Neuntes Kapitel

Auf dem Wege nach Pirgallen machten wir bei einer Reihe von Verwandten

Station. Ich kam mir vor, als wäre ich von luftiger Bergeshöhe in

schwüle Niederung geschleudert worden. »Wir haben eine Vetternreise

hinter uns: in Sachsen, in der Mark, in Pommern -- überall derselbe

Schlag Krautjunker, je nach der Größe der Geldbeutel echt oder unecht

überfirnißt, bei allen dieselbe souveräne Verachtung geistiger Werte --«

schrieb ich an meine Kusine Mathilde. »Meine Vettern in Ingershausen --

übrigens ein pompöses Schloß, das August dem Starken, seinem Erbauer,

alle Ehre macht --, die früher an beängstigender Wasserscheu litten,

sind Gigerl par excellence geworden, gardereif. Ihre Schwester, eine

Venus von Milo, hat schon mit siebzehn Jahren geheiratet, kriegt ein

Kind nach dem andern und den fatalen Zug um den Mund, den ich noch bei

jeder jungen Frau entdeckt habe: ich glaube, es ist der der

Enttäuschung. Ein paar Kindheitsfreundinnen, die ich wiedersah, und die

mir vor Jahr und Tag mit allen Zeichen des Triumphes -- sie hatten mich

ja im Rennen um den Mann um ein paar Pferdelängen geschlagen! -- ihre

Verlobung mitgeteilt hatten, traten mir jetzt als hochschwangere Frauen

entgegen: blaß, mißmutig. Ich hätte nun gern meinerseits triumphiert,

aber das Mitleid mit den armen Würmern, die sie mit solcher Giftlaune

unter dem Herzen tragen, überwog. Ein Weib, das ein Kind erwartet,

sollte sein wie eine Siegerin!«

Ich atmete auf, als wir endlich in Pirgallen waren, wo ich hoffte, mich

meinen Studien und Arbeiten ganz überlassen zu können. Dort hatte sich

inzwischen mancherlei verändert. Mein Onkel hatte sich in den Reichstag

wählen lassen, -- auf vieles Zureden seiner Parteigenossen, denn in ihm

selbst regte sich zu stark das alte Herrengefühl des ostdeutschen

Junkers, als daß es ihm nicht widerstrebt hätte, die durch das

allgemeine Wahlrecht nun einmal festgesetzte Gleichheit zwischen Herr

und Knecht auch nur äußerlich anzuerkennen. Daß er, dessen Verkehr mit

den Untergebenen nur im Befehlen, Tadeln und Strafen bestand, von ihrer

Gunst abhängig war, ja sogar um sie werben mußte, erschien ihm als eine

Entwürdigung. Er war dabei ein so ehrlich überzeugter Konservativer, so

durchdrungen davon, daß jede Erweiterung der Freiheit und der Rechte der

unteren Volksklassen zu ihrem eigenen Verderben ausschlagen würde, daß

er sich vollkommen berechtigt glaubte, auch durch ungesetzliche Mittel

den Einfluß liberaler oder gar sozialdemokratischer Strömungen zu

bekämpfen. Seinen ehemaligen Viehhirten, einen notorischen Säufer, der

sozialdemokratisch gestimmt hatte, weil »der Herr Baron dem Krugwirt

verboten hatte, ihm mehr als zwei Glas Schnaps zu geben,« pflegte er

seiner Mutter gegenüber immer wieder zu zitieren, wenn sie das »Recht

auf die persönliche Überzeugung« verteidigte. »Gar nichts wußte der

Kerl sonst von der Sozialdemokratie,« sagte er, »er konnte weder lesen

noch schreiben. Jeder, der ihm Fusel gibt, dessen 'Überzeugung' hat er.

Stellt Euch vor, alle Viehhirten und Konsorten stimmten wie er und kämen

zur Macht, -- eine nette Wirtschaft würde das.« Und als Großmama

einwarf: »So gebt dem Volk eine bessere Bildung,« antwortete er: »Damit

jeder Instmannsjunge Professor werden und keiner mehr arbeiten will!

Dann sollen wir wohl unsere Frauen vor den Melkeimer setzen und uns

hinter den Pflug stellen?«

»Vielleicht entspräche solch ein Wechsel der göttlichen Gerechtigkeit,«

meinte Großmama lächelnd, »seit Jahrhunderten gingen sie hinter dem

Pfluge -- am Ende ist jetzt die Reihe an Euch!« Mit hochgeschwollener

Stirnader sprang der Onkel vom Stuhl und warf die Türe hinter sich zu.

Er war reizbarer als sonst. Zu deutlich pochte die neue Zeit an das

schwere Burgtor von Pirgallen, und er selbst hatte die Zugbrücke, die

unliebsamen Gästen den Eingang wehrte, in eine feste, steinerne

verwandelt. Er selbst hatte bei der Regierung all seinen Einfluß daran

gesetzt, damit die Eisenbahn bei ihm vorbei gelegt, der Hafen am

Kurischen Haff an seine Gutsgrenze gebaut werde. Nun konnten seine

Steine zu fernen Bauten über die Ostsee entführt werden, und die

Erträgnisse seines Gutes fanden in Berlin zahlungskräftige Käufer, --

aber neue Gedanken waren mit den fremden Ingenieuren und Arbeitern

eingeführt worden. Er selbst strebte danach, sein Besitztum, das seine

Väter schlecht und recht ernährt hatte, in eine kapitalistische

Unternehmung zu verwandeln, von der er Millionen erwartete. Aber mit den

Maschinen, mit den Kanälen, den Wiesenmeliorationen, den neuen

Bebauungsweisen, der ganzen intensiven Art der Bewirtschaftung kamen

Scharen neuer Arbeitskräfte ins Land, von denen die Alteingesessenen

Ansichten und Bedürfnisse rasch, Handfertigkeit und Verständnis aber um

so langsamer lernten. Die Unzufriedenheit wucherte wie Unkraut, und am

üppigsten in den kleinen strohgedeckten Katen, deren Bewohner seit

Generationen im Dienste der Golzows standen.

In einer der ältesten hauste die alte Maruschka mit Kindern und Enkeln,

ein verhutzeltes, zitteriges Weiblein. Wie braune Fichtenrinden waren

ihre Wangen und ihre Stirn, die Augen eingesunken, weiß und gelb wie

versteckte Harzlöcher. Nur wenn sie Großmama sah, verzog sie die dünnen

Lippen zu einem Grinsen. Vor Jahren hatte ich sie, die seit ihrer

frühsten Mädchenzeit in der Burg diente, noch in einem der dunkelsten

Räume, dicht über dem Wassergraben, von morgens bis abends vor dem alten

mächtigen Webstuhl sitzen sehen. Alle Mägde trugen die Stoffe, die sie

wob: feste harte, aus groben blauen und roten Fäden. Die »junge Frau

Baronin« hatte sie aufs Altenteil gesetzt, -- sie brauchte das Zimmer,

und die hübschen Dienstmädchen trugen das altmodische Zeug nicht mehr.

Nun haßte die Alte die neue Zeit und alles, was sie mit sich führte. An

ihrem schwälenden Herdfeuer in der engen Stube mit dem grauen

schmierigen Lehmboden, wo Hühner, Gänse, Ferkel und Kinder durcheinander

gackerten, quiekten und schrieen, war die Freistatt aller Murrenden. Sie

hetzte die Schüchternen auf, die noch in blinder Unterwürfigkeit an der

Herrschaft hingen, sie lobte die Unbotmäßigen und hatte trotz all ihrer

Armseligkeit stets den Schnaps bereit für die, die im Krug mit den

»Neuen«, den »Städtischen« nicht zusammen sitzen mochten.

