An die Großmutter

Kospoli, den 12. November 1916.

An Bord des Corcovado, Goldenes Horn.

Nur diesen Gruß, mein greises geliebtes Haupt, nur dieses Wort, daß ich

da bin, tausend Stunden näher an Deinem Herzen! Nichts mehr von Undank

und Bitterkeit! Nichts von Vergangenheit, nichts von Zukunft! In dieser

Stunde nur Freude! Daß ich zurückgekehrt bin mit unerhörten Reichtümern

des Geistes und Herzens, mit unersetzbaren, märchenhaften Schätzen des

Leides. Nun da ich hier bin, gerettet, um das Martyrium dieses Weges,

für mich und alle Opfer, die er gekostet hat, immer von neuem zu

durchleben, fühle ich, wie hinter mir die Wüste zu wachsen beginnt,

Meilen und Meilen wandernd in das Ewig-Ungewisse hinein. Nun erst

erkenne ich, wie fern, wie fremd ich Euch war. Aber ich fühle auch, wie

in mir das Wiedergeborene sich aufhebt, wie tausend Stricke mich rufen:

Spanne dich ein, den Schatz zur Höhe zu winden, den zu entdecken du in

so weite Tiefen hinab mußtest!

Sollte es mich dem gegenüber bedrücken, daß dieser Krieg noch immer

nicht in sich selber zusammenbrach? Daß ich, zwischen unüberbrückbare

Widersprüche und Welten gesetzt, mich zweifelnd umschaue, wohin ich die

Schritte bewegen soll, vor mir die Hölle der Somme, in meinem Rücken die

Wüste? In dem Rumpf eines alten Schiffes wohnend, in dessen Kajüten man

die deutschen Soldaten einquartiert hat und das rostig, von Seemuscheln

bedeckt, im Goldenen Horn vor Anker liegt, trete ich zuweilen an die

Reeling. Und zwischen abgetakelten Seegelbooten, zwischen

schwarzbauchigen Dampfern, deren eingeschlafene Schrauben von Seetang

bedeckt sind, zwischen Schornsteinen, Brückenpfeilern und Speichern sehe

ich die grauen Leiber der Schlachtschiffe schimmern. Ja, vielleicht

werde ich morgen, von denen fortgeschickt, denen ich so lange gedient

habe, dort über das Fallreep treten, die Hände an der Naht und die Füße

zusammengeschlagen, mit der Bitte, mich anzumustern, wieder wie in

Knabentagen eine Matrosenbluse und einen Schifferknoten zu tragen, von

Seewind umjubelt. Aber dahinter steht ein anderes Bild, und die Hand auf

das Geschütz oder die Fahne gelegt, inmitten des grauen Kasernenhofes

einer herbstlichen Stadt, höre ich mich mit anderen die Worte sprechen:

»Ich, Armin Wegner, schwöre zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden

einen leiblichen Eid, daß ich seiner Majestät dem Könige von Preußen zu

Lande und zu Wasser ...« hier aber wird es plötzlich still um mich, und

umgeben von einem kalten Schweigen höre ich einsam, als wären sie etwas

Fremdes, Losgelöstes, von meiner Lippe die Worte fallen: »Daß ich

niemals einen Menschen töten werde, an welchen Orten der Erde es immer

sei! Niemals das Geschütz oder Gewehr gegen meine fremden Brüder zu

richten. So wahr mir Gott helfe!«

Da streift helle Sonne mein Gesicht. Ich sehe, wie die dunkle Welle, in

die mein Blick noch eben träumend versenkt war, blauleuchtend zu blitzen

und zu schäumen anhebt. Und ich begreife aus den Erfahrungen einer

langen Jugend heraus, daß ich nicht mehr traurig sein darf, daß nie

wieder etwas aufstehen kann, mich zu beugen oder zu brechen, so

fratzenhaft Rätsel auch immer vor mich hintreten mögen, die zu lösen

fast übermenschlich scheint und deren Ungelöstheit doch den Tod

bedeutet. Sind wir nicht immer auf einer Reise begriffen? Ist die Küste

nicht stets von Nebel verhüllt? Wenn ich des Nachts in meiner engen

Schiffskabine liege, und mein Blick trifft aufwachend auf die Matratze

des darüberliegenden Kameraden und die engen hölzernen Wände dieses

vermodernden Kastens, in dem es nach Schwefel und Wanzen riecht, dann

ist mir, als wäre ich, wie in vergangenen Jahren, auf irgendeiner

abenteuerlichen Fahrt begriffen, als müßte ich beim ersten Schlagen der

Glocke auf Deck und an die Brüstung eilen, eine fremde, märchenhafte

Küste zu schauen oder ein grünes Ufer der Heimat, an dem auch Dein

weißes Haar wehte wie eine seidene Fahne des Friedens.

Wird es morgen sein? Wieviel Jahre werden vergehen? O, ich begreife, daß

ich ein Recht habe, glücklich zu werden ... Freude! In dieser Stunde nur

Freude! Nichts von Vergangenheit, nichts von Zukunft! War nicht jede

See, die wir durchschwammen, nur der Vorbote eines größeren Meeres, in

das wir uns stürzten, des geretteten Lebens froh und der neugewonnenen

stärkeren Kräfte? O schöpferische Tat des Geistes, Kraft der Seele, die

aus gemartertem Dasein geläutert emporsteigt, und du, gewaltigste

Pflicht, die ich mich freudig bereite zu erfüllen, beglänzt von der

Sonne des dreißigsten Jahres, zu schaffen, zu leben für Dich, mich, uns

alle!

Der Weg ohne Heimkehr: Ein Martyrium in Briefen · 第 33 / 38 题