In der Stimmung, welche die Unterredung mit dem jüdischen Unterhändler
im jungen Waldfels angeregt, glaubte er seinen Oheim aufsuchen zu
müssen. Er fand ihn in seinem Zimmer, bat ihn nach bescheidenem Gruß
herzlich, den Auftritt von letzthin vergessen und ihm wegen eines
Anerbietens, das ihm gemacht sey, den Rath der Erfahrung ertheilen zu
wollen. Der Oberst, durch dieses Entgegenkommen einigermaßen begütigt,
brummte etwas von Pflicht und erklärte sich dazu bereit. Als Arthur
in seinem Bericht Herrn von Pranger als Käufer nannte, machte der
Kriegsmann ein erzürntes Gesicht. »Dieser Sohn eines Käsekrämers,« rief
er aus, »will Waldfels haben? Das ist ja schamlos!« -- Arthur stellte
dem Oheim vor, daß er eben bei Herrn von Pranger Aussicht habe, das
Gut vortheilhaft zu verkaufen. »Und was den Umstand betrifft,« fuhr er
lächelnd fort, »daß der Sohn eines Krämers in den Besitz von Waldfels
kommen würde, so erlaube ich mir, Sie daran zu erinnern, daß Sie selber
einen Vorschlag gemacht haben, nach dem er der Schwiegervater und nach
Umständen der Großvater eines Herrn von Waldfels werden sollte.« -- Der
Oberst schnitt eine Grimasse des Verdrusses und versetzte: »Ja, das
hab' ich gesagt! -- Hol's der Henker! Das Geld ist heutzutag Alles!«
-- Er ging unmuthig im Zimmer auf und ab und stieß abwechselnd Flüche
und Seufzer aus. Endlich stellte er sich vor den Neffen hin und sagte
mit einem grimmigen Humor: »Nun, wenn der Kerl durchaus unser Stammgut
haben will und du nicht davon zurückzubringen bist, es abzugeben, so
laß dir's wenigstens so gut als möglich bezahlen!« -- Arthur, erfreut
über die Willfährigkeit, die sich hierin kund gab, versetzte: »Dafür,
lieber Oheim, lassen Sie mich sorgen. =Bezahlen= soll er es!«
In dem erleichterten Gefühl, das wir immer haben, wenn wir jemanden
tractabler finden, als wir zu hoffen gewagt, begab sich Arthur zu Frau
von Holdingen. Er sprach hier aus Gründen zuerst von der Absicht des
Bankiers. Die Baronin konnte ebenfalls ihre Betrübniß nicht verbergen,
daß ein Gut, welches die Familie Waldfels Jahrhunderte hindurch
besessen hatte, in die Hände eines solchen Mannes kommen solle. Sie
mußte indeß gestehen, daß man es am Ende noch für ein Glück halten
müsse, wenn Arthur dadurch in den Besitz einer Summe Geldes gelange,
die er zu seinem Fortkommen gar sehr würde brauchen können. »Um so
mehr,« fiel Arthur ein, »als unser edler Verwandter, der Herr Graf,
die Hoffnungen, die wir auf ihn gesetzt haben, vor der Hand nicht
erfüllen zu wollen scheint.« Er überreichte der Baronin das Schreiben,
das sie begierig las. Als sie es geendet, zuckte sie die Achseln und
sagte: »Ich habe ihn immer für einen Menschen gehalten, der nur an sich
denkt.« Sie schwieg bekümmert und Arthur wandte sich zu Anna, die ihn
schon vorher mit einem Blick angesehen hatte, der zu sagen schien: »In
Gottes Namen, das macht es nicht aus!« Nun lenkte sie das Gespräch auf
einen andern Gegenstand und zog auch die Mutter in dasselbe, so daß
sich nach einiger Zeit alle drei wieder in gefaßter Stimmung befanden.
Arthur sagte beim Abschied zur Baronin: »Wir wollen uns jetzt an das
Nächste halten und einen vortheilhaften Verkauf zu bewerkstelligen
suchen. Ich hoffe Ihnen bald gute Nachrichten geben zu können.«
Die Verhandlungen zwischen dem jungen Waldfels und Herrn von Pranger
begannen. Jener, durch seinen Oheim unterstützt, benahm sich dabei so
klug, daß die Begierde des Bankiers, die freiherrliche Besitzung in
seine Hände zu bekommen, immer mehr gestachelt wurde. Es kam Arthur zu
gute, daß die übrigen Gläubiger in seine Redlichkeit volles Vertrauen
setzten und in das Geschäft keine Störung brachten. Nützlich wurde
es ihm, daß der Oberst auf seine Faust das Gerücht unter die Leute
gehen ließ, er sey im Stande einem Gewissen einen schlimmen Streich zu
spielen, indem er das Geld zu seiner Bezahlung herbeischaffe. Endlich
-- und das war die Hauptsache -- hatte Arthur noch das Glück, den
jüdischen Unterhändler, Herrn Samuel Rosenheimer, auf seine Seite zu
bekommen.
