Das Causalitätsgesetz in seiner Anwendung auf den Organismus. Reiz und
Reizwirkung. Maschinenwesen und Organismus.
Ihrem Ursprung nach sind Pflanzen und Thiere, wie es die ersten
Stadien ihrer embryonalen Entwicklung lehren, Aggregate von Zellen,
welche, durch Theilung von einer gemeinsamen Mutterzelle entstanden,
in eine innige Gemeinschaft zusammengetreten sind. Das zuerst aus
ganz gleichartigen Elementen aufgebaute organische System macht
darauf eine lange Reihe von Veränderungen durch, welche wir als
seinen Entwicklungsprocess zusammenfassen, und durch welche es sich
in die verschiedenartigsten, harmonisch zusammenwirkenden Theile,
in die Organe und die Gewebe des pflanzlichen und thierischen
Körpers sondert. Dabei bieten Anfangs- und Endzustand des dem
Entwicklungsprocess unterworfenen organischen Systems die denkbar
grössten Verschiedenheiten von einander dar; denn ein relativ Einfaches
und Gleichartiges hat sich in ein ausserordentlich Zusammengesetztes
und Verschiedenartiges allmählich umgewandelt.
Welches sind die Ursachen, die in dem sich entwickelnden organischen
System die sich stufenweise vollziehenden Veränderungen bewirkt haben?
Die Untersuchung dieser Frage ist mit eine der wichtigsten Aufgaben
einer allgemeinen Anatomie und Physiologie der Gewebe, wie sich im
weiteren Verlauf unserer Darstellung klar herausstellen wird. Ihre
Beantwortung kann bei der grossen Schwierigkeit des Gegenstandes
allerdings nur eine sehr unvollkommene sein, zumal im Rahmen eines
Lehrbuches; doch muss sie versucht werden, um einen allgemeineren
wissenschaftlichen Standpunkt für die Beurtheilung der Gewebe- und
Organbildung zu gewinnen. Als Grundlage für die weitere Verständigung
sollen zunächst einige philosophische Erörterungen über das Thema
„Ursachen und Wirkungen“ vorausgeschickt werden.
Für den Naturforscher ist der wunderbare Process, durch
welchen Zellenaggregate in Gewebe und Organe gesondert werden,
selbstverständlicher Weise unter dem Einfluss derselben Naturgesetze
erfolgt, welchen alle Dinge unterworfen sind. Er vollzieht sich also
nach dem allgemein gültigen Causalgesetz, nach welchem jede Veränderung
eines Zustandes die Wirkung von vorausgegangenen Ursachen ist und
selbst wieder die Ursache neuer Veränderungen wird.
Die Ursachen, welche an einem complicirter beschaffenen +mechanischen+
System zusammengehöriger Theile Veränderungen bewirken, lassen sich
in zwei Gruppen eintheilen, in die causae externae und die causae
internae. Zu den ersteren gehören alle Veränderungen der Aussenwelt,
welche das System treffen und es in seinen einzelnen Theilen
beeinflussen, zur zweiten Gruppe rechnen wir die Veränderungen, die
sich im System selbst vollziehen und dadurch Ursachen werden, indem
sie weitere Folgen nach sich ziehen. Wenn im System ein Theil sich
verändert, zum Beispiel in Folge eines äusseren Anstosses, so wird
er wieder die Ursache für Veränderungen in allen übrigen Theilen,
welche mit ihm in Beziehung stehen, und diese werden nun ihrerseits
wieder Ursachen für neue Wirkungen, durch welche das System in eine
fortlaufende Reihe von Bewegungen versetzt wird.
Dieselbe Unterscheidung lässt sich auch an einem sich entwickelnden
Zellenaggregat, welches ein organisches System zusammengehöriger Theile
darstellt, mit dem gleichen Rechte durchführen. Auf dasselbe wirkt,
wie auf jedes andere Naturobject, die gesammte Aussenwelt mit ihren
verschiedenartigen Kräften ein und liefert eine fortlaufende Reihe
von Ursachen, welche in ihm Veränderungen hervorrufen, die +äusseren
Ursachen+ (causae externae) +oder die äusseren Factoren des organischen
Entwicklungsprocesses+.
Zwischen dem sich entwickelnden Zellenaggregat und seiner Umgebung
findet ein beständiger Stoff- und Kraftwechsel statt. Licht und
Wärme, die verschiedenen mechanischen Kräfte und zahlreiche chemische
Affinitäten, welche in den Stoffen der Luft, des Wassers und der Erde
wirksam sind, treten hierbei in’s Spiel und bilden eine unerschöpfliche
Quelle für biologische Untersuchungen.
Neben den äusseren Ursachen unterscheiden wir dann, wie oben, die
+inneren Ursachen des organischen Entwicklungsprocesses+. Denn ebenso
wie die Theile in einem mechanischen System stehen die Zellen, welche
in ihrer Gemeinschaft das organische Individuum höherer Ordnung
ausmachen, in derartigen Beziehungen, dass Veränderungen, die in einem
Theil des Aggregates eintreten, solche auch an anderen Theilen nach
sich ziehen. Wechselbeziehungen der Organe zu einander werden in der
Biologie auch als Correlationen, besonders auf späteren Stadien des
Entwicklungsprocesses, bezeichnet.
Wie sich aus unserer kurzen Betrachtung ergibt, ist jede Veränderung
eines zusammengesetzten Systems das mehr oder minder complicirte
Resultat +sehr vieler Ursachen+, die zum Theil von aussen einwirken,
zum Theil von innen heraus sich im System selber geltend machen; auch
liegt es auf der Hand, dass, je grösser die Zahl aller in Betracht
kommenden Factoren wird, um so mehr das Ineinandergreifen der
zahlreichen Ursachen und Wirkungen, die sich neben- und nacheinander
im Process abspielen, sich einer erschöpfenden Analyse und einer
klaren Erkenntniss entziehen muss. In höchstem Maasse ist dies bei
der Entwicklung pflanzlicher und thierischer Zellenaggregate, sowie
überhaupt bei allen Lebensprocessen der Fall, so dass uns bei ihnen der
causale Zusammenhang der vor sich gehenden Veränderungen verschleiert
wird. Daher hat ~Schopenhauer~ +mehrere Formen der Causalität
unterschieden, als Ursache in engstem Sinne, als Reiz und als Motiv+.