Elftes Kapitel

»Wissen Sie das Neuste!« rief mir eine meiner Konkurrentinnen auf dem

Kampfplatz weiblicher Eitelkeit zu, als wir gerade in der Quadrille

einander gegenüber standen; »Prinz Hellmut ist -- krank und hat sich auf

ein Jahr beurlauben lassen,« -- dabei lächelte sie, halb triumphierend,

halb schadenfroh, wie eben nur eine Frau lächeln kann.

»Ich weiß, er trug sich schon lange mit diesem Plan,« antwortete ich mit

vollkommener Ruhe.

An dem Abend tanzte ich bis zur Erschöpfung und hatte für alle ein

liebenswürdiges Wort, einen koketten Blick, so daß die Kotillonsträuße

auf meinem Schoß sich häuften wie noch nie. Als ich aber zu Hause am

offenen Fenster stand und die würzige Märzluft das schwüle Zimmer mit

einer Ahnung neuen Frühlings füllte, warf ich mit einem Gefühl des Ekels

das glitzernde Ballkleid, die künstlichen Rosen, die seidenen Schuhe von

mir.

»Ich kann nicht mehr,« sagte ich zu mir selbst; alles erinnerte mich

hier an die Vergangenheit, jeden Blick, jedes Lächeln empfand ich, als

ob schmutzige Hände mich betasteten. Ich mußte fort, weit fort!

Es kostete mich nur geringe Mühe, meine Eltern zu bewegen, mich

verreisen zu lassen. Die gesellschaftlichen Pflichten waren für diesen

Winter erledigt, meine Gesundheit bot stets willkommenen Vorwand zu

frühen Landaufenthalten; es bedurfte nur einer Ansage, und ich konnte

schon in den nächsten Tagen in Pirgallen eintreffen. Unter dem Schutz

einer Bekannten, deren Anwesenheit mich zur Selbstbeherrschung zwang,

fuhr ich nach Berlin, wo Onkel Walter, der zum Reichstag dort war, mich

in Empfang nahm.

»Na, du machst ja nette Streiche,« war sein erstes Wort. Peinlich

überrascht sah ich auf. »Wir hatten dich eigentlich ein paar Wochen hier

behalten wollen,« fuhr er fort, »aber deine Affäre ist so sehr in aller

Munde, daß es besser ist, wir lassen Gras darüber wachsen, ehe du dich

zeigst.« Seine Frau benützte die Gelegenheit, um über meine »mißglückten

Pläne«, meinen »bestraften Ehrgeiz« kleine bissige Bemerkungen zu

machen, so daß ich erleichtert aufatmete, als ich im Zuge nach

Königsberg saß.

Mit einer Zärtlichkeit, die mir noch inniger schien als früher, und die

das einzige war, wodurch Großmama mir ihr Wissen verriet, schloß sie

mich in die Arme. Es war so still, so friedlich in ihren grünen Zimmern,

hinter den dicken Mauern, als ob es in der ganzen Welt gar keine Stürme

gäbe. Aber schon nach wenigen Tagen sollte ich an sie erinnert werden.

Gleichzeitig kamen von meinen Eltern zwei Briefe an. Ich öffnete den von

Mama zuerst -- ich fürchtete mich instinktiv vor dem anderen.

»Dein Vater«, schrieb sie, »ist in einer solchen Aufregung, daß ich es

für nötig halte, seinen Brief nicht ohne den meinen abgehen zu lassen.

Die Versetzung nach Bromberg traf ihn wie der Blitz aus heiterem

Himmel. Wenn sie auch gewiß keine direkte Zurücksetzung bedeutet, so

hängt sie sicherlich mit Deiner traurigen Angelegenheit zusammen, die

höhern Orts nicht unbemerkt und nicht ungerügt bleiben konnte. Möchtest

Du daraus endlich die Lehre ziehen, daß Du Deine Launen und

Leidenschaften im Zaum halten mußt, wenn Du nicht Dich und Deine Eltern

zugrunde richten willst ...«

Mit zitternden Händen riß ich Papas Brief auf. Er lautete:

»Mein liebes Kind! In der Bibel steht, daß die Sünden der Väter an den

Kindern heimgesucht werden, aber die andere bittere Wahrheit, die ich am

eignen Leibe erfahren muß, steht nicht darin: daß die Väter für die

Sünden der Kinder büßen müssen. Ich bin zum Chef der Landwehr-Inspektion

in Bromberg ernannt worden, -- das ist nichts anderes als eine

ehrenrührige Strafversetzung, die ich mit meinem Abschiedsgesuch

beantworten würde, wenn ich nicht genötigt wäre, weiter zu dienen, um

meine Familie zu erhalten ...«

Ich konnte der Tränen nicht Herr werden, als ich Großmama die Briefe zu

lesen gab. Mit ihrer schmalen kühlen Hand strich sie mir über die heiße

Stirn und sagte begütigend: »Dein Vater übertreibt in der Erregung gern

ein bißchen, mein Alixchen; es ist gewiß nicht so schlimm, wie es ihm

erscheint, und du wirst es ihm nun auch tapfer und liebevoll tragen

helfen.« Aber ich ließ mich nicht so leicht beruhigen. Ich schwelgte

förmlich im selbstquälerischen Bewußtsein einer Schuld, die mir doch

nicht als bewußte Verschuldung erscheinen konnte.

»Es ist mein Schicksal, allen, die mich lieben, Unglück zu bringen --«

so formulierte ich eines Tages Großmama gegenüber das Resultat meiner

Grübeleien. »Das ist eine kindliche und -- was schlimmer ist -- alle

Kräfte lähmende Auffassung,« antwortete sie: »tragische Heldinnen

solcher Art gibt es nur in Schicksalstragödien, die auch als Kunstwerke

nichts taugen.«

Mit einem unmerklichen Zwang, dessen Konsequenz mir erst viel später

klar wurde, lenkte sie mich von der Beschäftigung mit mir selber ab.

Sie hatte einen Kinderhort ins Leben gerufen, wo die noch nicht

schulpflichtigen Kleinen unter Aufsicht einer alten Frau aus dem Dorfe

spielten und in die ersten Begriffe der Reinlichkeit eingeweiht wurden.

Großmama brachte täglich ein paar Stunden unter ihnen zu und saß, wie

eine Erscheinung aus anderer Welt in ihrem schwarzen Sammtkleid auf

erhöhtem Sitz, mit den feinen Fingern Papierpuppen ausschneidend,

während sie den Flachsköpfen, die sie dicht umdrängten, Märchen

erzählte. Dazwischen flocht sie manchem Ruschelkopf die Zöpfe, oder

putzte ein triefendes Näslein, oder wusch ein paar gar zu schmutzige

Pfötchen. Was sie mit freundlichem Gleichmut tat, das kostete mir viel

Selbstüberwindung. Diese Kinder straften die beruhigend-sentimentale

Auffassung von der blühenden ländlichen Jugend Lügen. Nur wenige waren

rund und pausbäckig und körperlich fehlerlos. Die meisten wackelten

mühsam auf krummen Beinchen daher, an Ausschlägen an Kopf und Körper, an

triefenden Augen litten viele, selbst Krüppel fehlten nicht, und mit

Schmutz und Ungeziefer waren fast alle behaftet. Manche unter ihnen

stierten mit verblödeten Blicken ins Leere, oder saßen stundenlang auf

demselben Fleck, wie lebensmüde Greise. Andere, laute und lärmende,

führten Worte im Munde, deren Sinn, den ich erst allmählich erriet, mir

die Schamröte in die Wangen trieb. Ob es ihnen wirklich irgend etwas

nutzen konnte, daß sie hier während ein paar Kinderjahren vom inneren

und äußeren Schmutz ein wenig gereinigt wurden?! dachte ich bei mir und

wurde in meiner Vermutung bestärkt, wenn sich ihre eigenen Mütter immer

wieder über die gesundheitsschädliche Anwendung zu vielen Wassers

beklagen kamen.

»Und wenn wir nichts weiter erreichten, als ihnen ein paar fröhliche

Stunden schaffen und für ihr ganzes späteres Leben die wohlige

Erinnerung an etwas Sonnenschein -- so ist das genug,« sagte Großmama.

Wir gingen auch ins Dorf und besuchten die Insten. Mit unheimlicher

Regelmäßigkeit wiederholte sich dabei stets dasselbe: Frauen empfangen

uns, oft kaum dreißigjährig und schon mit grauen Haaren, schlaffen

Brüsten und runden Rücken, Greisinnen unter ihnen, zahnlose, mit tausend

Falten in der Pergamenthaut, aber nur hie und da blühende junge Mädchen.

Die gingen alle in die Stadt, in den Dienst oder in die Fabrik, und

brachten, wenn sie heimkamen, vaterlose Würmchen mit, die die alten

Eltern schlecht und recht aufziehen mußten. Immer warens dieselben

Klagen, die uns entgegenschollen: der Vater, der Gatte, der Sohn

vertrank die paar Groschen Verdienst und lohnte Weiber und Töchter

obendrein mit Schlägen, wenn Schmalhans zuhause Küchenmeister war.

