vor sich hin, »und der Mann hat dabei die komische Eigenschaft, daß
er das für eine Kunst des Teufels hält, es der Frau aber doch nicht
verbietet, weil sie Geld damit verdient. Um aber das Unheil abzuwenden,
das dadurch auf ihn fallen könnte, singt er jedes Mal, so lange die
Frau mit solch unheiliger Beschäftigung hantirt, im Nebenzimmer und mit
lauter Stimme geistliche Lieder, die in der Nähe schauerlich klingen
müssen, denn schon aus der oberen Etage herunter haben sie uns oft zur
Verzweiflung getrieben. Bei Gewittern macht er es ebenso.«
»Das stimmt Alles,« lächelte Pauline, »und jetzt wollte ich Dir nur
mittheilen, Schatz, daß ich gesonnen bin, Dich diesen musikalischen
Ohrenschmaus ganz in der Nähe genießen zu lassen.«
»Mich,« frug Auguste erstaunt -- »was hast Du denn vor?«
»Nichts weniger« lachte Pauline, »als mir von Frau Heßberger heute Abend
die Karten legen zu lassen und in dem dunklen Buche des Schicksals
zu lesen, während ihr Gatte durch ein paar passende oder unpassende
Gesangbuchverse die bösen Geister fern hält.«
»Aber Pauline --«
»Und Du sollst mich begleiten,« rief diese muthwillig -- »ich will mich
nicht umsonst schon die ganze Woche darauf gefreut haben.«
Auguste schüttelte nachdenkend mit dem Kopf -- es war ihr nicht ganz
recht; die Aufforderung kam ihr aber auch so unerwartet und plötzlich,
daß sie nicht gleich einen richtigen Grund wußte, sie abzulehnen.
»Man soll doch eigentlich nicht mit den Geheimnissen der Zukunft sein
Spiel treiben« sagte sie endlich leise.
»Aber Herzensschatz,« lachte Pauline, »Du glaubst doch nicht etwa,
daß Frau Heßberger, die den ganzen Tag über Schuhe einfaßt, oder
ihrem Gatten den Pechdrath zu seiner Arbeit zurecht macht, Abends
eine wirkliche Sybille würde und mehr von den Geheimnissen der Zukunft
errathen könnte, als wir anderen armen Sterblichen auch?«
»Wozu dann aber einen solchen Versuch machen?«
»Verstehst Du denn keinen Spaß?« lachte Pauline -- »ich freue mich wie
ein Kind darauf, ihre geheimnißvollen Zubereitungen zu sehen und die
Orakelsprüche, während ihr Gatte den Teufel fern hält, -- aus ihrem
Munde zu hören. So was erlebt man doch nicht alle Tage, und bequemer wie
wir es von hier aus haben, bekommt man es auch sobald nicht wieder.«
»Aber was sollen die Leute dazu sagen, wenn wir hinauf zu der Frau
gehen?«
»Und wer braucht es zu erfahren? -- Deine Rieke schickst Du ein paar
Wege in die Stadt, wobei sie immer so viel für sich selber zu besorgen
hat, daß sie doch vor einer Stunde nicht wieder kommt, und in der Hälfte
der Zeit haben wir unseren Besuch gemacht.«
»Und wenn die Frau selber darüber plaudert?«
»Das thun derartige Leute nie, denn sie wissen, daß sie sich dadurch
ihre ganze Kundschaft vertreiben würden. Wo es aber ihren eigenen Nutzen
betrifft, sind solche Menschen klug genug. Thu mirs nur zu Gefallen,
Auguste; ich habe mich schon so lange darauf gefreut und kann doch nicht
gut allein hinauf gehen.«
»Wenn es mein Mann erfahren sollte, würde er böse darüber werden -- ich
kenne Bertling.«
»Lachen wird er,« rief Pauline »wenn wir ihm nachher die ganze
Geschichte erzählen -- es giebt ja doch einen Hauptspaß und Du darfst
ihn mir nicht verderben. Außerdem brauchst Du Dir ja auch gar Nichts
prophezeihen zu lassen, wenn Du irgend glaubst, daß es Deinem Mann --
den ich übrigens für vernünftiger halte -- fatal sein könnte. Du gehst
nur als Ehrendame mit, setzest Dich ruhig auf einen Stuhl -- oder wenn
der nicht da sein sollte, auf einen Schusterschemel und hörst zu.«
Auguste lächelte still vor sich hin, als sie sich das Bild im Geist
herauf beschwor, die muntere Freundin ließ auch mit Bitten nicht nach,
und wußte alle ihre Bedenken so geschickt und mit solchem Humor zu
beseitigen, daß sie sich endlich nicht länger weigern konnte und mochte,
und Pauline sprang jetzt, fröhlich in die Hände schlagend ordentlich wie
ein Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hat, in der Stube herum.
Ein Auftrag für Rieke, um diese zu entfernen, war bald gefunden und kaum
sahen sie das Mädchen über die Straße gehen, als die beiden Frauen ihre
Tücher umhingen und in die dritte Etage hinanstiegen.
Nach der Frau Heßberger aber brauchten sie nicht lange zu fragen, denn
gleich rechts von der Treppe war die enge, dunkle Küche, in der die Dame
eben beschäftigt schien die Abendsuppe anzurichten. Eine gewöhnliche
Küchenlampe verbreitete ein mattes trübes Licht in dem niederen, eben
nicht besonders sauber gehaltenen Raum, in den aber des Schusters Frau
ganz vortrefflich hineinpaßte und sich auch wohl darin zu fühlen schien.
Wie sie die leichten Schritte auf der Treppe hörte, nahm sie aber mit
der Rechten, während die Linke noch immer in der Suppe rührte, die Lampe
auf und hielt sie über den Kopf, um darunter hinweg besser erkennen zu
können, wer der fremde Besuch sei. -- Unerwartet kam er ihr ja überhaupt
nicht, denn es geschah gar nicht etwa so selten, daß sie von den
verschiedensten Damen der Stadt und zwar von Damen =jeden= Ranges in der
Gesellschaft, gerade um diese Zeit des Abends, oder auch noch später,
aufgesucht und mit ihrer Kunst in Anspruch genommen wurde -- und sie
verdiente mehr damit wie ihr Mann, trotz allem Fleiß, mit Ahle und
Draht.
Auguste schämte sich fast ein wenig des Besuchs und hielt sich noch
immer scheu zurück, ihre keckere Freundin aber, die überhaupt die
Leitung des Ganzen übernommen hatte, trat auf die Frau zu und wollte
eben ihr Anliegen vortragen, als die Kartenschlägerin sie jeder
Ansprache überhob, indem sie mit einer Höflichkeitsbewegung, die als ein
Mittelding zwischen Knix und Verbeugung gelten konnte, sagte:
»Nun, da kommen Sie ja doch noch, Frau Hofräthin; habe Sie schon eine
halbe Stunde erwartet, und dachte beinah es wäre etwas dazwischen
gekommen. Bitte treten Sie näher Frau Justizräthin -- freut mich ja
recht sehr, Sie auch einmal oben bei mir zu sehen.«
Auguste erschrak beinahe, denn sie stand noch in dem halbdüsteren
Vorsaal und zum Theil von der Freundin gedeckt, Pauline aber wandte ihr
halblachend den Kopf zu und sagte dann:
»Schön, meine liebe Frau Heßberger, daß Sie uns erwartet haben; dann ist
wohl auch bei Ihnen Alles hergerichtet?«
»Alles, beste Frau Hofräthin, Alles,« erwiderte aber Frau Heßberger,
ohne sich außer Fassung bringen zu lassen. »Das versteht sich doch aber
auch von selbst, wenn man so vornehmen Besuch erhofft; die Stühle sind
schon zum Tisch gerückt; habe weiter nichts drin zu thun, wie nur die
Lichter anzuzünden.«
Pauline wurde selber ein wenig stutzig, die Frau ließ ihr aber keine
Zeit zu weiteren Fragen und nur mit den Worten: »Erlauben Sie, daß ich
vorangehe« -- öffnete sie die Thür zur Werkstätte, in welcher ihr Gatte
und ein Lehrjunge hinter ein paar erleuchteten Glaskugeln arbeiteten.
Der alte Heßberger, eine kleine untersetzte Gestalt mit einer schwarzen,
Gott weiß wie alten, fettglänzenden Mütze und eine Brille auf, kauerte
auf seinem Schemel und schaute, als sich die Thür öffnete, von seiner
Arbeit gar nicht auf. Mürrisch sah er vor sich nieder, und machte auch
nicht den geringsten Versuch selbst zu irgend einer Art von Gruß. Der
Besuch galt nicht ihm, so viel wußte er recht gut, weshalb also brauchte
er sich darum zu kümmern.
Auch selbst der Lehrjunge warf nur einen raschen und scheuen Blick nach
den Damen hinüber, denn der gegenüber sitzende Meister beobachtete ihn
über die Brille weg dann und wann, und ein, auf dem offenen Gesangbuch
dicht neben ihm liegender Knieriem mochte wohl eine versuchte Neugier
von seiner Seite schon manchmal auf frischer That ertappt und bestraft
haben.
Es ist möglich, daß das mürrische Temperament des Alten die einzige
Ursache dieser Gleichgültigkeit war, viel wahrscheinlicher aber, daß er
es eher aus Rücksichten für den Besuch selber unterließ, von diesem die
geringste Notiz zu nehmen, oder nehmen zu lassen, denn er wußte recht
gut, daß die Damen, die solcher Art bei Nacht und Nebel zu seiner Frau
kamen, nicht erkannt und am Liebsten gar nicht gesehen sein wollten
-- warum ihnen also nicht darin willfahren, da sie doch immer gut
bezahlten.
Die Frau bog indessen rasch zwischen einem Haufen der verschiedensten
Leisten und Lederstücke und dem Ofen hindurch nach der dort befindlichen
Thür, öffnete diese und entzündete zwei auf dem mit einer alten
verwaschenen Caffeeserviette bedeckten Tisch stehende Talglichter;
Auguste und Pauline waren ihr indeß gefolgt, und ehe sie die Thür hinter
ihnen schloß, rief sie nur noch dem Lehrjungen zu, die Suppe für den
Meister herein zu holen und drehte dann den Schlüssel im Schloß um.
Pauline, während ihre Freundin kaum aufzuschauen wagte, sah sich
indessen in dem kleinen Gemach um, das allerdings nicht glänzend
genannt werden konnte, aber doch sehr zu seinem Vortheil gegen Küche und
Werkstätte abstach.
Es war ein nicht sehr großes Gemach, das allem Anschein nach zum Wohn-
und Schlafzimmer der Eheleute diente. Zwei Betten standen -- Fuß- und
Kopfende an der einen Wand, durch nichts als ein paar alte Decken von
buntem Kattun verhüllt. An den Fenstern hingen aber Gardinen, ja standen
sogar zwei Blumentöpfe mit den ersten Kindern des Frühlings, Primeln und
Hyacinthen, und an beiden Seiten des kleinen Spiegels, aus dem eine Ecke
fehlte, waren ein paar schauerliche Oelgemälde angebracht, die
jedenfalls »Herrn und Madame Heßberger« im Sonntagsstaat -- vielleicht
als junge Eheleute darstellen sollten. Waren sie indessen mit der Zeit
so nachgedunkelt, oder verhüllte die jetzige Düsterheit des Gemachs ihre
vielleicht sonst sichtbaren Umrisse: in diesem Augenblick ließ sich auf
dem einen Bilde Nichts als die Contour eines Kopfes und ein riesiges
Jabot erkennen, während auf dem anderen nur die weit ausflügelnde Haube
der Frau und eine Hand sichtbar blieb, in der sie ein weißes Taschentuch
emporhielt.
