Aufstand? --

Wenige glaubten, daß es ernst war --. „Wir kennen unsere Schwarzen!“

„Spielen einen Stamm gegen den andern aus, wenn es irgendwo losgeht!“ --

„Heute können Sie mit dem Spazierstock durch Afrika gehen!“ „An der

Küste vor allem sind Unruhen nicht zu erwarten.“

Die Worte klangen noch im Ohre, da kamen Gerüchte vom Angriff auf

eine Ansiedelung und Gefährdung der südlichen Küstenplätze. Und

wieder hieß es: „Zwischen Kilwa und Mohorro sitzen die Matumbi, von

jeher unzufriedene Gesellen, die sich schon öfter regten; es wird

nichts zu bedeuten haben.“ Doch die Nachrichten wurden dringender:

Tausende bewaffnete Eingeborene bedrohten die Orte Kilwa und

Mohorro; ein Ansiedler wurde ermordet, der zum Schutze einer großen

Baumwollpflanzung entsandte Feldwebel mit seiner kleinen Truppe von

zweitausend Schwarzen angegriffen. Man durfte sich nicht mehr täuschen,

die Sache wurde ernst.

Zufällig lag der kleine Kreuzer „Bussard“ im Hafen von Daressalam.

Mit seiner Hilfe tat der Gouverneur Graf Goetzen alles, was in seinen

Kräften stand, um der Gefahr entgegenzutreten. Die Daressalamer Askari

wurden nach Kilwa gebracht; Matrosendetachements sollten zum Schutze

von Kilwa und Mohorro gelandet werden.

In den Nachmittagsstunden des 3. Augusts betraten viele schwarze

Soldaten mit Patronentaschen und Gewehren das Oberdeck des

Kriegsschiffs, das in dem stillen Hafen von Daressalam lag. Auf

die Soldaten folgten scheue Träger aus dem Innern, die vielleicht

zum ersten Male ein Schiff aus der Nähe sahen. Reittiere wurden

übergenommen und auf das Vordeck gestellt; alles schon in der

Dunkelheit.

Abends warf das Schiff von der Boje los und ging durch die enge

Ausfahrt in See. Die Fahrrinne war heute durch Lichter gekennzeichnet.

-- Um Mitternacht blitzte das Leuchtfeuer von Mafia an Steuerbord auf.

Hinter der Insel lag Mohorro, der Rufiyi und das Land, in dem der

Aufstand ausgebrochen sein sollte.

Der „Bussard“ nahm seinen Kurs südwärts nach der Reede von

Kilwa-Kivindje, dem Kilwa, das die Sklavenhändler einst angelegt haben,

weil die flache, sanft ins Meer verlaufende Küste mit ihren weiten

Sandbänken, dem Platz Schutz gegen die Annäherung der Kriegsschiffe

bot. Dort wurde die Schutztruppe am folgenden Nachmittage gelandet und

eine Abteilung Matrosen zur Sicherung der Stadt ausgeschifft.

Major Johannes ging von Kilwa aus mit der Askaritruppe nach dem Herd

der Unruhen vor, während den Landungsabteilungen S. M. S. „Bussard“ die

Aufgabe zufiel, die Küstenplätze zu sichern.

[Sidenote: Im Mohorrofluß.]

Der „Bussard“ ankerte am 5. August vor dem südlichsten Mündungsarm

des Rufiyi, nicht weit von dem Ort Samanga, den Aufständige geplündert

hatten. Am Abend brachte mich der Zollkreuzer Kingani -- ein kleiner

Dampfer des Gouvernements -- in die Utagitemündung des Rufiyi. Ich

hatte zweiundzwanzig Matrosen mit und sollte den Ort Mohorro gegen die

Aufständigen schützen.