Ihr Jüngster, der Franz, war Stallknecht, dem mein Onkel seiner

Gewandtheit wegen häufig die wertvollsten Pferde überließ. Eines abends

sah er, daß die »Delilah«, die der Franz hatte bewegen sollen,

schweißtriefend und ohne Decke in ihrer Box stand, während er auf seinem

Bett daneben seinen Rausch ausschlief. Ehe ich, die ich dabei stand, es

verhindern konnte, sauste meines Onkels Reitpeitsche ihm quer übers

Gesicht. Taumelnd erhob er sich, sah meinen Onkel mit blöden Augen an

und fiel ihm heulend zu Füßen. Ich wollte mich schon empört abwenden, --

empörter noch über den Feigling, der vor mir winselte, als über den

Onkel --, als mich aus dem Augenwinkel des auf dem Boden Kauernden ein

Blick traf, wie der eines wilden Tieres. Am nächsten Morgen lag eine der

Zuchtstuten verendet im Paddock. Keiner von uns zweifelte, daß Franz der

Täter war, ich, die ich hartnäckig schwieg, am wenigsten. All seine

Arbeitskollegen jedoch standen auf seiner Seite und lenkten den Verdacht

auf die Kanalarbeiter. Zu beweisen aber war nichts. Onkel Walter entließ

den Knecht und verbot ihm mit allem Nachdruck, den Boden Pirgallens

wieder zu betreten. Wir saßen gerade in der Halle beim Frühstück, als

die alte Maruschken unangemeldet auf der Freitreppe erschien, die

verschrumpelten braunen Hände über ihrem Krückstock gefaltet, im

selbstgewebten Sonntagsstaat, den eisgrauen Kopf von einem schwarzen

Tuch umwunden, die kleinen Bernsteinaugen funkelnd auf uns gerichtet,

wie die Waldhexe aus dem Märchen.

»Verzeihen die gnädige Herrschaft«, hob sie mit stockender Stimme an --

»Was willst du, Maruschken?« frug Großmama, ihr gütig die Hand

entgegenstreckend, während Onkel sich ungeduldig räusperte.

»O mai allerkutestes gnädiges Frauchen«, -- schluchzend stürzte die Alte

vor ihrer einstigen Herrin nieder und zog demütig ihren Rock an die

Lippen, »mai Jung hat das Perdchen, das liebe kute Perdchen, nich

erstochen! Schickens ihn nich in die Fremde! Mai Vater, mai Großvater,

mai Ahne -- alle, alle haben der gnädigen Herrschaft gedient mit Leib

und Leben -- schickens uns nich fort!« Ihre Stimme wurde krächzend wie

Rabenstimmen, wenn sie im Herbst auf den Stoppelfeldern sitzen.

»Mein Sohn schickt euch ja nicht fort, Maruschken,« antwortete Großmama.

»Nur den einen von deinen Kindern, und -- wenn er sich draußen gut führt

--« bittend sah Großmama zu Onkel Walter herüber -- »darf er gewiß

wieder nach Hause kommen.«

Die Alte richtete sich auf. Stumm sah sie von einem zum anderen.

»Nimmt der gnädige Herr Baron den Befehl zurück?« kam es leise und

zischend über ihre halbgeöffneten Lippen.

»Nein!« Ein Faustschlag auf den Tisch bekräftigte Onkel Walters heftige

Antwort. »Und nun geht, Maruschken. Mein letztes Wort habt Ihr!«

Fest auf den Stock gestützt, reckte die Alte den krummen Rücken und hob

den Kopf, daß die Sehnen an ihrem Halse wie braunrote Stricke

hervortraten.

»Die alte Maruschken geht, mai kutestes Herrchen, -- geht weit -- weit

weg und nimmt mehr mit, viel mehr, als bloß ein Perdchen! -- -- Auf

diesen alten Armchen trug ich den jungen Herrn -- gab ihm die Brust,

statt dem eignen Jungchen. Und gearbeitet hab ich an die vierzig Jahr

auf Pirgallen -- und Söhne und Töchter hab ich geboren und aufgezogen in

Gehorsam vor der Herrschaft und Gottesfurcht, und sie arbeiten auch auf

Pirgallen, für die gnädige Herrschaft« -- --

Ungeduldig unterbrach der Onkel ihren Redefluß. »Ich bin der letzte, der

deine treue Arbeit nicht anerkannt und redlich belohnt hat. Aber einen

widerhaarigen Trunkenbold -- und wenn er zehnmal dein Sohn ist -- kann

ich nicht brauchen. Meine Geduld ist erschöpft -- hüte dich, Alte, mich

noch zu reizen. Ich weiß recht gut, wo die Stänker und Hetzer zu Hause

sind!«

»Gar nichts weiß der Herr Baron, gar nichts« eiferte sie. »Im Krug, wo

die Kanalarbeiter sitzen, beim neuen Inspektor, wo die fainen Herren aus

der Stadt morgens und abends Wein trinken, in der Gesindestube, wo die

vornehmen Diener mit die Stadtmächens schäkern, da sind die Stänker; --

bei der alten Maruschken nich! Wir halten noch auf alte Art und Zucht,

wir lieben das liebe Landchen, die Burg, und die Kirche und die Kate.

Aber die anderen, das sind Ausländsche, die blos aufs Geld sind und

keinen Glauben nich haben. Warum holt sie der Herr Baron und unsere

Jungchens schickt er weg, daß sie auch so werden wie die Fremden? -- --

Zu Haus wollen wir bleiben --« ihre Stimme kreischte -- »mit die

Kindersch. Aber wo die rechte Liebe weg is, geht auch die Ehrfurcht und

der Gehorsam ... Die Peitsche ins Gesicht, -- das haben der alten

Maruschken ihre Jungchen nich verdient um die Herrschaft --«

Wütend erhob sich der Onkel: »Nun hab ich die Komödie satt, scher dich

zum Teufel.«

Mit aufgerissenen Augen starrte die Alte ihn an und beachtete Großmama

gar nicht, die begütigend ihre Hand auf ihre Schulter legte.

»Ich scher mich, ich scher mich, aber zum Teufel nich!« schrie sie, »der

Teufel is zu Haus jetzt auf Pirgallen, -- alle bösen Geister gehen um,

-- im Turm krachts, wo die gnädige Herrschaft die faulen Insten in

Ketten legte, und aus dem Haff steigen die toten Fischer auf -- die alte

Maruschken geht -- das liebe Herrgottche suchen --«

Wie unter einem Zwang waren wir alle verstummt. Die Steintreppe humpelte

sie hinab -- sie wandte den Kopf nicht mehr -- sie war jetzt ganz klein

und zusammengesunken. Am folgenden Tage stand ihre Kate leer, -- bei

Nacht und Nebel war sie mit ihren Kindern und Enkeln davongegangen,

ihren armseligen Hausrat auf zwei Karren mit sich schleppend. Die Leute

flüsterten noch lange mit leisem Grauen davon, wie sie drohend den

Krückstock erhoben habe, als sie an der Burg vorbeikam, und unaufhörlich

vor sich hinmurmelnd dem Zuge der ihren voran geschritten sei, vor jeder

Hütte am Wege inne haltend, um den aus dem Schlaf geschreckten Bewohnern

zu erzählen, daß der Herr von Pirgallen sie von Haus und Hof vertrieb.

Auch für mich war der Eindruck ein unverwischbarer. Ich ging oft ins

Dorf hinab und in die Ortschaften am Strande, und lernte die harten,

einsilbigen Menschen kennen, die für unaufhörliche Arbeit ein

spärliches freudloses Leben gewannen. Die meisten nahmen es noch hin wie

etwas Selbstverständliches, aber schon zuckte in ihren Augen hie und da

dieselbe Flamme auf, die in dem Blick der alten Maruschken gebrannt

hatte. Die Zeit, da sie sich vor dem Herren fühlten wie stumme Sklaven

oder wie willenlose Kinder, war vorüber. Es gingen wirklich böse Geister

um, auch in der alten Ordensburg.

Mein Onkel war, so viel er sich auch zu bilden strebte, den

Anforderungen moderner Landwirtschaft geistig nicht gewachsen. »Man

müßte Chemiker, Ingenieur, Naturforscher sein, um nicht von jedem Hans

Narren übersehen und betrogen zu werden; statt dessen hat unsereins nur

Leutnant gelernt,« sagte er einmal bitter. Er entschloß sich sogar zum

Verkehr mit einem alten Gegner aus der Nachbarschaft, einem

Freisinnigen, der der beste Landwirt im Lande war. Ich begleitete die

Herren zu Pferde bei ihren Inspektionsritten und hörte oft, wie der alte

Mann das Neue, das der junge schuf und plante, rückhaltlos gut hieß.

