Wenn wir einmal sterben 289

Eine alltägliche Geschichte.

Es war auf einem Balle in der Erholung, daß Dr. Kuno Brethammer Fräulein

Bertha Wollmer kennen lernte -- oder vielmehr zum ersten Male sah, und

sich sterblich in sie verliebte.

Bertha Wollmer trug ein einfaches weißes Kleid, einen sehr hübschen

Kornblumenkranz im blonden Haar und sah wirklich allerliebst aus. Aber

es bleibt immer ein gefährlich Ding, wenn sich ein Mann eine Hausfrau

auf einem Balle sucht. Der Ballsaal sollte der letzte Ort dazu sein,

denn dort ist Alles in Licht gehüllt, und er wird geblendet und

berauscht, wo er gerade Augen und Verstand nüchtern und besonnen auf dem

rechten Fleck haben müßte.

Diesmal hatte aber Dr. Brethammer seine Wahl nicht zu bereuen, denn

Bertha Wollmer war nicht allein ein sehr hübsches Mädchen, das sich mit

Geschmack zu kleiden wußte, sondern auch außerdem wacker und brav,

ein wirklich edler Charakter und eine, wie sich später herausstellte,

vortreffliche Wirtschafterin. -- Der Doctor hätte auf der Welt keine

bessere Lebensgefährtin finden können.

Gegen ihn selber ließ sich eben so wenig einwenden. Er war etwa 34 Jahre

alt, Advocat mit einer recht guten Praxis, hatte also sein Auskommen,

galt in der ganzen Stadt für einen braven, rechtschaffenen Mann,

schuldete keinem Menschen einen Pfennig und als er, vierzehn Tage

später, um Bertha Wollmer anhielt, sagte das Mädchen nicht =nein=, und

Vater und Mutter sagten =ja=, worauf dann noch in der nächsten Woche

die Verlobungskarten ausgeschickt wurden. Zwei Monate später fand die

Hochzeit statt.

So lebten die beiden Leute viele Jahre glücklich miteinander, und Dr.

Brethammer sah mit jedem Tage mehr ein, daß er eine außerordentlich

glückliche Wahl getroffen und Gott nicht genug für sein braves Weib

danken könne. Er liebte sie auch wirklich recht von Herzen, aber -- wie

das oft so im Leben geht -- das, was sein ganzes Glück hier bildete,

wurde ihm -- durch Nichts gestört -- endlich zur =Gewohnheit= und er

=vernachlässigte=, was er hätte hegen und pflegen sollen.

Es mag sein, daß seine Liebe zu der Gattin deshalb nie geringer wurde,

aber er vernachlässigte auch =die Form=, die in einem gewissen Grade in

allen Lebensverhältnissen nöthig ist: er war oft rauh mit seiner Frau,

ja heftig, und wenn er auch dabei nicht die Grenzen überschritt, die

jeder gebildete Mensch inne halten wird, that er ihr doch oft -- gewiß

unabsichtlich -- recht wehe. Ja manchmal, wenn ihm ein heftiges Wort

entfahren war, hätte er es von Herzen gern widerrufen mögen, aber -- das

ging leider nicht an, denn -- er durfte sich an seiner Autorität nichts

vergeben.

Nur zu =einer= Entschuldigung ließ er sich herbei: »Du weißt, ich

bin jähzornig,« sagte er, »wenn's aber auch oft ein Bischen rauh

herauskommt, so ist es ja doch nicht so schlimm gemeint und eben so

rasch vergessen.«

Ja, das war allerdings der Fall; =er= hatte es eben so rasch vergessen,

aber =sie= nicht, und wenn sie ihm auch nie ein unfreundlich Gesicht

zeigte, wenn sie ihn immer bei sich entschuldigte und sein oft

mürrisches Wesen auf die Sorgen und den Aerger schob, den er außer dem

Hause gehabt -- ein =kleiner= Stachel blieb von jeder dieser Scenen in

ihrem Herzen zurück, so viel Mühe sie sich selber gab, die Erinnerung

daran zu bannen; =einen= kleinen Nebelpunkt ließ jede solche Wolke

zurück, die an der Sonne ihres häuslichen Glücks, sei es noch so schnell

vorübergezogen, und in einsamen Stunden konnte sie oft recht traurig

darüber werden.

Sie hatten zwei Kinder mitsammen, an denen der Vater mit großer und

wirklich inniger Liebe hing -- und doch, wie wenig gab er sich mit ihnen

ab! -- Es ist wahr, am Tage war er sehr viel beschäftigt und mußte sich

oft gewaltsam die Zeit abringen, um nur zum Mittagsessen zu kommen, aber

Abends um sechs Uhr hatte er dafür auch jedes Geschäft abgeschüttelt,

und dann wäre ihm allerdings Zeit genug geblieben bei Frau und Kindern

zu sitzen, um sich seines häuslichen Glückes zu freuen, aber -- »er

mußte dann doch ein wenig Zerstreuung haben« -- wie er sich selbst

vorlog -- er mußte den Geschäftsstaub abschütteln und mit einem »Glas

Bier« hinunterspühlen, und das geschah am besten im Wirthshaus, wo man

nicht gezwungen war zu reden -- wenn man nicht reden wollte -- wo

man einmal eine Partie Scat oder Billard spielte, um die ärgerlichen

Geschäftsgedanken aus dem Kopf zu bringen -- und wie die Ausreden alle

hießen, mit denen er allein =sich selber= betrog, denn seine Frau fühlte

besser den wahren Grund.

Er =amüsirte= sich nicht zu Haus. Er hatte seine Frau und Kinder

unendlich lieb und würde Alles für sie gethan, jedes wirklich große

Opfer für sie gebracht haben aber -- er verstand nicht, sich mit ihnen

zu beschäftigen, und suchte deshalb Unterhaltung bei Karten und Billard.

Und wie verständig und lieb betrug sich seine Frau dabei! Er mochte noch

so spät Abends zum Essen kommen, nie zeigte sie ihm ein unfreundliches

Gesicht, nie frug sie ihn, wo er heute so lange gewesen. Die Kinder --

wenigstens das jüngste -- waren dann schon meist zu Bett gebracht; er

konnte ihnen nicht einmal mehr »gute Nacht« sagen, und ärgerlich über

sich selber -- so sehr er auch vermied es sich selber einzugestehen --

verzehrte er schweigend sein Abendbrod.

Das waren die Momente, wo ihm der älteste Knabe ängstlich aus dem Weg

ging, denn hatte er irgend etwas versäumt, und der Vater erfuhr es

in einer solchen Stunde, dann konnte er =sehr= böse und =sehr= heftig

werden -- und die arme Mutter =litt= besonders schwer darunter.

Wie oft nahm er sich vor, die Abende in seiner Familie, bei den Seinen

zuzubringen, und er wußte ja, wie sich seine Frau darüber gefreut haben

würde. So lieb und gut sie dabei mit den Kindern war, so sorgsam sie

auf Alles achtete, was dem Gatten eine Freude machen oder zu seiner

Bequemlichkeit dienen konnte, so verständig war sie in jeder andern

Hinsicht, und es gab Nichts, worüber sich nicht ihr Mann hätte mit ihr

unterhalten mögen, Nichts, worin sie nicht im Stande gewesen wäre,

einen vernünftigen Rath zu ertheilen. Er kannte und schätzte diese

Eigenschaften an ihr -- er liebte sie dafür nur desto mehr, aber --

wenn der Abend, wenn die Zeit kam, wo er wußte, daß sich die Spieltische

besetzten oder die gewöhnliche _quatre tour_ zusammenkam, dann ließ es

ihn nicht länger zu Hause ruhn.

Seine Frau war die letzten Jahre kränklich geworden, da sie aber nie

gegen ihn klagte und ein häufiger wiederkehrendes Unwohlsein stets so

viel als möglich vor ihm verbarg, um ihm die wenigen kurzen Stunden

nicht zu verbittern, die er bei ihnen zubrachte, achtete er selber nicht

viel darauf, oder hielt es doch keineswegs für gefährlich. Er hatte in

der That =sehr= viel zu thun und den Kopf zu Zeiten voll genug -- nur

seiner Frau daheim hätte er es nicht sollen entgelten lassen. Sobald er

das aber ja einmal fühlte, wollte er es auch stets wieder gut machen,

und überhäufte sie mit Geschenken -- ja, wo er einen Wunsch an ihren

Augen ablesen mochte, erfüllte er ihn -- soweit er eben mit Geld erfüllt

werden konnte -- nur seine Abende widmete er ihr nicht. -- Er wollte

auch eine Erholung haben, wie er meinte, und in seiner Heftigkeit gegen

die Seinen mäßigte er sich eben so wenig.

»Ihr müßt mich nehmen, wie ich nun einmal bin,« sagte er in einer halben

Abwehr, in halber Entschuldigung; »Ihr wißt wie's gemeint ist,« und

damit war die Sache für =ihn= abgemacht, aber nicht für die Frau.

Er war auch jetzt zu Zeiten, in Gegenwart Fremder heftig gegen sie,

und fuhr sie rauh an. Er meinte es wirklich nicht so bös, wie die Worte

klangen, aber es trieb ihr doch manchmal die Thränen in die Augen,

so sehr sie sich auch dagegen stemmte, ihm zu zeigen, wie weh er ihr

gethan.

So verging der Winter. Es war eine neue Gesellschaft in X. gegründet

worden und Brethammer Vorstand dabei. Das Local wurde mit einem Ball

eröffnet, und er hätte seine Frau gern dort mit eingeführt, ja er kaufte

ihr ein ganz prachtvolles Ballkleid und that wirklich Alles, um sie zu

überreden, ihm die Freude zu machen. Sie sagte ihm jetzt, daß sie

unwohl sei, aber er wollte es ihr nicht glauben, und erst als sie ihm

mittheilte, wie viel sie den letzten Herbst gelitten, und wie große Mühe

sie sich gegeben, es nicht zu zeigen, erschrak er, und jetzt fiel ihm

auch ihr bleicheres Aussehen, fielen ihm die eingefallenen Wangen auf.

Aber er nahm es trotzdem leicht. Sie war schon oft unwohl gewesen

und hatte sich immer wieder erholt, auch diesmal würde es sicher

vorübergehen, wenn sie sich nur schonte. Es war unter solchen Umständen

jedenfalls das Vernünftigste, daß sie =nicht= auf den Ball ging.

Der Winter verging, Bertha wurde in der That nicht kränker, aber sie

blieb leidend, und ihr Gatte gewöhnte sich zuletzt an diesen Zustand. Er

hatte anfangs seine Heftigkeit gemäßigt und sich Gewalt angethan -- und

ach, wie dankbar war ihm Bertha dafür! -- auf die Länge der Zeit aber

vergaß er das wieder -- es war ja nicht mehr nöthig. Seine _quatre tour_

und Scatpartie versäumte er aber nie und amüsirte sich ganz vortrefflich

dabei. Kam er dann Abends nach Haus -- ob er sich auch einmal um eine

halbe oder ganze Stunde verspätet hatte -- fand er den Tisch gedeckt,

und war es so spät geworden, daß die Kinder zu Bett geschickt werden

mußten, so setzte sich sein Weib mit ihm allein zum Essen nieder.

