V.

Nach der Abreise des Verlobten trat in dem Landhause eine Zeit stillen

Lebens ein, wie es entsagende Gemüther zu führen pflegen. Mutter und

Tochter füllten die Stunden mit ihren gewohnten Beschäftigungen aus;

sie begnügten sich aber, nur das Nöthigste mit einander zu reden,

und überließen sich meist ihren Gedanken. Es war eine Zeit, wo man

das Ticken der Stubenuhr am Tage öfter hörte als sonst, aber für die

Liebende zugleich eine Zeit wundersamer Empfindungen. Eine solche

Existenz hat ihre eigenen Reize. Ergebung und Hoffnung können das

Leid der Entbehrung versüßen und den Geist oft zu unerwartet lichten

Anschauungen führen. Die Werke der Kunst, die Schönheit der Natur

wirken eindringlicher auf das weiche Gemüth und erheben es über

bedrückende Gefühle, die tröstenden Einflüsse der Religion finden ein

bereiteres Herz.

Hie und da wurde der sanfte Fluß dieses Lebens freilich durch

einen Mißton unterbrochen und getrübt, indem die Mutter sich nicht

enthalten konnte, in eine sorgliche Stimmung zurückzufallen und über

den Abwesenden Bemerkungen hören zu lassen, in denen sie das schon

Zugestandene zum Theil wieder zurücknahm. Anna schwieg dazu; sie

wußte, daß dergleichen Anwandlungen am schnellsten vergehen, wenn sie

keinen Widerspruch erfahren. Fühlte sie sich betrübt, so suchte sie

die Gesellschaft des alten Dieners auf, der an Arthur mit rührender

Zärtlichkeit hing und ihn im Gespräch mit ihr um so mehr erhob, als er

sah, wie sehr es die junge Herrin beglückte.

Die Zeit bewährte zuletzt auch hier ihre beruhigende Macht und

erleichterte die Gefühle Aller. Die Sorge um jemand setzt ohnehin eine

Kenntniß von seiner Lage voraus. Wir sorgen nur um Personen in unserer

Nähe und um entfernte nur in so weit, als wir sie geistig bei ihren

Unternehmungen begleiten können. Die Abwesenden, bei denen dieß nicht

der Fall ist, übergeben wir der Obhut Gottes und vertrauen schon darum,

weil uns nichts anderes übrig bleibt. Vielleicht war dieß einer der

Gründe, warum Arthur über sein Vorhaben nichts Bestimmtes aussagen

wollte.

Der Umgang der Baronin bestand jetzt nur aus wenig Personen.

Hauptsächlich verkehrte sie mit dem Rentier, der die Familienbilder und

sonstige werthvolle Mobilien Arthurs bewahrte und sich in allen Stücken

als sein väterlicher Freund bewiesen hatte. Umgeben von den Vorfahren

desselben, gedachte man des Abwesenden und die Baronin erging sich

gelegentlich in Vermuthungen. Arthur hatte auch seinem Wirthe nichts

Näheres über sein Vorhaben mitgetheilt, aber dieser war durch einen

zufällig entschlüpften Ausdruck auf eine Spur gekommen, die er für die

richtige hielt. Eben darum ließ er vor den Damen nichts davon merken

und verschwieg auch was er wußte: daß Arthur für den Fall seines Todes

über die Hälfte seines Vermögens, die bei ihm angelegt war, zu Gunsten

Annas verfügt hatte.

Von Zeit zu Zeit sah die Baronin den Pfarrer von Waldfels, einen

milden und verständigen Seelenhirten, der ebenfalls mit Liebe an dem

freiherrlichen Hause, besonders an Arthur hing. Ihr Verkehr mit der

Familie Pranger beschränkte sich auf höfliches Grüßen, wenn sie sich

zufällig an einem dritten Ort sahen. Die Baronin hörte nur von andern,

wie es im Schlosse immer hoch hergehe, wie Herr von Pranger sich

Weihrauch streuen lasse, die jungen Herrn übermüthige Streiche machten,

und nur die Mutter eine gutmüthige Frau sey, der man nichts vorwerfen

könne, als eine allzugroße Verliebtheit in ihre Kinder.

Es war mitten im Sommer. Die Baronin und Anna saßen im Zimmer beisammen

und hatten eben von der Einsamkeit gesprochen, in der sie gelassen

würden, als zu ihrer großen Ueberraschung Frau von Pranger mit ihrer

Tochter bei ihnen vorgefahren kam. Sie erkundigte sich mit Wärme nach

dem Befinden der Damen, verweilte über eine Stunde und bat sie zuletzt

mit aller Herzlichkeit um einen Besuch in Waldfels. Die Baronin sagte

höflich zu und rieth nach ihrer Entfernung hin und her, was wohl der

Zweck dieses plötzlichen Entgegenkommens seyn möchte. Auch während des

Gegenbesuchs im Schlosse, wo man sie mit Freundschaft überhäufte, sah

sie nicht klarer, wohl aber hatte Anna, mit welcher August, der ältere

Sohn des Hauses, sich unterhielt, eine Vermuthung, die der Wahrheit

nahe kam.

Um das Folgende begreiflicher zu machen, müssen wir erwähnen, daß in

der letzten Zeit das Gerücht aufgetaucht war, die Verlobung zwischen

dem jungen Waldfels und Anna von Holdingen sey wieder rückgängig

geworden, indem beide Theile eingesehen hätten, daß sie gegenseitig

ihrem Glück im Wege ständen; der Abschied, den sie im Posthofe von

einander genommen, sey der letzte überhaupt gewesen. Diese Fabel war

auch nach Waldfels gedrungen und dort wahrscheinlich gefunden worden.

August von Pranger, auf den Anna schon beim ersten Anblick einen

ungewöhnlichen Eindruck gemacht hatte, sah sie nun mit andern Augen

an, als er sonst wohl gethan hätte, und die Folge war, daß er bei

der nächsten zufälligen Begegnung sein Herz gänzlich an sie verlor.

Ein Bekannter, dem er das erwähnte Gerücht mittheilte, bestritt die

Wahrheit desselben mit gewichtigen Gründen, aber das konnte ihn jetzt

auf seinem Weg nicht mehr aufhalten. Im Gefühl seiner selbst faßte er

den Beschluß, den Kampf, wenn davon noch die Rede seyn könne, mit dem

Abwesenden zu wagen und sich um die Gunst des schönen Fräuleins zu

bewerben. Er öffnete sein Herz vor allem der Mutter, deren Liebling er

war, und machte von seiner Flamme und der Pein, die er leide, eine so

ergreifende Schilderung, daß die gute Dame bald den Versuch aufgab,

ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Sie bedachte, daß eine Verbindung

mit der alten Familie Holdingen für sie ehrenvoll und dem Fräulein ein

gesichertes Loos mit ihrem Sohn zu wünschen sey. Nachdem sie ihre

Hülfe zugesagt, rückte man hinter den Vater und brachte ihn endlich

zu der Erklärung, daß sie in dieser Sache freie Hand haben sollten.

