II. Die inneren Factoren der organischen Entwicklung.

Wie der Organismus in einer Beziehung von unzähligen äusseren Factoren

abhängig ist, welche erhaltend oder vernichtend, beschleunigend oder

hemmend, fördernd oder schädigend in den Lebensprocess eingreifen,

die Zellen, die Gewebe und Organe modificirend und umgestaltend, so

hängt in anderer Beziehung sein Bestand im Ganzen, ferner die Function

und Gestaltung jedes einzelnen Theiles von nicht minder zahlreichen

+inneren Factoren+ ab.

Wie schon im siebenten Capitel aus einander gesetzt wurde, zerfallen

die inneren Factoren der Entwicklung in zwei Gruppen. Die eine

Gruppe bilden die Eigenschaften und Anlagen der Geschlechtszellen

und ihrer Abkömmlinge selbst (die inneren Factoren im engsten

Sinne), in der zweiten Gruppe dagegen fassen wir die zahllosen und

verschiedenartigsten Wechselwirkungen zusammen, welche die Zellen,

Gewebe und Organe eines Organismus gemäss ihrer Beziehungen auf

einander ausüben.

Mit der zweiten Gruppe, den +inneren Factoren im weiteren Sinne+,

wollen wir uns jetzt zunächst beschäftigen. Sie sind besonders für

das Verständniss der +thierischen Formbildung+ von der allergrössten

Bedeutung. +Denn bei den Thieren ist die physiologische Arbeitstheilung

und die als Ergänzung zu ihr sich ausbildende Integration+ (siehe

Seite 79 u. 85) +in ungleich grösserem Maasse durchgeführt als bei den

Pflanzen. Während bei diesen die Wirksamkeit der äusseren Factoren

klarer hervortritt, sind die Thiere für das Studium der inneren

Factoren die geeignetsten Objecte.+

Die Wechselwirkungen (Correlationen) zwischen den Zellen eines

Organismus und ihren Derivaten bilden sich mit dem Beginn des

Entwicklungsprocesses aus, ändern sich von Stufe zu Stufe und

compliciren sich in demselben Maasse, als die Entwicklung

fortschreitet. Ihre Besprechung geschieht daher am besten in

zwei Abschnitten. Der erste wird von den Correlationen des sich

entwickelnden, der zweite Abschnitt von den Correlationen des

ausgebildeten Organismus handeln.

A. Die Correlationen der Zellen während der Anfangsstadien des

Entwicklungsprocesses.

Im Gegensatz zur +Mosaiktheorie von ~Roux~+ und der +Keimplasmatheorie

von ~Weismann~+ stellt +die Theorie der Biogenesis+ den Grundsatz

auf, dass vom ersten Beginn der Entwicklung an die durch Theilung des

Eies sich bildenden Zellen beständig in engster Beziehung zu einander

stehen, und dass dadurch die Gestaltung des Entwicklungsprocesses

sehr wesentlich mit bestimmt wird. +Die Zellen determiniren sich zu

ihrer späteren Eigenart nicht selbst, sondern werden nach Gesetzen,

die sich aus dem Zusammenwirken aller Zellen auf den jeweiligen

Entwicklungsstufen des Gesammtorganismus ergeben, determinirt.+

Allerdings sind die Wirkungen, welche von einer Zelle auf die

Nachbarzellen oder umgekehrt vom Ganzen auf die einzelnen Zellen

ausgeübt werden, für uns nicht unmittelbar wahrnehmbar; dass

aber solche stattfinden müssen, lässt sich auf Grund zahlreicher

verschiedenartiger Experimente erschliessen, durch welche in

den letzten Jahren unsere Einsicht in das Wesen des organischen

Entwicklungsprocesses eine bedeutende Vertiefung erfahren hat.

Dass schon die beiden ersten Theilhälften, in welche das Ei durch den

Furchungsprocess zerlegt wird, in Correlation zu einander treten, auf

einander einwirken und sich in ihrer Entwicklung bedingen, lässt sich

in einfacher Weise feststellen, wenn man ihre Beziehungen zu einander

entweder ganz aufhebt oder wenigstens in eingreifender Art stört

und verändert und nun zeigt, dass in Folge dessen jetzt auch ihre

Entwicklung eine andere als unter den normalen Verhältnissen wird.

~Driesch~ hat zuerst eine Reihe derartiger höchst wichtiger Experimente

eröffnet, indem er +Seeigeleier+ nach eben beendeter erster Theilung

schüttelte. In vielen Fällen gelang es ihm hierdurch, die Eihülle

zu sprengen, die beiden Theilstücke zu isoliren und sie dadurch zu

zwingen, sich getrennt von einander weiter zu entwickeln. Und siehe

da! aus jeder Theilhälfte entstand jetzt nicht ein monströses Stück

eines Embryos, sondern der Theil war durch die Trennung selbst wieder

zu einem Ganzen geworden; er rundete sich mehr ab, furchte sich weiter,

wandelte sich dann in eine geschlossene Keimblase um; aus dieser

entstand eine Darmlarve (Gastrula) und schliesslich ein Pluteus.

~Driesch~ hatte somit aus einer Theilhälfte des ganzen Eies eine

wirkliche Seeigellarve gezüchtet, die von den gewöhnlichen Larven nur

durch eine geringere Grösse unterschieden ist, da sie ja nur aus der

Hälfte des Materials hervorgegangen war.

[Illustration: =Fig. 57. Normale und Theilgastrulae von Amphioxus.=

Nach ~Wilson~.

_A_ Aus dem ganzen Ei, _B_ aus einer einzigen, künstlich isolirten

Zelle des zweigetheilten, _C_ des viergetheilten, _D_ des

achtgetheilten Eies gezüchtete Gastrula.]

Die von ~Driesch~ geübte Methode versuchte dann der amerikanische

Forscher ~Wilson~ mit glänzendem Erfolg beim +Amphioxus+, einem

Thiere, das für uns in dieser Frage besonderen Werth besitzt, weil es

schon hoch organisirt, mit Rückenmark, Chorda, Nieren, Leibeshöhle,

Muskelsegmenten etc. ausgerüstet ist und seinem ganzen Bau nach

zum Stamme der Wirbelthiere hinzu gerechnet werden muss. Durch

Schütteln trennte er bei einzelnen Eiern, die sich auf dem Stadium

der Zweitheilung befanden, die einzelnen Furchungszellen von einander

und züchtete sie isolirt weiter. Auch bei seinen Versuchen (Fig. 57)

entwickelten sich aus den Theilstücken normale Keimblasen, aus diesen

wieder Gastrulae, die nur die halbe Grösse (_B_) der entsprechenden

normalen Embryonalform aufwiesen; es liessen sich sogar ältere

Embryonen mit Chorda, Nervenrohr und Ursegmenten heranzüchten.