Näher kamen die Umrisse der Uferpartien, immer kleiner wurde das

Kriegsschiff, bis es durch die ersten, mit Büschen bewachsenen

Sandbänke unseren Blicken entzogen wurde; vielleicht hatten wir es für

lange Zeit zum letztenmal gesehen! Die Aussicht auf Erlebnisse und der

Reiz der Wildnis lockten mich; ich hoffte in dieser Stunde, daß mir ein

langer Aufenthalt im Lande bevorstehe.

Meine Matrosen werden ebenso gedacht haben; die Seeleute haben ja so

selten Gelegenheit, fremde Länder in ihrer wirklichen Schönheit zu

genießen und sehen von den großen Kolonien meist nicht mehr als die

Strandpromenaden, Klubhäuser und Kneipen der Küstenstädte. In der

bevorstehenden Abwechslung sah mancher, den der Drang, die weite Welt

kennen zu lernen, zur Marine getrieben hatte, die Erfüllung seiner

Jugendträume. Die Phantasie malte Steppen und Wälder des Innern, ferne

Berge und Ströme, wilde Menschen und seltene Tiere.

Die Nacht brach herein; wir mußten ankern, um nicht auf Untiefen

festzufahren. Die Matrosen richteten sich auf dem Deck des kleinen

Dampfers und in dem Schleppboot so gut es ging Schlafplätze ein.

Ich dachte an meine Aufgabe und las immer wieder den sorgfältig

geschriebenen Befehl, den mir der Kommandant, Korvettenkapitän Back

selbst gegeben hatte: nur wenn Mohorro wirklich in Gefahr war, sollte

ich im Lande bleiben, andernfalls sofort an Bord zurückkehren. An

längere kriegerische Tätigkeit glaubte noch niemand; mir fiel ein, was

der Erste Offizier zu mir sagte, als ich mir Wäsche und Proviant für

acht Tage einpackte: „Wozu schleppen Sie so viel mit, übermorgen sind

Sie ja wieder hier.“ Würde er recht behalten? -- Mehr als sechs Monate

vergingen, bis ich unser schönes Schiff wiedersah.

Leise plätscherte das Wasser des Stromes an der Bordwand des kleinen

Dampfers. Von den Ufern mit ihren düsteren, einförmigen Sumpfbäumen war

bald nichts mehr zu sehen. Alles schlief an Bord.

Kühler Wind wehte die ganze Nacht hindurch und schaffte uns

erquickenden Schlaf. Als die Sonne am klaren Himmel aufging, sah sie

in lauter frohe Gesichter; jeder erwartete etwas von den nächsten

Tagen. Schon die Bootfahrt war ganz dazu angetan, die Stimmung auf der

Höhe zu halten. Bei Sonnenaufgang wurde der Anker gelichtet und der

Kurs stromauf genommen. In den Mangroven saßen schneeweiße Edelreiher;

Graufischer flatterten über dem Wasser, Brachvögel und Strandläufer

suchten auf dem schlammigen Boden nach Nahrung und waren durch ihre

Farbe kaum von der Umgebung zu unterscheiden.

Die auflaufende Strömung förderte unsere Fahrt. Bald machte die

einförmige Mangrovenvegetation freundlicheren Landschaftsbildern Platz.

Der Fluß wurde schmaler. Sandige Uferböschungen traten hervor,

Sträucher, Phönixpalmen; endlich die dunklen, dichtbelaubten Mangobäume

und schlanke Kokospalmen als Zeichen menschlicher Kultur. Kleine

Dörfer in Feldern mit Kaffernkorn und Mais. Neger standen am Ufer und

antworteten „es ist Friede“ wenn man fragte: „Was gibt’s Neues vom

Aufstand?“ Affen turnten durch die Äste der Uferbüsche; Perlhühner

reckten ihre Hälse; ein Flußpferd steckte prustend seine Nase aus dem

Wasser.

Gegen Mittag mußte der Dampfer ankern, weil das Wasser zu flach wurde.

Wir gingen noch zwei Stunden über Land, durch Felder mit Zuckerrohr,

Mohogo, Mais, Bananen und Ananas.

