3. Die Erscheinungen der Regeneration.

Mit dem Worte Regeneration wird das Vermögen bezeichnet, in Verlust

gerathene, kleinere oder grössere Körpertheile wieder zu ersetzen.

Wie bei den meisten Pflanzen ist es in hohem Grade bei den niederen

Thieren, bei Coelenteraten, bei Würmern und Echinodermen, entwickelt.

Ein durch ~Trembly~’s Untersuchungen bekannt gewordenes, classisches

Beispiel ist +Hydra viridis+. Je nachdem bei einem Individuum vom

schlauchförmigen Körper das vordere oder das hintere Ende durch einen

Schnitt abgetrennt ist, bildet sich in wenigen Tagen wieder ein

vollständig normaler Kopf oder Fuss an der entsprechenden Schnittfläche

aus. Hat der Experimentator beide Enden zugleich weggeschnitten, so

erzeugt das ringförmige Mittelstück Kopf und Fuss wieder neu und

zwar in derselben Weise wie früher zu einander orientirt. Bei einer

Halbirung der Hydra ihrer Länge nach vervollständigt sich jede Hälfte

wieder zum ganzen Thier.

Mit steigender Höhe der Organisation nimmt im Allgemeinen das

Regenerationsvermögen ab; doch gibt es selbst unter den Wirbelthieren

noch einzelne Abtheilungen, in welchen wir zu unserer Verwunderung

sehen, dass junge Thiere, wie Triton- oder Salamanderlarven, in Verlust

gerathene vordere oder hintere Extremitäten, den Schwanz, das Auge

etc., nach einiger Zeit wieder ersetzen.

Wodurch wird das bei der Regeneration verwandte Zellenmaterial, so

lautet die schwierige Frage, bestimmt, genau die dem Organismus gerade

fehlenden Theile wieder zu ersetzen? Von welchen Ursachen hängt es ab,

dass Fingerknochen mit ihren Muskeln oder eine Reihe von Schwanzwirbeln

oder ein Auge wieder entstehen? Zum Leben können diese Theile zur Noth

entbehrt werden, wie es ja die Thiere lehren, bei welchen das Vermögen

der Regeneration sich nicht mehr in der Neuhervorbringung solcher

Theile bethätigt.

In allen Fällen, mag es sich um die Regeneration eines einfachen

oder eines sehr complicirt gebauten Organes handeln, ist der Beginn

des Processes genau derselbe; es entsteht zuerst ein kleiner Höcker

indifferenter Zellen als Anlage des neu zu erzeugenden Theiles, eine

Art Knospe, ein Keimgewebe. Ein solches entwickelt sich, wenn das

Köpfchen eines Hydroidpolypen oder der Augenfühler einer Schnecke,

wenn die vordere oder die hintere Extremität oder der Schwanz einer

Tritonlarve, wenn die Scheere eines Krebses durch einen Messerschnitt

entfernt worden ist.

In den angeführten Beispielen enthält das Keimgewebe von den

abgetrennten Organtheilen selbst keinen Rest, aus welchem sie

durch einfaches Wachsthum wieder hervorgehen könnten. Die Knospe

für den Augenfühler der Schnecke enthält keine Spur von Retina-

und Pigmentzellen, von anderen Sinneszellen u. s. w., ebenso die

Knospen für die Extremität keine Spur vom Material der Handwurzel-

und Fingerknochen mit den zu ihnen gehörigen Muskeln und Sehnen;

sie ist also eine vollständige Neubildung; sie bringt, wenn wir

den Process weiter verfolgen, die complicirten Structuren des zu

regenerirenden Körpertheiles auf ähnlichem Wege hervor, auf welchem

sie während der Ontogenese entstanden sind. Die Knospe besteht daher

aus einer plastischen Substanz, welche in ihrem Vermögen am meisten

der Substanz der Eizelle gleicht und wie diese mit den specifischen

Eigenthümlichkeiten der Thierart, von welcher sie abstammt, ausgerüstet

ist.

In einem Punkte aber unterscheiden sich Eizelle und Knospe von

einander: die erstere bringt einen vollständigen, neuen Organismus aus

sich hervor, die letztere nur einen bald grösseren, bald kleineren,

bald diesen, bald jenen Theil des Ganzen. Wodurch wird dieser

Unterschied im plastischen Vermögen zwischen beiden hervorgerufen?

Nach meiner Meinung dadurch, dass die Eizelle sich vom mütterlichen

Organismus ablöst oder, wo dies nicht gleich geschieht, sich ausser

näherer Beziehung zu ihm entwickelt, +die Knospe dagegen, in engster

Beziehung zum Ganzen bleibend, nicht bloss durch die in ihr selbst

gelegenen Kräfte, sondern auch ausserdem noch durch ihre Beziehungen

zum Ganzen in ihrer Gestaltung bestimmt wird+.