Unter dem Spiegel hingen noch ein paar Silhouetten in unkennbaren
Formen.
Daß die Frau übrigens auf einen Besuch vorbereitet gewesen, wenn sie
das überhaupt nicht jeden Abend war, zeigte in der That die ganze
Vorrichtung des Tisches neben dem für die beiden Gäste zwei gepolsterte
Stühle mit altmodischen hohen Lehnen standen und auf diese nöthigte auch
die Frau Heßberger ihren Besuch und sagte freundlich:
»Setzen Sie sich, meine Damen, Sie brauchen mir gar Nichts vorher zu
sagen, ich weiß schon ohnedies weshalb Sie hergekommen sind -- bitte
nehmen Sie Platz, und wir wollen dann gleich einmal versuchen ob ich
Ihnen helfen kann.«
»Und wissen Sie wirklich was ich Sie fragen will, Frau Heßberger?«
frug Pauline, die in dem Augenblick doch etwas von ihrer vorherigen
Ausgelassenheit verloren zu haben schien.
»Warum sollt ich nicht, Frau Hofräthin, warum sollt ich nicht und wie
könnte ich mich unterfangen Zukünftiges voraus zu sagen, wenn ich nicht
das Vergangene und wirklich Geschehene wüßte --«
»Aber ich begreife nur nicht --«
»Lieber Gott« sagte des Schusters Frau, mit einem frommen Blick nach
oben, »wir begreifen Manches nicht auf dieser Welt, Frau Hofräthin, und
leben in unserer Unschuld so in den Tag hinein. -- Wenn man aber ein
Bischen tiefer sehen lernt, Frau Hofräthin, dann bekommt man eine andere
Meinung von der Sache -- Gottes Wege sind wunderbar.«
Es war ordentlich als ob das das Stichwort für ihren Gatten im
Nebenzimmer gewesen wäre, denn in demselben Moment begann er mit seinem
schauerlich näselnden Ton, das gewöhnliche Präservativmittel gegen den
bösen Feind und dessen Einwirkungen, irgend ein endloses Lied aus dem
Gesangbuch. Der würdevolle Vortrag wurde aber heute leider durch etwas
gestört; der Schuhmacher hatte nämlich noch keine Zeit bekommen, um
seine Suppe zu essen, und daß er Beides mit einander zu verbinden
suchte, that dem Einen Eintrag und ließ ihn das Andere nicht recht
genießen -- aber es mußte eben gehen.
Die Frau, ohne auf den plötzlichen Gesangsausbruch auch nur im Mindesten
zu achten, holte indessen von dem kleinen Tisch unter dem Spiegel, auf
dem einige vergoldete Tassen, zwei blaue Glasvasen mit Schilfblüthen
und ein paar grell bemalte Gypsfiguren standen, ein Spiel ziemlich oft
gebrauchter Karten, mit denen sie sich in einer Art von geschäftsmäßiger
Eile auf einen hohen Rohrschemel setzte und dabei links und rechts auf
die Lehnstühle wieß, um die Damen dadurch einzuladen Platz zu nehmen.
Pauline hatte im Stillen gehofft in dem Zimmer der Kartenprophetin eine
Menge wunderbarer und unheimlicher Dinge zu finden, die mit ihrer Kunst
in Verbindung standen -- einen schwarzen Kater z. B. der schnurrend
neben der Wahrsagerin saß und auf ihre Worte horchte -- düstere Tapeten
vielleicht und einen Todtenkopf von magischen Zeichen umgeben. Aber
von alledem zeigte sich nichts, denn der bunt gemalte Gipspapagei und
Napoleon I., die auf dem Tisch unter dem Spiegel standen und sich --
beide von einer Größe -- einander starr ansahen, konnten doch wahrlich
nicht als derartige Symbole gelten. Das ganze Zimmer zeigte überhaupt
Nichts, was nicht auch in der Wohnung jedes anderen Handwerkers zu
finden gewesen wäre -- die Karten selber vielleicht ausgenommen.
Die Aufmerksamkeit der kleinen lebendigen Frau wurde aber bald
ausschließlich auf die Karten gelenkt, denn die Frau Heßberger begann
jetzt in feierlicher Weise sie zu mischen, und dazu tönte der, nur
zeitweise von der Suppe unterbrochene Gesang des Schusters dazwischen
-- und wie laut die alte Schwarzwälder Uhr an der Wand da mit hinein
tickte.
Endlich war das Spiel gehörig vorbereitet und die Frau sagte plötzlich,
indem sie die Karten der rechts von ihr sitzenden Hofräthin zum Abheben
hinlegte:
»Also Sie wollen vor allen Dingen wissen, meine verehrte Frau Hofräthin,
ob Sie etwas Gestohlenes wieder bekommen werden und -- wo der Dieb zu
suchen ist.«
»Das allerdings« lächelte die kleine Frau -- »aber es wird doch wohl
nöthig sein zu sagen was es ist.«
»Das sehen wir ja aus den bunten Blättern« erwiderte ruhig die
Kartenschlägerin.
»In der That?«
Die Frau antwortete nicht mehr; sie legte in der gewöhnlichen Weise
ihre Karten auf den Tisch und während sie sich mit den gerade nicht
überreinlichen Fingern der rechten Hand das Kinn strich, betrachtete
sie die Kombination der verschiedenen Blätter mit leisem und prüfendem
Kopfnicken.
Augustens und Paulinens Blicke hafteten jetzt wirklich mit Spannung auf
den Zügen der Alten, die aber ihre Gegenwart ganz vergessen zu haben
schien, wie sie selber auch in diesem Augenblick gar nicht mehr das
schauerliche Lied des Schuhmachers in der nächsten Stube hörten.
Endlich brach die Alte das Schweigen und sagte:
»Jawohl -- ich hab es mir gleich gedacht -- das kann nur ein Hausdieb
sein -- aus dem Secretair heraus --«
»Hat sie Recht?« frug Auguste nur mit einem Blick über den Tisch hinüber
die Freundin und diese nickte ihr halbverstohlen zu.
»Nur ein Hausdieb -- aber er hat es schlau angefangen -- da die Treff
Sieben mit der Caro sechs, die den Coeur Buben in der Mitte haben -- --
aber der Bube selber war es nicht, doch hat er es fortgetragen und es
wird nie wieder zum Vorschein kommen --«
»Ja aber beste Frau Heßberger,« sagte Pauline mit einem schelmischen
Blick auf die Künstlerin -- »daß es Jemand fortgetragen hat, wußte ich
schon vorher, und jetzt möchte ich nur erfahren =wer=; dann ist es doch
vielleicht möglich dem gestohlenen Gegenstand auf die Spur zu kommen.«
»Nicht so leicht,« sagte die Frau kopfschüttelnd -- »da liegt es, die
Caro zehn sagt es deutlich -- ein Corallen-Halsband mit goldenem
Schloß -- das ist leicht versteckt. -- Aber der Dieb hat seine Spuren
zurückgelassen -- da gehen sie Treff zwei, Pike zwei, Treff vier, Pike
vier, -- deutlich hin zu der Pike-Dame -- ich sehe ein Mädchen mit
grünem Band auf der Haube, die etwas in die Taschen steckt und dann
langsam die Straße hinunter geht. --«
»In den Karten?«
»Dort unten an der Ecke trifft sie mit dem Coeurbuben zusammen -- aber
den kann ich nicht deutlich erkennen,« fuhr die Frau fort, ohne den
Einwurf zu beantworten. »Er ist zu weit entfernt.«
»Also die Pike-Dame mit dem grünen Band auf der Haube,« nickte Pauline
lächelnd, »da wäre schon eine ziemlich deutliche Spur gefunden, denn ich
kenne eine junge Dame, die ein grünes Band auf der Haube trägt. -- Wenn
wir nur den Coeur Buben ausfindig machen könnten, dem sie das Gestohlene
gegeben hat.«
»Das ist nicht so leicht,« sagte die Kartenschlägerin, die ihre Blätter
indessen aufmerksam betrachtet hatte -- »hier zieht sich eine lange
Linie von Treff und Pike zwischen ihm und Ihrer Karte durch, Frau
Hofräthin. -- Er kann nur durch die Pike-Dame mit dem grünen Band
ermittelt werden.«
»Der Wink ist deutlich genug, und ich werde ihn befolgen,« lächelte die
Hofräthin -- »herzlichen Dank Frau Heßberger -- Sie haben mir gezeigt,
daß Sie in Ihrer Kunst Meisterin sind« und dabei drückte sie der
geschmeichelten Schusters Frau einen harten Thaler in die Hand.
»Und soll ich Ihnen auch sagen, was Sie wissen möchten, Frau
Justizräthin?« wandte sich die Kartenkünstlerin jetzt an Auguste, die
ein wohl aufmerksamer, aber bis dahin doch theilnahmloser Zuschauer des
Ganzen gewesen war. Sie hatte dabei die über den Tisch gelegten Karten
wieder zusammengerafft und fing von Neuem an zu mischen.
»Ich danke Ihnen sehr,« sagte aber Auguste, fast ängstlich, »ich -- ich
habe meine Freundin nur begleitet.«
»Und doch liegt Ihnen etwas auf dem Herzen, Kind, was Sie um Alles in
der Welt davon herunter haben möchten,« fuhr die Frau geschwätzig fort,
ohne sich irre machen zu lassen. -- »Da heben Sie nur einmal ab, die
alte Heßbergern weiß oft mehr, als andere Leute zu glauben scheinen.«
Augusten war es, als ob ihr Jemand einen Stich ins Herz gegeben. -- Oh,
wohl lag ihr etwas auf dem Herzen -- aber was wußte die Frau davon --
was =konnte= sie davon wissen.
»Heben Sie nur ab, Frau Justizräthin,« drängte die Alte »-- es ist ja
nichts Unrechtes, was man damit thut. -- Was wir vom Schicksal nicht
erfahren =sollen=, erfahren wir doch nicht, so viel Mühe wir uns auch
damit geben.«
»So thu ihr doch den Willen,« lächelte Pauline -- »oder soll ich für
Dich abheben?«
»Nein, das muß die Frau Justizräthin selber thun,« wandte aber die Frau
ein; »sonst bekommen wir nachher Confusion. So ists recht -- danke Ihnen
Madamchen; nun wollen wir gleich einmal sehen, ob wir Ihnen nicht helfen
können« und in der alten Weise die Karten auslegend, bedeckte Sie
mit ihnen den Tisch, schüttelte dabei aber, wie über die Reihenfolge
erstaunt, langsam mit dem Kopf.
Auguste hatte fast willenlos ihren Wunsch befolgt, aber das Herz schlug
ihr dabei so fieberhaft, die Brust war ihr so beengt, sie hätte jetzt
Gott weiß was darum gegeben, nur von hier fort zu sein.
