7. Reize zusammengesetzter Art.

In den seltensten Fällen sind die äusseren Ursachen, die auf

einen Organismus umgestaltend einwirken, einfacher Art. Das mag

zum Theil schon bei einigen Beispielen der Fall sein, welche auf

den vorausgegangen Seiten besprochen worden sind, wie bei den

Schattenblättern, bei Hydatina u. s. w. Meist kommen gleichzeitig viele

Factoren zusammen, so dass man ihre einzelnen Conten von einander

nicht trennen und nur von einem verändernden Einfluss der allgemeinen

Lebensbedingungen sprechen kann.

In ihrem allgemeinen Habitus und in vielen Zügen ihrer Organisation

sind die +Wasser- von den Landpflanzen+ unterschieden, was sich aus

den andersartigen mechanischen, chemischen, thermischen und anderen

Bedingungen des umgebenden Mediums, hier des Wassers, dort der

Luft, erklärt. So sind bei Wasserpflanzen die mechanischen Gewebe

gar nicht oder nur in viel geringerem Maasse als bei Landpflanzen

entwickelt, weil Zweige und Blätter mit dem Wasser nahezu das gleiche

specifische Gewicht haben und flottirend aufrecht erhalten werden. Da

Wasseraufnahme und Wasserabgabe bei ihnen in anderer Weise als bei

Landpflanzen erfolgen, fehlen die saftleitenden Gefässe oder sind wenig

entwickelt; die Blätter sind zarter, mit dünner Cuticula. Ihr Bau wird

statt dorsiventral mehr zu einem isolateralen.

Nun gibt es auch eine Anzahl von Pflanzenarten (Mentha aquatica,

Glechoma hederacea, Scrophularia), welche, in Sümpfen oder am Rand

von Bächen und Flüssen wachsend, gelegentlich auch längere Zeit

ganz in Wasser eingetaucht leben können; auch können sie künstlich

unter Wasser gezüchtet werden. Die unter Wasser entstandenen Theile

dieser gewissermaassen +accidentellen Hydrophyten+ zeigen gleichfalls

morphologische Abänderungen mehr oder minder ausgeprägter Art; sie

nähern sich der Structur echter Hydrophyten und lassen sich als

Zeugnisse für den umgestaltenden Einfluss des Wasserlebens verwerthen.

Aehnliche durch Verschiedenheit der äusseren Factoren hervorgerufene

Gegensätze wie zwischen Land- und Wasserpflanzen treten uns zwischen

der Vegetation der nördlichen gemässigten und der tropischen Länder,

zwischen der Vegetation der Alpen und der Ebene oder eines Culturlandes

und der Wüste entgegen. Alpine Pflanzen zum Beispiel, die an der Grenze

des ewigen Schnees nur wenige Sommermonate nicht vom Schnee bedeckt

sind und unter ganz besonderen Verhältnissen der Sonnenstrahlung

und Temperatur vegetiren, zeigen Zwergwuchs, haben aber ein mächtig

entwickeltes Wurzelwerk, intensiv gefärbte Blüthen etc. In die Ebene

verpflanzt, verändern sie ihren Habitus, nehmen aber die alpine

Form wieder an, wenn sie oder ihre Nachkommen aus der Ebene an den

ursprünglichen Standort zurückgebracht werden. Daher kann dieselbe

Pflanzenspecies, je nach den Standorten, an denen sie gezüchtet wird,

in verschiedenen +Standortsmodificationen+ auftreten.

Zu zahlreichen Variationen neigen besonders die der Cultur

unterworfenen Gewächse, weil sie den verschiedenartigsten, oft

einseitigen und „unnatürlichen“ Entwicklungsbedingungen unterworfen

werden.

In gleicher Weise wie auf die Pflanzen übt auch auf die Thiere das

Land- und Wasserleben, die amphibische Lebensweise, die Domestication,

das Klima u. s. w. einen umändernden Einfluss aus. Dasselbe gilt vom

dauernden Aufenthalt in unterirdischen Räumen, so dass die Vertreter

der Höhlenfauna aus den verschiedensten Thierstämmen gewisse gemeinsame

Züge aufweisen.

Die oberflächlichen Grenzschichten des Körpers nehmen sofort bei sehr

vielen Thieren ein besonderes Aussehen an, je nachdem sie mit der Luft,

mit Wasser oder mit Körpersäften in Berührung sind. Die vom Wasser

umspülte Oberhaut vieler Fische (Fig. 54) ist physiologisch wie eine

Schleimhaut beschaffen, mit Becherzellen wie das Epithel des Darmkanals

ausgestattet und zur massenhaften Absonderung von Schleim befähigt; bei

den landbewohnenden Wirbelthieren dagegen steht der Epithelüberzug der

Haut zum Epithel des Darmkanals in ausgesprochenem Gegensatz. Durch

den Einfluss der atmosphärischen Luft, die dem weichen Protoplasma

sein Wasser rasch entziehen würde, sind die oberflächlichsten Zellen

in Hornsubstanz umgewandelt und bilden zusammen eine ziemlich

undurchlässige Schicht, das Stratum corneum, welches sich als

schützende Decke über den eigentlichen lebensthätigen Theil der

Oberhaut, das Rete Malpighii, herüberlegt. Die inneren Epithelschichten

des Körpers entbehren einer solchen zum Schutz gegen die Luft

berechneten Decke, weil sie durch den vom Darmrohr ausgeschiedenen

Schleim und andere Secrete feucht und schlüpferig erhalten werden.

