Korallenfelsen bei der Insel Makatumbe.]

Ich bestellte mir das große Gebiß, das eine Öffnung von fast ½ _m_

hatte. Der Fisch wurde in Stücke geschnitten, und nur die Wirbelsäule

blieb liegen. Die Neger brachten noch einen anderen merkwürdigen

Fisch: den Schiffshalter. Er trägt an Stelle der vorderen Rückenflosse

eine Haftscheibe, mit der er sich, -- obwohl er selbst sehr gewandt

schwimmt, -- um schneller vorwärts zu kommen, an dem Boden der Schiffe

oder an großen Fischen festsaugt.

Wir legten ihn in eine Holzbalje mit Wasser; er hielt sich an der

glatten Innenwand so fest, daß ich ihn nur mit großer Gewalt losreißen

konnte.

Die Flut kam. Schon warf sich die Brandung höher auf die Riffe; ihr

Brausen mahnte uns, schnell zur Insel zurückzugehen, um mit der reichen

Beute die Heimfahrt anzutreten.

Wir sahen über die Bucht mit ihren grünen Ufern. Hier haben vor dreißig

Jahren noch Flußpferde in der See gelebt! Weit in das Meer hinaus sind

die großen, plumpen Säugetiere geschwommen. In allen Buchten sind

sie heimisch gewesen und von der Küste aus bis nach der Insel Mafia

hinübergetrieben, wo sie heute noch zu finden sind.

Das ist gewesen.

Der Ozean aber birgt ein Leben, das unendliche Gelegenheit zu

Beobachtung gibt. Mir scheint, dies Leben ist mit seinem Reichtum

an Farben und Formen, mit seiner Vielseitigkeit, seinen Wundern und

ungelösten Problemen so recht zur Freude des Menschen da und zeigt ihm

unendliche Wege, die sein Wissensdrang noch gehen kann.

[1] Spr.: _bueni_.

[Illustration: Eine Dhau aus Kilwa auf dem Mohorrofluß.]

An der Küste.

Die über siebenhundert Kilometer lange Küste Deutsch-Ostafrikas ist

reich an guten Häfen für die größten Schiffe, an Creeks und stillen

Buchten für den Dhauverkehr und die Fischerei der Eingeborenen. Inseln

und Bänke sind dem Festlande vorgelagert und schützen gegen die Dünung

des Indischen Ozeans.

Dadurch zeichnet sich die Küste aus vor der des südlichen und

westlichen Afrikas, die schwer zugänglich ist, und an der sich die

Schiffahrt der Eingeborenen nicht hat entwickeln können. Der Küste

gegenüber liegen die großen, fruchtbaren Inseln Pemba, Sansibar und

Mafia.

Die Nähe der Insel Sansibar und das Vorhandensein reichbevölkerter

Inselgruppen im Indischen Ozean, die Wind- und Wetterverhältnisse, die

den Verkehr mit Indien und Arabien begünstigten: dies alles hat dazu

beigetragen, daß hier zu allen Zeiten ein reger Handelsverkehr bestand.

Der Segelschiffverkehr an der Küste von Deutsch-Ostafrika steht im

Zeichen von regelmäßig alljährlich auftretenden Winden; sieben Monate

lang weht bei Sansibar der Südwest-, drei Monate der Nordost-Monsun. In

der übrigen Zeit ist der Wind unbestimmt; die beiden regelmäßigen Winde

aber sind die Grundlage des Handels zwischen Ostafrika und Indien.

Gegen Ende November, wenn der Nordostwind seine volle Stärke erreicht

hat, füllt sich der Hafen der schönen Nelkeninsel mit Inderdhaus.

Aber auch Mombasa, Daressalam und Mocambique werden von diesen

altertümlichen Holzschiffen angelaufen.

Die Unsicherheit der Festlandsküste war vor allem Ursache der großen

Bedeutung Sansibars; es wurde der Stapelplatz für alle Güter, die aus

Ostafrika herauskamen und die Operationsbasis für Unternehmungen nach

dem Innern des Kontinents.

Zugleich war es der günstigste Platz für den Sklavenmarkt, weil die

Insel als fast einziger Produzent der Gewürznelken in der ganzen

Welt stets Arbeiter in den Pflanzungen beschäftigen konnte, und

Menschenkräfte dort nicht brach zu liegen brauchten.

An die Geheimnisse dieses Handels wird erinnert, wer in den Gewässern

zwischen den Inseln und dem Festlande tagelang kreuzt, wie wir es mit

S. M. S. Bussard taten.

Die lieblichen Einfahrten, mit hellgrün schimmernden Korallenbänken,

die vielen, kleinen, mit dichtem Busch bestandenen Inseln; die weit ins

Land greifenden Creeks, eintönig mit Mangroven geschmückt: das ist der

Hintergrund für die Schiffahrt schwarzer Menschen in naturfarbenen,

wenig gepflegten Holzkästen mit Baststricken und großen, kühn im Winde

geschwellten Segeln über blauer Flut.

Die Fischerei wird noch immer selbständig von den Eingeborenen

ausgeübt; in selbstgefertigten, schmalen Auslegerbooten; mit

Angelschnur und Korbreuse in tiefem Wasser, mit Netzen und Rohrgeflecht

in den flachen Buchten, die teilweise zur Ebbezeit trocken fallen.

An der Fischerei ist ebenso wie an der Schiffahrt alles althergebracht

und der europäische Einfluß hat wenig daran geändert.

Der Fischreichtum ist groß; das beweisen die Märkte und die gefüllten

Fischerboote, die man auf dem Heimweg zur Stadt antrifft.

[Sidenote: Sansibar.]

Da wir ein Interesse daran hatten, die deutschen Küstenplätze vor

Sansibar zu bevorzugen, ging das Kriegsschiff nur selten nach der

Sultansinsel, obschon sie dem Festlande so nahe liegt, daß man von

Saadani aus den Mittagsschuß hören kann, der vor dem Palast des Sultans

gefeuert wird.

