»Das ist nix für Mama. -- Nicht Alte?«
Er wartete ihre Antwort gar nicht ab, sondern predigte weiter.
Die Morgendämmerung brach herein, fahl und kalt und beleuchtet das
übernächtige müde Gesicht einer alternden Frau, das gerötete eines in
jeder Fiber bebenden Mannes, der tagelang seine Nerven durch alle
möglichen belebenden und anreizenden Einflüsse in Aufruhr gebracht hatte
-- und zwei süße junge Gesichter, die nicht recht wußten, wohin schauen.
Ihre Mutter war ihnen so unheimlich, wie der Vater. Dies nächtliche
Zusammensein berührte sie bang.
Sie hatten schon immer allerhand im Halbschlaf gehört. Thüren werfen,
die laute Donnerstimme des Vaters; aber es war sie nichts angegangen.
Isolde hatte bei dem Anblick der Mutter ein dumpfes, unklares Bild, als
ertappte und belauschte sie ein Nachttier auf seinen Gängen, ein Tier,
das Nachts sehen kann, das Nachts sein eigentliches Leben lebt, das
Nachts kämpft und leidet, das, wenn alles schläft, geheimnisvoll lebt.
Sie fühlte ein so sonderbares, nebelhaftes Grauen vor Vater und Mutter!
Was für zwei fremde Menschen waren das eigentlich?
Das war auch nicht das geschäftige Mamachen, das den ganzen Tag so
eifrig unbedacht herum wirtschaftete, mit dem Dienstmädchen schalt,
immer im Trab war, sparte und zankte und wegarbeitete was ihr unter die
Hände kam.
Um diese Stunde schien alles Mütterliche von ihr abgefallen zu sein. Da
war nur das Weib geblieben, das eigentlich nicht mehr Weib war, etwas
Aufgebrauchtes, Zurückgestoßenes, Geduldetes; aber etwas, ohne das der
Mann nicht mehr auskam.
Isoldens dumpfe Gefühle wurden ihr nicht zu Gedanken, nahmen die klare
Form nicht an, aber beängstigten sie.
Es war da etwas Schreckliches.
Sie hätte sich an die Brust der Mutter werfen und weinen mögen -- aber
-- das Geheimnisvolle, Nachttierhafte, das sie in der Mutter empfand,
hielt sie davon ab.
Der aromatische Geruch des starken Moccakaffees lag in der Zimmerluft.
Was Mama nachts für vortrefflichen Kaffee macht! Auch das beängstigte
jetzt Isolde und Thränen rannen über ihre Wangen.
»Da haben wir die Bescherung!« sagte der Vater, der sich von seiner
Stütze, die er am Fensterbrett gefunden hatte, nicht recht fort traute.
»Die Bamsen sind, mit deiner Hilfe, Alte, die fertigen Zierpuppen
geworden.
Ein nettes Heim, das so ein Mann doch hat!
Bring euch das Beste, was ich bringen kann, 'was für die Jugend!
Lebensfreude! Heiterkeit! Die Gesellschaft einer schönen, vornehmen
Frau, eines Weibes von Gottes Gnaden -- und die Einladung in ihr Haus --
ein Haus! Ja, so was saht ihr noch nie, Bamsen! -- Und Heulerei,
Spießbürgerei!
Daß i net lach!
Habt ihr denn 'was anzuziehen, Mädels?« rief er mit heiterer
Donnerstimme.
Sein Geist bewegte sich schon wieder in angenehmen Regionen.
Er hielt sich nie lange bei einem Ärger auf. Der Dichter verstand es,
einen Schwall von unwirschen Redensarten, Kränkungen, sehr bedenklichen
Offenheiten über die Seinen zu ergießen -- dann aber, >Schwamm drüber<!
War seine Lust am Kränken vorbei, mußte den Andern die Lust, sich
beleidigt zu fühlen, auch vergangen sein. Das konnte er auf den Tod
nicht leiden, das Nachbrummen.
»Na, also, wie steht's?« fragte er Mama, »sind Kleider da?«
»Ich denk' schon.«
»Natürlich! Weibsen! Kleider! Dazu ist immer Geld da. Und mir wird
vorgejammert. Zu nix ist Geld da, zu rein gar nichts; nirgends schaut
was 'raus -- aber Kleider!« Er machte sich von seiner Stütze los und
ging leicht schwankend durch die Stube nach dem Schlafzimmer.