Im Frühjahr schienen Bertha's Leiden heftiger wiederzukehren, und der

Arzt kam fast täglich, aber auch er sah keine Gefahr darin. Er wußte

selber nicht, daß Bertha ihr Leiden leichter nahm, als es wirklich war,

oder vielleicht mehr vor ihm verbarg, als sie hätte thun sollen; aber

sie fürchtete, dem Gatten das Haus dadurch noch ungemüthlicher zu

machen, und trug deshalb lieber Alles allein.

Eines Abends, im Mai, saß Dr. Brethammer wieder am Kartentisch und zwar

in einem Garten, etwa drei Viertelstunden Wegs von X. entfernt, wohin

die kleine Gesellschaft bei schönem Wetter allabendlich auswanderte, als

ein Bote hereingestürzt kam und ihm einen kleinen Zettel überreichte. Es

standen nur wenige Worte darauf:

»Komm zu mir. -- Bertha.« Aber die Worte waren mit zitternder Hand

geschrieben, und den Mann überkam, als er sie gelesen, eine ganz

sonderbare Angst.

Was konnte da vorgefallen sein? war Bertha krank geworden? daß sie

fortwährend krank gewesen, wollte er sich gar nicht gestehen, aber der

Bote wußte weiter nichts. Man hatte ihn auf der Straße angerufen und gut

bezahlt, damit er so schnell wie möglich diesen Brief übergeben sollte.

-- Mitten im Spiel hörte der Doctor auf, ein Beisitzender mußte dasselbe

übernehmen, und so rasch ihn seine Füße trugen, eilte er in die Stadt

zurück. Und er hatte nicht zu sehr geeilt -- unten im Hause traf er sein

Mädchen, die eben aus der Apotheke kam und verweinte Augen hatte.

»Was um Gotteswillen ist vorgefallen -- meine Frau --?«

»O gehen Sie hinauf, gehen Sie hinauf!« rief das Mädchen. »Sie hat so

danach verlangt, Sie noch einmal zu sehen.«

Der Mann wußte nicht, wie er die Treppe hinauf kam. Der Arzt stand neben

dem Bett, streckte ihm die Hand entgegen, drückte sie leise und verließ

das Zimmer, und neben dem Bett kniete der Unglückliche, die kalte Hand

seines treuen Weibes mit Küssen und Thränen bedeckend.

»Mein Kuno,« flüsterte die zitternde Stimme, »o wie lieb das von Dir

ist, daß Du noch einmal gekommen bist -- mir ist nur so kurze Zeit

geblieben -- das Alles brach so schnell herein.«

»Bertha, Bertha, Du kannst -- Du darfst mich nicht verlassen,«

schluchzte der Mann und schlang seinen Arm krampfhaft um sie.

»Du thust mir weh,« bat sie leise, »fasse Dich Kuno, es muß sein -- ich

muß fort von Dir und den Kindern -- o sei gut mit ihnen, Kuno -- sei

nicht so rauh und heftig mehr -- sie sind ja lieb und brav, und Du, --

hast sie ja auch so lieb.«

Der Mann konnte nicht sprechen. In der leisen, mit bebender Stimme

gesprochenen Bitte lag ein so furchtbarer Vorwurf für ihn, daß er seinen

Gefühlen, seiner Reue, seiner Zerknirschung nicht mehr Worte geben

konnte. Nur seine Stirn preßte er neben die Sterbende auf das Bett, und

ihre Hand lag auf seinem Haupt und drückte es leise an sich.

»Kuno,« hauchte ihre Stimme nach einer langen Pause wieder.

»Bertha, meine Bertha!« rief der Mann, sein Antlitz zu ihr hebend,

»fühlst Du Dich besser?«

»Leb wohl!«

»Bertha!« stöhnte der Unglückliche, »Bertha!«

»Mach mir den Abschied nicht schwer,« bat die Frau, »die Kinder habe ich

schon geküßt, ehe Du kamst -- ich wollte noch mit Dir allein sein. Laß

mich ausreden,« flehte sie, »mir bleibt nicht mehr viel Zeit und das

Sprechen wird mir schwer -- leb wohl, Kuno -- habe noch Dank -- tausend

Dank für all das Liebe und Gute, was Du mir gethan -- sei mir nicht bös,

wenn ich vielleicht --«

»Bertha, um Gottes willen, Du brichst mir das Herz --«

»Es ist gut -- es ist vorbei -- es wird Licht um mich -- leb' wohl Kuno

-- sei gut mit den Kindern -- auf Wiedersehen!«

»Bertha!« -- -- es war vorbei. Der Mann knieete neben der Leiche seiner

Frau, und es war ihm, als ob das Weltall ausgestorben wäre und er allein

und trostlos in einer Wüste stände.

Die nächsten drei Tage vergingen ihm wie ein Traum. Fremde Leute kamen

und gingen ein und aus im Hause; er sah sie, wie man gleichgültige

Menschen auf offener Straße vorbeipassiren sieht, und selbst als sie die

Leiche in den Sarg legten, blieb er still und theilnahmlos. Die Kinder

kamen über Tag zu ihm, hingen an seinem Hals und weinten; er preßte

sie fest an sich und küßte sie und blieb dann wieder allein bei der

Geschiedenen.

Endlich kam die Stunde, wo der Sarg fortgeschafft werden mußte, und

jetzt war es, als ob er sich dem widersetzen wolle. Aber es traten eine

Masse Leute in's Zimmer; Freunde von ihm dazu, die herzlich mit ihm

sprachen und ihm zuredeten, daß er sich den Unglücksfall nicht so schwer

zu Herzen nehmen solle. Er hörte ihre Trostgründe gar nicht, aber er

fühlte, daß was hier geschah -- eben geschehen =mußte=, und duldete

Alles.

Nach dem Begräbniß kehrte er mit seinen Kindern nach Haus zurück, schloß

sich hier in sein Zimmer ein und weinte sich recht von Herzen aus.

Danach wurde ihm etwas leichter -- und es ist ein altes und wahres

Sprüchwort -- die Zeit mildert =jeden= Schmerz, denn das Menschenherz

wäre sonst nicht im Stande zu tragen, was nach und nach ihm aufgehoben

bleibt. =Die Zeit mildert jeden Schmerz, aber -- die Zeit mildert und

sühnt keine Schuld.=

Den =Verlust= der Gattin hätte er ertragen -- mit bitterem Weh wohl, es

ist wahr, denn er hatte sie treu und innig geliebt, aber mit Jahr und

Tag wäre die schwere Stunde des Verlustes, das Gefühl, nie mehr ihr

treues Auge wieder schauen zu können, mehr in den Hintergrund getreten,

und ihm nur die Erinnerung an ihre Liebe und Treue geblieben. Jetzt aber

nagte ein anderes Gefühl an seinem Herzen, nicht allein das Gefühl der

=Schuld=, nein auch die =Reue= über vergangene Zeit mit dem Bewußtsein,

diese nie zurückbringen, das Versäumte nie, nie wieder nachholen oder

ungeschehen machen zu können, und das bohrte sich ihm in's Herz, nicht

mit der Zeit weichend, nein, mit den wachsenden Jahren fester und fester

und unzerstörbarer.

Draußen die Welt merkte Nichts davon; er war immer ernst und

abgeschlossen für sich gewesen, und daß er sich jetzt vielleicht noch

etwas zurückgezogener hielt, konnte nicht auffallen, aber daheim

in seiner jetzt verödeten Klause, da stieg die Erinnerung an die

Geschiedene mahnend vor ihm empor, und je weniger Vorwürfe sie ihm je im

Leben gemacht hatte, desto mehr machte er sich jetzt selber.

Wieder und wieder malte er sich die Stunden aus die er mit vollkommen

gleichgültigen Menschen draußen bei den Karten oder hinter dem

Wirthstische verbracht, während seine Bertha daheim mit einer wahren

Engelsgeduld auf ihn wartete, und so lieb, so freundlich ihn empfing,

=wenn= er endlich zurückkehrte. Wieder und wieder malte er sich die

einzelnen Fälle aus, wo er rauh und heftig gegen sie gewesen, die nie

ein rauhes und heftiges Wort zu irgend einer Erwiderung gehabt, und vor

Scham und Reue hätte er in die Erde sinken mögen, wenn er sich jetzt

überlegte, wie er damals immer -- immer Unrecht gehabt, und das nur,

=wenn= er es auch früher eingesehen, nicht früher hatte =eingestehen=

mögen.

Aber das Alles kam jetzt =zu spät= -- zu spät für =ihn= wenigstens.

Er hatte einen Schatz gehalten, und mißachtet, bis er von ihm genommen

wurde -- keine Reue brachte ihn je zurück, und daß er sich jetzt elend

und unglücklich fühlte, war nur die Strafe für eine begangene Sünde.

Für ihn war es zu spät -- =aber noch nicht für Viele, die diese Zeilen

lesen=. Viele, viele halten in gleicher Weise einen ähnlichen Schatz --

und vernachlässigen, mißhandeln ihn ebenso, und es war der Zweck dieser

Zeilen, daß sie sich den Moment jetzt, da es noch =für sie= Zeit ist,

ausmalen möchten, wo die Gattin =plötzlich, unvorbereitet= abgerufen

wurde, und die Reue des Mannes dann =zu spät= kam, und =nie, nie= wieder

gut gemacht werden konnte.

Die Vision.

Erstes Capitel.

Die Sturmnacht.

In Alburg, einer nicht ganz unbedeutenden deutschen Stadt, lebte der

Justizrath =Bertling= in glücklicher und zufriedener Ehe mit seiner

jungen Frau.

Bertling war ein ruhiger, behäbiger Charakter, der die Welt gern an

sich kommen ließ, und nichts weniger liebte als unnütze und unnöthige

Aufregungen. Er hatte auch in der That besonders deshalb sein

Junggesellenleben aufgegeben, um sein Haus gemüthlich zu machen, und

sich -- bisher vermißte -- Bequemlichkeiten zu verschaffen; aber er

liebte nichtsdestoweniger seine Frau von ganzem Herzen und fühlte sich

glücklich in ihrem Besitz.

=Auguste= paßte auch vortrefflich für ihn, und zwar nicht etwa durch

eine Aehnlichkeit ihres Charakters, sondern eher durch einen Gegensatz,

durch welchen sich die beiden Gatten vollständig ergänzten, denn man

darf ja nicht glauben, daß zu einer glücklichen Ehe stets gleiche

Neigungen und Ansichten, gleiche Tugenden und Fehler gehören. Auguste

war denn auch, während ihr Mann ganz entschieden dem praktischen und

realen Leben angehörte, weit mehr schwärmerischer Natur, ohne jedoch im

Geringsten überspannt zu sein. Unermüdlich thätig in ihrem Hausstand,

beschäftigte sie sich aber auch gern mit Lectüre, und vorzüglich

mit solcher, die einer ideellen Richtung angehörte. Sie phantasirte

vortrefflich auf dem Piano, und liebte es sogar, selbst noch =nach=

ihrer Verheirathung -- was ihr Gatte entschieden mißbilligte -- bei

mondhellen Nächten im Garten zu sitzen.

Lebhaft und heiter dabei, mit einem warmen Gefühl für alles Schöne, wob

sie bald mit diesen Tugenden und Vorzügen einen ganz eigenen Zauber um

ihre Häuslichkeit, dem sich ihr Gatte nicht entziehen konnte und wollte,

so daß er bald von anderen Frauen, =ihren= Männern gegenüber, als das

Muster eines vortrefflichen Ehemannes aufgestellt wurde.