Wie wir unsern jungen Freund kennen gelernt, war er von Herzen
freundlich gegen jedermann. An Samuel Rosenheimer ergötzte ihn das
mit der Sicherheit eines Künstlers durchgeführte Spiel, welches
er durchschaute; er verkehrte gern mit ihm und erwies ihm dabei
mit Vergnügen die Höflichkeiten, auf die ein so geschickter Mann
Anspruch machen konnte. Herr von Pranger dagegen kehrte gegen seinen
Unterhändler bald die unangenehme Seite des Auftraggebers hervor. Er
ward ärgerlich, daß die Sache nicht von der Stelle rücken wollte;
einmal in übler Laune, setzte er sich hin und schrieb einen Brief,
in welchem er Herrn Rosenheimer kränkende Vorwürfe machte und ihm
erklärte, daß er sich in die Nothwendigkeit versetzt sehen könnte,
einen andern Unterhändler zu wählen. Nun kann der Israelit in der Regel
gar vieles vertragen, wenn es seyn muß; gewisse Beleidigungen verletzen
ihn aber um so tiefer und eine stille Wuth bleibt um so länger in
seinem Gemüthe. Als Samuel Rosenheimer diesen Brief gelesen hatte,
verzog er seinen Mund verächtlich und sagte für sich: »Der Herr Baron
von Waldfels, der Abkömmling einer so alten und so angesehenen Familie,
ist höflich gegen mich, und dieser Mensch, dessen Großvater im Spittel
gestorben ist, belohnt meine Mühe mit Undank und Geringschätzung! --
Nu, wir wollen sehen!«
Am andern Tag kam er zu Arthur und konnte oder wollte eine gewisse
Aufregung nicht verbergen. Er faßte den jungen Mann bei der Hand und
sagte: »Herr Baron, erlauben Sie, daß ich heute ernsthaft mit Ihnen
rede. Ich mein's gut mit Ihnen -- glauben Sie mir! Sie sind ein braver
und liebenswürdiger Herr und unverdient -- das weiß der liebe Gott! --
in eine schlimme Lage gekommen. Der Herr Vater -- Gott hab' ihn selig!
-- er war auch ein braver Herr; aber er trieb's ein bischen zu hoch, er
war auch zu gut -- und wie's so geht wenn man einmal anfängt Schulden
zu machen, ist's oft nicht mehr möglich aufzuhören. Und nun steht's
so -- unter uns, Herr Baron, können wir das schon sagen -- daß Sie
möglicherweise um Ihr ganzes Vermögen kommen können. Das thut mir weh,
ich versichere Sie, weh thut's mir! Ich weiß ja auch, warum Sie jetzt
wünschen müßten, das ganze große Vermögen zu haben, das an Ihren Herrn
Vater gekommen ist. So wahr ich hier stehe, 's freut mich allemal,
wenn ich Sie sehe mit Fräulein von Holdingen -- zwanzig Meilen in der
Runde gibt es kein so liebes und so schönes Paar! -- Herr Baron --
nichts für ungut! -- ich hab' auch ein Herz!«
Dem Juden waren bei diesen Worten die Augen feucht geworden und Arthur
wußte nicht, was er von ihm halten sollte. Seine Gedanken errathend
fuhr jener fort: »Sie wünschen zu erfahren, was ich eigentlich will,
das will ich Ihnen sagen. -- Ihnen, Herr Baron, muß geholfen werden!
-- und ich, Samuel Rosenheimer, der ich hier vor Ihnen stehe -- ich
will Ihnen helfen!« -- Arthur sah ihn verwundert an. Es kam ihm vor,
als ob er dießmal kein Spiel vor sich sähe, und er sagte freundlich:
»Wie wollen Sie das machen, lieber Herr Rosenheimer?« -- »Fragen Sie
mich nicht,« erwiederte jener, »ich werd's machen! -- Wissen Sie was?
Ich kehre auf eine Stunde in's Wirthshaus zurück. Gehen Sie unterdeß
zum Herrn Onkel, berathen Sie sich mit ihm und schreiben Sie die
Bedingungen, unter denen Sie das Gut ablassen wollen, auf einen Bogen
Papier; weiter nichts. -- Herr Baron, ich empfehle mich Ihnen.«
Nach einer Stunde kam der Jude wieder. Arthur übergab ihm lächelnd
das gewünschte Papier. Rosenheimer las es und sagte bedenklich: »Sie
fordern viel, Herr Baron.« -- »Nicht mehr,« erwiederte Arthur, »als
die Besitzung für einen Liebhaber werth ist. Ich selbst würde sie um
diesen Preis nicht abgeben, wenn ich nicht dazu gezwungen wäre.« -- Der
Jude versetzte: »Nu, wir wollen sehen! -- Für jetzt muß ich Sie aber
bitten, in dieser Sache nichts weiter zu thun und mit niemand darüber
zu reden. Vertrauen Sie dem Samuel Rosenheimer und warten Sie, bis er
wieder kommt.«
Zwei Tage nachher gelangte an Herrn von Pranger durch einen
Geschäftsfreund die Nachricht, der Fürst von N. habe geäußert, er wolle
das Gut Waldfels kaufen. Einige Stunden nachher trat Rosenheimer mit
geheimnißvoller Miene in's Comptoir. Der Bankier nahm ihn sogleich mit
in sein Zimmer und fragte ihn hastig: »Ist's wahr, daß der Fürst von N.