»Nur eins kann ich Ihnen nicht verhehlen, Herr Baron, mit der Angst

würde ichs kriegen, wenn ich Sie nicht für einen bedachtsamen Mann

hielte, der weiß, daß er Hunderttausende hier hineinstecken muß, ehe die

Millionen herausspringen.« Ich sah, wie Onkel Walter um einen Schein

blasser wurde, und erschrak mit ihm.

Er war sehr ernst geworden in den letzten Jahren. Sein fröhlicher

Leichtsinn brach nur dann immer wieder hervor, wenn seine Frau ihn

umschmeichelte -- wegen neuer Toiletten, neuem Schmuck oder neuen Hunden

-- und sein Söhnchen, das sie ihm vor drei Jahren geschenkt hatte, auf

seinen Knieen ritt. Dieser Stammhalter war der Mittelpunkt des Lebens.

Er besaß schon seinen eigenen kleinen Hofstaat, und zwei

Miniaturpferdchen -- Shetland-Ponies, die der Vater direkt hatte kommen

lassen -- spürten bereits, wenn er in seinem winzigen Wagen durch den

Park fuhr, die Peitsche des kleinen Junkers. Alle tyrannisierte er; für

mein Schwesterchen, das selbst gewöhnt war, daß die anderen sich ihr

unterordneten, war er der gefürchtetste Quälgeist, und vor ihm

flüchtend, klammerte sie sich leidenschaftlich an mich an. Mein

liebebedürftiges Herz empfand das sehr wohltätig, und mein, eingedenk

der eigenen Kinderqualen, leicht erregtes Mitleid kam ihren Wünschen

rasch entgegen. Schon früh morgens pflegte ich mit ihr in den

verstecktesten Teil des Parks zu fliehen; ich erfand die

phantastischsten Spiele und die buntesten Märchen, und der halbe Tag

ging vorüber, ehe ich zu mir selbst kam. Dann geschah es wohl, daß mich

heftiger Groll gegen die kleine Tyrannin erfaßte, die mich so in

Anspruch nahm; aber ein bittender Blick ihrer großen Blauaugen, ein

zärtlicher Druck ihrer runden Ärmchen um meinen Hals machte mich wieder

gefügig. Nein, sie sollte, sie durfte nicht erleben, was ich erlebt

hatte! Allmählich lernte ich sogar, ihr dankbar sein: die anderen

nannten mich einen »Blaustrumpf« -- »überspannt« -- »verdreht«, dem

süßen sechsjährigen Blondkopf aber konnte ich gar nicht phantastisch

genug sein. Sie wollte immer neue Märchen hören -- »ganz neue, die noch

kein Kind gehört hat« --, und unsere ganze Umgebung wurde zum

Ausgangspunkt meiner Geschichten, in die ich Götter- und Heldensagen

verflocht. Sie glaubte an mich -- felsenfest: wenn wir auf dem Haff

segelten, warf sie heimlich mitgebrachten Kuchen ins Wasser, -- für

Neringa, die Hafffrau, die drunten hungert, -- zwischen die Steine der

Parkmauer schob sie Töpfchen mit Milch, -- für die Wichtelmännchen, die

dort ihr Wesen treiben.

Ließ sie mich frei, so vergrub ich mich in die Bibliothek. Unter dem

Vorwand, die Bücher ordnen zu wollen, hatte ich mir dieses Asyl, das nur

selten jemand betrat, gesichert. Es war dunkel und roch nach moderndem

Papier; aber was kümmerte das mich, die ich tief im Ledersessel kauerte

und über dem Lesen alles vergaß! Eine kuriose Sammlung enthielten die

Schränke: alte landwirtschaftliche Broschüren und Zeitschriften,

Reichstagsprotokolle der jüngsten Zeit, Modeblätter, die sich seit

Jahrzehnten angesammelt hatten, französische Romane verfänglicher Art,

-- Zolas »Nana« und »Assommoir« mitten darunter, -- deutsche moderne

Familienromane und schließlich in billigen, schlecht gebundenen Ausgaben

die deutschen Klassiker. Mit der Hast einer Heißhungrigen verschlang ich

alles: von den Memoiren der Cora Pearl bis zu Wieland und Herder. Ich

muß aber wohl in jener Zeit weder für die Schlüpfrigkeit noch für den

Realismus sehr empfänglich gewesen sein; was ich von dieser Art las,

interessierte mich kaum, es rief höchstens ein Gefühl des Ekels in mir

wach. Noch weniger fesselten mich die deutschen Romane. »Unsere

Unterhaltungsliteratur ist flach, kraft- und saftlos,« schrieb ich an

meine Kusine, »sentimental und nüchtern, weil die Schriftsteller sich

nach ihrem fast nur aus Frauen bestehenden Publikum richten. Männer

lesen keine Romane mehr, weil sie zu weibisch geschrieben sind, und

Frauen werden immer weibischer, weil sie sich mit dem faden Zeug ihren

geistigen Magen verderben. Am schlimmsten ists, wenn auch noch Frauen

die Romane schreiben: mit der gestohlenen Gloriole der Poesie verklärte

Klatschgeschichten. Ein neuer Grund für meine Antipathie gegen die

Frauen. Ich frage mich nur: sind wir so klein, so leer, so unweiblich --

oder hat man uns so gemacht?«

Mit um so heißeren Wangen und klopfenderem Herzen vertiefte ich mich in

Goethe. Auch das, was ich schon längst kannte, war voll neuer

Offenbarungen für mich. In ein kleines Heft, das ich ständig bei mir

trug -- sorgfältig in ein grünseidenes Tüchlein gewickelt --, schrieb

ich ein, was mir am besten gefiel und schlug es in stillen Stunden auf,

wie der Priester sein Brevier, um zu lesen und wieder zu lesen, bis ich

Satz für Satz auswendig konnte. Zwei standen doppelt unterstrichen an

der Spitze: »Er gehörte zu den vielen, denen das Leben keine Resultate

gibt und die sich daher im Einzelnen vor wie nach abmühen;« -- -- und:

»Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen,

Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden.« Der eine

sollte sein, wie ein drohend aufgerichtetes Zeichen, eine stete Warnung,

das Leben nicht zu verzetteln, sondern ihm nach großen Zielen die feste

Richtung zu geben, -- der andere ein Tröster in Zeiten der Mutlosigkeit,

wenn ich zu mir selbst das Vertrauen verlor oder andere mich dessen zu

berauben versuchten. Mit bewußter Auflehnung gegen die asketischen

Erziehungsmaximen meiner Mutter schrieb ich mir vor allem solche

Stellen ab, die das Recht auf Persönlichkeit und den Wert der Freude

betonten; »Ein Kind, ein junger Mensch, die auf ihren eigenen Wegen irre

gehen, sind mir lieber, als manche, die auf fremden Wegen recht

wandeln;« -- »Fröhlichkeit ist die Mutter aller Tugenden;« -- »ein

glücklicher Mensch, ein Wesen, das sich seines Daseins freut, ist das

Endziel der Schöpfung.«

Erfüllt von dem, was ich innerlich erfuhr, konnte es nicht ausbleiben,

daß ich zuweilen auch davon sprach. Meine Begeisterung konnte nicht

immer stumm bleiben; ich sehnte mich nach Menschen, um mich ihnen

mitzuteilen, nach jungen vor allen Dingen, bei denen weder Spott noch

die Weisheit des Alters mich hätte zurückstoßen können. »Ich suche

Menschen, wie Diogenes,« schrieb ich an meine Kusine, mit der ich aus

demselben inneren Bedürfnis heraus lebhaft korrespondierte, »und sehe

dabei immer deutlicher, daß unsere miserable Erziehung uns um das Beste

im Leben betrogen hat. Das bißchen Kunst und Wissenschaft hat man uns

nur gelehrt, damit wir darüber schwatzen können. Es ist kein Teil

unserer selbst geworden; es bleibt in Museen und Büchern wie die

Religion in der Kirche. Hätten wir den rechten Ernst, das tiefe

Verständnis für sie, -- Geist und Herz würden so sehr davon erfüllt

sein, daß sie am Gemeinen oder Oberflächlichen gar keine Freude

empfänden.«

Kamen junge Leute nach Pirgallen, die, wie Onkel Walter spottend zu

sagen pflegte, beim »Alix-Examen noch nicht durchgefallen waren,« so

streckte ich vorsichtig die Fühlhörner meines Geistes aus. Meist

begegnete ich einem verlegenen Lächeln, einem erstaunten Blick, und

meine Mutter, die solch einem mißglückten Versuch zuweilen zuhörte,

sagte mir einmal:

»Daß du das Nüsseknacken gar nicht aufgeben magst! Du stehst doch, daß

sie alle taub sind.«

»Ich glaubs aber nicht -- ich will es nicht glauben,« antwortete ich,

»mein eigene Existenz bürgt mir dafür, daß es noch andere meiner Art

geben muß!« Mama kräuselte spöttisch die Lippen: »Die Mehrzahl ist

gemein -- die Dummen sind noch die besten.« Aber je häufiger sie ihrer

tiefen Menschenverachtung Ausdruck verlieh, desto empörter lehnte ich

mich dagegen auf, desto übertriebener wurde mein Triumphgefühl, wenn

irgend eine Wesenssaite des Anderen, die ich berührte, leise zu klingen

begann.

Da war besonders einer, ein junger Nachbar, der oft herübergeritten kam.

Tiefere Bildung besaß er nicht, aber das einsame, durch keine

Abwechselung unterbrochene Leben an den grauen Wassern des Haffs hatte

ihn nachdenklich gemacht, so daß es uns nie an Gesprächsstoff fehlte.

Unser Verkehr dauerte nicht lange. Onkel Walter nahm mich eines Tages

beiseite und erklärte mir, daß der Brandenstein keine »Partie« für mich

wäre.

»Ich denke ja auch gar nicht daran, ihn zu heiraten,« rief ich.

»So benimm dich nicht so dumm! Die ganze Gegend spricht schon davon, und

er selbst muß sich Hoffnungen machen, wenn du dich stundenlang mit ihm

allein abgibst,« entgegnete er. Ich war außer mir: ein junges Mädchen

benimmt sich also unpassend, wenn es länger als fünf Minuten mit einem

und demselben Herrn redet. -- »Die lieben Nächsten drücken nur dann ein

Auge zu, wenn sie dabei eine Verlobung wittern,« heißt es in einem

Brief an Mathilde. »Fühlst du, wie ekelhaft das ist? Welch eine

faustdicke Beleidigung unseres ganzen Geschlechts darin liegt? Die

Hündin wertet man nicht anders als uns. Pfui Teufel!«

Ich zog mich nach jenem Erlebnis immer mehr zurück und unterdrückte

meinen Menschenhunger, bis Onkel Walter seinem Unwillen über meine

»Haberei« energischen Ausdruck gab. Ich kam grade dazu, als er mit Mama

über mich sprach.

»Sie wird sich die besten Aussichten verscherzen und eine verdrehte alte

Schraube werden,« sagte er. »Oder willst du am Ende nicht heiraten?«

Damit wandte er sich an mich.

»Gewiß will ich -- sehr gern sogar, wenn der Mann danach ist!« lachte

ich.

Mama sah von ihrer Handarbeit auf: »Du weißt, daß ich dich nicht zwingen

werde. Ein Mädchen, das wie du, eine gesicherte Zukunft hat, ist viel

glücklicher, wenn sie nicht heiratet.«

»Mit eurer Zuversicht auf Alixens Zukunft!« warf Onkel Walter ärgerlich

dazwischen. »Die berühmte Tante Klotilde kann noch zehn Mal heiraten,

oder hundert Jahre alt werden, oder ihr Geld den Hottentotten vermachen.

Wir müssen sie unter die Haube bringen, solange sie hübsch ist, -- das

allein ist eine Gewähr für die Zukunft. Sie darf sich freilich nicht mit

Flausen den Kopf verdrehen und verzauberte Prinzessin spielen, sonst

nimmt ein vernünftiger Kerl von vorn herein Reißaus.«

Hochmütig warf ich den Kopf zurück und sagte spöttisch: »Beruhige dich,

lieber Onkel, ich kriege noch zehn für einen. Ich werde dir den Kummer

nicht antun, eine alte Jungfer zur Nichte zu haben.«

Und nun nahm ich wieder an der Geselligkeit teil, -- nicht allein, weil

ich ihm beweisen wollte, daß ich recht hatte, sondern auch, weil die

Tante mich ärgerte, die -- wie ich herausfühlte -- aus reinem Egoismus

das Einsamkeitsbedürfnis ihrer Rivalin zu fördern suchte. »Laß sie doch,

wenn es ihr kein Vergnügen macht, -- wir werden auch ohne sie fertig!«

hatte sie erst kürzlich ihrem Mann zugerufen, als er noch vom Wagen aus

mich zur Teilnahme an einem Ausflug nötigen wollte. Außerdem -- wer

weiß?! -- konnte der Gralsritter, von dem ich doch immer wieder heimlich

träumte, nicht auch hier, am grauen Gestade der Ostsee landen?!

Picknicks und ländliche Feste, wo schrecklich viel gegessen, noch mehr

getrunken und wenig geredet wurde, Jagd- und Manöverdiners und

häuslicher Trubel fingen an, mir sogar wieder Spaß zu machen. Wenn ein

paar lustige Leutnants, um vom Manöver aus Pirgallen zu erreichen,

meinetwegen ein paar Nächte um die Ohren schlugen; wenn abends am

Strande von Kranz, dem nahen Seebad, wohin wir häufig fuhren,

prasselndes Feuerwerk mir zu Ehren in die Luft stieg; wenn Blicke mir

folgten, die mehr sagten als schmeichelnde Worte, -- dann schlürfte ich

mit wonnigem Wohlgefühl den berauschenden Trank der Bewunderung, und die

kleinen Teufel der Eitelkeit triumphierten über die guten Geister im

Bücherschrank von Pirgallen. Aber »er« blieb unsichtbar, und so war

meine Gesellschaftspassion immer nur ein Wechselfieber. »Die

Gesellschaft ists gar nicht, die mich amüsiert, sondern die Rolle, die

ich in ihr spiele,« schrieb ich an Mathilde, »denn an sich ist sie

tödlich langweilig und leer -- leer -- leer wie ein ausgeblasenes Ei.

Damit es was taugt, muß ich es erst mit meinen Farben bemalen.«

Ein paar Wochen vor unserer Abreise kam ein Freund meines Onkels, Herr

von Ollech, Rittmeister bei den Gardedragonern, nach Pirgallen. Schon

auf den Königsberger Rennen hatte ich ihn kennen gelernt, und als wir

abends zum Souper in großer Gesellschaft, die aus lauter Dohnas,

Eulenburgs und Lehndorfs bestand, zusammen saßen, war er der

Rettungsring gewesen, an den ich mich gehalten hatte, um nicht in dem

unvermeidlichen Meer kindlicher Spiele unterzugehen. Er war eben in

Bayreuth gewesen und hatte den Parsifal gehört. Das allein hätte genügt,

um ihn mir interessant zu machen; sein ernstes musikalisches Verständnis

war eine weitere starke Anziehungskraft. Ich freute mich, daß er mit uns

heimwärts fuhr.

Abend für Abend saß er dann im Halbdunkel des großen leeren Saals und

entlockte dem alten Klavier klagende und jauchzende, zärtliche und

sehnsüchtige Töne. Die kleinen Amoretten über den Türen, auf deren runde

Körperchen das Licht weniger Kerzen einen rosigen Schein warf, schienen

zu atmen, und die Blätter der Linden draußen bebten im Takt. Ich saß vor

der offnen Türe, den mondhellen Garten vor mir, und das Zaubernetz

wogender Rhythmen umspann mir dichter -- immer dichter Herz und Sinne.

