Bereits mit dem Jahre 1510 erscheint im Erbbuch der Stadt Geyer das
Besitztum Kaspar Thieles als ein ansehnliches Gut aufgeführt. Nachdem
das Gut im Jahre 1535 in den Besitz +Christoph Schnees+ übergegangen
war, ließ es derselbe mit Genehmigung des Herzogs Heinrich zu einem
Ritterlehen oder sogenannten Freihof erheben, um es dadurch der
Stadtobrigkeit zu entziehen. Überhaupt scheint Schnee infolge seines
hochfahrenden und willkürlichen Wesens zu dem Stadtrat von Geyer in
sehr gespanntem Verhältnis gestanden zu haben, was aus den vielen
Streitigkeiten hervorgeht. Nach dem im Jahre 1556 erfolgten Tode
Schnees gestalteten sich die Verhältnisse des Freihofs »aufm Geyer«
insofern ungünstig, als der nunmehrige Besitzer desselben, +Heinrich
von Etzdorf+, als Amtmann von Koburg genötigt war, einen Verwalter,
Lorenz von Wolnitz, auf dem Gute einzusetzen, der so wenig Aufsicht
führte, daß der Rat in einem Schreiben vom Jahre 1564 über die durch
unvorsichtige Gebaren der Gutsinsassen verursachte Feuersgefahr sich
beschwerte und zugleich das Gemeindekapital von 247 fl. kündigte.
Darauf sahen sich Schnees Erben nach einem Käufer um, den sie im Jahre
1565 in dem kurfürstlichen Landbaumeister Hieronymus Lotter fanden.
Unter Lotters Verwaltung erreichte nicht nur das Rittergut seine
Blütezeit, sondern es begann überhaupt in Geyer ein neues Leben, da
Lotter den größten Teil des Geyerschen Zinnbergbaues besaß, den er
schwunghaft betrieb. Von ihm erhielt das Gut den Namen »Geyersbergscher
Hof« oder »Rittergut Geyersberg«, wie er es auch durch kurfürstlichen
Lehnbrief vom Jahre 1569 erlangte, daß dasselbe auch auf die weibliche
Linie forterben durfte. Doch trotz aller Erfolge sollte er gegen
Ende seines Lebend noch in eine recht traurige Lage geraten, da er
bei seinem Landesfürsten in Ungnade fiel und durch unglückliche
Unternehmungen sein ganzes Vermögen verlor. Nach vierjährigem Elende
starb er 1580 und hinterließ seinen 3 Söhnen ein zerrüttetes Erbe. Sie
verkauften das Gut nach achtjährigem Besitze an ihren Hauptgläubiger
+Philipp Bruck+, und dieser überließ es bereits 1590 für 1300 fl.
an +Paul Tanner+ und dessen Schwägerin +Anna Buchner+, die bereits
vorher den Zinnhandel und Bergbau um Geyer in ihre Hände gebracht
hatten. Da aber seit dem Jahre 1599, in welchem der letzte Sohn Lotters
gestorben war, die Enkel des alten Lotter wieder Erbansprüche auf das
großväterliche Gut erhoben, so kam es zu einem recht langwierigen
Streit zwischen ihnen und den Tannerschen und Buchnerschen Erben,
woraus der häufige Wechsel der Besitzer des Geyersberges erklärlich
wird. Es folgten nämlich auf die Anna Buchner im Jahre 1615 zunächst
deren Erben bis 1617, dann Paul Tanner auf Neunhof, von welchem es im
Jahre 1619 der Hauptmann und Bergrat +Samson von Hohenwald+ in Preßnitz
kaufte. Letzterer suchte besonders durch Bierbrauerei und Holzverkauf
Nutzen aus dem Rittergute zu ziehen, obwohl er die Kaufsumme für
das Gut nie erlegte, sondern nur ein Angeld von 600 fl. an Tanner
entrichtet hatte. Inzwischen wußten die Enkel des alten Lotter durch
kurfürstlichen Bescheid den Kauf des genannten Hohenwald rückgängig
zu machen und verglichen sich bald darauf mit den Tannerschen und
Buchnerschen Erben, sodaß das Rittergut samt Zinnbergwerk im Jahre 1627
in den Besitz +Ludwig Lotters+ gegen Zahlung von 5000 fl. überging.