[Sidenote: Ankunft in Mohorro.]

Als wir den Ort Mohorro erreichten und im Gleichschritt durch die

graden Straßen marschierten, kamen Araber, Inder und Neger, malerisch

in bunte Tücher gekleidet, vor die Türen ihrer Hütten und Läden. Es war

das Bild einer sauberen Negerstadt, in der reges Leben herrscht.

Der Bezirksamtmann, Herr Keudel, kam mir an der großen Holzbrücke,

die den Fluß überspannt, entgegen und führte mich zu den Gebäuden des

Bezirksamts, in denen die Mannschaft untergebracht wurde.

[Illustration: Mangrovenwald am Mohorrofluß.

Die Mangroven vertragen Salzwasser. Es gibt mehrere Arten; einige geben

gutes Bretterholz, andere nur Brennholz und Grubenhölzer. Die Rinde

enthält viel Gerbsäure und wird seit einigen Jahren exportiert. Die

Wälder an der Rufiyimündung werden von drei Forstbeamten verwaltet. Die

Mangrove hat sich wunderbar an die Gezeiten des Meeres angepaßt. Ihre

Stelzwurzeln werden zur Flutzeit vom Meerwasser umspült; während der

Ebbe sieht man auf ihnen Muscheln, Krabben und Schlammspringer.]

Außer dem Bezirksamtmann waren in Mohorro noch sechs Europäer: ein

Bezirksamtssekretär, ein Wirtschaftsinspektor, ein Kommunalsekretär,

der die Kommunalkasse verwaltete, ein Sanitätssergeant, der zugleich

Post- und Telegraph versah, der Unteroffizier der Polizeitruppe und

ein Schreiber. Im Bezirk selbst war nur ein Weißer: Herr Wiebusch, der

Leiter der Schule für Baumwollbau. Der Bezirksamtmann war erst vor

kurzem von einer Reise durch den Bezirk zurückgekehrt und konnte mich

über die Verhältnisse im Lande unterrichten. Nach seinen Schilderungen

waren weite Teile des fruchtbaren Landes in den Niederungen gut

bevölkert und eine reiche Ernte war eingebracht. Der reichliche

und täglich bei Spiel und Tanz wiederholte Genuß der berauschenden

Getränke, die die Neger aus den gewonnenen Ernteprodukten herstellen,

konnte vorübergehend Ursache ihrer feindlichen Haltung sein; es war

aber auch nicht ausgeschlossen, daß tieferliegende Gründe eine lange

vorbereitete Aufstandsbewegung entfacht hatten, die ähnlich wie in

Südwestafrika, plötzlich und unerwartet an allen Ecken losbrechen

konnte, um der Fremdherrschaft ein Ende zu machen.

So dachte Bezirksamtssekretär Stollowsky, der den Bezirksamtmann

während seiner Abwesenheit vertreten hatte. Er hatte den Andeutungen

und Erzählungen der Neger über sonderbare, einfältige Mittel, mit denen

einheimische Zauberer die Eingeborenen für sich gewannen, besondere

Bedeutung beigelegt und nicht geruht, bis die verdächtigen Leute hinter

Schloß und Riegel saßen. Das kann wohl ein Verdienst genannt werden;

denn wahrscheinlich hat die vorzeitige Entdeckung zu dem mehr lokalen

Ausbruch der Unruhen geführt und so ein planmäßiges, verabredetes und

allgemeines Vorgehen der Neger gegen die Europäer im nächsten Jahre,

vereitelt.

Nach der Unterdrückung der Araberaufstände, der Unterwerfung der Wahehe

und seitdem die Massaigefahr nüchtern beurteilt wurde, war man von Jahr

zu Jahr sorgloser geworden.

