Zweifellos ist die alte Bergstadt Geyer nach den Geiern benannt worden,
jenen Raubvögeln, die früher in dem waldreichen Erzgebirge häufig
nisteten. Die Sage schreibt ihnen die Veranlassung zur Gründung der
Stadt zu. Sie berichtet:
»Einst hatten Geier dem Hühnerhofe des Rittergutes Tannenberg
argen Schaden zugefügt. Da bestieg der geschädigte Edelmann
sein Jagdroß, um den Raubvögeln nachzuspüren. Das Gestrüpp der
bewaldeten Höhe hinderte ihn am weiteren Vordringen; er band
daher sein Pferd an einen Baum, schritt zu Fuß weiter und fand
den Horst der Geier auf, zerstörte das Nest und erlegte auch
die alten Vögel. Als er zu seinem Rosse zurückkam, hatte es mit
seinen Hufen Zinnstein entblößt. Der Edelmann steckte einige
Erzstücke zu sich, zeigte sie Kundigen, und auf deren Anraten
schlug man an dieser Fundstelle ein. So wurde der Geyersberg
fündig. Es geschah dies zu Anfang des 14. Jahrhunderts.«
So entstand das Bergwerk im Geyersberge, dessen Größe wir noch erkennen
und bewundern, wenn wir am Rande der gewaltigen Binge stehen, welche
durch den Einsturz dieses Bergwerkes entstanden ist.
Die Bergleute siedelten sich im Thale des Geyerbaches am Fuße des
Berges an, und immer mehr zogen herzu. Es bildete sich nach und nach
eine Stadt. Diese wurde Geyer genannt, weil Geier die Entdeckung des
Erzes und somit die Gründung der Stadt veranlaßt hatten.
Eine andere Überlieferung sagt, im Neste der Geier seien Zinngraupen
gewesen, das habe die Bergleute angeregt, in der Nähe zu schürfen, und
so seien die Erzschätze entdeckt worden.
So verdankt die Stadt Geyer der Sage nach Gründung und Namen den
Geiern. Der Name der Stadt ließe sich jedoch auch erklären, wenn jene
Gründungssagen nicht auf Wahrheit beruhten. Manche Stadt ist nach einem
nahen Berge benannt worden, man denke an Scheibenberg oder Schneeberg.
Geyer liegt an einem Berge, der früher mit undurchdringlichem
Waldgestrüpp und Felsblöcken bedeckt war, sodaß er einen Zufluchtsort
für die Geier bot und darum wohl schon in ältester Zeit »der
Geyersberg« genannt wurde. Geyer kann demnach den Namen auch von dem
nahen Geyersberge erhalten haben.
Da nun die Stadt Geyer ihren Namen, wenn nicht sogar ihre Entstehung,
den Geiern verdankt, führt sie diese Vögel auch in ihrem Wappen. Drei
Geierköpfe sind darauf zu sehen. Leider wissen wir nicht genau, wie
das Stadtwappen von Geyer ursprünglich aussah. In der Handschrift von
+Tschran+ (1775 beendet) heißt es:
»Was das Wappen der Stadt anlanget, so ist darüber kein
Document ausfindig zu machen. Am Rathause befindet sich das
Stadtwappen, nach alter Bildhauer- und Wappenart in Stein
gehauen, welches 3 Geyersköpfe in einem besonderen Schilde
hat, darüber ein offener Helm mit 3 Spriegeln, und darauf ein
Geyer befindlich, unter demselben aber die Jahreszahl 1496 in
Mönchsschrift stehet.«
Das hier geschilderte Wappen ist noch erhalten, freilich arg
beschädigt. Der Verfasser dieses Abschnittes giebt auf der Bildertafel
die Zeichnung davon. Er hat darauf die fehlenden Teile ergänzt, soweit
sich ihre einstige Gestalt aus den Resten erkennen ließ. Es fehlten das
oberste Stück des Wappens mit dem Kopfe des Geiers auf dem Helme, sowie
fast alle Verzierungen um Helm und Schild. Gut erhalten ist der Stein
mit der Jahreszahl: ~Anno dm (= domini) MCCCCXCVI~.
Im Jahre 1496, zur Zeit der Gründung Annabergs, hat demnach Geyer
schon ein großes Rathaus besessen. Dasselbe ist aber 1844 durch ein
neues ersetzt worden, wobei das Wappen entfernt wurde. Es steht zu
erwarten, daß dieses nächstens wieder vervollständigt und an einen ihm
gebührenden Platz gebracht wird. Noch ist zu erkennen, daß das Wappen
vergoldet war und blauen Grund hatte.
+Tschran+ berichtet weiter, daß in der Hauptkirche über dem Ratschore
ein hölzernes Wappen in verändertem Aussehen angebracht gewesen
sei. Leider konnten wir dieses nicht ausfindig machen. Es wird
folgendermaßen beschrieben:
»Im Schilde siehet man einen viereckigten Thurm im blauen
Felde, mit offnem Thore, daran ein Schild mit 3 Geyersköpfen
hängt. Der Helm darüber ist offen, mit einer goldnen Crone, und
oben darauf ein Rittelgeyer befindlich.«
Auch das größere und kleinere Stadtsiegel, sowie das Bergamtsiegel
werden geschildert. Aus ersterem hat sich fast ohne Veränderung
das heutige Stadtwappen entwickelt. (Siehe die Bildertafel!) Die
Farben sind folgendermaßen angegeben: Der Turm im blauen Felde ist
rötlich. Auf jeder Seite stehen sieben goldene Sterne. Das Dach ist
schieferfarben und trägt zwei goldene Knöpfe mit Fähnlein. Der Schild
ist silbern und zeigt drei Geierköpfe in ihrer natürlichen Farbe.
Das Wappen von Geyer ist außerdem noch auf dem sogenannten
Dreilagensteine zu finden. Dieser ist ein uralter Grenzstein. Auf
ihm sieht man das Wappen von Geyer, das des Abtes von Grünhain und
dasjenige der Herren von Schönburg. Das Wappen von Geyer besteht darauf
nur aus drei Geierköpfen.
Albert Major.