3. Mechanische Einwirkungen von Zug, Druck und Spannung.

Auf manche Gestaltungsprocesse bei Pflanzen und Thieren, auf die

Richtung der Theilebene der Zellen, auf ihre Form und Anordnung, ferner

auf die Entstehung der sogenannten mechanischen Gewebe üben Factoren,

wie Druck, Zug u. s. w., einen sehr wichtigen Einfluss aus, wenn sie

in constanter Richtung während längerer Zeiträume auf Zellenaggregate

einwirken. Es liegt hier ein der Experimentirkunst besonders leicht

zugängliches Gebiet vor.

a. +Einwirkung auf sich theilende Zellen+.

Es ist nicht schwer, durch Druck und Zug die Form von Eiern und von

den Zellen wachsender Gewebe zu verändern und dadurch zugleich auch

die Richtung der Theilungsebene bei ihrer Bildung in gesetzmässiger

Weise zu beeinflussen. Wenn man ein sich furchendes Ei zu einer Scheibe

zwischen zwei horizontalen und parallelen Platten stark comprimirt,

so bilden sich die ersten Theilebenen senkrecht zur Druckfläche

aus, weil sie in dieser Richtung die Zellen quer zu ihrem längsten

Durchmesser schneiden (s. Fig. 37 _A_ und 31). Auch die folgenden

Theilwände kommen senkrecht zu stehen, wenn vorsichtig von Zeit zu

Zeit der in Theilung begriffene Körper noch weiter abgeplattet wird

(Fig. 37 _C_ und _D_). Theilungsebenen in horizontaler Richtung treten

in den zahlreicher gewordenen Zellen erst von dem Moment an auf, wo

ihr längster Durchmesser dem Zwischenraum der comprimirenden Platten

entspricht (Fig. 37 _E_). (~Pflüger~, ~Roux~, ~Driesch~, ~Hertwig~,

~Ziegler~ etc.) Man kann in dieser Weise ein Ei zwingen, eine einfache

Lage neben einander geordneter Zellen beim Furchungsprocess zu

liefern. Eine Grenze ist dem Verfahren nur dadurch gesetzt, dass das

Zellenmaterial allmählich in verschiedener Weise geschädigt wird, durch

die mechanischen Insulte, durch die beträchtliche Vergrösserung der

Oberfläche der wachsenden Zellmasse, durch die ungünstige Lage der

centralen Zellen für die Sauerstoffzufuhr etc.

In derselben Weise lässt sich auch durch Zug und Druck die Richtung der

Scheidewände in sich theilenden Pflanzenzellen abändern. Zum Beweis

können uns die interessanten, an der Kartoffel angestellten Experimente

von ~Kny~ dienen.

Wenn man an einer Kartoffelknolle eine Schnittfläche anbringt, so

wird an ihr nach zwei Tagen Wundperiderm gebildet. Hierbei kommen die

Scheidewände der sich theilenden Zellen mit wenigen Ausnahmen der

Wundfläche genau oder annähernd parallel zu liegen. Der Grund dafür,

dass diese Richtung bevorzugt wird, ist wohl darin zu suchen, dass die

sich zur Theilung vorbereitenden Zellen wegen ihres festen Anschlusses

an die benachbarten Gewebszellen sich nur nach der freien Fläche leicht

ausdehnen und verlängern können.

[Illustration: =Fig. 37. Befruchtetes Ei von Echinus mikrotuberculatus

im Durchströmungscompressorium gepresst.= Aus Verhandlungen der

anatomischen Gesellschaft 1894, Seite 135, Fig. 1–5.

_A_ Stadium von 8 Zellen, _B_ von 16 Zellen. _C_ Dasselbe Ei in

Vorbereitung zur nächsten Theilung. _D_ Durch Theilung der 16 Zellen

(_C_) durch verticale Theilebenen sind 32 in einer Ebene neben einander

liegende Zellen entstanden. _E_ Die Theilung in 64 Zellen erfolgt

in den meisten Fällen noch durch verticale Theilebenen, was durch

horizontale Striche (Richtung der Spindelachse) angegeben ist. In den

mit einem Kreuz + bezeichneten Zellen steht die Spindelachse vertical

oder schräg, so dass die Theilebene in mehr oder minder horizontaler

Richtung erfolgt. Nach ~Ziegler~.]

Der Experimentator kann indessen die gewöhnliche Theilungsrichtung der

Zellen durch Druck oder Zug verändern. Um dies zu erreichen, hat ~Kny~

aus einer grossen Kartoffelknolle dünne Scheiben herausgeschnitten,

hat sie darauf zusammengebogen und in einer feuchten Kammer zwischen

zwei parallele Glasplatten gebracht, von welchen er die obere in

zweckentsprechender Weise mit Grammgewichten belastete. Bei dieser

Anordnung werden an der convexen Fläche der Umbiegungsstelle der

Kartoffelscheibe die Zellen in einer Richtung parallel zur Oberfläche

gedehnt, dagegen an der concaven Fläche von ihren Seiten her noch mehr

zusammengepresst als unter gewöhnlichen Verhältnissen.