Mama war mit ein paar Schritten voraus und öffnete ihm hilfreich die
Thür.
* * * * *
Die Mädchen suchten ihre Stube wieder auf.
Als Marie über die Schwelle trat, schrie sie laut auf.
Der erste Strahl der Morgensonne lag dem Schädel auf der Stirn. Die
leuchtete hell auf. Es war, als erhellte es das ganze Zimmer.
»Ide, der Schädel lebt!«
»Ja, er lebt!« jubelte Isolde auf und bedeckte ihre Schwester mit
heißen, leidenschaftlichen Küssen.
Marie war so erregt von allem, so überwacht, daß sie in Thränen
ausbrach.
»Ich weiß net, Ide,« schluchzte sie, »wie es bei uns ist!« Sie weinte
herzbrechend. »Deck' wenigstens dem Schädel ein Tüchel über!«
3.
Die beiden Mädchen sitzen ihrem Vater gegenüber in Mrs. Wendlands
Landauer, Kutscher und Diener in vornehmer Livree.
Das leichte Gefährt rollt die Landstraße am Starnbergersee entlang.
»Bamsen, ich sag' euch, daß ihr mir keine Schande macht. Schaut net so,
als wär euch die Butter vom Brot gefallen.«
Der Dichter trägt einen hellgrauen Sommeranzug, graue Kniehosen und
schwarze Strümpfe mit Halbschuhen.
Er ist vollkommen der elegante Tourist. Seine mächtige blonde
Persönlichkeit nimmt sich vortrefflich aus.
Die Kinder konnten sich nicht erinnern, jemals mit ihrem Vater einen
Ausflug gemacht zu haben, und wußten sich jetzt nicht recht in ihre Lage
zu schicken.
Er liebte Familiensimpelei nicht und war als Ehemann Junggeselle
geblieben. Als Schriftsteller brauchte er unendlich viel Anregung, auf
die die Seinigen keinen Anspruch machen konnten. So war es gekommen, daß
er in gewisser Weise ein Leben für sich führte und zwar ein Leben, das
sich um eine Kaste höher abspielte.
Die beiden Mädchen sitzen wortlos. Aus der dumpfen Stadt in die schöne,
reiche Sommernatur gekommen zu sein, thut ihnen weh und wohl, der weiche
Seewind, die mächtigen Massen tiefdunkeln Laubes, das die Luft
einzuengen scheint und der Duft nach blühendem Gras -- wie bedrängt sie
das alles! Das sollte man immer haben können! Arme junge Menschen, denen
die Natur fremd bleiben muß.
Sie biegen jetzt in einen vortrefflich gehaltenen Kiesweg ein, der durch
dichten Buchenwald eine Anhöhe hinanführt und kommen bald an ein schönes
weitgeöffnetes Gitterthor aus kunstvoll geschmiedetem Eisen.
Da fährt der Wagen ein, im großen Bogen um einen köstlichen Rasenplatz,
auf dessen saftigem Grün Centifolienrosenbüsche wuchern. Sie stehen
jetzt in voller Blüte. Tausende von Rosenblüten, alle dasselbe zarte
Rosa, und ein so süßer Duft, daß einem Stadtkinde die Thränen in die
Augen kommen konnten. So etwas heimlich Ländliches; paradisisch Zartes
liegt in den kunstlos, kunstvoll zerstreuten rosenbedeckten Büschen.
Ein Springbrunnen plätschert in einer stillen grünen Ecke, keine
Paradefontaine im Centrum des Cirkels -- nein, abseits wie ein
verträumter Geigenspieler, der sich selbst zu eigner Lust in einer
verlorenen Ecke ein Ständchen bringt.
Den beiden Mädchen schlägt das Herz. Wie eine breite laue Welle süß
duftender Vornehmheit geht es über sie hin.
Der Wagen hält vor der Villa, der Diener öffnete den Schlag. Alles,
worauf ihr Auge auch fällt, ist wie in einer andern Welt, alles sagt
ihnen etwas von einem geheimnisvollen Leben, das sie nicht kennen.
