Ihr

in Affect gerathener Hannes Manu propria.

Die erste Folge davon für den armen Johannes war, daß er vor dem

Gerichtshalter ein Examen rigorosissimum auszustehen hatte und den Beweis

führen sollte, daß er _nicht_ lesen und _nicht_ schreiben könne! Der

außerordentlich gewandte Mann wußte in diesem Fall selber einmal nicht, wie

er ihm das Lesen und Schreiben beweisen könne, wie Johannes mit Augen und

Buch und Feder und Hand das _nicht_ zu beweisen vermöge. Seine Praxis war

hier aus, und er bedauerte laut die Abschaffung der Folter, worauf man

jeden Unschuldigen schuldig finden konnte -- ad Collubitum. Aus Desperation

ward also der Schulmeister Wecker suspendirt »wegen ermangelnder Absicht«;

wie statt Obsicht im Urtheil stand.

Aber die zweite Folge war: Johannes bekam zur -- Strafe -- kein Lohn für

alle wochenlange Arbeit. Das war das Schlimmste für ihn, seine Christel und

die Kinder, und ein wahrer Schlag in den Vogelheerd.

8.

Johannes war nun sehr betreten und muthlos. Meine gute Christel, sagt' er,

Du bist schlecht bei mir angekommen! es thut mir leid, daß Du mich

geheirathet hast, daß Du des Wochentags in Sonntagskleidern gehen sollst,

Du armer Schelm! Unsere Retter sind nun noch die Weinberge, und die Stöcke,

die da zu stecken sind; da geh' ich nun hin und muß Dich die ganze Woche

über verlassen, und sehe Dich nicht und die Kinder! Aber wenn ich Reben

schneide, und sie weinen und tröpfeln, da kann ich mir denken, wie es

daheim um Deine Augen aussieht! Du armer Schelm! --

Wein' ich denn? fragte ihn Christel und sah ihn mit ihren großen braunen

Augen an, die sich regten und feucht glänzten.

Dir sind die Augen naß, meine Christel, sagt' er.

Nun ja, über Dich! daß Du so traurig bist, daß Du sprichst, es thue Dir

leid, daß Du mich geheirathet hast.

Sie weinte nun wirklich sanft.

Deinetwegen nur thut mir es leid, sagte Johannes.

Ich bin ja munter und vergnügt, sagte sie, so sei Du nur ruhig.

Wir können fast nicht unglücklicher werden, als wir schon sind, seufzte

Johannes. Da, verschneide mir meinen Kirchrock zu einer Arbeitsjacke, ich

schäme mich sonst so im Staate.

Gieb ihn mir, ich will es gleich machen; aber von den Schößeln bekommt der

kleine Gotthelf ein Käppchen, nicht wahr? Aber, daß Du sprichst, wir

könnten nicht unglücklicher werden -- das sage nicht! Da hätte der Himmel

noch viel! Bitte lieber, daß wir so glücklich bleiben!

So ward denn die Jacke und das Käppchen gemacht, das dem Kinde nur bis an

die Kniee ging, und Johannes war nun die ganze Zeit in den Weinbergen und

kam nur Sonnabend nach Hause. Das wußte nun Niklas.

