Im vorausgegangenen Capitel wurden in mehr theoretischer Weise
die allgemeinen Grundsätze aufgestellt, von denen aus sich die
Differenzirung gleichartiger Zellen in verschiedene Gewebe und
Organe begreifen lässt. Ihre Tragweite im Einzelnen zu prüfen und zu
erläutern, sowie das empirische Beweismaterial für ihre Gültigkeit
herbeizuschaffen, wird die Aufgabe der folgenden Capitel sein. Sie
handeln theils von den äusseren, theils von den inneren Factoren, durch
welche Zellenaggregate zu Sonderungsprocessen veranlasst werden. Die
Beispiele sind theils dem Pflanzen-, theils dem Thierreich entnommen
und aus der schon ziemlich umfangreichen, aber sehr zerstreuten
Literatur so ausgewählt, dass sie uns ein ungefähres Bild geben von der
ungeheuren Mannigfaltigkeit aller Factoren, welche für die Umformung
der Zellen und für die Bildung von Geweben und Organen in Betracht
kommen.
In Folge seines beständigen Verkehrs mit der Aussenwelt, auf welchem
der Lebensprocess beruht, muss sich der Organismus unzähligen
Bedingungen anpassen. Schwerkraft und mechanische Kräfte wie Zug und
Druck, Licht und Wärme und alle die zahllosen chemischen Kräfte, welche
in den Stoffen der Luft, des Wassers und der Erde wirksam sind, üben
ihren Einfluss auf ihn aus und beherrschen seine Gestaltbildung.
Nur in seltenen Fällen lässt sich die Wirksamkeit eines einzelnen
Factors rein für sich erkennen. Meist handelt es sich +um complicirte
Factoren, unter deren Einfluss sich der Organismus befindet+.
Endlich sind neben den Einwirkungen der unbelebten Natur auch noch
solche zu erwähnen, welche dadurch entstehen, dass zwei Organismen mit
ihren etwas verschiedenen Lebensprocessen in Beziehung zu einander
treten. Hierher gehören die Verbindungen zweier oder mehrerer
Organismen durch Pfropfung, die Erscheinungen der Bastardbefruchtung,
die Wechselwirkungen zwischen Embryo und Mutterorganismus, die
Telegonie und endlich das Zusammenleben artverschiedener Zellen
theils in normal physiologischen Symbiosen, theils in pathologischen
Organisationen wie in den krankhaften Geschwülsten.
Wir werden die hier angeführten verschiedenartigen Einwirkungen der
Aussenwelt im Einzelnen der Reihe nach genauer besprechen und mit der
Schwerkraft beginnen.