II. Die Theorie der Biogenesis.

Die durch ihre Abstammung artgleichen Zellen, welche sich zu einem

organischen System höherer Ordnung verbinden, werden im Laufe des

Entwicklungsprocesses +durch die Verhältnisse determinirt, in welche

sie eintreten+. Bei Veränderungen derselben ändert sich auch ihr

Zustand. Denn wie im ersten Buch schon ausführlicher nachgewiesen

wurde, und wie von einem anderen Standpunkt aus noch im Capitel

XIII u. XVII gezeigt werden wird, ist der Zellenorganismus eine in

allerhöchstem Grade reizbare Substanz, so dass geringste Anstösse

genügen, um Veränderungen in ihr hervorzurufen.

Die sich im Laufe der Entwicklung fortwährend verändernden

Verhältnisse, in welche die Zellen eintreten, lassen sich in zwei

Gruppen sondern.

Die +eine+ Gruppe bilden die verschiedenerlei Beziehungen zur

Aussenwelt mit ihren zahlreichen Kräften. Wir wollen sie mit

~Herbert Spencer~ kurzweg als die +äusseren Factoren des organischen

Entwicklungsprocesses+ benennen.

Die zweite nicht minder wichtige, ja für den thierischen Organismus

noch viel bedeutsamere Gruppe liefern die Beziehungen, in welchen sich

eine Zelle zu allen übrigen Zellen des Aggregates befindet. Letztere

sind für die einzelne Zelle in gewissem Sinne ja auch ein Stück

Aussenwelt, mit welchem sie auf den im vierten Capitel besprochenen

vier verschiedenen Wegen in ununterbrochenem Verkehr steht. Vom

Standpunkt der Zelle aus lässt sich die Aussenwelt gewissermaassen in

zwei Kreise zerlegen, in einen inneren Kreis, welcher ihren Verkehr mit

den übrigen Zellen des übergeordneten Organismus oder ihre nähere und

engere Aussenwelt umfasst, und einen äusseren Kreis, ihre Beziehungen

zur übrigen Natur oder zu ihrer entferntern Aussenwelt.

Wenn wir unseren Standpunkt dagegen wechseln und vom Organismus höherer

Ordnung selbst ausgehen, so fällt der innere Kreis, den wir eben

für die Zelle als ihre nähere Aussenwelt unterschieden haben, in den

Organismus selbst, gewissermaassen mit in seine Innenwelt hinein. Was

für die Zelle äussere Ursachen, sind für den übergeordneten Organismus

innere Ursachen oder in der Terminologie von ~Herbert Spencer~: +innere

Factoren des organischen Entwicklungsprocesses+.

Es ist klar, dass bei den inneren Factoren dann wieder zwei wichtige

Unterscheidungen zu machen sind. Denn ausser den Wechselwirkungen

der Zellen auf einander sind als innere Factoren auch noch die

Eigenschaften oder die Anlagen der Zellen selbst zu nennen, jene

Eigenschaften, aus welchen ~Weismann~ den ganzen Entwicklungsprocess

einzig und allein zu erklären versucht hat. Ich nenne sie die inneren

Factoren im engeren Sinne; sie sind die einzigen sogar, wenn wir uns

wieder auf den Standpunkt der Zelle stellen, oder wenn wir unsere

Untersuchung mit dem ungetheilten Ei oder dem Anfang der Entwicklung

beginnen, wo die Beziehungen der Zellen zu einander, oder unsere zweite

Kategorie innerer Ursachen im weiteren Sinne, ja von selbst noch

wegfallen.

Im Folgenden wollen wir an diesen drei Unterscheidungen festhalten

und zunächst von allgemeinen Gesichtspunkten aus, dann an speciellen

Fällen, gestützt auf Thatsachen und Experimente, untersuchen,

wie die Zellen durch die äusseren und inneren Factoren des

Entwicklungsprocesses (die letzteren in weiterem und engerem Sinne

genommen) determinirt und in Gewebe und Organe eines übergeordneten

Organismus umgewandelt werden.

1. Erstes Gesetz. Die Wichtigkeit constanter Verhältnisse für die

Ausbildung besonderer Functionen und Structuren an den Zellen.

(Specifische Energie.)

Bei dem Verkehr der Zelle mit ihrer entfernteren und näheren Aussenwelt

sind zwei Unterscheidungen zu machen; entweder befindet sie sich

in beständig wechselnden, verschiedenartigen oder in constanten,

gleichbleibenden Beziehungen zu ihrer Umgebung. Das Ergebniss muss in

beiden Fällen ein verschiedenes sein. Im ersteren Falle erhält die

Zelle nach keiner Richtung eine besonders differenzirte Organisation,

da sie, um unter den wechselnden Bedingungen zu bestehen, bald in

dieser, bald in jener Weise mit Gegenwirkungen antworten muss. Das

Protoplasma ist der Urtypus einer derartig organisirten, in einem

beständigen labilen Gleichgewicht seiner Theile befindlichen, sich

zersetzenden und wieder erzeugenden, im beständigen Wechsel sich

erhaltenden Substanz.