Aber der gnädige Gottlieb hatte Christel gesehen, als er mit dem Pferde vor

ihr gehalten, sie nicht vergessen, sondern in einiger Zeit erst, hatt' er

sich vorgenommen, mit der größten Gelassenheit und anscheinenden

Ehrlichkeit das junge liebliche Weib zu sehen und ihr nahe zu kommen und

ihr einige Wörtchen aus seinem bedeutenden Munde zu sagen. Jetzt auf das

Häuschen von einer verborgenen Seite zu wandelnd, wollte er leise und

ungesehen nahen, ohne anzuklopfen plötzlich die Stubenthür öffnen und im

saubersten Anzuge still eintreten und ihr wie ein Halbgott erscheinen. Sie

sollte vor ihm erschrecken, ihn anblicken und auf einmal die ganze Gewalt

seiner Zaubererscheinung empfinden! Er reichte ihr schon in Gedanken die

Hand hin, die sie ihm küssen würde -- er würd' es verweigern. -- Sie sollte

in höchster Verlegenheit sein, einen hölzernen Schemel abwischen, vielmal

den Wirrwarr der Kinder entschuldigen, vor die papierne Fensterscheibe im

Fenster treten, in die Kammer gehen, mit einer bessern Schürze, mit weißen

feinern Strümpfen wieder hervorkommen und sich gar nicht über die

Erniedrigung und hohe Gnade zu gute geben können, daß der gnädige Gottlieb

ihre -- seine -- niedrige Hütte mit seiner hohen Person beehrt zum

unvergeßlichen Angedenken, zum Traum in der Nacht. Dann sollten die Kinder

ihm mit Gewalt ihre Diener machen, die sich ungeschickt stellten; darauf

sollten sie aus dem Zimmer hinaus spedirt werden; dann wollt' er ihre Hand

fassen, sie drücken, sie halten und sagen: So ein schönes Weib ist der

alberne Johannes gar nicht werth! Wie glücklich würd' ich sein, an seiner

Stelle! -- Dann wollt' er seufzen, ihr in die Augen schmachten und sagen:

Wir müssen zusammen näher bekannt werden! Nicht? Du hast mich bezaubert!

Ich hatte keine Ruhe mehr Tag und Nacht, seit ich Dich gesehen, die Blumen

im Schooß. -- Dann wand er einen Arm leise und vorsichtig um ihren

schlanken Leib -- sie bebte, sie zitterte mit den Knieen. Dann küßte er

sie, ein Mal, zwei Mal, drei Mal -- dann fühlte er leise einen nur

angedeuteten Kuß wieder, dann küßte sie deutlicher, länger -- dann sog er

an ihren Lippen -- dann fragte er nur flüsternd: sind wir allein? -- Aber

sie wand sich los, stand glühend und wagte kaum zu sagen: ich bin ja nur

ein schlechtes gemeines Weib, und Sie so ein großer, vornehmer Herr, Sie

werden sich ja nicht zu mir herablassen. -- Du bist ein Närrchen! sagt' er.

Deinetwegen bin ich allein gekommen! Bin ich nicht hier? Hast Du mich

nicht? -- Aber Sie haben ja so ein schönes, junges, gutes Weib! -- Und Du

einen grämlichen, einfältigen Mann! -- Und nun schämte sich Christel,

fühlte sich ohne Willen, ohne Kraft, ohne Worte und erstaunte über die

Kühnheit, daß sie ihn geküßt, über das Glück, daß er sie geküßt, und

glaubte, er habe nur gescherzt! und sie sah ihm zweifelnd, beklommen und

bewundernd in die Augen, als seine ganz unterthänige Magd, der geschehe,

wie er gesagt hat. --

Oder:

War sie nur angestochen von seinem Blick, sahe sie ihn, wenn er _kam_, nur

an, und dann nicht, und nur wieder, wenn er fortging, und sah' sie ihm nach

-- bat sie ihn wieder zu kommen -- sah er sich genöthigt, die Schule mit

ihr durch zu machen, so gab er große Lectionen auf einmal, und die

Schülerin schritt mit großen Schritten vorwärts. Denn aller Feinheiten,

aller Mitteltinten der Liebe war er bei ihr überhoben. Und wie er als Knabe

hier auf dem Heerde immer mit _denselben_ Disteln hundert schöne Stieglitze

nach einander gefangen, hundert Rothkehlchen immer nur mit frisch

eingebeerten rothen Ebereschbeeren: so war er überzeugt, daß dieselben

Liebesmittel seine alte Liebeskrankheit auch dieß Mal heilen würden.

Er lächelte nur -- auch über das Weib, sah, ob er Gold in der Weste habe,

fühlte _seinen getreuen_ Dukaten, den Armerleuts-Augenblender, erst richtig

darin, und ging nun sicher die letzten Schritte fast zu rasch.

So öffnet' er denn, so trat er ein. Sein Auge suchte das junge Weib --

Niemand zu sehen! Ein Tisch in der Mitte, trockenes Brot darauf, und ein

blankes Salzfaß, kaum ein Stuhl; ein Stück zerbrochenen Spiegels auf dem

Fenster, in der Wiege am Bett ein schlafendes Kind. Der Staar vom Ofen rief

ihn an: »Du Dieb! Du Dieb!« Mit dem Fuße, den er in die Stube setzte, trat

er das andere kleine Kind auf sein Händchen, das er ganz übersehen. Das

Kind schrie. Sein Solofänger fuhr hinein und fiel über ein irdenes Näpfchen

mit Milch für die Kinder her. Der Staar flog auf den Rücken des Windspiels

und pickte in ihn hinein. Es wandte sich, schnappte nach ihm, und der Staar

fiel todt auf die Erde. Daniel kam hereingesprungen, sahe den todten armen

Dieb, brach in Thränen und Klagen aus, und so trat denn auch Christel aus

der Kammer herein, die Gelte in der Hand.