Dankbar hingerissen erwiderte ich den Druck der Hand des Spielers, wenn

er schließlich zu mir heraustrat und mir Gute Nacht bot. Sah ich ihn

morgens wieder, den überschlanken, großen Mann, mit den wässerigen

Augen, der roten Nase und den ergrauenden Haaren, hörte ich seine rauhe

Stimme, sein Lachen, das wie tonlos war, so war er mir ein Fremder, --

eine Seele voll Wohlklang, die sich auf der Suche nach Menschwerdung in

den Körper eines Dekadenten verirrt hatte.

Angstvoll empfand ich, daß er mich liebte, und sah zugleich an der

Selbstverständlichkeit, mit der man mich mit ihm allein ließ, was alle

erwarteten. Ich fürchtete die Aussprache -- aber nicht weniger die

Trennung. Ich kürzte den Augenblick des Gutenachtsagens mehr und mehr

ab; ich wußte, daß ich in seiner Macht war, wenn der Zauber seiner Musik

mich gefangen genommen hatte.

Sein Urlaub ging zu Ende; ich fesselte mein Schwesterchen so sehr als

möglich an mich, um ein Alleinsein zu verhindern. Aber eines schönen

Morgens lief sie mir davon, als wir grade im Begriffe waren, in den Kahn

zu steigen. Stumm ruderte er mich auf dem schmalen Kanal, der sich, von

Bäumen und Büschen dicht umstanden, durch den Park zog. Schon tanzten

gelbe Blätter auf seinen dunkelgrünen Spiegel nieder, während die Glut

des Spätsommertages wie eingeschlossen unter dem Laubdach lag. Ich

starrte ins Wasser und spielte mit der Hand darin. Ein »Fräulein von

Kleve«, mit rauherer Stimme als sonst hervorgestoßen, ließ mich

zusammenfahren. »Wollen Sie meine Frau werden?« -- -- Ich antwortete

nicht. »Ich bin nicht jung, nicht schön,« fuhr er nach einer Pause leise

fort. »Ich habe Ihnen nichts zu bieten, als --« er zögerte, und eine

flüchtige Röte stieg ihm heiß in die Stirn -- »meinen Namen, mein

Vermögen und -- meine Liebe.« Wieder eine lange Pause -- ich brachte

keinen Ton über die Lippen. Mein Gegenüber seufzte tief auf. »Ich will

keine rasche Antwort, wenn Ihr Herz Sie nicht dazu zwingt. Nur eins

sagen Sie mir, bitte: lieben Sie einen andern?«

»Nein!« entgegnete ich, ihm grade in die Augen sehend. Seine Züge

leuchteten so hell auf, daß ich erschrak. Er griff nach meiner Hand.

»Dann will ich warten, und -- hoffen. Es ist ja so wie so vermessen, daß

ein alter Knabe wie ich so viel Jugend und Schönheit begehrt. Ich reise

morgen früh -- in vier Wochen kommen Sie durch Berlin. Ihre verehrte

Frau Mutter soll mich Ihre Ankunft wissen lassen, wenn -- wenn Sie für

mich entschieden haben; -- ists recht so?«

»Ja,« war alles, was ich hervorbringen konnte. Wir landeten. Als er mir

beim Aussteigen die Hand reichte, traf mich ein Blick, -- ein Blick so

voll Liebe, so voll Leid, daß ich ihm aus lauter Mitgefühl fast in die

Arme gesunken wäre. Abends saß er zum letztenmal am Klavier und ließ

seinen Phantasien freien Lauf; ich konnte der aufsteigenden Tränen nicht

Herr werden, lief fort und verschloß mich in mein Zimmer, um es erst zu

verlassen, als ich am nächsten Tag den Wagen über den Burghof rollen

hörte.

Es verletzte mich, daß jedermann um unsere Beziehungen zu wissen schien.

Ich wurde rücksichtsvoll behandelt, wie eine Kranke, während

widerstreitende Empfindungen mir alle Ruhe raubten. Mußte ich wirklich

mit meinen achtzehn Jahren über solch eine Lebensfrage nachdenken wie

über ein Rechenexempel? Wenn mein Verstand zehnmal ja gesagt hatte, so

warf das Nein meiner Sinne all seine Weisheit über den Haufen. Meiner

Sinne -- nicht meines Herzens. Allzu häufig floß es von Mitleid über,

das der Liebe so ähnlich sieht; wenn ich mir dann aber vorstellte: der

Mann soll dich küssen, soll von dir Besitz ergreifen -- körperlich! --,

dann haßte ich ihn beinahe.

Wir waren noch in Pirgallen, als ein Telegramm meines Vaters eintraf.

»Brigade in Schwerin« -- nichts weiter stand darin. Die Freude war

allgemein und bei mir am größten; meine Abneigung, nach Brandenburg

zurückzukehren, beeinflußte im Stillen meine Entscheidung Ollech

gegenüber. Die neue Garnison, der kleine Hof, die fremde, Neugier und

Hoffnung in gleicher Weise wachrufende Umgebung gaukelten mir lauter

lichte Zukunstsbilder vor. Als wir auf dem Wege nach Berlin im Zuge

saßen und meine Mutter die Schicksalsfrage stellte: »Soll ich Ollech

benachrichtigen?« bedurfte es keiner Überlegung mehr. Ordentlich komisch

kam mirs vor, daß ich jemals zwischen »Ja« und »Nein« hatte schwanken

können.

Während der Übersiedelung der Möbel blieben wir in Berlin. Meine Mutter

kannte keine größere Freude, als ohne Haushaltungs- und

Gesellschaftszwang in der Hauptstadt zu sein. Während sie unermüdlich

von einem Museum, einem Theater zum anderen ging, jede Ausstellung

durchwanderte, die Läden von innen und außen betrachtete, verschwanden

die scharfen Linien um ihren Mund und machten dem Ausdruck kindlichen

Genießens Platz. Sie vergaß dabei sogar ihre Erziehungsgrundsätze und

nahm mich in Possen und Operetten mit, die sich im Grunde gar nicht

»schickten«.

Im Oktober kamen wir nach Schwerin. Der erste Eindruck war ein

deprimierender: ein Bahnhof wie in einem abgelegenen Provinznest, dicht

daneben eine riesige Holzbaracke -- das Interims-Theater --, enge,

holprige Straßen, kleine Häuser mit niedrigen Fenstern, Menschen, deren

Aussehen einen um Jahre zurückversetzte. Aber schon unser neues Heim

veränderte das Bild: eine kleine Villa, dicht am Park, die in fröhlichem

Weiß zwischen Bäumen und Büschen einladend hervorlugte. Und ich hatte

zwei Zimmer darin: das Schlafstübchen, weiß und blau wie einst, der

kleine Salon in mattem Grün, -- eine Überraschung meines Vaters.

Glückselig war ich: zur Arbeit und zum Träumen ein stiller,

abgeschloßner Winkel für mich! Nicht rasch genug konnte ich meine Bücher

in die zierlichen Etageren räumen, meinen Schreibtisch mit Bildern

schmücken. Viele verborgene Schätze kamen ans Licht, die teils aus

Mangel an Platz, teils aus Angst vor Mama in Koffern und Kisten

verborgen gewesen waren. Da waren Makarts Fünf Sinne in großen

Photographien, Böcklins Insel der Seligen. Ich hatte mich berauscht an

der glänzenden Schönheit Makartscher Frauengestalten, ich hatte die

Wirklichkeit vergessen gehabt vor dem dunkelblauen Wasser und der

leuchtenden Ferne auf Böcklins vielgeschmähtem Bild. Mitten auf meinem

Schreibtisch prangten sie nun. Eine bunte Gesellschaft, von denen jeder

einzelne vom anderen weiter entfernt war als Böcklin von Makart,

versammelte sich auf meinem Bücherregal: Goethe und Julius Wolff, dessen

sentimentale Sinnlichkeit mich vorübergehend fesselte, Gottfried Keller

und Felix Dahn, dessen germanische Götter- und Heldengeschichten meiner

alten Neigung begegneten, Scherers Geschichte der Deutschen Literatur,

die eben erschienen war, und die ich eifrig studierte, Webers Welt- und

Lübkes Kunstgeschichte und daneben in wirrem Durcheinander griechische

Klassiker, russische Novellisten, altdeutsche Heldenlieder in braunen

Reclambänden, moderne Lyriker in goldüberladenem Prachtgewand.