Aehnliche Experimente sind seitdem mit gleichem Erfolg noch bei anderen

Thieren ausgeführt worden, bei Coelenteraten (~Zoja~), bei Ascidien

(Fig. 58 u. 59, ~Chabry~, ~Driesch~, ~Crampton~), bei Amphibien

(~Hertwig~, ~Herlitzka~, ~Morgan~) etc.

[Illustration: Fig. 58.]

[Illustration: Fig. 59.]

=Fig. 58. Ei von Ascidiella aspersa, bei welchem eine Theilhälfte

durch Anstich mit einer Glasnadel zerstört ist.= Nach ~Chabry~.

_=A=_ Bald nach Zerstörung der einen Theilhälfte gezeichnet.

_=B=_ Die erhaltene Eihälfte im Stadium der Zweitheilung vom oberen

Pol gesehen, wie es die Richtungskörperchen lehren.

_=C=_ Die überlebende Eihälfte auf dem Gastrulastadium.

_Bl_ Blastoporus. _Ec_ Ektoderm. _G_ Zerstörte, _D_ überlebende

Eihälfte.

=Fig. 59. Larve von Ascidiella aspersa=, von halber Grösse,

entwickelt aus einem halben Ei, da auf dem Stadium der Viertheilung

zwei Viertel-Zellen durch Anstich zerstört wurden. Die Larve zeigt

den Schwanz mit entwickelter Chorda und den Beginn der Einstülpung

eines Atriums. Nach ~Chabry~.

_At_ Atrium. _En_ Entoderm. _F_ Papille zum Anheften. _No_ Chorda.

Die bei Ascidiella aspersa gewonnenen Ergebnisse veranschaulichen die

Fig. 58 und 59. In Fig. 58 _A_ ist die durch Anstich zerstörte Hälfte

(_G_) des Zweitheilungsstadiums geronnen, während die unverletzt

gebliebene Hälfte _D_ weiter lebt, sich nach einiger Zeit theilt

(Fig. 58 _B_) und sich bald in eine normale typische Gastrula (_C_)

umwandelt. Die Gastrula lässt sich sogar noch zu einer Larve (Fig.

59) weiter züchten, welche Chorda, Nervenrohr, Otolith, Papillen zum

Anheften, Anlage des Atriums entwickelt zeigt.

Besondere Erwähnung verdienen auch die Experimente von ~Herlitzka~

wegen des bei ihnen angewandten eigenartigen Verfahrens, welches ich

zuerst versucht habe, aber wegen der Schwierigkeit der Ausführung ohne

Erreichung des beabsichtigten Erfolges aufgeben musste.

Mit einem feinen Coconfaden (Fig. 60 _sf_) hat ~Herlitzka~ mit Hilfe

eines zu dem Zwecke von ihm erfundenen Instrumentes das zweigetheilte

Tritonei in der Theilungsebene durchgeschnürt und in einer Reihe von

Fällen die beiden ersten Furchungskugeln vollständig von einander

isolirt. Eine jede entwickelte sich innerhalb der gemeinsamen

Gallerthülle des Eies zu einem ganzen Embryo von halber Grösse.

Entsprechende Ergebnisse erhält man, wenn bei den Eiern von Seeigeln,

Coelenteraten und besonders von Amphioxus nach dem zweiten Theilstadium

die vier, oder nach dem dritten Theilstadium die acht Furchungskugeln

von einander durch Schütteln getrennt und isolirt fortgezüchtet werden.

Es gelingt nicht selten, aus den Bruchtheilen, die nur ¼ oder ⅛ des

ganzen Eies repräsentiren, gleichwohl noch ganze Keimblasen und ganze

Gastrulae zu gewinnen, die allerdings dann nur ¼ oder ⅛ so gross als

das normale Entwicklungsproduct sind (Fig. 57 _C_ u. _D_).

[Illustration: =Fig. 60. Ein Ei von Triton cristatus=, bei welchem

auf dem Zweitheilungsstadium die zwei Zellen durch Umschnürung mit

einem Seidenfaden getrennt wurden und sich in Folge dessen zu zwei

selbständigen Embryonen entwickelten. Kurze Zeit vor dem Ausschlüpfen

der zwei aus einem Ei entstandenen Embryonen. Nach ~Herlitzka~.]

+Alle diese Versuche lehren in unzweideutiger Weise, dass von den

zwei, vier oder acht ersten Theilstücken eines Eies ein jedes sich

in seinem Entwicklungsvermögen sehr verschieden verhält, je nachdem

es sich mit den anderen Zellen in normaler Weise zu einem Ganzen

verbunden in Correlation oder getrennt vom Ganzen für sich allein

entwickelt. Im ersteren Falle wird es in seiner Entwicklung vom Ganzen

aus, dessen Theil es ist, durch die Correlation zu anderen Theilen in

seinen Schicksalen bestimmt und trägt nur zur Bildung eines halben

(resp. vierten und achten) Theiles des embryonalen Körpers bei, im

anderen Fall erzeugt es aus sich allein das Ganze, weil es von Haus

aus die Anlage dazu in sich trägt, und weil es nach Abtrennung von den

anderen ihm artgleichen Theilen selbst wieder ein Ganzes geworden ist.

Von den ersten Furchungszellen ist also eine jede ihrem inneren Wesen

nach gewissermaassen Theil und Ganzes zugleich und kann je nach den

Umständen bald in dieser, bald in jener Weise erscheinen. Es enthält

zum Beispiel jede der beiden ersten Furchungszellen nicht nur die

differenzirenden und gestaltenden Kräfte für eine Körperhälfte, sondern

für den ganzen Organismus, und nur dadurch entwickelt sich normaler

Weise die linke Furchungszelle zur linken Körperhälfte, dass sie zu

einer rechten Furchungszelle in Beziehung gesetzt ist.+

In einem Widerspruch mit unserer These sollen nach der Ansicht einiger

Forscher Ergebnisse stehen, die am +Ei von Ctenophoren+ gewonnen

wurden; sie verdienen daher auch noch berücksichtigt zu werden.

Nach Experimenten, welche zuerst von ~Chun~, dann von ~Driesch~ und

~Morgan~ und neuerdings wieder von ~Fischel~ angestellt worden sind,

kann man das grosse, sehr dotterreiche Ei von Beroë ovata, nach der

Zwei-, Vier- oder Achttheilung oder auf einem noch späteren Stadium in

dieser oder jener Weise in zwei oder vier Stücke zerlegen, welche sich

unabhängig von einander zu Larven weiter züchten lassen.