Sie nahm das getretene Kind auf den Arm, begütigte es erst und schalt dann

Daniel, daß er darauf nicht Acht gegeben, während sie gemolken, und das

Alles, als wenn der gnädige Herr gar nicht zugegen wäre. Dann ging sie und

reichte ihm die Hand und fragte, was er bringe? -- denn zu holen ist bei

uns nichts, wie Sie sehen, sagte sie lächelnd.

Er wollte den Gang nicht umsonst gegangen sein, leitete das Gespräch, und

so wiederholte er nach und nach jene Worte, jene Reden, die er vorher in

seinem Herzen gehalten. Und das Alles sehr allmälig und langsam, oft inne

haltend und mit den Augen forschend, bis er Johannes albern genannt. --

Aber da brach Christel in Thränen aus und schluchzte vor Wehmuth und Scham,

und wie sie weinte, weinten die Kinder, und so wenig, als Christel zuvor,

mochten auch sie den Dukaten nicht, den er Einem nach dem Andern bot und

zuletzt auf das Brot legte.

Wenn Du so bist, Du Engel, dann komm' ich nicht wieder! versetzt' er im

Gehen mit Drohen und Lächeln.

Ja! machen Sie mir die Schande nicht! flehte ihn Christel und drückte und

küßte ihm nun die Hände, aber anders, wie er zuvor im Geiste gesehen. Mein

Johannes könnte wieder nicht zu Hause sein -- Sie sind verrufen, und wenn

mich Jemand aus dem Dorfe anlachte: so nähm' ich mir gleich das Leben!

Dabei drückte sie das Kind an ihr Herz, als wenn sie schon von ihm scheiden

solle.

Das war zu natürlich, ja schön und bezaubernd, nur nicht für ihn, daß er

ihr glaubte; denn er wußte, wie leidend, wie krank seine Gemahlin sei, aus

stillem Gram über ihn. Es ward ihm schwül unter dem Dache, er sah von

Weitem den handfesten Johannes munter und rasch nach Hause schreiten, denn

es war Sonnabend, und so legt' er den Finger auf den Mund und ging ohn' ein

Wort, und der Hund boll um ihn her.

Johannes trat ein. Er sah, daß die Frau sich die Thränen trocknete und ihn

wehmüthig lächelnd ansah, und doch eine selige, unergründliche Heiterkeit

aus ihrem Gesicht wie leuchtete. Dann sah er das Gold auf dem Brote,

glaubte zu verstehen und sagte: der Niklas hat doch vielleicht recht, der

gnädige Gottlieb ist doch gut! Aber Almosen -- Almosen, auch von Golde,

verzeih' mir Gott! ich mag sie nicht. Was meinst Du, Christel? Oder denkst

Du anders? --

Freilich denk' ich anders, sagte sie; ich hab' es gar nicht gesehen! Mein

Johannes, das wäre theures Gold für Dich! nicht wahr, so wohlfeil

verkaufest Du mich nicht? und ich Dich nicht; um gar keins! die Kinder

nicht, die dann nicht mehr mein wären, und das gute Gewissen, und die

Seligkeit.

Das ist mir lieb, Christel, sagte Johannes ruhig; ich verstehe Dich, ich

hab' ihn sehen gehen, den gnädigen Gottlieb. Du bist eine brave Frau, daß

Du mir das sagst; denn eine brave Frau muß nicht solche schändliche Dinge

dem Manne verschweigen, aus Scham oder Furcht oder um ihm einen Gram zu

ersparen. Was sie ihm sagt von solcher Art, das macht ihm Freude. Es ist

nur gut, daß wir Armen noch Ehre im Leibe haben, wir haben ja sonst nichts.

Ich bleibe nicht hier im Hause! sagte Christel, auf seinem Heerde nicht,

und nirgend auf seinem Grund und Boden. Das ist mir hier gar nicht wie die

Erde mehr unter meinen Füßen.

Ich ärgere mich nicht, sagte Johannes. Sondern in allen bösen Dingen ist

das Beste, das zu thun, was dem Dinge abhilft. Wir ziehen fort, ins Dorf!

