III. Gott ist die allein durchschlagende Werbekraft der Moral.

Moralische Vorschriften darlegen, genügt nicht zum moralischen Handeln;

gegen diese Vorschriften bäumen im Herzen des Menschen zu viele

Sonderinteressen und Leidenschaften sich auf. »Das Fleisch gelüstet

wider den Geist«. Es muß zur _Darlegung_ der ethischen Normen ein

_Anreiz_ oder Antrieb zur Beobachtung dieser Normen hinzutreten. Darin

sind christliche und moderne Ethik einig.

Die christliche Moral nun findet diesen Antrieb zur Beobachtung des

Gesetzes Gottes in dem in Aussicht gestellten Lohn oder Zorn Gottes.

Der »Modernen« aber erscheint ein solches Vorgehen zu wenig edel,

zu »lohnsüchtig«, zu »egoistisch«, dabei zu unwirksam und unwahr.

»Gesinnungsmoral, nicht Erfolgsmoral«, ist ihre Parole, und mit dem

Deutschen Freidenkerbund hält sie »Bildung, Kenntnisse, gutes Beispiel

und materielles Wohlergehen für bessere Erziehungsmittel als das Drohen

oder Locken mit der Vergeltung in einem erträumten ewigen Leben«.

(Freidenkerflugblatt Würzburg 6. III. 1910.)

Drei Einwendungen werden also gegen den Hinweis der christlichen Moral

auf das Jenseits erhoben: er sei zu wenig edel, zu wenig wahr und zu

wenig wirksam.

1. Ein sittliches Handeln aus Ewigkeitsrücksichten soll zu wenig _edel_

sein, zu lohnsüchtig, zu egoistisch. Prüfen wir. --

Das Handeln aus _Furcht_ vor Gott und seinen ewigen Strafen scheint

zunächst keine wahre Sittlichkeit bewirken zu können. Aber ist denn

ein Handeln aus Furcht wirklich menschenunwürdig und unedel? Wenn im

Theater plötzlich ein Brand ausbricht und alles, aus Furcht umzukommen,

flüchtet, wenn ein kalter Ost weht und man aus Furcht vor Erkältung

sich einhüllt, wenn das Kind sich dem Ufer des Stromes naht und

nun aus Furcht von der warnenden Mutter zurückgerufen wird, will

man da behaupten, daß diese Handlungen alle unsittlich seien? Wenn

sie unsittlich sind, dann müßten sie und derartige Taten überhaupt

alle verboten werden; denn Unsittliches darf die Menschheit nicht

dulden. Das wird niemand aber fordern können; denn diese Handlungen

gehen aus einem durchaus einwandfreien Motiv hervor, dem _Motiv der

Selbsterhaltung_. Selbsterhaltung ist aber einer der grundlegendsten

moralischen Pflichten.

Wenn es aber gut und notwendig ist, sich schon vor _zeitlichem_ Übel

zu schützen, dann ist es gewiß sittlich gut und notwendig, sich vor

einer Qual zu bewahren, die _ewig_ dauert und vor einem Verlust, den

alle irdischen Dinge nicht aufwiegen können. Sagt doch auch Christus:

»Fürchtet nicht diejenigen, welche den Leib töten, die Seele aber nicht

töten können, fürchtet vielmehr denjenigen, der Leib und Seele ins

höllische Verderben stürzen kann.« Wir fürchten ja nicht nur knechtisch

die _Strafe_, sondern _das Böse_, die Sünde selbst, allerdings _wegen

der Strafe_, wir fürchten den _Zorn Gottes_, »die Furcht Gottes aber

ist der Anfang der Weisheit«, also durchaus gut. Darum sagt auch die

Schrift: »Fürchte Gott und halte seine Gebote, das ist der ganze

Mensch«.

Wenn ferner die _Hoffnung_ auf den Lohn im Himmel uns antreiben soll,

das Gesetz zu beobachten, dann kann hierin auch durchaus nichts

Tadelnswertes gefunden werden. Der Mensch ist ja seiner Natur nach zur

Erlangung des vollkommenen Glückes vorherbestimmt, ebenso wie das Auge

zum Sehen, das Ohr zum Hören. _Die Anlagen naturgemäß entfalten kann

doch nicht unsittlich sein._ Wenn die katholische Askese Ehelosigkeit,

freiwillige Armut rät, dann erhebt man gegen sie den Vorwurf, daß sie

unsittlich handle, indem sie der Natur ihre Rechte verweigere, und

hier, wo die katholische Moral dem natürlichen Grundtrieb nach vollem

Glück gerecht werden will, da ist sie »unsittlich« oder nicht erhaben

genug!

