Rahije, den 2. Oktober,
abends ½6.
Eben im Euphrat gebadet, Grund sehr steinig. Die ersten stärkeren
Wolkenzüge treten auf und beschatten die Sonne. Die letzten Palmen sind
verschwunden. Vor Ana habe ich mir für zehn Piaster ein schwarzes
Lämmchen gekauft. Schon drei Tage schleppe ich es mit mir und habe die
größte Freude, es während der Fahrt auf dem Schoß zu halten und zu
streicheln.
Gestern nachmittag, wir fuhren, Wagen und Karawane, in enggeschlossenem
Zug, uns vor Überfällen der Beduinen zu schützen (am Vorabend waren
deutsche Schahturs überfallen worden, und es gab acht tote Araber), ein
wenig schweigsam, denn es war spät geworden, stand plötzlich in der
Abenddämmerung ein seltsames Zeichen am Himmel. Ein langer, geschwänzter
Strich wie die helle Schnur einer Peitsche. War es der rauchende Schweif
einer Sternschnuppe oder spiegelte sich der leuchtende Lauf des Euphrat
in den Wolken wider? Alle Blicke waren auf den blassen Himmel gerichtet,
wo es unverändert fast zehn Minuten verweilte. »Das ist ein Zeichen des
Friedens,« sagte eine Stimme. Mir aber schien es eine feurige Geißel,
die über der Erde stand. Unwillkürlich neigte ich den Kopf, als müßte
ihr sausender Schlag auch über mich und unsere kleine Karawane
herabfallen, die mühsam und gedrückt über den steinigen Grund dahinzog.
Abu Kemal. Dreizehnter Tag.
Abends 5 Uhr.
Heute nur acht Kilometer zurückgelegt. Kahle, steinige Uferhöhen, die
wir nur langsam hinaufklimmen, verwahrloste Wege. Weite
violettschimmernde Hochebene, durch die der Fluß stahlgrau dahinzieht.
Überall liegen lose Brocken zerstreut, als wäre ein ungeheurer
Steinregen herabgefallen. Gegen Mittag raste Hassan, der Führer der
Kutscher, mit seinem Wagen in das ausgetrocknete Bett eines Flusses.
Alle Pferde bluteten. Zwei Räder waren völlig zerbrochen, und der Wagen
schleppte sich, auf den Speichen rumpelnd, mühsam bis in den Chan.
Gestern ging ein Maultier mit allem Gepäck in den Fluß, konnte aber
gerettet werden. Ein Pferd, das beim Tränken über die Uferböschung
stürzte, wurde abgetrieben. So gibt es täglich Verzögerungen. Wir werden
zwei Tage hierbleiben.
El Gahsim, den 6. Oktober.
Bei Sonnenuntergang unter dem Dach einer weidengeflochtenen Hütte. Neben
mir vor einem Feuer von Eselsmist hockt ein blinder Araber. Über mir an
den Zweigen hängt in einem leinenen Beutel der Koran. Ein ungeheurer
Staubsturm hat die Ebene mit einem schwarzen Mantel bedeckt. Wir hatten
eben abgekocht, als die Wolke plötzlich über den Horizont sprang, Blitze
wie feurige Flammen. Von den hohen Wellen des Euphrat wurde der Schaum
so weit durch die Luft gewirbelt, daß wir glaubten, es begänne zu
regnen. Zu meinen Füßen liegt alles durcheinander, das noch fettige
Geschirr, die Beutel mit Reis und getrockneten Aprikosen, das rote
Fleisch der angeschnittenen Melone, alles mit einer Schicht von grauem
Staub bedeckt. Ich fühle ihn zwischen Lippen und Zähnen. Heute wurde
unser Lämmchen geschlachtet. Ich hatte es Mona Lisa getauft, und es
sprang und meckerte lustig auf unsern Halteplätzen umher. In meinen
Mantel gehüllt, versuche ich auf einer Reihe von Kisten zu schlafen. Als
ich wieder aufwache, ist klare Nacht. Der blinde Araber steht draußen im
Mondschein auf seiner Matte und betet. Die toten Augen sind in das
geisterhafte Licht gerichtet, unbeweglich, als schaute er in eine
wunderbare Landschaft. Nun sehe ich es auch. Da beugt er den Kopf und
fällt in die Kniee.
