Uebersicht über die zu lösenden Aufgaben.
Das erste Buch handelte von den allgemeinen fundamentalen
Lebenseigenschaften der Zelle in anatomischer und in physiologischer
Beziehung. Die Zelle wurde als ein in sich abgeschlossener
Elementarorganismus betrachtet. Von diesem Gesichtspunkte aus wurden
ihre chemisch-physikalischen und morphologischen Eigenschaften studirt;
die Bewegungserscheinungen und die Reizbarkeit des Protoplasmas,
sein Stoffwechsel und seine formative Thätigkeit, endlich die
Fortpflanzung der Zelle auf dem Wege der Theilung und ihre sexuelle
Affinität, die zur Besprechung der Morphologie und Physiologie des
Befruchtungsprocesses Veranlassung gab.
Nun führt aber die Zelle in der Natur nur in den wenigsten Fällen ein
Leben als Organismus für sich, nämlich nur in den Fällen, wo es sich
um die niedrigsten, einzelligen Lebewesen, oder in den Fällen, wo es
sich um die allerersten Entwicklungsstufen der vielzelligen Organismen,
um Eier und um Samenfäden, handelt. In allen anderen Fällen tritt uns
die Zelle nur als ein untergeordneter und daher unselbständiger Theil
einer höheren, zusammengesetzteren Organisation entgegen. Die Zelle
hat ihre Selbständigkeit als elementares Lebewesen verloren; sie wird,
je höher Thier und Pflanze organisirt sind, in ihren Lebensäusserungen
auch noch durch ihre vielerlei Beziehungen im vielzelligen Organismus,
von welchem sie ein Theil geworden ist, bestimmt oder determinirt. In
diesem Process offenbart sich uns erst das organische Leben in seinem
ganzen Reichthum und führt zu Leistungen, die uns in ihrer höchsten
Vollendung schliesslich im menschlichen Organismus entgegentreten, in
dessen complicirten Lebensäusserungen materieller und geistiger Natur
die Physiologie nur die combinirte Wirkung zahlloser kleiner, einander
neben- und untergeordneter, zu einer höheren Lebenseinheit verbundener
Elementarzellen erblickt. Die Zelle selbst aber erscheint uns bei
diesem Process in zahllosen neuen, unendlich verwickelten Beziehungen,
welche bisher unberücksichtigt gelassen wurden.
Indem unsere Untersuchung somit von der Zelle, die im ersten Buch als
Elementarorganismus betrachtet wurde, zu den in bestimmte Verbände
eingetretenen Elementartheilen fortschreitet, erweitert sich die
Zellenlehre zur Gewebelehre, welche den Gegenstand dieses zweiten
Buches bildet. Denn unter einem Gewebe verstehen wir eine Vielheit zu
gemeinsamer Function zusammengeordneter Zellen.
Die hier zu lösende Aufgabe sondert sich ganz naturgemäss in +zwei
Hauptabschnitte+.
Der +erste Hauptabschnitt+ hat sich mit den allgemeinen
Beziehungen zu beschäftigen, welche durch die Zusammenordnung der
Zellen zu Theilen eines höheren Ganzen geschaffen werden: mit der
Lehre von den verschiedenen organischen Individualitätsstufen,
mit den Mitteln, durch welche die Zellen in den höheren Einheiten
zusammengehalten und in Abhängigkeit von einander gebracht werden, mit
den äusseren und inneren Factoren der organischen Entwicklung, mit dem
Gesetz der Arbeitstheilung und Differenzirung, mit den Gesetzen und
Erscheinungen des Wachsthums und der Formbildung, mit dem Problem der
Vererbbarkeit erworbener Charaktere; schliesslich mit der Definition
der Begriffe Gewebe und Organe.
Es werden bei diesen Erörterungen die schwierigsten Fragen der
organischen Entwicklung berührt werden, welche in den letzten Jahren
von mehreren Forschern auf das Lebhafteste discutirt, aber in sehr
entgegengesetztem Sinne beantwortet worden sind. Ich selbst habe an den
wissenschaftlichen Debatten regen Antheil genommen und in den meisten
Fragen meinen Standpunkt schon scharf präcisirt. In Fragen, über welche
ich mich bisher nicht geäussert habe, wird dies jetzt geschehen. So
wird der zweite Theil meiner allgemeinen Anatomie und Physiologie
eine Theorie der organischen Entwicklung enthalten. Ich nenne sie
die +Theorie der Biogenesis+, da sie sich in vielen Punkten,
besonders aber in der Art der Beweisführung und Darstellung, von
ähnlichen Theorieen meiner Vorgänger, von der Theorie der Epigenesis,
der Pangenesis, der Keimplasmatheorie etc. bald mehr, bald minder
wesentlich unterscheidet. Wie ich schon bei verschiedenen Gelegenheiten
bemerkt habe, hängt mit der weiteren wissenschaftlichen Ausbildung
der allgemeinen Anatomie und Physiologie der Zelle auch die weitere
Ausbildung der allgemeinen Entwicklungstheorie auf das engste zusammen.
Der +zweite Hauptabschnitt+ endlich hat die +specielle
Gewebelehre+ oder +das System der Gewebe+ zu seinem Gegenstand.
Er hat von den zahlreichen Kategorieen von Geweben zu handeln, die
sich nach dem Gesetz der Arbeitstheilung und Differenzirung im Körper
der vielzelligen Organismen in Anpassung an die verschiedensten
Lebenszwecke gebildet haben. Jedes Gewebe wird hierbei von drei
Gesichtspunkten aus besprochen werden, nämlich im Hinblick auf seine
besondere Structur, auf seine Entstehung aus der indifferenten Zelle
und auf seine Function. Bei jedem Gewebe ist somit auf seine Anatomie,
auf seine Entwicklungsgeschichte und auf seine Physiologie einzugehen.