»Hm, hm, hm, hm« murmelte da die Alte vor sich hin, indem sie die Karten
prüfend betrachtete und immer stärker dazu mit dem Kopf schüttelte, »das
ist ja eine ganz wunderliche Geschichte -- da geht Ihr Lebensfaden so
glatt durch das halbe Spiel, und da kommt auf einmal ein fremder Mann
mit einem grauen Rock dazwischen --.«
Auguste wollte sich krampfhaft von ihrem Stuhl heben, aber sie vermochte
es nicht -- willenlos brach sie zurück; Pauline jedoch bemerkte zu ihrem
Schrecken, daß Leichenblässe ihre Züge deckte, und sie kaum im Stande
war, sich noch aufrecht zu halten. Pauline behielt auch in der That nur
eben noch Zeit zuzuspringen und sie zu halten, sonst wäre sie unfehlbar
von ihrem Stuhl herabgestürzt. Trotzdem wurde sie nicht ohnmächtig; es
schien nur als ob eine plötzliche Schwäche über sie gekommen sei und sie
bat mit leiser Stimme um ein Glas Wasser. Darnach fühlte sie sich
etwas gestärkt, aber jetzt bestand Pauline wieder darauf, daß sie des
Schuhmachers Wohnung augenblicklich verließen -- machte sie sich doch
längst schon insgeheim Vorwürfe darüber, die Freundin überredet zu
haben, sie hier herauf zu begleiten.
»Fühlst Du Dich stark genug Herz, mit mir fortzugehen?« frug sie leise,
indem sie ihren Arm um Augusten legte.
»Ja, ja,« rief diese rasch und heftig, indem sie sich ohne Hülfe
aufrichtete -- »komm fort -- mir ist es als wenn ich hier sterben
müßte.«
»Bitte leuchten Sie uns,« bat Pauline, indem sie dabei Augusten umfaßt
hielt.
»Aber beste Frau Hofräthin.«
»Wenn mir die Freundin hier krank wird, mache ich Sie dafür
verantwortlich,« rief die kleine Frau heftig. -- »Nehmen Sie Ihr Licht,
rasch!«
Sie sprach das mit einem so befehlenden, ja drohenden Ton, daß die bis
dahin noch so feierliche Frau Heßberger ganz beweglich wurde. Sie
griff auch rasch ein Licht auf und während ihr Mann mit dem geleerten
Suppennapf neben sich, noch an den letzten Versen seines endlosen Liedes
brüllte, schritten die beiden Damen durch die Werkstätte. Aber erst
draußen auf der Treppe, als Auguste wieder freie und frische Luft
schöpfte, athmete sie auf und schweigend stiegen die Freundinnen in die
untere Wohnung, wo sich die Justizräthin erschöpft in einen Stuhl warf.
»Aber lieber Herzensschatz,« nahm hier Pauline das Wort, nachdem sie
sich vorher überzeugt hatte, daß sie allein im Zimmer waren -- »wie, um
Gottes Willen hat Dich das Gewäsch der alten Kaffeeschwester auch nur
im Mindesten aufregen können. Du bist doch vernünftig genug an derlei
Unsinn nicht wirklich zu glauben.«
»Wir hätten gar nicht hinauf gehen sollen,« sagte Auguste leise -- »ich
wußte vorher wie es werden würde.«
»Aber soll man sich denn nicht einmal derartige Dinge mit ansehen?
Ist es denn nicht interessant zu beobachten wie die Menschen einander
betrügen und wie sie betrogen sein wollen?«
»Aber hat sie Dir denn nicht von Deinem verlorenen Schmuck gesagt? Woher
konnte Sie das wissen?«
»Woher?« lachte Pauline, »als ob derartiges Volk nicht überall herum
spionirte, und mit ein klein wenig Mutterwitz begabt, leicht im Stande
wäre, irgend etwas Glaubbares hinzustellen. Die Phantasie der Gläubigen
trägt freiwillig dazu bei und der Ruf einer Prophetin ist fix und
fertig. -- Denkst Du nicht, daß sie bei meinen Dienstboten schon herum
gehorcht hat, ja zehn gegen eins möchte ich wetten, daß ein' oder die
andere Person schon bei ihr gewesen ist, um sich Raths zu erholen; aber
das will ich schon herausbekommen, verlaß Dich darauf.«
»Und die Frau mit der grünen Schleife?«
»Es geht allerdings eine Wäscherin bei uns aus und ein,« sagte die
Hofräthin, »die eine grüne Schleife auf der Haube trägt, und der wird
sie oft genug begegnet sein. Ich habe aber nicht den geringsten Grund
auf die in jeder Hinsicht achtbare Person irgend einen Verdacht zu
werfen. Jedenfalls hat sie auch nur ganz auf gut Glück hin die genannt,
eben so wie bei Dir den Mann im grauen Rock.«
»Nein, nein,« rief aber Auguste rasch und heftig und warf den Blick
dabei scheu umher -- »da liegt ein tieferes Geheimniß zum Grunde und
=das= gerade drohte mir da oben die Besinnung zu rauben.«
»Es war so dumpf und heiß in der Stube, daß mir selber fast unwohl
geworden ist,« sagte die Hofräthin.
»Der graue Mann existirt,« flüsterte da Auguste »und unerklärlich bleibt
es mir, wie sie davon wissen konnte, denn gegen keinen Menschen in der
Welt habe ich mich darüber ausgesprochen, als gegen meinen Mann.«
Pauline schüttelte mit dem Kopf, endlich sagte sie:
»Und darf ich wissen, was es damit zu bedeuten hat?«
»Ja,« hauchte Auguste -- »aber nicht heute -- nicht jetzt Pauline -- ich
bin schon überdies zu aufgeregt, und fürchte, daß -- daß es noch mehr
der Fall sein würde, wenn ich -- jene wunderliche Erscheinung frisch
herauf beschwören wollte. Morgen -- morgen früh, wenn die Sonne scheint
und alles licht und hell um uns ist -- nicht jetzt -- nicht jetzt.«
»Gut mein liebes Herz,« sagte Pauline, die gar nicht daran dachte sie
jetzt zu drängen -- »bis morgen kann ich Dir dann auch vielleicht
von mir Auskunft geben, wie weit die Prophezeihung der Schusters Frau
wirklich zutrifft und ob sie eben mehr weiß wie andere Leute.«
Auguste erwiderte nichts darauf: sie nickte nur schweigend mit dem Kopf
und Pauline fühlte, daß sie ihr keinen größeren Gefallen thun konnte,
als sie jetzt allein und ungestört zu lassen. Sie nahm auch kurzen
Abschied von ihr und ging, sann aber unterwegs hin und her darüber, was
der sonst so ruhigen Freundin geschehen sein müsse, um sie in eine so
überreizte Stimmung zu versetzen, denn es war ja nicht möglich, daß die
albernen Vermuthungen der Schusters Frau wirklich einen Einfluß auf
sie ausgeübt haben sollten. Doch das gedachte sie morgen Alles
herauszubekommen -- heute ließ sich doch nichts mehr an der Sache thun.
Fünftes Capitel.
Die böse Nacht.
Als der Justizrath an diesem Abend um neun Uhr nach Hause kam, war seine
Frau schon zu Bett gegangen. Sie hatte, wie das Mädchen sagte, heftige
Kopfschmerzen gehabt und sich zeitig niedergelegt. Als Bertling hinüber
ging, schlief Auguste und er trat noch in sein Arbeitszimmer, um die
heute eingelaufene Correspondenz zu lesen und zu beantworten -- hatte er
doch den ganzen Tag keine Zeit dazu gefunden.
Es war bald halb zwölf Uhr, ehe er selber sein Lager suchte und die Frau
schlief noch immer, aber unruhig. Sie schien zu träumen, hob den Arm
und öffnete die Lippen, sprach aber Nichts und lag gleich darauf wieder
still und ruhig. Sie hatte das in der letzten Zeit öfter gethan, auch
wohl gesprochen, aber immer nur unzusammenhängende Worte, ohne sich
später je eines Traumes bewußt zu sein, und Bertling beunruhigte sich
also nicht weiter darüber. Unwillkürlich fiel ihm aber doch wieder jener
wunderliche und so geheimnißvoll verschwundene Besuch ein, den er
bis dahin vergeblich in der ganzen Stadt gesucht. War nicht die ganze
Polizei nach dem Mann im grauen Rock ausgewesen, ohne auch nur auf die
entfernteste Spur zu kommen? und schien es nicht fast, als ob er die
Stadt in gerade so räthselhafter Weise verlassen hätte, wie damals
Bertlings eigenes Zimmer?
Mit den Gedanken suchte der Justizrath sein Lager und war bald, von den
vielen Arbeiten dieses Tages ermüdet, sanft eingeschlafen. -- Seiner
Meinung nach konnte er aber kaum die Augen geschlossen haben, als er
seinen Namen rufen hörte:
»Theodor! -- Theodor!«
Noch schlaftrunken richtete er sich empor -- »Weckst Du mich Auguste?«
frug er.
»Und Du kannst schlafen,« sagte die Frau mit vorwurfsvollem aber weichem
Ton -- »schlafen in der =letzten= Stunde, die wir noch beisammen sind?«
»Aber Auguste,« sagte der Mann erschreckt und war in dem einen Moment
auch vollkommen munter geworden -- »was hast Du nur -- was sprichst Du
da? Sicherlich hast Du geträumt -- ich bin ja bei Dir Herz, wache nur
ordentlich auf.«
»Ach ich war so glücklich,« sagte da die Frau, mit einem Ton, der
ordentlich in seine Seele schnitt -- »so glücklich die kurze Zeit mit
Dir -- und muß nun fort.«
Bertling wußte gar nicht wie er aus dem Bett kam, so rasch fuhr er in
seine Kleider und zündete dann ein Licht an.
Auguste lag, die Augen geschlossen, die Arme vor sich ausgestreckt, aber
die Hände gefaltet, in ihrem Bett und große helle Thränen liefen ihr
über die Wangen. Bertling aber hielt das immer noch für einen einfachen,
schweren Traum, der ja augenblicklich weichen mußte, so wie er sie nur
weckte.
»Mein liebes Herz,« sagte er, seinen Arm um ihre Schultern legend --
»wach auf, Du träumst ja nur --«
»Und hast Du schon Jemanden gesehen, der mit offenen Augen träumt?«
sagte sie, sich im Bett aufrichtend und ihn groß ansehend -- »Träumst Du
denn jetzt?«
»Aber von was sprichst Du?«
Sie antwortete ihm nicht gleich. -- Während er sich zu ihr auf die
Bettkante setzte, hatte sein Fuß den Stuhl ein klein wenig verschoben
und sie schien dem Geräusch zu horchen.
»Ich glaube sie kommen schon,« flüsterte sie scheu und faßte seinen Arm
mit allen Kräften.
