in der die Buchstaben

oder Tasten durchlaufen werden. Das Gehirn in seinen zahllosen, in

verschiedener Weise thätigen Fibern aber enthält in dieser Hinsicht

unvergleichlich reichere Mittel; also kann auch kein Hinderniss sein,

ihm mindestens ebenso grosse Leistungen innerlich zuzutrauen, als wir

äusserlich mittelst derselben ausführen.“

Dieselbe Vorstellung, die hier ~Fechner~ vom psychophysischen Substrat

des Gedächtnisses, haben ~Nägeli~ und ich von der Beschaffenheit des

Idioplasmas entwickelt; hier wie dort wird eine organische Einrichtung

angenommen mit einem Mechanismus, der ungeheuer complicirt und

nicht fest, sondern veränderlich und entwicklungsfähig ist. Wie von

~Fechner~, so wird von ~Nägeli~ und mir an die Art und Weise erinnert,

wie durch die beschränkte Anzahl von Tasten eines Klaviers oder

durch die 25 Buchstaben des Alphabets allein durch verschiedenartige

Zusammenordnung und Aufeinanderfolge die verschiedenartigsten

Harmonieen und Gedankenfolgen zum Ausdruck gebracht werden können.

Noch mehr aber werden verwandte Gedankenreihen angeschlagen in dem

Vortrag von ~Hering~: „Ueber das Gedächtniss als eine allgemeine

Function der organisirten Materie.“

Wie ~Fechner~ betrachtet ~Hering~ „die Phänomene des Bewusstseins als

Functionen der materiellen Veränderungen der organischen Substanz und

umgekehrt“. Wenn wir daher an uns beobachten, wie eine Vorstellung

die andere auslöst, wie an die Empfindung die Vorstellung, an diese

der Wille anknüpft, wie Gefühle und Gedanken sich in einander weben,

so wird der Physiologe entsprechende Reihen materieller Processe

anzunehmen haben, welche einander auslösen, sich mit einander

verknüpfen und in ihrer materiellen Weise das ganze Getriebe des

bewussten Lebens nach dem +Gesetze des functionellen Zusammenhanges

zwischen Materie und Bewusstsein+ begleiten. ~Hering~ bezeichnet daher

„als ein Grundvermögen der organisirten Materie ihr Gedächtniss oder

ihr Reproductionsvermögen“.