~Fischel~, der letzte Untersucher des Ctenophoreneies, hat in der Weise

experimentirt, dass die von einander getrennten Theilstücke noch von

der Dotterhaut gemeinsam eingeschlossen blieben. Er erhielt hierdurch

den Vortheil, die von einem Ei abstammenden Larven mit einander

vergleichen zu können. So sind in Fig. 61 in der Dotterhaut vier

kleine Larven eingeschlossen, die durch Zerlegung eines ziemlich weit

entwickelten Eies, in welchem die Makromeren von den Mikromeren schon

umwachsen waren, gezüchtet worden sind.

[Illustration: =Fig. 61.= Vier Larven _a b c d_, die aus einem Ei von

Beroë ovata durch Zerlegung desselben in vier Stücke gezüchtet sind.

Nach ~Fischel~.

_h_ Eihülle. _x_ Flimmerplättchen.]

Wie in dem vorliegenden Beispiel zeigen nun überhaupt die durch

Theilung eines Beroëeies entwickelten Larven +das Eigenthümliche, dass

am Anfang die Anzahl ihrer Rippen stets unter der Normalzahl „acht“

bleibt+, welche für die Ctenophoren typisch ist. Erst alle aus einem Ei

gezüchteten Larven zusammen besitzen, wie besonders ~Fischel~ betont,

acht Rippen von Flimmerplättchen und ergänzen sich in dieser Beziehung.

So hat von den vier Larven unserer Figur eine drei, zwei zwei und die

kleinste nur +eine+ Rippe entwickelt, was in Summa erst die ganze

Rippenzahl einer aus einem ganzen Ei entstehenden normalen Larve ergibt.

Man hat aus solchen Befunden die unserer These entgegengesetzte Ansicht

zu stützen gesucht, dass jedes Theilstück des Ctenophoreneies in

Folge des Furchungsprocesses für eine besondere Aufgabe im weiteren

Entwicklungsprocess bereits specificirt sei und daher auch nach

Abtrennung vom Ganzen zunächst nicht mehr aus sich das Ganze, sondern

nur einen bestimmten Theil erzeugen könne. Indessen lassen sich die

scheinbar abweichenden, eigenartigen Verhältnisse sehr wohl mit unserer

oben aufgestellten These vereinbaren. Drei Punkte sind hierbei zu

berücksichtigen.

Erstens zeigt das sehr grosse, dotterreiche Ei von Beroë einen

besonders gearteten Bau, indem grosse Deutoplasmakugeln, von feinen

plasmatischen Scheidewänden getrennt, die centrale Hauptmasse

bilden, welche nur an der Oberfläche von einer dickeren Plasmarinde

eingeschlossen ist. Bei der Trennung des zwei- oder vier- oder

mehrgetheilten Eies erhält man daher Theilstücke, bei welchen die

ganze Trennungsfläche ausserordentlich arm an Protoplasma ist und

dadurch in einem Gegensatz zur convexen, ursprünglichen Oberfläche

steht. Da ausserdem das Deutoplasma auch noch fast das gleiche

specifische Gewicht wie das Meerwasser hat -- denn die Eier schwimmen

im Wasser --, zeigt das Theilstück längere Zeit gar kein Bestreben

sich abzurunden, wie auch ~Fischel~ besonders hervorhebt. Von der

ursprünglichen convexen Oberfläche her wird allmählich das freiliegende

Deutoplasma überwachsen und mit einer wahrscheinlich erst sehr

dünnen Ektodermschicht überzogen. Auf der mangelhaften Ausbildung

der letzteren und damit in letzter Instanz auf dem plasmatischen Bau

des unbefruchteten Eies (vergleiche hierüber auch das im Capitel

XVIII Gesagte) wird es wohl beruhen, dass nur auf der Oberfläche des

Theilstückes, welche der ursprünglichen Oberfläche des ganzen Eies

entspricht, zunächst Rippen und daher nur in reducirter Zahl entwickelt

werden.

Zweitens haben ~Driesch~ und ~Morgan~ durch ihre sinnreich variirten

Experimente gezeigt, dass man genau dieselben Defecte in der Anzahl der

Flimmerrippen erhält, wenn man an befruchteten Eiern von Beroë +vor

der Theilung+ grössere Stücke des Eikörpers wegschneidet und so den

sich entwickelnden, mit dem Kern versehenen Theil auf einer grösseren

Strecke seines Hautplasmas beraubt. Schon durch diese +Procedur vor

der Theilung ist die Bildungsmöglichkeit von Rippen in der Gegend des

freiliegenden Deutoplasmas zunächst vernichtet worden+. Mit Recht

heben daher ~Driesch~ und ~Morgan~ hervor, dass „die Defecte in der

Rippenzahl an Larven lediglich auf protoplasmatischer Basis beruhen und

in keinem Fall geeignet sind, die Lehre von qualitativer Kerntheilung

zu stützen“. Denn „die defecten Larven, welche sie aus isolirten

Blastomeren aufzogen, waren denen ausserordentlich ähnlich oder sogar

gleich gestaltet, welche sich +aus ungefurchten Eiern, denen Plasma

genommen, aber das volle Kernmaterial belassen ward, entwickelten+“.

Drittens endlich bilden die aus Theilstücken des Eies gezüchteten

Larven mehr Organe als sie -- die Richtigkeit der Specification

angenommen -- bilden dürften. Denn jedes erhält einen ganzen, in sich

abgeschlossenen, normalen Magen (Fig. 61), und aus diesem entstehen

häufig mehr Entodermtaschen, als sie dem Theilstück zukommen würden.

Besonders aber ist hierbei im Auge zu behalten, dass die Magenanlage

in ganz anderer Weise orientirt ist, als es bei einem aus dem

ganzen Ei hervorgegangenen Magen der Fall ist. Die Magenanlage des

Theilstückes entsteht nämlich nach der Darstellung von ~Fischel~ von

der Trennungsfläche, zuweilen sogar von ihrer Mitte aus, und wächst von

hier mit ihrem Grund der gewölbten ursprünglichen Oberfläche schräg

entgegen, was schon eine andersartige Verwendung des Zellenmaterials

als bei normaler Entwicklung bedingt. Ferner erhält jede der in Fig. 61

abgebildeten Larven auch ihr eigenes Centralnervensystem.