„Der Erfolg des Versuchs,“ berichtet ~Kny~, „war der erwartete. An

der concaven Seite waren die Theilungswände, welche die Bildung des

Wundperiderms einleiteten, ebenso annähernd periclin (das heisst

parallel zur Oberfläche) gerichtet wie an ebenen Wundflächen. An der

convexen Oberfläche sah ich bei den gelungensten der oben beschriebenen

Versuche die meisten während des Versuchs entstandenen Wände anticlin

gerichtet; neben diesen traten aber in grösserer oder geringerer

Zahl auch pericline und solche von mittlerer Stellung auf. In allen

Versuchen, wofern bei denselben die Belastung der gebogenen Riemen bis

zur äussersten zulässigen Grenze getrieben war, sprang der Unterschied

in der vorherrschenden Richtung der Theilungswände an der convexen

und an der concaven Wundfläche so deutlich in die Augen, dass eine

ursächliche Beziehung zu Zug und Druck unverkennbar war.“

Man kann den Versuch auch in der Weise anstellen, dass man aus der

Kartoffelknolle Riemen ausschneidet, vertical aufhängt und mit

Grammgewichten stark belastet. Auch hierbei zeigt sich nach einigen

Tagen, dass die Zahl der neu entstandenen anticlinen Wände die der

periclinen erheblich überwiegt. In einem Versuch von ~Kny~ war das

Verhältniss beider etwa wie 3 : 1.

Die angeführten Versuche werfen Licht auf die in der Natur zu

beobachtende Erscheinung, dass Wasserpflanzen wie Ranunculus fluitans,

Potamogeton und andere in schnell fliessendem Wasser stärker in die

Länge wachsen als im ruhigen Wasser. Wahrscheinlich wird auch hier

durch den mechanischen Zug eine stärkere Streckung der Zellen in der

Richtung des Wasserlaufes und eine dementsprechende Stellung der

Theilungswände begünstigt werden.

b. +Die Bedeutung von Druck und Zug für die Entstehung mechanischer

Gewebe+.

Wie aus mehreren gleich mitzutheilenden Erscheinungen hervorgehen

wird, wirken Zug und Druck als Reiz, welcher die Bildung von zug- und

druckfesten Substanzen im Protoplasma und ihre Ablagerung an den am

meisten in Anspruch genommenen Stellen befördert. Pflanzen und Thiere

bieten uns in ihren Einrichtungen eine ausserordentlich interessante

Parallele dar.

Bei den +Pflanzen+ werden die Gewebe, welche sich vor anderen

Zellaggregaten durch ihre Zug- und Biegungsfestigkeit besonders

auszeichnen, nach dem Vorschlag von ~Schwendener~ als die

+mechanischen+ zusammengefasst. Sie setzen sich aus verschiedenen

Arten meist langgestreckter und sehr dickwandiger Zellen zusammen,

welche man je nach Form und Lage als Bast-, Libriform-, Holzzellen,

als Tracheiden, Collenchymgewebe etc. bezeichnet. Dass mechanische

Einwirkungen an gedehnten Pflanzentheilen eine Zunahme dieser Gebilde,

eine Vermehrung in der Zahl der Elemente, eine Verdickung ihrer

Wandungen verursachen, dafür hat ~Hegler~ unter ~Pfeffer~’s Leitung den

experimentellen Nachweis geführt.

Wachsende Pflanzentheile wurden durch Grammgewichte bis an die Grenze

ihrer Leistungsfähigkeit belastet und von Tag zu Tag die Belastung

erhöht, weil in entsprechendem Maasse die Zugfestigkeit in Folge

eintretender Reaction von Seiten der Pflanzengewebe eine Zunahme erfuhr.

Das Hypocotyl der Keimlinge von Helianthus annuus, welches bei 160

Gramm zerriss, konnte bei Belastung mit 150 Gramm nach 2 Tagen bereits

250 Gramm tragen, und nach dem Einfluss dieser Belastung konnte das

spannende Gewicht nach einem weiteren Tage auf 300 Gramm und nach

einigen Tagen auf 400 Gramm gesteigert werden. Keimlinge von Phaseolus,

welche bei 180 Gramm zerrissen waren, erfuhren durch allmähliche

Steigerung des Gewichts in 7 Tagen ein Tragvermögen von 650 Gramm. In

Blattstielen von Helleborus, deren Zerreissungsfähigkeit ungefähr bei

400 Gramm lag, wurde die Tragfähigkeit innerhalb 5 Tagen sogar auf 3,5

Kilogramm gesteigert, während die Festigkeit der unbehandelten Objecte

sich in dieser Zeit nicht merklich änderte. +Bei Helleborus bilden sich

Bastfasern aus, die sonst fehlen.+

Im Uebrigen lehrt auch die Natur selbst, dass mit Zunahme der Belastung

die Tragfähigkeit und Zugfestigkeit von Pflanzenorganen zunimmt.

