I. Gott allein ist die letzte Norm der Moral.

Auf die Frage: warum ist etwas gut, z. B. die Heiligung des Sabbats

und die Ehrfurcht vor den Eltern, und warum ist etwas, z. B.

Unzucht und Diebstahl, schlecht? antwortet der Christ wohl zuerst:

weil Sabbatheiligung und Elternliebe von Gott geboten und weil

Unzucht und Diebstahl von ihm verboten wurden. Sein nächstliegendes

Unterscheidungsmerkmal findet er also in den »Zehn Geboten«. Er geht

darin sicher; denn, was Gott geboten, kann nicht sittlich schlecht, und

was er verboten, nicht sittlich gut sein. Diese Norm ist zwar nicht

die letzte objektive, wie später gezeigt werden wird, aber doch die

praktisch brauchbarste, weil nächstliegende.

Die Moderne will dieses Kriterium, weil es in einem »Fremdwillen« und

auf »religiösen Verpflichtungen« beruht, nicht gelten lassen. »O, meine

Brüder, zerbrecht mir die alten Tafeln!« so hat einer der Gewaltigsten

gesprochen (Nietzsche, Zarathustra »Von alten und neuen Tafeln«), und

abermals klirren die Trümmer des Gottesdokumentes am Felsen. Moses

zerbrach die zwei Tafeln, weil sie ihm für das sündige Volk zu heilig

schienen, die Moderne entledigt sich ihrer, weil sie ihr sittlich nicht

hoch genug stehen.

Aber was will sie denn an ihre Stelle setzen? Wonach soll denn unsere

Zeit entscheiden, was gut und was bös ist?

Chaotisch fluten die Antworten auf diese Frage durcheinander. »Sittlich

gut ist«, sagt uns der Prophet des Übermenschen, »was den Willen zur

Macht fördert«, und »sittlich gut ist«, sagt uns im Gegenteil ein

Schopenhauer, »was aus Mitgefühl mit andern hervorgeht«. »Sittlich gut

ist«, sagt uns ein Kant, »was aus reinem Pflichtgefühl hervorgeht«,

und »sittlich gut ist«, sagt ein ~De la Mettrie~, »nur das und alles

das, was mit Lust und aus Lust verrichtet wird«. »Sittlich gut ist«,

sagt ein Reid, »was am gesunden Menschenverstand gemessen wird«, und

»sittlich gut«, sagt ein Shaftesbury, »ist das, was mit dem ~moral

sense~ übereinstimmt«. »Sittlich gut«, nennt der gestrenge Fichte das,

»was das Ich vervollkommnet«, und »sittlich gut« nennt der zynische

Helvetius alles das, »was den Sinnenkitzel fördert«. »Sittlich gut«

ist dem Egoisten Stirner alles, »was das Ich hebt, unbekümmert um das

Wohlergehen anderer«, und als »sittlich gut« bezeichnete ein John

Stuart Mill, ein Laas, ein Lotze nur das, »was das größtmöglichste

Glück der größtmöglichsten Zahl hervorzaubert, unbekümmert um

das Schicksal des einzelnen«. »Sittlich gut« handelt nach Wundt

und Paulsen, »wer immer auf Steigerung der Kultur hindrängt«,

»sittlich gut« handelt nach Eduard von Hartmann, »wer zur schnellen

Weltvernichtung beiträgt«.

So setzt der eine anstelle des Dekalogs das eigene Ich, der andere die

Gesamtheit, der eine die Lust, der andere den Schmerz, der eine den

trockenen Verstand, der andere das ewig schwankende, unstet tosende

Gefühl. »Man braucht nur«, sagt Förster (Autorität und Freiheit,

S. 46 ff.), »an die Fülle widerstreitender Theorien in der sexuellen

Reformliteratur zu denken, um vorauszusehen, daß es künftig auf dem

Gebiet einer konsequent weltlichen Laienethik noch unvergleichlich mehr

Meinungsverschiedenheiten geben wird als auf dem Gebiete des religiösen

Glaubens ... Wir lernen heute anschaulich kennen, was aus Ethik und

Religion wird, wenn »die Menschen sie machen«, das unerlöste Individuum

kommt darin so gründlich zu Wort, daß von Religion und Ethik nicht viel

übrig bleibt«. Und es bleibt, um mit R. Eucken (Geistige Strömungen

der Gegenwart, S. 324) zu reden, »nur die Tatsache festzustellen, daß

unsere Zeit überhaupt einer ihre innersten Bedürfnisse befriedigenden

Moral entbehrt ...« und daß ein »solcher Mangel an der eigenen Moral

die Kraft der Moral in unserer Zeit herabsetzt«, -- eine Tatsache, die

allerdings nicht sehr zu Gunsten der von den Zehngeboten losgelösten

neuen Moral spricht.