die Absicht hat, Waldfels an sich zu bringen?« -- »Haben Sie auch schon
davon gehört?« versetzte der Jude ruhig. »Ich kann Ihnen nur sagen,
was mir mein Schwager aus der Residenz des Fürsten geschrieben hat:
daß dieser Herr beabsichtigt, schon in den nächsten Tagen einen seiner
Beamten nach Waldfels zu schicken.« -- Dem Bankier stieg das Blut in's
Gesicht und er rief unwillig aus: »Das wäre ja schändlich, wenn mir ein
Gut, auf das ich schon Jahre lang spekulire, vor der Nase weggeschnappt
würde?« -- »Können Sie sich wundern,« versetzte Rosenheimer, »daß eine
so schöne Besitzung noch mehr Liebhaber findet? Uebrigens dürfen Sie
sich gratuliren: noch weiß der junge Herr nichts von dieser Absicht des
reichen Fürsten, noch steht Ihnen Waldfels zu Gebot. Aber wie? Bezahlen
müssen Sie's! Der junge Baron ist zäh, grausam zäh; er kennt den Werth
seines Gutes genau -- nu, was red' ich viel? Hier sind die Bedingungen!«
Er hatte unterdessen die Brieftasche gezogen und übergab ihm das
Papier. Der Bankier las rasch und rief unmuthig aus: »Wie, das ist
--« -- »Das Ultimatum von dem Herrn Baron,« fiel Rosenheimer ein. --
»Ist der junge Mann klug?« versetzte Herr von Pranger; »diese Summe!«
-- »Die Summe ist schön,« bemerkte Rosenheimer, »aber Waldfels ist
noch schöner.« -- »Und die Bedingungen?« fuhr der Bankier fort. »Sechs
Jahre das Gut nicht verkaufen, an den Gebäuden keine wesentlichen
Aenderungen vornehmen zu dürfen! Was soll das?« -- »Herr von Pranger,«
erwiederte Rosenheimer, »Sie wissen, solche Herren hängen mit einer
ganz sonderbaren Zärtlichkeit an dem Stammsitz ihrer Familie. Es thut
dem armen jungen Mann weh, daß er Waldfels nicht behaupten kann. Da
es aber nicht möglich ist, so will er wenigstens dafür sorgen, daß es
noch einige Jahre so besteht, wie er es gefunden hat. Eine Grille,
wenn Sie wollen! Aber was kümmert das Sie? Wenn Sie Waldfels einmal
haben, geben Sie's doch nicht wieder her, und Veränderungen an den
Gebäulichkeiten wären nicht nöthig, wenn ein Fürst -- was sag' ich? --
wenn ein König es beziehen wollte.«
Der Bankier zuckte die Achseln und ging im Zimmer auf und ab. Der Jude
las in seinem Gesicht, daß ihm der Gedanke, Waldfels an einen Andern
kommen zu lassen, unerträglich fiel; er näherte sich ihm und sagte:
»Herr von Pranger, Sie sind ein reicher Mann, -- keine Widerrede!
-- Sie sind ein reicher Mann! Was macht es Ihnen, wenn Sie ein paar
tausend Gulden weniger haben? Wenn Sie's nicht wissen, spüren Sie's
nicht, aber dem jungen Mann thun sie gut. Und wenn es wird bekannt
werden, was Sie gegeben haben, so wird man sagen: der Bankier von
Pranger ist ein großmüthiger Charakter; -- er hat dem jungen Mann in
seiner Verlegenheit das Gut nicht abgedrückt -- er hat gehandelt als
ein wahrer Edelmann -- er verdient den Edelmannssitz zu haben.« -- Das
hieß seinen Mann bei der schwächsten Seite fassen. Herr von Pranger
wurde um vieles freundlicher und vermochte seinen Worten kaum den
Schein eines Vorwurfs zu geben, als er sagte: »Was sind Sie für ein
Unterhändler! Sie nehmen die Partie des Barons!« -- »Ich nehme nicht
die Partie des Barons,« entgegnete Rosenheimer. »Ich habe gethan, was
ich konnte. Kann ich dafür, daß der junge Baron so hartnäckig, und daß
der Fürst auf den Einfall gekommen ist, das Gut zu kaufen?« Die letzten
Worte gaben dem Bankier wieder einen Stich in's Herz. »Nun, wollen
Sie?« fragte Rosenheimer und sah ihn scharf an. Der Andere schwieg,
aber der Jude sah, woran er war. »Herr von Pranger,« sagte er, seinen
Hut ergreifend, »ich habe meine Schuldigkeit gethan und will Sie nicht
weiter belästigen. Aber um eins bitt' ich Sie: wenn das Gut in drei
oder vier Tagen gekauft ist, machen Sie mir keine Vorwürfe.«
Er ging gegen die Thüre. »Warten Sie,« rief Herr von Pranger. -- »Haben
Sie sich entschlossen?« entgegnete der Jude. -- »Ja,« versetzte der
Bankier mit heroischer Anstrengung, »in's Teufels Namen! Melden Sie dem
jungen Mann, daß ich morgen nach * * kommen werde, um den Kauf mit ihm
abzuschließen.« -- »Wollen Sie mir nicht eine schriftliche Einladung an
den Baron mitgeben? Es macht einen besseren Effekt.« Herr von Pranger
schrieb ein Billet, siegelte und gab es Rosenheimer, indem er sagte:
»So eilen Sie!« -- »Ich werde eilen,« sagte der Jude und empfahl sich.