»Wer, mein Herz? wer?« bat der Mann, der jetzt peinlich besorgt um die
Arme wurde, die wie er sich nicht mehr verhehlen konnte mit wachenden
Augen phantasirte. »Wer soll denn jetzt mitten in der Nacht zu uns
kommen?«
»Mitten in der Nacht? -- ja es ist gerade zwölf Uhr vorbei,« flüsterte
sie -- »das ist die Zeit, in der die schwarzen Männer kommen und mich
abholen. -- Oh Gott,« seufzte sie dabei -- »und jetzt hat mich Alles
verlassen -- selbst Theodor ist fort und ich allein kann mich ja nicht
gegen sie wehren.«
»Aber beste Auguste« rief Bertling bestürzt -- »was sprichst Du nur --
ich bin ja bei Dir hier.«
»Fort -- fort -- wer bist Du?« -- sagte sie und stieß ihn mit beiden
Armen heftig von sich -- »was willst Du hier -- und wie kommst Du hier
herein?«
»Aber ich bin es ja -- Dein Theodor -- kennst Du mich denn nicht?«
»Deine Stimme ist es -- ja,« sagte die Frau, indem sie ihn ein paar
Momente ruhig und fest betrachtete -- »aber das Gesicht kenne ich nicht
-- das ist mir fremd -- geh fort -- geh fort!« und sie warf sich dabei
zurück und barg ihr Gesicht im Kissen. Dort lag sie still und regungslos
viele Minuten lang und Bertling wußte nicht, was er beginnen sollte.
Vorsichtig legte er den Finger auf ihren Arm. -- Der Puls ging
vollkommen ruhig und eher langsamer als rascher wie gewöhnlich. --
Vielleicht schlief sie jetzt ein; er wollte sie wenigstens unter keiner
Bedingung stören, setzte das Licht fort, daß es ihr nicht auf die Augen
scheinen konnte und ließ sich dann behutsam und geräuschlos auf einem
Lehnstuhl nieder, um dort abzuwarten, ob sie noch einmal erwache.
So mochte er über eine Stunde gesessen haben und dachte gerade daran,
das Licht auszulöschen und selber wieder zu Bett zu gehen, als er die
Frau leise wimmern hörte.
Vorsichtig stand er auf -- sie lag noch genau so wie vorher, nur das
Gesicht hatte sie mehr nach oben gerichtet, damit sie frei athmen
konnte, aber beide Augen hielt sie mit den Händen bedeckt und weinte
still und leise.
»Auguste,« sagte der Mann da, indem er wieder zu ihr trat, »was hast Du
nur? -- Sage es mir -- ich bitte Dich darum.«
Sie schien ihn nicht zu hören, aber ihr Weinen wurde heftiger und brach
endlich in nicht laute, doch deutliche Klagen aus.
»Fort -- fort muß ich von hier, wo ich =so= glücklich war!« wimmerte
sie. -- »Ach nur so wenig Jahre durfte ich mit Theodor zusammen sein und
jetzt kommen die bösen schwarzen Männer und wollen mich fortschleppen
und in die kalte häßliche Erde legen. -- Oh was hab ich ihnen nur
gethan? -- Aber sie hassen mich hier -- Alle -- Keiner hat mich lieb --
Keiner -- und der Einzige, der mir gut war, Theodor, hat mich nun auch
verlassen.«
»Auguste,« bat Bertling in Todesangst, »Du brichst mir das Herz mit
solchen Reden. -- Ich bin ja hier -- bin bei Dir und werde Dich nie
verlassen.« Dabei drückte er sie fest an sich und küßte ihre Stirn aber
sie schien jetzt weder seine Worte zu hören, noch seine Berührung zu
fühlen. Wieder lag sie viele Minuten lang still und regungslos, und
nur das schwere Athmen verrieth, daß sie lebe -- endlich fuhr sie leise
fort:
»Oh daß Theodor von mir gegangen ist -- er war so lieb, so gut mit
mir -- und ich habe ihn so oft gekränkt, aber es doch nie -- nie böse
gemeint. -- Er =mußte= es doch wissen, wie ich ihn liebe -- und doch ist
er fort.«
»Aber ich bin ja bei Dir, Herz -- so höre doch nur! hier lege Deine Hand
auf mein Gesicht -- fühlst Du denn nicht, daß ich bei Dir bin -- daß ich
Dich nie verlassen werde?«
»Ja -- =Alle= haben mich verlassen,« rief die Frau eintönig -- »und
jetzt schleichen sich die schwarzen Männer herein und tragen mich fort
-- und wenn dann Theodor zurückkommt -- wie er sich wundern wird, wenn
ich nicht mehr da bin! und wie traurig wird er sein, -- armer -- armer
Theodor.«
Bertling war außer sich. Er fühlte, daß alle seine Worte nichts halfen.
Die Unglückliche hörte in diesem eigenthümlichen Zustand weder was
er sagte, noch fühlte sie den um sie geschlagenen Arm und die heißen
Thränen, die auf ihr Antlitz fielen und sich mit den ihrigen mischten.
Wieder lag sie eine halbe Stunde etwa in einem solchen fast bewußtlosen
Zustand und mit geschlossenen Augen. Das Licht brannte düster und
Bertling schritt leise zu der Lampe, um diese zu entzünden. Er glaubte,
daß vielleicht helleres Licht die aufgeregten Sinne eher beruhigen
würde. Wie er die Glocke aber wieder aufsetzte, wobei ein leicht
klirrendes Geräusch nicht zu vermeiden war, richtete sich die Kranke
plötzlich rasch und erschreckt empor und horchte mit weit geöffneten
Augen der Thür zu.
»Was hast Du denn Auguste, -- Was horchst Du so nach der Thür?« frug
ihr Mann um sie zu beschwichtigen. Sie verstand jetzt was er sagte, ja
schien ihn auch zu kennen und vergessen zu haben, daß sie früher über
seine Abwesenheit geklagt und scheu erwiderte sie:
»Hörst Du denn nicht die Schritte auf der Treppe? -- sie kommen um
mich abzuholen und unten im Haus steht der graue Mann, der mich auch
erwartet. Oh ich wußte ja, daß sie noch kommen würden, wenn es auch
schon zwölf Uhr vorbei ist.«
»Aber mein liebes süßes Herz,« bat Bertling, der sich schon dadurch
etwas beruhigt fühlte, daß er doch jetzt mit ihr reden konnte. -- »Zwölf
Uhr vorbei -- es ist schon fünf Uhr und die Sonne wird gleich aufgehen.«
-- Er hoffte sie dadurch, daß er sie glauben mache, es sei Morgen,
rascher zu beruhigen. Die Kranke aber schüttelte unwillig mit dem Kopf
und rief:
»Täusche mich nicht -- es fehlen nur noch ein paar Minuten an halb Zwei
-- sieh doch nach. --«
Bertling sah unwillkürlich nach seiner Uhr und Auguste hatte vollkommen
recht. Sie wußte genau, welche Zeit es war. Ehe er ihr aber noch etwas
erwidern konnte, nickte sie ernst und traurig mit dem Kopf und sagte:
»Ja -- ja -- so muß es sein -- =Du= wirst jetzt oben wohnen und =ich=
unten -- und wir werden nie wieder zusammen kommen.«
»Aber, wo willst Du =unten= wohnen, mein Kind,« lächelte der Mann, der
ihre Gedanken abzulenken suchte, -- »das untere Logis hat ja der Doktor
Pellert gemiethet.«
»Wer spricht denn davon,« sagte sie finster -- »in der Erde, mein' ich
-- wenn sie mich begraben haben. Sie kommen ja gleich.«
»Aber meine Auguste!«
»Und ich war so glücklich« fuhr sie leise, mit zum Herzen dringender
Stimme fort -- »so unsagbar glücklich -- aber nur für eine kurze --
kurze Zeit. Jetzt muß es sein und ich will mich auch nicht länger
sträuben -- ich kann mich ja doch nicht gegen die vier schwarzen Männer
wehren.«
»Und bin ich nicht hier Dich zu vertheidigen?«
»Was kannst =Du= gegen die =viere= ausrichten!« erwiderte sie
kopfschüttelnd, »und sie sind stark -- =sehr= stark. Aber ich habe nicht
mehr viel Zeit -- hier den Ring nimm mir vom Finger -- den schwarzen
Ring -- den sollst Du Paulinen von mir geben.«
»Aber Auguste.«
»So nimm denn doch den Ring -- sie kommen ja,« bat sie mit einer Stimme,
die ihm durch Mark und Bein schnitt und es blieb ihm Nichts übrig, als
ihrem Wunsch zu willfahren und ihr den Ring abzunehmen; fürchtete er
doch sie durch Widerspruch nur noch so viel mehr aufzureizen. Wie er
das aber gethan, stürzten ihm selber die Thränen aus den Augen und sie
umfassend jammerte er: »Meine liebe -- liebe Auguste.«
»Lebe wohl Theodor,« sagte sie da und schlang ihre Arme fest und fast
krampfhaft um seinen Nacken -- »lebe wohl und tausend, tausend Dank für
alles Liebe und Gute, das Du mir gethan. --«
»Aber Du gehst ja nicht von mir -- Du bleibst ja bei mir, nie -- nie im
Leben trennen wir uns mehr,« flüsterte der Mann in Todesangst.
»Es muß ja sein,« tröstete sie ihn leise -- »weine deshalb nicht -- oh
=Du= hast es ja auch gut -- =Du= kannst draußen im Sonnenlicht, auf der
schönen Erde bleiben -- aber mich -- mich legen sie in das dunkle kalte
Grab und ich bin noch so jung -- so jung und schon sterben -- oh es ist
recht, recht hart.«
»Auguste -- ich halte das nicht länger aus,« flehte der Mann, dem die
Aufregung fast den Athem nahm -- »so komm doch nur zu Dir -- es ist ja
Alles nur ein böser Traum.«
Unten auf der Straße rasselte in diesem Augenblick ein Wagen über das
Pflaster; der Schall klang deutlich herauf.
»Da sind sie,« flüsterte die Kranke erbebend -- »oh Gott wie =schnell=
sie kommen -- wie furchtbar schnell. -- Jetzt muß ich fort -- oh Gott,
oh Gott schon jetzt. Nein ich will nicht -- sie sollen mich nicht weg
von Dir nehmen -- ich will bei Dir bleiben« -- und krampfhaft klammerte
sie sich um seinen Hals. --
»Du gehst auch nicht fort Herz -- nie im Leben lasse ich Dich,« -- rief
Bertling, -- »wir bleiben ja beisammen -- oh so komm doch zu Dir. --
Hier -- hier,« sagte er und griff ein neben dem Bett stehendes Glas
Wasser auf, -- »trink einmal Auguste -- das wird Dir gut thun -- trink
einen langen Zug -- viel -- mehr noch, mehr.«
Er hatte sich fast gewaltsam von ihr losgemacht und ihr das Glas an die
Lippen gehalten. Wie sie das Wasser daran fühlte nahm sie einen kleinen
Schluck und als er es ihr wieder und wieder aufdrang, trank sie mehr,
bis sie das ganze Glas geleert. Dabei sah sie ihn mit einem wilden
verstörten Blick an.
»Meine Auguste« bat Bertling, ihr Haupt an sich pressend, »ist Dir jetzt
besser? -- kannst Du Dich besinnen?«
Sie drängte ihn langsam von sich -- sah ihn an -- blickte im Zimmer
umher und sagte leise:
»Was ist denn mit mir vorgegangen?«
»Du hast geträumt Herz -- schwer und furchtbar geträumt« rief ihr Gatte,
»oh Gott sei ewig Dank, daß es vorüber ist.«
»Geträumt? -- von was?« frug die Frau, die jetzt augenscheinlich ihre
volle Besinnung wieder erlangt hatte. Bertling hütete sich aber wohl
irgend eines ihrer Traum-Bilder auch nur zu erwähnen und ausweichend
sagte er:
»Oh nichts, Herz -- lauter tolles verworrenes Zeug; wild durch einander
hast Du gesprochen von Gesellschaften, Theater, Kleidern, Besuchen und
was weiß ich. --«
»Sonderbar,« flüsterte die Frau nachdenkend vor sich hin »ich kann mich
doch auf gar Nichts mehr besinnen. Aber mir ist mein Kopf so schwer --
so furchtbar schwer und die Augen brennen mir, als ob ich geweint hätte.