Nicht weniger als drei Schankwirte machten sich in Pirgallen die Gäste

streitig. Der scharfe Geruch von Fusel, schlechtem Tabak und

Menschenschweiß, der in ihren Räumen klebte, ließ mir vor Ekel den Atem

stocken, und doch war der Aufenthalt dort noch besser, als in der

Stickluft der Häuser, zwischen lärmenden Kindern und keifenden Frauen.

Mich grauste vor jedem Trunkenbold, -- jetzt fing ich an, ihn zu

verstehen. Vergebens hatte Großmama bei ihrem Sohn die Einrichtung von

Leseabenden, die Einführung guter Bücher für Pirgallens Bewohner zu

erreichen gesucht, damit sie den Weg ins Wirtshaus seltener fänden. »Das

hieße Bedürfnisse wecken, die schließlich zur Landflucht treiben,« war

seine Antwort gewesen.

Nur weiter draußen, wo die Häuser der Fischer einsam am Haffstrand lagen

und die grauen Wellen jetzt im März noch Eisschollen auf ihrem Rücken

trugen, lebten die Familien nach uraltem Brauch friedlich zusammen. Die

kurze Pfeife in Mund, flickte der Hausvater die Netze, und die Hausfrau

saß am Webstuhl, schweigsam wie er. Kam der Feierabend, so las der Alte

aus der vergriffenen Bibel mit schwerer, eintöniger Stimme, und ein

Gebet schloß den Tageslauf. Und doch kam mirs hier unheimlicher vor als

im Dorf. Hier herrschte noch mit eiserner Strenge das Gesetz der

Unterordnung der Kinder unter den Willen der Väter. Jeder Wunsch in die

Ferne wurde erstickt, zerprügelt, jede lebenswarme Freude starb, wenn

sie hier in die Türe trat.

Wir kamen nie mit leeren Händen, der Dank war immer ein

überschwenglicher, der nicht im Verhältnis zur Gabe stand. Mochte er nun

von Herzen kommen oder verlogen sein, mir war er gleich unerträglich.

Großmama meinte, daß ich durch sein Abwehren beleidigend wirkte.

»Ich kann nicht anders, Großmama,« sagte ich, »wenn ich der armen Lene

eine Suppe bringe, so schäme ich mich, daß ich mich am liebsten vor ihr

verstecken möchte. Warum in aller Welt bin ich nicht die Lene?!«

»Daß du es besser hast, mußt du mit besser sein vergelten,« entgegnete

sie ernst. Meine Empfindung aber steigerte sich nur. Das Rätsel des

Elends in der Welt und seine Unlösbarkeit richtete sich riesengroß vor

mir auf, ein Felsentor mit schwarzer Eisenpforte. Rostflecke bedeckten

sie und Blut klebte an ihr, -- Zeichen der vielen, die an ihr rüttelnd

vergebens Eingang verlangt hatten. Niemand besaß den Schlüssel, und der

Glaube, der über sie hinwegträgt zu sonnigen Welten jenseitiger

Vergeltung, war mir verloren gegangen.

Abends lasen wir miteinander, Großmama und ich. Die stenographischen

Berichte der Reichstagsverhandlungen, die sie durch ihren Sohn

regelmäßig erhielt, bildeten damals ihre Lieblingslektüre. Mich

langweilten sie zunächst schrecklich, ich verstand ja nicht einmal das

ABC der Sache. Daß Bismarck, den wir alle wie einen Halbgott verehrten,

sich mit der ganzen Leidenschaft seiner Sprache, dem ganzen Gewicht

seiner Persönlichkeit für etwas, meiner Empfindung nach so

Untergeordnetes, wie das Branntweinmonopol ins Zeug legte, kam mir

komisch, ja fast verächtlich vor. Erst als Ende März die Frage der

Verlängerung des Sozialistengesetzes auf der Tagesordnung stand, wuchs

mein Interesse mit der dramatischen Bewegtheit der Verhandlungen.

Meine Großmutter war von je her eine Gegnerin aller Ausnahmegesetze

gewesen, mochten sie sich nun gegen Polen oder gegen Sozialdemokraten

richten. »Sie schaffen nur Märtyrer, und Märtyrer werben Scharen von

Proselyten,« pflegte sie zu sagen; aber sich mit Söhnen oder

Schwiegersohn, denen keine Maßregel gegen die Umstürzler energisch genug

war, darüber auseinander zu setzen, hatte sie längst aufgegeben. Mir

selbst ging es in bezug auf die Sozialdemokratie, wie den meisten

Menschen in bezug auf die Religion: ich hatte noch nie über sie

nachgedacht, ich vermochte es kaum, weil gewisse dogmatische

Anschauungen sich mir von klein auf als etwas Selbstverständliches

eingeprägt hatten, ohne daß mein Glaube daran ein irgendwie lebendiger

gewesen wäre. Sozialdemokraten sind Verbrecher, auf deren

ungeschriebenen Tafeln der Königsmord zum Gesetz erhoben wird; sie sind

gemeine Lüstlinge, die ein Leben niedrigster Genüsse zum Ziel alles

Strebens machen; sie sind Volksverführer und Betrüger, die, wo es ihren

Vorteil gilt, die Ideale der Freiheit und Brüderlichkeit im Munde

führen, -- nie hatte ich etwas anderes gehört, noch nie war mir ein

Zweifel an diesen traditionellen Auffassungen in den Sinn gekommen. Die

kalte Atmosphäre der Ideallosigkeit, in der auch die Religion zu Eis

erstarrte, und die die Lebensluft der Kreise war, in denen ich lebte,

ließ mich immer stärker frösteln, je älter ich wurde, und steigerte

meine Sehnsucht nach einem heißen Sonnenland des inneren Lebens, wo

Hoffnungsblumen noch wachsen können. Die Sozialdemokratie, die auf

unseren alten Kaiser die Mordwaffe gerichtet hatte, die das Vaterland

ständig beschimpfte, die Familie zerstören, die Frauen zum Gemeingut

machen wollte, erschien mir wie die letzte Entwicklungsphase der

Vereisung. Es gab daher Augenblicke, wo ich meinem Vater und meinem

Onkel mehr beipflichtete als meiner Großmutter und deren Wunsch, »die

infamen Kerls an den Laternenpfählen aufzuknüpfen«, mich nicht empörte.

Mit steigendem Staunen las ich jetzt die Debatten. Als der Minister von

Puttkamer, -- der mir als kirchlicher Reaktionär schon unangenehm genug

war, -- die gegen die Übermacht reicher Fabrikanten um ihr Brot

kämpfenden belgischen Kohlenarbeiter, von denen damals die Presse voll

war, als Beispiel jener »sozialrevolutionären Bewegung« hinstellte, der

die deutsche Regierung »mit niederschmetterndem Widerstand begegnen«

würde, frappierte mich diese Identifizierung armer darbender Arbeiter

mit den deutschen Sozialdemokraten außerordentlich, und als Bebel

antwortete, vergaß ich über alledem, was er sagte, die Person des

Redners. Daß der Übermut der durch die Arbeit der Armen reich gewordenen

belgischen Fabrikanten und die Unterstützung, die die Regierung ihnen

angedeihen ließ, indem sie mit militärischer Gewalt wie gegen

Vaterlandsfeinde gegen die Bergarbeiter vorging, die revolutionäre

Bewegung hervorgerufen hätte, -- hervorrufen mußte, weil Menschen auf

die Dauer keine stumpfsinnigen Sklaven sind, ebenso wie die Herrschaft

der Knute in Rußland notwendig den Meuchelmord zeugte, -- das alles

wirkte auf mich mit der Selbstverständlichkeit eigenster Gedankengänge,

und mich empörte die versteckte Absichtlichkeit, mit der dem Redner die

Worte im Munde verdreht wurden und seine politischen Gegner ihm immer

wieder unterstellten, er habe den Mord verherrlicht. Ich fiel erst

wieder -- und recht empfindlich -- aus den Himmeln meiner Begeisterung,

als Stöcker von den elenden Löhnen Berliner Mäntelnäherinnen sprach, und

Singer, der Parteigänger Bebels, der sich mir eben als Vertreter aller

Unterdrückten offenbart hatte, dem persönlichen Vorwurf, daß er selbst

durch solche Löhne reich geworden sei, nur mit lahmen Ausreden

begegnete.

»Es ist wie bei den Predigern des Christentums,« sagte ich, wie immer

rasch verbittert durch eine Enttäuschung, zu Großmama, »richtet euch

nach meinen Worten, aber nicht nach meinen Taten.« Und erheblich

ernüchtert las ich weiter. Aber schon wenige Seiten später schlug meine

Empfindung abermals um, -- es war eben nur Empfindung, die sich wie

Sommerfäden vom Winde hin und her treiben ließ, weil sie nicht zwischen

die festen Pfeiler der Erkenntnis gesponnen war. Ein konservativer

Redner verlas ein Zitat aus dem Kommunistischen Manifest, wonach die

Weibergemeinschaft eines der Postulate der Sozialdemokratie wäre. Aus

Liebknechts Erwiderung ergab sich, daß es sich auch diesmal um eine

gegnerische Fälschung handelte. Seinem ganzen Inhalt nach gab er das

Manifest wieder. Ich faßte nur auf, was mich am tiefsten traf: die

Forderung einer von ökonomischen Rücksichten vollkommen losgelösten Ehe.