Als er das Haus verlassen hatte, zuckte er die Achseln und sagte
mit der Miene tiefer Geringschätzung: »Wie dieser Mensch zu seinem
Reichthum gekommen ist, möcht' ich wissen! Ist das ein Geschäftsmann?
Gott soll helfen!« -- Samuel Rosenheimer bedachte in diesem Augenblick
nicht, daß eine übermäßige Begierde nach einem zu erlangenden
Gegenstand auch verständige Männer zuweilen toll und blind machen kann.
Den andern Tag feierte man zu Waldfels ein bescheidenes Fest. Es war
der 31. März, der Tag, an welchem Arthur vor einundzwanzig Jahren das
Licht der Welt erblickt hatte und der ihn heute mündig machte. Er, der
Oberst, Frau von Holdingen und Anna hatten gemeinschaftlich gespeist
und saßen eben beim Kaffee, als der alte Diener hereintrat und zu
Arthur sagte: »Herr Samuel Rosenheimer bittet um einige Augenblicke,
er habe Ihnen etwas Interessantes und Angenehmes zu melden.« -- »Ah,«
rief Arthur, »er soll hier hereinkommen.« -- Herr Rosenheimer trat ein,
begrüßte die Gesellschaft und stellte sich mit glänzenden Augen vor
Arthur. »Herr Baron,« sagte er, das Billet des Bankiers emporhaltend,
»was hab' ich hier? was meinen Sie?« -- Arthur erwiederte lächelnd:
»Wie kann ich das wissen?« -- »Haben Sie die Güte zu lesen,« sagte
Rosenheimer, übergab ihm das Schreiben und erklärte den andern: »Es ist
eine Einladung vom Bankier Pranger nach * *, wo morgen auf die von dem
Herrn Baron gestellten Bedingungen hin das Geschäft wegen Waldfels vor
sich gehen soll.« -- »Ist es wahr?« fragte der Oberst den Neffen, der
das Billet gelesen hatte. Arthur übergab es ihm, der Oberst las und
rief in der ersten Ueberraschung: »Was doch so ein« -- er wollte sagen:
»verdammter Jude nicht alles durchsetzen kann!« Aber er besann sich,
nahm einen Armstuhl, rückte ihn zurecht und sagte freundlich: »Herr
Rosenheimer, setzen Sie sich!« Dieser hatte indeß noch keine Ohren für
ihn und dankte nur leichthin. Er sah den jungen Waldfels an und sagte:
»Nun, Herr Baron, verdien' ich Lob? Hab' ich mein Wort gehalten? Wie?«
Arthur reichte ihm die Hand und erwiederte mit Herzlichkeit: »Ich bin
Ihnen sehr verpflichtet, Sie haben sich um mich und uns alle verdient
gemacht. Nehmen Sie meinen besten Dank und rechnen Sie auf meine ganze
Erkenntlichkeit.« -- »O ich bitte!« rief Rosenheimer und setzte sich.
-- Nachdem Arthur den Damen die Kaufbedingungen mitgetheilt, welche der
Jude dem Bankier annehmlich zu machen gewußt hatte, bemerkte Frau von
Holdingen mit graziöser Kopfbewegung: »Dieser Erfolg macht Ihnen in
der That alle Ehre, Herr Rosenheimer. Trinken Sie mit uns eine Tasse
Kaffee?« -- Das Gesicht des Unterhändlers zerschmolz in das süßeste
Lächeln. »Gnädige Frau Baronin,« rief er, »diese Ehre! Sie beschämen
mich wahrhaftig!« Unterdessen hatte die Dame eine Tasse eingeschenkt
und präsentirte sie ihm; Herr Rosenheimer nahm sie mit Würde und trank.
Das menschliche Herz ist seltsamer Regungen fähig. Obwohl der Gedanke,
das alte Familiengut einem Andern überlassen zu müssen, für Arthur und
die Seinen schmerzlich war, so freuten sich jetzt doch alle sehr, es so
vortheilhaft angebracht zu sehen. Arthur erblickte in diesem Ausgang
der Unterhandlungen ein günstiges Vorzeichen, einen Anfang des Glücks,
das sich jetzt auch wieder einfinden müsse. Als er dieß gegen Anna
bemerkte, sah ihm das schöne Mädchen mit dem liebevollsten Vertrauen
in's Gesicht. Rosenheimer weidete sich an dem Anblick des Paares und
seine Augen füllten sich mit Wasser bei dem Gedanken, daß er es sey,
der dieses schöne Vergnügen gestiftet.
