FÜNFTES CAPITEL.

Das Causalitätsgesetz in seiner Anwendung auf den Organismus. Reiz und

Reizwirkung. Maschinenwesen und Organismus.

Ihrem Ursprung nach sind Pflanzen und Thiere, wie es die ersten

Stadien ihrer embryonalen Entwicklung lehren, Aggregate von Zellen,

welche, durch Theilung von einer gemeinsamen Mutterzelle entstanden,

in eine innige Gemeinschaft zusammengetreten sind. Das zuerst aus

ganz gleichartigen Elementen aufgebaute organische System macht

darauf eine lange Reihe von Veränderungen durch, welche wir als

seinen Entwicklungsprocess zusammenfassen, und durch welche es sich

in die verschiedenartigsten, harmonisch zusammenwirkenden Theile,

in die Organe und die Gewebe des pflanzlichen und thierischen

Körpers sondert. Dabei bieten Anfangs- und Endzustand des dem

Entwicklungsprocess unterworfenen organischen Systems die denkbar

grössten Verschiedenheiten von einander dar; denn ein relativ Einfaches

und Gleichartiges hat sich in ein ausserordentlich Zusammengesetztes

und Verschiedenartiges allmählich umgewandelt.

Welches sind die Ursachen, die in dem sich entwickelnden organischen

System die sich stufenweise vollziehenden Veränderungen bewirkt haben?

Die Untersuchung dieser Frage ist mit eine der wichtigsten Aufgaben

einer allgemeinen Anatomie und Physiologie der Gewebe, wie sich im

weiteren Verlauf unserer Darstellung klar herausstellen wird. Ihre

Beantwortung kann bei der grossen Schwierigkeit des Gegenstandes

allerdings nur eine sehr unvollkommene sein, zumal im Rahmen eines

Lehrbuches; doch muss sie versucht werden, um einen allgemeineren

wissenschaftlichen Standpunkt für die Beurtheilung der Gewebe- und

Organbildung zu gewinnen. Als Grundlage für die weitere Verständigung

sollen zunächst einige philosophische Erörterungen über das Thema

„Ursachen und Wirkungen“ vorausgeschickt werden.

Für den Naturforscher ist der wunderbare Process, durch

welchen Zellenaggregate in Gewebe und Organe gesondert werden,

selbstverständlicher Weise unter dem Einfluss derselben Naturgesetze

erfolgt, welchen alle Dinge unterworfen sind. Er vollzieht sich also

nach dem allgemein gültigen Causalgesetz, nach welchem jede Veränderung

eines Zustandes die Wirkung von vorausgegangenen Ursachen ist und

selbst wieder die Ursache neuer Veränderungen wird.

Die Ursachen, welche an einem complicirter beschaffenen +mechanischen+

System zusammengehöriger Theile Veränderungen bewirken, lassen sich

in zwei Gruppen eintheilen, in die causae externae und die causae

internae. Zu den ersteren gehören alle Veränderungen der Aussenwelt,

welche das System treffen und es in seinen einzelnen Theilen

beeinflussen, zur zweiten Gruppe rechnen wir die Veränderungen, die

sich im System selbst vollziehen und dadurch Ursachen werden, indem

sie weitere Folgen nach sich ziehen. Wenn im System ein Theil sich

verändert, zum Beispiel in Folge eines äusseren Anstosses, so wird

er wieder die Ursache für Veränderungen in allen übrigen Theilen,

welche mit ihm in Beziehung stehen, und diese werden nun ihrerseits

wieder Ursachen für neue Wirkungen, durch welche das System in eine

fortlaufende Reihe von Bewegungen versetzt wird.

Dieselbe Unterscheidung lässt sich auch an einem sich entwickelnden

Zellenaggregat, welches ein organisches System zusammengehöriger Theile

darstellt, mit dem gleichen Rechte durchführen. Auf dasselbe wirkt,

wie auf jedes andere Naturobject, die gesammte Aussenwelt mit ihren

verschiedenartigen Kräften ein und liefert eine fortlaufende Reihe

von Ursachen, welche in ihm Veränderungen hervorrufen, die +äusseren

Ursachen+ (causae externae) +oder die äusseren Factoren des organischen

Entwicklungsprocesses+.

Zwischen dem sich entwickelnden Zellenaggregat und seiner Umgebung

findet ein beständiger Stoff- und Kraftwechsel statt. Licht und

Wärme, die verschiedenen mechanischen Kräfte und zahlreiche chemische

Affinitäten, welche in den Stoffen der Luft, des Wassers und der Erde

wirksam sind, treten hierbei in’s Spiel und bilden eine unerschöpfliche

Quelle für biologische Untersuchungen.

Neben den äusseren Ursachen unterscheiden wir dann, wie oben, die

+inneren Ursachen des organischen Entwicklungsprocesses+. Denn ebenso

wie die Theile in einem mechanischen System stehen die Zellen, welche

in ihrer Gemeinschaft das organische Individuum höherer Ordnung

ausmachen, in derartigen Beziehungen, dass Veränderungen, die in einem

Theil des Aggregates eintreten, solche auch an anderen Theilen nach

sich ziehen. Wechselbeziehungen der Organe zu einander werden in der

Biologie auch als Correlationen, besonders auf späteren Stadien des

Entwicklungsprocesses, bezeichnet.

Wie sich aus unserer kurzen Betrachtung ergibt, ist jede Veränderung

eines zusammengesetzten Systems das mehr oder minder complicirte

Resultat +sehr vieler Ursachen+, die zum Theil von aussen einwirken,

zum Theil von innen heraus sich im System selber geltend machen; auch

liegt es auf der Hand, dass, je grösser die Zahl aller in Betracht

kommenden Factoren wird, um so mehr das Ineinandergreifen der

zahlreichen Ursachen und Wirkungen, die sich neben- und nacheinander

im Process abspielen, sich einer erschöpfenden Analyse und einer

klaren Erkenntniss entziehen muss. In höchstem Maasse ist dies bei

der Entwicklung pflanzlicher und thierischer Zellenaggregate, sowie

überhaupt bei allen Lebensprocessen der Fall, so dass uns bei ihnen der

causale Zusammenhang der vor sich gehenden Veränderungen verschleiert

wird. Daher hat ~Schopenhauer~ +mehrere Formen der Causalität

unterschieden, als Ursache in engstem Sinne, als Reiz und als Motiv+.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 104 / 225 题