Kleine Unruhen waren in den Kolonien stets an der Tagesordnung;

wurden aber nicht bekannt, denn es bestand der von allen Afrikanern

gebilligte Brauch, in solchen Fällen nicht von Aufstand oder Krieg zu

sprechen, weil das bei der Schwierigkeit Verhältnisse aus der Ferne

zu beurteilen, leicht in der Heimat unnötig Lärm verursacht. Schnell

wieder Ordnung schaffen mit allen Mitteln, wenn es eben einmal nicht

gelungen war, Ordnung zu halten: das war der Befehl des Gouvernements,

der von allen Bezirkschefs verstanden wurde. Einer Kolonie, die stets

ruhig aussieht, bewilligt man aber keine Soldaten, und so ging man

schon mit der Absicht um, zwei Kompagnien der im Verhältnis zur Größe

der Kolonie nicht großen und nicht zu teuren Schutztruppe zu streichen,

als der Aufstand ausbrach.

Zum Glück war man diesmal den Schwarzen zuvorgekommen; noch hatten

sich die Polizeiaskari in gewohnter Weise im Lande bewegen und die

gefährlichen Elemente festnehmen können. Kein Widerstand regte sich

dabei. Aber bald darauf zeigten die Neger in den Matumbibergen ihren

Unwillen über den vom Bezirksamt befohlenen Anbau von Baumwolle, der

ihnen lästig war und dessen Nutzen sie noch nicht einsahen; da begannen

die Ausschreitungen.

[Sidenote: Haltung der Araber.]

Von Bedeutung war dabei die Haltung der Araber. Im Mohorrobezirk wohnte

eine ganze Anzahl. Sie besaßen gute Pflanzungen in der Umgegend oder

betrieben kleine Zuckermühlen, hatten als Arbeiter Sklaven, die bei

ihnen wohnten und verpflegt wurden, bezahlten außerdem aber schon

Lohnarbeiter. Ihre wirtschaftliche Lage war recht gut, und sie waren

nicht in dem Maße den Indern verschuldet, wie ihre Brüder in den

reichen Zuckergebieten am Pangani, weil das Bezirksamt hier auf den

Wucher der Inder ein Augenmerk hatte.

Einige von ihnen waren als Unterbeamte, als Akiden angestellt und

hatten als solche Steuern einzutreiben, die Befehle des Bezirksamts

bekannt zu geben und etwas Strafgewalt auszuüben. Diese fühlten

sich durch ihre Vertrauensstellung eng mit der deutschen Herrschaft

verbunden und sahen, daß unter ihr zu leben war.

Vielleicht gerade wegen dieser Vertrauensstellung hatte sich das

Zerstörungswerk der Aufständischen in den Matumbibergen auch auf den

Besitz der Araber erstreckt; jedenfalls konnten es als gutes Zeichen

für die Stellung der Araber ansehen, daß der Haß der Neger sich auch

gegen diese richtete.

Der Bezirksamtmann verließ sich deshalb weiter auf seine farbigen

Akiden, die ununterbrochen Boten mit Nachrichten aus dem Lande

schickten und die Lage viel ernster darstellten, als sie anfangs

beurteilt worden war.

Ich wohnte in dem geräumigen Hause des Bezirksamtmanns und bemühte

mich, aus den Schilderungen der Boten ein Bild von dem Wesen der

Aufstandsbewegung zu bekommen. Es war immer das gleiche: „Schickt

schnell Askari, die Schenzi[7] kommen; sie werden unsere Hütten

abbrennen, das Getreide wegnehmen und uns töten, wenn wir nicht

mitmachen oder fliehen.“ Bald danach kam ein anderer Bote mit der

Hiobspost: „Unsere Hütten sind verbrannt, Menschen erschossen; die

Schenzis ziehen weiter, viele schließen sich ihnen an.“

Immer näher bei Mohorro mordeten und brannten die Aufständigen, ohne

daß ihnen entgegengetreten wurde. Ihre Zahl vergrößerte sich von Tag

zu Tag. Noch waren die Stämme auf der Nordseite des Flusses ruhig;

bald konnte die Bewegung auch dorthin übergreifen, dann war Mohorro

isoliert. Wiederholte Bitten des Bezirksamtmanns an die Schutztruppe,

gegen den Rufiyi vorzugehen, blieben erfolglos, weil die Schutztruppe

selbst ernsten Widerstand gefunden hatte.