Wurde nicht hier die Standarte eines Ideals aufgerichtet, das die ganze

christliche Zivilisation nicht nur nicht verwirklicht, sondern mehr und

mehr in den Staub getreten hatte?!

Ich sprach mit Großmama darüber.

»Das ist das Verdienst der Sozialdemokratie,« sagte sie, »über das man

manche ihrer Sünden vergessen könnte, daß sie alte wahrhaft christliche

Ideale in ein neues Kleid gesteckt hat und die Menge glauben läßt, es

handle sich auch um neue Körper. Aber eine Verwirklichung kann sie

trotzdem nicht dekretieren. Jahrhunderte einer christlichen Erziehung

und Gesetzgebung gehören dazu. Sieh dir doch hier einmal die Menschen

an. Schon die Verwirklichung einer uns so geläufigen Forderung, wie die

des allgemeinen Stimmrechts, erscheint angesichts ihrer verfrüht. Oder

meinst du, daß es zum Besten der Menschheit ist, wenn die Mehrheit, d. h.

heute noch die Schlechten, die Dummen und Rohen, an ihrer Spitze

stehen?« Ich verstummte vor diesem Argument: unsere betrunkenen

Instleute -- entscheidende Faktoren in Fragen der Kulturentwicklung, das

war zweifellos absurd.

Von Disraelis »Sybil« und Zolas »Germinal« hatte Liebknecht in derselben

Rede gesprochen. Wir lasen daraufhin beides: das schwächliche Werk des

Engländers, das nur darum erstaunlich war, weil ein Premierminister sich

so offen auf die Seite der »schwarzen Arbeiter« hatte stellen können,

und den Roman des Franzosen, der mir täglich neue Schauer des Entsetzens

über den Rücken jagte, dessen fürchterliche Bilder mich bis in meine

Träume verfolgten. Ich sah die Maheude auf dem Schlachtplatz vor dem

Schacht neben dem toten Mann im schwarzen Schlamme sitzen und Katherine

und Etienne tief in der dunkeln Grube, wo gurgelnd das Wasser höher und

höher an ihnen emporstieg, und der Hunger mit kalten Knochenfingern

ihren Leib zusammen schnürte, während der gedunsene Leichnam des

gemordeten Rivalen wieder und wieder von den Wellen zu ihnen empor

getragen wurde; -- aber fürchterlicher, als all diese Bilder, haftete

ein anderes unauslöschlich in meinem Gedächtnis: jener grauende Morgen,

an dem sich vor dem wieder geöffneten Schacht scheu und gebückt, still

und demütig all die zusammen fanden, die eben noch für ihre Freiheit

Leib und Leben eingesetzt hatten. »Was willst du -- ich hab ein Weib!«

sagten sie müde, »ich habe Kinder -- eine Mutter -- mich hungert;« und

die Maheude, die Furie des Aufstands, zählte schon die Jahre ihrer

Jüngsten, bis auch sie reif wären zur Einfahrt, -- »sie tragen alle ihre

Haut zu Markte, die Reihe kommt auch an sie!« -- Daß es Hunger und Not

und Elend gab, -- entsetzlich war es; entsetzlicher noch, daß die

Menschen es ertrugen.

Inzwischen war über Nacht mit all seiner Herrlichkeit der Mai ins Land

gezogen, und vorbei wars mit der Stille in Großmamas grünem Zimmer. Ihr

Sohn und die Seinen kehrten heim, und ein Taubenschlag war aufs neue das

alte Schloß von Pirgallen. Ich wars zufrieden; ein Netz von Schwermut

schnürte mir den Atem ein, leer, zweck- und ziellos erschien mir das

Leben, und alle Mittel versagten, um mir selbst zu entfliehen.

»Ich habe in letzter Zeit wieder so unter den einsamen Grübelstunden

gelitten und war so am Ende alles Denkens angelangt,« schrieb ich an

meine Kusine, »daß der Trubel der Gefälligkeit gerade zur rechten Zeit

kam; ich muß in diesem betäubenden Meer des Vergebens wieder

untertauchen, um nicht zu sterben vor Melancholie.« Und ein paar Wochen

später: »Wenn man mit sich und der Welt so zerfallen ist wie ich, so ist

es das Beste, nicht zur Besinnung zu kommen. Ich genieße das Leben, so

lange ich jung bin und man mir huldigt, und betäube die warnenden

Stimmen im Innern. Ich reite, ich rauche, ich bin kokett, ich mache

extravagante Toiletten und erlaube mir Dinge, die man zu verdammen

pflegt, -- aber ich würde mir auch nichts daraus machen, wenn ein Sturz

vom Pferde, ein Umschlagen des Kahns dem dummen Spaß ein Ende machen

würde.«

Mit einer gewissen kalten Neugier beobachtete ich meine steigende

Anziehungskraft auf die Männer. Ihre Huldigungen wurden mir mehr und

mehr zum Bedürfnis; von ihrer Glut sprangen warme Wellen zu mir hinüber,

die mir zuweilen die Wohltat eigenen Feuers vortäuschten.

An meinem Geburtstagsabend, nach einem durchtanzten und durchspielten

Tag, an dem ich mir aus lauter Angst, an die Vergangenheit denken zu

müssen, keinen Augenblick Ruhe gegönnt hatte, schrieb ich an Mathilde,

die sich gerade im Harz befand und mich dringend in die »Stille der

Bergwelt« eingeladen hatte: »Die Stille mag gut sein für den, der sich

gern erinnert, unsereins braucht die ewig knarrende Tretmühle des

Amüsements. Aber grüß mir immerhin den Harz; seine Berge sind freilich

Kinderspielzeug, seine Felsen eines nichtsnutzigen Engels schlechte

Kopien von Gottvaters Wunderwerken, aber er hat einen Vorzug: die nahe

Beziehung zur Hölle, nach der ich ein unbändiges Verlangen trage. Wenn

der Teufel auf dem Brocken seinen Repräsentationsball gibt, sag ihm, er

soll mich nicht vergessen. Er wird dir dankbar sein für deine

Kupplerdienste, -- ich bin momentan geradezu eine Delikatesse für ihn.«

Wir siedelten bald darauf nach Kranz über, wo mein Onkel eine geräumige

Villa dicht am Strand gemietet hatte. Das reizende Seebad

war überschwemmt mit dem Adel Ostpreußens, und mit jener

Selbstverständlichkeit aller Bevorrechteten, die sich unbewußt immer als

Mittelpunkt des Weltganzen fühlen und die übrige Menschheit nicht anders

ansehen als ihre Kammerdiener, vor denen man sich auch ungeniert gehen

lassen kann, dominierte unser großer lustiger Kreis überall: wir nahmen

die besten Plätze ein, die besten Schiffe beanspruchten wir, und wir

dachten nicht im entferntesten an die Ruhebedürftigkeit anderer

Badegäste, wenn wir bis tief in die Nacht hinein im Kursaal tanzten und

vom Strand aus prasselnde Feuerwerke gen Himmel steigen ließen. Unsere

alten Herren saßen bei Regen und Sonnenschein beim Skat und kümmerten

sich wenig um uns, so daß die Jugend sich doppelt des Lebens freute. Ein

kleiner Graf, den wir, wegen seiner frappanten Ähnlichkeit mit den

dünnen Spieläffchen aus Seide, den Chenille-Grafen getauft hatten, gab

den Ton an. Er war häßlich, aber ungemein gewandt und graziös, seine

Schlagfertigkeit, sein beißender Witz, der nicht frei von Zynismus war,

seine chevalreske Art Damen gegenüber, die einen Stich von Impertinenz

besaß, seine vielseitige künstlerische Begabung, die überall im

leichtfertigen Dilettantismus stecken geblieben war, machten ihn in

diesem Kreis zu einer nicht alltäglichen Erscheinung. Eine »Partie« war

er nicht; er konnte sich daher onkelhafte Freiheiten gestatten, und für

mich, die ich, wie er, nichts suchte als Amüsement, war er der gegebene

Kavalier.