Ihr Vater hilft ihnen aus dem Wagen -- ja, war denn das ihr Vater? Er
hat einen Ausdruck, den sie an ihm nicht für möglich gehalten hätten, so
gentlemanlike, eine so ritterliche Bewegung des Arms, die ihnen gilt!
Sie wurden unbeschreiblich verlegen.
Der Diener führte sie eine breite, steinerne Treppe hinan. Vorsaal und
Treppenhaus ganz in Weiß und Gold gehalten.
Eine große Schale vor einem hohen Spiegel mit Centifolien und Reseda,
die den Raum mit ihrem Sommerduft erfüllen.
Marie und Isolde wünschten sich weit fort.
Es war ihnen die Atmosphäre so kühl, als schlüge im Hause kein Herz!
Der Diener öffnete die Thürflügel. Isolden ist dieser Diener
merkwürdiger als alles. Er war, kam es ihr vor, da und zugleich nicht
da. So wesenlos ist ihr noch nie ein Mensch erschienen. Alles
Menschliche hatte er, Gott weiß wo, gelassen.
Auf seinem Gesicht lag die Vornehmheit des Hauses versteinert.
Sie gingen durch ein hohes helles Vorzimmer und schauten nicht recht um
sich. Die Thür nach einem andern Raum stand geöffnet. Sie traten ein und
befanden sich einer Gesellschaft von verschiedenen Personen gegenüber.
Der Theetisch war gedeckt, Gäste waren um ihn versammelt. Ein leichtes
Aroma von Cigaretten und Rosen. Es schienen den beiden Mädchen auf den
ersten Blick viel mehr Personen gegenwärtig zu sein, als es in
Wirklichkeit waren.
Eine Dame hob sich ein wenig aus ihrem Lehnsessel, beugte sich vor,
streckte den Arm aus. Gelblich indische Seide floß faltig schlank an ihr
herab. Ein liebenswürdiges Lächeln ging über das schmale, von glatt
anliegendem schwarzen Haar eingerahmte Gesicht.
»Wie gut, daß Sie sind gekommen, lieber Dichter,« sagte die Dame. »Nun,
und Ihre jungen Mädchen -- wir wollen sehn.«
Sie gab jedem der Mädchen die Hand.
Tiefe schwarze, feuchte Sammtaugen fühlten sie auf sich gerichtet, kühl,
vornehm, freundlich.
»Kommen Sie, nehmen Sie Platz, lieber Dichter.«
Isolde sah weltenweit von sich entfernt Henry Mengersen im weißen
Flanellanzug.
Sie empfand, wie er hier heimisch war.
Ein tödlicher Schreck, ein banges Schamgefühl überwältigte sie, als sie
an den Schädel daheim dachte. Die süße mystische Liebeswonne, die
bräutlich nonnenhafte Seligkeit, wie erschien ihr das alles jetzt! Den
Schädel hatte sie geliebkost ja! Die beiden Stirnen hatten dieselbe Form
-- gewiß. Sie hatte vor ihm wie im Gebet versunken gelegen. Es war ihr
so natürlich erschienen. So ein thörichtes Geschöpf wie sie war! --
Henry Mengersen wurde den beiden Mädchen vorgestellt. Er erinnerte sich
Isoldens. Sie hatten sich in einer Gesellschaft bei Freyschen Freunden
getroffen. Er reichte ihr die Hand und begrüßte sie als alte Bekannte.
Außerdem war ein ältlicher, norddeutscher Baron da, ein jovialer Herr
und eine noch junge schlanke Frau mit kleinem Kopf und kräftig voller
Gestalt, einem etwas ernsten Kindergesicht, großen Augen, kleiner Nase,
hübsch geformtem Mund. Sie schien eine angenehme Person zu sein. Ihr
weiches, braunes Haar trug sie in einem nicht geschickt arrangierten
Knoten.
Zuguterletzt rekelte sich ein, zweifelsohne, hochmoderner Schriftsteller
in seinem Stuhl. Er rekelte sich, weil das seiner Lebensanschauung
wahrscheinlich entsprach.
»Grüß Gott, Übermensch!« sagte er und schüttelte Doktor Frey
kollegialisch, aber auf eine etwas schlottrige Weise die Hand.