Wie viel Uhr ist es?«
»Es wird bald zwei Uhr sein.«
»So spät schon und Du bist noch angezogen? -- Du hast wohl wieder so
lange gearbeitet?«
»Ja -- ich hatte so viele Briefe zu schreiben -- aber lege Dich jetzt
hin und schlafe. Ich will auch zu Bett gehen.«
»Oh wie mir mein Kopf brennt -- ich kann gar nicht mehr denken,« sagte
die Frau und preßte ihre Stirne mit beiden Händen, -- »am Ende werd ich
noch krank.«
»Mach Dir keine Sorge mein Herz,« beruhigte sie aber der Mann, »morgen
wird schon Alles wieder besser -- wieder ganz gut sein. -- Gute Nacht,
mein Kind. --«
»Gute Nacht, Theodor,« sagte die Frau -- legte sich auf die Seite und
war auch in wenigen Minuten fest und sanft eingeschlafen.
Sechstes Capitel.
Die Begegnung.
Am nächsten Morgen, wo aber Auguste völlig gesund und mit keiner Ahnung
des Geschehenen, nur mit etwas Kopfschmerzen erwachte, ging Bertling in
aller Früh zu seinem Hausarzt, um diesem das Vorgefallene mitzutheilen.
Er hatte ihm schon früher einmal von der fixen Idee Augustens gesagt,
der Doctor nahm das aber damals -- vielleicht auch nur um den Mann nicht
zu beunruhigen -- außerordentlich leicht und versicherte ihn, daß solche
Fälle gar nicht etwa vereinzelt daständen. Es sei ein Blutandrang
nach dem Kopf und viel Bewegung in freier Luft -- vielleicht auch eine
blutreinigende Kur das Beste dagegen. Keinesfalls sollte er sich Sorgen
deshalb machen. -- Heute jedoch, als der Arzt die Phantasien dieser
Nacht erfuhr, in denen der »graue Mann« auch wieder seine Rolle
gespielt, zeigte er sich schon bedenklicher und meinte, Gefahr sei nur
in so fern vorhanden, daß die Phantasie der Kranken ihr noch einmal --
und also zu dem gefürchteten dritten Mal -- die Gestalt des Mannes im
grauen Rock vorspiegeln könne, ehe man im Stande sei sie zu überzeugen,
daß die erste Erscheinung weiter Nichts als ein Phantasiebild, die
zweite aber ein wirklich menschliches Individuum gewesen sei -- wie das
aber zu thun, ohne daß man des Grauen habhaft werde, vermöge er nicht
abzusehen, und daß der Graue nicht zu bekommen war, das wußte der
Justizrath besser als irgend Jemand in der Stadt. Welche Mühe hatte er
sich deshalb nicht schon gegeben und welchen Erfolg damit erzielt? -- es
war wirklich zum Verzweifeln.
Der Doctor versprach übrigens im Lauf des Vormittags bei der
Justizräthin vorzusprechen, um sich selber einmal von ihrem
Gesundheitszustand zu überzeugen. Vielleicht ließ sich dann auch das
Gespräch -- natürlich mit der gehörigen Vorsicht -- auf das eigentliche
Krankheitsobjekt lenken und möglich, daß ja doch die Vernunftgründe
eines Dritten und völlig Unparteiischen irgend einen wohlthätigen
Einfluß auf sie ausüben konnten.
Bertling seufzte tief auf, denn er am Besten fühlte das Trügerische
einer solchen Hoffnung, aber was anderes ließ sich thun und auch dieser
Versuch mußte gemacht werden, wenn er auch nicht das Geringste davon
erhoffte. Er fürchtete sich aber, lange von zu Haus fortzubleiben,
denn er wußte nicht, wie sich Auguste heute morgen nach der furchtbaren
Aufregung der letzten Nacht befinden würde. Er bat also den Doctor
seinen Besuch nicht zu lange zu verschieben und schritt dann sehr
niedergeschlagen und den Kopf voll trüber, wirrer Gedanken die Straße
hinab, in der Richtung seiner eigenen Wohnung zu. Er achtete dabei auch
gar nicht auf die ihm Begegnenden und erst als Jemand an ihm vorüber
ging, der ihn grüßte, faßte er unwillkürlich an seinen eigenen Hut und
warf einen flüchtigen Blick auf ihn, ohne sich jedoch in seinem Gang
aufzuhalten. Im Weiterschreiten fiel ihm aber der fast schüchterne Gruß
des vollkommen fremden Mannes auf -- wo hatte er nur das Gesicht -- wie
ein Messerstich traf es ihn plötzlich ins Herz -- =das war der Graue=
und mit dem Gedanken schon fuhr er auch herum und zurück, ihm nach --
daß er dabei gegen eine alte würdige Dame anrannte und sie beinah über
den Haufen geworfen hätte, fühlte er kaum, hielt sich wenigstens nicht
einmal lange genug, auch nur zu einer Entschuldigung auf, denn mit
peinigender Angst erfüllte ihn in dem Moment der Gedanke, daß ihm der
Fremde wieder wie damals, selbst unter den Händen weg entschwinden
könnte. Wenn er jetzt irgendwo in ein Haus getreten wäre -- wenn er die
nächste Quergasse erreicht hätte -- nein -- Gott sei ewig Dank -- dort
ging er noch und mit wenigen hastigen Schritten war er an seiner Seite.
Der Fremde, als er Jemanden neben sich halten sah, schaute auch zu ihm
empor und der Justizrath hätte laut aufjubeln mögen, als er in dem ihm
zugewandten Gesicht wirklich den Besuch von jenem Abend erkannte,
dessen Züge sich ihm in der Zwischenzeit oh, nur zu scharf und deutlich
eingeprägt. Er war aber auch fest entschlossen, den Mann jetzt nicht
wieder los zu lassen, bis er ihn seiner Frau gebracht, und wenn er nicht
gutwillig ging, ei dann hätte er selbst die Polizei zu Hülfe gerufen,
sogar auf die Gefahr hin eine Klage wegen unverschuldeter Gefängnißhaft
gegen sich anhängig gemacht zu sehen.
Der Fremde sah dabei etwas erstaunt, ja bestürzt zu ihm auf, denn
er ebenfalls hatte den Justizrath gleich beim ersten Begegnen wieder
erkannt und begriff jetzt natürlich nicht, was der Mann eigentlich von
ihm wolle. Dieser ließ ihm aber nicht lange Zeit darüber nachzudenken
und fast unwillkürlich die Hand auf seine Schulter legend (denn wenn
er es sich auch nicht selber gestehen mochte, war es doch ein fast
unbewußtes Gefühl, das ihn leitete, sich vor allen Dingen zu überzeugen,
er habe es wirklich mit einem =körperlichen= Wesen zu thun), sagte er
freundlich:
»Entschuldigen Sie, mein Herr, aber -- hatte ich nicht das Vergnügen,
Sie vor einiger Zeit einmal Abends auf ganz kurze Zeit bei mir zu sehen?
-- Ich bin der Justizrath Bertling -- wenn Sie sich auf meine Person
nicht mehr besinnen sollten?«
Der Mann schien etwas verlegen und sah den Justizrath fast wie scheu an;
endlich stotterte er:
»Ich weiß in der That nicht --«
»Ich will Ihrem Gedächtniß zu Hülfe kommen,« fuhr aber der Justizrath in
der neu erwachenden Angst fort, daß der Mann leugnen könnte oder er sich
doch am Ende in der Person geirrt, »meine Frau kam damals gerade nach
Haus und von einem leichten Unwohlsein ergriffen, wurde sie in der Thür
ohnmächtig. Sie besinnen sich gewiß.«
»Herr -- Herr Justizrath,« stammelte der Mann »ich -- ich -- kann nicht
recht begreifen --«
Bertling, der nicht ohne Grund fürchtete, der Mann könne Bedenken
tragen, sein damaliges rasches, und allerdings etwas rätselhaftes
Verschwinden einzugestehen, denn wie konnte er wissen, in welchem
Zusammenhang das mit der jetzigen Frage stand -- suchte ihn nur vor
allen Dingen darüber zu beruhigen. -- »Lieber Herr,« sagte er, »Sie
müssen mir vorher die Bemerkung erlauben, daß ich Ihre Antwort nur als
eine mir persönlich erwiesene Gefälligkeit betrachte und ich sehe ein,
daß es vorher nöthig ist, Ihnen die Beweggründe meines, Ihnen vielleicht
sonderbar erscheinenden Betragens mitzutheilen. Aber wir können das
nicht auf offener Straße abmachen, dürfte ich Sie deßhalb bitten mit
mir einen kurzen Moment in jenes Caffeehaus zu treten; wir sind dort
ungestört und ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie damit ein gutes Werk
thun.«
Der Fremde war augenscheinlich in der größten Verlegenheit, wie denn
auch sein ganzes Wesen etwas Schüchternes, ja Gedrücktes zeigte. Der
Einladung =konnte= er aber nicht gut ausweichen. Mit einer ziemlich
ungeschickten Verbeugung und ohne ein Wort zu erwidern, willigte er ein
und schritt neben dem Justiz-Rath dem Caffeehaus zu. Bertling ließ ihn
auch dabei nicht aus den Augen, denn er hatte immer noch das unbestimmte
Gefühl, als ob ihm der eben so glücklich Aufgefundene durch einen der
Trottoirsteine, wie durch eine Versenkung auf dem Theater verschwinden
könnte, und wollte sich später keine Vernachlässigung vorzuwerfen haben.
Im Restaurationslocal endlich angelangt, ließ er zwei Tassen Caffee und
Cigarren bringen und als Beides vor ihnen stand und der Kellner sich mit
seiner Bezahlung zurückgezogen hatte, that Bertling das Vernünftigste,
was sich unter diesen Umständen thun ließ und erzählte dem Fremden,
ohne vorher eine weitere Frage an ihn zu richten, das seltsame
Zusammentreffen eines Traumes seiner Frau mit seiner eignen Erscheinung,
wobei sein plötzliches und unbeachtetes Verschwinden natürlich alle die
überspannten Ideen der Kranken bestätigen mußte.
Der kleine Mann in dem dunklen Rock schien während dieses Berichtes
ordentlich aufzuthauen. Zuerst hatte er die angezündete Cigarre nur
schüchtern und mit der äußersten Spitze in den Mund genommen, daß er
kaum daran ziehen konnte und seinen Caffee halb kalt werden lassen
-- jetzt begann er mit augenscheinlichem Behagen den Dampf des guten
Blattes einzuziehen und that auch einen Schluck aus seiner Tasse und als
der Justizrath ihm endlich gestand, daß er die ganze Stadt schon habe
durch Polizei absuchen lassen, um seiner nur habhaft zu werden und seine
arme Frau von ihrem unglückseligen Wahne zu befreien, lächelte er sogar
still vor sich hin und leerte dabei seine Tasse bis zum letzten Tropfen.