Ich will noch heute gehen! und dem Niklas will ich es sagen warum, wenn er

mich fragt, sonst auch nicht.

Aber, mein Johannes, geh' nur nicht zu einem Wohlhabenden ins Haus! bat sie

ihn. Siehst Du, der Schwan läßt keine Ente neben sich brüten; die Sperlinge

beißen die Schwalbe aus ihrem Neste; große Bäume ersticken die kleinen

darunter, aber das schüchterne Reh nimmt das kranke Reh in sein Dickicht,

und der Arme theilt sein Lager mit dem Armen. Bei ihm ist kein Sparen der

paar Kreuzer; zum Sammeln kommt es bei ihm ja doch nicht; er hat immer,

weil er weiß, daß er niemals mehr erwirbt, sondern auf den Herrn vertraut,

der ihm das gegeben, und so hat er auch in der Noth für einen Andern. Und

wer uns nur manchmal bis zum Sonnabend jetzt einen Groschen leiht, der

verdient sich ein Gotteslohn. Geh zu der alten Frau Redemehr am Teiche, wo

die zwei Tannen stehen! Ich bin ihr manchmal begegnet.

Und Johannes ging. Daniel aber machte einen Sarg aus Baumrinde für seinen

armen Dieb, die Kinder sangen und trugen ihn zu Grabe, machten ein kleines

Grab von Rasen, setzten ihm ein Kreuz und hingen einen kleinen Kranz von

Vergißmeinnicht daran und weinten sich satt.

Aber damit war es nicht genug. Der Dieb fehlte beim Frühstück, er sang

nicht nach dem Essen, sein Brot lag des Abends noch da. Und so nahmen ihn

die Kinder wieder aus seiner kleinen Gruft, sahen ihn wieder an, sangen und

begruben ihn wieder, alle Abende, bis er nicht mehr zu begraben war, die

Mutter ihm wo anders ein Ruheplätzchen gab und den Kindern, die ihn

suchten, zum Troste sagte: Dieb ist im Himmel.

9.

Im Häuschen der armen Frau lebten sie nun zufrieden, ja sie wären glücklich

gewesen, wenn sie nicht Geld zu hoffen gehabt, oder gehofft hätten! So

gefährlich für die Ruhe des Herzens ist das Gold, und die Armuth nur

drückend, wenn man reicher sein will. Der Zwiespalt im Innern befängt den

Menschen, und er machte auch Johannes blind über das Glück, das er hatte,

und er konnte nicht Freude aus der Armuth schöpfen, wie die Biene Honig aus

der einfachen, aber wunderschönen Fichtenblüthe vor seinen Fenstern.

So sprachen denn Christel und Johannes kein Wort, als der Gerichtsbote zu

ihnen trat, als sie fast ihr ganzes, sauer erspartes Geld für Kosten

bezahlen mußten, und Christel das Siegel der Zufertigung erbrach und las:

daß der selige Herr _geschworen!_ Christel hatte nicht schwören wollen, da

ihr der Gerichtshalter in der sogenannten Vermahnung den Eid als ein so

heiliges, schreckliches Unterfangen vorgestellt, daß das arme junge Weib

vor demselben, als vor der Entweihung göttlicher Majestät, geschaudert. Der

Voigt war todt; und wohin der Vater den Empfangschein gelegt, oder wo

verborgen und aufgehoben, das wußte sie nicht. --

Sie ging des Sonntags in die Kirche, zu unserm Herrgott, wie sie sagte,

_dem_ ihre Noth zu klagen.

Aber die Ernte kam, Christel ging Getreide schneiden, und die geborgte

Sichel war bald ihr eigen. Sie ward lieblich gebräunt in der Sonne, da sie

keinen Strohhut hatte, sie war noch einmal so hübsch. -- Wenn Du noch lange

Weizen schneidest, sagte Johannes, so verlieb' ich mich noch ein Mal in

Dich! -- Ich will recht fleißig schneiden! sagte Christel. Aber wie lange

wird es dauern, so ist die Weinlese, dann kommt der Winter, der Winter!

mein Johannes. Johannes seufzte wie sie, aber sie waren nun ruhig: das Geld

war verloren -- das Haus war gebaut! die Hoffnung quälte sie nicht mehr.