Früchte, die allmählich zu beträchtlicher Grösse heranwachsen und ein

erhebliches Gewicht erlangen, werden durch dünne Stiele festgehalten,

die durch allmählich erfolgende besondere Entwicklung der mechanischen

Gewebe mit einer der zu tragenden Last proportionalen Tragfähigkeit

ausgestattet werden.

In dieser Weise deuten, wie schon ~Spencer~ vor 30 Jahren hervorgehoben

hat, „mancherlei alltäglich zu beobachtende Thatsachen darauf hin, dass

die mechanischen Zugwirkungen, welchen aufrecht wachsende Pflanzen

ausgesetzt sind, an sich schon eine Zunahme in der Ablagerung fester

Substanzen verursachen, wodurch solche Pflanzen in den Stand gesetzt

werden, den genannten Wirkungen Widerstand zu leisten“.

Eine Parallele zu den Versuchen von ~Hegler~, welche gelehrt haben,

dass proportional der Belastung die Tragfähigkeit eines pflanzlichen

Organs in kurzer Zeit erheblich zunimmt, liefern auf +thierischem

Gebiet+ die schon 1864 ausgeführten Experimente von ~Sedillot~.

Der französische Physiologe entfernte bei jungen Hunden von den

beiden Unterschenkelknochen theilweise die Tibia, indem er das ganze

Mittelstück resecirte. Die ganze Last des Körpers, welche sich sonst

auf Tibia und Fibula vertheilte, wirkte jetzt allein auf letztere

ein. Die Folge derartiger Operationen war, dass nach längerer Zeit

die Fibula, welche normaler Weise 5- bis 6mal schwächer als die Tibia

ist, diese an Grösse und Dicke erreicht hat, ja endlich selbst noch

übertrifft.

Wenn die Entwicklung mechanischer Gewebe eine Reaction auf mechanische

Reize, auf Zug und Druck ist, so lässt sich auch erwarten, dass

die Reaction hauptsächlich an den Stellen erfolgen wird, welche

in besonderem Maasse dem Reize ausgesetzt, dass heisst besonders

mechanisch in Anspruch genommen werden. Daher müssen die in dieser

Weise erzeugten Structuren als durchaus zweckentsprechende erscheinen,

insofern sie nun auch den an sie gestellten mechanischen Bedingungen

entsprechen. Sie sind uns überaus lehrreiche Beispiele, die zeigen, wie

direct durch Anpassung an die äusseren Verhältnisse sich Einrichtungen

von vollkommenster Zweckmässigkeit haben entwickeln können.

Wie für die pflanzlichen gilt dies in demselben Maasse auch für die

thierischen Skelettbildungen. Beide sind im Grossen und Ganzen den

Gesetzen der Mechanik und den daraus abgeleiteten Vorschriften der

Ingenieurwissenschaft entsprechend aufgebaut. Da wenige Organsysteme

so beweisend wie die mechanischen für den directen Einfluss äusserer

Verhältnisse auf die Gestaltbildung sind, empfiehlt es sich, etwas

ausführlicher bei ihnen zu verweilen und als Einleitung einen kleinen

Excurs auf das Gebiet der Mechanik voraus zu schicken.

Um sich zunächst über die Veränderungen klar zu werden, welche Zug-

und Druckkräfte an einem biegsamen, aber hinlänglich festen Material

hervorrufen, denke man sich einen ursprünglich geraden dicken Stab

von Holz oder Eisen etwas zusammengebogen. Die Krümmung lässt sich

herbeiführen entweder dadurch, dass man den Stab aufrichtet, an seinem

unteren Ende in der Erde gut befestigt und am oberen Ende einen

seitlichen Zug mit entsprechender Kraft ausführt, oder dadurch, dass

man den Stab horizontal mit seinen Enden auf zwei feste Unterlagen legt

und auf die nicht unterstützte Mitte ein schweres Gewicht einwirken

lässt. Im ersteren Falle wird der Stab durch den auf sein freistehendes

Ende seitlich ausgeübten Zug und im zweiten Falle durch einen auf seine

nicht unterstützte Mitte ausgeübten Druck in Folge starker Belastung

gekrümmt.

In beiden Fällen haben die Theilchen in der Mitte des so gebogenen

Stabes einen verschiedenen Widerstand gegen die biegende Kraft zu

leisten. An der jetzt concav gewordenen Fläche des Stabes werden die

Theilchen stark zusammengepresst, an der entgegengesetzten, convexen

Fläche werden sie dagegen auseinandergezogen oder gedehnt. Es liegt

auf der Hand, dass der Dehnung, resp. der Zusammenpressung am meisten

die oberflächlichsten Schichten der zwei gegenüber liegenden Flächen

des Balkens unterworfen sind. Denn nach der Achse des Stabes zu müssen

sich die entgegengesetzten Wirkungen der Pressung und der Dehnung

allmählich ausgleichen und schliesslich gegenseitig aufheben. An der

concaven Seite werden die Theilchen, je weiter von der Oberfläche

entfernt, um so weniger zusammen gedrückt und an der convexen Fläche in

entsprechender Weise, je mehr nach innen, um so weniger gedehnt werden.