Während die andern einen Spaziergang in den Park machten, fragte Arthur
den Juden, wie er zu dem glücklichen Resultat gekommen sey. Rosenheimer
hatte den Takt, die kleine Kriegslist, die angebliche Absicht des
Fürsten von N. betreffend, zu verschweigen und nur im Allgemeinen zu
bekennen, daß er Herrn von Pranger bei zwei schwachen Seiten, bei der
Furcht, das Gut durch einen Andern gekauft zu sehen, und bei der =Ehre=
angefaßt habe. Nachdem er dem jungen Waldfels nochmal eingeschärft, zur
bestimmten Stunde sich an dem bezeichneten Ort einzufinden, empfahl
er sich. -- Auf dem Heimwege empfand dieser Mann eine so vollkommene
Genugthuung, wie nie vorher. Er hatte sich gerächt; er hatte Gutes
gethan und Lob und Ehre dafür empfangen; er hatte die Aussicht, den
Lohn, den ihm Herr von Pranger für seine Mühe entrichten mußte, durch
einen sicherlich glänzenden Beweis der Erkenntlichkeit des Herrn
Barons gemehrt zu sehen. Bei dieser Erwägung sagte er zu sich selber:
»Der junge Herr hat Ursache, mich gut zu bezahlen. Er ist zum Glück
gekommen, er weiß nicht wie. Lieber Gott, wenn so ein Mann auch
Verstand hat, was hilft das? Man muß die Mittel und Wege kennen -- ein
Geschäft ist ein Geschäft! -- Aber 's freut mich von ganzer Seele, daß
ich diesen braven Leuten geholfen habe. Um viel Geld ließ' ich mir das
nicht abkaufen!«
Der Abschluß des Geschäfts ging den andern Tag rasch vor sich. Herr von
Pranger machte keine Schwierigkeiten; er dachte jetzt nicht mehr an
die Summe, die er zahlen mußte, sondern nur an das Glück, Eigenthümer
des Edelmannsgutes in der Nähe seiner Vaterstadt zu werden, und trieb
selber zur Erledigung. Als Arthur und der Oberst ihm gratulirten,
fühlte er sich so groß, daß er den Wunsch des erstern, er möchte einige
seiner Diener behalten, ohne weiteres zu erfüllen gelobte. Nach einem
kleinen Gelag fuhren beide Theile vergnügt nach Hause.
Als Rosenheimer einige Tage später zum Bankier kam, sagte er: »Wissen
Sie was Neues, Herr von Pranger? Der Fürst von N. ärgert sich schwer,
daß Sie ihm das schöne Gut weggekauft haben. Er schämt sich, und denken
Sie, jetzt soll niemand sagen, daß er die Absicht gehabt hat, es zu
acquiriren!« -- »Mag er sich ärgern,« versetzte Herr von Pranger; »ich
hab' es jetzt und werd's behalten.«
Die Geldsummen, die nach und nach flüssig wurden, setzten Arthur in
den Stand, alle Forderungen an ihn ohne Ausnahme zu tilgen, Herrn
Rosenheimer, nach dessen eigenem Ausdruck »wahrhaft edelmännisch« zu
bedenken und noch etliche Tausend Gulden in der Hand zu behalten.
Die unversicherten Gläubiger priesen ihn laut und meinten, eine so
rechtschaffene Handlungsweise könne nicht ohne Lohn bleiben; aber
auch Herr von Pranger, wie Rosenheimer vorausgesagt, wurde allgemein
gerühmt, daß er die mißlichen Umstände des jungen Waldfels nicht
mißbraucht, sondern die Besitzung als reicher Mann großherzig bezahlt
habe.
Die letzte Zeit im Hause seiner Väter war für Arthur, trotz des
glücklichen Verkaufs, eine trübe und melancholische. Der Oberst, den
keine Pflicht mehr in Waldfels hielt und der den Einzug des Herrn von
Pranger nicht mit ansehen mochte, war in seinen Wohnort, zu seiner
gewöhnlichen Lebensweise zurückgekehrt. Einige Tage vor seiner Abreise,
wo der Gedanke des guten Verkaufs nicht mehr den Reiz der Neuheit
besaß, hatte er wieder angefangen, den Neffen mit der Bemerkung zu
quälen, daß er doch am Ende besser gethan hätte, seinem ersten Rath
zu folgen und das Gut für sich zu erhalten. Er hatte ihm das Prekäre
seiner Lage vorgestellt, ihn ermahnt, jetzt nur rasch und mit allen
Kräften nach einem sichern Unterkommen zu trachten, und was dergleichen
lästige Bemerkungen mehr waren, so daß Arthur eine wahre Erleichterung
fühlte, als er sich verabschiedete. In der nun folgenden Einsamkeit
wurde der junge Mann aber für die Wehmuth des Scheidens und Meidens um
so empfänglicher, als der launische April sich eben in einer lenzlich
milden Heiterkeit gefiel, die in zarten Gemüthern eine stille Trauer so
sehr begünstigt. Arthur machte die letzten Besuche im Dorfe und kehrte
weich gestimmt zurück. Er wandelte allein in all den geliebten Räumen
der Besitzung umher und konnte nicht verhindern, daß heiße Thränen
seine Wangen herabliefen. Am Ende fand er Trost in dem Gedanken, daß er
sein Stammgut wenigstens für die nächsten sechs Jahre vor Zertrümmerung
gesichert habe. Was dachte er sich wohl dabei? Schmeichelte er sich mit
der Hoffnung, die Besitzung jemals wieder zu erwerben? Konnte er es
irgend für möglich halten, daß der neue Eigenthümer sie wieder abgeben,
daß er selber in den Stand kommen werde, sie zu bezahlen? -- Sollen wir
die Wahrheit sagen, so folgte er einer instinktmäßigen Regung, über
deren Vernünftigkeit er sich keine Rechenschaft gab. Genug, daß dieser
Gedanke ihm wirklich wohl that und den Schmerz der Trennung linderte.