In dem Ort Mohorro herrschte deshalb eine sehr gedrückte Stimmung.

Sorge um Sicherheit für Leben und Gut verbreitete sich. Man merkte

es den Eingeborenen an, daß sie nicht verstanden, weshalb die

Europäertruppe untätig blieb; nur zu leicht konnte das als Schwäche und

Feigheit ausgelegt werden.

Das Vertrauen auf die Macht und den Schutz durch die Soldaten durfte

nicht schwinden, wenn Ruhe im Lande geschaffen und erhalten werden

sollte. Aber ich durfte ohne besonderen Grund nicht wagen, dem Feinde

entgegenzugehen und mußte abwarten bis eine äußere Veranlassung mich

dazu zwang, denn mein Befehl sagte nur, ich sollte Mohorro verteidigen.

Die Untätigkeit steigerte das Gefühl der Unsicherheit; denn wir wußten

vom Feinde fast nichts, und der Angriff auf Mohorro wurde täglich

erwartet. Bald wurden von Süden, bald von den Kitschibergen her,

Schenzis im Anmarsch gemeldet. Die Telegraphenleitungen waren meistens

unterbrochen; der mit der Reparatur beschäftigte Beamte und sein

kleines Bedeckungskommando wurden oft hart von Angreifern bedrängt.

Auch nachts war scharfe Aufmerksamkeit nötig; denn Niemand konnte

sagen, ob das Volk nicht auch in der Dunkelheit angreife.

[Sidenote: Der erste Angriff.]

Am dritten Tage nach meiner Ankunft häuften sich die bösen Nachrichten

aus dem Süden. Flüchtlinge meldeten, daß die Aufständigen anderthalb

Stunden von Mohorro entfernt, brannten, plünderten und schössen. Ein

Knäuel von Menschen erschien vor dem Bezirksamt; erregte Eingeborene,

Araber, Weiber und Kinder schlossen sich den Boten an. Die Aufregung

der Leute angesichts der nahen Gefahr gab zu denken. Wenn es so weiter

ging, und einer nach dem andern von uns abfiel, konnte man durch

Eingeborene aus der nächsten Umgebung überrumpelt werden. Bei den

fortwährenden Übergriffen der Aufständigen, die alle nicht zu ihnen

übertretenden Leute ausplünderten und töteten, standen die Schwarzen an

der Peripherie des Aufstandsgebietes alle vor dem Entschluß, sich dem

Aufstand anzuschließen, um ihr Eigentum und die gerade hereingebrachte

Ernte zu retten, wenn sie nicht Vertrauen auf den Schutz der Europäer

bekommen konnten.

Der Entschluß zu marschieren wurde mir sehr schwer, weil mein Befehl

ausdrücklich vorschrieb, mich auf die Verteidigung zu beschränken.

Jedoch der Telegraph war unterbrochen, Befehle konnte ich mir also

nicht einholen, und schnelles Handeln tat not.

Mit elf Matrosen und dreißig Askari der Polizeitruppe verließ ich

Mohorro. Es blieben genug Soldaten zurück, um das Bezirksamt im Notfall

zu schützen. Außerdem war das Maschinengewehr stets gefechtsbereit.

-- Schon nach einstündigem Marsch traf ich auf frisch zerstörte

Ortschaften; rauchende Trümmer und ganze Haufen glimmender Vorräte,

die der Wind in rote Glut setzte. Das waren Anzeichen für die Nähe der

Plünderer. Auf einem schmalen Fußpfad ging es vorwärts; durch kniehohes

Gras und niedrigen Busch; durch Felder mit Mohogo, abgeerntetem Mais

und Negerhirse. Bald trafen wir Aufständige.