Sie waren kleine Leute, arme Leute, wie Viele, Viele, die kein Haus hatten,

und das gemiethete Stübchen war nun _ihre Heimath_, und Johannes setzte

Alles darin in den Stand. So sollte es nun bleiben, lange, auf immer, bis

zum Tode. Selbst sein dürftiges, sonst nur bemitleidetes Hausgeräth war

_nun erst_ wie sein eigen und ward ihm theuer und werth, die Jacke bekam

ihm einen ordentlichen Glanz -- und einen bessern Ort; und wo er ging und

stand, da war er nun auch mit seinen Gedanken. Aber indem er seine Lage,

die neue Gegenwart mit ganzer Seele ergriff, umfaßt' er zugleich auch den

Mangel.

Christel hatte schon lange ihrem Vater, dem Pächter, der auch Johannes

hieß, und ihrer bei ihm gestorbenen Schwester Marthe bei dem Steinmetz ein

einfaches Denkmal bestellt und vorausbezahlt. Der Mann wohnte in

Breitenthal und kam eines Tages, um ihnen zu sagen, daß es fertig stehe,

und daß es ihr eigen sei, wenn sie noch den Gulden für die Vergoldung der

Namen bezahlte.

Sie hatten das Geld nicht, und Daniel erinnerte an den Ducaten vom gnädigen

Gottlieb. Aber der lag da, bis Dorothee käme, um ihn mitzunehmen. Dennoch

ging Johannes mit Daniel in die Werkstatt, sahe, daß der Stein fertig war,

und Daniel las ihm die Schrift des vom Großvater erwählten Textes:

Halt fest an Gottes Wort,

Es ist dein Glück auf Erden

Und wird, so wahr Gott lebt,

Dein Glück im Himmel werden.

Der Mann putzte Alles rein vom Staube und hielt die Hand zum Gelde hin.

Ich werde wiederkommen! sagte Johannes. Er ging aber mit thränenden Augen,

und Daniel sprang heute nicht an seiner Hand.

Sie begegneten Niklas, der stehen blieb und mit barscher Stimme sagte:

Johannes, Ihr fürchtet Euch wohl? -- Freilich! erwiederte er; aber nur vor

der Unverschämtheit! die muß man vermeiden.

Niklas hörte das nicht und sprach: Ihr seid für Eure Miethe im Vogelheerd

noch Jagddienste schuldig. Morgen ist Jagd. Früh um 6 Uhr an der

Waldkapelle!

Ich will nichts schuldig bleiben! sagte Johannes. So schieden sie.

Am Morgen ging er als Treiber zur Waldkapelle. Christel ging mit. Aber sie

ging weiter mit einem Korbe ins Dorf hinab, um die Früchte von den

Obstbäumen in ihrem Garten zu holen. Aber sie sah schon von Weitem nichts

leuchten, nicht roth, nicht gelb! Denn da die Bäume bis an die Kronen

verschlemmt waren, so hatten gewiß die Kinder sie sich zu Nutze gemacht.

So ging sie betrübt zum Leinweber und Contrabassisten, auch ihres Mannes

besonders guten Pathen und ihren Gevatter und darum sogenannten Herrn

Gevatter-Pathen »_Krieg_.« --

Gut, daß Ihr kommt, Christel! sagte er fröhlich. Ihr erspart mir einen Gang

zu Euch hinauf. Hat der Pathe nicht Numero 96, und Numero 15,000? von der

Frankfurter?

Warum denn? fragte Christel. Johannes hat sie an die Stubenthür geklebt,

daß sie nicht verloren gingen.

Da bringt mir das Feld aus der Stubenthür! oder sägt sie aus mit der

Lochsäge. Ich möchte die Nummern doch einschicken. Es ist zwar hierbei zu

gering, aber Ordnung ist doch gut. Bringt mir sie nur, mein Pathchen. Warum

denn? fragte Christel leiser und war ganz roth geworden.

Nun erschreckt nur nicht, Pathchen! setzt Euch nieder und hört mich an! Die

96 hat 300 Gulden. -- Ja, ja! seht mich nur an! hier ist die Liste, hier

hab' ich's roth gezeichnet. Die 15,000 hat meine Auslage gerade gedeckt,

und hier sind die 300! Ein Stück wie das Andere, blank und neu! -- Dann

setzt' er sich wieder an den Weberstuhl. --

Christel saß ruhig, aber sie hatte die Augen zu und wand die Hände wie

jemand, der sich wäscht, um nicht vor den Leuten sehen zu lassen, daß sie

bete und danke. --

Und dort ist ein Fäßchen Most, Kometenmost, wie er heißt, das nehmt Euch im

Körbchen mit hinauf und trinkt ihn auf meine Gesundheit! sagte der Pathe.