So hatten die jungen Leute -- denn der Justizrath zählte kaum ein

und dreißig und seine Frau erst zwanzig Jahr -- etwa zwei Jahre

in glücklicher, durch nichts gestörte Ehe gelebt, als eine schwere

Krankheit -- ein damals in Alburg umgehendes Nervenfieber -- die junge

Frau erfaßte und lange Wochen auf das Lager warf.

Ihr Mann wich in dieser Zeit fast nicht von ihrer Seite und nur die

wichtigsten Geschäfte konnten ihn abrufen -- ja oft versäumte er selbst

diese und ganze Nächte hindurch wachte er neben ihrem Bett. Allerdings

paßte ihm das nicht zu seinem sonst gewohnten, bequemen Leben, aber die

Angst, sein Weib durch irgend eine Vernachlässigung zu verlieren, oder

auch nur ihren Zustand gefährlicher zu machen, ließ ihn das Alles nicht

achten, und so ward ihm denn auch endlich die wohlverdiente Freude zu

Theil, die schlimmste Krisis überstanden und die geliebte Frau nach und

nach genesen zu sehen. Aber es dauerte lange -- sehr lange, bis sie sich

wieder vollständig von dem überstandenen Leiden erholen konnte.

Der Körper gewann dabei noch verhältnißmäßig am Schnellsten die frühere

Frische wieder, wenn auch die Wangen bleicher, die Augen glänzender

schienen, als sie sonst gewesen. Sie hatte aber in ihrer Krankheit

besonders viel phantasirt und dabei oft ganz laut und deutlich die

tollsten, wunderlichsten Dinge gesprochen. Darum bedurfte es weit

längerer Zeit, ehe der Geist wieder Herr über diese Träume wurde,

die sich mit der Erinnerung früherer wirklich erlebter Scenen so

vermischten, daß sie oft anhaltend nachdenken mußte, um das Wahre

von dem Falschen und Eingebildeten oder nur Geträumten zu sondern und

auszuscheiden.

Auch das gab sich nach und nach oder stumpfte sich doch wenigstens ab.

Die Erinnerungen an diese Träume wurden unbestimmter, wenn auch einzelne

von ihnen noch manchmal wiederkehrten und sie oft, mitten in der Nacht,

plötzlich und ängstlich auffahren machten, ja sogar wieder bestimmte

Bilder und Eindrücke annahmen.

Bertling behagte das nicht recht, denn er wurde dadurch ein paar Mal

sehr nutzloser Weise alarmirt. Einmal -- und noch dazu in einer sehr

kalten Nacht -- behauptete seine Frau nämlich bei ihrem plötzlichen

Erwachen, es wäre Jemand im Zimmer und unter das Sopha gekrochen -- sie

habe es deutlich gehört, ja sogar den Schatten durch das Zimmer gleiten

sehen. Bertling protestirte gegen die Möglichkeit, aber es half ihm

nichts; um seine Frau nur endlich zu beruhigen, mußte er aufstehen und

die Sache untersuchen, was er denn gründlich mit Hülfe einer Elle that.

Natürlich fand er nicht das geringste Verdächtige, vielweniger einen

dort versteckten Menschen, und Beide lachten nachher über dies kleine

Abenteuer, -- aber der Justizrath trug doch einen Schnupfen davon, der

ihn sogar auf ein paar Tage zwang das Bett zu hüten.

Das andere Mal wollte Auguste im Nebenzimmer ein verdächtiges Flüstern

gehört haben und wenn sich auch dieses nach sorgfältiger nächtlicher

Untersuchung, die der Justizrath im Schlafrock, in der Linken das Licht,

in der Rechten den Feuerhaken, vornahm, als unbegründet herausstellte,

so wurde der Mann doch durch diesen verschiedentlich erweckten Verdacht

endlich selber so mißtrauisch gemacht, daß er sich für weitere derartige

Fälle stillschweigend rüstete. Er holte nämlich ein Paar alte, schon

lange zur Rumpelkammer verurtheilte Sattelpistolen hervor, reinigte

und lud sie und gab ihnen einen Platz in der obersten Schieblade

seiner Kommode, um sie bei einer etwa wieder vorzunehmenden Patrouille

wenigstens bei der Hand zu haben.

Wochen vergingen indeß, ohne daß sich eine derartige Scene wiederholt

hätte, und Bertling beruhigte sich endlich vollständig mit dem Gedanken,

daß jene Ideen nur die Nachwehen der überstandenen Krankheit gewesen

seien; der jetzt kräftig gewordene Körper nun aber alle derartigen

Phantasiebilder ausgestoßen, und für die Zukunft unmöglich gemacht habe.

Auguste war in der That wieder so frisch und lebenslustig als je

geworden, wenn ihre Gesichtsfarbe auch etwas »intressanter« als früher

geblieben sein mochte. Sie sah bleicher aus, als sie sonst gethan, aber

keineswegs kränklich oder leidend und besuchte auch wieder gern und

oft Gesellschaften und Bälle, wobei es manchmal einige Schwierigkeiten

hatte, den etwas phlegmatischen Gatten für solche Vergnügungen

mitzubegeistern.

Auch gestern Abend war in der »Erholung« ein brillanter Ball gewesen,

auf dem Auguste bis vier Uhr morgens getanzt, während ihr Gatte, als

treuer Gefährte, bis etwa um zwei Uhr Whist gespielt, und noch ein paar

Stunden in einer bequemen Sophaecke verträumt hatte. Heute sollte dafür

recht früh zu Bett gegangen werden, und die beiden Eheleute saßen Abends

allein zusammen in der Stube am Theetisch.

Es war im Februar, aber ein ganz entsetzlich naßkaltes und stürmisches

Wetter. Noch vor wenigen Tagen hatte harter Frost die Erde gedeckt;

heute peitschte der Regen die kaum aufgethauten Fenster und die

Windsbraut heulte zwischen den Giebeln und riß an Thüren und

Fensterflügeln, wie zornig darüber, daß es einen Platz geben solle, in

den man ihr, der Gewaltigen, den Eintritt verweigere.

Und wie das draußen durch die Straßen fegte! Der Justizrath war

aufgestanden und ans Fenster getreten, denn die Unterhaltung wollte

heute nicht recht fließen. Seine Frau war abgespannt, klagte über ein

leichtes Kopfweh und Brennen in den Augen und war schon ein paar Mal,

wie krampfhaft zusammengefahren -- jedenfalls in Folge des gestrigen

Balles.

Unten brannten die Gaslaternen, aber sie erleuchteten die Straße nicht,

sondern warfen nur einen matten, flackernden Schein auf das schmutzige,

von halbgeschmolzenem Eis bedeckte Pflaster, denn selbst die

Glasscheiben schützten die Flammen nicht vor =diesem= Sturm, der sie

rastlos hin und her wehte und manchmal auszulöschen drohte. Die Straße

selbst war menschenleer, denn wer heute nicht nothgedrungen =mußte=,

verließ wohl nicht das schützende Haus, um sich einem solchen Unwetter

preiszugeben. Nur dann und wann floh ein einzelner später Wanderer

entweder mit dem Wind durch aufspritzenden Schmutz und Schlamm dahin,

oder kämpfte -- den Oberkörper weit vorn über gebeugt -- =gegen= den

Sturm, und dem Wetter in die Zähne, seine beschwerliche Bahn.

In langen Zwischenpausen rollte auch wohl einmal ein festgeschlossener

Wagen vorüber, aber das Geräusch desselben machte die gleich nachher

wieder eintretende Oede nur noch fühlbarer, als daß es sie unterbrochen

hätte.

Der Himmel war mit schweren jagenden Wolken bedeckt, und der hinter

ihnen stehende Vollmond konnte nicht mehr thun, als daß er manchmal ihre

riesigen, beweglichen Massen in einem matten Phosphorschimmer sichtbar

werden ließ. Aber selbst dies geschah nur auf Momente, und jedes

Mal darnach war es, als ob der Sturm nur Athem geholt und neue Kraft

gewonnen hätte, um so viel rasender zum Kampf herbei zu eilen.

»Merkwürdig, wie das da draußen tobt und gießt,« brach der Justizrath

endlich das lange Schweigen indem er den Rauch seiner Cigarre gegen die

Fensterscheiben blies. »Das ist nun Februar mit Mondschein im Kalender

wo man eigentlich eine hellkalte, ruhige Winternacht zu fordern hätte.

'S ist aber gerade, als ob die ganze Welt ihre Jahreszeiten umdrehte,

denn eingehalten werden sie wahrlich nicht mehr zur rechten Zeit.«

Er hatte sich dabei wieder dem Tische zugedreht, und sah jetzt wie seine

Frau mit gespannter Aufmerksamkeit auf dem Sopha saß, als ob sie auf

irgend etwas horche. Zu gleicher Zeit drang, durch die Wände und Decke

aber gedämpft, der Ton einer Menschenstimme zu ihnen herüber, die

jedenfalls ein geistliches Lied in lang gezogenen, schnarrenden Tönen

sang. Der Justizrath lachte.

»Das ist der verrückte Schuhmacher über uns, der jedesmal bei einem

Sturm, aber besonders bei einem Gewitter, den Herr Zebaoth anschreit,

und sich als größten Sünder des ganzen Weltalls denuncirt. Wenn diese

Narrheit nicht auch ihre komische Seite hätte, könnte es Einem wirklich

unheimlich dabei werden.«

Der Justizrath hatte Recht. Die Stimme klang in der That unheimlich in

diesem Aufruhr der Elemente und wenn der Wind dazu durch den Schornstein

heulte und in die Schlüssellöcher pfiff, gab es einen Dreiklang, der

Einem hätte das Haar zu Berge treiben können. Die Frau schauderte

auch in sich selbst zusammen, allein sie erwiderte kein Wort, und der

Justizrath, dem ihr Zucken nicht entging, fuhr fort:

»Man kann nur gar nichts dagegen machen; nicht einmal polizeilich

verbieten darf ich es ihm, denn geistliche Lieder zu singen ist eben

nichts Strafbares, und daß der Mensch so eine gellende Stimme hat,

lieber Gott, dafür kann er nichts; ich bezweifle sogar, daß er es selber

weiß. Uebrigens -- es ist ihm vielleicht in anderer Weise beizukommen,

denn seine Frau soll sich auch mit Kartenschlagen und allem möglichen

anderen abergläubischen Hocuspocus beschäftigen, und wenn ich darin

einmal einen Halt dafür bekomme, dann wollen wir der Geschichte rasch

ein Ende machen.«

»Was war das?« flüsterte die Frau und fuhr wie erschreckt halb von ihrem

Sitz empor.

»Was? -- das Klappern?« sagte der Justizrath, »wahrscheinlich hat wieder

Jemand die Hausthür unten aufgelassen und was nicht festgenagelt

ist, rasselt bei dem Sturm hin und her. Das wird eine vergnügte Nacht

werden.«

»Es war mir als ob Jemand klopfe --«

»Nun jetzt kommt kein Besuch mehr,« lachte der Mann, »und wenn --«

In dem Augenblick war es, als ob der Sturm seinen ganzen Angriff nur auf

diesen Punkt concentrirt hätte. Mit einem wahren Wuthgeheul fuhr es den

Schornstein herunter, und riß draußen an den Fenstern. Zu gleicher Zeit

flog die Stubenthür auf und der kalte Zug strömte voll ins Zimmer, daß

die Lampe hoch und düster aufflackerte.