Eines abends -- wir saßen wie gewöhnlich im Sande und spielten

Pfänderspiele -- mischte sich ein neuer Gefährte in unseren Kreis: Graf

Göhren. Er erschien mir sofort als des lustigen Chenille-Grafen direktes

Widerspiel, gemessen in den Bewegungen, etwas ungeschickt sogar,

ernsthaft, ein wenig verlegen. Wie ein guter, treuer Pinscher sah er

aus, mit runden erstaunten Augen. Mich genierte seine Anwesenheit, ich

wußte nicht recht, warum. Es fügte sich in den folgenden Tagen, daß wir

uns näher kennen lernten, und als wir einmal auf einem Spaziergang in

den Dünen vor einem Gewitter die Flucht ergriffen und, von der übrigen

Gesellschaft getrennt, in einem verlassenen Pavillon Schutz suchten,

legte er mit ungewöhnlich sorglicher Gebärde seinen Mantel um meine

Schultern. Ich wurde bis ins Innerste warm dabei, -- es tat so wohl,

sich unter gutem Schutz zu wissen! Abends am Strande war ich nicht recht

bei der Sache und horchte erst auf, als der Chenille-Graf mit einer

Gitarre unter dem Arm auf mich zu trat. »Nun hab ich für Ihr Lied die

Melodie gefunden, Gnädigste,« sagte er, »wenn wir das anstimmen, kriegen

die Kranzer eine Gänsehaut vor Entsetzen.« Mein Lied?! Ach so! -- vor

ein paar Tagen hatte er mein Notizbuch gefunden, und keck, wie er war,

zum Lohn ein Gedicht begehrt, daß er darin entdeckt hatte. »Darf ich es

sehen?« frug Graf Göhren. Seine Stirn runzelte sich, als er es las. »Sie

werden es nicht singen lassen« -- sagte er darnach mit scharfer Betonung

zu mir gewandt. »Erlauben Sie, lieber Graf,« warf der andere lächelnd

ein: »Fräulein von Kleve hat sich des Rechts darüber schon begeben.« --

»Es bleibt trotzdem ihr Eigentum, und ich versichere Sie, daß es

niemand anders hören wird --«. Graf Göhrens Stimme nahm einen drohenden

Klang an, die Situation wurde kritisch. Mir stieg das Blut zu Kopf, --

mit welchem Recht verfügte dieser Mann über mich?! Da sah der

Chenille-Graf mich mit seinem bezauberndsten Lächeln und einem kecken

Blinzeln seiner kleinen stechenden Augen an: »Ich beuge mich

selbstverständlich, wie immer, dem Willen der Dame«, -- und

herausfordernd griffen seine schmalen gebräunten Finger in die Seiten

der Gitarre. »Sie brauchen wirklich nicht um mein Seelenheil besorgt zu

sein; Graf Göhren,« spottete ich, »wenn mein Lied Sie chokiert, steht es

Ihnen frei, nicht zuzuhören!« Mit kurzer Verbeugung reichte er mir das

Papier. Es hatte zu dämmern angefangen, und unsere Gefährten strömten

von allen Seiten zum gewohnten Platz. Eine Bowle, ein paar Torten, das

Ergebnis einer verlorenen Wette, wurden von der Strandkonditorei

herunter getragen, -- »und nun kommt das Beste!« rief der Chenille-Graf,

»unser künftiges Bundeslied:«

»Stoßt an mit mir! Füllt wieder die Pokale,

Es schäumt der Wein, schäumt wie des Lebens Lust;

Ein heitrer Sinn ziemt diesem Göttermahle.

Im Fieber schlägt das Herz uns in der Brust,

Laßt uns, damit die Sorgen uns versinken,

Trinken!«

Die Herren im Kreise wiederholten den Refrain, die Damen schwiegen.

»Lind ist die Nacht, es duften süß die Rosen,

Heiß ist der Mund, der sich auf deinen preßt;

Noch ist es Zeit, zu lieben und zu kosen,

Noch sei ein jeder Augenblick ein Fest.

Laßt uns, so lang die Sommerblumen sprießen

Genießen!«

Auf der Strandpromenade hinter uns sammelte sich das Publikum. Von einer

flackernden Laterne matt erhellt, sah ich Göhrens Gesicht mitten

darunter, und ihm zum Trotz stimmte ich als einzige unter den jungen

Mädchen, deren Wangen sich vor Verlegenheit mehr und mehr röteten, in

den Refrain ein.

»Es braust das Meer, das Schiff schwankt auf und nieder,

Helljubelnd grüßen wir den Wellenschaum,

Der Sturm singt uns das schönste aller Lieder

Und wiegt uns ein zu wild-bewegtem Traum --

Was ist das Ende, wenn die Wellen branden? --

Stranden!«

Mit einem Akkord fanatischer Lebensfreude, der mir in seiner grellen

Dissonanz zu den Worten schmerzhaft ins Herz schnitt, schloß der Sänger.

Man drängte sich um uns, die Gläser klirrten aneinander, ich hob das

meine noch einmal hoch empor wie zum Gruß an den mißgünstigen Zuschauer,

der unter der Menge verschwand.

»Du hast dir wiedermal eine der besten Partien verscherzt,« sagte Onkel

Walter am Morgen ärgerlich zu mir; »Graf Göhren ist abgereist.« Ich

zuckte gleichgültig die Achseln. »Du solltest zufrieden sein, wenn

überhaupt noch irgendwer ernsthafte Absichten hat, nach dem Skandal mit

--.«

»Ich bitte dich, dies Thema ein für allemal unberührt zu lassen,«

unterbrach ich ihn heftig, »im übrigen erkläre ich dir: lieber gehe ich

betteln, als daß ich mich verkaufe.«

Onkel Walter wurde dunkelrot. »Mäßige dich, ja?« herrschte er mich an,

dann zuckte ein bitteres Lächeln über seine sonst so gemessen

beherrschten Züge: »Glaubst du, daß irgend einer von uns seinem Herzen

hat folgen können?!« Überrascht sah ich auf -- welch Licht fiel

plötzlich auf das Glück von Pirgallen?!

Im Spätherbst besuchte ich Großmama noch ein paar Tage, um dann zu

meinen Eltern nach Bromberg überzusiedeln. Die letzten Monate

krampfhaften Lebens waren wie der Sturm gewesen, der dem noch immer vom

Sommer sehnsüchtig träumenden Baum die letzten Blätter entreißt. Sonst,

wenn michs fröstelte vor dem nahenden Winter, gaukelte meine treue

Gefährtin Phantasie mir immer neue lachende Frühlingsbilder vor, und

meine junge, starke Hoffnung hielt sie gläubig fest. Jetzt sah ich mich

vergebens um nach den beiden. In jener Nacht, da mein Herz gestorben

war, hatten sie mich wohl verlassen. Sie bleiben nur Lebendigen treu.

»Ist es nicht merkwürdig, daß Ihr alle meinen Leichnam für mich selbst

halten könnt?!« schrieb ich an meine Kusine, »oder meinst Du, ich lebte,

nachdem ich mit vollen Segeln ins Leben hinaus fuhr, um eine neue Welt

zu entdecken, und nun mitten auf dem Ozean treibe und nichts gefunden

habe als das ewige Einerlei der Wogen! -- -- -- Nur um eine Einsicht bin

ich inzwischen reicher geworden: daß das Glück, nach dem wir ein so

unbändiges Verlangen tragen, nichts ist als Betäubung. Betäube durch

Arbeit, Vergnügen, Liebe, durch Religion und Kunst Deine Überlegung,

betäube den Gedanken an all das Elend in der Welt, geistiges und

leibliches, betäube die Erinnerung an selbstverschuldete Schmerzen, an

gescheiterte Hoffnungen mit einem dieser Narkotika, und Du wirst

'glücklich' sein. Je jünger man ist, desto leichter gehts; es ist aber

leider wie mit dem Morphium: je mehr man seiner bedarf, desto weniger

wirkt es ...«

* * * * *

Ich ging sehr ungern nach Bromberg. Ich fürchtete mich. Vor Papas übler

Laune, vor der Öde der Kleinstadt. Nach einer Richtung wurde ich

angenehm enttäuscht: mein Vater war bei bestem Humor und erzählte mir

schon in den ersten zehn Minuten des Zusammenseins, daß seine Stellung

nicht nur eine sehr angenehme und selbständige, sondern infolge der

anzeigenden Kriegswolken an der russischen Grenze eine höchst

interessante wäre. Aber in bezug auf die Kleinstadt wurden meine

schlimmsten Erwartungen übertroffen. Es gibt welche, die erfüllt sind

von Tradition; die Giebelhäuser, die Türme, die Kirchen, die Stadtmauern

erzählen unablässig ihre alten Geschichten, und wir träumen und

phantasieren schließlich so gern mit ihnen, daß wir die Welt draußen

beinah vergessen; und andere gibt es, die liegen warm und wohlig an

breiter schützender Bergbrust, ein Flüßlein rauscht und plätschert ihnen

zu Füßen, und ringsum breitet Mutter Natur ihr wunderlieblichstes

Spielzeug aus, -- auch da ist gut sein für arme heimatlose Wanderer;

aber wo Pest und polnische Wirtschaft die Häuser und Mauern zerfallen,

die Wälder rasieren ließen und die moderne Industrie lieblos und

gleichgültig an schnurgeraden Straßen Kasernen und Fabriken baute, da

ist recht eigentlich die Fremde, die nie und nimmer zur Heimat wird. Daß

der alte Fritz hier den Kanal gebaut hatte, der die Weichsel mit der

Oder verband, daß er die Schleusen mit vielen schönen Bäumen umpflanzen

ließ, dankte ihm jeder, der nach Bromberg verschlagen wurde, -- diese

einzige Schönheit des Orts machte es allein möglich, hier und da frei

aufzuatmen.