Hoffnung ist eine der Haupttriebkräfte des menschlichen Lebens.

Hoffnung auf Sieg verleiht dem Soldaten Ausdauer, Hoffnung auf

Entdeckung ferner Länder treibt den Nordpolfahrer in eisige Regionen,

Hoffnung auf Gewinn beseelt den geschäftlichen Unternehmer sowohl

wie den Landmann und niemanden fällt es ein, all das als unrecht zu

brandmarken -- er würde ja sonst dem ganzen menschlichen Leben seine

Schwungkraft rauben -- warum soll es nun plötzlich unerlaubt sein, aus

Hoffnung auf ein ewiges, alles Irdische weit überragendes Glück zu

handeln?

Zudem weiß doch jeder Christ, daß das Himmelsglück im Wesentlichen

_im Besitze Gottes_ besteht. Nach Gott verlangen wir, und um Gott zu

erlangen, arbeiten wir! _Gott ist aber ein viel edleres Motiv, als alle

Tugend um ihrer selbst willen erstrebt._ Unser Motiv ist um Himmelshöhe

erhaben über alles, was die Neuethik uns in Aussicht stellen kann.

Handelt ferner christliche Moral nur aus Furcht und Hoffnung oder

empfiehlt sie nicht das: »Du sollst den Herrn Deinen Gott _lieben_

aus Deiner ganzen Seele, aus Deinem ganzen Gemüte« als das erste und

größte Gebot? Und blieb die Mahnung erfolglos? Wo finde ich denn

so viele Seelen, die ohne eigenen Nutzen, rein aus Liebe zu Gott,

wohltätige Stiftungen machten, ihr Vermögen den Armen schenkten, sich

ganz dem Herrn weihten? »Er hat mich geliebt und sich dahingegeben«.

Dieser Gedanke erfaßte einen Paulus bis ins Innerste, und es hielt

ihn nicht, bis er alles geopfert und alles für Christus gewonnen. Und

diesen Hochgesang christlichen Tugendstrebens nehmen die nachfolgenden

Geschlechter auf; ihn sangen die Chöre Gottgeweihter in ihrer einsamen

Wüste; ihn die Heldenschar der Märtyrer in der Arena; er ward zum

Leitmotiv all' der Millionen von Heiligen und Bekennern der Kirche.

Nichts Kleines ist also das Motiv des christlichen Tugendstrebens,

sondern Gott; Gott, der zürnende, schreckt vom Bösen ab; Gott, der

beglückende, lockt zum Gebotenen an; Gott, der liebende, zieht die

Seele mit Gewalt, alle irdischen Bande abzustreifen, Schwingen

zu nehmen gleich dem Adler und ihm, dem Höchsten, zuzueilen. Ein

Beweggrund, wie er erhabener gar nicht gedacht werden kann!

2. Aber ist das Ewigkeitsstreben auch genügend _begründet_? Man spricht

vom Drohen und Locken mit einem »_erträumten_ Jenseits«.

Die Antwort hierauf ist bereits erfolgt: im ersten Heft dieser

Serie von Vorträgen wurde erwiesen, daß es einen überweltlichen,

persönlichen Gott gibt, im vierten, daß die Menschheit nach dem Tode

weiterleben muß. Damit ist Lohn und Strafe im Jenseits gegeben.

Jeder Gesetzgeber verhängt Strafen auf die Übertretung seiner Gesetze

und er muß es; denn wie wäre es sonst möglich, seinen Worten Nachdruck

zu verleihen?

Die Macht irdischer Gesetzgeber reicht nur bis zu ihrem Tode. Gott, die

ewige Macht, aber umfaßt wie die Sonne am Himmel die diesseitige und

jenseitige Hemisphäre. Gott ist in der Ewigkeit, der Mensch lebt weiter

in der Ewigkeit, darum ist eine Belohnung oder Bestrafung im Jenseits

auf jeden Fall möglich. Wer könnte das leugnen?

Sie ist mehr als möglich, sie ist gewiß. Wenn Gott Gesetze gibt und der

Mensch sie übertritt, dann kann und darf Gott sich das nicht bieten

lassen. Er muß strafen.