Ein tadelloser, aber ein wenig zu weiter Salonanzug bedeckte seine
gelenke, feingliederige, mit zartem Fett ausgepolsterte Gestalt. Die
breite, gestärkte Hemdenbrust stand in weitem Bogen aus der tief
ausgeschnittenen Weste heraus. Es war alles nicht so recht niet- und
nagelfest an ihm.
Doktor Frey aber schien mit allen, die am Tisch saßen, bekannt und
vertraut. Er hatte etwas so leicht-beweglich Mächtiges, wie eine gut
geschmierte große Maschine.
Als er sich niedersetzte, sagte er, jovial und wie im Prophetenton, eine
seiner Sentenzen: »Wir müssen alle wahr sein, wahr bis zum Äußersten --
wahr und lebensfreudig -- dann wird die Welt bald ein anderes Gesicht
bekommen.«
Jede seiner Bewegungen zeugte davon, daß er sich hier sicher und wohl
fühlte, daß er sich seines Werts bewußt, daß er ein berühmter Mann war.
Als Marie und Isolde in den eigentümlichen englischen Stühlen Platz
nahmen, empfanden sie ein lebendiges Behagen, wie sich das glatte zarte
Holz an den Körper schmiegte. Unwillkürlich strich Isolde wie liebkosend
über die Armlehne auf der ihre Hand ruhte. Sie fühlte sich so geborgen.
Wie robust lebte es sich daheim, wie häßlich und grob.
Ihren Vater ließ sie nicht aus den Augen. Er war hier wie ein anderer
Mensch. Wie zu einem Heiligen neigte sich die schöne Frau zu ihm und
fragte ihn, ob er Rum oder Citrone in den Thee wünsche. Eigenhändig
reichte sie ihm das Gewünschte und er schaute wie ein Halbgott um sich.
Isolden war etwas wie Weinen und Lachen nah. Ein erschrecklich
verquicktes Ding von einem Gefühl. Sie dachte an die Mutter daheim. Der
Thee war so duftend, die Tassen so zart, alles Gerät auf dem Tisch als
stammte es aus einer vollkommeneren Welt.
Die Mädchen saßen ganz still in ihren hellgrauen Lodenkostümen, wie zwei
graugefiederte Tauben.
Sie dachten beide an ihre Kleider, die sie im Köfferchen mitgebracht
hatten und fühlten eine wahre Sehnsucht danach.
Mrs. Wendland fuhr im leichten Plaudern fort, in dem sie, durch das
Eintreten der neuen Gäste, unterbrochen worden war. »Lu,« wendete sie
sich an die junge Frau, »man hat mich gefragt, was ich habe an dir? Was
hast du an ihr? Ich habe gesagt: das, was du hast an mir, hab' ich an
ihr. Ich bin wärmer als du, sie ist wärmer als ich. Es ist immer die
Wärme.
Und weißt du, wer hat gefragt?
Dieser Öfling!« Mrs. Wendland blickte auf den kleinen dicken Baron.
Die junge Frau sah groß auf und lachte.
»Ja,« sagte sie, »ich stehe nicht in Gnaden bei dem Baron.«
»Verehrteste!« der kleine dicke Baron machte eine wahrhaft entsetzte
Bewegung und steckte seinen goldnen Kneifer auf die Nase. »Verzeihung,
gnädigste Frau, da muß ich allerdings einen absolut anderen Zusammenhang
......«
»Mußt dich nicht bemühen, lieber Freund.«
Mrs. Wendland stand vor dem Kamin, ihre hohe schlanke Gestalt nachlässig
hingelehnt.
Sie schaute mit unergründlichen Augen auf die Gesellschaft. Über ihr lag
eine eigentümliche Ruhe, wie sie gewöhnlichen Menschen nicht eigen ist.
»Merkwürdigerweise,« fuhr sie fort, »sagte Lu dasselbe von dir, lieber
Baron: Wie kannst du verkehren mit diesen dummen Baron?«
»Mary!« rief die junge Frau ganz entsetzt.
Mrs. Wendland aber erzählte ruhig weiter: »Ich habe gesagt: Es ist ein
alter Liebhaber von mich und ich frag' ihn: Wo kaufst du das beste
Kaiseröl und ob er seine Leute auch Werktags Wein giebt -- solche Dinge
-- aber das ist das Gemütliche nicht wahr, Baron?«
»Du bist heut ja wieder von fabelhafter Freimütigkeit!«
Die junge Frau war tief errötet und etwas nervös geworden.