Salichie, den 7. Oktober.
Nachts 12 Uhr.
Einsame Herberge in der Wüste. Ich lehne, die Wache haltend, am Tor der
verlassenen Karawanserei. Draußen dämmert die endlose Ebene. Der volle
Mond steht am Himmel. Es ist so hell, daß ich ohne Mühe schreiben kann.
Vom Hof tönt das Husten der brustkranken Pferde, nur unterbrochen von
dem Heulen Hassans. Sie haben ihm den Rücken und die Sohlen blutig
geschlagen, weil er im Basar von Ana die eisernen Ersatzteile der Wagen
verkauft hat, die die türkische Kommandantur für uns requiriert hatte.
Von Fußtritten verfolgt, schleppt er sich von einem Winkel in den
andern.
Ich trete in einen fensterlosen Raum der Karawanserei. Als ich Licht
mache, leuchten mir von der berußten Gipswand in großen deutschen
Buchstaben die Worte entgegen: »Wo waren wir gestern?« Betroffen bleibe
ich stehen, leuchte mit dem Streichholz die Wand ab. Ich zähle acht
verschiedene Sprachen. Hier ist eine Trommel mit gekreuzten Schlägern an
die Mauer gezeichnet. Deutsche Namen darunter und das Datum: den 28.
August 1914. Daneben: Ankunft dritter Zug von Ekbatana, den 2. Januar
1915. Reise von Teheran nach Bagdad und Stambul, Baruch Josephsberg, 77.
Reg. Lemberg. Marga Imre, _5 Magyarka, honvéd 13. IV. 16_. Marie
Stirting, Erna Erickson de Bender Abas _le 23. Julliet 15 en route pour
Beirut_. Dann die Inschrift eines englischen Gefangenen: _Happy he, who
return. London, Holting-street._ Die Unterschrift ist nicht zu
entziffern. Namen, Namen. Deutsche, englische, französische, ungarische,
türkische, arabische, hebräische, schwedische Inschriften. Es nimmt kein
Ende. Wie seltsam berührt es mich, viele Tagereisen weit in der Wüste
all jene mit zahlreichen Zungen zu mir reden zu hören, die gleich mir
diese tote Stille durchwandert haben, die vom Golf oder aus russischer
Gefangenschaft die endlose Reise über die persischen Berge und durch die
Wüste machten, von Hitze und Kälte gepeinigt, eine Nacht in diesem
fensterlosen Raume zu schlafen. Wo sind sie, die mit verrostetem Nagel
dieses in den Mörtel der Wand gruben? Hier hat einer sein Vaterhaus, von
Bäumen beschattet, an die Wand gezeichnet. Neben manchem Namen ist ein
kleines Kreuz gemalt, heimkehrende Kameraden haben es hinzugesetzt,
dreimal sind sie den Weg durch die Wüste gezogen. An der
gegenüberliegenden Wand steht eine arabische Inschrift: »O Ali, Sohn des
Hassan, ich habe Wasserrinnen nach dir vollgeweint.« Darunter auf
Türkisch: »In Bagdad und Umgegend habe ich drei Monate im Elend gelebt.
O Allah, gib uns Barmherzigkeit und Frieden. Osman Hakki Tefik,
Hauptmann im Generalstab. Salichie, den 4. Tamus 1333[3].«
Als ich wieder hinaustrete, schlägt mir die Nacht kalt entgegen. Ich
gehe vorsichtig zwischen den schlafenden Menschen und Tieren hindurch,
die zusammengekauert am Boden liegen. Ermüdet setze ich mich auf den
Leib des toten Esels, der am Nachmittag gestorben ist. Bis hierher
schleppte er die blutgeschwollenen Glieder, aber als die Maultiere, von
ihrer Traglast befreit, den wunden Rücken im Staube wälzten, erhob er
sich nicht wieder. Und ich denke an den Weg zurück, den wir alle
gewandert sind, denke an meine Toten und wie sie mich ständig begleiten.