„Ganze Gruppen von Eindrücken, welche unser Gehirn durch die

Sinnesorgane empfangen hat, können in ihm lange Zeit gleichsam

ruhend und unter der Schwelle des Bewusstseins aufbewahrt werden, um

bei Gelegenheit, nach Raum und Zeit richtig geordnet, mit solcher

Lebendigkeit reproducirt zu werden, dass sie uns die Wirklichkeit

dessen vortäuschen könnten, was schon längst nicht mehr gegenwärtig

ist.“

„Dies zeigt uns in schlagender Weise, dass, wenn auch die bewusste

Empfindung und Wahrnehmung bereits längst erloschen ist, doch

in unserem Nervensystem eine materielle Spur zurückbleibt, eine

Veränderung des molecularen oder atomistischen Gefüges, durch welche

die Nervensubstanz befähigt wird, jene psychischen Processe zu

reproduciren, mit denen zugleich der entsprechende physische Process,

d. h. die Empfindung und Wahrnehmung, gesetzt ist.“ „Es dauert fort

eine besondere Stimmung der Nervensubstanz, vermöge deren sie den

Klang, den sie gestern gab, auch heute wieder ertönen lässt, wenn sie

nur richtig angeschlagen wird.“

„So reihen sich fortwährend zahllose Reproductionen organischer

Processe unserer Hirnsubstanz gesetzmässig an einander, indem der eine

als Reiz den anderen auslöst.“

„Die Nervensubstanz bewahrt treu die Erinnerung der oft geübten

Verrichtungen; alle zur Herstellung der richtigen Wahrnehmung nöthigen

Processe, die einst langsam und schwierig unter fortwährender

Theilnahme des Bewusstseins erfolgten, reproducirt sie jetzt, aber

flüchtig, in abgekürzter Weise und ohne solche Dauer und Intensität,

dass jedes einzelne Glied über die Schwelle des Bewusstseins gerückt

würde.“

Ein ähnliches Vermögen des Gedächtnisses und der Reproduction wie der

Nervensubstanz ist ~Hering~ geneigt auch der organischen Substanz

zuzuerkennen, welche die Grundlage für die Entwicklung eines Organismus

bildet; ja er findet sogar, dass uns die Macht des Gedächtnisses der

organisirten Materie auf diesem Gebiete am gewaltigsten entgegentrete.

Er entwickelt seinen Gedanken in folgender Weise:

„Wir sind auf Grund zahlreicher Thatsachen zu der Annahme berechtigt,

dass auch solche Eigenschaften eines Organismus sich auf seine

Nachkommen übertragen können, welche er selbst nicht ererbt, sondern

erst unter den besonderen Verhältnissen, unter denen er lebte, sich

angeeignet hat, und dass in Folge dessen jedes organische Wesen dem

Keime, der sich von ihm trennt, ein kleines Erbe mitgibt, welches

im individuellen Leben des mütterlichen Organismus erworben, und

hinzugelegt wurde zum grossen Erbgute des ganzen Geschlechts.“

„Wenn man bedenkt, dass es sich hierbei um Forterbung von erworbenen

Eigenschaften handelt, die an den verschiedensten Organen des

Mutterwesens zur Entwicklung kamen, so muss zunächst in hohem Grade

räthselhaft erscheinen, wie diese Organe auf den Keim, der an

entfernter Stelle sich entwickelte, irgend welchen Einfluss nehmen

konnten; und deshalb haben gerade in die Erörterung dieser Frage

allerlei mystische Ansichten sich eingedrängt.“

Um den Vorgang dem physiologischen Verständniss näher zu rücken,

weist ~Hering~ darauf hin, dass vermittelst des Zusammenhanges durch

das Nervensystem sich alle Organe unter einander in einer mehr oder

weniger grossen gegenseitigen Abhängigkeit befinden und dass es dadurch

möglich sei, „dass die Schicksale des einen wiederhallen in den andern,

und von der irgendwo stattfindenden Erregung eine wenn auch noch so

dumpfe Kunde bis zu den entferntesten Theilen dringt. Zu dem durch das

Nervensystem vermittelten, leicht beschwingten Verkehr aller Theile

unter einander geselle sich dann noch der schwerfälligere, welcher

durch den Kreislauf der Säfte hergestellt werde“.

~Hering~ findet so offen genug den Weg angedeutet, auf welchem die

materielle Vermittelung zwischen den erworbenen Eigenschaften eines

Organismus und derjenigen Besonderheit des Keimes liegt, vermöge

deren er jene mütterlichen Eigenschaften auch seinerseits wieder zur

Entwicklung zu bringen vermag.

