Von der Symbiose sind als eine zweite Gruppe solche Verbindungen zweier
artungleicher Zellen zu unterscheiden, innerhalb welcher die eine durch
die andere Art in ihren Lebensprocessen wesentlich geschädigt wird.
Beide Zellenarten befinden sich gewissermaassen in einem Kampf mit
einander. Im Gegensatz zur Symbiose bezeichnen wir die Verbindung daher
als eine parasitäre, und wir begeben uns bei ihrer Betrachtung vom
normalen auf das pathologische Gebiet.
In die Gewebe höherer Organismen können fremdartige Zellen, durch
besondere Verhältnisse begünstigt, eindringen, in ihnen einen
geeigneten Boden für ihre Vermehrung finden und durch ihren Einfluss
auf die Wirthsgewebe charakteristische Gewebsformen hervorrufen, die
man in der pathologischen Anatomie +Infectionsgeschwülste+ nennt. Diese
zeigen je nach der Localität, in der sie entstanden sind, und je nach
der fremdartigen Organismenart, welche sie veranlasst hat, ein durchaus
eigenartiges Gepräge, aus welchem man sofort einen Schluss auf den
specifischen Krankheitserreger machen kann.
Auf die Anwesenheit von Tuberkelbacillen sind die eigenthümlichen
Miliartuberkeln und die knötchenförmigen Geschwülste in der Haut bei
Lupus zurückzuführen. Das syphilitische Contagium bedingt je nach den
Organen, in denen es zur Entwicklung gekommen ist, eine ganze Reihe
typischer Geschwulstformen, Condylome, Gummata etc. Die verschiedenen
Arten der Carcinome und Sarcome endlich sind nach den vergleichend
pathologischen Untersuchungen von ~Pfeiffer~ höchst wahrscheinlich
auch parasitären Ursprungs, wenn es auch noch nicht geglückt ist, den
Mikroorganismus, der in die Gruppe der Plasmodien und Sarcosporidien zu
gehören scheint, isolirt darzustellen, in Reincultur zu züchten und zu
überimpfen.
Durch das Zusammenleben zweier artverschiedener Zellen wird in den
pathologischen Geschwülsten die gegentheilige Erscheinung wie bei der
Symbiose hervorgerufen. Während hier die Stoffwechselprocesse der
beiden verbundenen Organismen trotz ihrer Verschiedenartigkeit doch
zu einander passen, so dass der eine den andern nicht schädigt, im
Gegentheil ihm in vielen Fällen sogar ganz offenbaren Nutzen bringt,
übt dort der Eindringling oder Parasit durch seinen Stoffwechsel eine
bald mehr, bald weniger intensive Schädigung auf die umgebenden Gewebe
des Wirthes, ja schliesslich auf seinen ganzen Organismus aus. Er wird
für ihn zu einem Verderben bringenden, unter Umständen tödtlichen Gift.
Die Schädigung beruht weniger darauf, dass der Parasit dem Wirthsgewebe
Nahrung entzieht, sondern ist in dem Umstand begründet, dass er bei
seinem Stoffwechsel organische Verbindungen erzeugt, die schon in
geringsten Dosen eine ganz erstaunliche Giftwirkung auf die Zellen des
Wirthsorganismus ausüben. Von manchen Mikroorganismen ist es gelungen,
die giftigen Stoffe oder Toxine zu isoliren und in concentrirtem
Zustande darzustellen, das Tuberkulin, das Gift des Staphylococcus, des
Diphtheriebacillus etc. Es ist überraschend, in welchen geringen Dosen
die Toxine, welche in die Reihe der Proteinverbindungen gehören, wenn
sie in den Kreislauf eines Thieres gebracht werden, die gefährlichsten
Vergiftungssymptome bewirken, hohes Fieber, Lähmungen im Bereiche
des Nervensystems, fettige Entartungen der Zellen, namentlich der
Nierenepithelien, durch welche die Ausscheidung und Entfernung der
Toxine aus dem Blute besorgt wird.
Im Gegensatz zur Symbiose, bei welcher man z. B. die eingedrungenen
Algenzellen als integrirende Bestandtheile der Gewebszellen selbst
gehalten hat, erscheinen die pathologischen Geschwülste als etwas
dem Organismus Fremdartiges, als Störungen seines Normalzustandes.
Auch zeigen sie uns theils eine directe Schädigung der Wirthszellen,
theils reactive Erscheinungen vom Wirthsorganismus zur Abwehr der ihm
fremdartigen Mikroben.
Um ein Beispiel anzuführen, so hat die Ansiedelung von Tuberkelbacillen
zur Folge, dass durch den von ihnen ausgeübten Reiz die umgebenden
fixen Gewebszellen in Wucherung gerathen und ein hirsekorngrosses
Knötchen bilden, das aus protoplasmatischen, epitheloiden Zellen
zusammengesetzt ist. Unter diesen entwickeln sich auch einzelne
besonders protoplasmareiche und von vielen Kernen erfüllte
Riesenzellen. Theils in den Zellen, theils zwischen ihnen finden
sich die Bakteriencolonieen. Nach einiger Zeit lassen die von
den Tuberkelbacillen befallenen Zellen Veränderungen des Kerns
und Protoplasmas, Schrumpfung und Zerfall des ersteren, hyaline
Degeneration des letzteren erkennen, Erscheinungen, die man als
Coagulationsnekrose bezeichnet hat. Auf den fremdartigen Reiz reagirt
dann auch die weitere Umgebung der vom Parasiten befallenen und
veränderten Gewebspartie; es bilden sich entzündliche Erscheinungen
aus unter Betheiligung des angrenzenden Gefässsystems; weisse
Blutkörperchen wandern nach dem Ort der Schädigung hin, dringen
theilweise zwischen die epitheloiden Zellen selbst hinein und
infiltriren die nächste Umgebung des Tuberkels. Indem beim weiteren
Fortschreiten der Coagulationsnekrose die centralen Partieen absterben,
kommt es schliesslich zur sogenannten Verkäsung des Tuberkels.
Literatur zu Capitel III.
1) =Beresowsky.= _Ueber die histologischen Vorgänge bei der
Transplantation von Hautstücken auf Thiere einer anderen Species.
Ziegler’s Beiträge zur patholog. Anat. und zur allgemeinen Pathologie.
Jena 1893._
2) =P. Bert.= _Recherches expérimentales pour servir à l’histoire de la
vitalité propre des tissus animaux. Annales des sciences naturelles,
sér. V. Zoologie t. V. 1886._
3) =G. Born.= _Ueber Ergebnisse der mit Amphibienlarven angestellten
Verwachsungsversuche. Verhandl. d. anatomischen Gesellsch. in Basel
1895._
4) +_Derselbe._+ _Die künstliche Vereinigung lebender Theilstücke von
Amphibienlarven. Jahresber. d. Schles. Gesellsch. f. vaterl. Cultur.
Medic. Section. 1894._
5) +_Derselbe._+ _Ueber Verwachsungsversuche mit Amphibienlarven.
Archiv für Entwicklungsmechanik Bd. IV. 1897._
6) =Brandt.= _Ueber das Zusammenleben von Thieren und Algen. Verhandl.
der physiol. Gesellsch. zu Berlin 1881._
7) +_Derselbe._+ _Ueber die morphologische und physiologische Bedeutung
des Chlorophylls bei den Thieren. Mittheil. aus der zoolog. Station zu
Neapel Bd. IV. 1883. (Daselbst auch ausführlicher Literaturbericht.)_