+In der Achse selbst aber werden die Theilchen weder gedehnt, noch

gepresst, sie bleiben gegen Druck und Zug vollständig indifferent und

heissen daher die „neutrale Schicht“.+

Da die Biegungsfestigkeit eines Stabes auf dem Widerstand beruht,

welchen seine oberflächlichen, allein mechanisch in Anspruch genommenen

Schichten den einwirkenden Kräften entgegensetzen, kann man ohne

Schaden die neutrale Schicht aus ihm herausnehmen oder durch eine

mechanisch minderwerthige Substanz ersetzen.

„Zerrung und Pressung sind aber nicht die einzigen Wirkungen“ eines

Gewichts, „welches den Balken belastet. An einem auf Biegungsfestigkeit

beanspruchten Körper haben die Theilchen eines jeden Querschnittes

das Streben, sich gegen die Theilchen des benachbarten Querschnittes,

und die Theilchen jedes Längsschnittes das Streben, sich gegen die

des benachbarten Längsschnittes zu verschieben. Die Kraft, mit der

dies geschieht, nennt man die +Schub- oder Scheerkraft+, und es wird

demnach in jedem Schnitte noch eine Spannung, die +Schubspannung+,

hervorgerufen, welche der Verschiebung zweier benachbarter Schnitte

gegen einander Widerstand leistet“. (~J. Wolff.~)

Die +scheerende Kraft+ wird in der neutralen Achse am grössten. Am

besten überzeugt man sich davon, wenn man einen Balken in seiner Mitte

der Länge nach entsprechend der neutralen Schicht durchsägt (Fig.

38 _A_). Bei einer durch Belastung hervorgerufenen Verbiegung des

Balkens wird sich dann die eine gegen die andere Hälfte verschieben

oder abscheeren. Um dies zu vermeiden, müssen daher Druck- und Zugseite

unter einander fest verbunden sein.

Die hier kurz auseinander gesetzten mechanischen Principien bringt man

in der Ingenieurwissenschaft bei der Construction +eiserner Träger+

in Anwendung. Um Material zu ersparen und gleichzeitig den Träger

möglichst leicht zu machen, verwendet man keine eisernen Vollbalken,

sondern lässt die „neutrale Schicht“ ausfallen. Je nachdem der

Träger nur einseitig oder allseitig biegungsfest sein soll, hat er

verschiedene Formen erhalten.

[Illustration: Fig. 38 _A_.]

[Illustration: Fig. 38 _B_.]

=Fig. 38= _A_. =Schema zur Erläuterung der Abscheerung.= Nach ~J.

Wolff~.

_A_ Ein gerader Balken _a_ _b_ _c_ _d_, der bei _a_ _c_ befestigt

ist, ist genau in der neutralen Faserschicht _f_ durchsägt. _B_

Derselbe Balken in Folge einer starken Belastung bei _b_ (↓)

eingekrümmt, wobei sich die obere gegen die untere Balkenhälfte

in Folge Abscheerung um _e_ _f_ verschoben hat. _C_ An einem

entsprechenden Balken eine obere dünne Schicht durch einen

Längsschnitt abgesägt und bei _b_ belastet. Die Verschiebung _e_ _f_

ist viel geringer ausgefallen.

=Fig. 38= _B_. =Querschnitt durch eine mehrseitig biegungsfeste

Construction.=

Zum erstgenannten Zweck hat man den sogenannten T-Träger construirt,

welcher auf dem Querschnitt die Form eines römischen Doppel-T hat (Ι).

Zwei in einem grösseren Abstand von einander befindliche parallele

Eisenplatten werden ihrer Länge nach in ihrer Mitte durch eine dritte,

vertical gestellte Platte unter einander in feste Verbindung gesetzt.

Die eine der parallelen Eisenplatten, welche der Pressung Widerstand

zu leisten hat, heisst die +Druckgurtung+, die entgegengesetzte

die +Zuggurtung+, weil sie auf der gedehnten Seite liegt. Die

Verbindungsplatte ersetzt die Füllung und verhindert die Abscheerung.

Die Biegungsfestigkeit eines solchen T-Trägers wächst mit der Grösse

des Abstandes der beiden Gurtungen von einander.

Soll der Träger nach allen Richtungen den gleichen Grad von

Biegungsfestigkeit besitzen, so gibt man ihm die Form eines +hohlen

Cylinders+. Hier ist jede Stelle des Cylinders, je nach der Richtung,

in welcher die biegende Kraft wirkt, entweder Zug- oder Druckgurtung.

Den geschlossenen Hohlcylinder kann man auch ersetzen durch eine Anzahl

von T-Trägern, die man so anordnet, wie es Fig. 38 _B_ zeigt. Wenn man

in dieser Figur die einzelnen Gurtungen unter einander an ihren Seiten

verbindet, so kann man jetzt die inneren Füllungen, die Verbindungen

zwischen den opponirten Platten der einzelnen T-Träger, weglassen, ohne

die Festigkeit der ganzen Anordnung zu verringern, und erhält dadurch

die hohle Säule.