Alle Bemühungen des neuen Besitzers um Hebung des arg vernachlässigten
Gutes waren erfolglos in der Schreckenszeit des 30jährigen Krieges;
denn zweimal wurde der Geyersberg geplündert, sodaß er 3 Jahre lang
im wüsten Zustande blieb. Lotter selbst wurde öfter von den Feinden
mißhandelt und gepeinigt. Als er kurz nach dem Friedensschlusse aus
dem Leben schied, hatte der Besitz des Gutes so wenig Verlockendes für
seine Erben, daß das Gut bereits 1652 an einen böhmischen Exulanten,
+Edeslaw von Stampach+, verkauft wurde, der bereits das benachbarte
Rittergut Tannenberg besaß. Er erlebte ruhigere Zeiten bis zu seinem
Tode im Jahre 1666. Seine beiden Töchter verkaufen schon 1669 das
väterliche Erbe an den Obersten +Heinrich von Bünau+ für 1000 Mfl.,
welchem aber nur eine zehnmonatliche Verwaltung desselben beschieden
war. Auch seine Erben, 2 Töchter, dachten bald wieder an Veräußerung
des Gutes und verkauften es 1678 für 1200 Mfl. an den böhmischen
Exulanten und damaligen Besitzer des Rittergutes Tannenberg, +Felix
Friedrich Hruschka+ von Briexen. Auch dieser konnte in 26jähriger
Bewirtschaftung das Gut nicht heben, sondern hinterließ es bei seinem
Tode 1704 in ganz verfallenem und trostlosem Zustande, sodaß seine 4
Töchter das Kaufgebot des Georg Erasmus +von Hartitzsch+ in Lichtenberg
bei Freiberg gern annahmen. Da aber das Gut mit großen Schulden
belastet und in schwere Händel mit dem Stadtrat verflochten war, wurde
von den Gläubigern und vom Rate Einspruch gegen den Kauf erhoben. So
geschah es, daß Erasmus von Hartitzsch 1709 starb, ohne überhaupt in
den Besitz des Geyersbergs gelangt zu sein. Erst der nächste Kauf
des Oberstleutnants +von Haß+ wurde rechtskräftig. Haß, »ein Ordnung
und Frieden liebender Mann«, vermochte den Stadtrat zur Ausfertigung
einer Urkunde über Gerechtsame und Grenzen des Rittergutes, in welcher
als Zubehör desselben genannt werden: ein Brauhaus, ein Malzhaus,
die 2 Türme der Kirchhofmauer und ein überbautes Erbbegräbnis mit
Kirchenchor. Trotz eines Testamentes entstanden nach dem Tode des
alten Haß 1736 Streitigkeiten unter den Erbberechtigten, wobei sich
gelegentlich der Erörterungen über die eigentümlichen Verhältnisse des
Gutes ergab, daß es seit 1602 auf Bitten der +Anna Buchner+ in ein
Erbgut -- doch mit Vorbehalt der Lehensfolge -- verwandelt, demnach
unter dem Namen eines Erblehngutes fortgeführt worden sei. Das Gut
ward nunmehr 1744 einem Erben des letzten Besitzers, dem Hauptmann
+von Reitzenstein+, verlehnt. Unter seiner Verwaltung steigerte sich
der Wert desselben dergestalt, daß er es im Jahre 1754 für 3700
Thaler an +Julius Heinrich von Schütz+ auf Thum, Hauptmann der Ämter
Stollberg, Wolkenstein, Lauterstein und Frauenstein, verkaufen konnte.
Bald aber begannen die Leiden und Drangsale des 7jährigen Krieges,
während dessen Stadt und Rittergut Geyer durch Einquartierung und
Kontributionen stark litten. Amtshauptmann von Schütz starb in der
Zeit, da der Notstand seine höchste Stufe erreicht hatte, Anfang
des Jahres 1763. Seine Witwe verkaufte das Gut für 3400 Thaler an
den Oberstleutnant +Friedrich Theodor von Peterkowsky+. Der neue
Besitzer hatte noch unter den schweren Folgen des Krieges zu leiden,
welche durch die Teurung und Hungersnot der Jahre 1771 und 1772 noch
verschlimmert wurden. Als er 1781 starb, hinterließ er seinen Erben
das Gut mit einer schweren Schuldenlast. Mit Mühe behaupteten sich
die Erben 6 Jahre im Besitz, worauf Konkurs ausbrach. Bei der hierauf
folgenden öffentlichen Versteigerung wurde es dem Posamentiermeister
und Handelsmann +Johann Georg Thierfelder+ aus Thum für 3520 Thaler
zugesprochen. Er hätte es am liebsten bald wieder veräußert, wenn
sich ein Käufer gefunden hätte. So aber bewirtschaftete er es bis zu
seinem im Jahre 1813 erfolgten Tode. Erbin war seine einzige Tochter
+Frau Schulz+, welche wieder schwerere Zeiten erlebte, infolge deren
sie Teile ihres Grundstückes an den Tannenberger Rittergutsbesitzer,
Kaufmann +Hänel+ in Annaberg, verkaufte. Unter ihrem Sohne und
Nachfolger +Friedrich August Schulz+ gingen die mit dem Lehngute von
jeher verbundenen Ober- und Niedergerichte auf den Staat über; ebenso
machte sich das neue Grundsteuersystem bei dem Geyerschen Rittergute
geltend. Schulz verkaufte das Gut 1859 an +Karl Heinrich Zimmermann+
für 6420 Thaler. Derselbe nahm mit größter Energie die Verbesserung des
Gutes in Angriff, ließ die Gebäude neu herstellen und errichtete eine
Brauerei. Nachdem Herr Zimmermann das Gut eine lange Reihe von Jahren
vorzüglich bewirtschaftet hatte, wurde es im Jahre 1891 an Herrn Hugo
Diendorf zu einem Preis von 77000 Mark verkauft. Herr Zimmermann ist am
6. Dezember 1891 gestorben. Herr Diendorf veräußerte die Grundstücke,
und die Gebäude gingen am 8. September 1894 an Herrn Karl Wilhelm
Moritz Schürer über. Der genannte Herr verwendete die Nebengebäude
zur Errichtung einer Holzwarenfabrik, bekannt unter der Firma: Erste
Sächsische Waschbretterfabrik C. M. Schürer. Die Brauerei hatte bereits
vorher Herr Franz Naumann erworben. Noch schaut das im wesentlichen
unverändert gebliebene Wohnhaus des Hieronymus Lotter auf die alte
Bergstadt Geyer herab.
[Illustration]
Das Obererzgebirge.
Erster Abschnitt.
Die Landschaft des Obererzgebirges.