Mutter und Sohn beriethen sich, und der unerwartete Besuch bei Frau von

Holdingen war die Eröffnung des Feldzugs.

Anna sagte ihrer Mutter natürlich nichts von ihrer Muthmaßung, die

ja auch eine trügerische seyn konnte, und so knüpfte sich zwischen

den beiden Familien eine Beziehung, die verschiedene wechselseitige

Besuche zur Folge hatte. Bei diesen warf aber August von Pranger seiner

Ausersehenen zuletzt so glühend zärtliche Blicke zu, daß ein Zweifel

über seine Gefühle nicht mehr möglich war. Anna mußte fürchten, daß

es von Blicken zu Worten kommen würde, und sie faßte den Entschluß,

seine Krankheit vor dem eigentlichen Ausbruch durch abkühlende Mittel

zu heilen. Als er das nächstemal sich zu entschieden huldigenden

Reden verstieg, behandelte sie dieß als eine galante Sprechübung,

rühmte ihn wegen seiner Einfälle, rieth ihm aber, im Ausdruck nicht zu

weit zu gehen, da die Uebertreibung der Zierlichkeit schaden müßte.

Erneuten Versicherungen setzte sie erneuten Spott entgegen. Ein

Unbefangener hätte dabei in ihren Zügen nicht nur die vollkommenste

Gleichgültigkeit, sondern zugleich eine Andeutung von Geringschätzung

erblicken müssen; aber Verliebte sind dafür bekannt, daß sie alles, was

überhaupt noch einer Auslegung fähig ist, zur ihren Gunsten auslegen.

Der junge Herr sah in der scherzenden Abweisung nichts als eine Art von

Koketterie, die ihn locken wolle, und er beschloß, dem vorausgesetzten

Wunsche zu entsprechen.

Eines Tages begab er sich ohne Begleitung nach dem Landhause. Er

wußte es zu machen, daß er mit Anna allein im Garten war, und ergoß

sein Herz in einer leidenschaftlichen Erklärung, die mit der Bitte

um ihre Liebe und ihre Hand schloß. Anna, die von ihren Mitteln doch

eine andere Wirkung erwartet hatte, war hochbetroffen. Der Ausdruck

ihres errötheten Gesichts verrieth, daß sich nicht nur die Liebende,

sondern auch der Sprößling einer alten Familie beleidigt fühlte, und

mit dem Stolz beider erwiederte sie: »Herr von Pranger, Sie wissen,

daß ich mit meinem Vetter, dem Herrn von Waldfels, verlobt bin. Sie

haben selbst die Ehre gehabt, den Baron zu sehen und kennen zu lernen.

Und nun frag' ich Sie: was hat Ihnen den Muth gegeben, der Braut eines

solchen Mannes einen solchen Antrag zu machen?« Der junge Mensch sah

sie bestürzt an. Anna fuhr fort: »Ich kann mir denken, daß ein längeres

Verweilen in unserem Hause Ihnen nicht angenehm seyn wird. Nehmen

Sie die Ueberzeugung mit sich, daß dieser Vorgang für die ganze Welt

ein Geheimniß bleiben wird, nur für meine Mutter nicht, der ich ihn

mitzutheilen verpflichtet bin.« -- Nun regte sich der Stolz auch in

dem Abgewiesenen; er suchte seinem glühenden Gesicht den Ausdruck der

Geringschätzung zu geben, verbeugte und entfernte sich.

Anna ging zu ihrer Mutter und erzählte ihr das Erlebniß. Die Baronin

hörte mit Entrüstung zu und sagte zuletzt: »Das war also der Grund

dieser plötzlichen Freundlichkeit? Ich hätte mir's denken sollen, daß

irgend etwas Unedles dahinter verborgen war.« Mit trübem Lächeln setzte

sie hinzu: »Wie unersättlich diese Menschen sind! Sie haben dem jungen

Mann sein Stammgut abgenommen, und nun wollen sie ihm auch die Verlobte

nehmen!« -- Anna bemerkte mit Ernst: »Für diese Absicht, glaub' ich,

sind sie genug, vielleicht zu sehr gestraft.« -- --

Die kleine Episode hatte für die Baronin doch eine nachtheilige Folge:

der Aufenthalt im Landhause begann ihr verleidet zu werden. Schon das

Gerede, das ihr plötzlicher Bruch mit der Familie Pranger veranlaßte,

mußte ihr unangenehm seyn. Dazu kam aber noch, daß diese Familie sich

anstrengte, die erlittene Niederlage durch Siege auf einem andern

Gebiete wieder gut zu machen, und daß ihr dieß vollkommen gelang.

Es gab jetzt zu Waldfels mehr Festlichkeiten, als anfangs im Plane

lag, und Speisen und Getränke wurden immer vortrefflicher. Die Wirthe

bemühten sich nun auch mehr, die Gäste artig zu behandeln, alle Glieder

der Familie nahmen sich möglichst zusammen, und bald ertönte die ganze

Gegend von ihrem Lob. Es traten geschworene Anhänger des Hauses Pranger

auf, die den Chef desselben viel höher stellten, als den verstorbenen

Baron, die Mutter als die ausgezeichnetste Dame und die drei Kinder als

die liebenswürdigsten Sterblichen priesen. Der Reichthum hat so viele

Hülfsmittel!

Als die Baronin von dem Zulauf und dem Vergnügen in Waldfels hörte,

hatte sie eine verdrießliche Empfindung. Sie konnte sich nicht

enthalten, mißliebige Bemerkungen über die gebildete Welt der Umgegend

zu machen und Einzelne zu nennen, von denen sie das wiederholte

Erscheinen im Schlosse nicht erwartet hätte. Anna versetzte lächelnd:

»Kannst du dich darüber wundern, daß diesen Herrn der Wein noch eben so

gut schmeckt wie früher? Und wenn sie den Wirth dafür loben, so ist das

hübsch: es beweist, daß sie dankbar sind.« -- »Allerdings,« erwiederte

die Mutter. »Wer diesen Leuten gut zu essen und zu trinken gibt, der

ist ihr Götze, und dem Götzen wird geräuchert. Aber Herrn von A. und

Herrn von O. hätt' ich's nicht zugetraut.« -- Anna wiegte das Haupt und

schwieg.