Somit lässt sich das scheinbar abweichende Verhalten des

Ctenophoreneies, zumal wenn man die Bemerkungen über die Organisation

des Eies in Capitel XVIII gebührend berücksichtigt, mit unserer Theorie

leicht in Einklang bringen.

Man kann übrigens den mitgetheilten Versuchen der Zerlegung zwei- und

viergetheilter Eier noch eine andere interessante Modification geben

und dadurch erreichen, dass sich +aus der zweigetheilten Eizelle

weder ein einfacher Embryo, noch ihrer zwei, sondern ein verschieden

gestaltetes Mittelding zwischen beiden, eine Doppelmissbildung,

entwickelt+. Zu dem Zwecke muss man versuchen, die beiden Theilhälften

durch Schütteln oder andere Eingriffe +nur theilweise+ von einander

zu trennen; man muss nur die normale Correlation der beiden Zellen,

ihre bei dem Furchungsprocess entstandene Zusammenlagerung, ihre Form,

die Vertheilung ihrer verschiedenen Substanzen, wo solche schärfer

gesondert sind, stören und etwas abändern.

Auf diesem Wege lassen sich aus einem Ei an geeigneten

Versuchsobjecten, besonders an Eiern von Amphioxus und Rana fusca,

Missbildungen erhalten, bei welchen der vordere Theil des Körpers in

grösserer oder geringerer Ausdehnung doppelt, der übrige hintere Theil

einfach angelegt ist.

Durch Schütteln der Eier von Amphioxus rief ~Wilson~ in vielen Fällen

nur eine Verschiebung der zwei, resp. vier ersten Furchungskugeln

hervor und erzielte so gewissermaassen, als einen Compromiss zwischen

einer doppelten und einer einfachen Entwicklung, +Zwillinge von sehr

verschiedener Form+.

[Illustration: =Fig. 62. Vier Doppelgastrulae von Amphioxus= (_A_ _B_

_C_ _D_), entstanden durch Schütteln des Eies auf dem Stadium der

Zweitheilung, sieben Stunden nach der Befruchtung. Nach ~Wilson~.

_u¹_ _u²_ Nach verschiedenen Richtungen orientirter Urmund der zwei aus

je einer Eihälfte entstandenen Gastrulae. _u_ Gemeinsamer Urmund zweier

Gastrulae.]

Aus der Abhandlung von ~Wilson~ habe ich in Fig. 62 vier Beispiele

von Doppelgastrulae zusammengestellt, welche in dieser Weise neben

vielen anderen erhalten wurden. Sie zeigen, wie in Folge blosser

Verschiebung der beiden ersten Theilhälften an einander aus jeder für

sich eine Gastrula entstanden ist, die mit der ändern bald mehr, bald

minder weit zusammenhängt. Dabei sind in jedem der vier ausgewählten

Fälle die Zwillingsgastrulae mit ihren Achsen und ihrem Urmund in

verschiedener Weise zu einander orientirt. Entweder münden die beiden

Gastrulahöhlen mit einem gemeinsamen, weiten Urmund aus (_D_), oder die

beiden Blastopori sind ganz getrennt; hierbei können sie entweder neben

einander (_C_) an der Oberfläche des Zwillings ausmünden, oder so, dass

der eine nach vorn, der andere nach hinten (_A_), oder der eine nach

links, der andere nach rechts (_B_) gelegen ist. Im weiteren Verlauf

der Entwicklung muss das Aussehen der vier Zwillinge, wenn Nervenrohr,

Chorda etc. angelegt werden, sehr verschieden ausfallen, wie sich aus

der ungleichen Stellung der Achsen der Gastrulae zu einander von selbst

ergibt.

Auch einige ältere derartige Doppelmissbildungen mit Chorda und

Muskelsegmenten etc. hat ~Wilson~ gezüchtet und abgebildet, worüber das

Nähere aus seiner Abhandlung zu ersehen ist.

Durch einen eigenartigen Kunstgriff hat ferner ~Oscar Schultze~

Verdoppelungen von Froscheiern erreicht, die sonst sehr wenig

zu derartigen Missbildungen neigen. Er hat Froscheier zwischen

horizontalen Objectträgern gepresst und unmittelbar nach der

Zweitheilung umgekehrt. In jeder Theilhälfte machte sich hierauf das

Bestreben geltend, die animale, pigmentirte Hälfte durch Umkehrung

wieder mehr nach oben zu bringen. In Folge dessen wird allmählich die

normale Lage der beiden Furchungshalbkugeln zu einander mehr gelockert

und verändert. Ihre animalen Abschnitte stellen nicht mehr zusammen

eine einfache animale Scheibe dar, sondern sind gleichsam in zwei

getrennte Theile zerlegt, indem sich ein Streifen von vegetativer

Dottermasse zwischen sie trennend hineinschiebt. Die so hervorgerufene

Störung in der normalen Correlation der beiden Zellen wird dann im

weiteren Verlauf wieder die Ursache, dass bei fortgesetzter Furchung

zwei getrennte Furchungshöhlen (Fig. 63 _k_ _k_) entstehen, dass aus

dem einfachen Ei also eine Doppelkeimblase wird, dass sich an dieser

zwei Gastrulaeinstülpungen bilden. Da jede der aus dem natürlichen

Zusammenhang gebrachten Hälften sich theilweise für sich selbständig

entwickelt, liefert das ursprünglich einfache, aber durch Compression

und Umkehr in veränderte Bedingungen gebrachte Froschei +anstatt

eines einfachen Embryos Zwillinge+, die theilweise unter einander

zusammenhängen und einzelne Körpertheile gemeinsam haben.

[Illustration: Fig. 63.]

[Illustration: Fig. 64.]

=Fig. 63. Schnitt durch ein comprimirtes und nach Beginn der ersten

Furche gedrehtes Ei von Rana fusca auf dem Blastulastadium nach

Aufhebung der Compression.= _k_ Keimhöhle. Nach ~Wetzel~.

=Fig. 64= _A_ u. _B_. =Zwei zwischen horizontalen Platten gepresste

Eier von Rana fusca=, welche auf dem Stadium der ersten Furche so

gedreht wurden, dass das helle Feld genau nach oben gerichtet war.

Nach ~Oscar Schultze~.

_A_ Medullarrinne mit vorderer Theilung als Anlage einer Duplicitas

anterior.

_B_ Dasselbe Ei zu einem typischen Dicephalus geworden.

Von den für die Theorie der Biogenesis ebenfalls sehr lehrreichen

Doppelbildungen des Froscheies gebe ich drei Beispiele in den Fig.