Noch spät am Abend kramte ich in meinem Zimmer, überzeugt, daß niemand

mich stören würde, da sich die Schlafstuben der Eltern ein Stockwerk

höher befanden, als meine Mutter eintrat. »Noch nicht zu Bett?!« rief

sie und musterte ärgerlich meine Umgebung. Dabei fiel ihr Blick auf

Bilder und Bücher. »Du bildest dir doch nicht ein, daß ich dergleichen

dulden werde: diese schamlosen nackten Frauenzimmer und dies Bild eines

Verrückten?«

Mir stieg das Blut zu Kopf. »Das ist mein Zimmer, so viel ich weiß,«

sprudelte ich hervor, meine Worte überstürzend, wie stets, wenn die

Erregung mir den Mut zur Rede gegeben hatte, »und ich bin alt genug,

meinem Geschmack zu folgen. Soll ich vielleicht Thumann aufbauen, der

Germanen malt wie Salonhelden, und dessen Frauen aussehen wie lauter

wohl erzogne und gut toilettierte Bazardamen? Solche Verlogenheit mag

ich nicht, -- sie ist schamloser, als nackte Schönheit. Es ist mir auch

ganz gleichgültig, ob die Leute Böcklin für verrückt halten. Ich finde,

es wäre zum davonlaufen in der Welt, wenn nicht die paar Verrückten sie

noch erträglich machten.«

»Das magst du halten, wie du willst«, antwortete Mama, und nur ihre

heißen Wangen verrieten ihren Zorn. »Solange du im Elternhause bist,

hast du dich mir zu fügen, und zwar lediglich in deinem Interesse. Was

meinst du wohl, was man von dir sagen würde, wenn man solche Dinge auf

deinem Schreibtisch sähe?!« Damit ging sie hinaus, und ich nahm tief

verletzt meine Bilder, um sie im Schlafzimmer aufzustellen, -- hier

sollte sie mir niemand verekeln dürfen.

Früh am Morgen weckte mich Papa:

»Du, Alixchen -- wie wärs mit einem Ritt? Die kleine Braune wartet!« Mit

einem Sprung war ich aus dem Bett und in wenigen Minuten in den

Kleidern. Vergessen hatte ich den Ärger, noch mehr die Vorschrift des

Arztes. Ein herrlicher Herbsttag war es, mit jenem geheimnisvoll blauen

Dunst zwischen den Bäumen und jenem leisen Rieseln und Tanzen goldener

Blätter darin. Durch eine grade Allee ritten wir an beschnittenen

Laubengängen und verwitterten Götterbildern vorbei, vorüber an einem

kleinen Gartenhäuschen, das zwischen welkenden Rosen träumte, und hinein

in den Dom gewaltiger grauer Buchenstämme, durch deren hohe gelbgrüne

Wölbung nur hie und da ein Sonnenstrahl bis zur Erde drang. Wir ritten

langsam und sprachen kein Wort, selbst der Hufschlag der Pferde klang

gedämpft, als ob sie auf tiefen Teppichen gingen. Plötzlich, wo der Weg

sich jäh zur Seite wandte, empfing uns ein blendender Strom flimmernden

Lichts: Vergißmeinnichtblau dehnte sich der See bis zum nebelgrauen

Horizont, und aus ihm empor stieg mit Türmen und Zinnen, Erkern und

Balkonen, funkelnd und blitzend im hellsten Morgenglanz, ein

Märchenschloß.

Uns heimwärts wendend, verfolgten wir die Uferstraße bis zur Stadt. Das

Wasser, die feierlich breite Brücke darüber; ein öder, sandiger Platz

trennte sie vom Palast des Herrschers. Demütig und zusammengeduckt, in

nüchternem Werktagskleid, scheu und anbetend, aus kleinen Fenstern

hinüberblinzelnd, lag sie zu seinen Füßen.

»Das ist Mecklenburg!« sagte mein Vater.

Die ersten Wochen in Schwerin waren ausgefüllt mit offiziellen Besuchen

und Gegenbesuchen, die für mich lauter Enttäuschungen waren. Die

Menschen entsprachen der Stadt, ob es nun Hofmarschälle, Minister oder

Kammerherrn und Leutnants waren. Das Resultat »guter« Erziehung sprang

in die Augen: vollkommene Gleichartigkeit des Wesens, der Ansichten, der

Bildung; unerschütterlicher Gleichmut, selbstverständliche Kirchlichkeit

-- eine Vornehmheit, die, in ihrem Abscheu vor jeder Extravaganz,

äußerlich und innerlich vollkommen farblos machte. Und die Frauen! Glatt

gescheitelt, streng und kühl die Verheirateten; eine Schar alternder

Mädchen -- das Kennzeichen jeder kleinen Residenz -- mit dem bitteren

Zug enttäuschter Erwartungen um blutleere Lippen; wenige junge, und auch

die sich zu vorschriftsmäßigem Gleichmaß zwingend. Der Hoftrauer wegen

-- im Frühjahr war der alte, sehr geliebte Großherzog gestorben, sein

kränklicher Nachfolger war noch im Süden -- gab es keine großen

Gesellschaften, dagegen zahllose Nachmittagstees von gähnender

Langerweile und steife Abendgesellschaften, die ihnen nichts nachgaben.

Kleine Diners bei der alten Großherzogin-Mutter, der Schwester Kaiser

Wilhelms, bildeten eine wohltätige Ausnahme. Die originelle alte Dame

liebte die Jugend und war, bei allem strengen Urteil über Manieren, die

ihr nicht vollkommen schienen, ihr gegenüber nachsichtig und

freundlich, dabei voll sarkastischen Witzes. In ihrem kleinen »Palais«,

einem baufälligen Häuschen, das sie zu verlassen sich standhaft

weigerte, klang an einem Nachmittag oft mehr frohes Lachen, als an zehn

geselligen Abenden bei den übrigen Würdenträgern der Stadt. Was den

Verkehr noch besonders erschwerte, war die Abneigung der eingesessenen

Mecklenburger Familien gegen die Preußen und die strenge Scheidung der

Gesellschaft nach der Herkunft. Nur der Adel war hoffähig; mühsam hatte

Preußen es durchgesetzt, daß wenigstens der Offizier, auch wenn er

unadlig war, empfangen wurde. Seine Frau jedoch empfing man nicht, die

nicht adlig geborene Frau eines Adligen ebensowenig.

Die Rolle der duldenden Teilnehmerin in der Öde dieser Gesellschaft

hielt ich nicht lange aus. Mich ganz zurückziehen, was ich am liebsten

getan hätte, war bei der Stellung meines Vaters, mit der die

Verpflichtung, »ein Haus auszumachen«, unweigerlich verbunden war, nur

soweit möglich, als die Rücksicht auf meine Gesundheit es verlangte.

Getanzt aber wurde nicht, also blieb mir kein Vorwand; nur hie und da,

wenn ich in ein Buch besonders vertieft war, oder eine Phantasie

unbedingt zu Papier bringen mußte, schützte ich Schmerzen vor, legte

mich zu Bett, und stand, im köstlichen Besitz ungestörter Freiheit,

wieder auf, sobald die Eltern das Haus verlassen hatten.

Dann kamen sie, die holden Gestalten meiner Träume, und viele blaue

Hefte füllten sich allmählich mit Gedichten und Betrachtungen, Märchen

und Geschichten.