»Aber«, sagt man, »hienieden findet die Tugend ihren Lohn, das Laster

seine Strafe.«

Nicht leugnen will ich, daß das oft der Fall ist, aber immer? Wo

finden denn die vielen Blinden, Lahmen, Kriegsinvaliden, die vielen

gedrückten Gattinnen, gemarterten Kinder, ihrer Ehre und ihres Vermögen

grausam Beraubten hienieden ihren Lohn? Und finden all die Hochstapler,

Mädchenhändler, Verführer, Tyrannen hienieden ihre Strafe? Sagt nicht

der Volksmund: »Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man

laufen?« Und vernimmt man nicht oft genug die Klage, daß den Gottlosen

hienieden alles nach Wunsch geht, während das redliche Bemühen der

Guten von stetem Mißerfolg begleitet ist? Gewiß ist es, daß nur ein

Teil der Bösen hier seine Strafe findet, nur ein Teil der Guten

hienieden einen Lohn; wäre es denn gerecht von Gott, wenn die andern

leer ausgingen? Und wäre es mit seiner Heiligkeit vereinbar, daß er das

Gottwidrige überhaupt nicht verfolgte?

Doch abgesehen von alledem: man übersieht bei diesem Einwand ganz und

gar, daß Lohn und Strafe nicht nur da sind, die _geschehene Tat_ zu

berichtigen, sondern vor allem, _auf die noch zu geschehenden_ Taten

im Sinne der sittlichen Ordnung einzuwirken. Die Sanktion des Gesetzes

soll in erster Linie zur Beobachtung des Gesetzes antreiben, nicht den

Durchbruch des Gesetzes wieder gut machen.

Wer immer das Recht besitzt, Befehle und Gesetze zu erlassen, muß auch

die Macht haben, seinen Willen durchzusetzen. Wie könnte ein Vater

seine Kinderschar, ein Lehrer seine Schule, ein Feldherr seine Truppen,

ein König seine Untertanen regieren, wenn jene alle den Befehlen

ungestraft trotzen könnten?

Wie wird nun der Nachdruck auf Befehl und Gesetz gelegt? Doch wohl

durch Hinweis auf Lohn oder Strafe. Vater und Lehrer drohen mit der

Rute, Feldherr und König mit Arrest und Tod!

Selbstverständlich, daß auch der König der Könige, Gott, seine Kerker

wie seine Kronen zur Verfügung hat. Gottes Sanktion muß nun einer

doppelten Anforderung gerecht werden, sie muß einerseits _genügende

Motive_ für das sittliche Handeln abgeben und darf dabei doch

anderseits _die Freiheit_ des Menschen nicht aufheben; denn mit der

Freiheit wäre ja die Möglichkeit, sittlich sich zu betätigen, überhaupt

genommen.

Selbstverständlich ist es auch, daß nur _ewige_ Güter und _ewige_

Strafen als Sanktion ausreichen; denn das Sittengesetz ist unter allen

Umständen verpflichtend -- nie darfst du die Unwahrheit sagen, nie

einen Ehebruch verüben. Die sittlichen Imperative sind kategorische

Weisungen. Sittengesetze sind absolute Gesetze.

Wenn ich aber das Sittengesetz _unter allen Umständen_ zu beobachten

habe, dann kann es vorkommen, daß ich _eher alles Irdische_, mein

Ansehen, mein Vermögen, mein Leben preisgeben muß, als nur _einer_

Übertretung der Gebote Gottes mich schuldig zu machen. Wie oft waren

und werden nicht Menschen in diese Lage versetzt! Denken wir an Thomas

Morus, an die Märtyrer aller Zeiten, an die katholischen Beamten zur

Zeit des Kulturkampfes!

Wären nun die auf Übertretung des göttlichen Gesetzes stehenden Strafen

leichter als irdische Verluste -- dann könnte ja der Mensch in solchen

Lagen sagen: Gut, dann wähle ich lieber das Leben und verachte das

Gesetz und seine viel geringere Strafe.

Es müssen also die auf Gottes Gesetz stehenden Belohnungen oder Strafen

höher sein als alles Irdische. Höher als das Irdische steht nur das

Jenseitige; so weist uns die Logik auf eine jenseitige Sanktion des

Sittengesetzes hin.

Die jenseitige Strafe aber muß eine _ewige_ sein. Warum nicht?

_Ungerecht soll es sein_, eine kurz dauernde Sünde ewig zu strafen?