Wenn ich am Tage in der hellen Sonne hinter der Karawane herschreite,
winkt mir ihr Gepäck vom Rücken der Maultiere herab. Dunkel leuchtet ihr
Name auf den hellen Kisten, dem traurigen Rest ihrer Habe, den ich mit
mir zurück in die Heimat trage, als ginge ich wie der Gläubige hinter
dem Leichnam her, den er in heiliger Erde bestatten will, ihren
geliebten Schatten in Deutschland zu begraben. Des Abends am Feuerloch
ist mir, als müßte ich wie in früheren Tagen mit ihnen die Mahlzeit
teilen. Ich blicke in ihr Gesicht: »Bist du es, alter Freund und
Wüstengefährte? Willst du Brot? Magst du Tee?« ... Ich fühle ihre Nähe,
die mich umgibt, die stille Gemeinschaft derer, denen wir nicht mehr weh
tun können. Ich schlafe in ihrem Schatten.
[Fußnote 3: der Hedschra.]
Fröstelnd lehne ich mich über den aufgetriebenen Leib des toten Tieres,
mit der Hand seinen Hals liebkosend, der noch eine leichte Wärme trägt.
Wieder steigt jener freundliche Gedanke des Friedens vor mir herauf, und
während ich einsam in der unergründlichen Weite sitze, ist mir, als
könnte ich deutlich auf das künftige Europa hinabsehen, wie auf ein
heiteres Gebäude, das sich mit freundlichen Zimmern und Gärten vor mir
ausbreitet. --
Zwei Uhr nachts. Es ist Zeit zum Wecken. Ich reiße den Kutschern die
Mäntel fort, die sich zitternd zwischen ihren Futtersäcken erheben. Nun
habe ich noch eine Stunde Ruhe, aber die Fledermäuse, die im Gebälk
flattern, lassen mich nicht einschlafen. Bald gehe ich hinter der
Karawane her. Vor mir raucht die unabsehbare Ebene. Und wieder denke
ich: o sie liebten dich nicht, du grauer einsamer Boden, alle, die ihren
flüchtigen Namen an die zerbröckelnde Wand dieser Herberge schrieben.
Sie dachten: Deutschland, oder England, oder Schweden ... irgendwo dort
hinten an eine geliebte und menschenbelebte Scholle, zogen vorüber und
fluchten dir. Ich aber fühle deine grenzenlose Weite in meinem Herzen.
Fühle in mir deine Sonne, deinen Wind, deine Sterne. Fühle, wie mit
jedem Schritt meine Seele lebendiger und froher wird, als wanderte ich
vom Tode zurück in das Leben.
Abu Herera, den 11. Oktober.
Der letzte Leichnam? Als wir in die verlassene Karawanserei treten, die
von Unrat und üblen Gerüchen erfüllt ist, liegt er in der offenen Tür.
Die ausgehungerte Gestalt eines zwölfjährigen armenischen Knaben. Mit
strohblondem Haar, den Leib bis auf die Knochen abgemagert, Hände und
Füße wie Keulen. Nur der linke Arm steckt noch in Lumpen. Als ich an den
Fluß trete, finde ich viele Gräber, zahllose alte Feuerstellen. Ist
dieses das Ende einer furchtbaren und grausamen Jagd?
Wieder tritt jener Auszug eines vertriebenen Volkes vor meine Augen,
durch dessen schmerzliche Lager ich im vergangenen Jahr mit
erschrockener Seele geirrt bin. Bald begegnen wir den ersten
Flüchtlingen. Die Ränder aller Wege sind mit ihren Knochen besät, die
grell in der Sonne bleichen. In Maden treffen wir das erste Lager.