Wenn sich dagegen die Zelle unter gleich bleibenden Bedingungen

befindet und von einer das Leben selbst nicht vernichtenden, aber

häufig und beständig wiederkehrenden Reizursache getroffen wird, so ist

damit die Möglichkeit zur Ausbildung einer bestimmter ausgeprägten,

weil für constant gewordene Verhältnisse einseitig eingerichteten

Organisation gegeben.

+Auf den gleichen Reiz antwortet die Zelle durch gleichmässig sich

wiederholende Reizwirkungen.+ Sie ist daher immer in einer bestimmten

Richtung thätig oder in Function. Von den zahlreichen Functionen, in

welche sich die Lebensthätigkeit einer Zelle zerlegen lässt, wird

+eine+, welche die Reaction gegen die beständig wirkende äussere

Ursache darstellt, vorzugsweise geübt und ausgebildet. So hat jetzt

die Zelle durch ihre besondere Art, sich mit der Aussenwelt in

Verkehr zu setzen, eine +Hauptfunction+ erhalten, welche für sie ein

Unterscheidungsmerkmal gegenüber den Zellen geworden ist, welche sich

unter anderen Verhältnissen befinden und daher anders reagiren.

Nun kann keine Zelle thätig oder in Function sein, ohne hierbei irgend

welche Veränderungen in ihrer stofflichen Zusammensetzung zu erfahren,

die, wie wir früher gesehen haben, eine ausserordentlich complicirte

ist, so dass zahlreiche chemische Processe gleichzeitig neben einander

im Laboratorium der Zelle ablaufen können. Die Veränderungen in ihr

müssen in einer bestimmten Richtung erfolgen, wenn die Function der

Zelle eine bestimmte ist; und sie werden dem Beobachter sichtbar werden

müssen, wenn die bei den chemischen Processen gebildeten specifischen

Producte sich in dem Protoplasmakörper mit unseren mikroskopischen

Hilfsmitteln differenziren lassen. In diesem Falle findet die in

einseitiger und bestimmter Richtung vor sich gehende Function der Zelle

einen für uns sichtbaren Ausdruck auch in der besonderen Art ihrer

Organisation oder, wie man gewöhnlich sagt, in einer Structur, welche

für die bestimmte Art ihrer Function charakteristisch ist. So hat

die Ausbildung des Vermögens der Zelle, sich in einer stets gleichen

Richtung energisch zusammenzuziehen, ihren sichtbaren Ausdruck gefunden

in der eigenthümlichen Structur der contractilen Muskelsubstanz,

ihr Vermögen, Reize fortzuleiten, in der Differenzirung der

Nervenfibrillen, ihre Reaction gegen schädigende Reize der Aussenwelt

in der Absonderung einer Hüllschicht, die aus einer chemisch weniger

leicht veränderlichen Substanz besteht.

Wenn zuweilen eine Zelle in ausgeprägter Weise functionirt, ohne in

ihrer Organisation besondere Eigenthümlichkeiten aufzuweisen, so

ist hieraus weniger zu schliessen, dass solche fehlen, als dass sie

ausserhalb der Grenze unseres Wahrnehmungsvermögens liegen. +Function

und Structur sind ebenso wie Kraft und Stoff, Seele und Leib, zwei

zusammengehörige und sich ergänzende Begriffe.+ Der eine kann ohne

den anderen nicht gedacht werden. Denn +eine bestimmte Function setzt

allemal auch eine bestimmte Structur oder eine entsprechend organisirte

materielle Grundlage voraus, sowie eine bestimmte Structur auch nur in

einer ihr gemässen Weise fungiren kann+. Somit müssen sich zwischen

ursprünglich gleichartigen Zellen eines Aggregates gleichzeitig mit den

functionellen auch structurelle (resp. stoffliche) Verschiedenheiten

ausbilden.

