Ach, ich habe Alles, das sagt' ich, weil ich meine Kinder hatte! den
Daniel, das Sophiechen und den kleinen Gotthelf. Kehre um, Johannes, das
Mädchen ist Dir ja so lieb, wie ich und die Kinder! Sie hat Niemanden als
Uns, wer denkt an sie? so ist sie denn Uns auf die Seele gebunden. Kehr'
um! Soll sie so mißlich umkommen? Wie viel Häuser sind schon eingestürzt.
Johannes kehre um. »Johannes!« rief sie, »Johannes!« jetzt weiß ich, wer
rief, und wen sie meinte -- Dich, mein Johannes! --
Ich will! tröstete sie Johannes; nur wärmt Euch erst. So stiegen sie aus
und richteten sich ein. Die Ziege weidete unbekümmert; Daniel las Holz
zusammen, Johannes brachte einen Feuerbrand von dem Feuer des nächsten
Unglücksgenossen, und während dessen erschien der Purpurstreif der
Morgenröthe und beschimmerte das Thal und den Strom, und zuletzt kam auch
die Sonne und schien sich umzusehen. Von Zeit zu Zeit läutete es noch im
Dorfe vom Thurme. -- Wer muß das sein? sagte der junge Prediger, der
herzugetreten, denn dort steht der alte Küster mit allen den Seinigen. Die
Kirche liegt tief, und dem wir die Rettung, nächst Gott, am meisten
verdanken, der steht nun selber in Noth. Seht, ist nicht Jemand dort im
geöffneten Kirchthurmfenster? -- Es ist ein Mann! sagte Johannes, und
keiner aus dem Dorfe; ich dächte, er trüge einen andern Rock, als wir Leute
hier, jetzt weht er auch mit einem weißen Tuche. Nun geht er wieder läuten,
horch!
Das ist gewiß der Reisende, der gestern bei mir war und mich nicht zu Hause
fand. Er wollte heute wieder zu mir kommen, bemerkte der Prediger.
Ja, sagte der alte Küster. Als ich den Thurm aufschließen ließ, war er
schon da und riß mir die Schlüssel aus der Hand, trieb mich fort und sprang
selber zu läuten. Er ließ sich's nicht nehmen. Ich sah ihn gestern Abend im
Wirthshaus. Er hat auch ein Pferd.
Gehabt! sagte der Prediger; denn das ist nun ertrunken. Wir wohnen Alle
dort tief.
Das war wohl ein Schreckliches!
Ach, es ist noch ein Schreckliches! seufzte Christel und deutete stumm und
die Augen voll Thränen nach ihrem Hause, auf dessen Dache eine weiße
Gestalt saß neben der Leiter.
Wer von Euch ist das? fragte der Prediger.
Unsere Dorothee, die meine Frau mit aus dem Vaterhause geerbt, sagte
Johannes ihm leiser. Jetzt will ich hin. Das Dach hat sich schon gewandt,
denn die Morgensonne bescheint den Giebel, was sie in ihrem Leben nicht
gethan! --
Fahrt mit Gott! sagte der Prediger. Aber wer wird Euch begleiten außer ihm?
Die Männer sind fort nach allerhand Hülfe, oder retten noch; ich verstehe
es nicht, das Ruderscheit zu führen, und gehe denn lieber aus nach Zufuhr
ins nächste Dorf, daß Ihr wenigstens Brot und Wein bekommt. So ging er.
Christel küßte ihren Johannes; er küßte die Kinder, dann fuhr er allein
zurück. Er mußte zuerst an der Kirche vorüber, worauf der Fremde jetzt
stärker geläutet und nun hinab in das Fenster getreten. Johannes hätte
müssen kein Herz haben, wenn er ihn nicht zuerst in den Kahn genommen. Und
nach einigen kurzen Worten des Dankes half er nun selber hinüber rudern zum
Hause, von dem das Mädchen ihn mehr geängstet als er sich selbst über seine
Lage. -- So oft sie die Arme ausstreckte, riß ich wieder an der Glocke!
erzählte er Johannes. Sie legten an das Dach an, aber sie mußten ihr laut
zurufen, herabzusteigen, so erstarrt und versonnen saß sie da oben. Ja es
erschien dann, als sie gleichgültig die Männer ansah, sogar ein Trotz, eine
Rache, eine wehmüthige Lust, umzukommen, in ihrem Gesicht. Sie ward über
und über roth. Sie wähnte sich _vernachlässigt_, als eine arme vater- und
mutterlose Waise! nicht vergessen vor Angst; und auch jetzt hatte Johannes
_zuerst_ den Fremden eingenommen, und nicht erst auf der Rückfahrt! So
blieb sie, und auf wiederholten Zuruf schluchzte sie vollends vor Thränen
und kehrte sich ab. -- Laßt das arme Mädchen erst ausweinen und sich die
Thränen trocknen, damit sie die Sprossen der Leiter nicht fehlt, sagte der
Fremde mitleidsvoll. Sie hat nicht mehr an das Leben geglaubt; und nun
schlägt ihr das Herz auf einmal zu voll.
Und so stieg er selbst hinauf und geleitete Dorotheen hinab. Sie schwieg
während der Fahrt nach den Bergen und sahe zurück auf die Fläche des
Wassers, während die Männer hinüber ruderten. Sie brach voll brauner
Knospen schimmernde Zweige von den Obstbäumen, an denen sie hinfuhren, und
warf sie in das Wasser, ohne sie anzusehen.
Am Ufer warf sie sich der weinenden Christel an die Brust und sagte: Nun
seid Ihr so arm als ich!
