13. Die Mundart des Obererzgebirgers.

Die erzgebirgische Mundart, die als ein ostfränkisch-obersächsischer

Mischdialekt bezeichnet wird, kann als eine einheitliche Mundart

aufgefaßt werden, da sie gewisse gemeinsame Züge hat, die nur ihr eigen

sind und durch die sie sich von allen Nachbarmundarten wesentlich

und bemerkbar unterscheidet. Aber innerhalb der Mundart sind die

Verschiedenheiten und Abweichungen, die besondern Eigentümlichkeiten

und unterscheidenden Merkmale so zahlreich und augenfällig, daß man

gut und gerne eine ziemliche Anzahl von Untermundarten unterscheiden

könnte. Ein tiefgreifender Unterschied macht sich zunächst geltend

zwischen der Sprechweise des östlichen Gebirges, wo die ostfränkischen

Bestandteile noch vorherrschen, und dem Westen, wo sie seltener und

meist verschliffen sind; fast ebenso bedeutend ist der Unterschied

zwischen dem oberen Gebirge und dem mittleren Höhenlande, wo ein

allmähliches Verblassen und Verwischen der weiter oben schärfer

hervortretenden Züge der Eigenart stattfindet. Aber auch sonst sind die

Unterschiede, die Besonderheiten häufig. Jede Gegend, jedes Thal, ja

jede Stadt hat ihre Eigentümlichkeiten, die als solche empfunden werden

und die Quelle gegenseitiger Hänseleien zu sein pflegen.

Wir wollen betrachten, »wies Vulk redt«, und das redet anders in Kamms

(Chemnitz), als in Edern (Oederan), anders in Griehah (Grünhain), als

in Zwehnz (Zwönitz).

Der Erzgebirger, besonders der Obererzgebirger, hat eine Vorliebe für

dumpfe Vokale und harte Konsonanten. So werden au, ä, eu und ei zu aa

(a), z. B. Fraa, Baar, Fraad, Staan; -- ei, eu und ö zu ä, z. B. lächt,

lächt'n, schännsta; -- e zu a, z. B. har; -- a zu oo, z. B. Soog'; --

o zu uu (u), z. B. Luus. So wird aus j: g, z. B. gän'r (jener), Gahr,

Gung, Gag'r (Jäger); -- aus g: k, z. B. genunk, Bark (Berg), Kelick

(Glück): -- aus h: k, z. B. Fluk (Floh).

Fälle von Lauterzeugungen, insbesondere Vokalerzeugungen zwischen

gewissen Konsonanten, sind nicht selten, so beispielsweise: Gelut =

Glut, geleich = gleich, Gelanz = Glanz, Gelaaben = Glauben, Galied'r =

Glieder, ferner: d'rkannt = erkannt, ahamm = heim, noochert = nachher,

weiter: Rumpes = Rumpf, Kupes = Kopf, ähnlich: Millich = Milch, Lärig

= Lerche, endlich: Taafet = Taufe, Garmerich = Jahrmarkt (vergl. in

Thüringen Almerich = Altenburg).