Nach denselben Regeln sind gewöhnlich auch die mechanischen Gewebe bei

Pflanzen und bei Thieren angeordnet, über welche wir uns jetzt nach den

vorausgeschickten Erörterungen einen Ueberblick verschaffen wollen.

α) +Die mechanischen Einrichtungen bei Pflanzen+.

In die bei Pflanzen bestehenden verschiedenartigen Einrichtungen

gewährt uns das bahnbrechende Werk von ~Schwendener~ einen Einblick,

betitelt: „Das mechanische Princip im anatomischen Bau der Monocotylen

mit vergleichenden Ausblicken auf die übrigen Pflanzenklassen.“

Viele Pflanzen besitzen einen über die Erdoberfläche senkrecht in die

Höhe steigenden Schaft, welcher an seinem Ende häufig stark belastet

ist, bei Gräsern durch die Blüthen- und Fruchtähre, bei Bäumen durch

eine mächtig entfaltete Blätterkrone. Die Anforderungen an seine

Biegungsfestigkeit können aber noch ausserdem erheblich gesteigert

werden, wenn er seitlich einwirkenden kräftigen Windstössen, ohne zu

zerreissen, Widerstand zu leisten hat.

Die Festigkeit des Schaftes beruht auf Strängen der oben erwähnten

mechanischen Zellen (dem Stereom). Ihre Leistungsfähigkeit ist keine

geringere als diejenige eines entsprechend dicken Eisendrahtes. Denn

„ein Faden frischer Bastzellen von 1 qmm Querschnitt vermag je nach

der Pflanzenart, welcher derselbe entnommen ist, ungefähr 15–20,

in seltenen Fällen 25 Kilo zu tragen, ohne dass er nach Entfernung

der Gewichte eine dauernde Verlängerung erfahren hätte, weil seine

Elasticitätsgrenze durch die Belastung nicht überschritten wurde“.

Die Stereomstränge sind nun mit sehr seltenen Ausnahmen im Schaft so

angeordnet, dass sie möglichst dicht an der Oberfläche liegen und

zusammen einen Hohlcylinder darstellen. Nach aussen von ihnen findet

sich noch die Epidermis und je nach der Pflanzenart, um die es sich

handelt, eine bald dünnere, bald dickere Schicht von anderen Geweben;

bei grünen Stengeln zum Beispiel ein Assimilationsgewebe, welches wegen

seines Chlorophylls ja ebenfalls auf die Oberfläche angewiesen ist und

so gewissermaassen mit den mechanischen Geweben um den Raum concurrirt.

Im Einzelnen finden sich mannigfache Variationen in der Anordnung der

Stereomstränge, wie uns die Querschnittsbilder durch den Schaft von

drei Pflanzen lehren.

Bei +Arum maculatum+ (Fig. 39) bilden den Skelettcylinder 24 peripher

gelegene Stereomstränge, deren Querschnitte, um sie kenntlich zu

machen, schraffirt sind; sie sind von einander getrennt durch

breite Streifen von grünem Assimilationsgewebe, das die Rolle eines

Füllmaterials spielt und sich auch noch unter der Rinde in dünner

Schicht ausbreitet.

Der Querschnitt durch den Stengel einer +Graminee, Molinia coerulea+

(Fig. 40), zeigt uns die Stereomstränge zu einem geschlossenen

Cylindermantel verbunden, dessen Biegungsfestigkeit noch durch

longitudinal verlaufende, von seiner Aussen- und Innenfläche

vorspringende +Stereomrippen+ erhöht ist. Die Zwischenräume

zwischen den äusseren Rippen und der Epidermis werden wieder

durch Assimilationsgewebe ausgefüllt, während in die nach innen

vorspringenden Rippen die Mestombündel, das Nahrung leitende Gewebe,

eingebettet sind.

[Illustration: =Fig. 39. Querschnitt durch den Blüthenschaft von Arum

maculatum= mit 24 peripherischen Stereomsträngen, deren Querschnitte

schraffirt sind. Die übrigen, über den ganzen Querschnitt zerstreuten,

hell gelassenen, umschriebenen kleinen Partieen sind Querschnitte der

die Nahrung leitenden Stränge. Nach ~Potonié~ Fig. 8.]

[Illustration: =Fig. 40. Querschnitt durch den hohlen Stengel von

Molinia coerulea.= In den schraffirten, gerippten Skelett-Hohlcylinder

sind die Mestombündel eingebettet. Die sich an die Innenfläche des

Cylinders anlehnenden grösseren Bündel sind von Stereom umgeben,

welches mit dem Cylinder in Verbindung steht. Zu äusserst die

Epidermis. Nach ~Potonié~ Fig. 10.]

[Illustration: =Fig. 41. Querschnitt durch den Blüthenschaft von

Antheric. Liliago.= Zwischen der schraffirten Skelettpartie und der

Epidermis befindet sich ein Ring von Assimilationsgewebe. Ueber den

centralen Theil des Querschnitts finden sich Mestombündel zerstreut,

von denen sich einige an die Innenfläche des Skelettcylinders anlegen.