Aber richtet sich denn die Dauer der Strafe nach der _Dauer_ der

Sünde und nicht vielmehr nach ihrer _Bedeutung_? Nur einen Augenblick

dauert die Tat des Anarchisten, der eine Bombe in einen königlichen

Hochzeitszug hineinschleudert, soll er nur einen Augenblick bestraft

werden?

Die Größe des Frevels ist ausschlaggebend, nicht die Dauer. Die schwere

Sünde ist ein _unendlich großer_ Frevel. Die Größe einer beleidigenden

Tat richtet sich ja u. a. besonders nach dem Abstand zwischen dem

Beleidiger und dem Beleidigten. Nennt ein Rekrut einen Mitrekruten

»Lügner«, so wird ihm das bald verziehen; hält er dasselbe Wort seinem

Hauptmann entgegen, wird er schwerer bestraft; würde er seinen obersten

Kriegsherrn mit dem gleichen Schimpfwort bedenken, so würde er des

Majestätsverbrechens angeklagt und noch schwerer zu büßen haben.

Und doch ist die Tat, an sich betrachtet, die gleiche, der Abstand

entscheidet über ihre Bedeutung.

Der Abstand zwischen dem gesetzgebenden Gott und dem

gesetzübertretenden Menschen ist aber unendlich, darum schließt die

Sünde eine unendliche Bosheit in sich, die unendliche Bosheit verlangt

eine unendliche Strafe und, da diese dem Maß nach nicht unendlich sein

kann, muß sie der Dauer nach ohne Ende sich ausdehnen.

_Unbarmherzig_ soll die ewige Strafe sein? Aber hat der Übertreter des

Gesetzes sie nicht selbst gewollt? Er konnte das Gesetz beobachten,

Gott hatte ihm genügende Mittel gegeben, hatte ihn gemahnt und gewarnt,

hatte ihm alles vorausgesagt, und wenn er nun dem Sünder die mit

offenem Blick und freiem Willen heraufbeschworene Strafe zuteil werden

läßt, dann soll das unbarmherzig sein? Ein König fordert den Vasallen

zum Feldzug auf, sagt ihm: Wenn du mir folgst, ist ein Fürstentum dein,

wenn nicht, ein Kerker. Wenn nun der Vasall eigenmächtig das Fürstentum

ablehnt, ist es unbarmherzig vom König, wenn er es ihm _nie_ zuteil

werden läßt? In der schweren Sünde verzichtet der Mensch auf Gott und

seinen Himmel; wer will nun Gott anklagen, daß er ihm beides nicht

gibt? Gott gab dir zwei Arme; wenn du einen freventlich abhaust, wie

willst du Gott belangen, daß er dir keinen neuen wachsen läßt? Wer aber

Gott im Jenseits verloren hat das Licht verloren, Schönheit, Glück und

Frieden, das ist ja einer der wesentlichen Bestandteile der ewigen

Verbannung.

Gerade weil Gott gütig und barmherzig ist, darum muß er mit einer

ewigen Strafe und dem Verlust einer ewigen Belohnung drohen, Gott muß

die _Menschen vor einander_ schützen. Durch Mord, Diebstahl, Ehebruch,

Gewalttat werden Menschen, zumal die Guten, geschädigt. Darf Gott nun

solchen Greueln untätig zuschauen? Müßten dann nicht alle Edlen sich

empören, daß Gott sie rücksichtslos den Launen der Bösen überließe?

»Sage mir«, bemerkt treffend der hl. Chrysostomus »wenn jemand alle

Lasterhaften aller Arten versammelte, sie mit Schwertern bewaffnete und

dann befähle, die ganze Stadt zu durchlaufen und jeden ihnen in die

Hände Fallenden niederzumetzeln, wäre das menschlicher? ... Wenn aber

ein anderer alle jene Lasterhaften bände, einkerkerte, wäre das nicht

eine menschenfreundliche Tat? Wende das auf das Gesetz an ...«. (16.

Säul. Hom.)

In der Tat, mit seinem Gesetz und seiner Drohung fesselte Gott alle

bösen Leidenschaften mit einem starken Band; wer die Strafe nimmt,

entfesselt alle Leidenschaften und läßt sie wie eine wilde Meute auf

die Menschheit los. Wo bleibt da Sicherheit, wo Ruhe und Ordnung?