Daher sehen wir auch an den Stellen, wo die inneren Höhlen an der

Oberfläche des Körpers ausmünden, sich mit dem Wechsel der Bedingungen

eine entsprechende Umwandlung der Schleimhaut in eine Oberhaut

vollziehen; es bildet sich auf eine kurze Strecke ein Uebergangsepithel

aus, wie am Rand der Lippen und der Nasenflügel oder am After.

Auch der experimentelle Beweis ist hier für die Richtigkeit der

gegebenen Erklärung zu erbringen. Wie aus der allgemeinen Pathologie

genugsam bekannt ist, verändern Schleimhäute ihren eigenthümlichen

Charakter und nehmen mehr die Eigenschaften und das Aussehen der

Oberhaut an, wenn sie, aus ihrer normalen Lage gebracht (wie bei

Vorfall der Gebärmutter, bei Blasenspalte etc.), dem Einfluss der

äusseren Luft längere Zeit ausgesetzt gewesen sind. Ihre Oberfläche

verliert die feuchte Beschaffenheit einer Schleimhaut, wird trocken

und hart, wobei die oberflächlichsten Zellen die charakteristische

Hornmetamorphose erleiden.

[Illustration: =Fig. 54. Senkrechter Durchschnitt durch die Epidermis

der Bauchhaut eines erwachsenen Aales.= Nach ~Eilh. Schulze~ Taf. VII

Fig. 4.]

Festsitzende Pflanzen und Thiere stehen mit ihren beiden Körperenden

unter ähnlichen gegensätzlichen Bedingungen. Auf das untere Ende wirkt

die Erde mit ihren Contactreizen, mit ihren löslichen chemischen

Stoffen und in grösserer Tiefe durch den Abschluss des Lichtes; das

nach oben gekehrte Ende dagegen ist, abgesehen von anderen Factoren,

vor allen Dingen dem vollen Einfluss des Lichtes ausgesetzt. Die Folge

davon ist die Entwicklung sehr verschiedenartiger Organe an der Basis

und an der Spitze. Den Pflanzen gleich entwickeln viele festsitzende

Thiere, besonders aus dem Stamm der Cœlenteraten, an ihrer Basis

ebenfalls eine Art von Wurzelwerk zum Festhalten, Stolonen oder

Ausläufer, die auf dem Boden hinkriechen oder sich auch ein wenig in

denselben einsenken. Durch Experimente gelingt es sogar bei niederen

Pflanzen und Thieren, durch Umkehr von Basis und Spitze, sehr einfache

und schlagende Beweise für die Macht der gegensätzlichen Bedingungen

bei der Entstehung der Organe beizubringen.

Erwähnenswerth sind hier die interessanten Ergebnisse, welche

der Botaniker ~Noll~ an Bryopsis mucosa und der amerikanische

Thierphysiologe ~Loeb~ an Tubularia mesembryanthemum gewonnen haben.

+Bryopsis+ (Fig. 55 _I_) ist ein im Wasser lebender Coeloblast wie die

auf S. 15 beschriebene und abgebildete Caulerpa (Fig. 9); sie besteht

aus einem einzigen, mit vielkernigem Protoplasma erfülltem Schlauche,

der aber äusserlich wie ein zelliges Pflänzchen in einen verticalen

Stamm mit einem Gipfelspross (_s_), in Blätter, die am oberen Ende

in zwei Reihen regelmässig vertheilt sind, und in ein den Boden

durchziehendes, verzweigtes Wurzelwerk (_w_) gegliedert ist.

Um den Einfluss der äusseren Factoren zu prüfen, hat ~Noll~ einfach das

ganze vielkernige Pflänzchen umgekehrt und mit dem Gipfelspross nach

unten in die Erde des Aquariums eingegraben (Fig. 55 _II_). Die Folge

davon war, dass jetzt aus dem Gipfelspross (_s_), an welchem sonst,

wenn er nach oben gekehrt ist, seitlich junge Blattanlagen entstehen,

sich verzweigende Wurzelfäden (_w_) hervorsprossen und den Sandkörnchen

(_k_) des Bodens fest anhaften. Desgleichen sind auch Umwandlungen an

den Blattschläuchen hervorgerufen worden; ihre, anstatt wie normal nach

oben, jetzt nach unten und dem Boden zugekehrten Enden, die sich mit

ihrem von vielen Kernen durchsetzten Protoplasma wie Vegetationspunkte

verhalten, treiben einerseits Wurzelfäden (_w_) nach abwärts,

andererseits Sprosse, die, sich nach oben richtend, eine Grundlage für

neue Stämmchen mit Blattfiedern abgeben.

[Illustration: =Fig. 55.= _I._ =Aufrecht gewachsenes Pflänzchen von

Bryopsis mucosa.= (Halb schematisch.)

_II._ =Spitze einer umgekehrten Bryopsis mucosa, deren Spitze sich in

eine Wurzel umgewandelt hat.= Der schraffirte Theil stellt die Grösse

der ursprünglich umgekehrten Pflanze dar, die nicht schraffirten

Theile den Zuwachs in umgekehrter Lage. _w_ Wurzelschläuche, _k_

Sandkörnchen, mit denen die Wurzeln verwachsen sind. _b_ Blattfiedern.

_s_ Stammspitze. Nach ~F. Noll~.]