Nun, es ist mir lieb, von Herzen lieb, ja noch lieber, als wenn mir Jemand

eine neue Perücke und einen nagelneuen echten cremoneser Contrabaß aus Prag

oder Mittenwalde geschenkt hätte, mit silberbesponnenem E, und Schrauben!

Meine alte Rumpel-Mama ist im Wasser zerfallen, da steht noch der Hals.

Mein Brot ist verdient! --

Christel schüttelte ihm von dem Gelde ein gutes Theil auf die Leinwand,

aber er fing an, den Stuhl zu rühren, das Schiffchen zu werfen und trat und

dichtete mit dem Zeug, daß die Leinwand schütterte, und tanzend alles Geld

hinunter fiel.

Da habt Ihr etwas für Eure Mühe, mein curioses Pathchen! lacht' er. Nun

leset es auf, aber laßt mir nichts liegen! So war es nicht gemeint! Ich

meinte: mein Brot mit der Baßgeige wäre verdient, aber nicht das mit dem

Schiffe! In dem Weberstuhl stecken noch mehr Brote als in hundert Backöfen

-- ja, ja! guckt nur hinein, curioses Pathchen, duftet das Brot nicht gar?

Christel war böse.

Nun danken will ich Euch schon, das ist billig für Euern guten Willen! da

nehmt den Kindern die Schlinge Leinwand mit! Nun aber macht, daß Ihr

fortkommt, sonst seh' ich die Faden nicht! Und nun trat er wieder frisch

und schlug und warf das Schiffchen, daß er keine Hand frei und ruhig hatte,

die ihm Christel hätte drücken oder gar küssen können. Und als sie draußen

war und noch ein Weilchen stand, sang der alte Mann sogar.

10.

So schnell war Christel das erste Mal nicht hinaufgeeilt, als dieß Mal. Sie

dachte sich nur die Freude, die ihr Johannes haben würde, wenn er nach

Hause käme. Als sie in die Stube trat, küßte sie die Kinder erst, die sich

an sie hingen, alle nach der Reihe, und die Geküßten drängten sich wieder

an sie, und sie glaubte in ihrer Freude, sie habe noch zwei und drei Mal so

viel Kinder als sonst! Dann sah sie nach den Nummern an der Stubenthür --

sie waren weg! sie lief hinzu -- die Thür stand nur weit offen -- sie waren

noch da! Es waren richtig Nr. 96! und 15,000! die ein schwarzes Kreuz

hatte. Darauf zählte sie das Geld weitläufig auf, daß der ganze Tisch davon

voll ward.

Nun ging sie ans Fenster, um zu sehen, ob Johannes käme, und sahe nun erst

den Leichenstein, den der Steinmetz gebracht und in die Stube gestellt,

damit er vielleicht nicht draußen beschädigt werde, und las den vergoldeten

Namen »Johannes« und »Martha« und das: Halt' fest an Gottes Wort.

Wer hat denn bezahlt? fragte sie den Daniel.

Er hat ihn so gebracht, antwortete er und ward roth.

Du lügst! sagte die Mutter, sieh', wie Du roth bist! Nun weine nur nicht,

mein Kind. Wer hat denn bezahlt?

Mutter! bat Daniel.

Daniel! drohte ihm die Mutter!

Ich wollte dem Vater zu einem heiligen Christe sparen.

Wovon denn? fragte sie.

Du hast mir ja immer gebracht -- Du weißt schon was! sagt' er.

Guter Junge, rief die Mutter sich besinnend. Ja! die Wirthin hat mir

gesagt, Du verkauftest die Weintrauben und Pfirsiche, die ich Dir aus den

Weinbergen Abends immer mitgebracht, und lauertest auf der Schwelle auf

jeden Fremden und Reisenden, ob er nicht zu Deinem Schemel, zu Deinem

Schüsselchen komme? -- Und Du hast keine gegessen?

Mutter! sagte Daniel.

Christel beugte sich zu ihm, und Daniel war still an ihrem Halse.

Da hielt ein Wagen vor dem Hause, Stimmen riefen: heraus!

Christel sprang hinaus an den Wagen.

Johannes reichte ihr die linke Hand über die Leiter, das Stroh war blutig.