Wer ferner alles aufbietet, um der Menschheit zu ihrem wahren Glück

zu verhelfen, der handelt gewiß gut und edel. Tut Gott das nicht auch

mit seiner Drohung? »Nicht weniger als das Himmelreich«, sagt derselbe

Kirchenlehrer, »offenbart die Androhung der Hölle seine (Gottes) Güte.

Und wie? Wenn er mit der Hölle nicht drohte, ... so würden nicht viele

des Himmelreiches teilhaftig werden; denn das Versprechen von Gütern

ruft nicht so erfolgreich die Mehrzahl zur Tugend auf als die Androhung

von Übeln« (7. Säul. Hom. 2).

Nur zu wahr. Beides: Versprechen des Himmels und Drohung mit der Hölle

führt zu Gott. Gott ist aber das einzige Glück des Menschen; ist nun

die Drohung mit der Hölle nicht ein Ausfluß der Barmherzigkeit des

Herrn?

Aber für den Übeltäter selbst ist die Strafe zu groß. Gott könnte ihn

ja _vernichten_. Ja, er könnte es, wenn er nur allmächtig, nicht auch

allweise und allheilig wäre.

Das Eine ist doch gewiß, Gott muß auf Anerkennung seiner Autorität

bestehen. Ein Gott, der sich alles gefallen ließe, würde uns nicht

gefallen. Wenn nun der Mensch der Vernichtung anheimfiele, würde er

sich dann um Gott überhaupt kümmern, dann, wenn heftige Leidenschaft

ihn drängt? Er würde hintreten können und sagen: »Gott gebiete nur,

drohe nur, ich entgehe Dir doch.« Der Gedanke an das Nichts würde nicht

von der Sünde abschrecken, sondern sie eher befürworten.

Gott muß aber darauf bestehen, daß der Mensch sich ihm unterwirft, ihn

anerkennt; erkennt er die Güte nicht an, dann muß die Gerechtigkeit ihn

dazu zwingen -- aber nur eine ewige Strafe ist dazu imstande, dann, wie

gesagt, würde der Sünder mit dem »ich entgehe Gott schließlich doch«

sich in seinem gesetzwidrigen Verhalten bestärken.

»Aber Hoffnung auf den Himmel und Furcht vor der Hölle schrecken auch

nicht immer von der Sünde ab.« Abschrecken tun sie stets, ganz die

Sünde hindern nicht, mit seinem freien Willen kann sich der Mensch über

alles hinwegsetzen; es handelt sich aber hier nicht um die Frage, ob

die ewige Sanktion tatsächlich jede Sünde _unmöglich_ macht, sondern ob

sie -- _vorausgesetzt, daß die Freiheit des Willens gewahrt bleibt_ --

_fähig_ ist, von der Sünde abzuhalten. Sie ist es.

Und nur sie, die Freidenker, betrachten allerdings Bildung, Kenntnisse,

gutes Beispiel und materielles Wohlergehen für bessere Erziehungsmittel.

Wir wollen nicht leugnen, daß manche von diesen Faktoren auch Einfluß

auf das sittliche Verhalten haben können, leugnen müssen wir, daß sie

aus sich _genügend_ sind, es _unter allen Umständen_ zu sichern.

Reichen denn Bildung und Kenntnisse aus? Dann müßten ja die obersten

Kreise gerade die reinsten, demütigsten, treuesten, wahrhaftigsten

sein. Ist das der Fall? Man denke an unsere letzten Prozesse -- an das

alte Rom!

Und materielles Wohlergehen soll ein Antrieb zur Beobachtung des

Sittengesetzes sein? Aber liegen diese beiden denn nicht oft genug

mit einander im Streit? Wenn materielles Wohlergehen eine genügende

Sanktion der Ethik wäre, dann müßten Börsenbarone und Erpresser ja

zugleich die größten Heiligen sein.

Wer weiß nicht, daß trotz aller Kenntnisse, Erfolge und Bildung der

Mensch im Ansturm der Leidenschaften einer festeren Sicherung bedarf?

Erhöhte Kenntnisse ohne erhöhte innere Festigkeit sind, um einen

Ausdruck Försters zu gebrauchen, eine besser gearbeitete Laterne in

der Hand des Diebes. Und daß nicht erhöhte »Kultur« eine erhöhte

Sittlichkeit bedingt, besagt die Geschichte der alten wie heutigen

Völker zur Genüge. (Vergleiche den Vortrag II). Die heutige Bildung

sanktioniert die ethischen Gesetze nicht, sondern bildet sie nach

Belieben um. Die Moral ist ja nach Paul Heyse nichts weiter als die

Quintessenz dessen, was in einem Zeitalter für anständig gehalten wird.