Nach ~Potonié~ Fig. 11.]

Ein ebenfalls geschlossener, aber innen und aussen glatt begrenzter

Cylindermantel von Stereom ist drittens auf dem Querschnitt durch

den Blüthenschaft von +Anthericus Liliago+ (Fig. 41) zu sehen.

Nach aussen von ihm liegt wieder eine ziemlich dicke Schicht von

Assimilationsgewebe und die Epidermis.

Der Raum im Innern des Skelettcylinders kann bei den Pflanzen eine

sehr verschiedenartige +Füllung+ zeigen, welche aber in allen Fällen

mechanisch ohne Bedeutung ist. Bei Arum maculatum und Anthericus findet

sich weiches Parenchymgewebe, in welchem Gefässstränge ihren Weg

nehmen, deren Querschnitte in den Figuren von dem Stereomgewebe durch

Fortfall der Schraffirung zu unterscheiden sind. An stärker verholzten

Stengeln wird die im Skelettcylinder eingeschlossene und leicht aus ihm

herauszulösende Füllmasse auch als Mark bezeichnet (Hollundermark, Mark

der Sonnenblume). Bei den meisten Gräsern und vielen ändern Pflanzen

sind die Schäfte im Innern ganz hohl und lufthaltig, wie die zu Trägern

beim Hausbau verwandten eisernen Hohlcylinder.

Als constructives Material dient das mechanische Gewebe bei den

Pflanzen noch zu andern Zwecken als zur Herstellung biegungsfester

Organe und lässt dann auch in diesen Fällen wieder eine dem Zweck

entsprechende Anordnung erkennen. +Auf manche Pflanzentheile wirken nur

Zugkräfte in ihrer Längsrichtung ein+, wie besonders auf die meisten

unterirdischen Theile. Die Hauptwurzeln eines vom Winde heftig bewegten

Baumes haben einen oft gewaltigen Zug auszuhalten. Zugfest müssen

ferner manche Stengel sein, die schwere, nach abwärts hängende Früchte:

Kirschen, Aepfel, Kürbisse, zu tragen haben. Einen continuirlichen Zug

erfahren endlich die Stengel untergetauchter Wasserpflanzen, welche

mit ihren Blättern im strömenden Wasser flottiren, wie Ranunculus

fluviatilis.

+Die Zugfestigkeit einer Construction hängt von der Masse des

verwandten widerstandsfähigen Materials, von der Grösse seines

Querschnitts ab+; und es ist am zweckmässigsten, wenn das Material

auf einen einzigen Strang zusammen gedrängt ist. Im Gegensatz zu den

Pflanzentheilen, welche auf Bewegungsfestigkeit gebaut sind, müssen

die auf Zug in Anspruch genommenen Organe die mechanischen Gewebe mehr

oder minder zu einem Strang vereinigt haben, welcher die Mitte der

Wurzel oder des Stengels einnimmt. Das ist in der That bei den oben

aufgeführten Organen auch mehr oder minder der Fall.

β) +Die mechanischen Einrichtungen bei Thieren+.

Wie bei den Pflanzen das Stereom, ist bei den Wirbelthieren das

Knochengewebe in vielen Fällen offenbar nach den Vorschriften

der Ingenieurwissenschaften zur Bildung biegungsfester Stützen

mit dem Aufwand der geringsten Menge zweckdienlichen Materials

ausgenutzt worden. Die langen Röhrenknochen sind nach dem Princip

des Hohlcylinders gebildet. Ein Mantel compacter Knochensubstanz

umschliesst einen von mechanisch indifferenter Substanz und gelbem

Knochenmark ausgefüllten Raum. Beim Studium der Entwicklung der

Röhrenknochen kann man verfolgen, wie in demselben Maasse, als sich an

der Oberfläche der erst knorpeligen, später spongiösen Skelettanlage

eine Scheide compacter Knochensubstanz entwickelt, die mechanisch

überflüssig werdenden centralen Theile allmählich resorbirt und in

Fettgewebe umgewandelt werden. Oder die Röhrenknochen werden, wie bei

den Vögeln, pneumatisch, indem Ausstülpungen der Lungenflügel in sie

hineinwachsen.

Eine noch wunderbarere, nach mechanischen Principien durchgeführte

+Architektur+, deren Abhängigkeit von Zug und Druck sich nachweisen

lässt, findet sich in +der spongiösen Knochensubstanz+, an den

Enden der Röhrenknochen, in den Wirbelkörpern in den Hand- und

Fusswurzelknochen. Den Einblick in das Wesen derselben verdankt die

Wissenschaft dem glücklichen Umstande, dass ~Hermann von Meyer~, als

er sich mit der feineren Structur der Knochenspongiosa beschäftigte,

den Begründer der graphischen Statik, ~Culmann~, als Berather zur Seite

hatte.