Ich persönlich bedauerte, daß wir so selten in Sansibar waren; denn

dort ist immer noch eine starke Kolonie deutscher Kaufleute, und die

Insel bietet dem Besucher eine Fülle des Sehenswerten. Wohl an keinem

Platz der Erde ist ein solches Völkergemisch vertreten, wie dort; wenn

auch meist nur in wenigen Vertretern. Die Asiaten sind zur Stelle,

vom Japaner bis zum Inder; Bewohner der Seychellen, der Komoren und

Madagaskars, Araber, Belutschen und Neger fast aller Volksstämme könnte

man nachweisen. Dementsprechend ist, was die Händler in ihren dunklen

Läden anzubieten haben.

In Sansibar trifft man leider schon freche Neger; in den vom

Fremdenverkehr berührten Hafenplätzen können die Schwarzen den

bescheidenen Charakter offenbar auf die Dauer nicht behalten. Sehr bald

wird man auch in Daressalam und in Tanga von der guten, alten Zeit

sprechen, mit ihrer großen Auswahl an anständigen Boys, mit mäßigen

Löhnen, die die Neger doch zufrieden machten.

Ich weiß nicht, ob der Deutsche fähiger ist als der Engländer, den

Eingeborenen zu distanzieren, traue aber dem Deutschen ein sicheres

Gefühl für seine Stellungnahme zu; denn dem Deutschen ist die Kolonie

nicht nur ein Ort für Gelderwerb, sondern zweite Heimat, die er sich

nicht verleiden lassen will; auch nicht durch Verderb der Eingeborenen,

und durch Minderung des Rassenprestige. Daher kommt vielleicht auch

die sichtbare Abneigung der Deutschen gegen die Missionen, die zum

Teil ohne nationales Interesse auf den Neger einwirken, und ihren

sehr verschiedenen Aufgaben entsprechend, selten eine gemeinsame

Kulturarbeit mit dem Ansiedler betreiben; daher auch der gute Klang des

Titels „alter Afrikaner“ und das Mißtrauen gegen jeden, im Verhalten zu

den Schwarzen noch nicht gefestigten Neuling. --

Im allgemeinen geht der Handel Sansibars zurück. Die Ladung der Dampfer

der Deutschen Ostafrikalinie verteilt sich jetzt auf alle kleinen

Küstenplätze, während früher fast der gesamte Handel der Ostküste bis

nach Lamu und Somaliland hinauf über Sansibar nach Europa ging.

Nach der Nelkenernte riecht die ganze Stadt nach Gewürznelken; am

meisten der Zoll, der an der Landungsstelle liegt.

Der angenehme Duft empfing auch mich als ich eines Tages mit einem

Kameraden an Land ging.

Wir machten Einkäufe in den Läden der Hauptstraßen: silberne Kannen,

aus Ebenholz geschnitzte Elefanten, Elfenbeinschnitzereien und seidene

Decken aus Japan; nahmen einen Wagen und fuhren durch die engen Straßen

hinaus nach Mnazi moja, einer breiten Allee, die zu den Sportplätzen

der Europäer hinführt.

Das Hochwasser füllte die Lagune, die die Stadt von den Negerdörfern

trennt.

Auf guten, festen Straßen rollte unser Wagen dahin, durch reiche

Vegetation: dunkle Mangobäume mit Kokos- und Betelpalmen hinter weißen

Gartenmauern.

In den Gärten lagen Landhäuser der Inder und Araber; zum Teil verfallen

und von Pflanzen überwuchert. Viele Negerweiber in sauberen Tüchern

gingen nach dem Ngambo, dem Negerdorfe, zum Tanz; sie hatten nach

Landessitte ein großes Tuch um den Kopf gewickelt.

Ich fragte einen Neger, der mit zufriedenem Gesichtsausdruck dastand,

was seine Arbeit sei?

„Ich passe auf eine Schamba auf!“

„Wem gehört die Schamba?“

„Dem Eigentümer.“

„Wer ist der Eigentümer?“

„Ein Araber, Ali Sefru.“

Gegen Abend trafen wir den deutschen Konsul und die Vertreter der

Firmen Hansing, O’Swald, die Herren von der Agentur der Ostafrikalinie,

der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft und andere Mitglieder des

Deutschen Klubs in der sogenannten Klubschamba, einem schattigen Garten

mit der Aussicht auf das Meer.

Als es dunkel wurde, schrien die kleinen Ohrenmakis rundum in den

Bäumen; nur bei scharfer Aufmerksamkeit erkannte man die „Komba“, die

eifrige Kerbtierjäger sind und zur Nachtzeit auf Raub ausgehen.

Die Wagen brachten uns in die Stadt, wo ich einer Einladung folgte und

in einem der malerischen alten Araberhäuser bei deutschen Kaufleuten

dinierte.

Die Punka, ein großer hängender Fächer, wehte über der Tafel, und wie

überall an der Ostküste servierten schneeweiß gekleidete Boys, die

barfuß und ohne Geräusch um den Tisch eilten. Nach dem Essen gingen wir

in den Klub und saßen hoch oben auf dem Dache beim Whisky-Soda.

Man sah den hellerleuchteten Sultanspalast und die vielen Schiffe im

Hafen.

Der Klub soll früher schwere Sitzungen erlebt haben; jetzt ist das

anders geworden. Die Rücksicht auf die ernste Tätigkeit des Tages und

auf die Gesundheit mahnt auch die lustigste Gesellschaft zur Nachtruhe,

und in Afrika ist man, was Mäßigkeit betrifft, im Kneipen schon ebenso

modern wie in Deutschland. Die Natürlichkeit, mit der sich die jungen

Kaufleute rechtzeitig empfahlen, empfanden wir sehr angenehm.

Am folgenden Abend blieb ich an Bord, weil ich als Piquetoffizier den

Tag über mehrere Komplimentierbesuche auf fremden Kriegsschiffen zu

machen hatte. Konsuln verschiedener Nationen kamen an Bord, und über

vierzig Schuß Salut wurden im Laufe des Tages gefeuert.

Auch ein großer Passagierdampfer von Südafrika war eingelaufen.

Der Vollmond hob sich über die Türme und Dächer der Stadt und sein

Licht trat in Wettstreit mit den elektrischen Bogenlampen des

hellerleuchteten Sultanspalastes am Wasser. In der Flut glänzte der

silberne Spiegel. Dunkel zeichnete sich davor die Silhouette eines

italienischen Kriegsschiffes ab.