Diese vom sichern Fundament des Zweitafelgesetzes losgelöste Moral muß

Unsicherheit und Verwirrung in alle Kreise tragen. Sie ist ja nicht

eine rein theoretische Wissenschaft, sondern eine Lebensnorm.

Der _einzelne_ will zu einer moralischen Größe sich heranbilden; wie

kann er es? Will er, mit Kant dem kategorischen Imperativ folgend,

etwa auf eine Neigungsheirat verzichten, dann ruft ihm ein Helvetius

zu: Du handelst unmoralisch; denn schlecht ist es, der Lust nicht zu

folgen, und geht er mit Helvetius der Neigung nach, dann erhebt der

Weise von Königsberg energisch Einsprache gegen sein Tun. Öffnet er,

von Schopenhauers Mitleidstheorien beeinflußt, den Notleidenden seine

Börse, dann schleudert Nietzsche ihm das Anathem entgegen, weil es

unmoralisch sei, das Schwache zu stützen, und glaubt er nun Nietzsche,

dann hat er Schopenhauer zum Gegner. So kommt er nie zum Handeln;

denn wer will ihm sagen, welche von den sich bekämpfenden Lehren die

wahre ist? Alle bieten dieselbe Gewähr, weil alle den Köpfen einzelner

entspringen.

»Diese Wirkung«, bemerkt Förster wiederum treffend (a. a. O. S. 47),

»machen sich die Gegner der religiösen Autorität auch nicht annähernd

klar ... Kann ich mich denn selbst erziehen, mich beherrschen und

enthalten, wenn alle sittlichen und religiösen Lehren nur individuelle

Hypothesen sind? Warum soll ich diesen Hypothesen mehr glauben

als meinen eigenen individuellen Einfällen? So mische ich mir aus

Gutem und Bösem, Wahrem und Falschem meine eigene Ethik, die mit

den Leidenschaften wechselt, welche in meiner Seele den Vorrang

gewinnen, und die den Zeitmoden folgt, die gerade im Schaufenster des

Buchhändlers mein Auge treffen. Vom Standpunkt des Pilatus: »Was ist

Wahrheit?« ist jedenfalls keine Charakterbildung möglich.«

In welch verzweifelte Situation die _Pädagogik_ durch diese neue

Moral versetzt wird, ist auch klar. Will man es dem einzelnen Lehrer

überlassen, sich eines der neuen Moralsysteme zu wählen und darnach

seine Schüler zu unterrichten, dann wird in der einen Schule bald die

luststeigernde Unsittlichkeit, in der andern die das Übermenschtum

fördernde Gewalttat, in einer dritten der das größtmöglichste Glück

der größtmöglichsten Zahl bewirkende Tyrannenmord als sittlich gut

verteidigt usw. und in der andern all das als verwerflich verurteilt.

Welch eine Generation würde da heranwachsen!

Will man aber den Lehrern eine bestimmte Norm vorschreiben, dann fragt

es sich wiederum: »Welche?« Und mit welchem Recht verwirft man die

anderen? Lehr_zwang_ wäre ja nach der Neuethik unmoralisch!

Nicht erfreulicher als auf dem Gebiet der Pädagogik würde sich das Bild

im _Gerichtswesen_ gestalten.

Man will einen Lustmörder verurteilen -- aber mit Helvetius wird er

beweisen, daß er eine eminent moralische Tat, weil luststeigernd,

beging; man will einen Hochstapler gefangen setzen -- aber mit Stirner

und Nietzsche wird er dartun, daß er durchaus richtig handelte, weil er

den »Willen zur Macht« betätigte; man will den Königsmörder belangen --

aber der Mob wird ihn als Märtyrer preisen weil er dem Volkswohl die

treffendsten Dienste erwies. Wie wäre eine Rechtsprechung möglich?

Selbstbildung, Erziehung, Gesetzgebung und Rechtsprechung erfordern

gebieterisch eine einheitliche Norm für gut und bös -- die Neuethik

gibt sie nicht, damit ist ihre _praktische Unbrauchbarkeit_ erwiesen.

Aber auch die _theoretische Überlegung_ findet in den modernen

Moralsystemen, so manche unbestreitbare Wahrheit sie auch in sich

bergen mögen, ihr völliges Genügen nicht.