»Alle Wetter!« rief der Justizrath, erschreckt zur Thür springend und

diese wieder schließend, »das wird denn doch beinah zu toll und das alte

Nest so windschief, daß weder Fenster noch Thüren länger in ihren Fugen

bleiben. Wenn der Wirth das nicht spätestens bis zum Frühjahr aus dem

Grunde wieder herstellen läßt, kündige ich ihm wirklich das Logis. Man

kann ja die Stuben auch fast gar nicht mehr erheizen.«

Die Frau war, als die Thür aufflog, allerdings erschreckt

zusammengefahren, hatte sich aber nicht weiter gerührt und saß jetzt

still und regungslos. Nur mit ihrem Blick strich sie langsam, als ob sie

irgend Jemandem mit den Augen folge, von der Thür fort, durchs Zimmer,

bis zu dem Stuhl am Ofen, auf dem er stier und fest haften blieb.

Ihr Mann hatte nicht gleich auf sie geachtet. Er zog die neben der

Thür befindliche Klingel, um das Dienstmädchen herbeizurufen und befahl

diesem dann nach der Hausthür hinunter zu sehen, wie auch den Hausmann

zu bitten, daß er dieselbe heute Abend verschlossen halte. Man konnte es

ja wahrlich hier oben im Hause vor Zug nicht aushalten.

Darnach trat er in die Stube zurück, und es fiel ihm jetzt auf, daß

seine Frau noch keine Silbe über die Störung geäußert hatte. Wie er sich

ihr aber zuwandte, konnte ihm auch unmöglich der stiere, staunende

Blick entgehen, den Auguste noch immer unverwandt auf den einen Punkt

gerichtet hielt. Unwillkürlich sah er rasch dort hinüber, es ließ sich

aber nicht das geringste Außergewöhnliche erkennen. Dort stand nur

ein leerer Stuhl, und darüber hing ein alter Kupferstich, der eine

Prügelscene aus irgend einer holländischen Dorfschenke darstellte.

»Nun?« sagte er endlich und jetzt selber erstaunt -- »was hast Du nur?«

Statt aller Antwort und ohne den Blick von dem festgehaltenen Punkt

zu nehmen, hob die junge Frau langsam den rechten Arm in die Höhe und

deutete mit dem Zeigefinger auf die Stelle.

»Ja aber mein Kind --« wiederholte der Mann bestürzt, denn er konnte

sich das wunderliche Betragen der Frau nicht erklären -- »ich begreife

noch immer nicht, was Du willst. Was ist denn dort, und weshalb deutest

Du auf den Stuhl und siehst so bestürtzt aus, als ob Dir ein Geist

erschienen wäre?«

»Siehst Du ihn nicht?« sagte die Frau leise, ohne ihre Stellung auch nur

um eines Haares Breite zu verändern.

»Wen denn?« rief Bertling halb ärgerlich und halb erschreckt noch einmal

den Kopf nach der bezeichneten Richtung zu drehend.

»Den fremden Mann,« erwiderte die Frau, die Worte aber viel mehr

hauchend als sprechend, »der dort auf dem Stuhl am Ofen sitzt.«

»Den fremden Mann? -- aber Kind, ich bitte Dich um Gotteswillen.«

»Sprich nicht so laut. Wenn er die Augen zu mir hebt, ist es immer, als

ob mir ein Messer durch die Seele ginge.«

»Aber wie sollte denn der hierher gekommen sein,« lachte Bertling

gutmüthig -- »sei doch vernünftig.«

»Wie die Thür aufging,« flüsterte die Frau »trat er herein, ging still

am Ofen vorüber und setzte sich dort nieder -- aber siehst Du ihn denn

nicht?«

»Mein liebes Herz« suchte sie der Justizrath zu beschwichtigen -- »wenn

dort irgend Jemand auf dem Stuhle säße, so müßte ich ihn allerdings

auch sehen, nicht wahr? Aber ich sehe Nichts als den leeren Stuhl. Komm

Schatz, das ist wieder einer von Deinen häßlichen Träumen -- schüttle

ihn ab -- Nun? -- ist er noch da?« setzte er lachend hinzu, als die Frau

wie warnend die Hand gegen ihn hob.

»Pst! sei ruhig!« sagte sie tonlos -- »jetzt regt er sich. Er sieht Dich

an.«

Bertling wurde es, dieser so bestimmt ausgesprochenen Ueberzeugung

gegenüber, selber ein wenig unheimlich zu Muthe, wenn er auch recht

gut wußte, daß das Ganze weiter Nichts sein konnte als eines jener

verworrenen Traumbilder, von denen er gehofft hatte, daß sie bei seiner

Frau nie mehr wiederkehren würden. Möglicher Weise hatten aber hier

verschiedene Factoren zusammengewirkt, um den Geist der noch nicht

vollständig Genesenen zu überreizen und krankhaft aufzuregen. Die

Abspannung nach der gestern durchschwärmten Nacht -- das heutige

Unwetter mit dem fatalen Klappern der Fenster und Thüren, der heulende

Sturm, der da oben seine Gesangbuchverse abwimmernde Schuhmacher,

vielleicht ein flüchtiges Unwohlsein mit in den Kauf; wer konnte denn

wissen wie das Alles auf sie eingewirkt hatte und es blieb deshalb

vor allen Dingen nöthig, sie von der Nichtexistenz ihres Traumbildes

thatsächlich zu überzeugen -- nachher beruhigte sich ihre

Einbildungskraft schon von selber.

»Aber mein liebes Herz,« sagte er endlich -- »so mach' doch nur einmal

diesem häßlichen Traum ein Ende -- -- --«

»Traum?« rief aber jetzt die Frau ungeduldig, wenn auch immer noch mit

vorsichtig gedämpfter Stimme -- »was Du nur mit Deinem Traum willst. Man

träumt doch nur wenn man schläft, doch schlafe ich jetzt oder schläfst

Du?«

»Aber ich selber sehe doch gar Nichts.«

»Nichts? Siehst Du denn nicht den kleinen grauen Mann dort neben dem

Ofen sitzen, wie er den rechten Arm auf der Stuhllehne liegen hat und

hier herüber sieht? Was er nur will. --«

»Aber meine liebe Auguste so sei doch vernünftig,« rief der Justizrath,

durch den Zustand wirklich beängstigt. »So überzeuge Dich doch nur

selber.« --

»Quäle mich nur nicht,« bat die Frau -- »von was soll ich mich denn

überzeugen? Sehe ich ihn denn nicht da sitzen? -- Daß sie ihn nur

hereingelassen haben.«

»Nun gut,« rief Bertling, der wohl einsah, daß bloße Vernunftgründe

nicht das Geringste fruchten würden, »dann will ich Dir =beweisen=,

daß Du Dich irrst, und nachher wirst Du mir doch Recht geben. Sitzt er

=noch= da?«

Die Frau nickte mit dem Kopf.

»Schön,« sagte Bertling, indem er entschlossen um den Tisch herum ging

und der bezeichneten Stelle zuschritt, »dann wollen wir doch einmal

sehen wie er sich =jetzt= benimmt.«

Der Blick der Frau haftete aber nicht mehr auf dem Stuhl, sondern hob

sich ein wenig und strich dann wieder langsam durch die Stube und zur

Thür zurück.

»Nun sieh,« sagte ihr Mann jetzt, indem er sich -- wenn auch mit

einem unbehaglichen Gefühl auf denselben Stuhl niederließ, auf dem das

Traumbild sitzen sollte -- »Du wirst mir doch jetzt zugeben, daß der

Stuhl vollkommen leer war, oder Dein grauer Herr müßte mich sonst auf

dem Schooß haben. -- Nun? -- was siehst Du denn jetzt wieder nach der

Thür?«

»Ja er ist fort,« lachte die Frau still vor sich hin. »Wie Du nur um

den Tisch herumgingst, stand er auf, glitt wieder der Thür zu -- und

hinaus.«

»Aber die Thür ist ja noch fest zu. Er kann doch nicht --«

Bertling hatte kaum Zeit zuzuspringen und seine Frau aufzufangen, denn

ihr gehobener Arm sank matt am Körper herab, und die ganze Gestalt

schien in sich selbst zusammenzubrechen. Sie konnte nicht ohnmächtig

sein, aber es war als ob nach der gehabten Aufregung eine völlige

Erschlaffung ihrer Glieder einträte. Er hatte sie auch kaum aufgehoben

und auf das Sopha gelegt, als sie in einen festen Schlaf fiel.

Der aber dauerte nicht lange. Schon nach kaum einer Viertelstunde wachte

sie wieder auf und sah sich etwas verstört im Zimmer um.

»Hab ich mich denn hier zum Schlafen niedergelegt?« sagte sie leise und

sinnend -- »es muß ja schon spät sein.«

Bertling hielt es für das Beste, von dem stattgefundenen Anfall heute

Abend gar nichts zu erwähnen, da er nicht wissen konnte, wie es die

Leidende aufnehmen würde. Wenn sie morgen wieder frisch und munter war,

wollte er es ihr erzählen, und sie lachte dann wahrscheinlich selbst

darüber.

»Es ist halb zehn, mein Kind,« sagte er, »und Du bist müde von der

gestern durchschwärmten Nacht. Ich glaube es ist das Beste wir gehen zur

Ruhe.«

»Ja,« sagte die Frau nach einer kleinen Pause, in der sie, wie

überlegend, vor sich niedersah -- »ich muß wirklich hier eingeschlafen

sein, denn ich habe schon geträumt. -- Was einem doch dabei für

wunderliche Dinge durch den Kopf ziehen. -- Ich werde lieber schlafen

gehen.«

Zweites Capitel.

Die Kaffeegesellschaft.

Am nächsten Morgen schien Auguste die gestrige Erscheinung vollständig

vergessen zu haben; sie erwähnte wenigstens kein Wort davon, und

Bertling hatte sich in der Nacht ebenso überlegt, die ganze Sache weiter

gar nicht zu berühren. Es würde sie nur beunruhigt haben, und konnte

doch zu weiter nichts nützen. Er hätte freilich gern gewußt, ob ihr jede

Erinnerung an die eingebildete Traumform verschwunden sei -- und fast

vermuthete er das Gegentheil, denn sie blieb an diesem Tag besonders

nachdenkend, hörte manchmal mitten in ihrer Arbeit auf und sah eine

Weile still vor sich nieder. Aber er mochte sie auch nicht fragen, denn

hatte sie es wirklich vergessen, so mußte sie dadurch nur mißtrauisch

gemacht werden.

Auch der Arzt, mit dem er darüber sprach, rieth ihm in keinerlei Weise

auf jenen Zustand hinzudeuten. Solche Erscheinungen kämen -- wie

er meinte -- im geistigen Leben der Frauen gar nicht so selten vor,

stumpften sich aber, wenn man ihnen Ruhe ließe, gewöhnlich mit der Zeit

von selber ab. Das einzige wirksame Mittel dagegen sei Zerstreuung --

leichte, am besten humoristische Lectüre, geselliger Verkehr etc. -- Sie

dürfte nicht zuviel allein gelassen werden, dann wichen diese Zustände

auch von selber wieder.