Kinder und Frauen umdrängen unsern Wagen, schlagen sich wund um ein
Stück Brot oder eine leere Melonenschale. In Tibini haben sie einen
kleinen Basar errichtet. Bäcker, Fleischer und Schuster sitzen in der
grellen Sonne unter den ausgespannten Lumpen eines zerrissenen Tuches
auf dem nackten Steinboden und bieten ihre Ware aus. Einen türkischen
Offizier sah ich beim Garkoch ein gebratenes Stück Fleisch kaufen, und
nicht ohne Bewunderung dachte ich: sie haben dich in den Tod getrieben,
du aber bietest deinem Mörder für einen Metalik noch in der Wüste ein
Stück Fleisch an!
Bei Rakka, in einem völlig verwahrlosten schmutzigen Lager, traf ich
einen dreizehnjährigen Knaben. Er hatte seine Mutter und seinen Bruder
verloren, nur sein Vater lebte. Er hieß Manuel. Einen weißen Lappen
gegen die Sonne um den Kopf gebunden, lief er, auf auf einem Kuhhorn
blasend, lachend zwischen den Haufen der Hungernden, Kranken und
Sterbenden umher, die reglos dalagen oder, dem Wahnsinn nahe, ihren Kot
als Speise verzehrten. Seine wohlgebaute, noch kräftige Gestalt, sein
offenes Gesicht gefielen mir. Ich wollte ihn in unsern Wagen nehmen, um
ihn mit nach Deutschland zu bringen. Seine geraden Augen leuchteten
dunkel zu mir auf. (Meine Mutter, dachte ich einen Augenblick, ich will
dir einen neuen Sohn schenken!) Ich ließ mich zu seinem Vater führen,
einem Händler aus Alexandrette, den sie zum Wächter des Lagers gemacht
hatten, weil er lesen und schreiben konnte. Aber obwohl sein Gesicht
sich vor Freude verklärte, war er so müde und abgestumpft, und seine
Angst vor den Gendarmen, die Furcht um das eigene Leben waren so groß,
daß er keinen Ausweg finden konnte.
Da ging ich selbst zu dem arabischen Aufseher. Ich saß zwei Stunden auf
seiner Matte und bot ihm den Rest meiner Barschaft an. Aber sie wollten
ihn nicht freigeben. Ich versprach, in Aleppo bei Hakki Bey, dem Leiter
der Ansiedlungen, für ihn zu bitten. Wieder und wieder drückte ich ihre
Hände, ich sagte: ich werde in Deutschland an Euch denken. Manuel
begleitete mich bis an den Ausgang des Lagers. Er wollte versuchen, in
der kommenden Nacht unserer Karawane nachzulaufen. Aber ich glaube
nicht, daß es ihm gelingen wird, unter den Flintenschüssen der Gendarmen
zu entfliehen.
Mes kene, den 15. Oktober.
Als es Abend wird, sitze ich mit dem Priester Père Arslan Dadschad in
der offenen Tür seines Zeltes, und sie erzählen mir von ihren Leiden.
Von den 800 Familien der Stadt, mit denen sie auszogen, von den vielen
Tausenden, die er in der Wüste begraben hat, darunter dreiundzwanzig
Priester und einen Bischof. Ihre Blicke schreien mich an. »Du bist doch
ein Deutscher«, sagen sie, »und mit den Türken verbündet ... so ist es
also wahr, daß ihr selbst es gewollt habt!« Ich schlage die Augen herab.
Was kann ich ihnen erwidern, um sie Lügen zu strafen? Aus einer Tasche
seines Gewandes, in einen zerlumpten Fetzen gehüllt, holt der Priester
sein Christuskreuz, und als er es andächtig mit Küssen bedeckt, kann
ich, von Rührung ergriffen, mich nicht enthalten, es gleichfalls an die
Lippen zu führen, dieses Kreuz, das der Zeuge so vielen menschlichen
Kummers und Leidens gewesen ist.