Bald erfuhr man, daß August von Pranger einer neuen und milderen

Schönheit, der Tochter des Herrn von A. seine Huldigung zuwende. Die

Baronin sagte lächelnd zu Anna: »Er hat sich getröstet.« -- »Gott sey

Dank,« versetzte diese heiter, »daß ich ihn nicht mehr auf dem Gewissen

habe.« -- Eine Woche später wurde bekannt, daß Herr von O. sich mit

Fräulein von Pranger verlobt habe und die Hochzeit noch in diesem

Jahre gefeiert werden solle. Die Baronin sagte: »Nun begreif' ich die

eifrigen Besuche dieses Herrn bei dem Bankier und finde sie verständig.

Er braucht einen solchen Schwiegervater.« Ein Verziehen der Oberlippe

zeigte jedoch an, daß ihr diese Nachricht übel gemundet hatte. Ihre

gute Laune verlor sich mehr und mehr. Wenn wir bedenken, daß sie in

der zweiten Hälfte des Lebens stand und sich auf bloße Hoffnungen

angewiesen sah, während ihre Gegner reeller Güter sich erfreuten, so

werden wir ihre Stimmung begreifen. Anna mußte sich Mühe geben, den

Geist der Mutter oben zu erhalten; allein glücklicherweise kam ihr das

Schicksal zu Hülfe.

An einem Herbstmorgen wurde dem guten Mädchen ein Brief überbracht,

bei dessen Anblick ihre Augen strahlten. Er war von Arthur, aus London

datirt und die ersten Worte ein freudiger Zuruf. Die Glückliche

verschlang ihn und eilte jubelnd damit zur Mutter. Diese las und ihr

Gesicht klärte sich einigermaßen auf. »Es ist gut,« sagte sie zuletzt;

»aber nach der Freude, die du gezeigt hast, würde ich schon die Meldung

eines glücklichen Resultats erwartet haben.« -- »O,« rief das Mädchen,

»ich bin damit vollkommen zufrieden!«

Die Stellen des Briefes, die für uns von Interesse sind, lauteten:

»Ich bin in einer eigenen Lage. Ich möchte dir täglich schreiben, wie

ich immer an dich denke; allein ich müßte dann von meinem Thun und

Treiben reden, müßte dir Gedanken mittheilen, die sich darauf beziehen

-- und ich hab' nun einmal das Gelübde gethan zu schweigen. Laß mich

dem gefaßten Entschluß treu bleiben, wie es auch mit den Gründen dazu

beschaffen sey. Unser Schicksal ist ungewöhnlich, mag es auch unser

Verhältniß und unser Verhalten seyn. Ich habe dein geliebtes Bild

stets vor Augen, all mein Dichten und Trachten bezieht sich auf dich,

jede Mühe wird mir durch dich versüßt, meine ganze Existenz durch

dich verklärt. Wenn du wüßtest, wie oft ich mich glücklich preise

und wie ich dir danke!..... Ich kann dir nun melden, daß ich meinen

vorläufigen Zweck hier erreicht habe und in den nächsten Tagen unter

guten Anzeichen an den Ort meiner Bestimmung abgehe. Es wird eine

weite Reise seyn, und lange kann es dauern, bis ein zweites Schreiben

von mir in deine Hände kommen wird. Aber ich spreche dir nicht Muth

zu; ich weiß ja, daß du mir vertraust, und für diejenigen, die sich

lieben und vertrauen, ist die Entfernung nichts, denn sie sind im Geist

innigst beisammen. Was hilft es, wenn man sich leiblich nahe ist und in

Gedanken getrennt? Wenn ich aber dein Bild im Herzen hege, wenn ich

fühle, daß du mich im Herzen trägst, wenn ich mit dir rede, Gedanken

tausche, dann empfind' ich eine unaussprechliche Lust. Und ich weiß

dann: was im Geist ist, das wird für die, welche ausharren, zuletzt in

Wirklichkeit seyn.«

Ich überlasse den Leserinnen die Entscheidung, ob dieser Brief trotz

der Schlichtheit seiner Sprache nicht darnach angethan war, das Mädchen

zu beglücken. Für die Mutter, die nur relativ zufrieden gestellt

war, hatte das gewogene Schicksal noch eine andere Gabe bereit. Zwei

Tage später wurde ihr amtlich gemeldet, daß ihr die verstorbene Frau

von B. das Gut Schönbach vermacht habe. Sie empfand große Freude

und eine unendliche Beruhigung. Nun war die Tochter gesichert! Und

selbst wenn Arthur ohne Erfolg heimkehrte, war die Verbindung der

Kinder möglich. Allerdings war Schönbach nur ein kleines Gut, es hatte

kein volles Hundert Morgen Landes; aber die Einkünfte reichten doch

für den Anfang hin und Arthur hatte einen Ausgangspunkt für weitere

Unternehmungen. Wie schön war es von der hochbetagten Verwandten, daß

sie sich vor ihrem Ende noch ihrer erinnert hatte! Um so schöner, als

die seltsame Frau vor mehreren Jahren ihr eine Aeußerung übel genommen

und den Verkehr mit ihr abgebrochen hatte. Die Baronin wurde durch die

Vorstellung dieser Großmuth so gerührt, daß ihr Thränen in die Augen

kamen, die freilich bald wieder versiegten. Mit beinahe kindlicher

Lebhaftigkeit theilte sie der von einem Spaziergang heimkehrenden

Tochter die gute Neuigkeit und ihren Entschluß mit, das Landhaus zu

verkaufen und schon diesen Herbst nach dem fünfundzwanzig Meilen

südlicher gelegenen Schönbach zu ziehen. Anna war sehr erfreut; sie

sah, daß die gute Mutter nun wieder Boden unter sich fühlte, daß ihr

heiterer Sinn wiedergekehrt war, um sie hoffentlich nicht wieder zu

verlassen. Der neue Beweis eines günstigen Schicksals erhob ihre

Seele. Wie gern hätte sie dem Geliebten die Nachricht mitgetheilt, ihn

vielleicht zurückgerufen! Aber sie kannte seine Adresse nicht und mußte

ihn seinen Gang gehen lassen.

Die erste Person, welche die Baronin mit dem Glücksfall und ihrem

Vorhaben bekannt machte, war der Rentier. Dieser fügte dem Ausdruck

seiner Freude die Bitte hinzu, das Landhaus ihm zu überlassen, und

stellte zugleich ein Angebot, welches die Baronin für so günstig hielt,

daß sie den Handel auf der Stelle abschloß. Mit baarem Geld versehen

und um so vergnügter bereitete sie sich vor, die Erbschaft anzutreten

und die Uebersiedelung zu bewerkstelligen. Sechs Wochen später finden

wir sie in Schönbach eingerichtet. Das sogenannte Schlößchen war

ein zweistockiges Haus am Ende des gleichnamigen Dorfes. Links und

gegenüber lagen die nöthigen Wirthschaftsgebäude, rechts ein ziemlich

großer Garten. Mutter und Tochter bewohnten die Zimmer des obern

Stocks, die Räume des untern dienten den Bedürfnissen der Haushaltung.