Ist _das_ Dir ein Trost! erwiederte Christel.
_Nun_ werdet Ihr mich lieber haben! seufzte Dorothee. Ach, wie war mir
diese zwei Jahre her zu Muthe, seit der Prediger gestorben; und auch bei
ihm, wie oft hab' ich geweint!
Was kannst Du für Deine betrogene Mutter! sprach Christel. Es hat ihr auch
das Leben gekostet. Sei ruhig. Wir waren nicht reich, aber wir liebten
Dich! wir lieben Dich und sind nun arm.
Gott sei Dank! seufzte Dorothee leise, nun ist mir wohl.
Der Fremde hatte das schöne, sechzehnjährige Mädchen mit Verwunderung
betrachtet. Ihr habt da ein eigenes Kind! sagt' er. Schöne Mädchen müssen
nicht so stolz, so eigensinnig sein! drohte er ihr sanft mit dem Finger.
Dorothee wollte ihn böse ansehen; aber es gelang ihr nicht: denn von einem
freundlichen Blick getroffen, mußte sie endlich sogar auch lächeln, wie er
lächelte.
_Mir_ ist nicht wohl, sagte er, daß ich _jetzt_ arm bin. Ich kann nicht
einmal meinem Freunde hier anders als mit Worten danken!
Das ist nicht nöthig! sagte Dorothee. Er hat ja eigentlich mich geholt, wie
er spricht. Oder nicht?
Freilich! sagte Johannes.
So schenkte der Fremde nur einige kleine Stücke Geld an die Kinder, schrieb
sich Johannes Namen in seine Schreibtafel, drückte ihm die Hand,
versicherte ihm, daß er sich werde vernehmen lassen, schnitt einen Stock
aus dem Haselgesträuch, ließ sich den Weg nach Groß-Breitenthal weisen und
wanderte in die Berge.
Während dessen hatte sich die Schlinge, womit Johannes den Kahn an einen
Stein in der Eile und der Freude befestigt, abgezogen durch das Wiegen auf
den Wellen -- und jetzt war der Kahn schon unerreichbar, wandte in eine
Strömung und schwamm fort. Daniel schrie; Johannes sah ihm nach und sagte
dann: nun bin ich ein Fischer gewesen! nun ertrinken mir die Fische! --
Christel schwieg; Dorothee lächelte verstohlen, rief die Ziege, setzte sich
auf den Stein und melkte Milch zum Frühstück für die Kinder.
3.
Nun was sagt denn Deine Bibel? fragte Johannes nach Mittag seine Christel,
die darin las; welches Winzerhäuschen in den Weinbergen ist denn noch leer?
oder wohin sollen wir wandern? und was sollen wir anfangen?
Christel machte gelassen die Bibel zu, drückte die Schlösser fest, und eine
Hand auf den Deckel gestützt, sah sie ihn ruhig an. Siehst Du nicht, fragte
sie ihn, was darin steht? wenn Du auch die Schrift nicht lesen kannst: so
kannst Du doch in meinem Gesicht lesen, was darin steht: Zufriedenheit und
Vertrauen!
Aber können wir darin wohnen, wie in einer Hütte? können wir sie den
Kindern geben als Brot?
Du bist wunderlich, lieber Johannes, erwiederte Christel. Dir muß man das
anders sagen. Siehst Du, -- zu _deinem_ armen Vater Frommholz können wir
einmal nicht, da fern auch über den angeschwollenen Main, aber unter dem
Lesen ist mir nun eingekommen, daß mein Vater dem Herrn von Borromäus in
guten Zeiten auf inständiges Bitten 1000 Gulden geliehen hat. Er war ein
schwacher Mann und dachte, der Hase habe ihn geleckt, wenn ihm ein »Herr
von« die Hand gedrückt und sein erspartes Geld in eigner hoher Tasche nach
Hause getragen. Doch _das_ Geld hab' ich ihm mit dem Voigt selber hinauf
nach Breitenthal getragen, und ich bekam einen Dukaten Botenlohn, den unser
Sophiechen da noch am Halse trägt, und einen Kuß, den ich mir hundert Mal
abgewaschen. Ach, ich weiß noch wie heute, ich brach in seinen Armen vor
Scham und Schande und Jammer, und wer weiß vor was allem in Thränen aus und
war gar nicht zufrieden zu stellen. Ich kam mir vor, wie gestorben,
verdorben, entweiht und entehrt auf immer. Das war eine Noth! Der alte Herr
sogar war selber betreten und schrieb mir die Quittung. Und die 1000 Gulden
gehören von Gott und Recht laut Testament nun mir. Darum wollen wir hinauf;
denn unser Haus, das siehst Du, ist zerstört, und von dem Gelde bauen wir
es neu auf.
Der Edelmann hat ja niemals nur einen Kreuzer Interessen entrichtet und
behauptet, er hätt' es dem Vater schon wieder bezahlt! lächelte Johannes.
Leider hat es der arme verschuldete Herr gethan -- als wir noch Etwas
hatten und ohne ihn lebten; aber, Johannes, _nun_ wird er es nicht leugnen,
nun wird er es gewiß bezahlen, gewiß! nun wir verarmt sind.
Du hast einen guten Glauben! meine Christel, sagte Johannes fast unmuthig.
Die Mutter aber rief ihr Sophiechen herbei, nahm sie auf dem Schooß in die
Arme, wiegte sie und fragte sie liebkosend: Sage Du mir, Sophiechen, werden
wir das Geld bekommen? Nein? oder Ja! Nicht wahr Sophiechen, sag'! werden
wir das Geld bekommen?