Heldennaturen springen über die Schranken hinweg. (Briefe an Frau ~Tout

le Monde~ 111.)

Unsere Zeit besitzt ja Kulturgüter, Mammon, Kunst, Bildung,

Ehrengerichte in Menge -- ist sie darum moralisch hochstehend? Was

sagen die 180000 Kinder, die in Deutschland allein jährlich, mit

dem Brandmal der Sünde bezeichnet, das Dasein betreten? Was die in

die Hunderttausende, vielleicht 1½ Millionen zählenden Dienerinnen

der Unzucht, was die jährlich in Deutschland verurteilten 55000

jugendlichen Verbrecher, was die 196000 Geschlechtskranken, die

im Jahre 1900 in den öffentlichen Krankenhäusern Deutschlands

gepflegt wurden, von den 30--40% geschlechtskranken Soldaten und

33--69% Studenten gar nicht zu reden? Was soll ich sagen von

den erschreckend um sich greifenden Perversitäten, dem weißen

Sklavenhandel, der Engelmacherei, dem Rückgang der Geburten? Was

von den Schönheitsabenden, den obszönen Tänzen? Ist doch die Klage

allgemein: So kann es nicht weiter gehen! Woher nun der Jammer? Die

Bildung, weltliche Kultur, nahm doch zu! Ja, aber die Religion mit

ihren Ewigkeitsgedanken nahm ab, die Welt vergaß das Schriftwerk:

»Denk, o Mensch, an deine letzten Dinge, und du wirst in Ewigkeit nicht

sündigen!«

Nicht alle hat die Religion vom Bösen abgeschreckt; aber wer wollte es

leugnen, daß sie allein es war, die auf die Massen aller Zeiten den

sittigendsten Einfluß ausübte? Die Furcht vor den Göttern oder Gott

war es, die in allen Gesetzbüchern anklingt und dem Leben Halt bot.

Habe ich keinen Himmel zu hoffen, keinen Gott zu fürchten, auf kein

Weiterleben nach dem Tode zu rechnen, was soll mich dann abhalten, mich

hienieden ganz auszuleben und durchzusetzen?

Man gibt vor, der Menschheit einen Dienst erweisen zu wollen, indem

man sie von der Angst vor der Hölle befreit. Ja, man läßt alle

Leidenschaften von der Kette los und hetzt sie auf die Menschheit,

man richtet wieder ein Henkermahl an, wie zur Zeit der französischen

Revolution; ist das eine Wohltat? Man löscht das Licht aus, das die

unheimlichste Klippe aufdeckt, man verschließt dem Menschen den Weg

zum wahren Glück, ist das eine Wohltat? Man reißt die Warnungstafel

am Abgrund, die Barrieren an der Bahn nieder, den Totenkopf an der

Giftflasche herunter -- um dem Menschen die Furcht zu nehmen; ist das

wirklich weise und edel gehandelt?

Wenn es eine Hölle gibt, da sollte es menschenfreundlich sein, diesen

Abgrund zu verdecken und alle auf den Weg zu locken, dessen Abschluß

Verderben ist? Dann war auch die Tat des Rattenfängers von Hameln der

menschenfreundlichsten eine. Nein, das ist grausam. Menschenfreundlich

ist es von der christlichen Ethik, wenn sie sich den im Sinnesrausch

dahin Tollenden mit der roten Signallampe entgegenstellt und ein

unerbittliches »Halt, nicht weiter!« zuruft.

Wer verurteilt nicht den grausamen Nero, der seiner eigenen Mutter eine

herrliche Barke baute, sie eines Abends auf das Schiff lockte und auf

hoher See eine verborgene Falltür öffnete, so daß die Mutter in den

Wogen versank? Handelt die Diesseitsethik nicht grausamer? Sie stattet

der Menschheit ein bequemes, sehr bequemes Schiff zur Fahrt des Lebens

aus, sie musiziert und tanzt -- aber das Schiff birgt eine unheimliche

Gefahr in sich: die Falltür, und sie heißt Tod -- und das Ende --

_Ewigkeit_. Ist es nicht grausam, darüber hinwegzutäuschen?