Der Eintritt in andere Verhältnisse hat für ein lebendiges Menschenherz

immer etwas Erfreuliches, um so mehr, wenn man einer unangenehmen

Situation entgangen ist. Man hat neue Anschauungen, macht neue

Bekanntschaften, sieht neue Arbeiten vor sich, und das Neue zeigt in

der Regel zuerst die schönere Seite. -- Die Baronin fühlte sich als

Gutseigenthümerin gar wohl. Sie hatte einen Haushalt von acht Köpfen

unter ihrem Befehl: einen Baumeister, zwei Knechte, zwei Mägde, einen

Jungen, eine Köchin, die zugleich Kammerjungfer war, und den alten

Diener. Die neuen Leute schienen brav und geschickt; der Baumeister

namentlich zeigte großen Eifer für seinen Dienst. Scheuer, Böden und

Keller waren gut versehen, das Vieh gesund. Der Winter stand vor der

Thür, aber man war auf ihn gerüstet.

Der Winter war ziemlich streng, die Familie Monate hindurch

eingeschneit. In der Einsamkeit, die nur durch wenige Besuche

unterbrochen wurde, trat der in Anna liegende Hang zum Nachdenken

hervor, und sie fand eine Lust darin, sich ihm hinzugeben. Beziehungen,

in denen man sich auf Glauben und Hoffen angewiesen sieht, begünstigen

ohnehin die Einkehr in sich selbst und die Vergeistigung des Menschen.

Die höchsten Wünsche, die man hegt, finden jetzt nur Befriedigung im

Seelenleben; wie natürlich, daß man dieses pflegt und hochhält. Und

je mehr man äußerlich entbehrt, desto mehr gewinnt man innerlich.

Je weniger man von der sinnlichen Wirklichkeit ergriffen ist, desto

freier entfalten sich die Blüthen des Geistes. Wenn aber der Mann durch

das Nachdenken über sich selbst, über Gott und Welt, rechtshin oder

linkshin, zu dieser oder jener eigenthümlichen Ansicht geführt werden

kann, so wird die weibliche Seele in der Regel zu einer religiösen

Anschauung gelangen. Die Lehren der Religion werden ihr auf dem Wege

des Nachdenkens entgegen kommen und der Lohn desselben wird seyn,

daß sie in jene Lehren eine tiefere Einsicht gewinnt, daß sie in ihr

lebendig, ihr wahres Eigenthum werden. -- Das war bei Anna der Fall.

Die Frucht ihres Nachdenkens bestand darin, daß das Verhältniß zu Gott,

welches dem Christen durch seinen Glauben geboten und in gewissem Sinn

anerzogen wird, für sie ein selbstständig gesuchtes und erlangtes

wurde, daß ihr in dem, was sie bisher nur kindlich geglaubt hatte, ein

neues Licht aufging, welches sie in ihrem Glauben befestigte.

Es wäre eine schöne Aufgabe für den Denker, die verschiedenen Arten,

wie die Menschen sich zu Gott verhalten können, im Zusammenhang

darzustellen und zu beurtheilen. Welch eine Reihe von Möglichkeiten

-- von der Denkweise, die vor der Welt Gott nicht sieht, ohne sich

ihm ganz entziehen zu können, bis zu derjenigen, die vor Gott die

Welt nicht sieht! Von der Religiosität solcher, die sich begnügen,

Gott die äußere Ehre zu erweisen und sich nur in der Noth von Herzen

an ihn wenden können, bis zu der Innigkeit des Frommen und Weisen,

der erkennend und liebend in Gott lebt! Wie viele Abstufungen sind

in jeder Hauptrichtung möglich, und wie erscheint jede derselben in

der Wirklichkeit motivirt und charakteristisch! -- Die Religiosität,

die ihrer selbst mächtig, die der Gerechtigkeit und Milde gegen die

Welt fähig ist, ohne an Kraft und Wärme zu verlieren, wird immer als

das Ziel des Menschen erkannt werden. Die Gesinnung, die sich in und

mit dieser Religiosität erzeugt, bewährt sich als ein Segen für jede,

auch für die beste Natur; denn auch in der besten Natur sind Gefühle

und Neigungen, denen man sich arglos hingeben kann, die aber erst

eine Prüfung auszuhalten und eine Richtung zu empfangen haben. Durch

die Richtung auf das religiöse Ziel werden die selbstsüchtigen Triebe

zurückgedrängt, die guten geklärt und erhöht und der Geist tüchtig

gemacht für alle Beziehungen des Lebens.

Als der Winter seinem Ende nahte, konnte Anna bei einem Einblick in ihr

Inneres erkennen, daß mit ihr eine Verwandlung vorgegangen war. Ihr

Vertrauen auf Gott war befestigt und klar geworden. In der Prüfung,

der sie sich früher nur unterworfen hatte, erkannte sie den heilvollen

Zweck und pries den Willen, der sie dazu berufen. Der Glaube an den

entfernten Verlobten, an seine Liebe und Treue, an sein Glück, an die

Krönung ihrer gemeinsamen Wünsche, hatte einen wesentlich heitern

Charakter erhalten, und nicht selten war es ihr, als ob alles, was sie

hoffte, schon erfüllt wäre.

Der Frühling kam und entfaltete sich bald in aller Schönheit. Der Mai

verdiente dießmal seinen Namen des Wonnemonats, was bekanntlich nicht

in jedem Jahr der Fall ist. Es begann die arbeit- und freudenreiche

Zeit des Dorflebens. Mutter und Tochter theilten sich in die Pflichten

der Herrschaft. Jene behielt sich das oberste Regiment vor und notirte

Ausgaben und Einnahmen; die Tochter leitete die Arbeiten im Garten.

Mit Hülfe des alten Dieners und einer Magd war sie hier so thätig,

daß nach einiger Zeit Küchen- und Ziergewächse, Bäume, Sträucher und

Spaliere gleich gut im Stande waren. Ihre Spaziergänge liebte sie nach

ihren eigenen Feldstücken zu richten, und wenn ihr eines üppig entgegen

glänzte, so wurde das Wohlgefallen an seiner Schönheit noch gar sehr

durch den Gedanken erhöht, daß Boden und Frucht ihr gehörten. Es war

ein neues, angenehmes und heimliches Gefühl für sie. Die Heuernte,

eine der fröhlichsten Arbeiten, wenn sie vom Wetter begünstigt wird,

begleitete sie von Anfang bis zu Ende.