Bertling irrte sich übrigens, wenn er glaubte, jene eingebildete

Erscheinung wäre spurlos und vielleicht unbewußt an seiner Frau

vorübergegangen. Unmittelbar nach ihrer halben Ohnmacht besann sie sich

allerdings nicht gleich darauf und schlief in ihrer damaligen Abspannung

auch bald ein. Aber selbst schon in der Nacht kam ihr die Erinnerung

des scheinbar Erlebten, und am nächsten Morgen, als das schon fast

verschwommene Bild wieder klarer und deutlicher vor ihre Seele trat,

malte sie sich die Einzelheiten mehr und mehr im Stillen aus, bis sie

auch die kleinsten, unbedeutendsten Umstände wieder scharf und bestimmt

herausgefunden hatte. -- Aber sie erwähnte gegen ihren Gatten nichts

davon.

Einmal wollte sie ihn nicht ängstigen, weil er jenem Phantasiegebild

vielleicht zu viel Wichtigkeit beigelegt hätte, und dann -- war

sie selber noch nicht einmal mit sich im Klaren, ob es wirklich ein

Phantasiegebild gewesen sei oder nicht. Sie fürchtete auch den Spott

ihres Mannes, wenn sie ihm nur eine Andeutung gemacht hätte, daß sie

eine solche Erscheinung für möglich halte, und grübelte dabei im Stillen

weiter über das Geschehene.

In dieser Zeit, in welcher sie sich auch immer noch etwas angegriffen

fühlte, ging sie wenig aus und da ihr Mann durch eine Masse dringender

Geschäfte über Tag abgehalten wurde, ihr Gesellschaft zu leisten, las

sie viel -- jetzt aber am liebsten Bücher, die sich mit dem geistigen

Leben des Menschen beschäftigten und oft Dinge besprachen, die ihr

in ihrem überdieß aufgeregten und reizbaren Zustand weit besser fern

gehalten wären. So kam ihr auch das Buch der Seherin von Prevorst in die

Hände, und gab ihrem, schon außerdem zum Uebernatürlichen neigenden

Sinn, nur noch mehr Nahrung.

Wenn es überhaupt auf Erden Menschen gab, die mit jener, von anderen

Sterblichen nur geahnten Welt in unmittelbarer Verbindung standen, die

mit ihren körperlichen Augen das sehen konnten was um sie her =bestand=,

während es der Masse verborgen und unsichtbar blieb, warum sollte sie

dann nicht auch zu diesen gehören können? -- warum sollte gerade das,

was sie deutlich und klar =geschaut= hatte, nur allein bei ihr eine

Täuschung der Sinne gewesen sein? Daß aber etwas Aehnliches nicht allein

möglich, sondern schon wirklich an den verschiedensten Orten =geschehen=

sei, davon liefert ihr gerade die Seherin von Prevorst den sichersten

Beweis, denn das Buch brachte beglaubigte Thatsachen, und immer fester

wurzelte bei ihr die Ueberzeugung, daß auch sie zu jenen bevorzugten

Wesen gehöre.

Keineswegs erweckte aber dies, sich nach und nach bei ihr bildende

Bewußtsein, ihre Furcht vor dem, was ihr etwa noch begegnen könne. Im

Gegentheil freute sie sich viel eher einer solchen Kraft, und beschloß

sogar mit ruhigem kalten Blut Alles zu prüfen, was ihr in solcher Art an

übernatürlichen Gebilden auftauchen und sichtbar werden sollte.

Trotz dieser geistigen Stärke, die sie gewonnen zu haben glaubte, litt

aber doch ihr Körper unter der fast gewaltsam hervorgerufenen Aufregung,

und wenn auch Bertling den wahren Grund nicht ahnte, konnte ihm doch

nicht entgehen, daß seine Frau in der letzten Zeit sichtbar bleicher und

leidender geworden sei. Er schrieb das aber dem vielen Stuben sitzen

zu, und bat sie mehr an die frische Luft zu gehen und sich Bewegung

zu machen. Ja er drang sogar in sie -- was er sonst nie gethan -- ihre

verschiedenen Freundinnen einmal wieder aufzusuchen, und dann und wann

auch bei sich zu sehen, da er mit Recht von einer solchen Zerstreuung

wohlthätige Wirkung für sie hoffte.

Auguste, wenn sie auch nicht das Bedürfniß danach fühlte, beschloß doch

seinen Wunsch zu erfüllen. Die langen Stunden, die sie daheim allein

saß, wurden ihr selber zuletzt drückend, und außerdem hatte sie ja

manche Bekannte, mit der sie recht gern verkehrte und wo sie wußte, daß

sie gern gesehen war.

Am Besten von Allen hatte sie stets mit einer Jugendfreundin, der

jetzigen Hofräthin =Janisch=, harmonirt; Pauline Janisch war eine

prächtige junge Frau, aufgeweckt dabei und lebenslustig, und da sie in

müssigen Stunden auch gern ein wenig schwärmte und ganz vorzüglich

für alles Uebersinnliche leicht empfänglich war -- ohne sich aber davon

beherrschen zu lassen -- fühlte sie sich zu dieser besonders hingezogen.

Pauline wohnte in der nämlichen Straße mit ihr; als sie dieselbe aber

heute aufsuchte, bewegte sie sich in dem zwar kleinen, doch gewählten

Kreis einer Caffeegesellschaft, wo allerdings nichts Uebersinnliches

gesprochen wurde. Nur über die allergebräuchlichsten Themata solcher

Zusammenkünfte fand eine Verhandlung statt, als da sind: Theater und

was dazu gehört -- nämlich das Privatleben der Bühnenmitglieder --

Dienstboten-Noth, Sittengeschichte der Stadt mit Vorlage einzelner,

besonders hervorzuhebender Beispiele, und Klagen über die Vergnügungen

und Beschäftigungen der Männer =außer= dem Haus.

Erst das eintreffende Tageblatt gab der Unterhaltung -- nachdem man

zwei Verlobungsanzeigen und ein Heirathsgesuch gründlich betrachtet

und erschöpft hatte -- eine andere Wendung, und zwar durch einen

wunderlichen Vorfall in der Stadt selber, der in dieser Nummer eine

Erwähnung fand.

Ein in der äußersten Vorstadt gelegenes Haus nämlich, das früher einmal

zu einer Knopffabrik benutzt worden, jetzt aber schon seit mehreren

Jahren, durch das Scheitern des Unternehmens leer und verödet stand, war

vor Zeiten in den Ruf gekommen, daß es dort umgehe, und man hatte sich

Monde lang die merkwürdigsten Geschichten davon erzählt. Anderes kam

aber dazwischen, das ganze Gebäude wurde außerdem nicht mehr benutzt,

und da Niemand darin wohnte, schlief auch das Gerücht endlich ein, bis

der jetzige Eigenthümer vor ganz kurzer Zeit die ziemlich vom Wetter

mitgenommenen Baulichkeiten an einen Fremden verkaufte, der dort eine

Kammergarnspinnerei anlegen wollte.

Jetzt erinnerte man sich allerdings wieder lebhaft der früheren

Gerüchte, die aber in den ersten Wochen auch nicht die geringste

Bestätigung fanden. Der Fabrikant war mit zwölf oder sechszehn Arbeitern

dort eingezogen und die Leute, die größtentheils noch nicht einmal von

den Gerüchten gehört haben konnten, hatten die Nächte, die sie dort

zugebracht, vortrefflich und ungestört geschlafen. -- Es dachte schon

Niemand mehr an die früheren Spuckgeschichten.

Da erzählte man sich in der Stadt, sämmtliche Arbeiter in der Fabrick

hätten ihrem Brodherren den Dienst gekündigt. Es wurde dem anfangs

widersprochen, aber das Gerücht fand immer festeren Boden bis denn das

Tageblatt heute die Nachricht ganz sicher bestätigte. Es geschah das

durch die Aufforderung des Fabrikherrn, um neue Arbeiter herbeizurufen,

da sich die bisherigen, wie hier gedruckt stand, »durch abergläubischen

Unsinn hätten bewegen lassen, seinen Dienst zu quittiren.«

Es blieb jetzt keinem Zweifel mehr unterworfen, daß die bisherigen

Gerüchte nicht gelogen haben konnten, sondern etwas Wahres an der Sache

sein müsse und die Aufregung der kleinen Gesellschaft wurde noch erhöht,

als sich plötzlich herausstellte, daß sie selbst in ihrer Mitte ein

Individuum entdeckten, das ihnen von dem, jetzt jedes andere Interesse

verschlingenden Platz die genauesten und direktesten Nachrichten geben

konnte.

Es war das die Frau Präsident Cossel, eine schon ältliche Dame mit etwas

rother Nase, aber einem sehr entschieden energischen Zug um den Mund.

Die Dame hielt sich auch in der That nie bei Vermuthungen auf, sondern

sprach stets was sie wußte oder nicht wußte auf das aller Bestimmteste

aus. Widerspruch duldete sie nie und wenn man behauptet, daß die Haare

den Charakter des Menschen darthun, so mochte das recht gut auch bei der

Frau Präsidentin ihre Bestätigung finden, denn eben so starr und fest

gerollt wie die vier falschen Locken, die sie vorgebunden trug, war ihr

Gemüth.

»Es ist richtig -- ich weiß es; es spukt drüben,« sagte sie, indem

sie ihre Tasse zum vierten Mal zum Füllen reichte, und ihre schönen

Zuhörerinnen zweifelten viel weniger an der, jetzt als unumstößlich

festgestellten Thatsache, als daß sie sich wunderten, wie die Frau

Präsidentin diesen doch sicher höchst interessanten Fall so lange still

bei sich getragen und wirklich erst auf äußere Veranlassung von sich

gegeben habe.

Die Frau Präsidentin wohnte aber dem besagten Fabrikgebäude schräg

gegenüber, und konnte also, als allernächste Nachbarin desselben --

wenn irgend Jemand, Näheres darüber wissen. Die Neugier der Damen war --

hierbei sehr verzeihlich -- auf das Höchste gespannt.

»Es ist richtig! Ich weiß es! Es spukt drüben!« -- Gegen die =Thatsache=

war Nichts mehr einzuwenden, und es blieb jetzt nur noch übrig die

Einzelheiten derselben zu erfahren. Die Frau Präsidentin wußte Alles.

Die ersten Nächte waren die neu eingezogenen Leute vollkommen

unbelästigt geblieben, nur zu bald aber brach plötzlich -- und natürlich

genau um Mitternacht -- ein donnerndes Getöse im ganzen Hause los, daß

den Insassen das Haar auf dem Kopfe sträubte. Ketten klirrten über die

Treppen, die Balken krachten, als ob furchtbare Gewichte darauf geworfen

würden, die Thüren schlugen auf und zu, die Fenster klapperten -- und

das bei sternenheller Nacht und todter Windstille -- und ein unheimlich

flackernder Schein zuckte aus einer Stube in die andere durch das ganze

Haus. Das Nämliche wiederholte sich in den folgenden Nächten, nur

mit der Zugabe, daß den Schlafenden die Decken weggerissen wurden.

Allerdings glaubten die Leute anfangs an einen Schabernack, den ihnen

muthwillige Gesellen spielten, und um kein Aufsehen zu erregen, wurde

die Polizei heimlich von dem Unfug in Kenntniß gesetzt und traf in einer

der Nächte kurz vor zwölf Uhr dort ein, um die Urheber auf frischer That

zu ertappen. Ja ihr Aufpassen half ihnen nichts, denn erwischen konnten

sie Niemand, während gerade ihnen am tollsten mitgespielt wurde. Es

schlug ihnen die Hüte vom Kopf und die Stöcke aus der Hand, und die

Leute verließen -- wie die Frau Präsidentin behauptete -- in Entsetzen

das Haus.