Die Mannschaft hatte längst Hängematten, da kam eine Dampfbarkasse an

Steuerbord längsseit. Eine junge Dame führte das Wort: „Ich will den

ersten Offizier sprechen“ rief sie dem Bootsmannsmaaten der Wache zu.

Der wachthabende Offizier rückte sich Schärpe und Mütze zurecht, ging

auf das Fallrepp und übernahm die Verhandlung mit dem späten Gast

persönlich. Sie wollte gerne das Kriegsschiff sehen; der wachthabende

Offizier aber verweigerte ihr dies in höflicher Form, da die

Schiffsetikette es verbiete, nach sechs Uhr Fremde an Bord zu lassen.

„Ach was, Schiffsetikette. Fahren Sie weiter,“ sagte sie schließlich

zu dem Bootssteuerer und dann zu dem wachthabenden Offizier und den

inzwischen versammelten Matrosen: „Ihr seid ja gar keine rechten

Soldaten Kaiser Wilhelms!“

Der Insel Sansibar gegenüber liegt auf dem Festlande die alte

Handelsstadt Bagamoyo, der Ausgangspunkt für die Karawanen nach Tabora

und Udjiji; nördlich von Bagamoyo, an der Mündung des Wami der kleine

Ort Saadani, wo _Dr._ Peters im Jahre 1884 gelandet ist, um Land

zu erwerben.

Beides sind keine Hafenstädte und ihr Handel geht deshalb gegen

den Handel Daressalams und Tangas langsam zurück. Bagamoyo war der

Hauptausfuhrplatz für Elfenbein; gerade dieser Artikel wird immer

seltener und macht allmählich der Baumwolle, dem Hanf und anderen

landwirtschaftlichen Produkten Platz.

[Sidenote: Saadani.]

Bei Saadani hat das Kolonial-Wirtschaftliche Komitee auf dem

ausgedehnten Alluvialland der Wamiebene eine Art Baumwollbau- und

Dampfpfluggenossenschaft gegründet, deren Teilnehmer schon 20000

_ha_ in Pacht genommen haben; Dampfmaschinen für die Entkernung

der Baumwolle wurden im Jahre 1905 aufgestellt.

Uns zeigte Herr Wendt damals die ersten Erfolge; die Mitafifi

Baumwolle, (die von der Leipziger Baumwollspinnerei mit 85-86 Pfg. pro

½ _kg_ bewertet wurde), die Schamben der Kommune Saadani und einiger

Ansiedler; das gute Vieh: Buckelrinder und Esel. In Saadani ist das

erste große Bauwollunternehmen in Deutschostafrika.

Der Gedanke, in Kolonien Baumwolle zu bauen, ist vielleicht älter, als

man in Deutschland allgemein glauben mag.

Jetzt, wo das Interesse dafür so groß ist, sei es erlaubt, auf eine

solche frühe Anregung hinzuweisen.

Johann Jakob Sturz, einer der rührigsten Vorkämpfer deutscher

Überseepolitik, hat schon ein Jahrzehnt bevor Deutschland die ersten

Schritte in dieser Richtung tat, an eine Kolonisierung Afrikas gedacht;

eine der vielen, anregenden Schriften, die er, unermüdlich anspornend

unter den Gebildeten seines Vaterlandes verbreitete, trägt auf dem

Umschlag eine Kartenskizze Ostafrikas vom Sambesi bis zum Juba.[2]

Wie vieles, was dieser seltene Mann, seiner Zeit vorauseilend, gedacht

hat, ist auch dieser Traum zur Wirklichkeit geworden. Freilich anders

als er zu hoffen wagte; Sturz schlug vor, ein neutrales Ostafrika zu

schaffen, in dem Deutschland gleichberechtigt neben England Handel

treiben könne. „Vielleicht schon in zwanzig Jahren“, schrieb er (der

immer das größte hoffte), „entwickelt sich dort eine Baumwollkultur,

welche die aller anderen Länder zusammengenommen in Schatten stellt;

denn Millionen von Händen werden sich ihr widmen, sobald sie nur

Abnahme ihres Produktes finden, und wie sollten sie das nicht bei dem

sicherlich leicht herzustellenden Transport zur Küste, teils durch

bereits weit befahrbare Flüsse, teils durch wohlfeil herzustellende

Straßen und Bahnen jeder Art?!“

Nördlich von Saadani liegt die Stadt Pangani an der Mündung des

Pangani. Der Pangani kommt vom Kilimandscharo; seine Mündung ist sehr

verschieden von der des Wami, des Rufiyi und des Rovuma; er durchbricht

an der Küste einen niedrigen Höhenzug und hat nur einen Mündungsarm.

Der Bussard ankerte auf Reede etwa zwei Seemeilen von der Stadt

entfernt. Es fuhren nur wenige Routineboote, die je nach dem Strom gut

oder schlecht vorwärts kamen.

Ich besuchte die alte Araberstadt und die Plantage Buschirihof und kam

spät am Abend zurück, zum Bezirksamtsgebäude am Ufer des Flusses.

Der Bussard sollte am Morgen um drei Uhr nach Saadani in See gehen; ich

mußte also unter allen Umständen sofort an Bord fahren. Die Europäer

der Stadt waren alle mit den Booten fort, und mir stand kein Ruderboot

zur Verfügung. Nach langem Hin- und Hersuchen fand ich endlich eine

kleine, offene Dhau mit drei Negern, die mich hinaussegeln wollten.

Das Fahrzeug machte keinen guten Eindruck; da es aber stockdunkle

Nacht war, sah ich das erst, als ich mit Büchse und Rucksack an Bord

gestiegen war und der Anker hochgenommen wurde. Es war kein Wind und

das große Segel hing lose an der Raa; als der Anker aus dem Grunde war,

trieb das Boot schnell zwischen anderen Fahrzeugen hindurch der Mündung

des Stromes entgegen.

Ein kurzer Wortwechsel entstand zwischen dem Neger am Steuerruder

und den beiden schwarzen Matrosen vorne; ich achtete nicht darauf.