Bei diesen Beschäftigungen war es natürlich, daß sie mit verschiedenen

Dorfleuten näher bekannt wurde. Sie fand unter Weibern und Mädchen

solche, mit denen gut verkehren war, die sie zu sich einlud und selber

besuchte. Man unterhielt sich über Haus- und Feldwirthschaft, über

gewöhnliche und ungewöhnliche dörfliche Vorgänge. Anna freute sich,

von dem Leben und Treiben ihrer Bekanntschaften, von Leid und Freud

dieser Existenzen eine Anschauung zu erhalten. Sie mußte über sich

selber lächeln, wenn sie bedachte, daß sie eines solchen Umgangs noch

vor einem Jahr nicht fähig gewesen wäre und in der Mitte der Bäuerinnen

schwerlich ein anderes Gefühl gehabt hätte, als das des Höherstehens

und der Herablassung. Jetzt bewirkte die Gemeinsamkeit der ökonomischen

Interessen eine gewisse Sympathie und Vertrautheit, und sie fühlte, daß

ein solches Verhältniß nicht nur besser, sondern auch nützlicher sey.

Ganz mit Recht; das bloße Herabsehen läßt geistig arm, das Herabsteigen

zu wohlwollender Theilnahme befreit und bereichert. -- Nach und nach

hatten sich auch verschiedene andere Bekanntschaften mit gebildeten

Familien der Umgegend geknüpft. Es fanden sich ältere und junge Männer

in Schönbach ein, die der Baronin ihren Respekt, der schönen Tochter

galante Aufmerksamkeit bezeigten. Die beiden Damen konnten nicht umhin,

zuweilen an geselligen Partien Theil zu nehmen, und sahen, daß es ihnen

eben so wenig an Unterhaltung wie an Arbeit fehlte.

In der letzten Zeit wurde das frohe Leben in Schönbach nur dadurch

gestört, daß von Arthur keine Nachricht einging. Obwohl Anna nach dem

ersten Brief sich darein ergeben hatte, lange ohne Kunde zu bleiben,

obwohl sie mit Vertrauen und Muth gerüstet war, so fing sie doch

endlich an besorgt zu werden. Das Ziel seiner Reise mochte seyn,

welches es wollte, für den Fall glücklicher Erreichung desselben sollte

eine Meldung schon eingetroffen seyn. War das Schreiben verloren

gegangen? Oder hielt sich Arthur gar nicht verpflichtet, seine Ankunft

zu melden? Wollte er erst ein glückliches Ergebniß seiner Unternehmung

abwarten? -- Die Beruhigung der Verlobten erfolgte jedoch bald, indem

der ersehnte Brief ankam. Er war aus =Calcutta=, bezog sich auf ein

früheres, von dort abgesandtes Schreiben und bestätigte somit die erste

Vermuthung Annas. Die Hauptstellen darin lauteten:

»Ich lebe ganz der Thätigkeit, die ich mir erwählt. Mit jedem Tag wird

sie mir interessanter und lieber. Wenn man die Gabe besitzt, sich

von einer Unternehmung eine schöne Vorstellung zu machen, so hat

man freilich bei der Ausführung noch gar manche Probe zu bestehen.

Denn hier gibt es Arbeit und Mühe und unangenehme Erfahrungen. Die

Begeisterung entflieht zuweilen gänzlich und man hat Augenblicke,

wo man von dem Gefühl gepeinigt wird, als habe man sich in der Wahl

seines Berufs vergriffen. Doch das dauert nicht; es ist nur der Rauch,

der aufsteigt, so lange die Flamme das Holz noch nicht ganz ergriffen

hat. Die Arbeit wird geläufiger, man fühlt sich den Schwierigkeiten

gewachsen, und nun stellt sich auch die Freude wieder ein; man findet,

daß die erwählte Thätigkeit in der Wirklichkeit so schön ist, wie sie

in der Vorstellung war, ja schöner noch. -- Ich stehe im Anfang, und

doch habe ich schon eine so fröhliche Ansicht gewonnen. Das ist mir

Bürge, daß ich sie nicht mehr verliere, daß mein Beruf mir halten

werde, was ich mir davon versprochen..... Wie entzückend ist es, die

ersten Schritte gelingen zu sehen zu einem muthig gesteckten Ziel und

bei jedem Schritt die Empfindung zu haben, daß er näher dem Momente

bringt, wo die Träume eines liebevollen Herzens sich erfüllen werden! O

theure Braut! mein Metier kann sich freilich nicht schmeicheln, daß ich

es um seiner selbst willen liebe. Hinter all meinem Thun und Treiben

glänzt mir die Sonne eines glücklichen Wiedersehens und vergoldet seine

Umrisse. Aber in diesem Schein liebe ich es doch und die Wirkung ist

dieselbe.«

Als das glückliche Mädchen ihren Brief der Mutter zeigte, rief

diese beim ersten Blick in ihn: »Ah, Calcutta!« Sie las ihn mit

Aufmerksamkeit und gab ihn mit ernster, aber zufriedener Miene wieder

zurück. Nicht länger stand sie an, gegen die Tochter ihre Meinung über

den erwählten Beruf Arthurs auszusprechen. Er sey offenbar in die

indisch brittische Armee getreten und habe eine Carrière eingeschlagen,

die zwar der Gefahren mancherlei, aber dafür auch die Hoffnung

ungewöhnlicher Erfolge biete. Das Blut der Waldfels habe sein Recht

verlangt und sie wolle es nicht tadeln. Eben darum hätte er aber keine

Ursache gehabt, die Wahl dieses Berufs ihnen zu verschweigen. Wenn die

Gefahr auf dem Pfade der Ehre liege, so sey sie kein Schreckbild für

ein edelgeborenes Weib. -- Anna schwieg; sie konnte die Sicherheit der

Mutter nicht theilen, wußte aber auch keine andere bestimmte Ansicht

entgegenzustellen. Sie fühlte nur, was der Geliebte auch erwählt hatte,

es war das Rechte.

In ihrer Antwort schilderte sie ihm auf seinen Wunsch genau, was sie

bisher erlebt und gethan; sie war mit Liebe ausführlich. Nach einem

reizenden Gemälde des Lebens in Schönbach erklärte sie ihm, daß er

nun die Wahl habe zwischen großen Hoffnungen und einem bescheidenen

Besitz. Sie sage ihm dieß nur für den Fall, daß die Aussichten in der

Fremde sich trübten, und habe keineswegs die Absicht, ihn von dem

einmal gefaßten Entschluß abzubringen.

Zur Erhaltung der Heiterkeit, die mit dem Briefe Arthurs im Hause der

Baronin eingekehrt war, trug nicht wenig bei, daß die Getreideernte

eben so glücklich von statten ging, wie die Heuernte, zuletzt auch die

Einsammlung der Herbstfrüchte. Frau von Holdingen war sehr zufrieden

gestellt und lernte eine neue Schönheit der Landwirthschaft in guten

Einnahmen kennen, die nach und nach in ihre Kasse flossen. Anna, die

es sich nicht versagen konnte, den Arbeiten zu folgen, hatte trotz der

Schutzmittel gegen die Sonne einen etwas gebräunten Teint erhalten.