Wir nehmen hier zur Erklärung dieselben Vorgänge an, deren Wirksamkeit

wir in früheren Capiteln in einfacheren Fällen schon nachgewiesen

haben. Wie die Knospe einer Pflanze ein indifferentes Gebilde ist, das

sich zu einer Wurzel oder einem Laubspross, zu einem Dorn oder einem

Blüthenstand, zu einem orthotropen Endspross oder einem plagiotropen

Seitenspross entwickeln kann, je nach den Ursachen, die während der

Entwicklung auf sie einwirken, und je nach den Beziehungen, in denen

die Knospe zu den Nachbarorganen und zum ganzen Pflanzenindividuum

steht, in derselben Weise wird auch das Keimgewebe bei der Regeneration

von Organen niederer und höherer Thiere in seinem plastischen Vermögen

eingeschränkt und in bestimmte Bahnen gelenkt durch die Beziehungen,

in welchen es sich zum Gesammtorganismus befindet. Es entwickelt

sich verschieden, je nachdem es sich in der Mitte oder am Ende

eines Ober- oder Unterschenkelstumpfes oder in der Mitte einer Zehe

einer Tritonlarve befindet; +durch die Oertlichkeit und durch die

Beziehungen, die sich hieraus zum Ganzen ergeben, wird es bestimmt,

bald einen grösseren, bald einen kleineren Abschnitt der Extremität zu

regeneriren+.

Was ~Nägeli~ von den Wachsthumsprocessen der Pflanzen sagt, das

gilt auch für die thierischen Regenerationsprocesse. „Es ist, als

ob das Idioplasma genau wüsste, was in den übrigen Theilen der

Pflanze vorgeht, und was es thun muss, um die Integrität und die

Lebensfähigkeit des Individuums wieder herzustellen.“

Nach der hier entwickelten Auffassung fallen die mit dem Reiz

des Geheimnissvollen besonders ausgestatteten Erscheinungen der

Regeneration ebenfalls unter den Begriff der Correlation in seiner

allgemeinsten Fassung und mussten daher an dieser Stelle mit besprochen

werden.

Mit unserer Erklärung der Regeneration, so unbefriedigende Auskunft

dieselbe auch für den einzelnen Fall gibt, weil der Einfluss des

Ganzen auf die Theile sich einer genauen Analyse und Erkenntniss

entzieht, sind wir auf denselben allgemeinen Standpunkt geführt worden,

den andere Forscher und besonders ~H. Spencer~ einnehmen. In seinen

Principien der Biologie bemerkt der Letztere:

„Die Fähigkeit eines Organismus, sich selbst wieder zu ergänzen, wenn

einer seiner Theile abgeschnitten wurde, ist von derselben Art wie

die Fähigkeit eines verletzten Krystalls, sich selbst zu ergänzen.

In beiden Fällen wird die neu assimilirte Materie so abgesetzt, dass

die ursprünglichen Umrisse wieder hergestellt werden. Und +wenn wir

hinsichtlich des Krystalls annehmen, dass das ganze Aggregat über

seine Theile eine gewisse Kraft ausübe, welche die neu integrirten

Molecüle zwinge, eine bestimmte Form anzunehmen, so müssen wir bei dem

Organismus wohl eine analoge Kraft voraussetzen+. Dies ist übrigens

nicht eine blosse Hypothese, es ist vielmehr nichts Anderes, als

ein verallgemeinerter Ausdruck der Thatsachen. Wenn an derselben

Stelle, wo das Bein einer Eidechse soeben amputirt wurde, sogleich

wieder die Anlage eines neuen hervorsprosst, die, indem sie gewisse

Entwicklungsphasen durchläuft, welche denen des ursprünglichen Beines

gleichen, endlich eine gleiche Structur und Gestalt annimmt, so ist es

nicht mehr als der einfache Ausdruck dessen, was wir gesehen haben,

wenn wir behaupten, +dass der Organismus als Ganzes eine solche Kraft

über das neu sich bildende Glied ausübt, dass es zur Wiederholung

seines Vorgängers wird+. Wenn ein Bein wieder hervorsprosst, wo vorher

ein Bein war, und ein Schwanz, wo vorher ein Schwanz sich befand, so

lässt sich das nur so auffassen, dass +die Gesammtkräfte des Körpers

die Bildungsprocesse controliren, welche in jedem einzelnen Theile

stattfinden+.“

Ueber die ~Spencer~’sche Ansicht urtheilt ~Weismann~, dass „die von

ihm angenommene Kraft der Spiritus rector oder Nisus formativus

früherer Zeiten sei und keine Spur einer mechanischen Erklärung

enthielte“. Wir urtheilen anders und finden in den angeführten Sätzen

von ~Spencer~ nur in etwas anderer Weise die Ansicht ausgedrückt,

die wir auch hegen, dass die bei der Regeneration sich abspielenden

Processe als +Wachsthumscorrelationen+ zu erklären sind. Wenn diese

im Einzelnen einer causalen Analyse auch sehr grosse Schwierigkeiten

entgegensetzen, so verhalten sie sich principiell einer mechanischen

Erklärung gegenüber nicht anders als überhaupt biologische Processe,

wie wir an den verschiedensten Orten uns nachzuweisen bemüht haben. Die

Erklärung der Lebensprocesse führt überall schliesslich auf dieselben

Schwierigkeiten, und es ist im Grunde genommen nur aus Gewöhnung

entsprungene Einbildung, wenn wir glauben, andere Lebensprocesse besser

zu verstehen.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 165 / 225 题