Brief an die Eltern

Im Palmengarten der Karmelitermönche.

Bagdad, den 21. August 1916.

Welches gerechte Erstaunen, welcher Schmerz, Ihr einsamen Seelen, wird

Euch erfaßt haben, als Ihr saht, daß ich fast zwei Monate geschwiegen

habe. Daß ich von Zwiespältigkeiten, Demütigungen und einer Menge nur

halb gelebter Stunden umhergeworfen, mich fast selber vergaß, seit ich

Bagdad, dieses verlogene Gebäude von Schmutz, Staub, glühenden

Backsteinen, schlechtem Essen und knechtischem Soldatenton von neuem

betrat. Denn wir waren kaum aus der »Pfanne von Babel« heraus, als uns

schon auf der Straße nach Mauhanil das Unheil mit verbogenen Federn in

den Staub warf. Als unser Wagen plötzlich zusammenknickte wie ein Kamel,

das sich in die Knie wirft, während die zerlumpten Kutscher unter den

Kolbenstößen der Gendarmen mit einem arabischen »das tut nichts« die

verbogenen Federn mit Bindfaden wieder aneinanderflickten. Ja, ich

glaube, ich verdanke es nur der Güte des Bruders Ägidius, wenn ich im

Schatten seiner Feigenbäume noch einmal dazu kam, mich auf mich selbst

zu besinnen, wenn ich für Augenblicke zurückschauen kann auf Leiden,

Hindernisse und Fallstricke, die ich, ein gehetztes Wild, überspringen

mußte, um endlich zur Ruhe zu kommen. Zur Ruhe zu kommen? ... ach, um

aufgescheucht, atemlos von neuem durch Gestrüpp und über Abgründe zu

stürzen. Denn während ich halb krank durch die Straßen von Bagdad irrte,

wie ein persischer Bettelmönch in einem hauslosen Stande lebend, während

ich jeden Morgen meine Wohnung wechselte, mit der Last meiner Teppiche

und dem zu einem Hausrat angewachsenen Gepäck, während ich in

halbzerfallenen Häusern nächtigte, jeden Tag der Stunde der Heimkehr

gedenkend, erreichte mich eines Abends der Tagesbefehl vom 26. Juli

1916: »Der Sanitätssoldat Wegner wird in die Cholerabaracken

kommandiert.«

Da stand ich im Schein meiner Handlaterne in der Finsternis unseres

kleinen Hofes, faltete das Papier zusammen, und mir war, als hielte ich

mein Todesurteil in der Hand. Von Fieber und innerem Leiden geschwächt,

soeben von den Ärzten eines dreimonatlichen Urlaubs versichert, dennoch

von täglichen Verlockungen bewegt und noch gestern bereit, nach Persien

oder Ägypten zu wandern, erkannte ich an der Unterschrift dieses

Befehls, daß alle Pläne, die ich in den letzten Tagen erwog, mir für

immer zerbrochen waren. Niedertracht und Verleumdung, die mit

gespreizten Beinen auf den Dächern der Stadt reiten, hatten sich an die

Spuren meines Weges geheftet. Der böse Wille eines preußischen

Offiziers, der es nicht duldete, daß meine geringe Verachtung vor seiner

nur mit einer Schlafhose bekleideten Körperlichkeit sich zu verneigen

wagte, statt stramm zu stehen. Denn nach meiner Rückkehr aus Babylon

hatte man mich für kurze Zeit in ein fremdes Haus einquartiert, dessen

Räume ich kaum betreten hatte, als ein mir unbekannter Deutscher im

Türrahmen des Zimmers erschien. An einen vertrauten Umgang gewöhnt,

machte ich eine leichte Verbeugung, da er auf seinen nackten, von

Schweiß geröteten Schulterblättern die Abzeichen seines Hauptmannsranges

in der Tat nicht eintätowiert trug. »Wer sind Sie?« Ich nannte meinen

Namen. Er fragte nach meinem militärischen Rang. Ich würde mich schämen,

Euch die Worte zu wiederholen, die darauf folgten. Am Abend fand ich das

Feldbett, das mein Diener auf dem obersten Dach aufgeschlagen hatte,

eine Stufe tiefer aus dem Wind gestellt. Wenige Tage darauf wollte es

das Unglück, daß ich, noch immer auf die Ausfertigung meines

Urlaubsscheines wartend, mit einer schönen Frau durch den öffentlichen

Palmengarten von Bagdad ging, während der deutsche Etappenmajor vor der

Kapelle seinen Kaffee einnahm. Schon am nächsten Abend hielt ich diesen

Befehl in Händen, der geeignet schien, die Hoffnung auf Heimkehr für

immer in mir zu töten.