Der kleine, auf dem Boden festgewachsene Hydroidpolyp, Tubularia

mesembryanthemum, welcher sich durch ein ausserordentlich grosses

Regenerationsvermögen auszeichnet und dadurch zu Versuchen sehr

geeignet ist, besteht aus einem Stamm, dessen eines Ende in der Erde

mit Ausläufern wie mit Wurzelfäden befestigt ist, während das andere

sich in Zweige theilt, deren jeder mit einem Polypenköpfchen endet.

Wenn man letzteres abschneidet, so wird von der Wundfläche in wenigen

Tagen ein neues gebildet.

~Loeb~ hat nun einen grösseren Tubulariazweig, den er seines Köpfchens

beraubt hatte, zugleich auch noch von dem Stamme abgetrennt. Er hat auf

diese Weise ein zweigartiges Stück Tubulariasubstanz mit zwei Wundenden

erhalten, von denen wir das am Stamme abgetrennte Ende als Basis, das

des Kopfes beraubte Ende als Spitze bezeichnen wollen. Je nach den

Bedingungen, in welche er die beiden Enden des Zweiges versetzte,

konnte er jetzt im voraus bestimmen, welche Organe der Zweig an seinen

beiden Enden neu erzeugen sollte. Wenn er den Zweig mit seiner Basis

in den Sand eines Seewasseraquariums eine Strecke weit eingrub, so

dass das andere Ende, die Spitze, vertical nach oben gerichtet war, so

entstand nach wenigen Tagen an der letzteren ein neues Polypenköpfchen,

an ersterer aber Haftfäden. Wenn er dagegen einen anderen Zweig

umkehrte und mit der Spitze im Sande versenkte, so rief er jetzt an

dieser die Bildung von Wurzeln und an der ursprünglichen Basis die

Bildung eines Hydroidpolypenköpfchens hervor.

Derartige Ergebnisse lehren auf das Unzweideutigste, dass es lediglich

von der Beziehung zur Erde oder zum Licht abhängt, welche Organe an dem

Ende eines Tubulariazweiges entstehen sollen. Die verschiedene Art der

Reize ist es hier ganz offenbar, welche das an den Wundflächen gelegene

Zellmaterial zu dieser oder jener Art von Organbildung veranlasst; und

weil der Reizerfolg der Reizwirkung entspricht, erscheint uns zugleich

der ganze Vorgang als ein zweckmässiger.

Man kann schliesslich das Experiment noch in einer dritten Weise

variiren, derart, dass man das Bruchstück frei und horizontal im Wasser

aufhängt (Fig. 56); dann bilden sich, da beide Enden unter dem Einfluss

des Lichtes stehen, an beiden auch Polypen aus.

[Illustration: =Fig. 56. Heteromorphose bei Tubularia

mesembryanthemum.= Biorales Thier. Das aus der Mitte eines Stammes

heraus geschnittene Stück _a_ _b_ bildete an jedem Schnittende einen

Polypen (_d_ u. _c_). Nach der Polypenbildung erfuhr der Stamm _a_

_b_ den Zuwachs _b_ _d_ u. _a_ _c_. Die neugebildeten Stücke sind

durchsichtiger als das alte. Vergrösserung im Verhältniss von 1 : 2.

Nach dem Leben gezeichnet. Nach ~Loeb~ Fig. 1.]

8. Organische Reize, die in Einwirkungen zweier Organismen auf einander

bestehen.

Zum Schluss unserer Betrachtung der äusseren Factoren ist noch auf eine

mannigfaltige Gruppe von Reizursachen einzugehen, welche organischer

Natur sind und darin bestehen, dass die Lebensprocesse zweier

Organismen unmittelbar in innige physiologische Beziehungen zu einander

treten und Wachsthum und Form bestimmen. Ich meine die Verhältnisse,

die durch Pfropfung hervorgerufen werden (Pfropfhybride), ferner die

Wechselwirkungen zwischen Embryo und Mutterorganismus, die Telegonie

und die durch Organismen bedingten Gallen und Geschwülste.

a. +Pfropfung und Transplantation+.

Am lehrreichsten und überzeugendsten sind die Fälle, in denen der

Experimentator willkürlich die Art des Wachsthums und der Gestaltung

eines Organismus abändern kann durch geeignete Verbindung mit einem

zweiten. Es geschieht dies durch Pfropfung und Transplantation.

Beispiele in grosser Zahl liefert uns die Gärtnerkunst.

Wenn man zwei verschiedene Pflanzenindividuen durch Pfropfung zu

einer neuen Individualität verbindet, so wird das +Pfropfreis+ in

seiner Entwicklung oft in eigenthümlicher Weise von der Natur des

+Grundstocks+ abhängig gemacht. Um zum Beispiel das Wachsthum eines

Baumes zu beschränken und ihn zu einem Zwergwuchs zu zwingen, hat

man nur das Pfropfreis auf eine Unterlage einer verwandten, aber nur

einen Strauch bildenden Art zu transplantiren. Ein Birnreis, welches

der Gärtner auf die durch strauchartigen Wuchs ausgezeichnete Quitte

als Unterlage aufpfropft, wird in Folge davon in seinem vegetativen

Wachsthum sehr stark gehemmt; es bilden sich nur kurze und schwächliche

Laubsprosse. Alle die kleinen Zwergsorten von Birnen, die zu Spalieren

und kleinen Pyramiden benutzt werden oder als „Cordon“ und Topfbäumchen

in den Handel kommen, würden nicht vorhanden sein, wenn der Gärtner

nicht eine Unterlage wie die Quitte besässe (~Vöchting~). Durch

die Beschränkung des vegetativen Wachsthums wird gleichzeitig noch

eine gesteigerte und frühzeitig eintretende Fruchtbarkeit erzielt.

