An einen Freund

Hans Feige, gestorben den 2. Februar 1917 zu Sipote in

rumänischer Gefangenschaft.

Babel, den 24. Juni 16.

Mein lieber Hans, es scheint, als wenn eine unsagbare Macht mich abhält,

meinen Freunden zu schreiben, die im Felde stehen. So erging es mir mit

Fritz v. Z., bis er gefallen war, da bereute ich mein langes Schweigen

zu spät. Was ist es, das mir die Brücken zerbricht, die zu jenen

hinüberführen? Ist es die Unmöglichkeit der Vorstellung, daß Menschen,

die das Leben meiner Gemeinschaft führten, in das Rad einer Maschine

gespannt sind, die Betätigung eines Handwerks verrichten, das meinem

innersten Gefühl so sehr widerspricht? Ist es die Erkenntnis, trotz

aller Jahre der Freundschaft, aus Knabentagen heraufgewachsen, trotz

aller Gleichartigkeit der Gesinnung irdische und seelische Weiten

zwischen sich zu fühlen, die zur Stunde noch unüberbrückbar sind? Ich

habe mit stiller Genugtuung Deine Briefe gelesen. Nein, Du bist Dir treu

geblieben. Noch zwischen Bajonetten und dem kalten Regen der Schüsse

sehe ich Deine Seele tanzen. Noch in Laufgräben und Unterständen sind

süße Frauen an Deine Seite gebettet.

Vielleicht schmerzt es mich, daß Du meine letzten Worte so wenig

verstanden hast, daß Du Gefühle an Dich gerichtet empfinden konntest,

die so sehr anderen Menschen galten. Aber ich will jenes Briefes, auf

Krankenbetten, in Bitternissen geschrieben, nicht wieder gedenken. Hier

liegen Monate, die der gefolterten Seele Jahrtausende sind. Nur zu

lieben, zu schaffen ist meine Seele bereit, zwei Berufe, für die diese

Zeit sie schwach und untüchtig gemacht hat. Was soll ich Dir sagen? Wenn

ich ein Land wüßte, dem Krieg zu entfliehen, eine Scholle oder die

Schroffe eines Berges, noch seinem leisesten Echo fern zu sein oder dem

unüberwindlichen Geruch des Blutes, den der Wind über die Erde hinträgt,

würde ich, ein Soldat, mit den heiligsten Eiden berufen, Wunden zu

heilen und Trost zu sprechen, nicht diese Stätten des Unheils und der

vermodernden Schädel verlassen, wortbrüchig, aber treu der heiligsten

Pflicht der Seele? Würde ich nicht schwach genug sein, dem Drange nicht

länger zu widerstehen in der Unerreichbarkeit der Fremde, sollte ich

auch Mutter, Freunde und Geliebte für immer verlassen, für mich, ein

Einzelner, das Gebäude des Friedens und der Arbeit neu zu errichten? Und

wenn es dennoch einen Ort gab, an dem ich Ruhe fand, eine Stätte, an der

ich glücklich wurde, so war es unter dem Dache dieses Hauses, das aus

den Trümmern Jahrtausende alter Ziegel erbaut ist, bei dem

melancholischen Gesang der Wasserheber, im Schatten uralter Palmen und

Maulbeerbäume, den vergessenen Resten des Paradieses, in der

Gemeinschaft einfacher und sinnhafter Menschen, Tagediebe und

räuberischer Seelen (ja, auch diese noch wage ich zu lieben).

Freilich erschien mir auch hier das Rätsel das gleiche, von dem wir

umlauert sind, und nie empfand ich die dunkle Antwort der Erde auf die

Nichtigkeit alles menschlichen Tuns so stark, wie auf den zerbrochenen

Mauern dieser aus ewigem Schlafe erstandenen Stadt, wenn ich im

Abendschatten auf der Höhe dunkelgebreiteter Schutthügel wie auf den

Spitzen verlassener Berge zu stehen glaubte und aus den Spalten der

silberne Ton einer Blaurake sich hob. Denn auch wir waren bestrebt,

höher zu bauen als unsere Väter. Auch wir bauten an einem Turme zu

Babel. Auch wir Völker dieser noch atmenden Erde redeten in vielerlei

Zungen, waren in Wirrnis geworfen und verstanden uns nicht. Und auch

unsere Kinder werden einst einen hohlen Abgrund finden, einen See voll

Wasser, über den der klagende Ton einsamer Vögel hinstreicht, wo wir

einst gewaltige Mauern errichteten, ragende Türme und unendliche

Treppen, in den Himmel zu steigen. Ach, daß wir nicht reif wurden, einen

andern Stern zu betreten, da die Erde nicht Raum hat, uns Erlösung zu

bringen.

Wo bist Du? In welchem Winkel der Schlachten soll ich Dich suchen,

geliebter Gefährte so vieler unwiederbringlicher Jahre? Soll ich auch

Dich unter den Toten wiederfinden? Ich fühle, wie es einsam um mich

wird. Einsam, da ich noch immer von jugendlichem Stürmen erfüllt bin, da

ich erst angefangen habe, zu leben, da ich endlich die Straße fand, nach

der ich so lange suchte. Möchte mir die schmerzliche Stunde erspart

bleiben, als letzter der Freunde zu sterben.

Vor meinem Fenster, im Uferrasen des Euphrat, gehen junge Araberfrauen,

Schößlinge von Palmen im Arm, und wie sie im Schatten der Dorfmauer

hinschreiten, gleichen sie sanftfüßigen Boten des Friedens. Möchten die

zartfingrigen Zweige ihrer Triebe, ehe sie Wurzel schlagen, seine ersten

Tage beschatten. Doch nun sehe ich Dich im Staube der Landstraße

dahinziehen, von Sonne und der fröhlichen Schar der Kameraden umgeben,

das furchtbare Mordgewehr auf dem Rücken, ein Lied singend. »Der Sohn

des Leichtsinns ist immer glücklich!« -- rief mir gestern ein arabischer

Eseltreiber zu, der sich lachend auf das mit blutigen Striemen bedeckte

Tier schwang, und wenn Kummer und Not und die pedantische Hand des Todes

um Dein Haupt sein sollten: bleib mir erhalten, alter Junge!

Der Weg ohne Heimkehr: Ein Martyrium in Briefen · 第 25 / 38 题