Plötzlich aber sprangen die beiden über Bord, schwammen an Land und

kletterten an das Ufer.

Mein Bootsführer sagte, er könne nicht allein fahren; draußen wehe

heftiger Wind und schwere See sei gegenan.

Ich entgegnete, er solle die Schot und das Segel, ich würde die

Ruderpinne nehmen.

Er traute mir oder seinem Fahrzeug nicht und meine Lage war nicht

erfreulich.

Hinter Ras Muhesa, das sich dunkel zur Rechten erhob, und über Kikogwe

stand eine noch dunklere Wolkenwand, und das Rauschen der hohen

Brandung zur Linken kam immer näher.

Auf weitere Fragen antwortete mein Kapitän nur mit einem

„_bismillah_“; und einmal müßten wir ja doch sterben. Dazu hatte

ich allerdings noch keine Lust.

Noch war die Luft ruhig, das Boot fing an, einer langsamen

Wellenbewegung zu folgen und plötzlich straffte ein heftiger Wind das

morsche Segel; die Baststricke knarrten und ich fühlte starken Druck

auf dem Ruder. In schneller Fahrt, von Wind und Strom getrieben, ging

es einer immer wachsenden Dünung entgegen. An Backbord blieb die

Brandung zurück, an Steuerbord tauchte die Wracktonne auf, die unter

Ras Muhesa liegt und eine Stelle bezeichnet, die zu meiden ist, weil

ein gesunkenes Schiff dort liegt.

Das Boot stampfte mächtig ein und starke Spritzer kamen über.

Der Neger schlug vor, umzukehren und abzuwarten bis der Wind nachlasse.

Da war wieder eine Gefahr; denn eine Dhau wie diese wendet nicht,

sondern geht vor dem Wind über den andern Bug, was man in der

Seemannssprache „halsen“ nennt.

Mit nur einem Mann für das große Segel ist es ein gewagtes Stück; man

weiß nicht, wo das Segel während des Manövers bleibt und ob nicht die

Schot brechen wird, wenn der Wind von der anderen Seite plötzlich

hineinfährt.

Zudem kannte ich das Material nicht, daß ich in der Hand hatte.

[Sidenote: In der Mündung des Pangani.]

Mir blieb also nichts übrig, als ein „inshallah“ zu murmeln, das

Ruder zu legen und abzuwarten, was vorne der Neger unterdessen in

der Dunkelheit fertig bringen würde. Und es gelang; das Segel schlug

heftig, aber die Stricke hielten, die Schot stand jetzt an Steuerbord

und derselbe Wind trieb uns wieder der Mündung des Stromes zu, bis

er hinter dem Kap schwächer wurde und die entgegenwirkende Strömung

des Wassers ihm das Gleichgewicht hielt, so daß das Boot zwischen den

beiden entgegengesetzt wirkenden Kräften auf einer Stelle lag.

Ich war völlig durchnäßt; bald kam rechts die Brandung zu nahe, bald

links die Wracktonne; denn ich war jetzt in der nur etwa 150 _m_

breiten Fahrrinne. Ras Muhesa aber blieb in derselben Peilung, trotzdem

der Wind voll im Segel stand und das Wasser rauschend an dem Boot

vorbeiging.

Da sagte ich dem Neger, er solle den Anker werfen, weil wir nicht

vorwärtskamen und in Gefahr waren, dem Riff oder dem Wrack zu nahe zu

kommen. Er ging nach vorne und warf den eisernen Anker über Bord; der

hielt und als wir das Segel festgebunden hatten, lag das Boot auf dem

Strome.

Nach einer Stunde machte ich einen neuen Versuch, mußte aber wieder

umkehren und ankern; denn der Wind hatte noch nicht nachgelassen. Ich

schöpfte das übergekommene Wasser aus und hielt mich durch diese Arbeit

leidlich warm.

Endlich schien der Wind abzuflauen, und ich nahm wieder den Kurs nach

See hin.

Der Neger hatte noch einmal Einwände, aber ich konnte nicht länger

warten.

Es war eine aufregende Fahrt. Stockdunkel; nur die Lichter des

‚Bussard‘ in der Ferne. Das alte zerbrechliche Boot stampfte tief in

die See ein und füllte sich immer mehr mit Wasser. Der Wind sauste und

trieb mir salzige Tropfen ins Gesicht.

Aber die Lichter kamen näher; das Kriegsschiff nahm greifbare Gestalt

an.

Wir waren nur noch zweihundert Meter vom Heck entfernt, als eine

heftige Regenböe herniederfuhr und uns das Schiff fast den Blicken

entzog. Kein Mensch sah uns von Bord aus, denn Lichter führten wir

nicht.

„Wirf die Schot rechtzeitig los!“ rief ich dem Neger zu, weil mir der

Gedanke kam, wir könnten an dem Schiff vorbeitreiben und es dann aus

Sicht verlieren.

„Die Schot ist fest, gib mir schnell ein Messer“ antwortete hastig der

Schwarze.

Ich suchte unter mir, wo der Rucksack im Wasser lag, konnte aber das

Messer nicht finden; jetzt bekam ich wirklich einen Schreck. Ich wollte

wenigstens bemerkt werden, um eine Leine zu bekommen und rief so laut

ich konnte: „Bussard!“

Die Stimme des ersten Offiziers antwortete, der an Deck kam und die

Bootsgäste der Wache ans Fallreep schickte.

In voller Fahrt hielt ich an der Bordwand entlang. Irgend etwas mußte

geschehen und wenn der Mast unter der Backspier abbrechen sollte!

Da flatterte plötzlich das Segel lose im Winde. Der Neger hatte mit

aller Kraft an dem Tau geholt; die Schot war gebrochen. Eine Leine

wurde mir zugeworfen und ich turnte an Bord. Ich konnte von Glück

sagen, daß die Fahrt in dem schwachen Boot so gut abgelaufen war.

[Sidenote: Tanga.]

Am nächsten Tage ankerte S. M. S. ‚Bussard‘ in dem stillen Hafen von

Tanga, dem Ausgangspunkt der Usambarabahn.