Aehnliches lehren andere cultivirte Obstsorten (Aepfel, Aprikosen

u. s. w.).

Durch die Verbindung mit einem etwas anders gearteten Organismus

kann ferner auch die +Widerstandsfähigkeit des Reizes gegen äussere

Einflüsse+ oder sogar seine +Lebensdauer+ verändert werden. Auch

hierfür zwei Beispiele.

Der Pistazienbaum (Pistazia vera), der, in Frankreich cultivirt, bei

einer Temperatur von mehr als −7,5° erfriert, erträgt eine Kälte von

−12,5°, wenn er auf P. terebinthus gepfropft wird. Ferner erreicht

er, „als Sämling gezogen, ein Alter von höchstens 150 Jahren; auf P.

terebinthus gepfropft, steigt seine Lebensdauer auf 200 Jahre, während

er, mit P. lentiscus als Grundstock verbunden, ungefähr 40 Jahre alt

wird“ (~Vöchting~).

Noch beweisender sind die von ~Vöchting~ an der Runkelrübe angestellten

Experimente, weil sie schon im Laufe eines Jahres das Ergebniss

liefern. Das Reis einer Runkelrübe, dessen Knospen noch undifferenzirt

sind, „gestaltet sich zu einem vegetativen Sprosssystem, wenn man es

mit einer jungen, noch wachsenden Wurzel verbindet; es bildet dagegen

einen Blüthenstand, wenn es im Frühjahr einer alten Rübe aufgesetzt

wird“. In der jungen Rübe fehlen offenbar noch gewisse, in der alten

Rübe als Reservematerial abgelagerte Stoffe, welche zur Erzeugung eines

Blüthenstandes nothwendig sind und das Reis zu einem entsprechenden

Wachsthum bestimmen.

Die Summe der zahlreichen Erfahrungen, welche in der Obstbaumzucht

über die gegenseitigen Beeinflussungen von Impfling und Grundstock

für verschiedene Apfelsorten gewonnen worden sind, hat ~Lindemuth~ in

einige wenige inhaltsreiche Sätze zusammengefasst:

„Auf den sehr zwergartigen Johannesapfel (Paradies-) geimpft, bleiben

die von Natur baumartigen Sorten sehr niedrig und fructificiren häufig

schon in dem auf die Impfung folgenden Jahr; auf dem Splittapfel

erreichen sie schon beträchtlichere Dimensionen und müssen zu

mittelhohen Formen erzogen werden; die Fruchtbarkeit tritt nach

wenigen Jahren ein. Auf Sämlingen der edlen Sorten oder auf anderen,

baumartigen Species entwickeln sich die Impfreiser der aufgepfropften,

edlen, von Natur baumartigen Sorten zu kräftigen Bäumen; die

Fruchtbarkeit tritt erst nach einer längeren Reihe von Jahren ein.

-- Die auf Johannesäpfel gepfropften Sorten bringen ihr Leben selten

über 15 bis 20 Jahre, die auf Splittäpfel etwas höher, während die auf

Sämlinge der baumartigen, edlen Sorten 150 bis 200 Jahre alt werden

können. -- Diese Thatsachen benutzt der Obstzüchter nach Willkür für

seine Zwecke.“

Die Beeinflussungen, die zwischen Impfling und Grundstock stattfinden,

können sich in seltenen Fällen auch noch in der Weise geltend

machen, dass Knospen, die sich an einem von beiden bilden, in ihren

Specieseigenschaften verändert werden und Mittelformen liefern, welchen

~Darwin~ den Namen +Pfropfhybride+ gegeben hat.

b. +Pfropfhybride+.

+Das Capitel der durch Pfropfung hervorgerufenen Knospenvariation

ist noch ein dunkles+, da viele der in der Literatur berichteten

Fälle nicht als einwandsfrei gelten können. Die auf diesem Gebiete

angestellten Experimente führen meist nicht zu sicheren Ergebnissen, da

Erfolg oder Fehlschlagen von vielen Zufälligkeiten abzuhängen scheint.

Einige Thatsachen sind indessen, wie mir scheint, über jeden Zweifel

erhaben.

Die eine Thatsache ist die +Uebertragung der Panachüre+. Bei manchen

Pflanzen treten Abarten auf, bei denen die Blätter durch weisse

Flecke ausgezeichnet sind, in deren Bereich das Chlorophyll in den

Zellen fehlt. Im Zusammenhang hiermit ist die Blattspreite gewöhnlich

verkleinert und auch die Achse der Zweige mehr oder minder verkürzt.

Die +Albicatio+ wird durch äussere Einflüsse gefördert, durch warme

und feuchte Atmosphäre, reiche Düngung und andere Momente, welche die

Vegetationsthätigkeit anregen.

Nach den durch ~Lindemuth~ ausgeführten, sorgfältigen Versuchen gelingt

die Uebertragung der Panachüre durch Pfropfung mit Sicherheit und

Leichtigkeit bei +Abutilon Thompsonii+. Wenn man einen panachürten

Impfling auf eine grüne Unterlage aufpfropft, so werden an dieser

die Knospen, welche sich unterhalb und in einiger Entfernung von der

Impfstelle später entwickeln, in ihrer Natur verändert, indem sie auch

panachürte Blätter erhalten. Eine Vorbedingung für das Gelingen des

Experimentes besteht nur darin, dass der Impfling entweder bei seiner

Vereinigung bunte Blätter besitzen oder nach derselben aus Knospen

bunte Blätter hervorgebracht haben muss.