Von =der= Nacht an waren die übrigen Arbeiter aber auch nicht mehr zu

halten, und obgleich der Fabrikherr -- aus leicht zu errathenden Gründen

-- ein tiefes Stillschweigen über alles Vorgefallene beobachtete, und

die Leute selber sich ebenfalls schienen das Wort gegeben zu haben,

nichts über die Sache verlauten zu lassen, war doch das allein der wahre

Thatbestand.

»Und woher es die Frau Präsidentin wußte?« -- wie die etwas muthwillige

Frau Hofräthin Janisch frug. -- Die Dame blitzte sie zwischen den Locken

hervor mit einem wahren Dolchblick an.

»Woher ich das weiß, Frau Hofräthin?« wiederholte sie, und absichtlich

mit etwas gehobener Stimme -- »ich denke, ich habe meine Quellen --

selbst wenn mein Mann nicht Präsident wäre, Sie wissen doch wohl --

oder =sollten= es wenigstens wissen, daß es zwischen Ehegatten kein

Amtsgeheimniß giebt. -- Aber noch mehr,« setzte sie plötzlich mit

geheimnißvollem Ton hinzu, »Sie wissen doch, daß sich der junge Belldan

gestern Morgen um's Leben gebracht hat?«

»Ei gewiß,« sagte die Frau Kreisräthin Barthels, »das ist ja

stadtbekannt. Er soll ein paar falsche Wechsel ausgestellt haben, und

wie ihn sein Vater aus dem Hause stoßen wollte, ging er in das Holz und

schoß sich eine Kugel durch den Kopf.«

»Bah,« sagte die Frau Präsidentin mit einer wegwerfenden Bewegung und

ganz entschiedener Betonung der nächsten Worte, »der junge Mensch hat

nie falsche Wechsel gemacht, aber aus Uebermuth die letzte Nacht in dem

Spukhaus geschlafen und darnach -- konnte er nicht länger leben.«

Was er dort gesehen hatte vermochte die Frau freilich selber nicht zu

sagen, aber schon die Andeutung war interressant genug, um eine weitere

Besprechung derselben außer Frage zu stellen und das Gespräch, einmal in

diese Bahn gelenkt, blieb nun natürlich in dem nämlichen Gleis und

ging von dem Spukhaus auf Gespenstergeschichten und Erscheinungen im

Allgemeinen über.

Der Abend rückte dabei heran, aber die Gesellschaft protestirte von der

kleinen lebhaften Hofräthin dabei warm unterstützt, gegen die Forderung

der Präsidentin, Licht herbeizuschaffen. Es ging Nichts über eine solche

Unterhaltung in der Dämmerung und als jetzt die Gaslaterne draußen auf

der Straße angezündet wurde, und ein ordentlich unheimliches Streiflicht

in das düstere Zimmer warf, rückten die Damen nur desto näher zusammen

und die Frau Kreisräthin behauptete, es gäbe doch gar kein wonnigeres

Gefühl in der Welt, als »wenn es Einen so ein Bischen gruselte.«

Nur Auguste, Bertlings Frau, hatte bis jetzt keinen Antheil an dem

Gespräch genommen, als vielleicht hie oder da einmal eine Frage

einzuwerfen, aber deshalb mit nicht weniger Aufmerksamkeit den

verschiedenen Geschichten gelauscht, die bald von dieser bald von

jener Dame zum Besten gegeben wurden und natürlich alle mit jener

übersinnlichen Welt in Verbindung standen.

In Alburg wurde auch noch das Tischklopfen und die Geisterschrift

mit Hülfe einer besondern mit Bleistift verbundenen Vorrichtung

leidenschaftlich getrieben und viele Damen beschäftigten sich heimlich

damit -- öffentlich durften sie es ja nicht, weil man das vollkommen

Nutzlose dieser Experimente lange eingesehen hatte, und die auslachte,

die es trotzdem noch ausübten. Eine Masse von Beispielen wurden

jetzt von entzifferten Briefen, von Zahlen, Nachrichten Entfernter,

Schutzgeistern und all derartigen Ergebnissen der Zauberkunst erwähnt,

dann sprang das Gespräch auf Ahnungen, Doppelgänger, Erscheinungen über

und die Frau Präsidentin erklärte mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit --

was die Thatsache außer allen Zweifel stellte, -- daß ihr erster Mann --

Gott habe ihn selig -- ihr zwei Mal schon erschienen sei: Das erste Mal

als sie sich wieder verlobt habe. -- Das zweite Mal bei -- einer andern

Gelegenheit -- sie sagte nicht welcher -- und beide Male in seinem

grauen Schlafrock mit rothem Futter und hellblauen Quasten wie »der

Selige« immer daheim gekleidet gewesen.

Auguste lehnte schweigend in ihrem Fauteuil, anscheinend theilnahmlos,

aber mit ihrem Geist in reger Thätigkeit, und vor ihrem innern Auge

stieg die Gestalt wieder empor, die sie an jenem Abend gesehen hatte. --

Aber sie erwähnte kein Wort davon; es war das ihr eigenes Geheimniß, und

es kam ihr der Gedanke, als ob sie jenes Wesen erzürnen müsse, wenn

sie sein Dasein einem andern Menschen verrathe. So ganz mit sich selber

beschäftigte sie sich dabei, daß sie ordentlich erschrak, als die

kleine Gesellschaft plötzlich aufbrach, um in ihre eigenen Wohnungen

zurückzukehren. Es war sieben Uhr und damit Zeit geworden daheim

den Herren Ehegatten das Abendbrot zu bereiten. Der =Caffee= hatte

überhaupt, durch solch Gespräch gewürzt, weit länger gedauert, als das

sonst je der Fall gewesen.

Die lebhafte Scene des Ankleidens und Abschiednehmens verdrängte jetzt

auch bald all die düsteren Gedanken und Bilder, die den ganzen Abend

über dem kleinen Kreis geschwebt. Es war Licht gebracht, und die Meisten

hatten schon lange den ganzen heraufbeschworenen Spuk vergessen, --

Auguste nicht.

Sie nahm Abschied von der Freundin und ging die wenigen Schritte nach

ihrer eigenen Wohnung, kaum etwas mehr als über die Straße hinüber, --

allein immer aber war ihr Geist noch mit jenem Traumbild beschäftigt,

das ihr durch die Unterhaltung da drüben wieder in ihrer ganzen Schärfe

vor der Seele stand.

Still und schweigend stieg sie die Stufen hinan -- die Vorsaalthür war

offen -- auf dem Vorsaal selbst brannte kein Licht, aber die Gasflamme

der Treppe warf ihren Schein durch das über der Thür angebrachte

Fenster. Sie wußte bestimmt, ihr Mann war jetzt zu Haus und in seiner

Stube, wo er gewöhnlich bis zum Abendbrot allein arbeitete. Sie ging

durch ihr eigenes Zimmer nach seiner Thür, öffnete dieselbe, stand einen

Moment in sprachlosem Entsetzen auf der Schwelle und brach dann mit

einem halblautem Schrei und ehe ihr Gatte zuspringen und sie halten

konnte, bewußtlos in sich zusammen.

Drittes Capitel.

Der unheimliche Besuch.

Der Justizrath war an dem Abend beschäftigt gewesen, eingelaufene

Actenstücke durchzusehen und zu erledigen. Die Zeit verging ihm dabei so

rasch, daß er die Abwesenheit seiner Frau -- die er überdies bei Freund

Janisch gut aufgehoben wußte, gar nicht bemerkte.

Im Verlauf seiner Arbeit war er auch genöthigt gewesen ein paar Briefe

zu schreiben, die noch vor sieben Uhr auf die Post mußten. Er hatte das

Mädchen damit fortgeschickt und saß wieder über seinen Papieren als es

draußen klingelte und er selber hingehen mußte, um zu öffnen.

Draußen stand ein Fremder -- anständig angezogen, ein kleiner

schmächtiger Mann in dunkler Kleidung, der mit dem Hute in der Hand sehr

bescheiden frug, ob er die Ehre habe den Herrn Justizrath Bertling zu

sprechen.

»Mein Name ist Bertling, was steht zu Ihren Diensten?«

»Würden Sie mir gestatten ein paar Worte allein an Sie zu richten?«

frug der kleine Mann, wie schüchtern, und seine weiten, glänzenden Augen

hafteten dabei fragend auf dem Justizrath.

Diesem war die Störung eben nicht besonders gelegen, aber der Fremde sah

so bescheiden und anspruchslos aus und seine Frage klang so dringend,

daß er ihm die Bitte auch nicht abschlagen mochte.

»Dann sein Sie so gut und kommen Sie mit in mein Zimmer,« sagte der

Justizrath und ging seinem, etwas späten Besuch voran, ohne jedoch die

Vorsaalthür wieder zuschließen.

Im Studierzimmer Bertlings brannte die Lampe etwas düster, aber doch

hell genug, um die Züge des Fremden ziemlich deutlich erkennen zu

können. Er hatte eine hohe Stirn, von der er das schwarze schon dünn

gewordene Haar zurückgestrichen trug, und ein paar große sprechende

Augen, aber seine Züge sahen bleich und leidend aus; die Backenknochen

traten auffallend hervor und in dem ganzen Wesen des Mannes lag etwas

Scheues und Gedrücktes. Der Justizrath nöthigte ihn durch eine

Bewegung mit der Hand auf das Sopha, aber der Fremde schien diese Ehre

abzulehnen, denn er ließ sich auf dem nächsten Stuhl am Ofen nieder,

und zwar seitwärts, um dem Justizrath sein Gesicht zuzukehren und dabei

legte er den rechten Arm über die Lehne des nämlichen Stuhles.

Bertling entging übrigens nicht, daß sich sein Besuch durch irgend etwas

gedrückt fühlte, und theils aus angeborener Gutmüthigkeit, theils mit

dem Wunsch die unwillkommene Störung so viel als möglich abzukürzen,

sagte er freundlich:

»Und mit was kann ich Ihnen dienen?«

Der Fremde hatte noch keine Zeit zum Antworten gehabt, als nebenan eine

Thür ging und da Bertling, der recht gut wußte, daß das Mädchen kaum von

der Post zurück sein konnte, eben aufstehen wollte, um nachzusehen,

wer da wäre, öffnete sich die Seitenthür -- seine Frau stand auf der

Schwelle, hob langsam den rechten Arm und brach dann, ohne weiter

ein Wort, eben nur einen halblauten Schrei ausstoßend, besinnungslos

zusammen.

In tödtlichem Schreck sprang ihr Gatte zu, hob ihren Kopf auf sein Knie,

strich ihr in seiner Herzensangst die Stirn, rieb ihr die Schläfe und

rief sie mit allen Liebesnamen, um sie zum Leben zurückzubringen. Als

das aber Alles vergeblich blieb, hob er sie auf und trug sie auf ihr

eigenes Sopha im nächsten Zimmer und sprang dann zurück nach der Lampe.

Er wollte dabei den Fremden bitten, ihm sein Anliegen ein ander Mal

vorzutragen, aber der Stuhl war leer -- der Fremde fort -- er hatte

ihn gar nicht weggehen sehen, aber auch jetzt wahrlich keine Zeit, sich

weiter um ihn zu bekümmern. Er trug die Lampe hinüber und rieb Stirn und

Schläfe seiner Frau mit Eau de Cologne.