64–67 aus den interessanten Abhandlungen von ~Oscar Schultze~ und von

~Wetzel~, welcher die Umkehrversuche mit dem gleichen Erfolg wiederholt

und die missgebildeten Eier auf Schnittserien weiter untersucht hat.

Fig. 64 _A_ u. _B_ stellt eine aus einem normalen Ei künstlich erzeugte

Duplicitas anterior auf einem jüngeren (_A_) und älteren Stadium (_B_)

dar, beide vom Rücken aus gesehen. Auf dem jüngeren Stadium sind die

Medullarwülste entwickelt, welche, von der Norm abweichend, eine in

drei Zipfel auslaufende Rinne begrenzen. Die nach vorn gerichteten

kürzeren Zipfel sind die Anlagen für zwei getrennte Köpfe, sie

liefern beim Verschluss der Ränder der einander gegenüberstehenden

Medullarwülste zwei Röhren, aus denen sich die einzelnen Blasen für

zwei Gehirne differenziren. Der hintere Zipfel ist die Anlage für

den hinteren gemeinsamen Rumpftheil der Doppelbildung, indem die

gegenüberstehenden Medullarwülste bei ihrem Verschluss ein einfaches

Rückenmarksrohr liefern.

Im Laufe der weiteren Entwicklung ist aus dem Stadium _A_ der in _B_

abgebildete Embryo entstanden mit zwei vollkommen getrennten, weit

entwickelten Köpfen, deren jeder mit zwei grossen Kiemenbüscheln

ausgestattet ist. Die Verdoppelung erstreckt sich auch noch auf

den vordersten Theil des Rumpfes, während die Rumpfmitte und das

Schwanzende einfach sind. Ventralwärts besitzt die Duplicitas anterior

einen gemeinsamen Dottersack.

[Illustration: Fig. 65.]

[Illustration: Fig. 66.]

=Fig. 65. Ei von Rana fusca=, nach derselben Methode wie in Fig. 64

behandelt. Nach ~Oscar Schultze~. Auf jeder der beiden Eihälften

haben sich Medullarwülste entwickelt, deren Kopftheile jedoch

entgegengesetzt gelagert sind.

=Fig. 66. Ei von Rana fusca=, nach derselben Methode wie in Fig. 64

u. 65 behandelt. Nach ~Wetzel~. Aus jeder Eihälfte ist ein Embryo mit

Medullarwülsten entstanden. Beide Embryonen zeigen Rückenmark und

Chorda getrennt, sind dagegen in der Bauchgegend verschmolzen.

_h_ Getrennte Kopfenden. _m_ Medullarwülste. _c_ Linie, in der die

median gelegenen Medullarwülste zusammentreffen.

Noch weiter ist die Sonderung der beiden Anlagen in Fig. 65 gediehen.

Aus jeder Hälfte des zweigetheilten Eies ist eine von hohen

Medullarwülsten begrenzte, von der andern ganz isolirte Medullarrinne

entstanden, und zwar so, dass ihre Kopfenden nach entgegengesetzten

Enden in ähnlicher Weise wie bei der Doppelgastrula des Amphioxus (Fig.

62 _A_) orientirt sind. Aus den Anlagen kann man mit grosser Sicherheit

hinsichtlich des weiteren Verlaufes wohl voraussagen, dass zwei mit

ihren Achsenorganen vollkommen gesonderte Embryonen zu Stande kommen

werden, die nur ventralwärts einem gemeinsamen Dottersack aufsitzen.

In dem dritten Beispiel endlich (Fig. 66) sind aus den beiden ersten

Furchungszellen in Folge der Compression und Umkehrung zwei Embryonen

hervorgegangen, die mit ihren Längsachsen parallel und dicht neben

einander liegen, wie die Doppelgastrulae von Amphioxus (Fig. 62

_C_). Sie befinden sich auf dem Stadium der Medullarrinne mit weit

vorspringenden Rückenwülsten. Nur die Kopfenden, welche in derselben

Richtung orientirt sind, weichen nach vorn, wie in der Fig. 64 _A_, ein

wenig aus einander und sind vollständig gesondert.

Auf einer Querschnittserie (Fig. 67 _A_ u. _B_) durch den abgebildeten

Embryo (Fig. 66) sieht man in dem Schnitt durch das Kopfende (Fig.

67 _A_) zwei in sich abgeschlossene Kopfdarmhöhlen (_en_), zwei

Rückenseiten (_ch_) und zwei Hirnanlagen, zwischen welche eine tiefe,

von Ektoderm ausgekleidete Rinne einschneidet. Die eine Hirnanlage

ist bereits zum Rohr geschlossen, die andere noch als Rinne geöffnet.

In der Mitte der Doppelbildung (Fig. 67 _B_) sind beide Anlagen

näher zusammengerückt. Während ventralwärts die in den Kopfanlagen

getrennten Darmhöhlen zu einem Hohlraum verschmolzen sind, haben

sich die Rückenorgane noch ganz gesondert erhalten, doch liegen die

beiden Medullarrinnen so dicht zusammen, dass die einander zugekehrten

Medullarwülste sich mit ihren Rändern fast berühren.

[Illustration: =Fig. 67.= _A_ u. _B_. =Zwei Durchschnitte durch die in

Fig. 66 abgebildete Doppelmissbildung.= Nach ~Wetzel~.]

[Illustration: =Fig. 68.= _A_ u. _B_. =Zwei Schemata zur Erläuterung

der Entstehung einer Doppelmissbildung des Lachses aus zwei

Gastrulaeinstülpungen.= _K¹_ _K²_ Rechte und linke Kopfanlage einer

Doppelbildung. _Z_ Zwischenstück.

_C_ =Schematische Darstellung der Keimscheibe eines Hühnchens mit zwei

Primitivrinnen=.]

Aehnliche Doppelmissbildungen, wie sie in Folge künstlicher Eingriffe

durch einfache Verlagerung der Furchungselemente eines ganz normalen,

einfachen Eies willkürlich erzeugt werden können, kommen in der Natur

zuweilen auch ohne gewaltsamen Eingriff zur Entwicklung aus Ursachen,

die sich noch unserer Kenntniss entziehen. Besonders häufig werden sie

bei den grossen, dotterreichen Eiern der Fische (Forellen), Reptilien

und Vögel beobachtet.

An einem sonst anscheinend normalen Ei entstehen anstatt +einer zwei

Gastrulaeinstülpungen+ an zwei getrennten Stellen der Keimblase

(Randzone der Keimscheibe meroblastischer Eier, Fig. 68 _A_).