Dieses Verhältniss verdient besonders betont zu werden, da vielfach

unklare und unrichtige Auffassungen hierüber geäussert werden. Denn es

ist sowohl falsch zu sagen, wie man zuweilen liest, dass die Function

eine bestimmte Structur erzeuge oder die Ursache einer solchen sei,

wie es falsch ist, dass erst die Structur sich bilde und dann die

Function nachfolge[1]. Daher ist wegen der ihm anhaftenden Unklarheit

auch der Ausdruck „+Princip der functionellen Selbstgestaltung

des Zweckmässigen+“ zu verwerfen. Denn da nichts aus sich selbst

entstehen kann, so ist einerseits der Begriff Selbstgestaltung ein

irreleitender; andererseits aber ist es aus dem oben angegebenen Grunde

ebensowenig möglich, von einer Selbstgestaltung durch Function zu

reden; +vielmehr ist das Verhältniss so, dass eine bestimmte Structur

mit einer ihr gemässen Function an einer reizbaren Substanz entsteht,

wenn bestimmte, gleich bleibende Ursachen in häufiger Wiederkehr auf

sie einwirken+.

[1] Zusatz Seite 89.

Ueberflüssig ist daher auch die jetzt so häufig beliebte Verkoppelung

der Worte „Function und Structur“ in den Ausdrücken „+functionelle

Structur+“ und „+functionelle Gestalt+“. Denn will man damit nur

ausdrücken, dass die Besonderheit einer Structur oder Gestalt sich auch

in ihrer Function und umgekehrt ausspricht, so sagt man, im Grunde

genommen, etwas sehr Selbstverständliches; einen Fehler aber würde man

begehen, wenn etwa mit dem Ausdruck angedeutet werden sollte, dass es

Structuren von zweifacher Art gebe, Structuren und Gestalten „+mit+“

und „+ohne Function+“, was nicht der Fall ist. Denn die Function

jedes Dinges hängt mit seiner Structur und seiner Gestalt untrennbar

zusammen. Man kann in der Mechanik keinen Keil als eine Kugel und keine

Kugel als einen Keil verwenden; wenn daher ein Stück Holz als Keil oder

als Kugel dienen soll, so muss man ihm selbstverständlicher Weise die

der beabsichtigten Gebrauchsweise zweckentsprechende Form geben.

In diesen Bemerkungen liegt kein Widerspruch zu der Thatsache, dass

eine Structur nicht zu functioniren braucht oder überhaupt der

Möglichkeit zu functioniren vorübergehend oder dauernd beraubt sein

kann, zum Beispiel wenn ein Muskel und Nerv ruht, oder wenn er durch

Zerstörung seines Zusammenhangs mit den zu ihm gehörigen Theilen

+ausser Function gesetzt ist+. Denn auch in diesem Falle behält der

Muskel oder Nerv, solange seine Structur noch bestehen bleibt, eine

für Contraction und für Reizleitung eingerichtete und keine andere

Structur. Erst in dem Maasse, als sie durch Inactivitäts-Atrophie zu

Grunde geht, hört auch die Möglichkeit auf, als Muskel- und Nervenfaser

zu functioniren.

Bei der Erörterung des Verhältnisses, in welchem Structur und Function

zu einander stehen, ist wohl der geeignetste Ort, auch auf den in der

Physiologie häufiger gebrauchten Ausdruck der +specifischen Energie+

näher einzugehen. Bekanntlich hat ihn zuerst ~Johannes Müller~ für das

Verhalten der Sinnesnerven eingeführt und damit die eigenthümliche Art

bezeichnet, wie ein Sinnesnerv reagirt, wenn er in verschiedener Weise

gereizt wird.

Ein Sehnerv antwortet immer nur mit Lichtempfindung, mag die Netzhaut

in normaler Weise von Lichtstrahlen getroffen werden, oder mag der

Stumpf des Sehnerven nach Entfernung des Augapfels auf elektrischem,

chemischem oder mechanischem Wege direct gereizt werden. Der

Hörnerv vermittelt nur Gehörsempfindungen, auch dann, wenn er durch

entzündliche Processe im Labyrinth in Mitleidenschaft gezogen wird.

Es lässt sich dieses Verhalten der Sinnesnerven daraus erklären,

dass sie zwischen eigenartig construirte, periphere und centrale

Endapparate, zwischen das Sinnesorgan und das im nervösen Centralorgan

gelegene „Erfolgsorgan“ eingeschaltet sind. Da das mit der Netzhaut

verknüpfte Centralorgan immer nur Lichtreize zugeführt erhält und

auf sie mit einer Gegenwirkung antwortet, die von uns als Licht

empfunden wird, hat es auch eine specifische Organisation in der oben

ausgeführten Weise gewonnen; auf Grund derselben muss auch bei Erregung

der Sehnervenfaser durch andersgeartete Reize wieder die Empfindung

Licht wachgerufen werden, wie die Muskelfaser auf jeden Reiz vermöge

ihrer Structur nur mit einer Zusammenziehung und nicht anders antworten

kann. +Specifische Energie ist daher ebenfalls ein Anzeichen für

specifische Organisation auch von solchen Theilen, an denen wir sie zu

erkennen nicht in der Lage sind.+

Einem gleichen Ideengang folgend, hat ~Sachs~ dem Ausdruck „specifische

Energie“ in der Pflanzenphysiologie eine allgemeine Fassung gegeben,

indem er reizbare Pflanzenorgane wie die Sinnesorgane der Thiere mit

specifischen Energieen ausgestattet sein lässt. ~Sachs~ versteht

darunter „im Grunde nichts Anderes als den durch die Structur der

Organe vermittelten Verkehr derselben mit der Aussenwelt“.