Weit häufiger aber sind die Ausstoßungen von Vokalen, die

Verschleifungen von Silben und Wörtern. Gewöhnlich ist der Vokal in

den unbetonten Vorsilben ge, ver u. s. w. kaum hörbar, z. B. g'triem =

getrieben. Manche Vorsilben verschwinden ganz, wie: 'rei = herein, 'ro

= heran, 'nunger = hinunter. Die unbetonten Endsilben werden entweder

ganz abgestoßen oder verschmelzen mit der Stammsilbe, z. B. bleim

= bleiben, proom = proben, uhm = oben, Laam = Leben, Oomd = Abend,

gaehmt = geebnet, wink = wenig, Kuhng = Kuchen, gebung = gebogen,

Seng = Segen, Kerng = Kirchen, aang = eigen, fluung = fluchen,

werng = würgen, v'rlaang = verleugnen, d'rwang = deswegen, Toong =

Tagen, hiesing = hiesigen, Kann'r = Kantor, Rutkaat = Rotkehlchen,

geha = gehauen, laen = legen, wer = würde, wurn = geworden. Die

Verkleinerungsendung lein erscheint in der Form: la (le). Für die

Adjektiv-Endung ig wird manchmal et gebraucht, z. B. schaaket =

scheckig, baanet = beinig. -- Aber nicht allein unbetonte Silben werden

abgestoßen und verschliffen, sondern auch solche mit einem Nebentone,

z. B. Nupr = Nachbar, schawern = scharwerken, Handschch = Handschuh,

Echerla = Eichhörnchen, Gahlich'n und Gahl'chen = gelbe Hühnchen, arb'n

= arbeiten, nong = nachher. Auch kurze Wörter werden mit einander

verschmolzen, z. B. wemmer = wenn wir, gimm'r = geh'n wir, vunna =

von ihm, hottene = hat er ihn, nu'ch = nun sich, ing = ich ihnen,

Bornkinnel = gebornes Kindlein, gippt'r = giebt ihrer, allezamm = alle

zusammen, immadim = um und um, ka'sn = kann es ihnen, guttegor = ganz

und gar, epps'n = ob sie ihn, würrerch = würde er sich.

Aus der Wortbeugung mögen nur die besondern Steigerungen serner von

sehr (= mehr) und ehnder von ehe, die eigentümlichen Zeitformen: huhl

für hielt, fuhl für fiel, fuhng für fing, gehatten für gehabt und

maanet für meinte erwähnt werden.

Die Sprache des Erzgebirgers weist noch manche Eigentümlichkeit auf.

So mischt er seiner Rede gern selbstgeschmiedete Wörter bei und

verunstaltet fremde aufs grausamste. Aus Larifari macht er »Larefar«,

das Korsett wird zu einem »Kartschetl«, das Porzellan zu »Porzelih«,

eine Guirlande zur »Gorlande«. Etwas ganz Neues ist »nieglnoglnei«,

wem man den Standpunkt klar machen will, den »laxenirt« man, und ein

ungezogener Junge wird nicht bei den Haaren, sondern »bun (beim) Wisch«

genommen. Während der Bauer des Niederlandes den ganzen Tag im Hofe

und Felde »scharwerkt«, »schabrt« der erzgebirgische; er heimst nicht

ein so viel als möglich, sondern er »schobert«, geht auch nicht zum

Nachbar auf Besuch, sondern »hutzn«. Ein lediger »Puß« (Bursche) macht

im Erzgebirge zwar keinen Lärm, aber großen »Teebes« oder »Teebs«.

Als Verkleinerungssilbe braucht der Erzgebirger statt chen und lein

»la« (»Kihla« = Kühchen, »Seila« = Schweinchen); außerdem ist er ein

Freund der Flickwörter »fei« und »eppr«. Auch die Namen pflegt er zu

verunstalten. Aus einem Ludwig macht er einen »Lud« oder »Wig« und

Gottlob, -fried, -lieb verkürzt er zu »Lub«, »Fried« und »Lieb«. Ebenso

sind im Erzgebirge die Spitznamen mehr denn anderswo daheim. Jeder im

Dorfe weiß z. B., wo der »Mahlhenner« wohnt, während ihm der mit Mehl

handelnde Heinrich so und so unbekannt ist. Auch fügt man den Taufnamen

gern dem Familiennamen bei. Man macht aus dem Gottlob Schulze einen

»Schulzenlob«, und sein Sohn Eduard wird zum »Schulzenlobward«, ja

selbst ein »Hansenfritzenkarlfried« ist keine so seltene Erscheinung.

Es bedingt schon einiges Nachdenken, um z. B. aus »Mahlhennerwigs Puß«

den Sohn von Mehlheinrichs Sohn Ludwig und aus »Fuchsdavidkordel« die

Tochter Konkordia des Gutsbesitzers David so und so, der zufällig

fuchsfarbige Pferde liebt, herauszufinden.

Nach ~Dr.~ Oertel u. a.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 38 / 209 题