Je nach der Lage der zwei Einstülpungen, die gleichsam als die

Krystallisationspunkte für die weitere Embryobildung bezeichnet

werden können, werden jetzt die Embryonalzellen der Keimscheibe in

den Entwicklungsprocess hineingezogen, in genauer bestimmte Lagen zu

einander gebracht und zur Organbildung benutzt. Im Anschluss an eine

doppelte Gastrulaeinstülpung entstehen dann zum Beispiel anstatt zweier

vier Ohrbläschen, vier Augenbläschen, vier Geruchsgrübchen etc. aus

Zellgruppen, die durch ihre Lage zu den Orten der ersten Einstülpung

bestimmt werden.

Je nachdem ferner die zwei Gastrulaeinstülpungen am Keimscheibenrand in

grösserer Nähe oder in grösserer Entfernung von einander aufgetreten

sind, fallen die vorderen verdoppelten Rumpftheile kürzer oder länger

aus, wovon dann wieder die Länge des sich einfach anlegenden hinteren

Körperendes abhängt (Fig. 68 _B_ _C_).

Wie leicht ersichtlich ist, bilden die Doppelmissbildungen, deren

Entstehung durch die experimentell erzeugten Formen unserem

Verständniss erheblich näher gerückt ist, ein sehr werthvolles und

beweiskräftiges Material für die Lehre, dass die Embryonalzellen

nicht von vornherein für bestimmte Aufgaben im Entwicklungsprocess

specificirt sind, sondern je nach den Bedingungen, unter welche sie auf

dem normalen oder auf dem experimentell abgeänderten Wege gerathen,

zu dieser oder jener Rolle determinirt und zum Aufbau dieses oder

jenes Organes und Gewebes verwandt werden. Denn je nachdem durch

künstliche Eingriffe die beiden ersten Theilstücke gegen einander

verschoben und in verschiedene Stellungen gebracht werden, nehmen aus

ihnen vollkommene oder partielle Verdoppelungen der mannigfachsten

Art ihren Ursprung. Wer nur irgend wie mit den Grundprocessen bekannt

ist, durch welche sich die Entwicklung eines Thieres vollzieht, wird

einsehen, dass die Gesetzlosigkeiten, welche in der ausserordentlich

regelmässigen Zusammenpassung der correspondirenden Organe der linken

und der rechten Körperhälfte auch bei den Doppelmissbildungen zu

beobachten sind, sich allein aus Wachsthumscorrelationen begreifen

lassen, das heisst aus den Beziehungen, in welche die vorhandenen,

bestimmt gelagerten Embryonalzellen durch den Entwicklungsprocess

gebracht werden. Alle Präformationshypothesen versagen hier ihren

Dienst oder müssen mit Zusatzhypothesen derart beladen werden, dass sie

auch dadurch in ihr Gegentheil verwandelt werden.

Im Uebrigen ergibt schon, von allen Experimenten abgesehen, eine

einfache Ueberlegung, dass auch bei Annahme erbgleicher Theilung jedes

Mal die neugebildeten Zellen ihre Beziehungen zum Ganzen und mithin

zum zukünftigen Endproduct des Entwicklungsprocesses, wenn wir ihren

Antheil daran gewissermaassen in Gedanken voraus bestimmen wollen,

fortwährend verändern, ohne dass wir mit ~Weismann~ und ~Roux~ zu dem

Zweck eine Zerlegung des Keimplasmas in differente Determinantengruppen

anzunehmen haben. Denn auf der ersten Stufe der Furchung macht jede

Zelle die Hälfte des Ganzen, auf der zweiten Stufe nur ein Viertel,

dann nur ein Achtel, ein Sechszehntel und so weiter aus und nimmt

demnach selbstverständlicher Weise auf jeder Stufe in anderen

Bruchwerthen an der Ausbildung des entwickelten Organismus Theil.

Dabei verändert sich auch die Form der Zellen, indem sie Halbkugeln,

Quadranten, Octanten etc. werden, nach allgemeinen Gesetzen, die sich

aus dem Verhältniss der Theile zur Natur des Ganzen ergeben. Und so

ändern sich einfach in Folge erbgleicher Theilung noch viele andere

Beziehungen der Zellen zu einander und zur Aussenwelt.

Erstens ruft die Kernsubstanz -- um noch einige besonders deutlich

zu Tage tretende Verhältnisse herauszugreifen -- eine immer grösser

werdende Mannigfaltigkeit schon allein dadurch hervor, dass sie sich

durch eine Reihe der verwickeltsten chemischen Processe Schritt

für Schritt Stoff aus dem im Ei aufgespeicherten Reservematerial

und Sauerstoff aus der umgebenden Atmosphäre aneignet. Denn die

Massenzunahme der Kernsubstanz hat nach allgemeinen Gesetzen des

organischen Wachsthums und der organischen Zeugung ihre fortlaufende

Vermehrung in 2, 4, 8, 16 gleichartige Stücke etc. zur Folge. Die

Vermehrung ist aber gleichzeitig wieder die Ursache für eine sich

stetig ändernde räumliche Vertheilung der Substanz. Die 2, 4, 8, 16

etc. durch Theilung entstandenen Kerne weichen ebenfalls wieder nach

Gesetzen in entgegengesetzten Richtungen aus einander und gewinnen in

bestimmten Abständen von einander neue Stellungen im Eiraum. Waren

Anfangs alle Stofftheilchen des Eies um den befruchteten Kern herum als

einziges Kraftcentrum angeordnet, so gruppiren sie sich jetzt um so

viel individuelle Centren herum, als neugebildete Kerne vorhanden sind,

und sondern sich um dieselben zu Zellen ab.

Ohne Frage hat das Ei als vielzelliger Organismus im Vergleich zum

Ausgangsstadium seine Qualität Schritt für Schritt verändert, schon

allein durch den Process der erbgleichen Theilung.

In einer zweiten Beziehung geschieht dies auch dadurch, dass die

entwicklungsfähige Substanz mit jeder Theilung eine +grössere

Oberfläche+ gewinnt, durch welche sie mit der Umgebung in Verkehr

tritt. Die sogenannte +Hautschicht+ der ungetheilten Eizelle

vergrössert sich fortwährend erheblich mit der Zwei-, der Viertheilung

und so fort.

Drittens treten in Folge der Zerlegung Spalten in der

entwicklungsfähigen Substanz auf, die Anfangs eine compacte, zur Kugel

geformte Masse darstellte. Die Spalten fliessen allmählich nach innen

zu einem grösseren Hohlraum zusammen, der sich durch Absonderung von

Flüssigkeit zur Keimblasenhöhle ausweitet.

