Wo ist denn die Marie?«

»Du hast ja dein' Schlüssel an die Uhrkett' gehängt für alle Fäll',«

sagte Isolde.

»Vorlauter Schnabel!« Der Vater blinzelte ihr zu. »Wo ist Marie?«

»Marie bügelt die Stärkwäsch,« sagte die Mutter.

»Wenn der Vater abreist, hat sie dabei zu sein; wär' net übel! Wenn wir

die Idee der Familie nicht aufrecht erhalten, wer soll's denn thun? Eins

da, das andre dort, der Vater reist ab -- kein Hahn kräht danach -- das

ist ja -- weiß Gott -- großstädtisch!

Meinen Rucksack! Marie!« donnerte er abermals.

Frau Doktor Frey war schon vordem aus dem Zimmer gegangen, um Marie zu

holen.

Jetzt traten sie miteinander ein.

»Marie, dein Vater reist ab,« sagte er mächtig.

»Ja Papa. Auf wie lang denn?«

»Drei bis acht Täg' denk ich; wenn wir das Kaisergebirg mitnehmen, acht

Täg.«

»Du Glücklicher!« sagte Marie aufatmend.

»Hat sich was >Glücklicher<! Wenn ich mich net zeig -- Teufel auch --

die tanzten mir bald auf der Nasen. --

Was ist denn das?« rief er ganz perplex.

Seine Blicke hatten den Schädel gestreift.

Frau Doktor Frey und Marie bemerkten ihn auch erst jetzt.

»Jesses! über das Mädchen!« rief die Mutter.

»'nen Kapuziner, Déesse, dumme Gans, was bedeutet denn das?«

Das Mädchen war errötet bis in die Stirnhaare.

»Zu allererst kommt es bei dem Weib darauf an, daß die Lebensfreudigkeit

gewahrt wird,« predigte Doktor Heinrich Ewald Frey wieder mächtig. »Das

ist notwendig, daß das Weib lebensfreudig bleibt.«

Ein strafender Blick streifte Frau Doktor Frey.

»Das Weib soll auch religiös sein. Ein Schädel hat immer etwas mit

Religion zu thun. -- Wenn du dir den Schädel nicht aus Verschrobenheit,

aus unverstandenem Pessimismus heraufgeholt hast, mag er bleiben.«

Marie war erblaßt.

»Ide!« sagte sie zu ihrer Schwester leise, »der soll doch net bleiben?«

»Papachen,« begann Frau Doktor Frey sanft und freundlich. »Eh' du gehst,

-- -- Karl kann sich nicht auf der Schule halten, -- ich glaub' mal

nicht. Ich war auch heut beim Direktor. Er kommt auch dies Jahr nicht

fort.«

»Es muß sich eben ein Hilfslehrer finden, um ihn wieder flott zu machen.

Emil hat's auch geleistet. Verpimple ihn nur recht! -- Was nutzt es

denn, wenn du bis in die Nacht hinein mit ihm über seinen Arbeiten

hockst? Dazu gehört 'was mehr als so ein Hennenhirn.«

In das verarbeitete Gesicht mit den schönen Formen stieg eine flüchtige

Röte auf.

»Darum eben müssen wir sorgen, daß sich jemand findet.«

»Ich werde am Kegelabend mal mit dem Direktor reden. -- Weiber sollen

die Hände aus dem Spiel lassen! Möcht' wissen, ob hinter mir immer ein

Unterrock gestanden hat. Du mit deinen paar lateinischen Brocken -- daß

i net lach! Laß den Jungen in Ruh!«

»Hättest du mich gewähren lassen,« sagte die Frau klagend, »wär Isolde

jetzt wenigstens eine Person, die etwas leisten könnte. Sie würde sich

ihr Brot bald selbst verdienen,« -- Frau Doktor Frey sprach weinerlich

-- »wär' jetzt schon bald staatlich angestellte Lehrerin.«

»Götterköpfchen, -- verdammtes,« lachte Doktor Frey -- »Déesse!

Lehrerin! daß i net lach! Die soll heiraten, Weib sein! Gar noch, daß

ich meine Bamsen zu so 'was auf die Welt gesetzt hätt'.

Ja wohl, Lehrerin oder Gott weiß was noch!

Das Weib ist eben Weib. Wenns net Weib genug ist, um nur Weib zu sein,

soll man's tot schlagen!«

»Aber was soll ich denn mit Karl machen?« fragte Frau Doktor Frey

wieder.

»Siehst du net, daß augenblicklich die unpassendste Zeit für dein

Gegraunz ist? Willst du mir alle Bamsen gerad jetzt auf den Buckel

hängen? Sapperlot, höchste Eisenbahn!«

Er fuhr mit den Armen in die Träger des Rucksackes, griff nach dem

Köfferchen -- und war mit viel Geräusch und Gepolter zur Thür hinaus.

Tiefe Stille, als hätte sich ein Sturm gelegt.

»Weißt du, wie wir vor drei Jahren in Kramsach waren?«

Marie schaute sehnsüchtig zum Fenster hinaus, dem Vater nach.

»Alle von unsern Bekannten gehen aufs Land.«

»Ja, mein Gott,« sagte die Mutter, »daß trägts uns heuer nicht. Daß die

Buben auch gar so viel kosten.«

»Ja, wenns nur ein grünes Fleckchen wär, auf das man schaute!«

Das war wieder die weiche, weiche Stimme.