Ich sehe nach den abendlich rauchenden Zelten und dem hellen Mond, der
über der dämmerigen Ebene aufsteigt. Das alles ist so anheimelnd, daß
ich mir einen Augenblick ein friedliches Bild vortäuschen könnte. Frauen
in geschürzten Unterröcken und offenen Blusen machen einen kleinen
Abendspaziergang. Das Geschrei spielender Kinder tönt herüber. Da höre
ich wieder ihre ängstlich forschende Stimme: ob ich Armenier in den
Städten am Euphrat getroffen habe? »... Wir werden sterben, wir wissen
es.« Er deutet auf sein zerlumptes Gewand: »_Une fois j'étais un prètre,
maintenant je suis un mouton, qui va à mourir._«
Ich gehe im Dunkel an den Fluß hinunter. In einer Schlucht finde ich
einen Haufen übereinandergetürmter Menschengerippe. Weiße Schädel, die
noch mit Haaren bedeckt sind, ein Becken, die Brustrippe eines Kindes,
zierlich gebogen wie eine Spange. Einen Augenblick überkommt mich eine
dumpfe Verzweiflung, die mir die Tränen in die Augen treibt, als müßte
ich alle Hoffnungen, alle Keime der Liebe vernichten, die mich je an das
Lebendige banden. Unendlich märchenhaft aber fließt der Fluß in die
weite Einsamkeit hinaus, in den unterspülte Erdschollen zuweilen
donnernd hinabfallen, und an dessen Ufern ich verlassen dahinschreite,
als wäre ich der letzte Mensch.
Der Hafir, den 16. Oktober.
Eine grüne Oase, Weide mit Lämmerherden. Ich liege, o Wunder, unter
einem Baum und sehe das Licht durch die schmalen Blätter scheinen. Heute
ist mein dreißigster Geburtstag. Zum dritten Male, seit ich von Hause
fortzog, sehe ich diesen Tag sich wenden. Seit dem frühen Morgen wandere
ich in der hellen Sonne dahin, den Blick nach dem hohen Himmel
gerichtet, dort hinten, wo die Stadt aufsteigen soll, nach der wir so
lange Wochen gewandert sind, der Liebe voll und der starken Hoffnung des
kommenden Lebens. Mit welcher Freude verzeichnet das Auge das Auftauchen
jedes neuen Gegenstandes. Ein plätscherndes Wasser, eine Blume, einen
Regentropfen. Schwarzblaue Wolken beschatten den Himmel, und wieder
bricht die Sonne hindurch. Altweibersommer fliegt uns durch die Steppe
entgegen -- die weißen Haare Europas, das in Gram und Elend früh
gealtert ist.
Aleppo, den 19. Oktober.
Bei den deutschen Schwestern.
Als das schwarze Haupt der Zitadelle sich hinter den sanften Erdwellen
aufreckt, geraten die Pferde in schnellere Bewegung. Lächelnd neigen die
Kranken sich aus den Wagen, deren hölzerne Kästen mit zerrissenen Planen
klappernd in die steinernen Straßen rollen, windbrüchige Schiffe, die
den letzten Sturm überstanden. Wir haben die Bahnlinie erreicht, die uns
wieder mit Stambul verbindet.
Mein erster Gang führt mich zu den Schwestern. Sie haben für die
armenischen Flüchtlinge zwei Häuser eingerichtet, die mit Waisenkindern
überfüllt sind, die an der Straße liegen blieben. Die meisten kommen aus
Van oder Erzerum und waren länger als sechs Monate unterwegs. In den
ersten Wochen war der Hof so dicht von dem nackten Gestrüpp ihrer
Scharen überwuchert, daß sie sich gegenseitig zu ersticken drohten. Als
man das Haus reinigte, fand man im Brunnenschacht die Leiche eines
Kleinen, der zwischen der Wildnis der Menschen dort schweigend
verschwunden war. Auch Frauen und Männer halten sich unter ihnen
versteckt. Ich habe angefangen, ihre Schicksale aufzuzeichnen, wobei
Schwester Beatrix mir als Dolmetscher dient. Nur mühsam beginnen sie aus
Schwäche und Angst vor neuen Leiden zu reden, bis die Fülle ihres Elends
sie fortreißt und sie in Tränen ausbrechen.