Um alle diese Vorgänge zu verstehen, bedarf es nicht der Annahme

besonderer im Keimplasma gelegener Determinanten, die durch

erbungleiche Theilung in verschiedener Weise auf die Zellen vertheilt

werden. Selbst die Entstehung der Keimblase lässt sich aus den

Beziehungen der Zellen des Eies zu einander und zur Aussenwelt

begreifen, wenn man bedenkt, dass alle durch Theilung gebildeten

Zellorganismen auf den Verkehr mit der Aussenwelt behufs Stoffaufnahme

und Stoffabgabe, dieser beiden nothwendigen Kehrseiten des Lebens,

angewiesen sind. Schon allein um den für sie so unentbehrlichen

Sauerstoff zu beziehen, müssen die Zellen an die Oberfläche

empordrängen und sich dadurch als Bausteine zur Wand einer Hohlkugel

verbinden.

~Bergmann~ und ~Leuckart~ haben bereits vor langer Zeit das allgemeine

Gesetz aufgestellt, dass ein Zellenhaufen, sei er eine Kugel oder ein

Cubus, sich nicht durch fortgesetzte Auflagerung neuer Zellenschichten

an seiner Oberfläche vergrössern kann, da dann die centrale

Zellenmasse ihrer Lebensbedingungen beraubt würde. Es besteht eben ein

durchgreifender fundamentaler Unterschied zwischen dem Wachsthum eines

Organismus und eines Krystallindividuums.

Ein Krystall kann in seiner Mutterlauge wachsen, indem er auf seiner

Oberfläche immer neue Theilchen ansetzt, gemäss der seiner Substanz

eigenthümlichen Art zu krystallisiren. Die einmal auskrystallisirten

Theilchen beharren in ihrer Anordnung, auch wenn neue Schichten auf

der Oberfläche sich abscheiden, und können so, wie beim Bergkrystall,

Jahrtausende bestehen bleiben, wenn sie nicht durch veränderte äussere

Eingriffe in ihrem Beharrungsvermögen gestört werden.

Die ein Lebewesen aufbauende Substanz aber kann in dieser Weise

nicht wachsen. Sie nimmt Stoffe von aussen auf, um sie, nicht wie

der Krystall an ihrer Oberfläche abzusetzen, sondern ihrem Innern

(durch Intussusception) einzuverleiben. Sie kann auch nicht, ohne

der Zerstörung zu verfallen, in dem einmal angenommenen Zustand

beharren; denn sie muss Stoffe umsetzen, worin ja der Lebensprocess

zu einem wesentlichen Theil mit besteht, und ist hierbei auf die

stete Wechselwirkung mit der Aussenwelt angewiesen. Daher kann sie

beim Wachsthum nur solche Formen annehmen, welche ihr gestatten,

mit der Aussenwelt beständig in Fühlung zu bleiben. Fast jedes

Wachsthum von Zellenaggregaten muss mit einer möglichst grossen

Oberflächenentwicklung verknüpft sein, ein Satz, welcher von

fundamentalster Bedeutung für das Verständniss pflanzlicher und

thierischer Gestaltbildung ist.

Wie bei der Entwicklung der Keimblase tritt uns die Bedeutung dieses

Satzes auf den verschiedensten Stadien des Entwicklungsprocesses

entgegen, wie an anderer Stelle (Cap. XV) noch ausführlicher erörtert

werden wird. +Die jeweilige Form erscheint so in mancher Hinsicht

als eine Function des Wachsthums der organischen Substanz; ihr

Bestand ist an bestimmte Bedingungen gebunden, die, wenn sie in Folge

fortschreitenden Wachsthums sich verändern, bei der reactionsfähigen

Substanz zu einer zweckentsprechenden Veränderung der Form führen.+

Dafür, dass auch auf späteren Stadien der Entwicklung die schon zu

Organen gesonderten Zellen des Embryos durch ihre Correlationen

zu einander die Gestaltungsprocesse beeinflussen, bietet ein

lehrreiches Beispiel die Art und Weise, wie bei den Wirbelthieren dem

Athembedürfniss des Embryos genügt wird. Während bei den Anamnia an

den Kiemenspalten sich Kiemenblättchen als Athmungsorgane entwickeln,

wird bei den Amnioten, weil ihre Körperoberfläche durch den Einschluss

in mehrere Hüllen in ungünstige Lage zu der Sauerstoffquelle gebracht

ist, das Athmungsbedürfniss durch einen günstiger gelegenen,

geeigneten Abschnitt einer Eihülle (Allantois der Reptilien und

Vögel, Placenta der Säugethiere) befriedigt. Die Folge davon ist,

dass bei allen Amnioten, obwohl Kiemenspalten noch nach wie vor

angelegt werden, doch die Entwicklung von Kiemenblättchen an ihren

Wandungen ausnahmslos unterdrückt ist. Indem aber die in dieser Gegend

ursprünglich localisirte Athmungsfunction auf einen anderen Theil des

Organismus übergegangen ist, hat sie zugleich auch die Gestaltbildung

sehr wesentlich beeinflusst, theils durch den Ausfall der nutzlos

gewordenen Kiemen, theils durch die anderen Processe, welche wieder mit

diesem Ereigniss causal verknüpft sind, wie der nachfolgende Verschluss

der Kiemenspalten, die Umwandlung im Skelett und Muskelapparat, in den

Gefässen, Nerven, Drüsen der Halsgegend.

So zieht Veränderung eines Theiles auf vielen verschiedenen Wegen

zahlreiche Veränderungen an anderen Theilen bald in einer für

uns erkennbaren, bald noch verborgenen Weise auf jeder Stufe des

Entwicklungsprocesses nach sich. Ein Factor verändert viele andere

Factoren durch seine Beziehungen zu ihnen, so dass schliesslich eine

kleine Ursache fast im ganzen Organismus Wandlungen grösseren und

geringeren Grades hervorbringen kann.

Die Ergebnisse unserer Betrachtungen lassen sich mithin in den Satz

zusammenfassen:

Durch die nach allgemeinen Gesetzen vor sich gehenden, sich

stetig verändernden Beziehungen der sich vermehrenden Zellen der

entwicklungsfähigen Substanz und durch die gleichfalls einer steten

Veränderung unterliegenden Beziehungen dieser inneren zu den äusseren

Factoren werden auf jeder Stufe des Entwicklungsprocesses neue

Gestaltungen in einer sich immer mehr complicirenden Mannigfaltigkeit

hervorgerufen.