Besonders lehrreich ist das +obere Ende des Femur+ geworden, welches

man seiner Form und Aufgabe nach einem +Krahn+ vergleichen kann. Wie

~Julius Wolff~ in seiner Geschichte der Knochenarchitektur erzählt,

„bemerkte ~Culmann~ bei Betrachtung der ~Meyer~’schen Präparate,

dass die Spongiosabälkchen an vielen Stellen des menschlichen Körpers

+in denselben Linien aufgebaut sind, welche er für solche Körper zu

zeichnen gelehrt hatte, die ähnliche Formen haben wie die betreffenden

Knochen und ähnlichen Kräfteeinwirkungen ausgesetzt sind, wie diese+“.

„Er zeichnete nun einen Knochen (Fig. 42), dem er die Umrisse des

oberen Endes eines menschlichen Oberschenkels gab, und bei dem er eine

den Verhältnissen beim Menschen entsprechende statische Inanspruchnahme

annahm. In diesen Krahn liess er unter seiner Aufsicht die sogenannten

Zug- und Drucklinien von seinen Schülern hineinzeichnen. Es zeigte

sich, dass diese Linien in der That ganz und gar identisch waren mit

denjenigen, welche die Natur am oberen Ende des Oberschenkels durch die

Richtungen, die sie hier den Knochenbälkchen gegeben, in Wirklichkeit

ausgeführt hat.“

Was versteht man in der Mechanik unter Zug- und Drucklinien oder

Curven? Sie zeigen uns die Richtungen an, in welchen ein belasteter

Körper am meisten durch Zug und Druck in Anspruch genommen wird und

daher am widerstandskräftigsten gebaut sein muss. Zugleich sind in der

Richtung der Curven auch die scheerenden Kräfte beseitigt. Ein Körper,

welcher, dem Verlauf der Zug- und Druckcurven entsprechend, aus Stäben

und Bändern einer mechanisch brauchbaren Substanz zusammengesetzt wird,

kann eine ebensolche Belastung aushalten wie ein solider Körper aus der

gleichen Substanz. +Es wird also durch die Construction derselbe Zweck,

aber in vortheilhafterer Weise, weil mit einem Minimum von Material,

erreicht.+

[Illustration: =Fig. 42. Gebogener Krahn mit Zug- und Druckcurven.=

Nach einer Construction von ~Culmann~ aus ~H. v. Meyer~.]

Von diesen Gesichtspunkten ausgehend, wollen wir jetzt +die

Architektur des oberen Femurendes+ untersuchen. Ein in frontaler

Richtung von ihm angefertigter dünner Durchschnitt (Fournirblatt)

ist in Fig. 43 abgebildet und in der nebenstehenden Fig. 44

schematisirt wiedergegeben. Man sieht von unten nach oben die compacte

Knochensubstanz, welche unten die Markhöhle umgibt, allmählich dünner

werden und schliesslich zugespitzt aufhören. In demselben Maasse

aber, als dies geschieht, lösen sich von der Subst. compacta in

kleinen Abständen von einander feine Knochenblätter ab, die auf dem

Durchschnitt in regelmässigen, bestimmt gerichteten Curven weiter

verlaufen. Man kann daher sagen: an dem oberen Epiphysenende blättert

sich die Compacta in Knochenlamellen der Spongiosa auf, oder man kann

auch umgekehrt, wie ~H. von Meyer~ und ~Julius Wolff~ betonen, die

sogenannte compacte Substanz durch eine Zusammendrängung der Bälkchen

der Spongiosa gebildet sein lassen.

Auf dem Frontaldurchschnitt sind zwei Blättchenzüge zu unterscheiden,

ein von der grossen Trochanterseite ausgehender und ein an der

Adductorenseite gelegener Zug. Die von der Trochanterseite ausgehenden

Curven enden auf der Adductorenseite und umgekehrt. Wie ~Wolff~

auseinandergesetzt hat, stehen erstens die Enden der Bälkchen beider

Züge überall rechtwinklig auf der oberflächlichen Rindenschicht des

Knochens, zweitens kreuzen sich die unzähligen, in Curven verlaufenden

Bälkchen der beiden Seiten, wo sie in ihrem Verlaufe einander

schneiden, unter rechtem Winkel. Die zwischen ihnen gelegenen, von

rothem Knochenmark ausgefüllten Räume sind daher mehr oder minder

quadratisch.

[Illustration: Fig. 43.]

[Illustration: Fig. 44.]

=Fig. 43. Schnitt (Fournirblatt) durch das obere Ende des Femur eines

noch nicht ausgewachsenen (15jährigen) männlichen Individuums.=

Photographische Abbildung nach ~J. Wolff~.

=Fig. 44. Schematisirte Abbildung der Architektur des oberen

Femurendes.= Nach ~H. v. Meyer~ (1867).

Mit den Augen des Ingenieurs betrachtet, stellen die von der

Adductorenseite ausgehenden Züge „+Druckbälkchen+ oder +Druckplättchen+

dar, d. i. Bälkchen, in denen die scheerenden Kräfte aufgehoben

sind, und welche zugleich der Druckwirkung der Körperlast auf die

Adductorenseite den erforderlichen Widerstand entgegensetzen. Es wird

ausschliesslich in den Richtungen dieser Bälkchen das obere Ende des

Oberschenkels gedrückt, und wenn daher in diesen Richtungen keine oder

nicht entsprechend starke Bälkchen vorhanden wären, so müsste der Druck

zu einem Zerdrücken des Knochens führen“.