Mit wie bitteren Gefühlen, wie schmerzlicher Sehnsucht ging ich in

dieser Nacht auf der Terrasse unseres Daches umher, wo Pater Joseph, mit

dem ich das einsame Haus teilte, sich neben mir auf das von

Palmenzweigen geflochtene Bett warf. »Schlafen Sie ruhig,« sprach seine

Stimme durch das Dunkel, »ich habe es immer gefühlt, daß über Ihnen eine

schützende Hand schwebt.« Ich aber blickte in den nächtlichen Himmel, an

dem violett schimmernde Sterne ihr ewiges Spiel begannen. Ich konnte

mich nicht losreißen davon, daß dies nicht der Wille der Notwendigkeit

war, der mich von neuem auf die Straße des Verderbens stürzte und meinen

kaum wiederhergestellten Körper, den ich nicht ohne Mühe auf den Beinen

hielt, bald wieder auf das Lager werfen mußte. Mein immer bereiter

Wunsch, den Leidenden zu helfen, sah sich gegen eine Mauer haßerfüllter

Blicke gestellt, die gerüstet schienen, mich zu vernichten. Aus den

weißen Laken der Betten sah ich von neuem die Gebärde der Hilflosigkeit

gegen mich Hilflosen gerichtet, die Gesichter des Entsetzens vor mich

hingestellt, vielfach und schmerzlich aneinandergereiht, wie ich sie so

oft in diesen Jahren gesehen.

Da gedachte ich Eurer und Eurer Liebe, die bei mir war, Ihr einsamen

Seelen. Zum ersten Male in meinem Leben, seit vielen Jahren, sah ich

Euch beide vereint wie in den Tagen der Kindheit. Eure Augen trugen den

alten Glanz, aber Kummer und Sorgen hatten Eure Gesichter gezeichnet.

Und von Sehnsucht überwältigt, griff ich zum zehnten Male nach Euren

Briefen, aber es waren die alten, tränenbeladenen Seiten, die von dem

Tode unseres Bruders kündeten. Wieder sah ich Euch abschiednehmend vor

mir stehen, wie Ihr die väterliche und mütterliche Rechte zum letztenmal

dem Sohn auf das tote Herz legtet, wie Ihr beide, ein alterndes

Zwiegespann, müde an dem verwaisten Herde zurückbliebt.