Ich hatte unter einer Gruppe von Mangobäumen Rast gemacht und

eine Patrouille vorausgeschickt, die plötzlich hielt und Meldung

zurücksandte, etwa dreißig Schwarze mit Gewehren plünderten ein vor

uns liegendes Dorf und seien im Abziehen. So schnell wir auch folgten,

erreichten wir die Leute doch nicht und kamen an eine Wasserstelle, aus

der offenbar eben getrunken worden war.

Wir gingen weiter, in hohen Wald hinein.

Kurz darauf knallte es vor uns; blaue Rauchwölkchen stiegen auf; die

ersten Kugeln pfiffen an uns vorbei: die Vorposten der Aufständigen

hatten uns gesehen.

Zu beiden Seiten des Weges marschierten die Matrosen auf und feuerten

eine Salve in das vor uns liegende Dickicht; dann lief die ganze Linie

vor, und die Neger flohen zwischen den Büschen.

Darauf machte ich an der Wasserstelle Mittagsrast und ließ über dem

Winde das hohe, trockene Gras anzünden, um freie Übersicht in dem Walde

zu bekommen.

Ein Askariposten stand auf dem Wege, der weiter in den Wald hinein

führte. Hin und wieder fielen noch Schüsse; die Schenzis suchten die

Askari an ihrem Auftrage zu hindern. Wir ruhten unter den schattigen

Vordächern der Hütten und warteten auf die Rückkehr der ausgesandten

Patrouillen.

Plötzlich winkte der Posten. Sergeant ~Kühn~ sprang auf und lief

zu ihm hin; dann fiel ein Schuß. -- Alle griffen zu den Gewehren. --

Rundum im Busch fielen Schüsse.

Die Aufständigen waren offenbar in großer Zahl zurückgekehrt, um uns zu

überfallen! Über die ersten Toten ging es hinweg, in den Wald hinein;

Matrosen und Askari stürmten in langer Linie vor. -- Noch rauchte der

Wald vom Brand; hinein mischten sich die Rauchwölkchen der Gewehre,

unsere Kleider wurden von der Asche geschwärzt. -- Zwischen den Büschen

bewegten sich dunkle Leiber mit blauen Tüchern um die Hüften, liefen

und hielten Gewehre, Speere und Äxte in den Händen. Waffen lagen im

Wege und Blutspuren zeigten, daß Verwundete mit den Aufständigen flohen.

[Sidenote: Ein Überfall abgeschlagen.]

Für die Schenzis gab es kein Standhalten mehr. Wir ließen ihnen nicht

Zeit, die Gewehre zum zweiten Male zu laden und folgten bis an das

hohe, noch nicht niedergebrannte Gras. Dort ließ ich halten, weil der

Zusammenhang der Truppe in dem unübersichtlichen Gelände verloren ging,

und wir kein freies Schußfeld mehr hatten.

Alle waren vom Laufen erhitzt und fast außer Atem. Dennoch wären meine

Matrosen am liebsten gleich weiter gegangen, um das Lager der Schenzis

zu suchen. Aber wir mußten an den Rückmarsch denken; es war schon spät.