Die Uebertragung der Panachüre geschieht ebenso gut auch in umgekehrter

Richtung von einer panachürten Unterlage auf einen grünen Impfling. Sie

ist abhängig von der Säftebewegung. Man kann daher von einem bereits

buntblätterig gewordenen Zweig die Panachüre durch zweckmässiges

Beschneiden der Pflanze mit dem Nahrungssaft auch anderen Zweigen und

schliesslich der ganzen Pflanze mittheilen. Dagegen lässt sich eine

panachürblätterige Unterlage von Abutilon nicht beeinflussen durch

einen grünblätterigen Impfling, in der Weise, dass sie nur Knospen mit

rein grünen Blättern hervorbrächte, und ebenso wenig wirkt in diesem

Sinne ein grüner Impfling auf eine panachürblätterige Unterlage ein.

Mit grösseren Schwierigkeiten scheint die Uebertragung des rothen

Farbstoffs vom Impfling auf die Unterlage verbunden zu sein. Doch

wird von ~Lindemuth~ ein Fall von einem Rothbuchenwildling berichtet,

welcher mit einem Impfling der Blutbuche gepfropft worden war und

einige Zeit darauf 1 m unter der Impfstelle eine Knospe mit rothen

Blättern trieb. Aehnliches beobachtete ~Reuter~, als Acer colchicum

var. rubrum auf Acer platanoides gepfropft wurde.

Auch bei verschieden gefärbten Kartoffelsorten gelingt es, durch

Pfropfung den Farbstoff von einem roth gefärbten auf eine weisse

Varietät zu übertragen. ~Lindemuth~ schnitt von einer Kartoffelknolle

_A_ (Kaliko), welche weisses Fleisch und hellgrüne Triebe hat, einen

Trieb bis auf 8 cm Länge ab und verband ihn mit einem violett gefärbten

Trieb einer Sorte _B_ (Zebra), deren Knollen dunkelblau-violett

sind. Nach einiger Zeit wurde der kaum hellgrüne Trieb der Unterlage

gleichfalls lebhaft karminroth gefärbt.

Noch merkwürdiger ist der berühmte Fall von =Cytisus Adami=, der in

seinen Eigenschaften eine Mischung von C. laburnum und C. purpureus

darstellt und über ganz Europa in vielen Exemplaren verbreitet ist,

welche alle von einer gemeinsamen Mutterpflanze aus Stecklingen gezogen

sind. „Es gewährt einen überraschenden Anblick,“ so schreibt ~Darwin~,

„auf demselben Baume schmutzig-rothe, hellgelbe und purpurne Blüthen

unter einander gemischt zu sehen, welche auf Zweigen stehen, welche

sehr von einander verschiedene Blätter und Wachsthumsweise haben.

Dieselbe Blüthenähre trägt zuweilen zwei Sorten von Blüthen; und ich

habe eine einzelne Blüthe gesehen, die genau in zwei Hälften getheilt

war; eine Hälfte war hellgelb und die andere purpurn, so dass die eine

Hälfte des Hauptkronenblattes gelb und von bedeutender Grösse, die

andere Hälfte purpurn und kleiner war. Bei einer anderen Blüthe war die

ganze Corolle hellgelb, aber genau die Hälfte des Kelches war purpurn

etc.“

Ueber die Entstehung des Goldregen-Bastards gehen die Meinungen aus

einander. Nach dem Bericht des Gärtners ~Adam~, welchen ~Darwin~ für

richtig hält, handelt es sich um einen +Pfropfbastard+. ~Adam~ hatte

ein Stück Rinde des Cytisus purpureus auf den Stamm des Cyt. laburnum

geimpft und nach einiger Zeit aus einer an der Impfstelle entstandenen

Knospe einen Zweig erhalten, welcher die oben beschriebenen

merkwürdigen Mischcharaktere zeigte. ~Darwin~ bemerkt hierzu: „Nehmen

wir den Bericht ~Adam~’s als richtig an, so müssen wir auch die

ausserordentliche Thatsache zugeben, dass zwei distincte Species sich

durch ihr Zellgewebe verbinden und später eine Pflanze erzeugen können,

welche Blätter und sterile Blüthen trägt, die intermediär im Charakter

zwischen dem Pfropfreis und dem Stamme sind, und gleichfalls Knospen,

welche einem Rückschlag gern unterliegen, kurz, eine Pflanze, welche in

jeder wichtigen Hinsicht einem Bastard gleicht, der auf die gewöhnliche

Weise durch Samenproduction entstanden ist.“

Die feineren Vorgänge, die bei der Pfropfung stattgefunden haben

müssen, damit eine Knospe mit gemischten Charakteren zu Stande kommen

konnte, entziehen sich zur Zeit unserer Kenntniss; +wie denn das ganze

Gebiet der Pfropfhybride noch als ein recht unklares bezeichnet werden

muss+.

c. +Wechselwirkungen zwischen Embryo und Mutterorganismus. --

Telegonie+.

Bei Thieren, deren Embryonalentwicklung sich eine Zeit lang im Innern

des weiblichen Fortpflanzungsapparats vollzieht, sehen wir mehr oder

minder intensive Wechselwirkungen zwischen mütterlichen und kindlichen

Organen eintreten. Sie sind um so erheblicher, je länger die Tragzeit

dauert und je mehr dadurch das in der Gebärmutter sich entwickelnde

Ei Gelegenheit erhält, sich mit der Uterinschleimhaut zu verbinden.