Glücklicher Weise kam auch jetzt das Mädchen, das recht frisches Wasser

bringen mußte, und nach wenigen Minuten schlug Auguste die Augen wieder

auf. Anfangs freilich schaute sie noch scheu und wie furchtsam umher,

als sie sich aber in ihrem eigenen Zimmer fand, beruhigte sie sich bald

und lehnte jetzt nur noch etwas bleich und erschöpft im Sopha.

»Aber ich bitte Dich um Gottes Willen, liebes Kind, was hattest Du denn

nur auf einmal« frug jetzt Bertling durch diese plötzliche Ohnmacht

nicht wenig beunruhigt -- »warst Du denn schon vorher unwohl?«

»Nein,« sagte die Frau leise, »mir fehlte gar nichts, aber -- als ich in

Dein Zimmer kam --«

»Ich habe heut Nachmittag sehr viel geraucht,« ergänzte Bertling,

»und der rasche Wechsel aus der frischen Luft in den Tabacksqualm hat

vielleicht den Unfall herbeigerufen.«

»Nein,« wiederholte die Frau mit dem Kopf schüttelnd, »das -- das war

es nicht -- ich war vollkommen gesund -- an den Tabacksgeruch bin ich ja

auch gewöhnt, aber -- als ich in Dein Zimmer trat sah ich --«

»Aber was denn mein süßes liebes Herz,« bat der Mann, »so sprich doch

nur; Du ängstigt mich ja noch viel mehr durch Dein Schweigen. -- Was

sahst Du denn?«

»Denselben grauen Mann,« hauchte die Frau mit kaum hörbarer Stimme

»-- den ich bei dem Sturm in Deinem Zimmer sah --«

»Aber liebes, liebes Kind,« bat der Mann erschreckt und zugleich

beunruhigt, daß seine Frau jenes Traumbild, wie er im Stillen gehofft,

nicht etwa vergessen habe, sondern noch voll und scharf im

Gedächtniß trage -- »sieh nur, was für einen tollen Streich Dir Deine

Einbildungskraft gespielt hat. Das war ja doch kein Gespenst, was Du

gesehen, sondern ein Mensch von Fleisch und Blut, der kurz vor Dir zu

mir kam und mich zu sprechen wünschte.«

»So hast Du ihn diesmal auch gesehen?« rief die Frau rasch und

erschreckt.

»Gewiß,« lächelte Bertling, »und er ist auch gar nicht wie ein Geist

eingetreten, sondern hat draußen geklingelt und ich habe ihm selber die

Vorsaalthür aufgemacht.«

»Und ist er =noch= bei Dir?« rief die Frau, sich rasch im Sopha

aufrichtend.

»Nein,« lautete die Antwort -- »wie Du ohnmächtig wurdest, muß er

fortgegangen sein, denn als ich nach der Lampe zurücksprang, war er

verschwunden.«

»Verschwunden?«

»Nun hoffentlich nicht in die Luft,« lachte Bertling, aber doch etwas

verlegen, denn es fiel ihm jetzt auf einmal ein, daß der Fremde in

seinem ganzen Wesen wirklich etwas Räthselhaftes gehabt habe, und

dabei merkwürdig rasch aus dem Zimmer gewesen sei. Wie =war= er nur

hinausgekommen, denn er erinnerte sich nicht gesehen oder gehört zu

haben, daß die Thür geöffnet wurde, was ihm doch kaum hätte entgehen

können -- »er -- er wird fortgegangen sein, als er sah, daß ich mich

nicht weiter mit ihm abgeben konnte.«

Seine Frau erwiderte nichts darauf. Sie schaute eine ganze Weile sinnend

vor sich nieder, endlich sagte sie leise:

»Er saß auf dem nämlichen Stuhl, auf dem ich ihn damals gesehen habe

-- genau so wie in jener Nacht, mit dem rechten Arm auf der Lehne --

er trug den nämlichen grauen Rock und sah eben so bleich aus und hatte

dieselben großen geisterhaften Augen.«

»Aber liebe, liebe Auguste« bat der Mann, jetzt wirklich beunruhigt, »so

gieb Dich doch nur nicht solch thörichten kindischen Gedanken hin, und

mische nicht eine wirklich menschliche, wahrscheinlich sehr unbedeutende

Persönlichkeit, mit Deinen Traumbildern zusammen. -- Uebrigens,« setzte

er rasch hinzu -- »muß ihm ja auch die Rieke auf der Treppe begegnet

sein, denn sie kam unmittelbar nach Dir -- Rieke!« rief er dann zur Thür

hinaus -- »Rieke!«

»Jawohl --«

»Kommen Sie einmal einen Augenblick herein.«

Die Gerufene steckte den Kopf zur Thür herein.

»Soll ich was?«

»Wie Sie vorhin zurückkamen, ist Ihnen da Niemand im Haus begegnet?«

»Doch, Herr Justizrath --«

»Nun siehst Du, liebes Kind -- und wie sah er aus?«

»Er!« sagte die Köchin etwas erstaunt -- »es war die Heßbergern, dem

Schuhmacher seine Frau von oben, die noch einmal unten in den Laden

ging, um für ihren Mann Branntewein zu holen. Der kriegt Abends immer

Durst, und sie trinkt dann auch mit.«

»Unsinn,« brummte der Justizrath -- »was geht mich die Frau an -- ich

will wissen, ob Sie im Haus keinem =Mann= begegnet sind?«

»Einem Mann?«

»Einem anständig gekleideten Herrn in einem grauen oder dunklen Rock,

der hier oben bei mir war?«

»Ich habe Niemanden gesehen,« sagte das Mädchen erstaunt mit dem

Kopf schüttelnd »und so lange ich hier oben bin, ist auch Niemand

fortgegangen, denn ich habe die Thür gleich hinter mir zugeriegelt und

die Kette vorgehangen.«

Die Frau nickte leise vor sich hin, Bertling aber, ärgerlich darüber,

daß er eine verfehlte Zeugenaussage veranlaßt, rief:

»Nun, denn ist er =vorher= gegangen; die Rieke kann ihm auch eigentlich

gar nicht begegnet sein, denn er muß doch eine ganze Weile früher die

Stube verlassen haben. So viel bleibt sicher, in den Boden hinein ist

er nicht verschwunden -- gehen Sie nur wieder an Ihre Arbeit Rieke -- es

ist gut --.«

Die Rieke zog sich an das Heiligthum ihres Heerdes zurück, griff dort

die Wassereimer auf und ging nach dem Brunnen hinunter, um frisches

Wasser zu holen. Unten im Haus begegnet ihr des Schusters Frau und das

Mädchen, mit dem eben bestandenen Examen noch im Kopf sagte zu dieser:

»Haben =Sie= denn vorhin einen Mann gesehen, Heßbergern, der von uns

herunterkam, wie Sie aus dem Haus gingen?«

»Ich? -- nein,« sagte die Frau -- »was für einen Mann?«

»Ja ich weiß es auch nicht, er soll einen grauen Rock angehabt haben.«

»Und was ist mit dem?«

»Gott weiß es,« brummte die Rieke -- »er muß auf einmal weggewesen sein

und Niemand hat ihn fortgehen sehen, und jetzt glaub ich, ängstigt sich

die Frau darüber und ist sogar ohnmächtig geworden. -- Na Nichs für

ungut« und damit schwenkte sie mit ihren Eimern zur Thür hinaus.

Der Justizrath ging indessen ein paar Mal im Zimmer auf und ab, aber er

dachte dabei nicht an den vollkommen gleichgültigen Fremden, sondern der

Zustand seiner Frau beunruhigte ihn immer ernsthafter. So reizbar und

erregt war sie noch nie gewesen, und während er geglaubt, daß sie all

die alten Phantasieen längst und für immer vergessen hätte, fühlte er

jetzt daß sie dieselben grade im Gegentheil still bei sich getragen und

darüber vielleicht die ganze Zeit gebrütet habe. Wie um Gottes Willen

konnte er ihr das nur aus dem Kopf bringen!

»Es ist doch merkwürdig« sagte die Frau endlich nach längerer Pause,

»daß =zwei= Personen denselben Gegenstand gesehen haben sollten.«

»Gegenstand -- Thorheit!« brummte aber der Justiz-Rath. »Thu' mir den

einzigen Gefallen, liebes Kind, und sprich nicht von Gegenständen, wo es

sich um eine einfache vollkommen gleichgültige Persönlichkeit handelt.

Gedulde Dich nur eine kurze Zeit, der Mensch kommt wahrscheinlich morgen

früh wieder zu mir, und dann erlaubst Du mir wohl, daß ich ihn Dir

vorstellen darf --«

»Und bist Du wirklich überzeugt, daß es ein =Mensch= war?«

»Aber Auguste --«

»Hast Du ihn berührt?«

»Ich? -- hm ich kann mich nicht besinnen -- es war auch keine

Gelegenheit dazu da, denn einem fremden Menschen giebt man doch

nicht gleich die Hand -- aber er ist doch wie andere Sterbliche

hereingekommen.«

»Hat er sich selber die Thür aufgemacht?«

Der Justizrath sann einen Augenblick nach -- »Nein« sagte er dann,

»das konnte er nicht, sie war ja verschlossen -- aber er muß sie selber

wieder aufgemacht haben, um hinaus zu kommen; das wirst Du mir doch

zugeben.«

Auguste war aufgestanden, ging auf den Justizrath zu, legte ihren

rechten Arm um seinen Nacken und ihr Haupt an seine Brust lehnend, sagte

sie leise und bittend:

»Sei nur nicht böse, Theodor, sieh ich kann ja Nichts dafür; und ich

-- mir möchte das Herz selber darüber brechen, aber -- ich fühle es

deutlich in mir, es ist eine Ahnung aus jener Welt, gegen die wir nicht

ankämpfen können, mag sich der Verstand auch dawider sträuben wie er

will. -- Wenn mir der =graue Mann= zum =dritten= Mal erscheint -- so

=sterb= ich.«

»Auguste, ich bitte Dich um Gottes Willen« rief jetzt der Mann in

Todesangst, indem er sie fest an sich preßte -- »gieb nicht solchen

furchtbaren Gedanken Raum. Sieh Kind, man hat ja Beispiele, daß Menschen

nur allein einer solchen fixen Idee erlegen sind, wenn sie sich erst

einmal in ihrem Geiste festgesetzt hatte. Erst war Trübsinn, dann

Schwermuth die Folge und im Körper nahm Schwäche zu, je mehr jene Idee

im Hirn seine verderblichen Wurzeln schlug.«

»Aber Du sprichst immer von einer =Idee=, Theodor,« sagte die Frau --

»habe ich denn die Gestalt nicht zwei Mal deutlich gesehen, so deutlich,

wie ich Dich selber hier vor mir sehe?«

»Das zweite Mal, ja, das gebe ich zu,« sagte der Mann in verzweifelter

Resignation, und jetzt nur bemüht diese Phantasie durch Vernunftgründe

zu bannen -- »denn das unglückselige Menschenkind, das gerade in der

Zeit zu mir kommen mußte -- und ich wollte, Gott verzeih mir die Sünde,

er hätte sonst was gethan -- saß wirklich da. Aber das erste Mal, liebes

gutes Herz =mußt= Du mir doch zugeben, daß es nur das Spiegelbild einer

Deiner Träume gewesen sein kann.«

Die Frau antwortete nicht, schüttelte aber nur leise und kaum merklich

mit dem Kopf.