Wie die Tiere sich in Form und Färbung ihrer Umgebung anpassen, so

nehmen die Menschen allmählich die Stimmung ihres Wohnorts an. Ein

schweres Grau lagerte daher über der bromberger Geselligkeit, selbst die

Ballgeigen litten unter einer gewissen Apathie. Dabei tanzte man

unermüdlich mit einem erwartungsvollen Eifer, als gelte es, das

Vergnügen schließlich doch einzuholen. Aber es lief immer wieder davon.

Der Flirt stand in schönster Blüte, und der Klatsch noch mehr, -- womit

hätten sich die Leute auch sonst beschäftigen sollen?! Es wimmelte von

Uniformen aller Art; aber selbst die schönste kavalleristische

Farbenpracht vermochte nicht über den Talmiglanz des Lebens hinweg zu

täuschen. Ich verkehrte viel mit jungen Frauen; zwischen mir und den

jungen Mädchen bestand nun einmal ein gespanntes Verhältnis. »Ihr Leben

allein widert mich an«, schrieb ich an Mathilde, »ein bißchen Musik, ein

bißchen Malerei, ein bißchen Wohltätigkeit und unter dieser Maske der

guten Gesellschaft entweder nichts, oder ein unklares Durcheinander von

Romantik und unterdrückten kleinen Passionen. Nie ein starkes Gefühl,

nie ein brennendes Interesse. O, daß ihr kalt oder warm wäret!« Die

Frauen hatten doch einen Lebensinhalt: ihre Kinder, ihren Mann, ihre

Häuslichkeit; freilich: Zeit, an ihre Bildung zu denken, hatten sie

nicht. Wie viele, die abends in eleganter Toilette, Lebenslust

heuchelnd, den Ballsaal betraten, standen vom frühen Morgen an am

Kochherd, nur mit dem Burschen, dem gutmütigen »Mädchen für Alles« als

Hülfe, und wuschen abends heimlich bei verhängten Fenstern die

Kinderwäsche selbst. Zu standesgemäßer Geselligkeit verpflichtet, gaben

sie zwei langweilig-feierliche Soupers jährlich, fasteten vor- und

nachher, um sie möglich zu machen, und bezahlten eine große Wohnung aus

demselben Grunde. Wenn sie aber dann, schlank und vornehm im glatten

Schneiderkleid an der Seite ihrer eleganten, säbelrasselnden Männer über

die Straßen gingen, folgten ihnen neidische Blicke, denn das Volk hat

die Naivität der Kinder, die sich den König nur in Purpur und Krone, den

Bettler nur im durchlöcherten Kleide denken können.

Der aus diesem Neide geborene Groll gegen den Offizier -- einem

männlichen Seitenstück zu dem neidischen Haß, mit dem die meisten Frauen

jede schön Gekleidete betrachten -- war wohl noch nie so stark zutage

getreten als damals, wo selbst der Kleinstädter, den sonst die Wellen

geistiger Bewegungen kaum erreichten, an den parlamentarischen Kämpfen

um das Septennat lebhaften Anteil nahm.

Bromberg ist eine Industriestadt mit einer zum Teil polnischen

Arbeiterbevölkerung. Was Uniform trug, vermied die Nähe der Fabriken.

Als ich einmal mit meinem Vater spazieren ritt, flog über eine Mauer weg

ein Hagel von kleinen Steinen unseren Pferden zwischen die Beine. Sie

stiegen erschrocken und sausten dann in Karriere über die Landstraße, so

daß mir Hut und Schleier davonflog und es ein Stück Arbeit kostete, sich

im Sattel zu halten. Papa, der seinen Fuchs besser im Zügel hielt, war

indessen vergebens den heimtückischen Angreifern auf der Spur gewesen;

er konnte sich nicht fassen vor Wut, und ich hörte tagelang nichts

anderes als sein maßloses Schimpfen auf diese »Satansbrut von

Sozialdemokraten.« Niemand als sie waren die Attentäter gewesen, sie,

die sich im Reichstag durch ihre Haltung gegenüber der Militärvorlage

als Vaterlandsverräter dokumentiert hatten, -- sie, die nichts anders

verdienten, als samt und sonders nach den Kolonien deportiert zu werden.

Die Kriegswolken ballten sich gewitterdrohend zusammen. Daß sie nur in

der Phantasie Bismarks lebten, als willkommenes Mittel, seine

Forderungen durchzusetzen, -- das glaubten wir hier, dicht an der

russischen Grenze, nicht. Eine Tag um Tag steigende Erregung bemächtigte

sich unser: die jungen Offiziere strahlten in der Erwartung, daß ihr

Leben endlich zum Ereignis werden könnte; mein Vater, der die Schrecken

des Krieges kannte, war bei allem Ernst, mit dem er die Situation

betrachtete, doch in gehobener Stimmung. »Soldat sein und nur Krieg

spielen und Rekruten drillen, ist dasselbe wie Künstler sein und nichts

als Malstunden geben,« pflegte er zu sagen. In unserer nächsten Nähe an

der Grenze standen die Kosaken, und Woche um Woche wurden die russischen

Garnisonen verstärkt. Mein Vater reiste nach Berlin. Wenige Tage nach

seiner Rückkehr wurden die Weisungen von dort unheildrohender. In aller

Stille wurden die Offiziere benachrichtigt, beizeiten für rasche

Entfernung ihrer Familien zu sorgen; kam es zur Kriegserklärung, so

konnten die russischen Reiter in wenigen Stunden mitten in Bromberg

sein. Mein Vater, der im Kriegsfall zum Kommandanten der wichtigsten,

weil der feindlichen Grenze am nächsten liegenden Festung Thorn bestimmt

war, bereitete seine Equipierung bis in alle Einzelheiten vor, wir

verpackten Silber und Schmuck, stellten die Koffer bereit; denn

möglicherweise galt es, binnen wenigen Stunden die Stadt zu verlassen.

Da der Kriegslärm auch an der Westgrenze des Reichs immer lauter wurde,

konnte darüber kein Zweifel sein: kam es zur Explosion dieses massenhaft

angesammelten Zündstoffs, so war es ein Weltkrieg, an dessen Schwelle

wir standen.

Bismarcks fulminante Rede, sein Appell an die Deutschen, die Gott

fürchteten und sonst nichts in der Welt, -- die Ablehnung des Septennats

und die Auflösung des Reichstags steigerten die fieberhafte Erregung, in

der wir alle lebten. Zum erstenmal verfolgte ich mit brennendem

Interesse die Wahlkämpfe und begrüßte freudig den Sieg der

Vaterlandsfreunde über die Sozialdemokraten, die uns wehrlos den Feinden

hatten überliefern wollen.

Als aber dann der Kriegslärm so merkwürdig plötzlich verstummte und all

das glühende Feuer patriotischer Begeisterung nur da zu sein schien, um

die Gerichte gar zu kochen, die Bismarck dem Reichstag vorsetzte, war

ich rasch ernüchtert.

»Droben auf der kurischen Nehrung gibt es unheimliche Berge von Sand.

Sie wandern. Und immer wieder pflanzen die Menschen junge Bäumchen in

den Boden, und so oft auch der gelbe Mörder über Nacht wieder kommt und

das grünende Leben verschlingt, -- sie hoffen stets aufs neue, daß die

Wurzeln ihrer Pflänzlein die Erde umklammern und festigen werden. --

Unser Zeitalter ist wie die Dünen auf der Nehrung: es duldet nichts

Grünes. Vernünftige Leute werden darum meine Dummheit verlachen, die

mich zwingt, Hoffnungsbäume hineinzusetzen und sie noch dazu mit der

Treibhausluft meiner Begeisterung zu umgeben ... Man will nivellieren,

und es ist, als ob man nach dem Maßstab des kleinsten Baumes einen

ganzen Wald zurechtstutzen wollte. Die alten Ideale hat man zerstört --

schon das Wort 'ideal' entlockt den meisten ein mitleidiges Lächeln --

und hüllt sich nur hinein, wie Schauspieler in die Toga der Gracchen, um

dem Pöbel weiß zu machen, man wäre ein echter Volkstribun.