Nicht nur wird während einer Schwangerschaft der Stoffumsatz im

weiblichen Körper ganz enorm gesteigert, sondern es werden auch

theils in den direct vom Reiz betroffenen Organen, theils auch an

weit abgelegenen Stellen eigenthümliche Bildungsprocesse wachgerufen.

In letzterer Beziehung ist an die abnormen Pigmentablagerungen in

der Haut zu erinnern, welche mit unter den Schwangerschaftsmerkmalen

aufgeführt werden: an die Pigmentirung der Linea alba, der Umgebung

des Warzenhofes, der Chloasmata uterina, an die Entwicklung der

Brüste, an das Corpus luteum verum u. s. w. Unter dem Reiz, der

vom Ei auf seine Umgebung direct ausgeübt wird, verändert sich die

Gebärmutterschleimhaut in ihrer Structur und wird zur Decidua;

die Musculatur vermehrt sich beträchtlich, die Arteriae uterinae

vergrössern sich. Eigenthümliche, zur Placenta materna führende

Veränderungen entstehen an der Stelle, wo das Chorion in Zotten

auswächst, die sich in die Decidua einsenken.

Wir haben es in allen diesen Vorgängen mit direct durch organische

Reize bewirkten Anpassungserscheinungen zu thun. Denn durchaus analoge

Veränderungen stellen sich ein, wenn das Ei anstatt an normaler Stelle

in der Gebärmutterhöhle schon in dem Eileiter sich festsetzt oder,

wenn es durch irgend einen Umstand in der Bauchhöhle zurückgehalten,

zu einer Abdominalschwangerschaft Veranlassung gibt. In letzterem Fall

wird sogar das in seiner Structur von der Schleimhaut der Gebärmutter

so grundverschiedene Bauchfell zu einer Art Placenta materna

umgewandelt.

Wie das Ei auf den mütterlichen Organismus, so wirkt andererseits

auch wieder die Gebärmutterschleimhaut auf das sich entwickelnde Ei

als organischer Reiz ein und veranlasst es zu zweckentsprechenden

Bildungen. Während die äusserste Eihaut bei Reptilien und Vögeln ihre

glatte Oberfläche nie verliert und als Serosa bezeichnet wird, passt

sie sich bei den Säugethieren der ihr dicht anliegenden Decidua an,

vergrössert durch Zottenbildung ihre Oberfläche und wird zum Chorion.

Auch bei vielen +Pflanzen+ kommen analoge Wechselwirkungen zwischen

Mutterpflanze und dem Ei vor, wenn es seine ersten Entwicklungsstadien,

wie bei den Phanerogamen, im Fruchtknoten durchläuft. Es findet dann

zwischen dem sich entwickelnden Embryo und den umgebenden mütterlichen

Geweben eine lebhafte Wachsthumscorrelation statt, ähnlich wie bei

der Placentabildung trächtiger Säugethiere. Während Blüthen, bei

welchen die Befruchtung unterblieben ist, nicht weiter wachsen, welk

werden und abfallen, ruft der durch die Befruchtung im Ei angeregte

Entwicklungsprocess zugleich auch ein oft ganz energisches +Wachsthum

des Fruchtknotens+, eine eigenthümliche Umbildung seiner Zellen, mit

einem Wort +die Entstehung der verschiedensten Formen von Früchten

hervor+.

Ja zuweilen dehnen sich die durch Befruchtung hervorgerufenen

Veränderungen noch +über den Fruchtknoten hinaus auf die angrenzenden

Pflanzenorgane aus+ und ziehen sie ebenfalls in die Fruchtbildung

mit hinein. So kommen eigenthümliche Gebilde zu Stande, welche wie

die Feige, Erdbeere, Maulbeere in der Botanik als +Scheinfrüchte+

bezeichnet werden.

Auf pflanzlichem wie auf thierischem Gebiet gibt es eine Anzahl

wichtiger, von ~Darwin~ zusammengestellter Thatsachen, welche zu lehren

scheinen, dass bei den energischen Wachsthumscorrelationen, welche

zwischen befruchtetem Ei und dem mütterlichen Organismus stattfinden,

der letztere sogar Veränderungen in seinen Artcharakteren erleiden

kann. Es soll dies nämlich der Fall sein, wenn das +Ei durch fremden

Samen+ befruchtet wird.

Bei den Pflanzen, mit denen wir zunächst beginnen wollen, überträgt

der fremde Pollen in diesem Fall seine Eigenschaften nicht nur der

Eizelle, mit deren Kern sein Kern copulirt, sondern er kann unter

besonderen Bedingungen durch Vermittlung des aus dem befruchteten Ei

sich entwickelnden Bastardembryos sogar die umgebenden Gewebe der

Mutterpflanze gewissermaassen inficiren. Als Beweise führen wir von den

durch ~Darwin~ zusammengestellten Thatsachen die wichtigsten an:

„~Laxton~ befruchtete die ‚hohe Zuckererbse‘, welche sehr dünne, graue,

beim Trocknen bläulich-weiss werdende Schoten trägt, mit Pollen der

purpur-schotigen Erbse, welche, wie ihr Name ausdrückt, dunkel purpurne

Schoten mit sehr dünner Haut hat, die beim Trocknen blassroth-purpurn

werden. ~Laxton~ hat die ‚hohe Zuckererbse‘ zwanzig Jahre hindurch

cultivirt und hat niemals etwas davon gesehen oder gehört, dass

sie eine purpurne Schote producirte. Nichtsdestoweniger ergab eine

Blüthe, die mit dem Pollen der purpurschotigen befruchtet war, eine

purpurn-rothschattirte Schote, welche ~Laxton~ mir freundlichst gab.