Von Tanga aus machte ich einen Jagdausflug nach dem Sigital. Da

der Dienst mich lange an Bord festhielt, verpaßte ich den Zug der

Usambarabahn, der nur einmal täglich fährt, und bestellte mir einen

Bahnwärterwagen, den mehrere Neger schoben und auf dem ich, mit den

Boys und dem Gepäck gegen Abend auf der Station Ngomeni, eintraf.

[Illustration:

Photographie aus Tanga.

Löwenfalle aus Baumstämmen.

In der Umzäunung rechts wird eine Ziege angebunden. Wenn der Löwe in

den Gang hineingeht, berührt er einen Abzug; die schweren Stämme fallen

nieder und erschlagen ihn.]

Die Nacht verbrachte ich in Pingoni, auf der Agavenpflanzung

eines Herrn Stauffer, an den mich ein Bekannter empfohlen hatte.

Herr Stauffer riet mir, am Morgen in der Nähe der Pflanzung auf

Rappantilopen zu birschen und erzählte, ein starker Bock sei noch am

Nachmittag auf den Rodungen gesehen worden.

In dieser Nacht hörte ich zum erstenmal das Heulen von Hyänen.

In der Nähe der Küste sind Raubtiere durchaus nicht selten. Besonders

Löwen finden sich dort in großer Zahl und in manchen Jahren hört und

liest man von einer Raubtierplage, weil Neger zur Nachtzeit aus den

Hütten geholt werden. In meiner Zeit aber hörte ich merkwürdigerweise

viel öfter von einer Wildschweinplage, weil die Zahl der Löwen stark

abnahm, und ich bin in Gegenden gekommen, wo mir gesagt wurde: „Aber

schießen Sie bitte meine Löwen nicht!“

In seltenen Fällen wird man Löwen auf der Pirsch oder beim

Spazierengehen antreffen; die meisten werden in dem Busch oder den

Pflanzungen der Küste durch Treibjagden zur Strecke gebracht. Gerade,

als wir einmal nach Tanga kamen, war eine solche Jagd gewesen und

unglücklicherweise war ein Feldwebel der Schutztruppe dabei erschossen

worden, ohne daß man wußte, wer der Schütze gewesen war. -- Der

Löwe war angeschossen in hohem Grase verschwunden und wurde bei der

Verfolgung plötzlich in unmittelbarer Nähe des Feldwebels gesehen. Bei

dem heftigen Gewehrfeuer der Askari hat ein Geschoß auch den Feldwebel

getroffen. --

[Sidenote: Löwenjagd.]

Am Morgen nach meiner Ankunft in Pingoni ging ich in Begleitung eines

Negerjungen früh hinaus.

Die Regenzeit war noch nicht lange vorbei und das Gras war etwa

meterhoch und sehr taufeucht. Ich ging auf der rechten Lehne eines

schmalen, mit üppigem Grase bestandenen Tals, so daß ich in das unter

mir liegende Terrain hineinsehen konnte.

Plötzlich sah ich auf etwa neunzig Schritt einen braunen Schimmer in

dem grünen Grase; ich blieb stehen und sah durch mein Doppelglas, daß

es ein Stück Wild war; ohne Hörner. Ich fragte den Neger: „Was siehst

du da?“

„Etwas Rotes“ antwortete er.

Jetzt erkannte ich die Luser des Tieres, die für eine Antilope

auffallend weit auseinander lagen, und sprach den Kopf, scharf

hinsehend, als den einer Löwin an. Sie hatte die Seher auf uns

gerichtet, hob den Fang und windete.

„Ein Löwe“, sagte ich ganz ruhig; doch der Schwarze fand unsere Lage

wohl ungemütlich und sagte: „Wirklich Herr?, wir wollen weglaufen.“

Ich befahl ihm hastig, stehen zu bleiben, hatte die Büchse schon

gehoben, entsichert und gestochen und zielte auf den Kopf des Löwen,

zwischen die Lichter.

Der Stecher meiner Büchse knackt; aber der Schuß geht nicht los. Ich

steche noch einmal, ohne abzusetzen. Der Löwe richtet sich vorne etwas

auf, so daß rechts von dem Kopfe ein Teil des Rückens sichtbar wird.

Unwillkürlich folge ich mit der Büchse sofort nach rechts, der Schuß

fällt und der Löwe springt mit gewaltigem Satz aus seinem Lager heraus,

die linke hintere Pranke lang nach hinten streckend; die nächsten

beiden Sprünge gerade auf mich zu. Nach dem dritten Sprung fällt mein

zweiter Schuß und schlägt dicht vor dem Löwen in das Gras hinein; er

biegt ab. Der nächste Sprung geht wieder nach links, dann sehe ich es

nur noch einmal gelb zwischen den Zweigen schimmern.

Ein schmerzvolles Knurren folgte; dann war es still.

Ich blieb noch eine Weile stehen und lauschte; zugleich prägte ich

mir den Ort genau ein. Dann verbrach ich meinen Stand und pürschte in

der alten Richtung weiter. Um zu vermeiden, daß die kranke Löwin von

mir Wind bekam, ging ich nicht einmal auf den Anschuß. Im Weitergehen

kreuzte ich den Paß des Löwen. Wild sah ich nicht mehr; die Raubtiere

hatten offenbar in der letzten Nacht alles verjagt.

Zwei Stunden später war ich mit Herrn Stauffer und etwa vierzig

speerbewaffneten Negern zur Stelle, erklärte den Anschuß und schickte

die Neger im Bogen herum, damit sie das Gebüsch durchtrieben.

Ich verbot ihnen, den Löwen, wenn er tot sei, mit den Speeren zu

durchstechen (was sie in der Aufregung gerne tun).

Als die Schwarzen auf den bezeichneten Platz losgingen, sah ich, wie

sich ein Stück Wild über den jenseitigen Hang drückte; vielleicht war

es der männliche Löwe, der sich in der Nähe seiner Gattin aufgehalten

hatte.

Wir gingen zum Anschuß. Wo das Raubtier gelegen hatte, war nichts zu

sehen, als der tiefe Eingriff der linken Hinterpranke beim Absprung;

kein Schweiß, kein Geschoßaufschlag.