»Und schließlich, ist denn diese Freimütigkeit so notwendig?«
»Meine liebe Lu, Freimütigkeit ist nie unnötig. Denke, was für ein
schönes Wort: Frei! -- Mutig! -- Zum Beispiel: Ich habe das Unglück,
unter deutschen Frauen zu leben. Ich weiß nicht, womit ich das verdient
habe. Die, mit denen ich muß leben, die werd' ich nicht in ihrem Dunkel
sitzen lassen. Alle deutsche Frauen sind Kühen,« sagte sie aufseufzend.
»Das gehört eigentlich wieder unter vier Augen,« meinte Frau Lu.
»Mit deinen, >unter vier Augen<!« Mrs. Wendland lächelte.
»Was man unter vier Augen sagt, ist so gut, als ob man gar nichts sagt
-- außer in Liebesdingen -- ja dann -- natürlich. Aber alles andre ist
gut, wenn man aller Welt es sagt. Es wird bekannt. Ich sage alles, was
ich denke.«
Der moderne Schriftsteller hatte eine zarte Applaudierbewegung mit den
Spitzen seiner Finger gemacht, als Mrs. Wendland die eigentümliche
Bemerkung über die deutschen Frauen vorbrachte. Mrs. Wendland hatte dies
bemerkt.
»Und was soll ich von den deutschen Männern sagen, wenn ich muß sehen so
etwas?«
Sie umgab den Schriftsteller wahrhaft mit der ruhigen Macht ihres
Blickes. »Wenn ich sage, die deutschen Frauen sind Kühen, so ist das
etwas Trauriges und ein schlechtes Zeichen für den deutschen Mann.
Wenn ich bin freimütig und sage, was Frau Lu von meinem guten Baron
gesagt hat, so will ich, daß sie nicht soll erschrecken. Sie soll ganz
ihr selbst bleiben -- ganz ruhig in ihre Seele, nicht aus der Contenance
kommen. Eine Frau, die gethan und gelebt hat, wie Frau Lu, die so
gehandelt hat, muß souverain sein. Lu hat nie zu die Kühen gehört --
nie. Lu nie.«
Das sagte Mrs. Wendland sehr bestimmt.
»Sie ist Ausnahme, ^first class^.
Wenn ich denke an Lu, denke ich, daß sie genagelt ist an ein Kreuz mit
tausend Rosen überdeckt, so ganz überdeckt von Rosen -- ein Golgatha,
ganz in Rosen.
Niemand sieht, daß sie genagelt ist -- aber sie ist's, mit Händen und
Füßen, weil sie eine so glückliche Ehe hat, so ein Wunder von einer Ehe.
Eine wirklich glückliche Ehe! -- Nicht, was man so nennt glückliche Ehe,
das ist eine Futterehe, was man im allgemeinen nennt »glücklich«.
Aber Lus Ehe ist in Wahrheit glücklich -- und das ist ein großes
Unglück.«
Mrs. Wendland ging auf ihre Freundin zu, strich ihr über das Haar. »Arme
Lu!«
Frau Lu schlang die Arme um sie und sagte: »Aber wie viel besser es ihm
jetzt geht! -- Und er arbeitet! Wenn Gott nur einmal ein bissel neutral
bleibt.«
»Übrigens, mir fällt ein,« sagte Mrs. Wendland -- »etwas ganz anders:
Gestern geh' ich meinen Spaziergang außerhalb meinem Park und begegne
einer deutschen Familie -- zwei Männern, Kindern und eine Frau.
Die Kinder liefen voraus und die Frau war zurückgeblieben. Sie hatte
'was an die Füße und war so eine dicke Bürgerin.
>Schau,< sagt die eine Mann zu seinem Begleiter, >wie deine Alte
nachhatscht.< --
>Na, alter Kachelofen,< ruft ihr der Ehemann zu, >mach voran!<
Und die Frau schaut auf mich und lacht so gutmütig und sagt:
>So san die Mannersleut!<
So sind sie alle, da liegt das ganze »Deutsch« darin.