Ein so buntscheckiges Durcheinander die moralischen Normen der

Gegenwart auch dem Auge darbieten mögen, so lassen sich doch zwei

Hauptgruppen nicht übersehen: es gibt _subjektive Maßstäbe_ der

Sittlichkeit und _objektive_; subjektive, d. h. im Subjekt, im Menschen

liegende und objektive, d. h. aus den Dingen, die zum Menschen in

Beziehung stehen, sich ergebende.

Die subjektiven Moralprinzipien sind darin einig, daß sie die Gutheit

oder Schlechtigkeit einer Handlung aus der Übereinstimmung oder

Nichtübereinstimmung mit einem Sittenrichter _in uns_ herleiten, in der

näheren Bestimmung dieses Sittenrichters gehen sie aber auseinander.

Shaftesbury, Hutcheson, Jacobi, Schuppe, Höffding u. a. verlegen diesen

Sittenrichter in den moralischen Sinn, Ad. Smith und Schopenhauer

dagegen in das Mitgefühl, Herbert glaubt ihn im sittlichen Geschmack

entdeckt zu haben, Reid im gesunden Menschenverstand, Kant dagegen im

kategorischen Imperativ.

Nach der ersten Gruppe bedürfen wir also gar keiner langen

Untersuchungen über das, was erlaubt und was unerlaubt ist; ein

angeborener Instinkt -- der ~_moral sense_~ -- sagt es uns sofort;

aber zunächst ist es unbewiesen, daß ein solch moralisches Gefühl

besteht, und wenn es bestände, so bliebe stets noch die Frage offen:

Wie kommt es denn, daß diesem moralischen Sinn die einen Handlungen

gefallen und andere Unbehagen erwecken? Entweder sagt man: weil Gott

die Natur so eingerichtet hat -- dann kommt man auf die theistische

Ethik schließlich wieder hinaus; oder man sagt: weil der moralische

Sinn Lust empfindet bei guten Handlungen, Unlust bei bösen -- dann

verfällt man dem später zu würdigenden Hedonismus; oder man antwortet:

dem moralischen Sinn gefallen die einen Handlungen, weil sie das eigene

und fremde Wohlergehen fördern -- es mißfallen ihm andere, weil sie das

Gegenteil bewirken -- dann hat man wiederum die rein subjektive Norm

verlassen und sich aus seiner Verlegenheit an das Ufer des Eudämonismus

gerettet. Der ~moral sense~ versagt.

Ebenso Schopenhauers _Mitgefühl_. Denn, wenn nur das sittlich gut ist,

was aus Mitleid mit andern geschieht, dann ist schlecht jede Handlung

der Gerechtigkeit, Reinheit, Geduld, Mäßigkeit und Liebe -- wer wollte

das aber behaupten?

»Gut«, sagt Kant, »ist nur das, was aus _reinem Pflichtgefühl_

entspringt und dem kategorischen Imperativ entspricht.« Aber der

kategorische Imperativ ist eine willkürliche Annahme, und, wenn nur

das gut ist, was nicht aus Neigung, sondern nur der Pflicht willen

geschieht -- dann ist unsittlich die Tat der barmherzigen Schwester,

die aus Liebe sich dem Krankendienste weiht, unsittlich die Tat des

Kühnen, der aus Mitleid den Ertrinkenden aus den Fluten ans Land holt,

unsittlich die Tat des Heiligen, der aus Gottesliebe sein Ich gänzlich

opfert, dann war unsittlich die Tat des Gottessohnes, da er aus Liebe

zu uns sein Leben dahin gab. Ein solches Prinzip aufstellen, heißt das

Edelste, Erhabenste aus dem ethischen Gebiet verweisen und die größten

Helden der Menschheit zu Dämonen stempeln.

Das sah man ein, darum kehrte man zu den _objektiven_ Normen zurück;

man nannte sittlich gut entweder das Lustversprechende oder das

Nützliche oder das Fortschritt Verheißende und unterschied demnach den

ethischen _Hedonismus_, den _Utilitarismus_ und den _Progressismus_.

Aber auch diese reichen nicht aus.

Nicht der _Hedonismus_; denn, wenn das sittlich gut ist, was die Lust,

zumal die Sinnenlust fördert, dann ist gut Müßiggang und Schwelgerei,

Ehebruch und Lustmord, dann sind alle Laster zu Tugenden geworden und

ernste Tugenden, wie Entsagung, Reinheit, zu Lastern.