An demselben Tag, wo Herr von Pranger mit seinen beiden Söhnen sich zu
einem glanzvollen Einzug in Waldfels rüstete, siedelte Arthur mit den
wenigen Effekten, die er für sich behielt, nach dem Städtchen über.
Im alten gothischen Hause eines wohlhabenden und ihm befreundeten
Mannes, der in fremden Landen Geld erworben hatte, um es in seinem
Geburtsort zu verzehren, standen zwei Zimmer für ihn bereit. Er hing im
größern seine Familienbilder auf und brachte Kisten und Koffer unter,
das kleinere richtete er sich zur Wohnung ein. Als er in dem fertigen
Nest allein da saß, hatte er ein angenehmes Gefühl. Der Abschied
von Waldfels, von seinen Dienern und den Dorfbewohnern, die ihm mit
nassen Augen ein herzliches Lebewohl nachriefen, hatte ihn gerührt und
erschüttert. Wie wohl ihm die Liebe that, die man ihm bewies, so war er
doch froh, die Aufregung überstanden zu haben und sich ungestört den
Gedanken widmen zu können, die seine Seele erfüllten.
Sein Leben war sehr einfach. Den größten Theil des Tages verwendete
er auf Studien, die Abende brachte er fast ohne Ausnahme bei Frau von
Holdingen zu. In der Regel guten Muthes und unterhaltend, saß er hier
zuweilen doch auch in tiefen Gedanken und die Schatten der Sorge flogen
über seine jugendlichen Züge. Dann setzte sich Anna zum Clavier und
spielte eines von ihren Lieblingsstücken, die auch die seinigen waren.
Die Regungen des Zweifels und der Bangigkeit gingen unter im süßen
Gefühl, das die edeln Töne in ihm hervorriefen, in einem wunderbaren
innern Leben, wo die Empfindungen der Ergebung und der Hoffnung sich
durchdrangen, wo düstere Bilder an der Seele vorüberzogen, ohne zu
erschrecken, glänzende, ohne zu erheitern, und beide nur sanfte Schauer
im Herzen erweckten. Wenn Anna die Saiten ausklingen ließ und zu dem
Geliebten trat, dann entspann sich wohl ein Gespräch, welches Arthur
Gelegenheit gab, Beispiele zu erzählen, wie muthige Herzen kühne
Dinge gewagt unter dem Spott der Welt, aber endlich durchgeführt zur
Beschämung der Welt. Und die jungen Seelen fühlten sich mit einander
gestärkt und erhoben.
Der Baronin fiel es auf, daß Arthur sich niemals über einen Lebensplan
aussprach. Sie versuchte es ein paarmal, ihn durch Anspielungen
zum Reden zu bringen, aber er lenkte das Gespräch auf einen andern
Gegenstand. In ihrer Besorgniß nahm sie sich vor, ihn geradezu um eine
Erklärung anzugehen, warum er nicht auf die Universität zurückkehre und
was er denn überhaupt vorzunehmen gedenke. Da sie aber sah, daß er
nicht gerne sprach, so wurde sie bedenklich und verschob die Ausführung
ihres Entschlusses von einem Tag zum andern.
Eines Tages wurde Arthur ein Brief übergeben, auf den er mit Verlangen
gewartet haben mußte, denn er wechselte die Farbe, als er das
Postzeichen erblickte, schloß sich in sein Zimmer ein und wurde den
ganzen Abend nicht wieder sichtbar. Den folgenden Morgen brachte er mit
Schreiben zu, hatte dann eine längere Unterredung mit seinem Wirth,
machte mehrere Gänge und packte Abends einen Koffer.
Am zweiten Morgen, in den Strahlen der Maiensonne, wanderte er nach
dem Landhaus. Er traf Anna allein im Zimmer und gab ihr die Hand.
Sie sah ihn an und sagte: »Wie siehst du heute aus? So feierlich!«
-- Arthur erwiederte: »Ich komme auch in einer feierlichen Absicht:
ich muß dir eine Prüfung zumuthen.« -- Anna lächelte und sagte: »Eine
Prüfung?« Der Jüngling aber blieb ernst und setzte hinzu: »Ich muß dich
verlassen.« Das Lächeln verlor sich aus dem Gesicht des Mädchens; sie
erwiederte mit Ergebung: »Darauf bin ich gefaßt.« -- Arthur schüttelte
den Kopf und sagte: »Ich verlasse dich nicht, wie du meinst, ich
muß weit hinweg, ich muß außer Landes gehen -- und ich kann nicht
sagen, wann ich wiederkehre.« -- Anna sah ihn bestürzt an, der nun
entschlossen fortfuhr: »Und das ist noch nicht das Schlimmste. Ich
kann dir auch nicht sagen, wohin ich gehe, und eben so wenig, was
ich unternehmen werde.« -- Das gute Kind wußte nicht was sie denken
sollte; sie richtete einen traurigen und vorwurfsvollen Blick auf ihn.