Bei der nun wieder an ihn gerichteten Frage des Justizraths, ob er es
nicht gewesen sei, der ihn an jenem Abend besucht habe und zu welchem
Zweck, wurde er allerdings wieder ein wenig verlegen und sogar roth,
aber er leugnete nicht mehr und sagte:
»Wenn Ihnen =das= eine Beruhigung gewährt, Herr Justizrath, so kann ich
Ihnen gestehen, daß ich wirklich an jenem Abend in Ihrer Stube war und
nur bedauere --«
»Kellner! Eine Flasche Wein -- von Ihrem Besten -- bringen Sie
Champagner!« rief aber Bertling, der sich in diesem Augenblicke wirklich
Mühe geben mußte, dem kleinen Mann nicht um den Hals zu fallen.
»Aber Herr Justizrath --«.
»Thun Sie mir den einzigen Gefallen und trinken Sie ein Glas Wein mit
mir,« rief aber dieser in größter Aufregung »und, wenn Sie ein =Bad= von
Champagner haben wollten, ich verschaffte es Ihnen jetzt. Nun aber
sagen Sie mir auch, weshalb Sie so rasch verschwanden, mich nicht wieder
aufsuchten und wo Sie, vor allen Dingen, die ganze Zeit gesteckt haben,
denn kein einziger meiner Spürhunde konnte auch nur auf Ihre Fährte
kommen.«
»Lieber Gott,« sagte der kleine Mann mit einem schweren Seufzer -- »die
Sache ist außerordentlich einfach und leicht erklärt, denn -- wenn ich
mich auch in einer gedrückten Lage befinde, habe ich doch nicht die
geringste Ursache mich derselben zu schämen, da sie mich ohne mein
Verschulden getroffen hat.«
»Darf ich es wissen?« frug der Justizrath, während der Kellner Wein und
Gläser auf den Tisch stellte -- »vielleicht kann ich helfen.«
»Ich stamme aus Königsberg« erzählte der kleine Mann, »und hatte durch
Protection eine Anstellung als Lehrer in Mainz erhalten; dort ernährte
ich mich aber nur kümmerlich, als ich die Nachricht erhielt, daß in
meiner Vaterstadt ein guter Posten für mich offen geworden und ich
dort an einem der ersten Gymnasien mit einem ganz vortrefflichen Gehalt
einrücken könne. Ich gab meine Stelle in Mainz auf und machte mich auf
den Weg. Schon seit längerer Zeit aber kränkelnd, erfaßte mich hier
in Alburg ein heftiges Fieber, das eine Weiterreise unmöglich machte.
Glücklicher Weise fand ich bei guten Menschen ein Unterkommen aber
meine kleine Baarschaft schmolz entsetzlich zusammen und kaum wieder
hergestellt, erfaßte mich die Angst, daß ich, wenn ich nicht rechtzeitig
am Ort meiner Bestimmung eintreffen könnte, am Ende auch gar die
Anstellung verlieren und dann gänzlich brodlos sein würde. Ich schrieb
nach Königsberg, erhielt aber von dort nicht so rasche Antwort und in
meiner Herzensangst beschloß ich mich an =Sie=, Herr Justizrath, zu
wenden und Sie um ein Darlehn zu ersuchen, das ich Ihnen von meiner
Vaterstadt aus leicht zurückerstatten konnte.«
»Aber woher kannten Sie mich?«
»Nicht Sie, Herr Justizrath, aber Sie haben einen Bruder in Königsberg,
bei dem ich ein Jahr Hauslehrer war und auf dessen Zeugniß ich mich
mit gutem Gewissen berufen durfte. Wie aber der Unfall mit Ihrer Frau
Gemahlin stattfand, von dem ich keine Ahnung haben konnte, daß ich
selber die unschuldige Ursache gewesen, da fühlte ich doch recht gut,
daß das ein sehr schlecht gewählter Moment sei, um ein Darlehn
zu erbitten und ich beschloß lieber am nächsten Morgen wieder
vorzusprechen. Wie ich Sie mit der ohnmächtigen Dame beschäftigt sah,
verließ ich das Zimmer und ging nach Haus.«
»Aber warum kamen Sie nicht am nächsten Morgen?«
»Weil ich noch an dem nämlichen Abend einen Brief von Königsberg
erhielt, worin mir angezeigt wurde, daß es mit meinem Eintreffen dort
Zeit bis zum Ersten nächsten Monats habe. Jetzt war ich im Stande mir
mein Reisegeld vielleicht selber zu verdienen und brauchte Niemanden
weiter zu belästigen. Der Mann, bei dem ich die Zeit gewohnt, war
Copist, hatte aber in der letzten Zeit so viel drängende Arbeiten
erhalten, daß er sich außer Stande sah, sie allein zu beendigen. Ich
übernahm einen Theil und da mir noch vierzehn Tage Zeit bleiben, so
hoffe ich bis dahin mein Reisegeld wenigstens zusammen gespart zu
haben.«
»Und wieviel brauchen Sie dazu?« frug der Justizrath, der bis jetzt der
einfachen Erzählung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt war,
ohne den Erzählenden auch nur mit einer Sylbe zu unterbrechen. Nur
eingeschenkt und getrunken hatte er dazu und seinen Gast ebenfalls
stillschweigend durch Zuschieben des Glases genöthigt.
»Im Ganzen und mit dem, was ich hier noch zu zahlen habe, etwa 20
Thaler, aber 9 davon habe ich mir schon verdient -- oh ich bin sehr
fleißig gewesen die Zeit über und in den langen Tagen gar nicht aus
meinem Zimmer, ja nicht ein einziges Mal an frische Luft gekommen. Nur
heute =mußte= ich ausgehen und war eben im Begriff mir frisches Papier
zu holen, denn ich kann nicht gut einen Tag versäumen.«
»Mein lieber Herr,« sagte da der Justizrath, »dagegen werde ich
Einspruch erheben. Ihren heutigen Tag müssen Sie mir widmen, aber Sie
sollen dadurch nicht zu Schaden kommen. Es gilt hier meine Frau zu
überzeugen, daß sie sich durch einen Wahn, durch ein zufälliges Begegnen
hat täuschen lassen und wenn Sie mir dazu behilflich sein wollen, so
verfügen Sie über meine Casse. Mit Vergnügen steht Ihnen dann Alles
zu Diensten, was Sie zu Ihrer Reise und vielleicht noch für sonstige
Ausrüstung gebrauchen.«
»Herr Justizrath,« stammelte der Mann.
»Und glauben Sie um Gottes Willen nicht,« setzte Bertling rasch hinzu,
»daß Sie mir dadurch zu irgend einem Dank verpflichtet würden; nein
im Gegentheil, werde ich mich nachher noch immer als Ihren Schuldner
betrachten und sollten Sie je in Verlegenheit kommen, so bitte ich Sie,
sich vertrauensvoll an mich zu wenden.«
»Aber war ich nicht selber die Ursache dieses Unfalls?«
»Nein,« versetzte der Justizrath -- »in Ihnen repräsentirte sich nur die
frühere eingebildete Erscheinung und durch Sie hoffe ich deshalb meine
Frau nicht allein zu überzeugen, daß ihre zweite Gespenstervision ein
Irrthum war, sondern sie wird, während sie hierin die Täuschung
erkennt, auch einsehen, daß das =erste= Traumbild nur in ihrer Phantasie
gewurzelt haben konnte. Also wollen Sie sich mir heute zur Verfügung
stellen?«
»Von Herzen gern,« sagte der kleine Mann, der durch den ungewohnten
Champagner seine ganze Schüchternheit verloren zu haben schien.
»Befehlen Sie über mich und was in meinen Kräften steht, will ich mit
Freuden thun, -- habe ich doch dadurch auch einen Theil dessen gut zu
machen, was ich, freilich vollkommen ahnungslos, selber über Sie herauf
beschworen.«
»Gut,« genehmigte Bertling, sich vergnügt die Hände reibend. -- »So
kommen Sie denn jetzt mit zu meinem Arzt und dort wollen wir das Weitere
bereden, wie wir es am Besten anzufangen haben. Den Mittag sind Sie
ohnedies mein Gast, wenn wir vielleicht auch noch nicht bei mir zu
Hause diniren können. Vorher muß ich aber meine Frau jedenfalls auf Ihre
Begegnung vorbereitet haben.«
Siebentes Capitel.
Schluß.
Der Doctor, eben im Begriff seine Patienten zu besuchen, war nicht
wenig erstaunt, den Justizrath mit dem erbeuteten und so lange ersehnten
Unruhestifter eintreffen zu sehen, nahm aber auch zu viel Interesse an
der Sache, um nicht seine eigenen, selbst sehr nothwendigen Gänge für
kurze Zeit aufzuschieben und das Nähere mit dem Justizrath zu bereden.
Aufmerksam hörte er zunächst den kurzen Bericht an, der ihm über das
Zusammentreffen gegeben wurde und die Frage war nur jetzt, wie Auguste
mit ihrem leibhaften Traumbild zusammen gebracht werden konnte, ohne ihr
einen neuen Schreck zu verursachen, der diesmal dauernde Folgen haben
konnte.
Das zeigte sich denn auch nicht so leicht und die Männer überlegten
zusammen eine ganze Weile hin und her, wie es am zweckmäßigsten zu
arrangiren wäre. Der Justizrath schlug vor, den »grauen Mann« gleich zum
Mittag-Essen mit nach Haus zu nehmen, um im hellen Sonnen-Licht
jeden Gedanken an den häßlichen Spuck zu zerstören, -- aber dagegen
protestirte der Arzt.