Während ich noch suchte, erhob sich ein Geschrei -- es klang so

ängstlich, als ob der Löwe jemand angenommen habe. Stauffer und ich

liefen dorthin so schnell wir konnten und sahen einige zwanzig Schwarze

mit gehobenen Speeren dastehen. Zehn Schritt vor ihnen schimmerte im

Grase etwas Gelbes. Ich teilte das Gras auseinander, hob mich auf die

Zehen und rief, als ich den Kopf des Löwen erblickte, voller Freude:

„er ist tot“!

Die Schwarzen begannen einen Höllenlärm.

Herr Stauffer beglückwünschte mich zu dem Weidmannsheil und ich steckte

einen grünen Bruch in den kleinen Einschuß der Decke.

Ein Löwe geschossen! Nie hätte ich es gedacht, daß ich dazu kommen

würde. Der Schuß saß hochblatt und war dicht unter der Wirbelsäule

durchgegangen. Der Ausschuß war nicht groß, obwohl ich ein ¾

Mantelgeschoß benutzte hatte, eine Geschoßart, die meist große

Zerstörung im Wildkörper verursacht.

Es wurden Bäume gehauen, um den Löwen daran fest zu binden und nach

Hause zu tragen. Ich schärfte die Pranken an der Innenseite so aus,

daß die Bastbänder unter der Haut durchgenommen werden konnten und

keine Druckstellen auf dem Haarkleid entstanden. Unter dem Gesang der

Wanyamwezi bewegte sich unser Zug nach der Pflanzung.

[Illustration: Teich bei Kilwa.]

Der rote Schweiß tropfte noch lange aus den Schußlöchern und färbte das

Gras auf dem Wege.

Unter einer großen Bananenstaude wurde nahe bei dem Hause Strecke

gemacht. Ich nahm die Maße des Tieres und begann dann sofort die

Haut abzudecken. Die ganze Länge der Löwin betrug 2,42 Meter, die

Schulterhöhe 1,00 Meter, der Brust- und Leibesumfang 1,03 Meter.

Im linken Hinterschenkel saß innen unter der Decke eine alte

Bleikugel; in dem rechten befand sich ein altes Geschwür, auf dem

Schmeißfliegen schmarotzten; rundherum war das Gewebe infiltriert und

oben wallartig verdickt. Der Mageninhalt bestand nur aus einer Handvoll

Schweinsborsten und einem kleinen Knochensplitter. In der Wandung saßen

Dutzende von weißen Fadenwürmern, die ich einzeln mit der Pinzette

herauszog und in Whisky aufbewahrte. Schwierig war das Auslösen

der Handknochen. Als die Hand nachher dalag, sah sie aus wie eine

Affenhand! Die Krallen drückte ich einzeln nach innen durch und machte

mich dann sorgfältig an das Präparieren der Nase und der Ohren. Zuletzt

wurde das Fell mit der Innenseite nach oben auf der Erde ausgespannt

und mit dünnen Drahtstiften befestigt. Der Kopf kochte unterdessen in

einem großen Blechgefäß.

Ich fragte die Wanjamwesi, ob sie das Fleisch essen wollten und erhielt

als Antwort nur Ausdrücke des Ekels und der Entrüstung; als ich jedoch

unter dem Dach der Hütte saß und einige Notizen über meine Jagd

aufschrieb, kam der erste Neger vorsichtig hinter einer Banane hervor

und schnitt sich das Fettnetz über dem Gescheide ab. Sofort fielen

auch die andern darüber hin, rissen sich besonders um das Geräusch und

sagten, wie zur Entschuldigung, es sei gute „_dawa_“. Aber auch

das übrige Fleisch, der Magen und das Gescheide fanden schnell ihren

Weg in die Hütten. Die Suaheli setzten sich im Halbkreis um dieses Bild

und lachten aus vollem Halse: „Die Wanjamwesi fressen alles“, sagten

sie, „Schweine und Löwen. Alles ist bei ihnen „_dawa_“: das Herz,

die Knochen und das Fleisch.“

Am Nachmittage trennte ich mich von meinem Gastgeber, und ritt

auf seinem Reittier von dannen. Als ich durch das Dorf niedriger

Wanjamwesihütten ritt, riefen mir die Leute ein lautes Lebewohl zu,

worin der Dank für den Löwenbraten liegen mochte. Die vier Neger, die

mich begleiteten, mußten laufen, um mit dem Esel Schritt zu halten.

Durch den Kulumuzi, einen kleinen Fluß, ließ ich mich tragen und den

hübschen, weißen Esel hinterher führen; den Fluß überdeckte dunkler,

kühler Wald.

Bergauf, bergab ging es in leichtem, schnellem Trabe durch hohes

Gras, durch niedrigen Buschwald und bewohnte mit Kokospalmen, Bohnen,

Mohogo und Negerhirse bebaute Flächen. Die aus dem Felde mit der Hacke

arbeitenden Leute sahen auf; meine Begleiter versäumten nicht, ihnen

die frohe Nachricht zuzurufen, ich sei der Jäger, der heute früh einen

großen Löwen geschossen habe.

Wir erreichten einen Ort mit Namen Kikuruni. (Diesen Namen konnte

ich in den nächsten Tagen schwer behalten, es schien, als sei mein

Gedächtnis nun nachgerade übersättigt mit Zusammenstellungen der

wenigen Silben ki und ku, ni und na, aus denen die Kisuahelinamen

bestehen.)

Ich dachte an die Abendpirsche und freute mich, daß die Sonne noch hoch

stand. Blau schimmerten hinter der düsteren, grünen Waldfläche des

Sigitals die hohen Berge von Ostusambara, eingerahmt von hochstämmigen

Kokospalmen dicht vor mir.

Ich schien heute Glück zu haben; der mir empfohlene Führer stellte sich

in einem der entgegenkommenden Neger vor und folgte mir sofort. Im

Orte strömte das Volk zusammen aus fertigen und halbfertigen Häusern.

Ich suchte einen Platz für das Lager aus und ordnete an, daß mein

„Reisemarschall“ Hans und die Träger dorthin gewiesen werden sollten.