Wohl mag die Moderne die Ewigkeitsgedanken als lästig abweisen, die

Ewigkeit selbst bleibt. Auch sie mag sich das Wort gesagt sein lassen,

das einer der Makkabäischen Märtyrer zum gottvergessenen Antiochus

sprach: »Du, Ruchloser, rühmst dich umsonst deiner Bosheit und

deines Übermutes, denn noch nicht bist du entflohen dem Gerichte des

allmächtigen und allwissenden Gottes«.

Ja, vielem mag die Moderne entfliehen, sie mag entfliehen der Kirche,

mag entfliehen dem weltlichen Gerichte, mag entfliehen den Vorwürfen

des eigenen Gewissens, einem ist sie noch nicht entflohen: dem Gerichte

des allmächtigen und allwissenden Gottes, und dem entgeht sie nicht.

Furchtbar aber ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.

So führt die Sanktion der Ethik wiederum auf Gott zurück, Gott ist der

Ursprung der Ethik. Gott die Norm, Gott der letzte Halt. Moral ohne

Gott ist ein Leib ohne Seele.

»Eine Spinne«, so erzählt der Dichter Jörgensen, »ließ sich an einem

Faden herunter von einem Ast; nun eilte sie hin und her und spann

ihr kunstvolles Netz. Lange lebte sie gesichert in ihrer Behausung;

da stieß sie auf ihren kleinen Rundreisen eines Tages wieder auf den

ersten Faden. Sie hatte seine Bedeutung vergessen und -- biß ihn ab --

und ihr ganzes Haus stürzte zusammen.«

Von Gott kam die Menschheit, und um den Gottesgedanken baute sie ihr

geistiges und ethisches Gebäude -- sie zerstört den ersten Faden,

und mit ihm sinkt ihr ganzes Haus in Trümmer. Der Ethik letztes Wort

lautet: »Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine fremden Götter

neben mir haben.«

[Illustration]

Schlusswort.

In Babylon war es. Hell strahlten die Lichter des Königspalastes ins

Dunkel hinaus. Im Innern sah man den Herrscher Belisar an festlich

geschmückter Tafel, um ihn in goldstrotzender Uniform die Großen des

Reiches, die Königin mit ihrem Hofstaat in rauschenden Gewändern.

Man aß und trank, spielte und tanzte. Und als der Wein das Blut in

Wallung gebracht, da erreichte der Frevel seinen Höhepunkt. Belisar

ließ sich die aus dem Heiligtum in Sion geraubten hl. Gefäße bringen,

ließ sie mit perlendem Wein füllen und reichte sie seinen Gästen. Und

sie tranken alle daraus und jeder pries seinen Götzen. Da erschien eine

geheimnisvolle Hand und schrieb an die Wand: Mane, Thekel, Phares.

Man erblaßte, die Kniee schlotterten. Ein Signal ertönt, Rufe werden

laut, Krieger stürzen mit gezücktem Schwert in den Saal, morden König

und Königin, Feldherren und Hofdamen und, wo vor einigen Minuten noch

Gotteslästerung und Weltlust ihr frivoles Spiel trieben -- da sah man

jetzt Blut, Leichen -- Tod.

Ein Babel ist unsere Zeit; ein festliches Bankett hat sie bereitet.

Nicht genug der Sündenlust und des Frevels früherer Zeiten, benutzt sie

heute noch die religiösen Überlieferungen zu ihrem gottlosen Spiel.

Jeder preist seine Götter und höhnt den Höchsten. Zahllos sind die

Idole des Jahrhunderts. -- Mag sie höhnen, kommen wird auch für sie

die schreibende Hand, die unter Sternensturz und Himmelsdonnern in

Flammenschrift an den Horizont die Worte setzt: Mane, Thekel, Phares.

Kommen wird Christus auf den Wolken, und die falschen Götter werden

stürzen. »Dann«, hat er zu den Guten gesagt, »erhebet euer Haupt, dann

naht eure Erlösung«. Wir lassen es uns gesagt sein. Mag die Moderne

sich den Idolen zuwenden, uns gilt als Leitstern das Wort: »Fürchte

Gott und halte seine Gebote, das ist der ganze Mensch.«

[Illustration]

Buchdruckerei Paul Scheiner, Würzburg.

Idole des Zwanzigsten Jahrhunderts. VIII. Moral ohne Religion Religiös-wissenschaftliche Vorträge · 第 6 / 7 题