2. Die große Glocke in Geyer.

Schon in früher Morgenstunde nach der Nacht, in welcher Kunz von

Kaufungen die Prinzen geraubt hatte, begann die allgemeine Verfolgung

der Räuber. Da erklang auch vom Turm der Niklaskirche zu Geyer die

große Glocke, laut das geschehene Unheil kündend. Die Glocke zersprang.

Urban, der Neffe von Georg Schmidt, welcher zu dieser Zeit in Geyer

anwesend war, teilte bei seiner Rückkehr seinem Oheim das Ereignis mit.

»Im Walde dort wert Cunz ertapt,

Da wollt he Beeren naschen«

berichtet der uralte Berg-Reihen weiter. Der Kurfürst aber ließ später

aus Dankbarkeit gegen Gott für die glückliche Errettung seiner Söhne

auf seine Kosten die große Glocke in Geyer umgießen. Ungefähr in dieser

Weise wird in der landläufigen Art bei der Erzählung des Prinzenraubes

der Geyerschen Glocke gedacht.

Zunächst muß festgestellt werden, daß weder die Nikolaikirche, noch die

bald nach dem Prinzenraub umgegossene Glocke zur Zeit noch vorhanden

sind. Die große Nikolaikirche, welche östlich von der Stadt, links

von der Ehrenfriedersdorferstraße -- die Pflugschar durchschneidet

jetzt das Land -- stand, wird bereits 1491 urkundlich als nicht mehr

vorhanden bezeichnet, wahrscheinlich war sie durch Brand zerstört

worden. Bezüglich des Glockengusses fehlen allerdings gleichzeitige

Nachrichten; auch ist in dem bekannten Manifest, welches der Kurfürst

am Jakobitage (26. Juli) 1455 erließ, vom Glockenläuten nicht die Rede.

Peter Albinus ist der älteste bekannte Chronist, der den Prinzenraub

ausführlich erzählt, und er sagt in seiner Neuen Meißnischen Chronik

(1580): »Es haben sich die Hofleute nicht gesäumet, sondern von Stund

an in alle Gegenden geschickt und sind zum Teil selbst ausgeritten,

den Sturmschlag in allen Städten und Dörfern angehen lassen, daß also

das ganze Land rege wurde.« Albinus, als geborner Schneeberger, kannte

die Gebräuche des Erzgebirges; er wird wohl nicht ohne Grund vom

Sturmläuten berichtet haben.

Das wichtigste Zeugnis giebt uns der um die Geschichtsforschung in

Geyer so hochverdiente Pastor Blüher, der der Prinzenglocke eine

besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat und der den Umguß der Glocke auf

Kosten des Kurfürsten für wahr hält. Nach demselben waren auf der einen

Seite der Glocke die Bildnisse der beiden jungen Fürsten angebracht,

auf der andern Seite sah man Kunz auf der Erde liegend und das Pferd am

Zügel haltend, daneben den Fürsten Albrecht und den Köhler. Oben um die

Glocke stand der Vers:

~Filios Curt abripiebat Saxonis: Ergo

Redditionem hoc aes Christiparae memorat.~

und unten:

~Aufugiente Ducum plagiario rupta, sed Almi

Ensiferi sumtu sum reparata Patris.

A. MCCCCLVI.~

Blüher hat beide Distichen in folgender Übersetzung wiedergegeben:

Kurt entführte die fürstlichen Prinzen, die himmlische Jungfrau --

Diese Glocke bezeugt's -- gab sie uns gnädig zurück.

Ob des fliehenden Räubers der Prinzen laut stürmend zersprang ich,

Doch aus fürstlichem Schatz ward ich wieder verjüngt.

Im Jahre 1580 besichtigte Herzog Albrecht die Prinzenglocke. Sie wurde

nach der Zerstörung der St. Niklaskirche im Turme der Lorenzkirche

aufgehängt. Die Freude über die schöne Glocke ist nicht von langer

Dauer gewesen, schon 1535 ist sie abermals zersprungen. Der Umguß der

neuen großen Glocke hat im Jahre 1539 stattgefunden, ob mit Beisteuer

Heinrichs des Frommen, wie vermutet wird, ist nicht erwiesen, er

geschah jedoch unzweifelhaft in der berühmten Hilligerschen Gießhütte

in Freiberg. Die große Glocke ist 1,60 ~m~ hoch, ihr Durchmesser

beträgt 1,80 ~m~, ihr Ton gilt allgemein als ausgezeichnet. In dem

breiten Laubwerkfries, das sie umgiebt, sind kleine Medaillons

angebracht, die Karl V., Ferdinand I. nebst Gemahlinnen etc.

darstellen. Vorzüglich gelungen ist das Rundbildnis Heinrichs des

Frommen, wovon wir auf der Bildertafel eine Abbildung bringen. Außerdem

ist noch der Bibelspruch Johannes 3: Also hat Gott die Welt etc. und

die Jahreszahl 1539 auf der Glocke angebracht. Die Angaben über die

Schwere der Glocke sind schwankend, ein Glockengießer versicherte

mir, daß sie über 100 Zentner wiegen müsse. Sei dem, wie ihm wolle,

die Geyersche Gemeinde hängt mit großer Liebe an ihrer Glocke. Dies

zeigte sich besonders im Jahre 1839, als die dreihundertjährige

Geburtstagsfeier derselben feierlich begangen wurde. Und noch heute

ruft der eherne Mund der großen Prinzenglocke die Gemeinde zum

Gotteshause und begleitet mit ihrem Schwunge des Lebens wechselvolle

Stunden!

Hermann Lungwitz.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 17 / 209 题