Man jagt nach Bildung im Theater, in Ausstellungen, auf Reisen, in der

Lektüre, nicht um Kopf, Herz und Seele zu weiten, sondern um seinen

kritischen Witz vor den Leuten leuchten zu lassen. Man nahm uns

Genußfähigkeit und gab uns Spottsucht dafür, wie man den Kindern aus

'Anstandsgefühl' Götterbilder verhüllt und ihnen die Trikotnacktheit des

Ballets statt dessen zeigt. Und dabei verhungern wir im stillen nach

dem, was die notwendigste Speise unseres inneren Menschen ist: nach

geistigem Genuß, nach dem Glauben an ideale Güter. Noch schämen wir uns

dieses Gefühls, noch haben wir nicht den Mut zu uns selbst, aber wenn

ich auch in einem Käfig lebe, so spüre ich doch die Luft, die draußen

weht, und mir ahnt in jenen lichtesten Momenten des Lebens, die die

vernünftigen Leute phantastische Nachtstunden nennen, daß junge kräftige

Bäume den Flugsand doch noch fesseln und ihre toten Brüder an ihm

rächen werden.«

Dieser Brief trug mir eine lange Moralpredigt von der Empfängerin,

meiner Kusine, ein; sie gehörte auch zu den 'vernünftigen' Leuten, und

schon längst hatte unsere Korrespondenz den Charakter des

Gedankenaustausches vollkommen eingebüßt. Daß ich jemanden hatte, dem

gegenüber ich mich rückhaltlos aussprechen konnte, war aber für mich

Grund genug, sie aufrecht zu erhalten. Auf meiner Reise nach

Süddeutschland, die ich, der Einladung von Tante Klotilde folgend, schon

im Mai des Jahres 1887 antrat, hielt ich mich in Magdeburg eine Woche

bei Mathilde auf. Ich wäre am liebsten schon nach dem ersten Tage

abgereist: eine Häuslichkeit, wo die Armut in jedem Winkel zu hocken

schien und einen stillen siegreichen Kampf mit der Vornehmheit kämpfte,

die verschüchtert durch die Räume schlich; ein von des Lebens Not

gezeichneter, in der muffigen Luft der Bureaus ständig mit seiner

Sehnsucht nach der freien Natur ringender Vater, der mit verbissenem Haß

alles verfolgte, was reich, was glücklich war; die Mutter, die trotz

ihrer drei Kinder alle bösen Zeichen vergrämter Altjungfernschaft an

sich trug; die Söhne, geistig verkümmert, durch die Schultyrannei um

jeden Rest von Jugendfrohsinn gebracht; die Tochter, meine Freundin,

blaß, müde, mit Mädchenfreundschaften, Gesangvereinen, und

Sonntagsschularbeit mühselig ihren Lebenshunger stillend, -- daß es

dergleichen gab, daß sich solch ein Dasein ertragen ließ!

In München traf ich meinen Vater. Wir reisten zusammen nach Augsburg,

einem schweren Augenblick entgegen. Sein Bruder Arthur, mit dem er sich

seit vielen Jahren, wegen seiner Heirat mit einer Tänzerin, überworfen

hatte, war seit kurzem, nach dem Tode seiner Frau, zu seiner Schwester

gezogen, und diese wünschte eine Versöhnung der Brüder. Mit jener

Bereitwilligkeit, die mein sonst so starrköpfiger Vater seiner Schwester

gegenüber stets an den Tag legte, hatte er sich ihrem Willen gefügt. Wie

schwer es ihm wurde, merkte ich an seiner Aufregung. Es kam auch nur zu

einer konventionellen Verkleisterung des Bruchs, einem höflichen

Händedruck, einem taktvollen Nebeneinanderhergehen. Ich wäre über diesen

von mir nicht erwarteten friedlichen Ausgang der Dinge sehr erfreut

gewesen, wenn der Zorn über die Art, wie meine Tante meinen Vater

behandelte, und wie er sich von ihr behandeln ließ, mich nicht immer

wieder übermannt hätte. Wie an einem Schulbuben nörgelte sie den ganzen

Tag an ihm herum, und schmeichelte in einem Atem dem anderen Bruder. Das

Zivil meines Vaters mißfiel ihr -- man sah ihm immer an, wie unbehaglich

ihm darin zumute war --, wie bewundernswert war dagegen Arthurs Eleganz!

Sie spottete über seine zunehmende Körperfülle, -- welch jugendliche

Schlankheit hatte Arthur behalten! Sie verfügte rücksichtslos über seine

Zeit, ordnete sich selbst dagegen immer den Wünschen Arthurs unter. Sie

hatte ihr Haus seinetwegen auf den Kopf gestellt, ihre Möbel ausgeräumt,

um den seinen Platz zu machen, und mit einem liebenswürdigen Egoismus,

der ihren brutalen übertrumpfte, spielte er den Herrn im Hause. Hatte

sich mein Vater den ganzen Tag ihren Launen gefügt, so hörte ich durch

die Tür, wie er sich nachts stöhnend im Bett hin und her warf. Eines

Morgens saß ich im Gartenpavillon, als er, anscheinend in heftigem

Wortwechsel, mit der Tante draußen vorüber ging. »Ich bin nicht dazu da,

euren Aufwand zu bestreiten,« sagte sie, »es sollte dir wahrhaftig

ausreichend sein, daß ich dich in deiner Tochter so bevorzuge.« -- »Wenn

ich mich nur darauf verlassen könnte,« stieß er hervor. »Ich breche mein

Versprechen nicht -- Gott soll mich vor der Sünde bewahren,« antwortete

sie laut und fest. Sie gingen weiter. Nach geraumer Weile kehrten sie

denselben Weg zurück. Die Tante hatte den Arm in den ihres Bruders

gelegt. Sie sprachen friedlich, fast zärtlich miteinander. »So werd' ich

einmal ruhig sterben können,« sagte mein Vater mit weicher Stimme, »bis

übers Grab hinaus will ich dir dankbar sein, Klotilde!«

Milder und gefügiger als je war er in den folgenden letzten Tagen seines

Augsburger Aufenthalts, er schien kaum zu merken, mit welch satanischer

Freude sie die Situation ausnützte. Ich aber suchte ihm mit allen

Mitteln der Liebe und Zärtlichkeit das Leben zu erleichtern, so daß er

mich oft verwundert ansah und lächelnd sagte: »Ja, was ist denn das mit

dir? So was hat dein alter Vater an seinem Töchterlein ja noch gar nicht

erlebt?!« Meinem Onkel ging ich aus dem Wege, die Tante haßte ich fast.

Nach meines Vaters Heimkehr reiste ich mit ihnen nach Tegernsee, wo die

Tante auf Wunsch Onkel Arthurs, dem die Einsamkeit von Grainau

unsympathisch war, eine Villa gemietet hatte. An meinem Geburtstag, der

in die erste Woche unseres Aufenthalts fiel, nahm mich der Onkel

beiseite und drückte mir heimlich ein Kuvert in die Hand. »Ich weiß,

Hans braucht Geld,« sagte er beinahe schüchtern, »von mir nimmt ers

nicht. Schick ihm das -- zur Verwahrung -- als mein Geburtstagsgeschenk

an dich.« Er wartete meinen Dank nicht ab; ich schickte noch in

derselben Stunde die braunen Scheine nach Bromberg; das Eis zwischen mir

und Onkel Arthur war gebrochen.

Wir wurden gute Kameraden. Die strenge Tante verwandelte sich unter

seinem Einfluß zu einer mehr als nachsichtigen. Er erreichte alles, was

mir Vergnügen machte, vorausgesetzt, daß es auch seinen Wünschen

entsprach! Endlich durfte ich hoch in die Berge hinauf, -- zu dem

jahrelangen Ziel meiner Sehnsucht! Er war ein ebenso leidenschaftlicher

wie tollkühner Bergsteiger, der Führer und gebahnte Wege verschmähte.

Auf dem Leonhardsstein, hinter Dorf Kreuth, der spitz und gerade wie ein

Kirchtum gen Himmel steigt, mußte ich erst Probe klettern, ehe er mich

überall hin mitnahm -- auf die Berge der Gegend zuerst und dann weiter,

immer weiter. Eine Sportausrüstung eigener Erfindung ließ er mir machen:

kurze Hosen und Gamaschen -- etwas Unerhörtes zu damaliger Zeit. Aber

auch das ließ die Tante geschehen, sie sträubte sich nur im Namen des

Anstands ein bißchen, als er den »Panzer« verbot. »Ich faß dich jedesmal

um die Taille und laß dich unweigerlich sitzen, wenn du das

Marterinstrument trägst,« sagte er, und ich fühlte mit Wonne die

Freiheit starker Atemzüge.

Auf den Wallberg kletterten wir zuerst. Es gab damals nur einen

Hirtensteg hinauf und droben nur eine kleine Hütte mit einfachem

Heulager. Wir zündeten zum Zeichen unserer Ankunft auf der Spitze ein

mächtiges Feuer an und sahen schweigsam zu, bis es verglühte und das Tal

schwarz und dunkel unter uns lag. Um so leuchtender strahlten jetzt die

Sterne, und weiß und gespenstisch glänzten von fern im Mondlicht die

Schneegipfel zu uns herüber. Mit einem tiefen, erlösenden Aufatmen

breitete mein Begleiter die Arme aus. »Ich lebe!« flüsterte er. Wie weh

mir der Jubel tat, der in seiner Stimme lag! -- Ich vergaß seine Nähe,

lehnte den Kopf an den Felsen und weinte -- seit langer, langer Zeit zum

erstenmal! Unten in der Hütte, in dem starken Heuduft fand ich keine

Ruhe und saß die ganze Nacht auf der Altane, während die Geister der

Vergangenheit aus der Tiefe zu mir aufstiegen, wie Nebel aus

Fiebersümpfen. Die Felsengesichter schnitten mir höhnische Fratzen, und

still und hoheitsvoll sahen weiße Riesenhäupter auf mich herab.