Arthur umfaßte sie zärtlich und sagte: »Glaubst du, ich würde vor dir
ein Geheimniß haben, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß es so besser
sey für dich wie für mich? Es gibt Dinge in der Welt, die man zuerst
thun muß, ehe man davon reden kann, Vorsätze, die den Gleichgültigen
lächerlich erscheinen und theilnehmenden Herzen Sorge einflößen,
die aber glücklich durchgeführt den Beifall Aller haben. In meinem
Innern lebt ein Trieb, der mich unwiderstehlich zu einem Unternehmen
hindrängt, aber zugleich ein siegesmuthiger Glaube, daß ich hier finden
werde, was ich suche. Es ist mir, als ob ich nur ausgehen dürfte, um
zu nehmen, was für mich bereit liegt. Willst du diesen Glauben mit
mir theilen, ohne zu sehen? Willst du mir gestatten, das Geheimniß,
das du mitzubesitzen ein Recht hättest, für mich allein zu behalten?«
-- Anna konnte diesen aus tiefstem Herzen kommenden Worten nicht
widerstehen; sie erhob sich mit einem Aufschwung des Geistes auf die
Höhe des Geliebten und erwiederte mit inniger Zuversicht: »Ja, Arthur!«
-- »Wirst du mir«, fragte dieser weiter, »vollkommen vertrauen?« --
»Vollkommen,« erwiederte das Mädchen. -- »Und wenn Monate vergehen,
ehe ein Brief von mir an dich gelangt, Jahre vergehen, bevor ich
wiederkehre, wirst du nie an mir irre werden, nie in deinem Glauben
wanken?« -- »Niemals,« versetzte sie. -- »Ich hab' es ja gewußt,« rief
Arthur freudig, »daß du mir vertrauen würdest, wie ich dir vertraue! --
O,« fuhr er fort, »der Glaube ist etwas so Schönes! Ich begreife jetzt,
warum diejenigen, die fähig sind zu glauben, zum Dulden und Harren
berufen werden. Glaube mir nur unbedingt. Wir werden uns wiedersehen!
Wir werden uns glücklich wiedersehen!«
In diesem Moment trat Frau von Holdingen herein. Arthur hatte den Muth,
ihr sogleich seinen Entschluß und seine Forderung mitzutheilen. Die
Wangen der guten Frau rötheten sich und unwillig rief sie aus: »Wie,
das können Sie von mir verlangen? Sie wollen in die weite Welt gehen,
Sie wollen sich Jahre lang entfernt halten, und ich, die Mutter Ihrer
Verlobten, soll nicht erfahren, was Sie thun und treiben?« -- »Verehrte
Frau,« entgegnete Arthur mit Ernst, »ich muthe Ihnen nichts zu, als
was eine edle Seele gewähren kann. Hier zu Land müßte ich mit geringer
Neigung einen Weg einschlagen, der mich nach mehrjähriger Anstrengung
und im glücklichen Falle doch nur zu einem sehr bescheidenen Loose
führen würde. In der Ferne dagegen winkt mir ein Glück, nach dem ich
mit Freuden ausziehe und das ein fröhliches Streben auch viel reicher
lohnen wird. Mein Entschluß ist das Ergebniß der gewissenhaftesten
Prüfung. Aber an die Ausführung kann ich nur dann mit Muth und Freude
gehen, wenn Sie mir ein besonderes Geständniß erlassen, wie es mir
Anna erlassen hat.« -- »Das ist ja unerhört!« rief die Baronin.
»Nein, lieber Freund,« setzte sie hinzu, »ich kann, ich darf es nicht
dulden!« -- Nun trat Anna zu ihr, nahm sie beim Arm und sagte: »Schau
ihm doch nur in's Gesicht, Mutter! Sieht so ein Mann aus, dem man
nicht vertrauen kann? Wenn er uns nicht sagt, was er beginnen will,
so ist das Geheimniß nothwendig, und wir sollten ihn vielmehr bitten,
zu schweigen.« -- Die Baronin schüttelte das Haupt und rief: »O
Kind, Kind!« -- Anna fuhr fort, indem ein ernstes Lächeln ihren Mund
umspielte: »Als ich ein Kind war, da erzähltest du mir Geschichten
aus einer Zeit, die du vor allen liebst, aus einer Zeit, wo man sich
Treue gelobte und hielt, wo der Liebende auszog auf Abenteuer oder zu
heiligen Kämpfen und die Geliebte ihn vertrauensvoll ziehen ließ. Du
hast mir damals die Tugenden dieser Zeit zur Nachahmung empfohlen und
solltest mir jetzt nicht den Beweis gestatten wollen, daß ich etwas
von dir gelernt habe?« -- Das Gesicht der Baronin hellte sich bei
dieser Rede ein wenig auf. Sie wendete sich gegen Arthur und rief:
»Sollten Sie vielleicht --« -- »Ich bitte Sie, liebe Mutter« fiel
Arthur ein, indem er sie bei der Hand nahm, »fragen Sie mich nicht!« --
Die Baronin, durch einen eigenthümlichen Gedanken getröstet, war schon
überwunden. »Ihr macht mich selber thöricht,« rief sie. »Wahrlich,
wir leben in einer neuen und seltsamen Zeit, wo die Kinder die Eltern
regieren!« Nach einem Moment des Schweigens fand sie das ganze Ansehen
der Mutter und sagte mit Ernst und Würde: »Ein Trost ist es mir, daß
Sie, lieber Sohn, ein Mann von Kopf und Verstand und ein Mann von Ehre
sind. Ihrem Verstand und Ihrer Ehre will ich vertrauen. Unternehmen
Sie, was Ihr Herz Sie heißt, und möge Gott seinen Segen dazu geben!« --
»Amen,« riefen die beiden Kinder und hingen an der Mutter in liebender
Umarmung.