Die Mutter schüttelte lächelnd den Kopf und meinte, sie sey eine

ganze Bäuerin geworden. Die eleganten Herrn der Umgegend schienen sie

aber nicht weniger reizend zu finden, als vorher, und ein malender

Dilettant, der sie einmal im Obstgarten sah, rief enthusiastisch:

Pomona! --

In ähnlicher Art wie das eben geschilderte vergingen vier Jahre.

Es waren in ökonomischer Hinsicht gute Jahre, wo beim Gedeihen des

Ganzen einzelnes Unglück in Feld und Stall nicht in Betracht kommen

konnte. Frau von Holdingen sah sich nicht nur in den Stand gesetzt,

ihre häusliche Einrichtung zu verbessern und zu verfeinern, sondern

zuletzt auch eine Summe Geldes auszuleihen. -- Sie hatte dabei ein

höchst behagliches Gefühl und blickte mit um so größerer Sicherheit in

die Zukunft, als auch die Nachrichten von Arthur fortwährend günstig

lauteten. -- Von diesem liefen jährlich in der Regel zwei Schreiben

ein, theils aus Calcutta, theils aus andern ostindischen Plätzen. Sie

zeugten von der Unwandelbarkeit seiner Gesinnung, von der guten Laune,

womit er die Mühen seines Berufes ertrug, von seinem immer vorwärts

strebenden Geist. In dem ersten hatte er den Damen zu der Erwerbung

von Schönbach gratulirt, aber heiter hinzugefügt, daß er sich nun erst

recht aufgefordert fühle, für ein gehöriges Aequivalent zu sorgen. Die

letzten Briefe meldeten, daß er viel im Lande herumgekommen, manche

Gefahr bestanden und zu einem ansehnlichen Posten vorgerückt sey. Frau

von Holdingen sah dadurch ihre Ansicht vollkommen bestätigt, fand

es aber um so unbegreiflicher, daß er aus der Wahl seines Standes

auch jetzt noch ein Geheimniß machen wolle und nicht einmal jenen

ansehnlichen Posten, zu dem er sich aufgeschwungen, näher bezeichne.

Anna setzte den Geliebten in Kenntniß von allem, was in ihrem Kreise

geschah, und machte ihm bei natürlichen Anlässen auch Mittheilungen

über ihr inneres Leben. Wenn sich diese Verlobten nun auch nicht so

häufig schreiben konnten, wie andere, so waren ihre wenigen Briefe

doch um so gehaltvoller und gedankenreicher.

Bei längerer Muße, zumal in Winterszeiten, ermangelte die Mutter nicht,

an der weiteren Ausbildung ihrer Tochter für das höhere gesellige Leben

zu arbeiten. Sie hatte die Freude, sich von dieser in Sprachen und

sonstigen literarischen Kenntnissen eingeholt, zum Theil überflügelt

zu sehen; aber noch immer vermißte sie manches in den Stücken, die

zur Repräsentation gehören. Als sie einmal wieder eine Ausstellung

zu machen hatte und eine Ermahnung folgen ließ, antwortete Anna mit

einem Lächeln, das zu sagen schien, die Mutter lege diesen Dingen

eine zu große Wichtigkeit bei. Die Baronin aber bemerkte gleichfalls

heiter: »Man muß auf alles gerüstet seyn. Wenn dein Bräutigam mit einem

Nabobsvermögen zurückkehrt und eine seinem Reichthum entsprechende

Stellung im Vaterlande erlangt, so soll er eine Frau haben, die ihm

durch die Würde und Grazie ihrer Erscheinung Ehre zu machen versteht.«

Die Gunst des Schicksals hat auf die meisten Herzen eine sichermachende

Wirkung. Es gehört schon eine eigenthümliche Erfahrung und eine

Gewohnheit des Nachdenkens dazu, wenn man in der Mitte guter Tage an

die bösen denkt, die kommen möchten, und sich darauf gefaßt macht.

Die hoffende und vertrauende Natur wird das in der Regel vergessen

und glauben, was heute war, müsse auch morgen seyn, und doch ist

die ungetrübte Dauer der Wohlfahrt das Seltene, ihre Störung das

Gewöhnliche im Leben.

Der sechste Frühling, den Mutter und Tochter in ihrem Besitzthum

verlebten, war von besonderer Schönheit. In den ersten Tagen des Mai

sagte Anna zum Baumeister: »Wir werden ein sonniges Jahr haben.«

Dieser versetzte bedenklich: »Wenn wir nur nicht zu viel Sonne

bekommen! Unsere Felder können eher noch einen nassen als einen gar zu

trockenen Jahrgang ertragen, und ich fürchte --« -- »Keine schlimme

Prophezeihung!« fiel Anna ein. »Es ist noch immer recht geworden.« --

»Eben deßwegen,« meinte der Baumeister, »kann es auch einmal schief

gehen. Doch wir wollen das Beste hoffen.«

Der Himmel erfüllte nicht, was der gefällige Mann hoffte, sondern was

der erfahrene fürchtete. Nach wenigen Wochen schon konnte sich Anna

von den schlimmen Wirkungen der alleinherrschenden Sonne überzeugen.

Die Feldfrüchte hatten eben zu der Zeit keinen Regen erhalten, wo sie

dessen am meisten bedurften; sie waren zum großen Theil verdorrt,

selbst auf den besten Plätzen verkümmert. Und das Jahr behauptete den

einmal angenommenen Charakter. Regentage waren selten, die heißen

schienen kein Ende nehmen zu wollen. Bäche trockneten ein, der Boden

bekam Risse, die Natur verschmachtete. Wie sehnsüchtig sahen die armen

Bewohner der Gegend nach einer Wolke zum Himmel auf! Wie freuten sie

sich, wenn sie endlich erschien und sich ausbreitete! Aber sie ging,

wie sie gekommen, und später erfuhr man, daß sie ihren Segen anderswo

niedergeströmt hatte. -- Das Sonnenlicht, das die Welt verschönt und

Aug und Herz erquickt, wurde den Menschen eine Qual, sein Wieder- und

Wiedererscheinen fürchterlich.

Es war ein Mißjahr und hatte rings bedeutende Verluste zur Folge.

