Auch wenn ein vielzelliger Organismus selbst noch in voller
Lebensthätigkeit steht und von der Zeit weit entfernt ist, wo er dem
Untergang verfallen ist, können doch gleichwohl einzelne seiner Zellen
allmählich oder plötzlich in Folge localer Störungen und ungünstiger
Lebensbedingungen absterben. Die eingetretene Degeneration kann man
gewöhnlich an einigen charakteristischen Veränderungen sowohl des
Protoplasmas als des Kerns erkennen.
Das Protoplasma der Zellen wird trüber. Es treten in ihm kleinere und
grössere Körnchen auf, die wie Fett glänzen und sich auch wie dieses
durch Osmiumsäure schwärzen.
Auf experimentellem Wege haben mein Bruder und ich solche Veränderungen
häufig an Eizellen, die befruchtet waren und sich furchten, dadurch
hervorgerufen, dass wir sie kürzere Zeit der Einwirkung dünner Lösungen
von Chloralhydrat, Morphium, Chinin etc. aussetzten. Wenn der Grad der
Einwirkung so war, dass sich die Eier, wenn auch in etwas verlangsamter
und gestörter Weise, noch weiter entwickeln konnten, so wurde nach 12
oder 24 Stunden doch immer ein verändertes Aussehen des Dotters durch
Auftreten fettglänzender Körnchen beobachtet. Die Körnchen nahmen
noch einige Zeit an Grösse zu, vielleicht indem sie unter einander
verschmolzen. Oefters wurde auch bemerkt, dass, wenn die Körnchen
in grösserer Menge vorhanden waren, sie vom übrigen Protoplasma
ausgestossen wurden.
Der Process der Degeneration hat nach einiger Zeit auch eine
veränderte Structur des Kerns zur Folge. Namentlich das Nuclein
erfährt eigenthümliche Veränderungen, welchen ~Flemming~ den Namen der
+Chromatolyse+ gegeben hat.
[Illustration: =Fig. 78. Chromatolyse von Zellkernen.=
_A_ Samenzelle mit entartetem Kern aus dem Hoden von Salamandra
maculata. Nach ~Flemming~.
_B_ Zwischenkörperchen (corps résiduel) aus dem Hoden oder Eierstock
von Ascaris megalocephala. Nach ~Hertwig~.]
Geeignete Organe zu ihrer Untersuchung sind namentlich die männlichen
und weiblichen Geschlechtsdrüsen. Neben Elementen, die hier in
lebhafter Neubildung und raschem Wachsthum begriffen sind, findet man
häufig entweder Eifollikel (Follikelatresie) oder Samenbildungszellen
aus unbekannten Ursachen in Degeneration begriffen, wie ~Flemming~
und ~Hermann~ bei Säugethieren und Amphibien, +ich+ an den Ei- und
Samenröhren von Ascaris nachgewiesen haben. An den Kernen geht das
Gerüst zu Grunde. „Das Chromatin erscheint,“ wie ~Flemming~ bemerkt,
„diffus im Kern vertheilt und verdeckt jede Structur desselben; dieser
tingirbare Klumpen (Fig. 78) ist mehr oder weniger von Vacuolen
durchsetzt, unter denen eine besonders gross und an die Peripherie
gelagert zu sein pflegt. Andere solcher Kerne finden sich, an denen
eine solche randständige Vacuole stark vergrössert ist, kleinere
daneben nicht vorhanden sind, wobei oft einzelne kleine chromatische
Brocken am freien Rande der Vacuole liegen. In noch anderen ist der
Chromatinklumpen verkleinert und besonders stark färbbar; wieder andere
zeigen gar nichts mehr von der Vacuole, nur einen grossen chromatischen
Klumpen und viele sehr kleine solcher im Zellenleib verstreut. Die
Zelle ist in solchem Falle verkleinert. Endlich findet man auch
vielfach kleine Zellkörper, die nur verstreute chromatische Körnchen
und gar keinen grösseren Kernrest enthalten.“
Derartig verkümmerte Zellen mit ganz desorganisirten Kernen sind in
Fig. 78 abgebildet. _A_ ist eine Samenzelle aus einem Hodenfollikel von
Salamandra, _B_ eine Keimzelle von Ascaris, wie sie sowohl im Hoden
als im Eierstock vorgefunden wird und in der Literatur unter dem Namen
corps résiduel oder Zwischenkörperchen bekannt ist.
~Wasielewski~ hat durch Injection von Terpentin in den Hoden von
Säugethieren die Kerne von Keimzellen in einen entsprechenden Zustand
der chromatolytischen Degeneration auf experimentellem Wege versetzen
können.
Literatur zu Capitel XIII.
1) =Arnold.= _Ueber Theilungsvorgänge an den Wanderzellen, ihre
progressive und regressive Metamorphose. Archiv f. mikrosk. Anat. Bd.
XXX. 1887._
2) =Cohnheim.= _Vorlesungen über allgemeine Pathologie. Bd. I u. II. 2.
Aufl. 1882._
3) =Eberth.= _Die Sarkolyse. Nach gemeinsam mit Herrn Dr. Noetzel etc.
Festschrift der Facultät z. 200jähr. Jubelfeier der Universität Halle.
Berlin. Hirschwald 1894._
4) =Flemming.= _Ueber die Bildung von Richtungsfiguren in
Säugethiereiern beim Untergang Graaf’scher Follikel. Archiv f. Anat. u.
Physiol., anat. Abth. 1885._
5) +_Derselbe._+ _Neue Beiträge zur Kenntniss der Zelle. Arch. f.
mikrosk. Anat. Bd. XXIX. 1887._
6) +_Derselbe._+ _Beiträge zur Anatomie und Physiologie des
Bindegewebes. Arch. f. mikrosk. Anat. Bd. XII._
7) =Hermann.= _Ueber regressive Metamorphosen des Zellenkernes. Anatom.
Anz. Bd. III. 1888._
8) =Oscar Hertwig= _u._ =Richard Hertwig=. _Ueber den Befruchtungs-
u. Theilungsvorgang des thierischen Eies unter dem Einfluss äusserer
Agentien. Jena 1887._
9) =Oscar Hertwig.= _Vergleich der Ei- und Samenbildung bei Nematoden.
Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. XXXVI._
10) =Lukjanow.= _Grundzüge einer allgemeinen Pathologie der Zellen.
1891._
11) =Semi Meyer.= _Durchschneidungsversuche am Nervus glossopharyngeus.
Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. XLVIII. 1897._
12) =Noetzel.= _Die Rückbildung der Gewebe im Schwanze der Froschlarve.
Arch. f. mikrosk. Anat. Bd. XLV. 1895._
13) =Pfitzner.= _Zur pathologischen Anatomie des Zellkernes. Virchow’s
Archiv Bd. CIII. 1886._