6. Degeneration und Tod der Zelle (Necrose).

Auch wenn ein vielzelliger Organismus selbst noch in voller

Lebensthätigkeit steht und von der Zeit weit entfernt ist, wo er dem

Untergang verfallen ist, können doch gleichwohl einzelne seiner Zellen

allmählich oder plötzlich in Folge localer Störungen und ungünstiger

Lebensbedingungen absterben. Die eingetretene Degeneration kann man

gewöhnlich an einigen charakteristischen Veränderungen sowohl des

Protoplasmas als des Kerns erkennen.

Das Protoplasma der Zellen wird trüber. Es treten in ihm kleinere und

grössere Körnchen auf, die wie Fett glänzen und sich auch wie dieses

durch Osmiumsäure schwärzen.

Auf experimentellem Wege haben mein Bruder und ich solche Veränderungen

häufig an Eizellen, die befruchtet waren und sich furchten, dadurch

hervorgerufen, dass wir sie kürzere Zeit der Einwirkung dünner Lösungen

von Chloralhydrat, Morphium, Chinin etc. aussetzten. Wenn der Grad der

Einwirkung so war, dass sich die Eier, wenn auch in etwas verlangsamter

und gestörter Weise, noch weiter entwickeln konnten, so wurde nach 12

oder 24 Stunden doch immer ein verändertes Aussehen des Dotters durch

Auftreten fettglänzender Körnchen beobachtet. Die Körnchen nahmen

noch einige Zeit an Grösse zu, vielleicht indem sie unter einander

verschmolzen. Oefters wurde auch bemerkt, dass, wenn die Körnchen

in grösserer Menge vorhanden waren, sie vom übrigen Protoplasma

ausgestossen wurden.

Der Process der Degeneration hat nach einiger Zeit auch eine

veränderte Structur des Kerns zur Folge. Namentlich das Nuclein

erfährt eigenthümliche Veränderungen, welchen ~Flemming~ den Namen der

+Chromatolyse+ gegeben hat.

[Illustration: =Fig. 78. Chromatolyse von Zellkernen.=

_A_ Samenzelle mit entartetem Kern aus dem Hoden von Salamandra

maculata. Nach ~Flemming~.

_B_ Zwischenkörperchen (corps résiduel) aus dem Hoden oder Eierstock

von Ascaris megalocephala. Nach ~Hertwig~.]

Geeignete Organe zu ihrer Untersuchung sind namentlich die männlichen

und weiblichen Geschlechtsdrüsen. Neben Elementen, die hier in

lebhafter Neubildung und raschem Wachsthum begriffen sind, findet man

häufig entweder Eifollikel (Follikelatresie) oder Samenbildungszellen

aus unbekannten Ursachen in Degeneration begriffen, wie ~Flemming~

und ~Hermann~ bei Säugethieren und Amphibien, +ich+ an den Ei- und

Samenröhren von Ascaris nachgewiesen haben. An den Kernen geht das

Gerüst zu Grunde. „Das Chromatin erscheint,“ wie ~Flemming~ bemerkt,

„diffus im Kern vertheilt und verdeckt jede Structur desselben; dieser

tingirbare Klumpen (Fig. 78) ist mehr oder weniger von Vacuolen

durchsetzt, unter denen eine besonders gross und an die Peripherie

gelagert zu sein pflegt. Andere solcher Kerne finden sich, an denen

eine solche randständige Vacuole stark vergrössert ist, kleinere

daneben nicht vorhanden sind, wobei oft einzelne kleine chromatische

Brocken am freien Rande der Vacuole liegen. In noch anderen ist der

Chromatinklumpen verkleinert und besonders stark färbbar; wieder andere

zeigen gar nichts mehr von der Vacuole, nur einen grossen chromatischen

Klumpen und viele sehr kleine solcher im Zellenleib verstreut. Die

Zelle ist in solchem Falle verkleinert. Endlich findet man auch

vielfach kleine Zellkörper, die nur verstreute chromatische Körnchen

und gar keinen grösseren Kernrest enthalten.“

Derartig verkümmerte Zellen mit ganz desorganisirten Kernen sind in

Fig. 78 abgebildet. _A_ ist eine Samenzelle aus einem Hodenfollikel von

Salamandra, _B_ eine Keimzelle von Ascaris, wie sie sowohl im Hoden

als im Eierstock vorgefunden wird und in der Literatur unter dem Namen

corps résiduel oder Zwischenkörperchen bekannt ist.

~Wasielewski~ hat durch Injection von Terpentin in den Hoden von

Säugethieren die Kerne von Keimzellen in einen entsprechenden Zustand

der chromatolytischen Degeneration auf experimentellem Wege versetzen

können.

Literatur zu Capitel XIII.

1) =Arnold.= _Ueber Theilungsvorgänge an den Wanderzellen, ihre

progressive und regressive Metamorphose. Archiv f. mikrosk. Anat. Bd.

XXX. 1887._

2) =Cohnheim.= _Vorlesungen über allgemeine Pathologie. Bd. I u. II. 2.

Aufl. 1882._

3) =Eberth.= _Die Sarkolyse. Nach gemeinsam mit Herrn Dr. Noetzel etc.

Festschrift der Facultät z. 200jähr. Jubelfeier der Universität Halle.

Berlin. Hirschwald 1894._

4) =Flemming.= _Ueber die Bildung von Richtungsfiguren in

Säugethiereiern beim Untergang Graaf’scher Follikel. Archiv f. Anat. u.

Physiol., anat. Abth. 1885._

5) +_Derselbe._+ _Neue Beiträge zur Kenntniss der Zelle. Arch. f.

mikrosk. Anat. Bd. XXIX. 1887._

6) +_Derselbe._+ _Beiträge zur Anatomie und Physiologie des

Bindegewebes. Arch. f. mikrosk. Anat. Bd. XII._

7) =Hermann.= _Ueber regressive Metamorphosen des Zellenkernes. Anatom.

Anz. Bd. III. 1888._

8) =Oscar Hertwig= _u._ =Richard Hertwig=. _Ueber den Befruchtungs-

u. Theilungsvorgang des thierischen Eies unter dem Einfluss äusserer

Agentien. Jena 1887._

9) =Oscar Hertwig.= _Vergleich der Ei- und Samenbildung bei Nematoden.

Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. XXXVI._

10) =Lukjanow.= _Grundzüge einer allgemeinen Pathologie der Zellen.

1891._

11) =Semi Meyer.= _Durchschneidungsversuche am Nervus glossopharyngeus.

Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. XLVIII. 1897._

12) =Noetzel.= _Die Rückbildung der Gewebe im Schwanze der Froschlarve.

Arch. f. mikrosk. Anat. Bd. XLV. 1895._

13) =Pfitzner.= _Zur pathologischen Anatomie des Zellkernes. Virchow’s

Archiv Bd. CIII. 1886._

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 174 / 225 题