[Illustration: =Fig. 45. Frontaler Durchschnitt durch das untere Ende

der Tibia.= Schema nach ~H. v. Meyer~.]

+Die Bälkchen der Trochanterseite dagegen sind Zugbälkchen+, in

denen ebenfalls keine scheerenden Kräfte störend wirken, und welche

zugleich dem durch die Körperlast bedingten, auf die Trochanterseite

wirkenden Zug den erforderlichen Widerstand leisten und demnach ein

Auseinanderreissen des Knochens zu verhindern bestimmt sind.

Wie in der Construction des Krahns (Fig. 42) die Zug- und Drucklinien,

so „drängen sich am Femur (Fig. 43) die Bälkchen der Spongiosa gegen

das Mittelstück des Knochens hin zu compactem Gefüge zusammen, welches

am festesten und dicksten sein muss gegen das Mittelstück des Knochens

hin“, weil hier die grösste Biegungsfestigkeit vorhanden sein muss.

In den meisten Fällen ist die Architektur der Spongiosa für einfachere

statische Verhältnisse als am obern Femurende eingerichtet; sie

ist gewöhnlich nur einem Druck durch Belastung in einer Richtung

unterworfen. Als lehrreichstes und einfachstes Beispiel hierfür führt

~H. Meyer~ das +untere Ende der Tibia an+.

Auch hier beginnt wieder nach dem Gelenkende zu die compacte

Knochensubstanz sich erheblich zu verdünnen, wobei sie sich allmählich

in ein System parallel verlaufender Knochenplättchen auflöst, welche

nach unten ein wenig auseinander weichen und auf der dünnen, compacten

Rindensubstanz der Gelenkfläche in ihrer ganzen Ausdehnung senkrecht

enden. Verbunden werden sie unter einander durch Plättchen, die sie

in senkrechter Richtung rechtwinklig schneiden. Auf diese Weise wird

ein Ausweichen oder Ausbiegen eines Plättchens bei gesteigertem Druck

unmöglich gemacht. Durch die Zerlegung der compacten Knochensubstanz in

Lamellen, welche sich wie Strebepfeiler von der unteren Gelenkfläche

erheben und den spongiösen Bau des unteren Gelenkendes bedingen, wird

der durch das Mittelstück der Tibia von oben her fortgesetzte Druck

gleichmässig auf die ganze Gelenkfläche vertheilt und auf die ganze

entsprechende Gelenkfläche des Astragalus fortgepflanzt.

Noch mehr als die Architektur normaler Knochen ist für die Lehre,

dass die Gestaltungsprocesse der Organismen durch äussere Factoren

beeinflusst werden, von Bedeutung +der Nachweis, dass die Architektur

eines Knochens etwas Veränderliches ist und, wie ~Wolff~ und ~Roux~

nachzuweisen versucht haben, während des Lebens „Transformationen“

erfahren kann+.

Wenn bei Brüchen oder in Folge anderer krankhafter Störungen die

Knochen einer veränderten Gebrauchsweise unterliegen und anderen

mechanischen Bedingungen zu genügen haben, indem die Richtungen des

stärksten Zuges und Druckes nicht mehr dieselben geblieben sind, so

beginnen allmählich die Knochenplättchen an den Stellen, wo sie nicht

mehr mechanisch in Anspruch genommen werden, zu schwinden, während

sich nun Plättchen der veränderten Lage der Zug- und Druckcurven

entsprechend entwickeln.

„An vielen Fracturenpräparaten,“ bemerkt ~Jul. Wolff~, „hatte ich

beobachten können, dass in der That jedes Mal, wenn die Fractur mit

einer von der Norm abweichenden Winkelstellung der Fragmente geheilt

war, +eine neue Architektur des Knochens sich gebildet hatte, die den

neuen statischen Verhältnissen entsprach+. Und das Merkwürdigste und am

eclatantesten den mathematischen Erwägungen Entsprechende war hierbei

der Umstand, dass die Architekturumwandlungen sich bis in sehr weit von

der Bruchstelle entlegene Stellen des Knochens hin erstreckten, dass

sie sich beispielsweise bei Diaphysenbrüchen langer Knochen an den weit

entfernten Gelenkenden dieser Knochen bemerklich machten.“

„Ebenso hatte ihm das Studium rhachitisch verbogener Knochen gezeigt,

dass sowohl in der neutralen Faserschicht, als in der senkrecht zu

ihr stehenden Knochenschicht eine ganz neue, den neuen mechanischen

Verhältnissen genau entsprechende Architektur entsteht.“

Zu demselben Ergebniss wurde ~Roux~ durch das Studium einer

Kniegelenks-Ankylose geführt.

Literatur zu Capitel VIII.

1) =Karl von Bardeleben.= _Beiträge zur Anatomie der Wirbelsäule. Jena

1874._

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 126 / 225 题