Das Leben sorgt bei gewissen Ereignissen in der Regel für ein
Gegenbild, und für Arthur war es kein Verlust, daß er das zu der eben
geschilderten Scene nicht zu Gesichte bekam. Arthur hielt es nämlich
für seine Pflicht, auch dem Oheim sein Vorhaben zu melden, natürlich
in der von ihm beschlossenen Allgemeinheit. Als der Oberst den Brief
gelesen, sagte er zu sich selber: »Da haben wir's! Der Mensch ist
verrückt und wird ein Abenteurer! Wenn sein Projekt etwas taugte, hätte
er Ursache, es mir zu verschweigen? Es taugt also nichts! Er nimmt
das Bischen, was ihm bleibt, in die Tasche und geht auf und davon.
So machen's die Leute, die tugendhafter seyn wollen, als andere!« --
Nachdem er hierauf mit Selbstgefühl seine Tabakspfeife ausgeklopft,
setzte er hinzu: »Wär' es nicht meine Pflicht, die Post zu nehmen und
ihm den Kopf zurechtzusetzen?« Er sah in den Brief und sagte: »Es ist
zu spät! -- Nun, mag er gehen! Ich sehe nicht ein, warum ich mich wegen
eines Menschen kümmern soll, der meinen Rath verschmäht und es für
nobel hält, sich zu ruiniren!«
Es war am letzten des schönen Monats, als Arthur mit den Seinigen und
einem alten Diener im Posthofe stand. Dieser hatte seine Stelle bei
Herrn von Pranger aufgegeben, weil ihm einer der Söhne in einer Weise
begegnet war, die er sich, wie er sagte, auch von einem geborenen Baron
nicht hätte gefallen lassen. Da er sich ein kleines Vermögen erspart
hatte, so fragte er Arthur, ob er ihm nicht unentgeltlich dienen könne,
und als dieser es für unmöglich erklärte, machte er seinen Antrag
Frau von Holdingen. Auf Arthurs Bitte, dem es tröstlich war, eine
vertraute Seele bei den Seinen zu wissen, hatte ihn die Baronin in ihr
Haus aufgenommen. Der gute Alte erzählte jetzt, daß im Schlosse große
Vorbereitungen zu einem Feste getroffen würden, das alles überbieten
solle, was früher dort gesehen worden sey. Aber,« setzte der treue
Diener hinzu, »sie mögen Geld aufwenden so viel sie wollen, so schön
wird's doch nicht werden, wie unser Fest am vorjährigen Pfingstmontag.
Wer hätte damals gedacht, daß dieses Schloß und dieser Park in andere
Hände kommen und der junge Herr außer Landes gehen würden!« -- Arthur
klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Halte dich nur gut, alter
Freund, und wir feiern vielleicht noch schönere Feste mit einander,
wenn auch nicht in Waldfels.« -- »Gott geb' es!« erwiederte der Alte,
halb gläubig und halb resignirt.
Ueber die Lippen der Frau von Holdingen war kein Wort gegangen, als
hie und da eine Ermahnung, die sich auf die Pflege der Gesundheit
und auf die Bequemlichkeit des Abreisenden bezog. Anna war still; an
der Bewegung ihrer jugendlichen Brust konnte man sehen, daß sie zu
ergriffen war, um reden zu können. Die Postpferde waren endlich an
den Wagen gespannt. Arthur trat zu Mutter und Tochter, um den letzten
Abschied zu nehmen. Als er die Geliebte sah in der holdesten Vollendung
der Jungfrau, so schön in Liebe und Leid, so unendlich Werth, Glück
zu genießen, so unendlich fähig, Glück zu bereiten -- da verließ ihn
die bis dahin behauptete Kraft. Sich trennen zu müssen auf Jahre,
vielleicht auf immer, von der Wonne seines Lebens! Zwischen sich und
das höchste Ziel seiner Wünsche die Zeit und das Schicksal treten
zu lassen! Der Gegenwart zu entsagen für eine ungewisse Zukunft, der
liebsten Wirklichkeit für ein Mährchen vielleicht! -- Gegen diese
Gedanken hielt auch der Glaube und das Vertrauen, die ihn bis dahin
erfüllten, nicht mehr Stand; ein unendliches Weh ergriff sein Herz.
Er preßte die Verlobte an seine Brust; die Thränen der Unglücklichen
vermischten sich und flossen vereint zu Boden. Mit Gewalt riß er
sich endlich los und stieg in den Wagen, der nach Norden rollte. Die
Zurückgebliebenen sahen ihm weinend nach und das liebende Mädchen
wollte in Leid und Wehmuth vergehen, als sie die Töne des Posthorns
erschallen und schwächer und schwächer werden hörte.