»Gehen wir heut wenigstens durch den englischen Garten?«

»Ja, wenn ich nicht auf Karl warten müßt. Wo bleibt der denn nur? der

hat ja noch die schwere Menge zu thun!«

* * * * *

Karl kam erst spät heim. Sie hatten lange mit dem Abendessen auf ihn

gewartet.

Er war bei Emil gewesen, der auswärts wohnte und Emil hatte gerade

einige Kameraden auf der Bude gehabt.

Die Mutter seufzte, sie dachte sich ihr Teil.

»Das solltest du doch nicht, bevor du deine Arbeiten gemacht hast, zu

Emil gehen. Die setzen dir Gott weiß was in den Kopf, Karl. Studenten

sind kein Verkehr für dich.«

»Mama,« sagte der Bub, »red' doch net.«

Er sprach nachlässig, schläfrig. Seine Backen sind außerordentlich

ausgebildet und engen ihm die Mundwinkel ein, so daß der Mund etwas

sonderbar Säuglinghaftes an sich hat, trotz einer gewissen bräunlichen

Färbung, die ihn umgiebt und die mit einigen Härchen bepflanzt ist.

»^Mulier taceat in ecclesia^,« sagt der Bursche und schiebt ein großes

Stück Butterbrot mit Wurst zwischen die Lippen.

»Was hat er gesagt?« fragt Isolde.

»Das Weib schweige ...... und so weiter,« übersetzt der liebenswürdige

Bruder patzig.

»Zur Mutter hast du das gesagt?« fragt Isolde ganz bleich.

»Bäh!« macht der Bruder. Und im Nu hat er von Isoldes Hand eine so derbe

Ohrfeige, daß seine etwas gelbe Wange stark gerötet ist.

»Mama, wie kannst du dir das von dem Flegel gefallen lassen?«

Karl stürzt wutbleich auf Isolde, die weiß sich aber zu wehren.

»Laß ihn doch,« ruft Frau Doktor Frey, »erbittere ihn nicht. Du weißt,

er muß heut abend noch arbeiten.«

»Ja wohl, ich soll mich schließlich von dem Bengel wiederhauen lassen!

Jetzt müßte noch Emil kommen, der Großhirnmensch, der vor lauter

Intelligenz nächstens durch das Examen purzeln wird.«

»Bst -- bst!« machte die Mutter, »Friede -- Friede -- Bedenke, daß du

ein Mädchen bist.«

»Was soll man da bedenken? Daß i net lach!« sagte sie ganz wie ihr

Vater.

* * * * *

Am Abend, beim Ausziehen, als sie sich in ihrem Zimmer eingeschlossen

hatten und die Mutter noch neben Karl in der Wohnstube saß, um den

schläfrigen Burschen beim Arbeiten zu überwachen, gab es eine sonderbare

Szene zwischen den Schwestern.

»Ide göh«, sagte Marie, »thu' mir die große Lieb -- schaff' den da fort.

Ich kann net schlafen, glaub mir. Ich mein, er lebt und wenn wir die

Augen zumachen fliegt er im Zimmer 'rum und poltert an die Wand.«

Sie hatte ihren Kopf an Isoldes Wange gelehnt.

Da gewahrte sie, daß Isolde heiße Thränen weinte.

»Na, was denn?«

»Sammtaff, lieber,« bat Isolde, »laß ihn mir! Es geschieht dir ja

nichts. Er thut ja nichts -- und mich freut's so.«

»Wie kann denn dich das freuen,« fragte Marie ganz betreten.

Isolde aber weinte so wild und schluchzend. »Ich möcht nur wissen, was

man vom Leben hat -- so was Fad's! Bei uns is man so wie so geschlenkt.

Es könnte ganz anders sein. -- Weißt du was ich glaub? -- Mama is dumm!«

Isolde schluchzte herzzerreißend. »Ide, Mama ist ein Engel! -- thu keine

Sünd.«

»Ja, eben ein Engel. Wer sagt dir denn, daß ein Engel net dumm ist!

Weißt du, es ist komisch, aber manchmal kommt es so: da möcht ich den

Leuten ins Gesicht schlagen.

Alle kriechen sie -- alle -- wenn man's auch gar nicht merkt. Keins sagt

und thut was es will!

Wir bilden uns nur ein, daß die Leut' auf zwei Beinen gehn. Auf vieren

gehen sie, -- sie kriechen alle.

Mama liegt glatt auf dem Leib -- überhaupt fast alle Frauenzimmer -- du

auch -- du erst recht! Und die Männer erst! O Gott! -- und wie!

Und was sie im Grund genommen für philiströse, heuchlerische

Institutsvorsteher sind, wenigstens uns gegenüber.

Dann möcht ich noch auf jeden blank gewichsten Cylinder spucken, mitten

darauf, wenn unter den Fenstern so einer vorübergeht -- mitten auf die

kleine, blankgebürstete Sonne, die oben spiegelt. So eine dumme, steife,

kleinliche Sonne.

Ach, wie mich das alles aufbringt.

Und das Häßliche, mit dem man sich umgiebt!

Und das nennt man Leben!

Schau her, so ein Gelump wie da herumsteht!

Alles zum Fenster naus! Zum Kämmen ein widerlich riechender

Kautschukkamm. -- Ah! -- die riechen alle und machen elektrische Funken!

Pfui! -- Gold muß es sein oder Elfenbein -- dann!

Aber was ist das hier -- von allem das Geringste, das Schäbigste. Talmi

und unechte Spitzen!

Halbtier: Roman · 第 4 / 54 题