Die Baronin, bei welcher die Ausgaben die Einnahmen ebenfalls

erklecklich überstiegen, mußte die angelegte Summe zurückfordern und

großentheils verbrauchen. Glücklicherweise hatten die benutzten guten

Jahre die bemittelteren Familien in den Stand gesetzt, ein Fehljahr

auszuhalten; die Noth wurde nicht so groß, als man besorgte, und an

Frau von Holdingen kamen von armen Familien des Dorfes nur so viele

Bittgesuche, als sie allenfalls befriedigen konnte. Sie wurde von der

Tochter angetrieben, so viel als möglich zu thun; denn für diese hatte

der Sommer wenigstens =eine= herrliche Frucht gebracht: ein Schreiben

Arthurs, worin er meldete, daß ihn das Glück auf's neue begünstigt,

und daß er, wenn es so fortfahre, die geliebte Braut in zwei bis drei

Jahren hoffe wiedersehen zu können. Ihr gerührtes Herz fühlte sich nun

um so mehr gedrängt, zu helfen und Freude zu machen, wo sie konnte.

Der in diesem Jahre vergebens erflehte Regen kam im nächsten Frühling

reichlich; schöne Tage fehlten nicht, man konnte sich ein fruchtbares

Jahr versprechen. Leider überwog der Regen nach und nach, die schönen

Tage wurden eine Ausnahme, der Segen des Feldes drohte in Nässe

zu verkommen. Neue und schwerere Sorgen ängstigten die Herzen der

Landleute. Es war nicht bloß der Schmerz über den Verlust, der sie

quälte, es war auch das uneigennütze Leid: die Früchte, die so schön

gewachsen, so kläglich verderben zu sehen. Und dieses Leid erneuerte

sich fortwährend; denn es ist dem Landmann unmöglich, ein für allemal

zu resigniren. Sobald die Wolken sich wieder ein wenig verziehen,

hofft er wieder, und die Nichterfüllung schmerzt auf's neue. Das stete

Dunkel der Regentage wirkt an sich niederschlagend, und man möchte

verzweifeln, wenn man es jeden Morgen die Welt verdüstern sieht.

Frau von Holdingen wurde in große Betrübniß versetzt. Sie konnte im

Fall eines neuen Fehljahres Noth und Verlegenheit nicht vermeiden, und

diese Vorstellung entriß ihr nicht selten unmuthsvolle Ausrufungen.

Anna machte die Beobachtung, daß die Dorfleute das drohende Unglück mit

mehr Ruhe ertrugen, und daß ihre Klagen gelassener waren, als die der

Mutter. Sie wunderte sich über diesen Umstand, der doch ganz natürlich

war. Diejenigen, die mehr gewohnt sind, ihren Willen und ihre Wünsche

geltend zu machen, empfinden es um so schmerzlicher, wenn das Geschick

sich ihnen entgegenstellt, während Schultern, die für gewöhnlich mit

Lasten beschwert sind, einmal außergewöhnlich noch mehr tragen können.

Endlich hellte der Himmel sich auf und es kam eine Reihe schöner Tage.

Das Wort des Baumeisters, daß die Felder von Schönbach noch eher Nässe

als Dürre ertragen könnten, bewährte sich. Manches war verdorben, das

übrige erholte sich wieder. Die Getreideernte begann und die Gesichter

erheiterten sich, denn die Frucht war besser, als man erwartet hatte;

aber kaum hatte man ein Drittel davon eingebracht, als ein Wetter am

Himmel aufzog und ein Hagelschlag der stärksten Art alles, was noch

draußen stand, im Lauf einer Viertelstunde vernichtete.

Wer ein solches Ereigniß miterlebt hat, der kann sich sagen, daß er

die schrecklichste Erfahrung des Landmanns kennen gelernt. Was als

bloße Vorstellung die Seele erbangen macht, das steht als grausame,

unwiderrufliche Wirklichkeit vor Augen! Der herbste Verlust wird

zugleich unter den erschütterndsten Formen erlitten! Dießmal wurde

das ohnehin Fürchterliche des Schauspiels noch dadurch erhöht, daß

die ungewöhnlich großen Hagelkörner auch die Ziegel auf den Dächern

zerschlugen und das Zerknallen und Herabstürzen derselben das Getöse

des Sturmes noch schauerlicher machte. Es war den armen Bewohnern des

Dorfes, als ob die Welt untergehen sollte. Frau von Holdingen und Anna

hatten sich bei den Händen gefaßt; ihre Gesichter waren erbleicht und

ihre Seelen rangen mit dem Schrecken. Als die Betroffenen den Schaden

besichtigten, erneuerte sich der Jammer: die Wirklichkeit übertraf

die schlimmsten Befürchtungen. Ein so vollkommener Verlust hat aber

wenigstens das Gute, daß man die Pein des Verlierens mit einemmal

absolvirt. Man hat in dieser Richtung nichts mehr zu hoffen, aber auch

nichts mehr zu fürchten; die Sache ist abgethan und in dem gefolterten

Herzen kann die Ruhe der Entsagung Platz nehmen. So fügten sich nun die

armen Landleute in das Unabänderliche und suchten zu retten, was noch

zu retten war.

Auch die Baronin trug das vollendete Unglück besser als das drohende,

und war zunächst bemüht, die Mittel zur Fortführung ihres Haushalts

herbeizuschaffen. Sie bedurfte einer namhaften Geldsumme und erhielt

sie von dem befreundeten Rentier, mit dem sie von Zeit zu Zeit Briefe

gewechselt hatte. Als der Bedarf durch Einkäufe gedeckt war, sah

sie der Zukunft mit ruhigerem Herzen entgegen. -- Es war dennoch

ein trauriger Herbst. Zu dem trüben Gefühl, das eine verkümmerte

Wirthschaft erregt und erhält, kam eine neue, schwerere Sorge. Seit dem

vorigen Sommer war keine Nachricht von Arthur eingegangen. Man konnte

freilich denken, daß wieder ein Brief verloren gegangen sey, oder

daß der Verlobte Gründe gehabt habe, die Absendung eines Berichts zu

verzögern. Allein in Folge des erlebten Unglücks und der Noth, welche

die beiden Frauen mit Augen sahen, ohne ihr abhelfen zu können, waren

ihre Seelen der Furcht zugänglicher geworden; sie ängstigten sich durch

düstere Vorstellungen, über die sie sich nur mit Anstrengung wieder zu

erheben vermochten.

Am Ausgang dieser Jahreszeit erhielten sie von dem Rentier eine

Nachricht, die auch nur einen unerfreulichen Eindruck auf sie machen

konnte. Herr von Pranger, dessen Vermögensverhältnisse durch die

Lebensweise der Familie schon angegriffen waren, hatte in Folge großer

Verluste, die er bei zwei Bankerotten erlitten, seine Zahlungen

einstellen müssen; das Gut Waldfels befand sich in den Händen seiner

Gläubiger. »Auch andere Leute haben Unglück,« sagte Anna zur Mutter.