Mein Onkel war ein guter Reisekamerad, dessen Lebensfreudigkeit seine

grauen Haare vergessen ließ, dabei voll rührender Sorgfalt für mich.

Einmal saßen wir im Sonnenschein vor der Sennhütte zur schwarzen Tenne.

Über dem offnen Feuer an einem primitiven Spieß briet er uns ein

Hühnchen; »Frauenzimmer sind zu dumm dazu,« sagte er, und ich überließ

ihm nur zu gern die Arbeit, um, an die braunen Balken der Hütte gelehnt,

durch dunkelgrüne Tannenwipfel in die Sonne zu blinzeln. Nach dem Mahl,

das die nie vergessene Flasche Moselwein würzte, streckte er sich mir zu

Füßen ins Gras und pfiff eine Tanzweise träumerisch vor sich hin.

»Komisch,« sagte ich halb zu mir selber, »du bist im Grunde ein Primaner

oder bestenfalls ein Sekondeleutnant.« Er lachte. »Das bin ich auch;

die Jahre, die zwischen damals und heute liegen, lebte ich nicht.«

»Aber ...« ich stockte.

»Sprichs ruhig aus: du hast mit dem Weib deiner Wahl gelebt! Niemand

weiß bis heute, daß diese zwei Jahrzehnte die Hölle waren. Mein Stolz

hieß mich schweigen. Ich wollte nicht, daß Mutter und Geschwister Recht

behielten. Endlich kam die Erlösung: sie starb -- seit vielen Monden

eine arme Irre, die nichts dafür konnte, daß sie mich quälte,« -- ganz

alt sah der Onkel plötzlich aus, -- dann sprang er auf, schüttelte sich

wie ein nasser Jagdhund und fügte lächelnd hinzu: »die Liebe ist Humbug,

weißt du, echt ist allein die Natur, die Kunst, die Wissenschaft. Ich

freue mich auf das Leben wie ein Student!«

Unsere Ruhetage in Tegernsee waren beinahe anstrengender als unsere

Wanderungen. Von früh bis spät wimmelte es von Gästen; wenn der Onkel

irgendwo jemanden traf, der ihm interessant zu sein schien, so lud er

ihn ein, ohne nach Nam' und Art viel zu fragen. Es war eine bunte

Gesellschaft, die sich auf die Weise bei uns zusammenfand, denn

Tegernsee selbst schien eine Art neutraler Boden zu sein, wo die

heterogensten Elemente ihre Neugier nacheinander befriedigen konnten. Da

gab es Prinzen echter einheimischer und zweifelhafter exotischer Art;

Finanzgrößen dunkelster Herkunft; alte Diplomaten, die bei irgend einem

Hofskandal Schiffbruch gelitten hatten; französische Marquisen, deren

Emailleur alle vier Wochen aus Paris kam, um ihrem Antlitz die

bezaubernde Frische zu verleihen, mit der sie so siegessicher auf

Eroberungen ausgingen; deutsche Gräfinnen, deren graziöse Pirouetten

noch vor kurzem die Balletthabitués der Großstädte entzückt hatten; und

um die Galerie moderner Typen der 'guten' Gesellschaft voll zu machen,

fehlte es nicht an österreichischen Erzherzogen, sogar nicht an einem

König, -- wenn es auch nur einer a. D. war, der von Neapel, -- einem

alten Roué, und seiner wunderschönen extravaganten Königin. Dazwischen

bewegte sich das Künstlervolk -- ein wenig geniert die einen, ängstlich

bestrebt, es den Vornehmen möglichst gleich zu tun, die anderen,

Menschen von genialer Ungebundenheit unter ihnen, und ein paar

Auserwählte mit jener seltenen angeborenen Größe, die sich überall mit

gleicher Selbstverständlichkeit zu bewegen vermag. Von mancher schönen

österreichischen Komteß flüsterte man sich zu, daß sie an der Entstehung

Makartscher Frauengestalten nicht unbeteiligt gewesen war, und noch heut

ließ sie es gern geschehen, wenn die Maler sich an ihr begeisterten; ein

Hauch von Romantik, der die Dichter unweigerlich anzog, umschwebte den

rotblonden Kopf einer graziösen Baronin, von deren Beziehungen zum

Kronprinzen von Österreich Frau Fama vernehmlich flüsterte. All das

flirtete und rauschte in knisternder Seide und weichem Spitzengeriesel

am hellen Strand des blauen Tegernsees, wo vor Jahrhunderten in

klösterlicher Einsamkeit der fromme Mönch Werinher der allerseligsten

Jungfrau süße Weisen gesungen hatte, oder stieg in kokettem Jagdkostüm

auf bequemen Wegen zu den Sennhütten hinauf, deren Gäste noch vor kurzem

nur Dirndeln, Jäger und Wilddiebe gewesen waren. Am späten Nachmittag

rollten die Equipagen ins kreuther Tal, wo hoch oben, von Bergen eng

umschlossen, auf grünem Plateau die Kurmusik des Bades so komisch

quiekte und wimmerte. Man stieg dort aus, ließ seine Toiletten

bewundern, trank seinen Kaffee mit österreichischer Betonung und von

österreichischer Güte und ging an dem Springbrunnen vorbei hinunter zu

den sieben Hütten, wo die Burschen in Kniehosen und Wadenstrümpfen, die

Madeln im Silbergeschnür und weitbauschendem kurzem Gewand sich im Tanze

drehten. Wenn die Dämmerung kam und lustige bunte Lampions sich wie

leuchtende Girlanden von Hütte zu Hütte zogen, dann änderte sich das

Bild: weiße Schleppen wirbelten zwischen den bunten Röcken, und

Lackschuhe glitten zwischen den Nagelstiefeln. Droben auf der

Hohensteinalp die blonde Sennerin und in der Langenau die schwarze Liese

wußten zu sagen, warum manch vornehmer Herr den Weg nicht nach Hause

fand -- ach, und kleinwinzige Buberln gabs im Tal und Mäderln,

vaterlose, mit feinen Fingern und schlanken Gliedern, gar wunderseltsam

anzuschaun!

Wo sich im kreuther Tal die Wege kreuzen, der eine zum Bad, der andere

nach dem Achensee führt, lag in einem weiten schattigen Park ein Haus,

nicht viel anders als das eines reichen Bauern, mit Galerien ringsum und

buntbemalten Läden. Auf den grünen Rasenflächen davor, auf den

Spielplätzen zu beiden Seiten herrschte alltäglich ein frohes Leben und

Treiben. Der Gastfreundschaft schienen keine Grenzen gesteckt, zu jeder

Tageszeit ward man freudig begrüßt und reichlich bewirtet. Mich lockte

dies Haus schon lange; die ersten Künstler, das wußte ich, gingen dort

aus und ein. Aber meine Tante rümpfte die Nase, wenn ich seiner

Erwähnung tat, und mit tadelndem Kopfschütteln wurden diejenigen aus

unsern Kreisen betrachtet, die den Bann gebrochen hatten und sichs wohl

sein ließen in Schwarzeck. Ein Baron Goldberger, ein Wiener Bankier, war

der Besitzer, und sein Aussehen verriet seine Rasse noch mehr als sein

Name, so daß sich ihm gegenüber jener ästhetische Antisemitismus geltend

machte, den auch Vorurteilslose oft nicht abstreifen können. Der Magnet

des Hauses waren seine vier Töchter, von denen eine immer hübscher war

als die andre. Nachdem uns zu Ohren kam, daß selbst der Herzog Karl

Theodor bei ihnen verkehrte, überwand Onkel Arthur den Widerstand der

Tante, und eines Nachmittags fuhren wir hin, um unsere Antrittsvisitte

zu machen. Schon diese ersten Stunden inmitten eines Kreises von

münchner Künstlern und Schriftstellern öffneten mir Ausblicke in eine

neue Welt: Fragen des Lebens und der Kunst wurden mit so rückhaltloser

Offenheit besprochen, daß ich es zunächst fast peinlich empfand und,

ungewohnt, mich unter Fremden auszusprechen, außerstande war, mich daran

zu beteiligen. Um so aufmerksamer hörte ich zu: war dies ein Abglanz der

Welt, die ich suchte, ein Teil jener Menschheit, die, von neuen Idealen

erfüllt, auszog, um sie zu erobern?!