In den letzten Tagen habe ich zahlreiche fotografische Aufnahmen
gemacht. Man erzählt mir, daß Dschemal Pascha, der Henker von Syrien,
bei Todesstrafe verboten hat, in den Flüchtlingslagern zu fotografieren.
Zusammengerollt trage ich diese Bilder des Entsetzens und der Anklage
unter meiner Bauchbinde versteckt. In den Lagern von Meskene und Aleppo
sammelte ich viele Bittbriefe, die ich in meinem Tornister verborgen
habe, um sie an die amerikanische Botschaft in Konstantinopel zu
bringen, da die Post sie nicht befördern würde. Ich zweifle keinen
Augenblick, damit eine hochverräterische Handlung zu begehen, und doch
erfüllt mich das Bewußtsein, diesen Ärmsten wenigstens in einer
schwachen Hinsicht geholfen zu haben, mit dem Gefühl größeren Glückes
als jede andere Tat es vermöchte.
Konia, den 28. Oktober.
Im Bade.
Heute ist der neununddreißigste Tag, seit wir Bagdad verließen. Da der
Zug über Mittag liegen bleibt, gehe ich ein paar Schritte in die
herbstliche Stadt. Müde setze ich mich in die verlassene Moschee, hocke
mich in einer Nische auf den Boden, lege den Daumen hinter die
Ohrläppchen und fange zu grübeln an. Bald kommen die Leute und Soldaten
von der Straße herein. Ein paar Vögel zwitschern in der Kuppel, die
Stimme des Vorbeters klingt, von tiefem Schweigen unterbrochen, durch
den Raum. Einen Augenblick denke ich, von einem Schwindel der Gefühle
erfaßt: Gott, wo bist du? So schlafe ich ein und erwache erst, als das
Bethaus leer ist, und wie zur Antwort singt eine grenzenlose Öde durch
den Raum.
In weiße Tücher gehüllt, liege ich auf der Ruhebank des Bades. Nur
gedämpft klingt der Lärm der Stadt herüber, ein blaues Licht fällt durch
die Decke herab. Noch brennt mir die Haut von dem heißen Seifenwasser,
und verwundert schaue ich mein sonnenverbranntes Gesicht im Spiegel, den
langen Bart, der mir in der Wüste gewachsen ist. Zuweilen aber sinke ich
in Träume, dann steigt gewaltsam und furchtbar ein Werk vor mir auf, von
dem ich glaube, daß es zu dem Grausamsten gehören muß, was je über
menschliches Elend geschrieben wurde.
Ehe ich Aleppo verließ, ging ich in das Polizeigebäude, um bei dem
Leiter der Ansiedlungen für Manuel zu bitten. Aber obgleich er drüben in
seinem Amtszimmer saß und ich seinen Kopf durch die Scheiben erblickte,
ließ er mir durch den Diener sagen, er wäre verreist. In allen
Gesichtern, die aus den Türen sahen, wohnte ein feiges Gewissen. Ich
ließ mich bei seinem Vertreter melden. Alle waren sehr höflich, und wie
immer bot man mir eine Schale Kaffee an. Doch während ihm Angst und Lüge
deutlich in die Augenwinkel geschrieben stand, wagte er doch zu
behaupten, mit der Frage der Ansiedlungen hätten sie nichts zu schaffen.
So trat ich, ohne ein Wort meiner Bitte vorgetragen zu haben, wieder
hinaus, die Treppe hinunter, an den Polizisten vorbei, die mit falschen
Gesichtern in den Winkeln standen.
Von Neuem breitet der Badewärter ein frisches Laken über mich. Ein
wohliges Gefühl entfesselt alle Glieder. Aber schon im Halbschlaf sehe
ich noch einmal die bloßen braungebrannten Füße des armenischen Knaben
vor mir, die schon so viele Meilen in die Ferne gewandert sind. Seine
dunklen Augen blicken fragend zu mir auf ... Manuel wird in der Wüste
sterben. Ich habe ihn nicht wiedergesehen.