»Mich dauert die Familie und namentlich die gute Frau.« -- »Und mich,«

bemerkte die Mutter, »dauert auch die schöne Besitzung, die jetzt dem

Schicksal der Zertrümmerung schwerlich entgehen wird. Doch -- das

Unglück mag seinen Lauf nehmen!«

Die moralische und religiöse Kraft Annas wurde im Laufe des Winters

auf die stärkste Probe gestellt. Sie erhielt keine Nachricht von dem

Geliebten. Die Annahme, daß auch ihn ein Unglück betroffen habe, mußte

für Anna an Wahrscheinlichkeit gewinnen, und sie erfuhr dabei, daß auch

der festeste Wille nicht im Stande ist, das angefochtene Menschengemüth

immer aufrecht zu erhalten; daß die Kraft des Menschen im glücklichsten

Falle nur so weit reicht, aus den Niederlagen sich wieder zu erheben

und weiter zu kämpfen. Ihr Leben wurde ein Wechsel von unüberwindlicher

Trauer und von stiller Ergebung und Erhebung des Geistes. Wer Gott

vertrauen gelernt, der wird sich freilich in dem Glauben, daß zuletzt

alles ein gutes Ende finden werde, nicht erschüttern lassen; aber er

muß darum nicht für nothwendig halten, daß schon im irdischen Leben die

Krönung seiner Wünsche erfolgen werde. Für dieses Leben kann er, wie

ja so viele seiner Mitmenschen, zum Unglück, zur Entsagung verurtheilt

seyn. Je inniger er aber an jenen Wünschen hängt, um so peinvoller wird

es für ihn seyn, an ihrer Erfüllung verzweifeln zu müssen, und nur in

den geistigsten Momenten wird er seine Schmerzen unter sich drängen

können.

Die Gemüthsbewegungen, denen das gute Mädchen ausgesetzt war, griffen

zuletzt auch ihre Gesundheit an. Sie verlor die Farbe und die

zierliche Rundung ihrer Wangen, den Glanz ihres Auges. Die Mutter sah

sie mit Blicken tiefen Kummers an. Ein so edles Kind, ein so herrliches

Geschöpf, sollte es wirklich um das Glück des Lebens betrogen und

dem Leide geweiht seyn? -- Traurig senkte sie das Haupt und ein

schmerzlicher Seufzer entrang sich der Brust.

Es war nur eine Mehrung ihrer Betrübniß, als ein wohlhabender adeliger

Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft, der Anna schon früher eine

gewisse Aufmerksamkeit gewidmet hatte, durch eine Verwandte anfragen

ließ, ob sie seine Bewerbung mit günstigen Augen ansehen würde. Aus

den Reden der Dame ging hervor, daß sowohl sie als ihr Cousin das

Verhältniß Annas gelöst, d. h. von dem entfernten Verlobten aufgegeben

glaubten und eben dadurch sich zu der Anfrage ermuthigt fühlten. Frau

von Holdingen schüttelte bei dieser Eröffnung den Kopf und schwieg

kummervoll. Den Mund Annas umspielte ein eigenes Lächeln und sie

erwiederte: »Ich danke Herrn von ** für seine gütige Gesinnung; aber

mein Verhältniß mit Arthur von Waldfels ist nicht gelöst und wird sich

niemals lösen. Ich weiß, daß er gesinnt ist wie ich, daß er Treue

halten wird bis zum letzten Athemzug. Wenn er aber todt wäre, so würde

ich dennoch ihm und nie einem andern gehören.« -- --

Endlich begann ein neuer Frühling, und zwar so schön, daß auch die

bedrücktesten Seelen sich etwas erleichtert fühlen mußten. Ein guter

Jahrgang war an der Zeit und alle Anzeichen verhießen ihn. Als Frau

von Holdingen bei einem gelegentlichen Blick in die leere Scheuer den

Kopf schüttelte, sagte der Baumeister, der es bemerkt hatte: »Sie wird

wieder voll werden. Ich prophezeie dießmal ein Jahr wie das erste, das

Sie in Schönbach zugebracht haben.«

Die Prophezeiung traf ein, und doch sollte sich die erste Versicherung

als eine Täuschung erweisen. In einer Nacht des Mai wurden die Bewohner

des Schlößchens durch Feuerlärm geweckt. Es brannte im Nachbarhause.

Als die Baronin aus dem Fenster sah, hatte die Flamme bereits auch

ihre Wirthschaftsgebäude ergriffen. Mit größter Mühe wurden die

Ställe geräumt und das Wohnhaus gerettet; von Scheuer und Viehhaus

blieben nur die Mauern übrig. -- Es heißt, kein Unglück komme allein,

und dieser Spruch hat eine reiche Erfahrung für sich. Man kann die

Thatsache aus der Natur und dem Zweck des Unglücks erklären, oft aber

enthält das erste schon einfach den Keim des folgenden in sich. Im

gegenwärtigen Fall hatte der Brand zu dem Hagelschaden eine genaue

Beziehung. Frau von Holdingen hatte die zerschlagenen Ziegeldächer an

den Wirthschaftsgebäuden vorläufig nur mit Stroh decken lassen und

die rechte Wiederherstellung besseren Zeiten vorbehalten. Das Stroh

hatte Feuer gefangen, wo Ziegel ohne Zweifel widerstanden hätten, bis

Hülfe gekommen wäre; und so war der erste Verlust an dem zweiten Schuld

geworden.

Das Wohlwollen, das die Baronin bei verschiedenen Gelegenheiten den

Dorfleuten bewiesen hatte, wurde ihr jetzt vergolten. Die bemittelten

Familien erboten sich eifrig, das obdachlose Vieh in ihre Ställe

aufzunehmen. Gerührt machte sie von dem Anerbieten Gebrauch und im

Anschauen der herzlichen Theilnahme fiel ein Schein des Trostes

in ihre Seele. Aber dieser verschwand bald wieder. Die schlimmste

Frucht des fortgesetzten Unglücks ist der Wahn, daß man ganz von

Gott verlassen und einer unheilbringenden Macht verfallen sey. Wenn

ein solcher Mißglaube in edlen Herzen nicht Wohnung nehmen kann, so

kann er sie doch in einzelnen Momenten anfallen und zu Boden drücken.

Noch immer war keine Nachricht von Arthur eingetroffen! Mußten die

Frauenseelen, die all ihr Glück auf ihn gesetzt hatten, nicht endlich

von Verzweiflung ergriffen werden? Mußte das Schreckbild seines

Untergangs dem geängsteten Mädchen nicht näher und näher treten? Als

der Dorfbote von der Post noch einmal zurück kam, ohne das ersehnte

Schreiben mitzubringen, war die Kraft der Armen erschöpft und ohne

Widerstand brach sie zusammen. Ihre Thränen flossen, als ob sie die

Seele in ihnen hinströmen wollte. Die Mutter richtete sie auf und mit

der Stärke der Pflicht und der Liebe hielt sie das unglückliche Kind in

den Armen.

Novellen: Die zweite Liebhaberin; Verlust und Gewinn · 第 23 / 26 题