-- Das Volk schießt auch gegen die Treiber, anstatt dem Wilde nach, wie

blind und rasend! sagte der Fuhrmann; als ob gar Niemand mehr in der Welt

und im Dickicht wäre als ein lumpiger Hase! oder noch weniger bedeute! Aber

das muß geschossen sein, wenn auch gefehlt und dennoch getroffen. Hier kann

er nicht bleiben. Faßt nur an! Zum Klagen ist danach schon Zeit! --

Als Christel ihren Johannes hineintragen half, konnte sie ihm nicht in das

blasse Gesicht sehen, sie blickte seitwärts, und ihr wehmüthiger Blick fiel

gerade auf den bereitstehenden wie wartenden Leichenstein und den goldenen

Namen: Johannes! -- Sie schrie laut und brauchte nun selber Beistand.

Als sie wieder zu sich kam, setzte sie sich im Bette auf und sah sich um

nach Johannes und horchte. Er war in guten Händen; er war schon verbunden

und lag ruhig. Die gnädige Frau hatte den Arzt in das Haus gesandt, der

zwar aus der Stadt war, aber sie selbst öfter und tagelang besuchen mußte.

Sie stand auf, sie kniete zu seinem Bett, sie weinte erst auf seine Hand

und küßte ihn dann auf die kalte Stirn. Sie hatte vergessen, und wenn sie

auch noch daran dachte, so konnte sie ihm nicht sagen: Johannes, sieh'

doch, da ist das Geld! sieh' doch, da ist der Leichenstein! --

-- Er schlief. --

11.

Am andern Morgen erwachte Johannes zeitig, so still auch die Kinder saßen

und auf seine geöffneten Augen, sein erstes Wort harrten, so leise auch

Christel auf Socken im Stübchen umher ging, und nur die nothwendigste

Arbeit verrichtete. Aber er glaubte, er träume noch, oder er sei gestorben,

da er den Denkstein sah.

Bist _Du_ denn hier? Christel, fragte er.

Ist das Sophiechen, die hier zu meinen Füßen im Bette sitzt? Ja, das ist ja

ein Bett, ich habe geschlafen. Er wollte sich wenden, vielleicht aufstehen,

und fühlte dadurch erst seine Schmerzen.

Ja so! -- jammerte er für sich. Es hat nicht eben Noth, ich vergaß mich

nur; sagte er zu Christel. Wenn ich nur wüßte, wer geschossen hätte?

Laß das gut sein! und werde nur wieder bald gesund; sprach Christel weich

und besorgt.

Daniel hat mir ja gestern gelesen, was auf dem Steine steht: Halt' fest an

Gottes Wort! --

Da brachte sie ihm das Geld auf das Bett, und Daniel lachte ihn an.

Er hielt es eine Zeit lang in der Hand und fragte dann sich besinnend:

Christel, weißt Du nicht, welches Loos hat denn gewonnen?

Das ist ja nun einerlei, lächelte sie. _Wir_ haben gewonnen! Nun kann ich

Dich pflegen! --

Das ist nicht einerlei! sagte Johannes. Du redest, wie Du es weist, und ich

denke, wie ich es weiß. _Welches_ hat denn gewonnen?

Je nun, die 96! lächelte Christel.

Was weiß ich von 96! fuhr Johannes fort. Du mußt mir sagen, ob das mit dem

schwarzen Kreuze -- so Gott will, wenn er gewollt hat, oder das reine? Sieh

doch einmal hin!

Das mit dem schwarzen Kreuze, sagte Christel an der Thür stehend, lauter:

ist No. 15,000.

Nun das ist unser! sagte Johannes.

Und das andre, 96, das reine, hat eben gewonnen! bemerkte ihm Christel. So

sagt der Pathe Leinweber. Da sind auch die Listen. Es ist roth

unterstrichen.

Was weiß Der! seufzte Johannes und schwieg sehr lange.

Nun was ist Dir denn? freue Dich doch! -- Freilich Du bist krank! setzte

Christel zu ihrer Frage bedenkend hinzu.

Er nahm sie bei der Hand und sagte: sieh', meine Christel, das Loos, die 96

ist unser.

Nun so ist ja Alles gut! unterbrach sie ihn.

Recht gut! sagt' er. Aber das Geld ist nicht unser.

Die Osternacht. Erste Abtheilung · 第 9 / 15 题