»Sieh, liebes Kind,« fuhr Bertling, der die Bewegung an seiner Schulter

fühlte, fort: »Du wirst mir doch zugeben, daß ein Geist -- wenn wir

wirklich annehmen wollen, es =gäbe= derartige Wesen, denen verstattet

sei auf der Erde herumzuwandern und Unheil anzustiften -- körperlos sein

muß, also nur ein Hauch, verdichtete Luft höchstens. Was aber keinen

Körper hat, kann man ja doch nicht sehen, wenigstens nicht mit =unseren=

Augen, die ja doch auch nur körperlich sind.«

»Ich antworte Dir darauf durch ein anderes Beispiel,« sagte die Frau,

sich von seiner Schulter emporrichtend. »Wir wissen doch, daß die Sterne

am Himmel stehen, aber trotzdem sieht sie das Menschenauge am Tag nicht,

mag der Himmel so rein sein wie er will -- aber man hat Vorrichtungen

für das Auge, wodurch man sie doch erkennen kann, und warum sollte nicht

das Auge einzelner Menschen so beschaffen sein, daß sie einzelne Dinge

sehen können, die Anderen unsichtbar bleiben.«

»Aber die Sterne sind auch =Körper=, liebes Herz, und noch dazu ganz

respectable.«

»Du weichst mir aus,« rief die Frau, »und ich leugne, daß unser Auge nur

allein für =Körper= geschaffen ist. Der Schatten ist kein Körper und wir

sehen ihn doch.«

»Aber nur, wenn er auf einem Körper liegt, doch nie allein und

selbständig in der Luft.«

»Ich habe auch jene Gestalt nicht frei in der Luft gesehen,« sagte die

Frau, die fest entschlossen schien, den einmal gefaßten Gedanken auch

festzuhalten, »sondern vielleicht nur auf dem Hintergrund der Wand --«

»Du bringst mich noch zur Verzweiflung, Herz, mit Deinem Gespenst,«

sagte Bertling, während ein tiefer Seufzer seine Brust hob -- »wer Dir

nur in aller Welt die tollen Gedanken in den Kopf gesetzt haben kann.«

»Und nennst Du eine feste, innige Ueberzeugung mit diesem Namen,

Theodor?«

»Meine liebe Auguste,« flehte der Mann dringend, »mißverstehe mich

nicht. Ich will Dir ja bei Gott nicht wehe thun, aber wie in aller Welt

soll ich Dich nur überzeugen, daß -- daß Du Dich wirklich und wahrhaftig

geirrt und ein körperliches Wesen mit einem geistigen in eine ganz

unglückselige Verbindung bringst? -- Aber das hätte Alles nichts zu

sagen, Herz, denn von =diesem= Irrthum hoff' ich Dich mit der Zeit zu

überzeugen; nur =Das= beunruhigt mich, und noch dazu in der peinlichsten

Weise, daß sich bei Dir eine -- ich weiß gar nicht, wie ich es nennen

soll -- eine solche unglückselige Idee festgesetzt hat, die Du für eine

Ahnung nahen Todes hältst. Wenn Du mich nur ein ganz klein wenig liebst,

so bekämpfe diesen Gedanken mit allen Kräften, und von dem Uebrigen

fürchte ich Nichts für Dich. Willst Du mir das versprechen?«

»Aber lieber Theodor,« fragte die Frau -- »kann man denn eine

=Ueberzeugung= noch bekämpfen?«

Der Mann seufzte recht aus voller Brust. Endlich sagte er:

»Dagegen läßt sich nicht streiten, und wir können nur hoffen, daß der

liebe Gott noch Alles zum Besten wendet. Ich selber werde mir aber

jetzt die größte Mühe geben, um Dir den Patron, der mich heute Abend mit

seinem Besuch beehrte, als ein sehr körperliches Wesen vorzustellen, und

wenn ich erst einmal =eine= Flanke Deines Luftschlosses niedergerannt

habe, dann hoffe ich auch mit dem Uebrigen fertig zu werden. Bis dahin

bitte ich Dich nur um eins und das mußt Du mir versprechen: Dich nicht

absichtlich trüben Gedanken hinzugeben, sondern sie, so viel das nur

irgend in Deinen Kräften steht, zu bewältigen -- das Uebrige findet sich

dann. Thust Du mir den Gefallen?«

»Von Herzen gern,« sagte die Frau seufzend, »ach Du weißt ja nicht,

Theodor, wie furchtbar schmerzlich mir selber das Gefühl ist und ich

will ja gern Alles thun um es zu ersticken.«

»Dann wird auch noch Alles gut gehen, mein Kind,« erwiderte mit

erleichtertem Herzen Bertling, indem er sie an sich zog und küßte --

»und nun gilt es vor allen Dingen, meinen flüchtig gewordenen Besuch

aufzutreiben, und da mir die Polizei zu Gebote steht, hoffe ich, daß das

nicht so schwer sein soll.«

»Ich fürchte, Du wirst ihn nicht finden,« sagte Auguste.

»Das laß =meine= Sorge sein,« lächelte ihr Mann -- »und nun wollen wir

Thee trinken.«

Viertes Capitel.

Die Kartenschlägerin.

Bertling stand sonst nicht gern vor acht Uhr Morgens auf, und liebte

es seinen Caffee im Bett zu trinken. Er gehörte auch zu den ruhigen

Naturen, die sich durch kein Ereigniß, durch keine Sorge den Nachtschlaf

rauben lassen, sondern Alles, was sie bedrücken oder quälen könnte, über

Tag abmachen. Heute war er aber doch schon um sieben Uhr auf den Füßen

und vollständig angezogen, und ging jetzt selber aus, um vor allen

Dingen der Polizei eine genaue Personalbeschreibung seines gestrigen

Besuches zu geben, wie ebenfalls eine gute Belohnung auf dessen

Ausfindigmachung zu setzen. Natürlich durfte der Mann, wenn wirklich

gefunden, durch Nichts belästigt werden; nur seinen Namen und seine

Wohnung wollte er wissen, und ihn dann selber aufsuchen.

Die Polizei entwickelte auch eine ganz besondere Thätigkeit, denn zehn

Thaler waren nicht immer so leicht zu verdienen. Nach allen Seiten

breiteten sich ihre Diener aus und hatten auch in der That schon

den ersten Tag in den verschiedenen Revieren einige zwanzig Leute

aufgetrieben, die der gegebenen Beschreibung allenfalls entsprachen, den

Justizrath aber in nicht geringe Verlegenheit setzten. Er bekam nämlich

dadurch einige zwanzig Adressen von ihm völlig unbekannten Leuten, die

in den verschiedensten Theilen der Stadt sämmtlich die 3te oder 4te

Etage zu bewohnen schienen und wohl oder übel mußte er seine Wanderung

danach beginnen, denn zu sich citiren konnte er sie natürlich nicht.

Wie man sich denken kann, fand er auch die Hälfte von ihnen nicht einmal

beim ersten Besuch zu Haus, und wenn er sie fand, sah er sich wieder

und wieder getäuscht, denn der =Rechte= war nicht unter ihnen. Vier Tage

lang aber setzte er mit unverdrossener Mühe seine Versuche fort, immer

aufs Neue getäuscht, aber immer auf's Neue hoffend, daß ihm der nächste

Name den Gesuchten vorführen würde.

Dabei hegte er noch immer den stillen Glauben, daß der Mann, der an

jenem Abend jedenfalls etwas von ihm gewollt, vielleicht sogar von

selber wiederkehren würde -- aber er sah sich darin ebenso getäuscht,

wie in seinen eigenen Versuchen ihn aufzufinden. Der räthselhafte Mensch

schien wie in den Boden hinein verschwunden.

Am Meisten beunruhigte ihn dabei seine Frau. Sie wußte recht gut, wen er

die ganzen Tage über, mit Vernachlässigung aller seiner nothwendigsten

Geschäfte, gesucht habe; nie aber, wenn er körperlich ermattet und

geistig abgespannt zum Mittags- oder Abendbrot heim kam, frug sie ihn

nach dem Resultat seiner heutigen Suche -- sie schien das schon vorher

zu wissen, sondern nickte nur immer still und schweigend mit dem Kopf,

als ob sie hätte sagen wollen: Es ist ja natürlich -- wie kannst Du ein

Wesen in der Stadt finden wollen, das gar nicht auf der Erde körperlich

existirt -- und dem Justizrath war es dann jedesmal, als ob er wie ein

Maschinenwerk frisch aufgezogen wäre, und die Zeit gar nicht erwarten

könne, in der er wieder anfinge zu laufen.

Er war heute Nachmittag aber erst um vier Uhr fortgegangen, weil einige

nothwendige Arbeiten erledigt werden =mußten=, um sieben Uhr hatte er

außerdem eine Sitzung und seiner Frau gesagt, daß er heute nicht vor

neun Uhr nach Hause kommen könne -- wäre er aber im Stande sich früher

loszumachen, so thäte er es sicher. Dann ging er jedoch zu Janisch

hinüber und bat die junge Frau, ob sie heute Nachmittag nicht ein

wenig die Freundin besuchen könne. Sie sei heute so merkwürdig

niedergeschlagen, und da er durch nothwendige Geschäfte abgehalten

wäre, würde es ihm eine große Beruhigung sein, wenn sie ihr Gesellschaft

leisten wollte.

Die stets heitere und freundliche Hofräthin versprach das von Herzen

gern, ja meinte, sie hätte es sich heute sogar schon selber vorgenommen

gehabt, Augusten aufzusuchen, da sie -- einen Scherz vorhabe bei dem sie

ihre Mitwirkung wünsche.

»Sie sind ein Engel,« sagte der Justizrath mit einer, an ihm ganz

ungewohnten Galanterie, denn durch die freundliche Zusage schien sich

ihm eine Last vom Herzen zu wälzen, und vollständig versichert, daß

seine Frau jetzt für den Nachmittag und Abend Zerstreuung und also keine

Zeit habe, ihren trüben Gedanken nachzuhängen, ging er mit Ernst und

gutem Willen auf's Neue an die undankbare Arbeit, eine unbestimmte

Persönlichkeit, von der er weder Namen, Stand noch Wohnung wußte, in der

ziemlich weitläufigen Stadt aufzusuchen.

Die Hofräthin Janisch hielt indessen Wort; kaum eine halbe Stunde später

war sie drüben bei der Freundin und hatte ihr so viel zu erzählen und

plauderte dabei so liebenswürdig, daß Auguste das sonst so schwer auf

ihr lastende Gefühl endlich ganz vergessen zu haben schien. Bertling

würde seine herzinnige Freude daran gehabt haben, wenn er sie in dieser

Zeit hätte sehen können.

Indessen war die Dämmerung hereingebrochen. Eben aber wie Licht gebracht

werden sollte, sagte Pauline:

»Hör einmal, liebes Herz, ich -- ich habe etwas vor, bei dem Du mir

helfen sollst -- willst Du? -- es ist nur ein Scherz.«

»Von Herzen gern, was ist es?«

»In Eurem Hause wohnt eine Frau -- nun wie heißt sie doch gleich -- eine

Frau Heßling oder --«

»Heßberger? Das ist die Schuhmachers Frau, gleich über uns. Meinst Du

die?«

»Ganz recht. Ihr Mann arbeitet für uns und die Frau -- aber Du darfst

mich nicht auslachen, Schatz -- die Frau soll ganz vortrefflich Karten

schlagen können.«

Unter Palmen und Buchen. Erster Band. Unter Buchen. Gesammelte Erzählungen. · 第 5 / 18 题