Mit einer bitteren Verzweiflung ging ich in diesen Tagen von neuem an

die Arbeit, bereit, das Letzte zu geben, das in mir war, bemüht um die

Schmerzen neuer Menschen, als hätte es irgendwo dort hinten nie ein

anderes Dasein gegeben als dieses, das mit bolus alber und trockenem

Brot zwischen den Betten umherlief, die mit dem Schmutz der Kranken

bedeckt waren. Eines Morgens fand ich in der Schreibstube zwischen den

Papieren einen geheimen Befehl an den leitenden Arzt des Lazarettes, der

den Vermerk trug: »W. ist so zu beschäftigen, daß ihm jede Lust, in

Bagdad spazieren zu gehen, vergeht.« Man stellte mir also nach dem

Leben, beraubte mich des höheren Ranges, den mir der Feldmarschall

verliehen hatte, zwang mich zu einer Tätigkeit, der ich bei meinem

Zustand nicht mehr gewachsen war, und übertrug mir in schändlicher

Absicht bei täglich zwölfstündigem Dienst noch drei Nachtwachen in einer

Woche. Nur einem Wunder verdanke ich es, daß die Cholera in diesen Tagen

nachließ. Ein an Leiden Erblindeter, irrte ich in den gedeckten Kellern

dahin, lief mit arabischen Handwerkern durch die heiße Sonne, einen

Leichnam in seinen Sarg zu löten, oder stahl mich im Dunkel zwischen den

Palmen hinaus, einem Toten drei Handvoll Erde in die Grube zu werfen,

mit dem ich noch gestern bei Tische saß. In diesen Tagen lernte ich den

Schlaf über alles lieben. Wenn es zuweilen geschah, daß ich des Nachts

emporfuhr, schloß ich erschreckt von neuem die Augen: nicht einen

Gedanken länger in einer Welt leben zu müssen, die schamlos die Wurzeln

aller Taten entblößte, eine Welt zu schauen, die so sehr das Abbild der

Selbstsucht und der Zwistigkeit war, von harten Herzen gesteinigt, unter

dem niederen Himmel böse blickender Augen, die nicht gewillt schienen,

mich mit Liebe zu lohnen. Voll Wehmut gedachte ich der Tage, da ich mit

dem Feldmarschall, mit Sven Hedin und dem erfahrenen Herzoge von

Mecklenburg zu Tische gesessen, da ich ihnen im abendlichen Lichte des

Tigris vorgelesen, gedachte der achtungsvollen Worte ihrer Freundschaft,

der liebenden Geste, mit der sie mir die Hand reichten. Es war weder

Ehrgeiz noch Beschämung, die mich erfaßten, daß ich mich plötzlich so

herabgesetzt sah und in den Kreis der Enttäuschung geführt (bin ich

nicht immer der Gast der Armut gewesen?), aber es schmerzte mich,

Verleumdung und niedriger Vergeltung zu begegnen, wo ich zu halbem

Erstaunen oft Liebe und herzliche Erkenntnis fand. Der Strom der Bosheit

hatte auch mich ergriffen. Ich sah, wie er immer weitere Kreise zog,

mich immer weiter hinwegführte von meinen Freunden.

Ach, ich wußte es wohl, die mich liebten, lagen unter den Toten draußen

oder kehrten enttäuscht und ungläubig in die Heimat zurück. Und eines

Mittags, nachdem ich die Nacht Wache gehalten, lief ich in die Wüste

hinaus, das Grab meines Stabsarztes zu suchen. Aber ich irrte vergeblich

in glühenden Winden zwischen Aas und zerfallenen Hügeln umher, bis ich

im Staube kauernd den blinden Wärter des Friedhofes fand, der, mit

greisen Händen über den Buckel der Gräber tastend, lange zwischen den

zerfallenen Steinen umherlief, mich endlich vor eine kahle Stelle zu

führen. Enttäuscht blickte ich auf die entblößte Stätte dessen, den ich

geliebt hatte, die so Unvergeßliches für mich barg, von denen betrogen,

die mir während meiner langen Krankheit oft ihr Wort gegeben, dafür

Sorge zu tragen. Nicht ein Zeichen der Erinnerung war mir geblieben, als

der traurige Schatz meines Herzens, mit dem ich Trostloser zurücklief in

die Stadt.

Und ich ging durch den schlafenden Bazar, dessen hundert Augen

geschlossen lagen, denn es war Feiertag, und dessen schmale Gänge sich

in finsterer Einsamkeit dehnten, bis der Zufall mich in eine verlassene

Karawanserei führte, wo alte Teppiche, Möbel und Waffen vergangener

Jahrhunderte aufgespeichert lagen. Und wie ich mich so einsam und

bekümmert zwischen ihnen stehen sah, von Krankheit und Heimweh

geschwächt, in meinem abgerissenen Waffenrock und meinen staubigen

Soldatenstiefeln, da fühlte ich, daß auch ich nichts anderes war, als

ein wertloser Gegenstand, noch eben gut, um als Hemmschuh für das

gleitende Rad des Todes zu dienen, alt, abgebraucht und um sechzig

Piaster verhandelt.

Euer Sohn, der Freund der Toten.

Der Weg ohne Heimkehr: Ein Martyrium in Briefen · 第 26 / 38 题