Ging ich aus, so setzte ich alle Hebel in Bewegung, um der Langenweile

Herr zu werden. Zum Kampf gegen sie zettelte ich unter meinen wenigen

Altersgenossinnen eine förmliche Verschwörung an: wir »schnitten« die

Alten und Grämlichen, wir protestierten durch die Tat gegen die

Gewohnheit der Trennung der Geschlechter, sobald das Essen vorüber war,

wir spielten Theater und stellten lebende Bilder, wozu ich die

verbindenden Texte zu dichten pflegte. Und unsere Jugend siegte

allmählich; meine geselligen Künste fanden Anerkennung, und ich mußte

sie überall glänzen lassen. Aber solche Erfolge genügten mir nicht. Ich

»suchte Menschen« -- verlangender und sehnsüchtiger denn je --, und wenn

ich mich scheinbar am besten amüsiert hatte, kam ich oft heim, um

verzweifelt in mein Bett zu schluchzen.

»Du hast das beste Leben von der Welt. Warum bist du nicht zufrieden?«

schrieb mir meine Kusine, die kurze Zeit bei uns gewesen war und meine

Zerfahrenheit nicht begriff.

Ich antwortete ihr:

»Du sagst, und zwar mit dem Ton moralischen Vorwurfs, daß ich nur darum

die hiesige Gesellschaft so abfällig beurteile, weil ich noch niemanden

fand, der mich persönlich interessiert. Das ist doch selbstverständlich!

Oder gehst du der vielen Gleichgültigen wegen in Gesellschaft, die sich

nach deinem Befinden erkundigen, obwohl es ihnen ganz einerlei ist, wie

du dich befindest, die die kostbare Zeit mit Geschwätz totschlagen, von

dem du absolut gar keine Anregung empfängst, die ein verbindliches 'Auf

Wiedersehen' flöten und schon am nächsten Tag an deiner Leiche

gleichgültig vorübergehen würden?! Aber du treibst deinen Vorwurf noch

weiter und sagst entrüstet, ich wäre wieder einmal reif, mein Herz

wegzuwerfen. Ich gebe das ohne weiteres zu: findet mein Geist kein

Interesse, so muß das Herz daran glauben. Hier im heiligen Mecklenburg

ist kein Mensch, den ich nicht schon ausgepreßt hätte wie eine Zitrone,

und der nicht immer sauer geblieben wäre wie sie. Nun gilts, ihm das

Zuckerwasser der Verliebtheit beizumengen, um ihn überhaupt genießbar zu

machen. Deine Moralpauke schließt mit den Worten: nicht wieder

'sträflich' mit dem Feuer zu spielen. Sei beruhigt: ich bin grade auf

das intensivste mit dem Schüren der Flamme beschäftigt. Und _wie_ sie

brennt!! 'Er' ist hübsch, elegant, leichtsinnig, oberflächlich, --

kurz, ganz was ich brauche! 'Er' ist Löwe, Herzensbrecher, -- kurz, ein

Holz, aus dem ich mit Vergnügen meine Ritter schnitze! Du hast natürlich

wieder Mitleid mit ihm, wie mit Vetter Fritz, mit Fredy usw. _Warum hat

denn niemand Mitleid mit mir_?! Oder ist es nicht vielleicht

mitleidswürdig, daß ich mein heißes Herzblut tropfenweise mit dem

Allerweltsleitungswasser des Flirts verdünne?! Ich lechze nach Licht,

flammendem Geisteslicht, selbst wenn ich bei seinem Anblick erblinden

sollte, und nach einer Leidenschaft, an der ich mich verzehren kann.«

Es kamen Stunden, in denen mein pochendes Herzblut mich in wild

aufwallende Gefühle verstrickte. Dann flatterte es mir vor den Augen in

tausend Flämmchen, heiße Schauer liefen mir über den Rücken, und

feuriger begegnete mein Blick dem des Mannes, der grade neben mir über

die spiegelnde Eisfläche glitt oder beim Diner klingend sein Sektglas an

das meine stieß. Ich galt für kokett; die jungen Mädchen zogen sich von

mir zurück; ich hatte immer eine Korona von Kavalieren um mich.

In grausamer Selbstzerfleischung schrieb ich in eines meiner blauen

Hefte:

»Irgendein unheimliches, wildes Tier haust in meinem Innern. Es zerreißt

die festesten Eisenketten. Es treibt mich seit meiner Kindheit von

Leidenschaft zu Leidenschaft. Wie erbärmlich, sich erheben zu wollen

über die Mädchen der Straße. Wären wir nicht so gut erzogen, und wohl

gehütet, wie viele von uns gingen denselben Weg wie sie!« Und an anderer

Stelle heißt es: »O über das trostreiche Verweisen auf häusliche

Pflichten! Als ob ich sie nicht alle erfüllte, ohne die geringste

Befriedigung zu spüren! Staub wischen, Hüte garnieren, Deckchen sticken,

Strümpfe stopfen, -- soll das das Herz beruhigen, den Geist ausfüllen?!

Es ist nichts als eine tugendhafte Bemäntelung des Zeittotschlagens.

Meine Lebenskräfte schreien nach Betätigung. Ich möchte etwas erleben,

das keine Nervenfaser unberührt, kein Äderchen ohne Glut läßt, etwas

leisten, das Wunden kostet ...«

Einmal -- ich saß grade am Bett meines kranken Schwesterchens und baute

ihr aus Goldpapier ein »Walhall« auf, dessen göttliche Bewohner aus

Perlen und bunten Knöpfen bestanden -- ließ mich Papa zu sich herunter

rufen. Herr von Landsberg, der Hoftheater-Intendant, war bei ihm.

»Ich habe eine Bitte an Sie, mein gnädigstes Fräulein,« wandte er sich

an mich. »Wir wollen nach beendeter Trauer den Geburtstag des

Großherzogs durch eine Festvorstellung feiern. Uns fehlt ein

einleitender Prolog. Dürfen wir dafür auf Ihre Mitarbeit rechnen?«

Mir klopfte das Herz vor Freude: Ich sollte für die Bühne dichten!

Sollte von einem großen Publikum gehört werden! Trotzdem kamen mir

Bedenken:

»Ich kenne den Großherzog nicht. Und ihn anhimmeln, bloß weil er der

Großherzog ist, -- das widerstrebt mir.«

»Niemand verlangt das von Ihnen. Das rein Menschliche, daß er krank,

fern seinem Lande im Süden ist, daß seine Abwesenheit schwer auf Handel

und Wandel, Leben und Geselligkeit drückt, daß wir ihm und uns seine

Genesung wünschen, gibt, scheint mir, Anregung genug zu dichterischer

Gestaltung!« Mir leuchtete ein, was er sagte; die Gelegenheit, zum

erstenmal öffentlich hervorzutreten, war auch viel zu verlockend, als

daß mein Widerstand sich hätte aufrecht erhalten lassen.

Ich schrieb in schwungvollen Versen irgend etwas, das von den Seen und

Wäldern Mecklenburgs, von den guten heimischen Göttern und dem

trügerischen Zauber des Südens mehr enthielt als von dem Landesfürsten,

den es feiern sollte. Da man ihn seiner, wie man glaubte, unnötig langen

Abwesenheit wegen nicht allzu hoch schätzte, so entsprach meine Dichtung

den Intentionen der Auftraggeber. Bei Landsbergs, in kleinem Kreise, las

ich sie vor und erntete von den anwesenden Schauspielern einen

geräuschvollen Beifall, der um so größeren Eindruck auf mich machte, als

ich noch nicht wußte, daß es bei ihnen ebenso üblich ist, den Gefühlen

übertrieben lauten Ausdruck zu geben, wie es bei uns guter Ton ist, sie

bis auf ein Mindestmaß zu unterdrücken.

Hier, -- das schien der eine Augenblick mir zu enthüllen --, fand ich

die Menschen, die mich verstanden, denen die Kunst Lebensinhalt war.