Dann ritt ich noch bis zum Sigi und gab dem Eselboy _rukhsa_[3].

Mein Führer brachte mich zuerst in Stagenwald mit mäßiger Aussicht;

hier waren deutliche Spuren, daß die Neger täglich Holz zum Hüttenbau

holten; ich befahl, mich in freie Baumsteppe zu führen; die war bald

erreicht und hier sah man Fährten von großen Antilopen. Eine Stunde

verstrich ohne daß die vorsichtige, lautlose Pürsche durch den Anblick

größeren Wildes belebt wurde. Nur eine Herde schnell flüchtender

Hundsaffen; endlich -- fünfhundert Meter weit im Winde ein Rudel von

drei Wildschweinen, die ruhig einherzogen.

[Sidenote: Warzenschweine.]

Ich ließ die Neger halten und niederknien und pirschte selbst in

kniehohen, zusammengefallenem Grase, das bei jedem Schritt unangenehm

knisterte, hinter einem Hügel näher. Es waren nur Schweine; in

Ostafrika ein recht gemeines Wild. Doch gibt es nichts Aufregenderes,

als diese Art von gewissermaßen blindem Anpürschen. Der Schlachtplan

ist beim ersten Blick gemacht und dann das Handeln bestimmt bis zu

dem Moment, in dem ich bei jenem Hügel das Wild von neuem zu Gesicht

bekomme, wenn es nicht bereits verschwunden ist. Die Erfahrung mahnt

zur Vorsicht und Ruhe, der Wunsch, über das Verhalten des Wildes

Gewißheit zu erhalten, treibt zur Eile. Deshalb die Aufregung und

eine gewisse Anstrengung! Wenn man das Wild beim Anpirschen im Auge

behält, dann kann man laufen, wenn es äst, und stehen bleiben, wenn

es äugt oder sichert, und kann nötigenfalls auf weite Entfernung

schießen. Beim Anpirschen hinter einer Deckung aber ist es zwecklos,

stehenzubleiben; denn gerade das laute Weitergehen, kann mit dem

Augenblick zusammenfallen, in dem das Wild sichert. Wer sagt mir, ob

es nicht dicht vor mir auf den Hügel zieht oder schon weit hinter den

nächsten Büschen verschwunden ist? Diese vielen Fragen erregen in dem

Jäger eine lebhafte, wohltuende Aufregung.

Als ich den Hügel erreichte und an ihm vorbeisah, hatten sich die Tiere

in einen lichten Busch eingestellt und brachen dort; sie waren ziemlich

dreist und unaufmerksam. Der stärkste stand breit, ich zog den Stecher

ab und riß mit Gewalt durch, weil das Schloß, ebenso wie heute früh,

dem Stecher nicht folgte. Die Rotte rannte breit nach links; das kranke

Stück blieb etwas zurück und brach nach wenigen Sekunden verendet

zusammen.

Die beiden anderen verhofften einen Augenblick; ich nahm das

zweitstärkste Stück aufs Korn und schoß; es zeichnete auf den Schuß

sehr merkwürdig und klagte laut. Die Bewegungen, die es machte,

glichen denen eines biegsamen Stockes, den man in der Mitte festhält,

während die Enden rund schwingen; der Schuß mag kurz weidewund gegangen

sein.

Leider hielt die Geduld meiner Leute nicht länger, sie stürmten von

hinten unter Geschrei und rohem Lachen heran. „Jetzt kommen wir

dran“ hörte ich sie rufen. So kam es, daß das kranke Schwein in

unregelmäßiger Flucht laut klagend das Weite suchte, ohne daß es mir

gelang, noch einen Schuß anzubringen. Auch schnelles Nachlaufen auf

erhöhte Stellen gab mir das Tier nicht noch einmal zu Gesicht. Leider

konnte ich nicht mehr nachsuchen, weil es Abend wurde. Am nächsten Tage

aber wäre es ganz zwecklos gewesen; denn die Hyänen würden das Schwein

jedenfalls längst gefunden haben.

Ich schickte einen Mann ins Dorf zurück, mit dem Auftrage Träger zu

holen, lüftete das erlegte Tier und ging schnell weiter, weil die Sonne

längst hinter den Bergen stand. Kurz bevor das Büchsenlicht schwand,

bemerkte ich zwei starke Schweine. Ich pürschte mich an, war aber fast

froh, daß ich nicht auf Schußweite hinankam, so sehr stand ich unter

dem Eindruck der nutzlosen Abschlachterei dieses Wildes, das sich meist

so hilflos übertölpeln läßt.

Etwa achtzig Leute (zum Teil Kinder) waren ausgezogen um den erlegten

Keiler einzubringen. Die Tatsache, daß ich zwei Schweine kurz

hintereinander schoß, und daß das eine ganz tolle Sprünge machte, wurde

immer wieder erzählt und belacht. Manche Leute grinsten auch wenn sie

den Keiler nur ansahen. Der Grund war, daß die Schweine ihre Feinde

waren und mit Pfeil und Bogen von den Mohogopflanzungen vertrieben

werden mußten. Man tat also der Landwirtschaft einen Gefallen, wenn man

sie totschoß.

Die Wanjamwesi schnitten das Wildpret in große Fladen, steckten Stöcke

hindurch und stellten es an das Feuer.

Ich legte mich todmüde in mein kleines Zelt und sagte einem Boy, den

ich neu angenommen hatte, er solle das Licht auslöschen; er sah mich

ungläubig an und tat es erst auf meinen zweiten Befehl.

[Illustration: Borassuspalme.]

Draußen erzählte er dem älteren Boy, ich schliefe ohne Licht! „Kein

Europäer schläft bei Licht,“ belehrte der ihn, worüber der andere sich

sehr wunderte; denn der Neger schläft immer bei Feuer, der Kälte wegen,

und weil der Rauch die Insekten verscheucht und das Feuer die Raubtiere

fernhält.

Gegen zwei Uhr wachte ich auf und hörte draußen ein Gemurmel; ich

steckte den Kopf aus dem Zelt und sah die Träger dicht um das Feuer

gelagert. „Weshalb schlaft ihr nicht?“ „Wir können nicht, es ist zu

kalt,“[4] war die ganz natürliche Antwort. Und in der Tat ist es hart,

sich jede halbe Stunde Schlaf durch Auflegen eines neuen Stückes Holz

erkaufen zu müssen!