Ich wurde einer der häufigsten Gäste in Schwarzeck. Ich trotzte selbst

dem Befehl der Tante, die mich glaubte zurückhalten zu können, wenn sie

für mich nicht anspannen ließ, und fuhr mit der Post, oder ging zu Fuß.

Eines Nachmittags fand ich die Tee-Gesellschaft in heftigster Debatte

begriffen. Irgend ein Artikel aus M. G. Conrads »Gesellschaft« schien der

Anlaß gewesen zu sein. Ich erinnerte mich dunkel, von dieser

»sittenlosen,« »die Sicherheit von Staat und Kirche untergrabenden«

Zeitschrift in unserer konservativen, norddeutschen Presse -- der

einzigen, die ich zu Gesicht bekam -- zuweilen gelesen zu haben.

»Und ich sage Ihnen, daß er recht hat -- tausendmal recht,« rief ein

junger blonder Dichter, das gelbe Heft wie eine Fahne schwingend,

»Wahrheit, hüllenlose Wahrheit ist die Muse der kommenden Dichtung. Nur

indem wir sie ohne Rücksicht auf hyperästhetische Altjungfernnerven,

auch in ihrer Häßlichkeit, auch mit ihren Schwären und Wunden vor die

Menschheit hinstellen, schaffen wir Kunstwerke, Kulturwerte.«

»Ernst ist das Leben, heiter sei die Kunst,« warf ein Maler Pilotyscher

Richtung ein, »sie soll uns erheben, uns auf Momente wenigstens über das

Elend des Daseins hinweghelfen --«

»Hinwegtäuschen, sagen Sie lieber,« mischte sich die junge Frau eines

münchener Redakteurs ins Gespräch, die, wie man munkelte, unter anderem

Namen Geschichten schrieb, die junge Mädchen nicht lesen durften, »sie

soll den großen Kindern Märchen erzählen, statt sie zu lehren, mit der

brutalen Wahrheit des Lebens fertig zu werden.«

»Wenn das ihre Aufgabe sein soll,« entgegnete der Maler, »dann werden

wir glücklich dahin gelangen, Operationssäle und Wochenstuben auf der

Bühne zu sehen. Mit dem Irrenhaus hat ja Ibsen schon den Anfang

gemacht.«

Der Name wirkte vollends wie Sprengstoff. Seit dem letzten Winter, wo

der Herzog von Meiningen den unerhörten Schritt gewagt hatte, die

»Gespenster« auf seine Bühne zu bringen, wo Berlin dem Beispiel gefolgt

war und ein Kreis junger Heißsporne den Dichter auf den Schild erhob,

las und hörte ich oft von ihm, als von einem halb Verrückten, einem, der

mit Wollust im Schmutze wühle. Ihn kennen zu lernen, hatte ich gar kein

Verlangen getragen, denn auf der Suche nach neuen Idealen konnte er

unmöglich ein Wegweiser sein.

»Ibsen ist größer als Zola,« übertönte eine rauhe Männerstimme wie ein

ferner Lawinensturz die Durcheinanderredenden, »Zola ist der

Zustandsschilderer par excellence, Ibsen aber legt die kritische Sonde

an die tiefsten Übel der Gesellschaft. Wenn Sie sich hier so aufregen,

meine Herrschaften, so zeigt das nur, daß es irgendwo einen Punkt gibt,

wo auch Sie unter seiner Berührung schmerzhaft zusammenzucken. Daß wir

vor lauter Moral, vor lauter Pflichten, kurz vor all den großen und

kleinen Stricken und Ketten, die uns formen und einschnüren, unser Ich

verloren haben und als Phantome toter Traditionen herumlaufen, statt als

lebendige Menschen, -- das ist es, was jeden trifft, und was Ibsen

zeigt. Neugierig bin ich nur, ob diese Erkenntnis uns schließlich zu

Kettenbrechern machen wird, oder ob irgend welche vorsorglichen

Menschheitswärter nicht schon mit neuen Zwangsjacken bereit stehen --«

Das allgemeine Gespräch verlief sich allmählich in die Rinnsale der

Einzelunterhaltung und versickerte schließlich im Sande der

Alltagsfragen. Während die anderen sich im Park zerstreuten, sprach ich

den mit der rauhen Stimme an, einen echten vierschrötigen Bajuvaren.

»Können Sie mir die Werke Ibsens nennen, die bisher in deutscher Sprache

erschienen sind?« Er musterte mich augenblinzelnd.

»Hm« -- machte er -- »obs der gnädigen Frau Tante auch recht sein

wird?!«

»Darauf dürfte es kaum ankommen, da ich sie lesen will,« entgegnete ich

scharf, geärgert über die spöttische Art seiner Antwort. Er lachte

dröhnend.

»Wir haben ja, scheints, auch so'n Tropfen Rebellenblut in den Adern!«

Mit großen, ungefügen Buchstaben schrieb er mir die Titel der Bücher auf

eine Ecke Zeitungspapier, zerdrückte mir mit seiner Riesenfaust fast die

Hand, die ich ihm dankbar gereicht hatte, und stapfte zum Parktor

hinaus.

»Wer war das?« frug ich eine der Töchter.

»Ach -- der! Den hat der Doktor neulich mal mitgebracht. Wie er heißt,

habe ich nicht verstanden. Ein ungehobelter Gesell, nicht wahr?«

Ich nickte zerstreut. Noch auf dem Rückweg gab ich eine Karte an eine

münchener Buchhandlung auf und sah von nun an jedem Postboten

erwartungsvoll entgegen, heftige Kopfschmerzen als Vorwand meines

ungewohnten häuslichen Lebens vorschützend.

Und endlich kamen die Bücher! Ich las sie nicht, -- ich trank sie, wie

ein Durstender in der Wüste das frische Wasser. Nicht das Kunstwerk

genoß ich in ihnen, und nichts sah ich von den handelnden Menschen; mir

war vielmehr, als hätte ich lange im Dunkeln erwartungsvoll vor einem

dichten Vorhang gestanden, den plötzlich ein Sturmwind auseinanderriß,

um mir den blendenden, kristallhellen Spiegel dahinter zu enthüllen, der

scharf und klar mein eigenes Bild zurückwarf, und das der Vielen um mich

her.

Worte las ich, die mich trafen wie Offenbarungen: von den wenigen

Menschen, die auf Vorposten stehen und für die Wahrheiten kämpfen, die

noch zu neugeboren sind, als daß sie die Mehrheit für sich haben

könnten. Und Tradition und Konvention sah ich ihrer bunten Gewänder

entkleidet als nackte Lügen vor mir, und mit einem einzigen Blick

erkannte ich des Weibes Puppendasein. Lebte ich nicht auch davon, daß

ich den anderen Kunststücke vormachte?! »Ich habe Pflichten, die ebenso

heilig sind -- Pflichten gegen mich selbst --;« »ich muß nachdenken, ob

das, was mir gelehrt wurde, richtig ist, oder vielmehr, ob es für mich

richtig ist --« sagte Nora, und verließ das Puppenheim, um sich selbst

zu finden. »Irgend wie und wann werde ich handeln müssen, wie Nora,«

heißt es in meinem Tagebuch von Sommer 1887, »viele Fesseln, -- feine,

die ich kaum fühlte, und grobe, die sich mir ins Fleisch schnitten, --

umschnüren mich von klein an. Aber ich erkenne jetzt, daß ich jedes Jahr

einige davon abstreifte. Sollte ich nicht auch mit den letzten fertig

werden?« Und an meine Kusine, die mir über meine Ibsenbegeisterung

erschrockene Vorhaltungen machte, schrieb ich: »Wer, wie Ibsen, den Mut

hat, das Schwache, das Schlechte, das geistig Tote niederzureißen, der

ist kein Pessimist, wie die Leute ihn schelten, die zu feige und zu

bequem sind, um die Augen zu öffnen. Nur der lebensstarke Glaube an eine

Zukunft, für deren helle Tempel Platz geschaffen werden muß, gibt die

Riesenkraft zu solchem Werk der Zerstörung ... Du warnst mich vor

'unüberlegten Handlungen'; daraus sehe ich, wie wenig du mich verstehst.

Denn gerade damit hat es ein Ende. Das Spiel ist aus. Auch ich muß die

Aufgabe lösen, mich selbst zu erziehen, ehe ich irgendwo Hand anlegen

kann, wo es für mich etwas zu tun gibt.«

Der Schnee lag schon bis zum Tal hinunter, als ich mich zur Heimkehr

rüstete. Beim Abschied hielt der Onkel meine Hand lange in der seinen.

»Schade, daß du den Bergen untreu wurdest,« sagte er.

Langsam kroch der Zug von Gmund aus den Abhang in die Höhe. Tief unten

lächelte der See mit seinem großen Vergißmeinnichtauge; freundliche rote

Dächer und spitze Kirchtürme grüßten von seinen Ufern, und hinter ihm

bauten sich Ketten um Ketten weißglänzender Firnen auf. Nein, ich war

den Bergen nicht untreu geworden, und Höhenluft wars, die ich mit mir

nahm.

Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre · 第 18 / 35 题