Eine Stelle von ungefähr 2 Zoll Länge nach der Spitze der Schote zu

und eine kleinere Stelle in der Nähe des Stieles waren auf diese Weise

gefärbt.“

„~Naudin~ berichtet, dass er auf Chamaerops humilis wachsende

Früchte gesehen hat, welche von ~Denis~ mit dem Pollen der Phoenix-

oder Dattelpalme befruchtet worden waren. Die Frucht, die hierdurch

erzeugt war, war zweimal so lang und länglicher als die eigene Frucht

des Chamaerops, so dass sie in beiden Hinsichten ebenso wie in der

Textur zwischen der Frucht der beiden Elternformen mitten inne stand.

Diese bastardirten Samen keimten und producirten junge Pflanzen, die

gleichfalls im Charakter intermediär waren. Dieser Fall ist um so

merkwürdiger, als Chamaerops und Phoenix nicht bloss zu distincten

Genera, sondern nach der Ansicht einiger Botaniker zu besonderen

Sectionen der Familie gehören.“

„~Gallesio~ befruchtete die Blüthen einer Orange mit dem Pollen der

Limone, und eine hierdurch erzeugte Frucht trug einen longitudinalen

Streifen in der Schale, welcher die Färbung, den Geschmack und andere

Charaktere der Limone hatte.“

„~Dr. Savi~ säte gelb- und schwarzsamigen Mais zusammen, und in einer

und derselben Aehre waren einige der Samen gelb, einige schwarz und

andere gefleckt, wobei die verschieden gefärbten Samen entweder

in Reihen angeordnet waren oder unregelmässig vertheilt standen.“

Dasselbe Ergebniss erhielt ~Hildebrand~, als er, den Versuch von ~Savi~

wiederholend, gelben und rothen Mais mit einander kreuzte.

Aehnliche Beeinflussungen des Mutterorganismus von Seiten eines sich

entwickelnden Eies, dessen Eigenschaften durch Bastardbefruchtung

verändert sind, lehren uns im Thierreich einige seltene Fälle, welche

~Weismann~ unter dem Namen der

+Telegonie+

zusammengefasst hat. Allerdings ist ihre Bedeutung und Erklärung

wissenschaftlich noch nicht genügend sicher gestellt, so dass ihr

Vorkommen von manchen Seiten, wie zum Beispiel von ~Weismann~,

überhaupt in Abrede gestellt wird.

Bei der Telegonie soll es sich, kurz gesagt, um folgenden, zur Zeit

noch etwas hypothetischen Vorgang handeln. Wenn das Weibchen mancher

Säugethiere anstatt von einem Männchen derselben Art, von einem

Männchen einer anderen Rasse oder Varietät belegt wird, so bringt

es nicht nur Bastardjunge hervor, sondern wird selbst in seiner

Constitution etwas verändert. Die constitutionelle Veränderung wird

an der Mutter selbst allerdings dem Beobachter nicht bemerkbar, sie

äussert sich aber, wenn dasselbe Weibchen in späterer Zeit von einem

Männchen der eigenen Art wieder befruchtet wird, in der jetzt erzeugten

Nachkommenschaft; denn diese bietet Merkmale des Männchens der anderen

Rasse dar, welches bei der vorausgegangenen Zeugung mit dem Weibchen

eine Nachkommenschaft erzielt hatte.

Derartige Fälle werden in der Literatur vom Menschen, vom Pferd, Hund

etc. berichtet.

Eine +weisse+ Frau, welche vorher mit einem +Neger+ einen Bastard

erzeugt hat, soll häufig in einer späteren Ehe mit einem weissen

+Mann+ eine Nachkommenschaft erhalten, die unverkennbar Merkmale der

+Negerrasse+ an sich trägt (~Spencer.~ Biol. Centralbl. XIV S. 262).

Eine arabische Vollblutstute des Lord ~Morton~ erzeugte mit einem

Quaggahengst einen Bastard; als sie darauf wieder von einem arabischen

Rapphengst belegt wurde, warf sie zwei Füllen, welche wie das Quagga

gestreift waren (~Darwin~).

Wenn die Meinung richtig ist, dass in diesen Fällen eine Beeinflussung

stattgefunden hat, was übrigens durch umfassende und sorgfältige

Züchtungsversuche erst noch besser festgestellt werden muss, dann

scheint sich mir der Hergang in folgender Weise abzuspielen: Der durch

die illegitime Befruchtung entstehende Bastardspross ruft dauernde und

latent bleibende Veränderungen im mütterlichen Organismus hervor, mit

welchem er bei seiner Entwicklung in innigem, längere Zeit dauerndem

Stoffwechsel steht, und auf welchen er dadurch organische Reizwirkungen

ausübt. Der so in seiner Constitution etwas veränderte mütterliche

Organismus beeinflusst dann später auf demselben Wege wieder den aus

einer legitimen Befruchtung entstehenden Sprössling und theilt ihm so

Eigenschaften der fremden Rasse mit.

d. +Organismen als Ursachen von Gallen und krankhaften Geschwülsten+.