+Der Ausdruck „specifische Energie“ besagt daher so viel als besondere

Function auf Grund besonderer Structur. In diesem Sinne sind alle

Organe und Gewebe vermöge der ihnen eigenthümlichen Organisation

und Structur mit ihren besonderen, nur ihnen eigenen Energieen

ausgestattet, mit welchen sie im Organismus wirken, und durch welche

sie mit der Aussenwelt in Verkehr treten.+

2. Zweites Gesetz. Die Wichtigkeit der Wechselwirkung mit anderen

Zellen für die Ausbildung besonderer Function und Structur in einer

Zelle. (Gesetz der physiologischen Arbeitstheilung.)

Unser oben aufgestelltes erstes Gesetz, dass eine Zelle, um eine

besondere Function (specifische Energie) und Structur zu erwerben,

unter constante und gleichbleibende Beziehungen zu ihrer Umgebung

gerathen und gleichförmigen, sich häufig wiederholenden Einwirkungen

ausgesetzt sein muss, bedarf noch eines wichtigen Zusatzes. Es lässt

sich nämlich zeigen, dass äussere Einwirkungen in +einem Aggregat

von Zellen+ viel intensivere und verschiedenartigere Veränderungen

hervorrufen, als wenn sie +nur eine vereinzelte, für sich lebende

Zelle+ treffen. Die letztere kann sich nicht in dem Maasse, wie es

in einem Zellenaggregat möglich ist, in +einer+ Richtung einseitig

entwickeln; denn sie muss gleichzeitig zahlreiche verschiedene

Functionen, soweit sie für die Entstehung ihres Lebens nothwendig

sind, auszuüben im Stande sein und muss sich demnach die hierfür

eingerichtete, gewissermaassen labile Organisation bewahren. Die

Beziehungen, in welche sie überhaupt zur Aussenwelt treten kann,

sind hierdurch eingeschränkt. Denn sie kann nur solche Veränderungen

eingehen und nur solche Structuren ausbilden, welche mit dem Bestand

ihrer übrigen Functionen und ihrer damit zusammenhängenden Organisation

verträglich sind.

Um ein Beispiel anzuführen, so darf eine einzelne Pflanzenzelle ihren

Chlorophyllapparat nicht verlieren, da ohne seinen Besitz pflanzliches

Protoplasma nicht die zum Leben, zum Wachsen und zur Fortpflanzung

nöthigen Stoffe bilden kann; sie muss daher unter Einflüssen der

Aussenwelt, die zur Rückbildung des Chlorophyllapparates führen, zu

Grunde gehen. In vielzelligen Pflanzen dagegen sehen wir die Zellen

im Innern der Zweige und in den Wurzeln das Chlorophyll ohne Schaden

verlieren.

Oder nehmen wir Beispiele vom thierischen Gebiet. Eine einzellebende

Zelle wird niemals wie die Oberhautzelle ihren ganzen Körper in

Hornsubstanz oder wie eine Muskelfaser in contractile Substanz

umwandeln können, weil solche einseitige Ausbildung ohne Verkümmerung

ihrer übrigen Functionen und ohne Schädigung ihrer zum Leben

erforderlichen Gesammtorganisation nicht möglich ist. Sie muss sich

daher bei allen Gegenwirkungen gegen die Einflüsse der Aussenwelt

und bei allen Veränderungen, die sie erfährt, doch +stets in einem

Gleichgewicht aller dem Leben dienenden Functionen+ erhalten. Hierin

liegt der einfache Grund, warum sich bei einzeln lebenden Zellen

niemals eine Function zur Hauptfunction in der extremen Weise

entwickeln kann, wie es bei Pflanzen und Thieren in vielen Geweben

(Muskel-, Nerven-, Drüsenzellen etc.) geschieht. Daher sind im Reiche

der Einzelligen auch spezifischen Zwecken dienende, charakteristische

Structuren, wie Muskelfibrillen, Nervenfibrillen, Stützsubstanzen,

höchstens in schwachen Anfängen vorhanden.

Wodurch gewinnt nun aber die einzelne Zelle durch den Verband mit

anderen die Möglichkeit zu so weitgehenden Metamorphosen, die sonst

überhaupt nicht eintreten können?

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 115 / 225 题