Ich nahm an den Proben teil und wurde allmählich ein immer häufigerer

Gast im Hause des Intendanten. Seine geistvolle, liebend würdige Frau

verhätschelte mich; er selber -- wie selten war mir das begegnet! --

nahm mich ernst und gab mir derlei gute Ratschläge, um mein Talent zu

fördern. Die Hauptanziehungskraft aber war mir Lisbeth Karstens, die

junge, reizende Schauspielerin, die meinen Prolog sprechen sollte. Aus

Begeisterung für die Kunst hatte sie das warme Nest ihres Elternhauses

verlassen und war allein und mittellos in die Fremde gegangen. Not,

Gemeinheit und Verkennung hatten sich ihr in den Weg gestellt, -- ihr

Enthusiasmus war stärker gewesen als alles. Landsberg, der es wie wenige

verstand, Begabungen zu entdecken und die häßliche Bretterbude am

Bahnhof infolgedessen über viele kostbare Theater Deutschlands erhob,

hatte sie erst kürzlich engagiert. Sie war ein ausgezeichnetes

»Gretchen«, eine rührende »Ophelia«, ein hinreißendes »Käthchen von

Heilbronn«, und selbst der blutleeren »Thekla« verhalf sie zu lieblichem

Leben. Mein Prolog, von ihr gesprochen, erschien mir wirklich wie ein

Kunstwerk. Aber, ach, wieviel Tränen vergoß ich seinetwegen!

Mit aufrichtigem Beifall hatte mein Vater ihn beurteilt; es schmeichelte

seiner Eitelkeit, seine Tochter anerkannt zu sehen, aber seine

hochmütige Mißachtung des Publikums war zu groß, als daß er ihm ein

Urteil über mich hätte gestatten können. Mein Name durfte nicht genannt

werden. Ich suchte vergebens, ihn umzustimmen.

»Damit unser guter Name durch die schmutzigen Mäuler aller Menschen

gezogen wird?!« herrschte er mich an, »und jeder Federfuchser sich

erlauben kann, dich herunterzureißen?!« Als der große Abend hereinbrach,

flüsterte man sich meinen Namen nur unter dem Siegel der

Verschwiegenheit zu. Der Beifall aber, der das Theater durchbrauste,

klang wie eine Fanfare bis ins Innerste meiner Seele, und alte

Kinderträume wachten auf, und junger Ehrgeiz breitete seine Flügel aus,

um mich weit in die Zukunft zu tragen, -- dahin, wo der Ruhm auf ehernen

Stühlen thront und immergrüner Lorbeer im Glanze der nie untergehenden

Sonne eichenstark gen Himmel wächst.

Seitdem hatte ich keine Ruhe mehr. Oft trieb michs des Nachts aus dem

Bett an den Schreibtisch. Mit Lisbeth Karstens verband mich eine immer

innigere Freundschaft. Sie war meine Vertraute, eine geduldige, leicht

begeisterte, fast immer kritiklose Zuhörerin meiner Dichtungen. Im

Theater, das ich fast täglich besuchte, denn in der Loge des Intendanten

war Platz für mich, sobald meine Eltern mich nicht begleiteten, fand ich

immer neue Anregung, der Künstlerkreis im Landsbergschen Haus, der für

nichts Sinn hatte als für das Theater, fachte die Glut meines Innern zur

Fieberhitze an. Noch waren es Nebelgestalten, die ich sah und nicht zu

fassen vermochte. Sie nahmen festere Formen an, wenn der alte

Wagnerfänger Hill am Flügel stand und seine machtvolle Stimme den Raum

erfüllte; wenn Alois Schmitt -- einer der künstlerischsten Menschen, die

ich kannte -- am Dirigentenpult saß und sein geschultes Orchester die

Fidelio-Ouvertüre intonierte; und sie wurden mir sichtbar, wie

Geistererscheinungen, wenn ich einsam durch den Wald ritt und droben auf

dem Götterhügel fern der Stadt, wo vor Jahrhunderten Walvaters

Opferstein rauchte, die rauschenden Buchen miteinander flüsterten.

Es war Sigrun, König Högnis Tochter, die ich sah, -- Sigrun, die

Schildjungfrau, die in heißem Freiheitsdrang und starker Liebe den

Todfeind ihres Vaters, Helgi, den Hundingstöter, vor seinen Mördern

schützte und sich ihm als Gattin verband, -- Sigrun, die Treueste der

Treuen, und die geliebteste, um deretwillen Helgi Walhalls Wonnen

verschmähte. Zu einem Drama wollt' ich ihre Geschichte gestalten; der

Konflikt zwischen kindlichem Gehorsam und Mannesliebe war sein

Mittelpunkt, seine Lösung der freiwillige Tod der Heldin.

Meist schrieb ich des Nachts. Am Tage fürchtete ich zu sehr die Störung,

die mich aus allen meinen Himmeln riß. Die Friseuse, die Schneiderin,

die Wäsche, die Besuche, -- nichts durft ich versäumen. »Wäre ich ein

Mann, es würde dir nicht einfallen, mich von der Arbeit abzurufen!« rief

ich bei solcher Gelegenheit einmal verzweifelt Mama entgegen.

»Gewiß nicht!« antwortete sie mit herbem Lächeln, »da du aber ein Weib

bist, mußt du frühzeitig lernen, daß wir nie uns selbst gehören.«

Tante Klotilde fiel mir ein, die mir vor Jahren etwas ähnliches gesagt

hatte, und Groll gegen mein Schicksal erfüllte mich.

Mit dem Fortschritt der Arbeit wurde meine Stimmung immer trüber. Ich

fühlte, daß ich meinem Werk den ganzen Gluthauch des Lebens, den ich

dunkel empfand, nicht einzuflößen vermochte. Der guten Lisbeth Beifall

machte mich stutzig, nachdem ich erfuhr, wie wahllos sie für alles

schwärmte; der laute Ton des Künstlervölkchens bei Landsbergs, der mir

früher ersehnte Offenbarung natürlichen Fühlens gewesen war, tat mir

weh, je mehr ich die falsche Note hörte. Das Tiefste versteckten

schließlich alle: wir durch schweigende Zurückhaltung, sie durch

lärmende Heiterkeit. Ich zeigte Landsberg einige Szenen meines Werks,

die mir am besten gelungen schienen. »Bringen Sies mir, wenn es

vollendet ist, vielleicht läßt es sich aufführen,« sagte er nach der

Lektüre, -- nichts weiter. Wäre es das Außerordentliche gewesen, das ich

hatte schaffen wollen, er hätte sicherlich anders gesprochen!

Ich hielt mich streng an klassische Vorbilder und übertrug das

ursprünglich in Prosa oder in freien Rhythmen Geschriebene in fünffüßige

Jamben. Alle Wärme, alle Kraft ging dabei verloren. Je mehr ich

umarbeitete, feilte, mit der Form und der Technik kämpfte, desto

nüchterner und fremder sah mich meine eigene Arbeit an. Und schließlich

kam ein Tag, an dem ich verzweifelt vor den vollgeschriebenen Blättern

saß, und wußte, daß ich meiner Aufgabe nicht gewachsen war. Wie ein

steuerloses Schiff auf brandendem Meere war ich wieder; eine Fata

Morgana waren meine Hoffnungen gewesen; das Leben sah mich an, eine

leere, dunkle, feuchtkalte Höhle, die von den Fackeln meiner Träume noch

eben in magischem Zauber geleuchtet hatte.

»Ganz oder gar nicht,« -- das war mir allmählich zum Wahlspruch

geworden. So verurteilte ich denn fast alles, was ich seit meiner

Kindheit geschrieben hatte, zum Feuertode, verschnürte und versiegelte

das Übriggebliebene -- darunter auch mein verunglücktes jüngstes Werk

-- und warf den Schlüssel der kleinen Truhe, in der ich es verwahrte,

zum Fenster hinaus.

Und nun überfiel mich ein Heimweh nach den Bergen, so stark, so

unüberwindlich, als wäre ich dort zu Hause und überall sonst in der

Fremde. Auf meine Bitte, zu ihr ins Rosenhaus kommen zu dürfen,

antwortete Tante Klotilde umgehend, daß sie zwar noch nicht dort sei,

die alte Kathrin aber alles zu ihrer Ankunft vorbereite und ich sie mit

ihr dort erwarten möge. Ehe ich ging, zog ich meinem Schwesterchen noch

zwei Puppen an, -- Helgi und Sigrun. Sie liebte sie zärtlich, und noch

Jahre nachher lachten mir ihre starren Porzelangesichter entgegen, als

höhnten sie meiner, die ich lebendige Menschen hatte schaffen wollen.

Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre · 第 16 / 35 题