»Damit setzen Sie Alles auf eine Karte,« rief er heftig aus, »denn
Sie können gar nicht wissen, wie sich in dem Geist Ihrer Frau das Bild
dieser geglaubten Spukgestalt erhalten oder entwickelt hat; bringen
Sie ihr aber jetzt den Mann am hellen Tag, der dann natürlich mit einer
höflichen, alltäglichen Verbeugung in's Zimmer tritt, so bürgt uns kein
Mensch dafür, daß sie ihn als denselben wieder erkennt, den sie in jener
=Nacht= gesehen und dann ist =Alles= verloren, denn nachher haben wir
=kein= Mittel weiter, ihr zu beweisen, daß sie sich getäuscht. Unser
Pulver ist verschossen und wir müssen der Natur und den Begebenheiten
eben ihren Lauf lassen, ohne im Stande zu sein, an irgend einer Stelle
hülfreich einzugreifen.«
»Aber was Anderes =können= wir thun?« rief der Justizrath -- »der
Gefahr, daß sie ihn nicht wieder erkennt, sind wir ja doch immer
ausgesetzt.«
»Doch nicht immer,« sagte der Doctor, der ein paar Minuten mit raschen
Schritten in seinem Zimmer auf- und abgegangen war -- »ich glaube, ich
weiß einen Ausweg.«
»Mein lieber Doctor --«
»Lassen Sie mich einmal sehen,« fuhr dieser fort. -- »Jetzt habe ich
keine Zeit, denn ich =muß= meine Patienten besuchen; vor Dunkelwerden
können wir aber auch gar nichts in der Sache thun, und bis dahin bin ich
in Ihrem Hause und bei Ihrer Frau. Bis dahin aber darf auch dieser Herr
Ihrer Frau nicht vor Augen kommen. Speisen Sie zusammen im Hôtel -- eine
Ausrede ist bald gefunden, machen Sie, was Sie wollen, aber bringen Sie
ihn nicht vor der Abenddämmerung in Ihr Haus.«
»Und dann?«
»Dann führen Sie ihn heimlich, ohne daß Ihre Frau etwas davon erfährt,
in Ihr Zimmer, zünden wie gewöhnlich Ihre Lampe an, die auch ein wenig
düster brennen darf und lassen sich den Herrn dann auf den nämlichen
Stuhl setzen, auf dem er an jenem Abend gesessen hat und zwar genau in
der nämlichen Stellung, den rechten Arm über der Lehne. -- Ich glaube,
Sie erwähnten das gegen mich.«
»Ja wohl. --«
»Schön. Sie selber kommen dann zu uns herüber, oder geben mir ein
Zeichen daß Alles bereit ist und überlassen das Andere mir. Wollen Sie
es so machen?«
»Bester Doctor, ich füge mich in Allem Ihrem Willen,« sagte der
Justizrath, »aber -- halten Sie es nicht für möglich, daß Auguste durch
die plötzliche Wiederholung der Erscheinung zum Tod erschrecken könnte?«
»Natürlich darf sie den Herrn da nicht unvorbereitet antreffen,« rief
der Doctor -- »doch Sie wollen das ja mir überlassen. Außerdem werde ich
noch vorher zu der kleinen Hofräthin Janisch gehen, sie in das Geheimniß
einweihen und sie bitten uns zu unterstützen. Für jetzt ersuche ich Sie
aber, mich zu entschuldigen, denn meine Zeit ist gemessen.«
»Und Sie vergessen nicht, noch vor Dunkelwerden zu mir zu kommen?«
»Ich vergesse nie etwas,« sagte der Doctor, nahm seinen Hut und stieg
ohne Weiteres voran die Treppe hinunter.
Der Justizrath war jetzt ein wenig in Verlegenheit, was er mit seinem
Schutzbefohlenen oder eigentlich Gefangenen, bis zum Mittagsessen
anfangen solle, noch dazu da er auch gern einmal nach Haus gegangen wäre
und ihn dorthin doch nicht mitnehmen konnte. Ueberließ er ihn aber bis
dahin sich selbst, so war er der Gefahr ausgesetzt, ihn nicht wieder zu
finden und das durfte er unter keiner Bedingung riskiren. Da blieb ihm
nur ein Ausweg, mit dem Fremden in dessen Behausung zu gehen, um sich
selber zu überzeugen, wo er wohne und wieder zu finden wäre.
Das geschah denn auch und nachdem Bertling in einer vollkommen
abgelegenen Straße vier steile dunkle Treppen hinauf geklettert war,
konnte er mit einiger Ruhe seinen eigenen Geschäften nachgehen. Er band
dem kleinen Mann aber noch einmal auf die Seele, das Haus um keinen
Preis zu verlassen, bis er selber zurückkäme, was aber bald geschehen
würde, da er ihn um ein Uhr zum Mittagessen abhole.
Seine Frau fand der Justizrath noch ziemlich abgemattet, aber doch
ruhig; sie hatte von dem, was sie die vorige Nacht mit wachenden Augen
geträumt, keine Ahnung und sie fühlte nur die Folgen der unnatürlichen
Aufregung, ohne sich dieser im Geringsten bewußt zu sein.
Um ein Uhr oder etwas vorher, entschuldigte sich Bertling, daß er mit
einem Geschäftsfreund zu Mittag speisen müsse, da sie Beide, außer der
Zeit, sehr beschäftigt wären, und er Vielerlei mit ihm zu besprechen
hätte -- zu sich hätte er ihn aber heute nicht einladen mögen, da
Auguste doch noch so angegriffen sei.
Auguste dankte ihm dafür, denn sie befand sich in der That nicht in der
Stimmung einen fremden Besuch zu empfangen; sie fühlte sich auch nie
wohler, als wenn sie allein gelassen wurde und ihr Mann versprach ihr ja
auch außerdem noch vor Abend wieder zu Haus zu sein und dann heute ganz
bei ihr zu bleiben.
Sie aß allein auf ihrem Zimmer und legte sich dann ein wenig auf das
Sopha, um auszuruhen; der Kopf that ihr weh und das Herz war ihr so
schwer, als ob irgend ein nahendes Unheil sie bedrohe. Sie fing auch
fast an, den dämmernden Abend zu fürchten und bereute schon, Theodor
nicht gebeten zu haben, noch vor der Zeit zurück zu kehren. -- Aber
sie durfte auch nicht so kindisch sein. Wenn er seine Geschäfte besorgt
hatte, kam er ja ohnedies schon immer von selber nach Hause.
Sie sollte aber ihren Nachmittag heute nicht allein verbringen, denn
etwa um fünf Uhr kam Pauline herüber. Wenn diese aber auch lachend
das Zimmer der Freundin betrat, erschrak sie doch sichtlich über deren
bleiches Aussehen, über ihre tiefliegenden Augen und den schmerzlichen
Zug um den Mund. Auf ihre theilnehmenden Fragen gab ihr Auguste aber nur
ausweichende Antworten; sie scheute sich selbst der Freundin gegenüber
das einzugestehen, was ihr die Brust beengte und ihr Herz mit einer wohl
unbestimmten, aber nichts desto weniger peinigenden Angst erfüllte und
Pauline, die das herausfühlte, war freundlich genug, auf ihren Wunsch
einzugehen. Ihr lag aber jetzt besonders daran, die Freundin zu
zerstreuen, und ohne daß Auguste es merkte, wußte sie das Gespräch auf
das Abenteuer mit der Kartenschlägerin zu bringen. Nicht mit Unrecht
glaubte sie, daß jene Aufregung wesentlich dazu beigetragen hatte, sie
niederzudrücken, und war das wirklich der Fall, so kannte sie ein Mittel
sie wieder aufzurichten.
»Denke Dir nur Schatz,« lachte sie, ganz wieder in ihrer, alten
fröhlichen Laune, »ich bin jetzt unserer Kartenschlägerin auf die Spur
gekommen.«
»Auf die Spur? -- wie so?«
»Oder ich habe wenigstens einen Beweis erhalten, was es mit ihrer Kunst
für eine Bewandniß hat.«
»In der That? -- aber durch was?« frug Auguste gespannt.
»Du erinnerst Dich doch,« fuhr Pauline fort, »daß ich bei ihr anfragen
wollte, wo ein mir gestohlenes Corallen-Halsband hingekommen sei und
wo ich den Dieb zu suchen hätte. Sie ließ mich aber die Frage gar
nicht stellen, denn jedenfalls hatte sie am Brunnen von unseren Mägden
erfahren, daß ich das Halsband vermisse. In den letzten drei Tagen war
auch wirklich bei uns von nichts Anderem gesprochen worden, und meine
Köchin, wie ich es mir gedacht, schon bei der Alten gewesen, um sie um
Rath zu fragen.«
»Also wirklich,« sagte Auguste.
»Du weißt auch, daß sie meinen Verdacht auf irgend eine Dame mit grünen
Haubenbändern lenken wollte.«
»Allerdings -- hatte sie sich geirrt?«
»Das Komische bei der Sache ist das,« lachte Pauline, »daß gar Niemand
das Halsband gestohlen hat, sondern daß ich es heute morgen selber
in einer kleinen Schieblade meines Secretairs fand, wohinein ich es
neulich, wahrscheinlich in großer Zerstreutheit gelegt.«
»Es war gar nicht gestohlen?«
»Gott bewahre, folglich konnte die »Dame« mit den grünen Haubenbändern
auch nicht der Dieb sein. Jetzt hab' ich der Sache aber näher
nachgeforscht und von meinen Leuten erfahren, daß die alte Frau
Heßberger eine ganz besondere Wuth auf meine Wäscherin hat, weil
diese sie irgend einmal, wer weiß aus welchem Grund, ich glaube wegen
Verleumdung, verklagt hat, und die Alte fünf Thaler Strafe zahlen mußte.
Die Schusters-Frau scheint eine ganz durchtriebene Person zu sein und
ich glaube, es ist sehr unnöthig, daß ihr liebenswürdiger Gatte,
während sie ihre =Kunst= ausübt, geistliche Lieder singt, um den Teufel
fernzuhalten, es scheint Alles sehr natürlich zuzugehen. --«
»Aber woher wußte sie --« wollte Auguste fragen, brach aber rasch und
plötzlich mitten darin ab.
»Was, mein Herz?« frug Pauline -- »etwa das, was sie Dir von einem
=grauen Mann= sagte? Das wolltest Du mir ja heute erzählen und ich bin
fest überzeugt, wir kommen der Sache ebenfalls auf die Spur. -- Sieh
mein Herz, mit all den Geistergeschichten läuft es ja doch jedesmal auf
blinden Lärm hinaus, denn auch das was uns die Frau Präsidentin damals
als =Thatsache= von der Kammgarnspinnerei erzählte, hat sich als ein
einfacher Betrug herausgestellt.«
»Als Betrug?«
»Gewiß und gestern Abend haben sie die Thäter erwischt. Aber nun erzähle
mir auch, was =Dich= drückt.«
Auguste zögerte noch, aber sie hatte der Freundin einmal versprochen,
ihr das Geheimniß mitzutheilen und es that ihr selber wohl, irgend
Jemand zu haben, dem sie ihr Herz vollkommen ausschütten konnte. So
erzählte sie denn auch jetzt, während der Abend schon wieder zu grauen
begann, von der ersten Erscheinung, die sie in ihres Mannes Zimmer
gehabt und wollte eben zu dem zweiten Begegnen mit dem unheimlichen
Wesen übergehen, als sie laute Stimmen auf dem Vorsaal hörten.
»Die Frau Justizräthin zu Haus?« -- Es war des Doctors Stimme, die Magd
erwiderte etwas darauf und gleich darauf klopfte es an die Thür.
Es war der Arzt, der seine Patientin zu besuchen kam. Er freute sich
übrigens sie so wohl und munter zu finden und meinte, nach ein paar
hingeworfenen Fragen: -- »Aber wie mir scheint, habe ich die Damen in
einer wichtigen Unterhaltung gestört -- thut mir leid, aber wir Aerzte
kommen oft ungelegen.«
»In einer Unterhaltung,« sagte da Pauline, »die auch =Sie= angeht,
lieber Doctor, denn sie betrifft Augustens Krankheit ebenfalls mit --
bitte, erzähle weiter, liebes Herz.«
»Aber Pauline,« sagte die Frau erschreckt, »das ist nicht Recht. Das was
ich Dir erzählte, war nur für =Dich= bestimmt.«
»Aber mein gutes Kind,« sagte die junge Frau »wenn ich nicht sehr irre,
so hat gerade diese Phantasie auf Dein körperliches Befinden den größten
und zwar nachtheiligsten Einfluß ausgeübt, und wie kann Dich ein
Arzt wieder herstellen, wenn er nicht die =Ursache= Deiner Krankheit
erfährt.«
»Ich danke Ihnen, Frau Hofräthin, daß Sie mir da beistehen,« sagte der
Doctor »und bitte Sie nun selber, beste Frau, mir nichts vorzuenthalten.