Literatur zu Capitel X.

1) =L. Chabry.= _Embryologie normale et tératologique des ascidies.

Thèses présentées à la faculté des sciences de Paris. 1887._

2) =C. Chun.= _Die Ctenophoren des Golfes von Neapel. Fauna und Flora

des Golfes von Neapel Bd. I. 1880._

3) +_Derselbe._+ _Die Dissogenie, eine neue Form der geschlechtlichen

Zeugung. Festschrift für Leuckart. 1892._

4) =Crampton.= _Experimental studies on gasteropod development. Archiv

f. Entwickl.-Mech. Bd. III. 1896._

5) +_Derselbe._+ _The Ascidian half-embryo. Annals of the New York

Acad. of sciences Vol. X. 1897._

6) =Driesch.= _Entwicklungsmechanische Studien I. Der Werth der beiden

ersten Furchungszellen in der Echinodermenentwicklung. Experimentelle

Erzeugung von Theil- und Doppelbildungen. Zeitschr. f. wiss. Zool. Bd.

LIII. 1892._

7) +_Derselbe._+ _Entwicklungsmechanische Studien III. Die Verminderung

des Furchungsmaterials und ihre Folgen. Ebenda Bd. LV. 1893._

8) +_Derselbe._+ _Von der Entwicklung einzelner Ascidienblastomeren.

Archiv f. Entwickl.-Mech. Bd. I._

9) +_Derselbe._+ _und_ =T. H. Morgan=. _Zur Analysis der ersten

Entwicklungsstadien des Ctenophoreneies. Archiv f. Entwickl.-Mech. Bd.

II._

10) =Alfred Fischel.= _Experimentelle Untersuchungen am Ctenophorenei.

I. Von der Entwicklung isolirter Eitheile. Archiv f. Entwickl.-Mech.

Bd. VI. 1897._

11) =Karl Heider.= _Ueber die Bedeutung der Furchung gepresster Eier.

Archiv f. Entwickl.-Mech. Bd. V. 1897._

12) =Amadeo Herlitzka.= _Contributo allo studio della capacita

evolutiva dei due primi blastomeri nell’ uovo di tritone. Archiv f.

Entwickl.-Mech. Bd. II._

13) +_Derselbe._+ _Sullo sviluppo di embrioni completi da blastomeri

isolati di uova di tritone. (Molge cristata.) Archiv f. Entwickl.-Mech.

der Organismen Bd. IV. 1897._

14) +_Derselbe._+ _Ricercha sulla differenziazione cellulare nello

sviluppo embrionale. Archiv f. Entwickl.-Mech. Bd. VI. 1897._

15) =Hertwig.= _Urmund und Spina bifida. Archiv f. mikrosk. Anat. Bd.

XXXIX. 1892._

16) +_Derselbe._+ _Ueber den Werth der ersten Furchungszellen für die

Organbildung des Embryo. Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. XLII._

17) +_Derselbe._+ _Aeltere und neuere Entwicklungstheorien. Ein

Vortrag. Berlin 1892._

18) =Jacques Loeb.= _Beiträge zur Entwicklungsmechanik der aus einem Ei

entstehenden Doppelbildungen. Archiv f. Entwickl.-Mech. Bd. I._

19) =Morgan.= _The formation of one Embryo from two Blastulae. Studies

of the „partial“ Larvae of Sphaerechinus. Archiv f. Entwickl.-Mech. Bd.

II. 1896._

20) +_Derselbe._+ _Experimental studies of the Blastula and gastrula

stages of Echinus. Ebenda._

21) +_Derselbe._+ _The development of the frog’s egg. New York. The

Macmillan Comp. 1897._

22) +_Derselbe._+ _Half-embryos and Whole-embryos from one of the first

two Blastomeres of the frog’s egg. Anat. Anzeiger Bd. X._

23) +_Derselbe._+ _Experimental studies on Teleost egg. Anat. Anzeiger

Bd. VIII._

24) +_Derselbe._+ _Experimental Studies on echinoderm egg. Anat.

Anzeiger Bd. IX._

25) =A. Rauber.= _Formbildung und Formstörung in der Entwicklung von

Wirbelthieren. Morphol. Jahrbuch Bd. V. 1879. Bd. VI. 1880._

26) =Roux.= _Ueber die künstliche Hervorbringung halber Embryonen durch

Zerstörung einer der beiden ersten Furchungskugeln, sowie über die

Nachentwicklung (Postgeneration) der fehlenden Körperhälfte. Virchorw’s

Archiv Bd. CXIV. 1888._

27) +_Derselbe._+ _Ueber das entwicklungsmechanische Vermögen jeder der

beiden ersten Furchungszellen des Eies. Verhandl. d. anat. Gesellsch.

d. 6. Vers. in Wien 1892._

28) +_Derselbe._+ _Ueber Mosaikarbeit und neuere

Entwicklungshypothesen. Anat. Hefte von Merkel und Bonnet. 1893._

29) +_Derselbe._+ _Ueber die verschiedene Entwicklung isolirter erster

Blastomeren. Archiv f. Entwickl.-Mech. Bd. I._

30) =Oscar Schultze.= _Ueber die Bedeutung der Schwerkraft für die

organische Gestaltung, sowie über die mit Hilfe der Schwerkraft

mögliche künstliche Erzeugung von Doppelmissbildungen. Verhandl. d.

physik.-medic. Gesellsch. zu Würzburg Bd. XXVIII Nr. 2. 1894._

31) +_Derselbe._+ _Die künstliche Erzeugung von Doppelbildungen

bei Froschlarven mit Hilfe abnormer Gravitationswirkung. Archiv f.

Entwickl.-Mech. Bd. I. 1894._

32) =Wetzel.= _Beitrag zum Studium der künstlichen Doppelmissbildungen

von Rana fusca. Inaug.-Diss. 1896._

33) +_Derselbe._+ _Ueber die Bedeutung der circulären Furche in der

Entwicklung der Schultze’schen Doppelbildungen von Rana fusca. Archiv

f. mikrosk. Anat. Bd. XLVI. 1895._

34) =Wilson.= _Amphioxus and the mosaic theory of development. Journal

of morphology Vol. VIII Nr. 3._

35) +_Derselbe._+ _On cleavage and mosaic-work. Archiv f.

Entwickl.-Mech. Bd. III._

36) =Raffaello Zoja.= _Sullo sviluppo dei blastomeri isolati delle uova

di alcune meduse e di altri organismi. Archiv f. Entwickl.-Mech. Bd. I

u. II._

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 148 / 225 题