„Wie eine unendlich kleine Verschiebung eines Punktes oder

Punktcomplexes eines Curvenbruchstückes hinreiche, um das Gesetz

ihres ganzen Laufes zu ändern, so genüge auch eine unendlich kleine

Einwirkung seitens des mütterlichen Organismus auf das molekulare

Gefüge des Keimes, um bestimmend für seine ganze künftige Entwicklung

zu werden.“

„Was aber ist,“ fügt ~Hering~ hinzu, „dieses Wiedererscheinen

von Eigenschaften des Mutterorganismus an dem sich entfaltenden

Tochterorganismus Anderes als eine Reproduction solcher Processe

seitens der organisirten Materie, an welchen dieselbe schon einmal,

wenn auch nur als Keim im Keimstocke, Theil nahm, und deren sie jetzt,

wo Zeit und Gelegenheit kommen, gleichsam gedenkt, indem sie auf

gleiche oder ähnliche Reize in ähnlicher Weise reagirt, wie früher

jener Organismus, dessen Theil sie einst war, und dessen Geschicke

damals auch sie bewegten.“

„Wenn dem Mutterorganismus durch lange Gewöhnung oder tausendfache

Uebung etwas so zur andern Natur geworden ist, dass auch die in ihm

ruhende Keimzelle davon in einer wenn auch noch so abgeschwächten Weise

durchdrungen wird -- und letztere beginnt ein neues Dasein, dehnt sich

aus und erweitert sich zu einem neuen Wesen, dessen einzelne Theile

doch immer nur sie selbst sind und Fleisch von ihrem Fleische, und sie

reproducirt dann das, was sie schon einmal als Theil eines grossen

Ganzen mit erlebte --, so ist das zwar ebenso wunderbar, als wenn den

Greis plötzlich die Erinnerung an die früheste Kindheit überkommt, aber

es ist nicht wunderbarer als dieses. Und ob es noch dieselbe organische

Substanz ist, die ein einst Erlebtes reproducirt, oder ob es nur ein

Abkömmling, ein Theil ihrer selbst ist, das unterdess wuchs und gross

ward, dies ist offenbar nur ein Unterschied des Grades und nicht des

Wesens.“

Während die Eigenschaft, Zustände des Körpers zu empfinden und

gleichsam im Gedächtniss dauernd zu bewahren, von ~Hering~ nur

für die Keimzelle angenommen wird, kommt sie nach unserer Theorie

der Biogenesis überhaupt der Substanz zu, welche Träger der

Arteigenschaften ist und sich mehr oder minder in jeder Zelle des

Körpers vorfindet.

In diesem Punkte stimmen wir mit ~Herbert Spencer~ überein, dessen im

Körper überall verbreitete physiologische Einheiten bei Neuerwerb von

Eigenschaften sich ebenfalls in übereinstimmender Weise verändern.

Insbesondere aber harmoniren unsere Anschauungen mit denjenigen von

~Nägeli~. Dieser hervorragende Denker nimmt an, dass die zum Idioplasma

organisirten Eiweisskörper ein Bild ihrer eigenen localen Veränderung

nach anderen Stellen im Organismus führen und dort eine mit dem Bilde

übereinstimmende Veränderung bewirken.

„Jede Veränderung, die das Idioplasma an irgend einer Stelle erfährt,

wird überall wahrgenommen und in entsprechender Weise verwerthet. Wir

müssen sogar annehmen, dass schon der Reiz, der local einwirkt, sofort

überallhin telegraphirt werde und überall die gleiche Wirkung habe;

denn es findet eine stete Ausgleichung der idioplasmatischen Spannungs-

und Bewegungszustände statt. Diese fortwährende und allseitige Fühlung,

welche das Idioplasma unterhält, erklärt den sonst auffallenden

Umstand, dass dasselbe trotz der so ungleichartigen Ernährungs- und

Reizeinflüsse, denen es in den verschiedenen Theilen eines Organismus

ausgesetzt ist, doch sich überall vollkommen gleich entwickelt und

gleich verändert, wie wir namentlich aus dem Umstande ersehen, dass

die Zellen der Wurzel, des Stammes und des Blattes ganz dieselben

Individuen hervorbringen“ (S. 59).

„Das Idioplasma in einem beliebigen Theil des Organismus erhält

Kunde von dem, was in den übrigen Theilen vorgeht. Dies ist dann

möglich, wenn seine Veränderungen und Stimmungen auf materiellem oder

dynamischem Wege überallhin mitgetheilt werden.“

Und an dritter Stelle heisst es: „Die von aussen kommenden Reize

treffen den Organismus gewöhnlich an einer bestimmten Stelle; sie

bewirken aber nicht bloss eine locale Umänderung des Idioplasmas,

sondern pflanzen sich auf dynamischem Wege auf das gesammte Idioplasma,

welches durch das ganze Individuum sich in ununterbrochener Verbindung

befindet, fort und verändern es überall in der nämlichen Weise, so dass

die irgendwo sich ablösenden Keime jene localen Reizwirkungen empfunden

haben und vererben.“

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 187 / 225 题