III. Die parasitische Vereinigung.

Von der Symbiose sind als eine zweite Gruppe solche Verbindungen zweier

artungleicher Zellen zu unterscheiden, innerhalb welcher die eine durch

die andere Art in ihren Lebensprocessen wesentlich geschädigt wird.

Beide Zellenarten befinden sich gewissermaassen in einem Kampf mit

einander. Im Gegensatz zur Symbiose bezeichnen wir die Verbindung daher

als eine parasitäre, und wir begeben uns bei ihrer Betrachtung vom

normalen auf das pathologische Gebiet.

In die Gewebe höherer Organismen können fremdartige Zellen, durch

besondere Verhältnisse begünstigt, eindringen, in ihnen einen

geeigneten Boden für ihre Vermehrung finden und durch ihren Einfluss

auf die Wirthsgewebe charakteristische Gewebsformen hervorrufen, die

man in der pathologischen Anatomie +Infectionsgeschwülste+ nennt. Diese

zeigen je nach der Localität, in der sie entstanden sind, und je nach

der fremdartigen Organismenart, welche sie veranlasst hat, ein durchaus

eigenartiges Gepräge, aus welchem man sofort einen Schluss auf den

specifischen Krankheitserreger machen kann.

Auf die Anwesenheit von Tuberkelbacillen sind die eigenthümlichen

Miliartuberkeln und die knötchenförmigen Geschwülste in der Haut bei

Lupus zurückzuführen. Das syphilitische Contagium bedingt je nach den

Organen, in denen es zur Entwicklung gekommen ist, eine ganze Reihe

typischer Geschwulstformen, Condylome, Gummata etc. Die verschiedenen

Arten der Carcinome und Sarcome endlich sind nach den vergleichend

pathologischen Untersuchungen von ~Pfeiffer~ höchst wahrscheinlich

auch parasitären Ursprungs, wenn es auch noch nicht geglückt ist, den

Mikroorganismus, der in die Gruppe der Plasmodien und Sarcosporidien zu

gehören scheint, isolirt darzustellen, in Reincultur zu züchten und zu

überimpfen.

Durch das Zusammenleben zweier artverschiedener Zellen wird in den

pathologischen Geschwülsten die gegentheilige Erscheinung wie bei der

Symbiose hervorgerufen. Während hier die Stoffwechselprocesse der

beiden verbundenen Organismen trotz ihrer Verschiedenartigkeit doch

zu einander passen, so dass der eine den andern nicht schädigt, im

Gegentheil ihm in vielen Fällen sogar ganz offenbaren Nutzen bringt,

übt dort der Eindringling oder Parasit durch seinen Stoffwechsel eine

bald mehr, bald weniger intensive Schädigung auf die umgebenden Gewebe

des Wirthes, ja schliesslich auf seinen ganzen Organismus aus. Er wird

für ihn zu einem Verderben bringenden, unter Umständen tödtlichen Gift.

Die Schädigung beruht weniger darauf, dass der Parasit dem Wirthsgewebe

Nahrung entzieht, sondern ist in dem Umstand begründet, dass er bei

seinem Stoffwechsel organische Verbindungen erzeugt, die schon in

geringsten Dosen eine ganz erstaunliche Giftwirkung auf die Zellen des

Wirthsorganismus ausüben. Von manchen Mikroorganismen ist es gelungen,

die giftigen Stoffe oder Toxine zu isoliren und in concentrirtem

Zustande darzustellen, das Tuberkulin, das Gift des Staphylococcus, des

Diphtheriebacillus etc. Es ist überraschend, in welchen geringen Dosen

die Toxine, welche in die Reihe der Proteinverbindungen gehören, wenn

sie in den Kreislauf eines Thieres gebracht werden, die gefährlichsten

Vergiftungssymptome bewirken, hohes Fieber, Lähmungen im Bereiche

des Nervensystems, fettige Entartungen der Zellen, namentlich der

Nierenepithelien, durch welche die Ausscheidung und Entfernung der

Toxine aus dem Blute besorgt wird.

Im Gegensatz zur Symbiose, bei welcher man z. B. die eingedrungenen

Algenzellen als integrirende Bestandtheile der Gewebszellen selbst

gehalten hat, erscheinen die pathologischen Geschwülste als etwas

dem Organismus Fremdartiges, als Störungen seines Normalzustandes.

Auch zeigen sie uns theils eine directe Schädigung der Wirthszellen,

theils reactive Erscheinungen vom Wirthsorganismus zur Abwehr der ihm

fremdartigen Mikroben.

Um ein Beispiel anzuführen, so hat die Ansiedelung von Tuberkelbacillen

zur Folge, dass durch den von ihnen ausgeübten Reiz die umgebenden

fixen Gewebszellen in Wucherung gerathen und ein hirsekorngrosses

Knötchen bilden, das aus protoplasmatischen, epitheloiden Zellen

zusammengesetzt ist. Unter diesen entwickeln sich auch einzelne

besonders protoplasmareiche und von vielen Kernen erfüllte

Riesenzellen. Theils in den Zellen, theils zwischen ihnen finden

sich die Bakteriencolonieen. Nach einiger Zeit lassen die von

den Tuberkelbacillen befallenen Zellen Veränderungen des Kerns

und Protoplasmas, Schrumpfung und Zerfall des ersteren, hyaline

Degeneration des letzteren erkennen, Erscheinungen, die man als

Coagulationsnekrose bezeichnet hat. Auf den fremdartigen Reiz reagirt

dann auch die weitere Umgebung der vom Parasiten befallenen und

veränderten Gewebspartie; es bilden sich entzündliche Erscheinungen

aus unter Betheiligung des angrenzenden Gefässsystems; weisse

Blutkörperchen wandern nach dem Ort der Schädigung hin, dringen

theilweise zwischen die epitheloiden Zellen selbst hinein und

infiltriren die nächste Umgebung des Tuberkels. Indem beim weiteren

Fortschreiten der Coagulationsnekrose die centralen Partieen absterben,

kommt es schliesslich zur sogenannten Verkäsung des Tuberkels.

Literatur zu Capitel III.

1) =Beresowsky.= _Ueber die histologischen Vorgänge bei der

Transplantation von Hautstücken auf Thiere einer anderen Species.

Ziegler’s Beiträge zur patholog. Anat. und zur allgemeinen Pathologie.

Jena 1893._

2) =P. Bert.= _Recherches expérimentales pour servir à l’histoire de la

vitalité propre des tissus animaux. Annales des sciences naturelles,

sér. V. Zoologie t. V. 1886._

3) =G. Born.= _Ueber Ergebnisse der mit Amphibienlarven angestellten

Verwachsungsversuche. Verhandl. d. anatomischen Gesellsch. in Basel

1895._

4) +_Derselbe._+ _Die künstliche Vereinigung lebender Theilstücke von

Amphibienlarven. Jahresber. d. Schles. Gesellsch. f. vaterl. Cultur.

Medic. Section. 1894._

5) +_Derselbe._+ _Ueber Verwachsungsversuche mit Amphibienlarven.

Archiv für Entwicklungsmechanik Bd. IV. 1897._

6) =Brandt.= _Ueber das Zusammenleben von Thieren und Algen. Verhandl.

der physiol. Gesellsch. zu Berlin 1881._

7) +_Derselbe._+ _Ueber die morphologische und physiologische Bedeutung

des Chlorophylls bei den Thieren. Mittheil. aus der zoolog. Station zu

Neapel Bd. IV. 1883. (Daselbst auch ausführlicher Literaturbericht.)_

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 92 / 225 题