Will man ferner dem _Utilitarismus_ gemäß das, was nützlich ist, als

moralisch gut bezeichnen, so steht man vor der Alternative, entweder

alles, was irgendwie nützt, so zu werten, oder eine Auswahl zu

treffen. Alles, was irgendwie nützt, kann nicht moralisch gut sein;

denn der Raubmord nützt zum Gelderwerb, Ausschweifung, Rachsucht zur

Lusterregung, und doch wird es keinen ernsten Denker geben, der sie

nicht als verwerflich brandmarkt.

Man muß also unter dem Nützlichen eine Auswahl treffen, man kann nur

das als gut bezeichnen, was zu einem guten Zweck dient -- dann fragt es

sich aber: Wie kommt es, daß dieser Zweck ein guter, ein anderer ein

schlechter ist? So muß ich eine andere Norm zu Rate ziehen.

Fast dasselbe läßt sich von dem dritten System, dem _Progressismus_,

sagen. »Gut ist, was dem Fortschritt dient«; ja, ist aber jeder

Fortschritt gut? -- auch der Fortschritt des Übermenschen, der das

Herdenvolk mit Füßen tritt? Und worin besteht der Fortschritt? In

Steigerung der Wissenschaft oder in Anhäufung des Volksvermögens oder

in der Kunst? Und warum sind denn Wissenschaft, Volkswohl und Kunst

gut? Alle diese Maßstäbe sind zu dehnbar, zu unsicher.

Näher kommt man der Wahrheit, wenn man den Fortschritt in die

_harmonische Ausbildung_ des Einzelmenschen und der Gesamtheit verlegt.

»Menschheit lebe so, wie es deiner Natur und Würde entspricht«, lautet

darum eine andere Formulierung des sittlichen Grundgesetzes. (Zeller.)

Einverstanden, wenn man die menschliche Natur in _ihrer ganzen

Eigenart_ und _all ihren Beziehungen_, d. h. als Teil des Ganzen

erfaßt. Seiner Natur nach ist der Mensch ein geistig-sinnliches Wesen,

der Geist aber steht höher als das sinnliche Element, darum hat der

Geist die Triebe zu regeln, zu lenken; der Mensch ist seiner Natur

nach Bruder vieler Brüder, darum hat er den Mitmenschen in allem

gerecht zu werden; der Mensch ist seiner Natur nach Geschöpf des einen

wahren Gottes, darum kann er Gott nicht übersehen, sonst handelt er

naturwidrig. Soweit die ihm gewordene Natur sich erstreckt, so weit

auch die auf der Natur fußende Pflicht.

Will der Mensch nun seiner _eigenen Würde_ gerecht werden, so hat er

sich vor dem Übergewicht des Sinnlichen zu hüten, er hat seine Triebe

nach dem Willen der geordneten Natur zu regeln, Eßtrieb und Trinklust,

sexuelle Neigung und Zornesempfinden, er hat also keusch, mäßig und

sanftmütig zu leben.

Will er der _sozialen_ Eigenart seiner Natur entsprechen, so hat er den

Urhebern seines Lebens, den Eltern, sich anzupassen, hat die höhere

Autorität des staatlichen Verbandes zu achten, hat er Eigentum und

Leben zu schonen und, weil aus dem ungerechten Begehren die unheilvolle

Tat aufflammt, auch innere Neigungen zu unterdrücken.

Will der Mensch aber nicht den wichtigsten Teil seiner natürlichen

Stellung übersehen, so hat er sich auch _dessen zu erinnern_, dem er

alles verdankt, seines Schöpfers, hat ihn anzuerkennen und seinen

Forderungen zu entsprechen.

Was will das aber alles anderes sagen als das: Du sollst keine fremden

Götter neben mir haben, gedenke, daß du den Sabbat heiligest, du sollst

Vater und Mutter ehren, du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, lügen

und stehlen, du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib noch alles,

was sein ist? So führt die Unzulänglichkeit der modernen Moral ganz von

selbst zu den Forderungen zurück, die sie zu ersetzen versprach, zu den

Forderungen der zwei Tafeln Moses. Keine Ethik, die das menschliche

Leben vernunftgemäß zu ordnen gedenkt, wird an den zehn Geboten vorbei

und über sie hinauskommen. Nicht aus Willkür gab der Höchste diese

Gesetze, sondern weil er sah, daß ohne sie nur chaotische Anarchie die

Völker beherrschen wird.

[Illustration]

Idole des Zwanzigsten Jahrhunderts. VIII. Moral ohne Religion Religiös-wissenschaftliche Vorträge · 第 4 / 7 题