10. Ein Beispiel der Vaterlandsliebe aus dem Siebenjährigen Kriege.

Es war in einer stürmischen Nacht in der Zeit des Siebenjährigen

Krieges, als in einem Hirtenhause zwischen Pichelberg und Thein

bei Bleistadt Vater und Sohn vor einem Kienfeuer sitzend in einem

lauten Gespräch begriffen waren. Dieses war besonders für letzteren

unterhaltend, denn oft ließ der fünfzehnjährige Michel seine Hände,

welche sich mit Kieferspäneschnitzen beschäftigten, sinken und

hörte lange Zeit mit gespanntester Aufmerksamkeit auf das, was sein

Vater, ein alter, verdienter Soldat, von seinen Feldzügen gegen den

hartnäckigsten Feind +Maria Theresias+ mit großem Eifer und gewisser

Lebendigkeit zu erzählen wußte. Besonders heute war sein Mund

gesprächiger als je; denn eine österreichische Truppenabteilung, bei

deren Anblick sich des Alten Erinnerungen neu belebten und gestalteten,

war seit wenigen Stunden an der Hütte vorbeimarschiert und lagerte

sich für die Nacht eine kurze Strecke davon. Immer und immer wieder

wurde Michel zu bewundernden Ausrufen hingerissen, und es wäre ihm am

liebsten gewesen, wenn er gleich als Soldat mit Säbel und Gewehr hätte

Bekanntschaft machen können.

»Aufgemacht!« schrie da plötzlich eine rauhe Stimme und begleitete

den Befehl mit einem Kolbenschlage, der das Fenster zertrümmert in

die Stube warf. »Heraus mit Euch, oder das Feuer wird schnelle Beine

machen!«

Auf seinem Stelzfuß hinausgehumpelt, sah sich der alte Soldat einem

Haufen preußischen Fußvolkes gegenüber, dessen Anführer von ihm zu

erfahren wünschte, wenn die kaiserliche Truppe hier vorbeigezogen, wie

stark sie sei und wo dieselbe liege. Der Alte erwiderte, daß er dieses

alles nicht wisse, und weder Versprechungen, noch harte Drohungen und

arge Mißhandlungen, welche Michel zum Widerstande bewogen, konnten den

braven Mann veranlassen, zum Verräter zu werden, sodaß die Preußen

diesen verschlossenen Leuten gegenüber einen anderen Weg einschlugen,

um zum Ziele zu gelangen.

Zwei Mann mußten den alten Hirten bewachen, während Michel gezwungen

wurde, den Weg zu zeigen. Man warf um seinen Leib einen Strick, dessen

Ende der Befehlshaber selber in die Hand nahm, wobei er drohend und

nachdrücklich sagte: »Du, Bursche, gehst links zwei Schritte neben

mir und wirst weder husten, noch scharf auftreten. Zwei Mann mit

gezogenen Säbeln gehen vier Schritte voraus, ebensoviele hinten und

an den Seiten, die Mannschaft folgt sechs Schritte entfernt nach. Du

führst uns den nächsten Weg zu dem Lager der Österreicher, und wenn

irgend ein Wort meiner Befehle übertreten wird, so werden Dich meine

Leute augenblicklich niederstoßen.« Der arme bedauernswerte Michel

leistete anfangs mit stürmischem Herzpochen, was man von ihm verlangte;

allmählich wurde er aber ruhiger, dachte nach und machte endlich den

Versuch, die verhaßten Preußen irrezuführen, um die Soldaten seiner

Kaiserin zu retten. Die Absicht wurde aber von dem Offizier bald

gemerkt; denn dieser zog ihn an sich und zischelte dem Burschen ins

Ohr: »Wenn wir in einer halben Stunde die Österreicher nicht haben,

stirbst Du eines martervollen Todes.« Nun wußte Michel keinen Ausweg

mehr und entschlossen bog er links in einen Hohlweg ein, der gerade

auf das Lager der kaiserlichen Truppen führte. Die schwarze Nacht, die

unheimliche Stille, das raubtierartige Gebaren seiner schlagfertigen

Begleiter hatten etwas Fürchterliches, was im Vereine mit den heute

von seinem Vater erzählten Kriegserlebnissen seine Thatkraft zeitigte

und den kühn gefaßten Entschluß zur Reife brachte. Plötzlich entdeckten

die Vordermänner eine Schildwache, welche, als sie den Werdaruf geben

wollte, lautlos zu Boden sank. Die Kaiserlichen mußten in der Nähe

sein, weshalb der Führer sich wendete und ein leises Zeichen zum

Stillstande gab. Diesen Augenblick benutzte der Bursche, sprang wie ein

Luchs auf den Befehlshaber und, ihn am Halse fest umschlingend, schrie

er aus allen Leibeskräften: »Auf! auf! die Preußen! Holla! die Feinde!«

Der Heldenmütige blutete schon aus vielen Wunden, bevor der Todesstoß

auf ewig seinen Mund verstummen machte, dessen Rufe die kaiserliche

Mannschaft rettete und ihr über die durch den unverhofften Verrat

betäubten Preußen einen leichten Sieg verschaffte.

Nach Joh. Böhm.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 96 / 209 题