Außerdem wissen Sie, wie ich Ihnen und Ihrem Mann zugethan bin und schon
als =Freund= des Hauses, als der ich mich doch betrachten darf, ersuche
ich Sie dringend mir Alles mitzutheilen.«
Die Justizräthin sträubte sich noch ein wenig, aber es half ihr Nichts;
der Doctor versicherte sie dabei, daß ihr eigener Mann ihm schon einen
Theil vertraut habe, er wisse also doch einmal, um was es sich handele
und solcher Art gedrängt, erzählte Auguste denn das zweite, räthselhafte
Begegnen jener Erscheinung, ja verhehlte sogar nicht, daß sie von einer
Wiederholung derselben das Schlimmste fürchte.
Der Doctor hatte ihr schweigend zugehört -- draußen wurde wieder eine
Thür geöffnet und sein scharfes Ohr vernahm leise Schritte im Vorsaal.
Er wußte, der Justiz-Rath war mit dem Mann im grauen Rock eingetroffen.
Der Abend brach dabei immer mehr herein und der Doctor bat, daß man die
Lampe anzünden möge, da eben die Dämmerstunden die besten Hülfsgenossen
solcher Phantasien seien. Pauline fügte jetzt auch noch die Geschichte
der Kartenschlägerin hinzu, zu der der Doctor nur lächelnd den Kopf
schüttelte; endlich aber sagte er:
»Also, Sie fürchten eine =dritte= Erscheinung, liebe Frau Justizräthin,
weil Sie durch die zweite die Bestätigung der ersten erhalten haben?«
»Ja,« hauchte die Frau.
»Sie würden auch« -- fuhr der Doktor fort, »wie Sie mir ja selber
gestanden haben, ohne die zweite geneigt gewesen sein, die erste als
eine bloße Phantasie, als eine Ueberreizung Ihrer Nerven anzusehen,
nicht wahr?«
»-- Ja --« erwiderte die Frau wieder, doch etwas zögernd.
»Schön,« nickte der Doctor vor sich hin, »wenn ich nun hier mit meinem
Zauberstab« und er hob seinen Stock, den er noch in der Hand
hielt, »Ihnen selber die Erscheinung zum dritten und letzten Mal
heraufbeschwören würde, wobei ich Ihnen zugleich beweisen könnte, daß
wir es mit nichts Anderem, als einem vollkommen compacten Wesen aus
Fleisch und Blut zu thun haben, -- würden Sie mir dann zugestehen, daß
Sie sich geirrt, und daß solche Erscheinungen im Allgemeinen, und hier
auch im Besondern, nie und nimmer als etwas Anderes betrachtet werden
dürfen, wie als krankhafte Ausgeburten der Phantasie?«
»Jene Erscheinung heraufbeschwören?« frug Auguste ordentlich erschreckt.
»Ja -- aber nicht etwa aus dem Boden, wie einen Geist, sondern wie es
sich gebührt, die Treppe herauf,« lachte der Doctor. »Würden Sie mir
versprechen, sich recht tapfer dabei zu halten und ehe Sie uns wieder
ohnmächtig werden, erst einmal genau zu prüfen, ob Sie es mit einem
Geist oder einem wirklichen Menschen zu thun haben?«
»Ich begreife Sie nicht,« -- stammelte die Frau.
»Ist Ihr Mann nicht zurückgekehrt?« sagte der Doctor und horchte nach
dessen Thür hinüber -- »ich dächte, ich hätte ihn in seiner Stube gehört
-- he Justizrath?« rief er, indem er aufstand und an jene Thür klopfte.
»Ja ich komme gleich« -- antwortete Bertlings Stimme.
»Und wann soll ich ihn sehen?« rief die Frau, die sich einer leichten
Anwandlung von Furcht nicht erwehren konnte.
»Wann? -- jetzt gleich, wenn Sie wollen,« lachte der Arzt. »Vorher muß
ich Ihnen aber noch bemerken, daß der berühmte Mann im grauen Rock, vor
dem Sie einen solchen Respect haben, richtig aufgefunden ist -- denn was
spürte die Polizei nicht heraus, wenn man ihr nur ihre Zeit läßt -- und
er hat sich als ein vollkommen achtbares, aber auch eben so harmloses
Individuum herausgestellt, das damals nicht etwa ein überirdischer
Auftrag, sondern ein sehr irdisches Verlangen nach einer kleinen Summe
Geldes zu Ihrem Gatten getrieben hatte. Der gute Mann ist aber etwas
schüchterner Natur und da Sie bei seinem Anblick ohnmächtig wurden,
hielt er sich für überflüssig und ging seiner Wege. Diesmal wird er aber
nicht verschwinden und ich frage Sie jetzt noch einmal, fühlen Sie
sich in diesem Augenblick stark genug, Ihrem vermutheten Gespenst nicht
allein noch einmal zu begegnen, sondern ihm auch guten Abend zu sagen
und nachher sogar eine Tasse Thee mit ihm zu trinken?«
»Doctor -- wenn Sie mir =die= Ueberzeugung geben könnten!« rief die
Frau, indem sie von ihrem Stuhl emporsprang.
»Schön« sagte der Doctor, »dann bitte, geben Sie mir Ihren Arm. -- Sie
sind ja sonst ein vernünftiges Frauchen,« setzte er herzlich hinzu, »und
werden sich doch wahrhaftig Ihren klaren Verstand nicht von einer
bloßen Einbildung todtschlagen lassen. -- Also jetzt kommt die
Geisterbeschwörung und danach hoffe ich Sie wieder so munter und heiter
zu sehen, wie nur je.«
Er ließ ihr auch keine Zeit zu weiteren Einwendungen, nahm ihren Arm und
führte sie der Thür von ihres Gatten Zimmer zu.
»Können wir eintreten?« rief er hier, indem er anklopfte.
»Nur herein!« tönte des Justizraths frische Stimme, allein als der
Doctor die Thür aufwarf, fühlte er wie die Justizräthin an seinem Arm
zusammenzuckte. Pauline war jedoch schon an ihre andere Seite getreten,
um sie im Nothfall zu unterstützen. Aber die junge Frau hatte nicht zu
viel versprochen, wenn sie sagte, daß sie sich stark fühlte und
doch gehörte viel Willenskraft dazu, dem was sie bis dahin für eine
furchtbare Wirklichkeit gehalten -- eine Botschaft aus der Geisterwelt
-- jetzt wieder, genau wie an jenem Abend, zu begegnen und ruhig dabei
zu bleiben.
Auf dem Tisch stand die Lampe und warf ihren düsteren Schein über das
kleine Gemach, links neben dem Tisch saß der Justizrath -- rechts neben
dem Ofen, den rechten Arm über die Stuhllehne, das etwas bleiche
Antlitz der Thür zugedreht -- Auguste mußte tief Athem holen, denn ein
unsagbares Etwas schnürte ihr die Brust zusammen, -- saß der Mann im
grauen Rock, genau wie sie ihn an jenem Abend gesehen, in jeder Miene,
in jeder Falte seines Rockes.
»So meine liebe Frau Justizräthin«, rief aber der Doctor jetzt --
»hier habe ich also das Vergnügen Ihnen unseren Buzemann, unser
Schreckgespenst vorzustellen. Herrn Conrad Wohlmeier aus Königsberg --
Herr Wohlmeier, Frau Justizräthin Bertling -- bitte reichen Sie ihr die
Hand, damit sie nicht etwa glaubt, Sie beständen blos aus Kohlenstoff
und Stickstoffgas.«
Der kleine Mann war etwas verlegen von seinem Stuhl aufgestanden und der
ihn noch immer starr ansehenden Frau die Hand entgegenreichend, sagte
er:
»Frau Justizräthin, es sollte mir unendlich leid thun, wenn Sie mich für
einen Geist gehalten haben. -- Ich bin nur ein armer Gymnasiallehrer,
der --«
»Bravo«! rief der Doctor lachend aus, »das war eine vortreffliche Rede,
die Sie da gehalten haben, und nun, meine liebe Frau Justizräthin, sind
Sie jetzt überzeugt, daß Sie Ihrem guten Mann ganz nutzlos eine Menge
Sorge und Noth gemacht und sich selber in besonders thörichter Weise
gequält und geängstigt haben?«
»Lieber Doctor -- wie soll ich Ihnen danken?« sagte die Frau, während
Bertling auf sie zu ging und sie umarmte und küßte.
»Und jetzt!« rief Pauline lachend aus, »wollen wir auch noch den letzten
Zeugen herein holen, der eine ganz vortreffliche Erklärung abgeben kann,
woher die Frau Heßberger etwas von dem Mann im grauen Rock gewußt« --
und damit sprang sie nach der Thür des Doctors, um die Rieke herein
zu rufen -- aber die Thür war fest verschlossen und der Schlüssel
abgezogen. --
»Nun was ist das?« frug sie -- »die Thür ist ja zu.«
»Hm, ja,« lachte der Justizrath, aber doch etwas verlegen, »da ich -- da
ich doch nicht wissen konnte, wie die Sache heute ablief, so --«
»So hat er die Thür abgeschlossen, daß ihm der Geist nicht wieder
davonlaufen konnte!« jubelte der Doctor -- »das ist vortrefflich.
Justizrath, Sie sind ein Schlaukopf.«
Die Rieke wurde indessen hereingeholt und bestätigte, was sie schon an
dem Nachmittag der Justizräthin gestanden, daß sie an jenem Abend die
Frau Heßberger unten im Haus getroffen und sie gefragt habe, ob sie
keinen Mann in einem grauen Rock gesehen, der so plötzlich weg gewesen
wäre und über den sich die Frau so geängstigt hätte, daß sie ohnmächtig
geworden wäre. Danach konnte sich die Kartenschlägerin wohl denken,
daß die Erwähnung jenes Mannes noch frisch in der Erinnerung der
Justizräthin sein würde und in der Art solcher Frauen benutzte sie das
geschickt genug.
Der Doctor schwur übrigens, daß er der Gesellschaft da oben über kurz
oder lang das Handwerk legen lassen werde, denn er versicherte, daß ihm
in letzter Zeit schon verschiedene Fälle vorgekommen wären, wo sie mit
ihren so genannten Prophezeihungen Unheil gestiftet oder den Leuten sehr
unnöthiger Weise Kummer und Herzeleid bereitet hätten.
Unter der Zeit deckte die Rieke den Tisch und die kleine Gesellschaft
setzte sich dann unter Lachen und heiteren Gesprächen -- die
Justizräthin zwischen den Doctor und »den Mann im grauen Rock« -- zu dem
frugalen aber fröhlichen Mahle nieder. Von dem Abend an aber verließen
jene bösen Träume die Justizräthin, denn zu fest hatte sie an die
Erscheinung geglaubt, um nicht jetzt, wo ihr der unleugbare Beweis des
Gegentheils geworden, auch nicht die ganze Gespensterfurcht fallen zu
lassen. Der Justizrath aber, seinem Wort getreu, und nur zu glücklich,
sein liebes Weib von jenem unheilvollen Gedanken geheilt zu sehen,
beschenkte den kleinen Lehrer noch an dem nämlichen Abend so reichlich,
daß er am nächsten Morgen, jeder Sorge enthoben, seine Heimreise und
dann seine Stellung in der Vaterstadt antreten konnte.
Die Folgen einer telegraphischen Depesche.