In das Capitel der organischen Einwirkungen gehören endlich auch

die charakteristischen Organisationen, die durch Symbiose zweier

Organismenarten oder durch parasitäre Vereinigung oder durch anderweite

Einwirkungen eines Organismus auf einen anderen zu Stande kommen.

Für die Entstehung besonderer Lebewesen mit ganz specifischen

Artcharakteren durch Symbiose werden die schönsten Beispiele durch die

Flechten geliefert, deren Eigenthümlichkeiten schon im III. Capitel (S.

26) eingehender besprochen wurden.

Es genügt daher, auf das dort bereits Gesagte zu verweisen. Dagegen

sei hier noch etwas näher auf die Bildungen eingegangen, die sich am

Körper von Pflanzen und Thieren als etwas ihm Fremdartiges unter dem

Einfluss anderer Organismen entwickeln können, wie die +Gallen+ vieler

Pflanzenarten oder die krankhaften Geschwülste vieler Thiere.

Manche Insecten, wie die Gallwespen, stechen junge Pflanzenblätter

an und legen ihre kleinen Eier in das Gewebe ab. Unter den abnormen

Reizen, die theils durch den beim Einstechen abgesonderten Saft,

theils durch die Entwicklung der Eier zu Larven ausgeübt werden,

treten lebhafte Zellenwucherungen in dem betreffenden Pflanzentheil

ein; es entstehen die allbekannten +Gallen+, Organe, die eine ganz

charakteristische, complicirte Structur, besondere Zellenformen,

Gefässe etc. und ebenso eine ganz bestimmte äussere Form erhalten. „Es

ist, als ob die Galle,“ wie ~Sachs~ sich ausdrückt, „ein Organismus sui

generis wäre.“ Und diese Organe fallen wieder sehr verschiedenartig

aus, je nach dem specifischen Reiz, der sie hervorgerufen hat, und je

nach der specifischen Substanz, welche auf den specifischen Reiz durch

Gallenbildung reagirt hat. Daher entstehen auf derselben Pflanze durch

verschiedene Insecten ganz verschiedene Gallen, und nicht minder lassen

sich die Gallen verschiedener Pflanzen von einander systematisch auf

das Strengste unterscheiden.

Ausser den Gallen können als pathologische Organisationen im

Pflanzenreich noch mancherlei Gebilde aufgeführt werden: so die durch

+Chermes viridis+ an den Rothtannen erzeugten tannenzapfenähnlichen

Wucherungen, ferner die monströsen Blüthenentwicklungen, sogenannte

Vergrünungen von Arabis-Arten, die man auch künstlich dadurch

hervorrufen kann, dass man Blattläuse bestimmter Species auf die noch

jungen Inflorescenzen setzt etc. (~Sachs~ S. 652).

Den Gallen vergleichbar sind +bei Thieren die krankhaften Geschwülste+,

welche durch fremde Mikroorganismen bei ihrer Ansiedelung im

thierischen Gewebe erzeugt werden. Auch diese Geschwülste erhalten

je nach der Art des angesiedelten Mikroorganismus und des befallenen

Thieres ihr besonderes Gepräge, durch welches sie als eigenartige

specifische Geschwulstindividuen zu unterscheiden sind.

+Tuberkelbacillen+ erzeugen im Gewebe des Menschen den Miliartuberkel,

der einen charakteristischen Bau und eine ihm eigenthümliche

Entwicklungsgeschichte besitzt. +Sarcosporidien+ rufen in der

Speiseröhre des Rindes Geschwülste mit einem fächerförmigen Bau hervor.

+Myxosporidien+ sind die Ursache von Muskelgeschwülsten, die im Fleisch

mancher Fische auftreten.

Ob +Sarcome+ und +Carcinome+ des Menschen ebenfalls derartige

Organisationen sind, die durch uns noch unbekannte organische

Reize hervorgerufen werden, ist noch nicht bewiesen, aber nicht

unwahrscheinlich.

Literatur zu Capitel IX.

Abschnitt: +Licht+.

1) =Fischel.= _Ueber Beeinflussung und Entwicklung des Pigmentes.

Archiv f. mikroskop. Anat. Bd. XLVII._

2) =Flemming.= _Ueber den Einfluss des Lichts auf die Pigmentirung der

Salamanderlarve. Archiv f. mikroskop. Anat. Bd. XLVIII S. 369 u. S.

690._

3) =K. Goebel.= _Ueber die Einwirkung des Lichtes auf die Gestaltung

der Kakteen und anderer Pflanzen. Flora Bd. LXXX. 1895._

4) +_Derselbe._+ _Ueber Jugendformen von Pflanzen und deren künstliche

Wiederhervorrufung. Sitzungsber. d. mathem.-physic. Classe d. kgl.

bayer. Akad. d. Wissensch. Bd. XXVI Heft 3. 1896._

5) =Keller.= _Biologische Studien. Biol. Centralbl. Bd. XVII Nr. 3.

1897._

6) +_Derselbe._+ _Fortschritte auf dem Gebiete der Pflanzenphysiologie.

Biol. Centralbl. Bd. XIII. 1893._

7) =G. Klebs.= _Ueber den Einfluss des Lichtes auf die Fortpflanzung

der Gewächse. Biol. Centralbl. Bd. XIII. 1893._

8) =Géneau de Lamarlière.= _Recherches physiologiques sur les feuilles

développées à l’ombre et en soleil. Revue générale de botanique Nr. 47

u. 48. 1892. (Citirt nach Keller.)_

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 134 / 225 题