Das war nun der erste Zusammenstoß mit dem Feinde gewesen. Blut war

geflossen. Die ersten Toten, von unseren Gewehren erschossen, lagen

da. Wunderbar berührte es mich; wer gab uns das Recht, auf Menschen zu

schießen? -- Weshalb fielen gerade die und andere entkamen? --

Als wir, müde und durstig den weiten und sonnigen Weg nach Mohorro

zurückmarschierten, gingen mir die einzelnen Bilder des erlebten

Gefechtes noch einmal durch den Kopf. -- Menschen jagen -- und von

Menschen, wie ein Stück Wild gesucht und gejagt werden: Welch tiefen

Eindruck machte diese Art der Jagd auf mich! -- Dann noch eins: die

Toten! Und es fehlte zum Glück noch das Ergreifendste. Verluste

auf der eigenen Seite. -- In der Erinnerung spiegelte sich jetzt

alles deutlich: wie mich die Sorge um den Zusammenhang der Truppe

beherrschte, welche Einfälle mir kamen; ich sah die schwarzen Teufel,

die hinter den Büschen auf mich anlegten --, Rauch und Knall. Das galt

mir! -- Das Korn meiner Büchse spielt auf dem Körper eines Menschen,

der Schuß fällt -- er stürzt: Ganz ungekannte Eindrücke! Vorwärts!

-- Blaue Wölkchen blähen sich plötzlich aus dem Geäst, dann laufen

nackte Gestalten mit großem, altmodischem Gewehr und Pulverhorn.

Bald bleiben rechts, bald links von mir Schützen stehen, heben die

Gewehre und schießen -- zwischen den Büschen brennt das trockene Gras.

Dursterregende rauchige Luft atme ich ein. --

Als wir spät abends Mohorro wieder erreichten, war ich froh, das

Bezirksamt noch auf dem alten Fleck zu sehen. Wie leicht hätten

Aufständige hinter meinem Rücken angreifen können, und es wäre mir dann

schwerlich verziehen worden, wenn ein Unglück geschehen wäre. Aber

allein das Maschinengewehr, das mitten auf der Straße stand, wirkte

Wunder an Respekt bei den Eingeborenen.

Keudel hatte ein auserlesenes Abendbrot zurecht machen lassen, und wir

feierten die Feuertaufe bei einer Flasche Sekt, die ich vom „Bussard“

mitgebracht hatte.

Der Erfolg des Vorstoßes machte sich schon am nächsten Tage bemerkbar.

Die benachbarten Jumben (Dorfältesten) kamen mit ihren Leuten und gaben

Gewehre ab. Während die Eingeborenen das Bezirksamt bisher mit Klagen

über Ausschreitungen der Aufständigen überschüttet hatten, herrschte

heute völlige Ruhe. Auch in Mohorro gingen die Europäer unbewaffnet

über die Straße; die Spannung, die Tag und Nacht auf allen gelegen

hatte, machte einer größeren Zuversicht Platz. Wir hatten angegriffen

und dadurch einen gewissen Bann gebrochen.

Mittlerweile kam eine genaue Nachricht über die oben erwähnte Ermordung

des Ansiedlers Hopfer im Kilwabezirk: Hopfer war krank und ließ sich

von seinen Negern zur Küste tragen, während Aufständige ihn verfolgten.

Als sie näher kamen, liefen seine Träger davon. Er versteckte sich im

Busch; doch sein kleiner Hund schlug an und verriet ihn. Hopfer erschoß

mit seinen letzten Patronen mehrere Angreifer und wurde dann mit Äxten

erschlagen.

In den nächsten Tagen ließ ich rings um die Gebäude der Station

Bananen und Buschwerk abhauen, um freies Schußfeld zu bekommen. Um

meine Kenntnisse des Kisuaheli zu verbessern, ging ich oft unter die

Bevölkerung und wohnte jeder Gerichtssitzung bei. Auch bei den Askari

gab es allerlei für mich zu lernen, was mir neu war und bei weiterer

Tätigkeit hier helfen konnte.

Malereien an der getünchten Wand einer Hütte.

Der Kalk ist um die Figuren herum fortgekratzt. Die Figuren stellen

dar: einen Schenzi mit Schild, Keule und Speer; einen fieberkranken

Mann, der sich von seiner Bibi den Kopf massieren läßt, einen

Fisch, eine Antilope, einen Leoparden und einen Askari. Solche

Anfänge bildender Kunst sind in Ostafrika sehr selten.

[Illustration:

(Nach einer Zeichnung des Verfassers.)

Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika · 第 23 / 34 题