Wirklich war es bitter kalt. Im Osten über den düsteren Bäumen

leuchteten zwei helle Sterne. Ich zog meine große Jagddecke über mich

und fror selber, weil ich die Matratze zu Hause gelassen hatte, um die

Bettlast zu erleichtern.

Eine halbe Stunde vor dem Morgengrauen ging ich durch den Sigifluß.

Das Wasser reichte mir bis unters Knie. Die Kraft der Strömung drängte

beim Vorwärtsschreiten den Fuß zur Seite. Hohe Bäume standen auf beiden

Ufern. Ein ununterbrochenes Rauschen ertönte von fern und nah, wo der

Fluß über Steine lief.

Am jenseitigen steilen Ufer stieg ich in die Höhe und kam in gute

Pirschgegend. Die Fährten großer Antilopen waren zahlreich. Das

Landschaftsbild erinnerte an deutschen Buchenwald; es gab breite

Lichtungen mit frischer Äsung, gute Deckung und weite Ausblicke.

Bis gegen zehn Uhr, also beinahe fünf Stunden war ich gepirscht

ohne ein einziges Stück Wild zu sehen. Ich war durch den Fluß

zurückgegangen, ruhte mich unter dem Schatten eines Baumes aus und ließ

mir eine der mitgebrachten Kokosnüsse öffnen.

Der Anblick der Landschaft vor mir war ganz besonders schön. Hier hatte

der Fluß sein Bett in die Felsen eingewaschen, die sich von beiden

Seiten vorschieben und ihn zu zahlreichen Windungen zwingen. Aus dem

saftigen Grün der Ebene dazwischen ragten einige hohe Borassuspalmen,

die großen Fächerpalmen mit kahlem Stamm.

[Sidenote: Buschbockjagd am Sigi.]

Nachmittags gegen zwei Uhr nahm ich einige zwanzig Wadigo mit und ließ

sie durch den Busch gehen, wo ich Wild vermutete. Ein Wasserbock und

zwei Buschböcke brachen nach den Seiten aus, ohne daß ich mir über ihre

Stärke und Geschlecht klar wurde.

Auch einen Leoparden wollten die Leute gesehen haben.

Nun ging ich mit den Negern zum Fluß.

Mein „Büchsenspanner“, ein alter Kerl ohne Vorderzähne, mit

vorzüglichen Augen, schnupfte andauernd Tabak und zog dabei -- wenn

er sich ungestört glaubte -- die tollsten Grimassen. Es schien, als

habe er Nahrung nicht nötig, wenigstens sah ich ihn an den beiden

Tagen, wenn andere aßen, jedesmal nur schnupfen. Unter Mittag saß er

mit einigen anderen Alten unter dem Makutidach[5] einer Hütte und rieb

braunes Mehl in einer Schüssel. „_Chakula cha pua_“ (Essen für die

Nase) nannte er es schmunzelnd.

Es war bereits vier Uhr; ich stand auf einer Höhe über dem Flusse.

Die Ufer hatten einen breiten Streifen hohes Schilf; dort gingen die

Schwarzen mit Geschrei hindurch. Etwa achtzig Schritt unter mir bewegte

sich plötzlich das Schilf. „Schieß! ein Buschbock mit großem Gehörn,“

sagte der Alte, der hinter mir stand. Ich sah, wo der Bock sich auf der

Stelle drehte, schoß und glaubte ihm den Schuß auf den Stich zu geben.

Er stürzte; die Gräser bewegten sich mehrere Sekunden lang ungefähr

an derselben Stelle, ohne daß ich noch einmal schießen konnte. Die

Schwarzen kamen schreiend näher; die Bewegung im Schilf wurde heftiger

und zog sich zum Fluß hin. Dann war wieder alles ruhig. Plötzlich

riefen die Treiber: „Der Bock ist in den Fluß gesprungen!“ Ich lief

auf eine höher gelegene Stelle und blieb auf einer vorspringenden

Felsplatte stehen. Da sah ich etwa hundertundvierzig Meter entfernt im

Fluß und schon kurz vor dem jenseitige Ufer den Kopf des Bockes als

kleinen Punkt, wie er durchs Wasser zog und nach beiden Seiten einen

Wellenstrich hinter sich warf; und ich schoß schnell. Kein Aufschlag

war ringsum im Wasser zu sehen; der Kopf tauchte unter.

Ich ging zu dem Anschuß; hellroter Schweiß führte von dort bis zu der

Stelle, wo der Bock den Fluß angenommen hatte.

Alle Schwarzen standen am Fluß; da war guter Rat teuer! Einer wollte

nachspringen und tauchen, sagte aber, er dürfte es nicht, der Krokodile

wegen, denn er habe gestern ein Rind geschlachtet.

Weiter unten floß der Strom über viele Steine. Dort stellte ich zwei

Neger auf, die aufpassen sollten, ob der Bock vielleicht mit dem Strome

antriebe.

Ich war noch nicht zehn Minuten weitergegangen, als ich rufen hörte:

„Sie haben ihn gefunden! er ist an den Steinen! Du mußt nochmal

schießen; die Krokodile halten ihn fest.“ Ich hielt die Büchse hoch und

lief, so schnell ich konnte den steinigen Pfad hinunter an den Fluß.

Unsicher war ein grauer Gegenstand, auf den die Schwarzen zeigten,

oberhalb eines Steines als der Bock anzusehen, und man konnte erkennen,

daß dem Körper eine fremde Bewegung mitgeteilt wurde. Der Neger, der

dicht dabei auf einer trockenen Felsplatte im Strome stand, versicherte

mir, er sehe ein Krokodil.

„Paß auf, ich schieße!“ Unterhalb des Steines tauchte der Kerl unter.

Als ich geschossen hatte, trieb der Bock auf den Stein los (ich hatte

etwas daneben ins Wasser gehalten).

Der Neger griff zu und zog den dunklen Bock ganz zu sich hinauf; da lag

er nun.

Es war ein erfreulicher Anblick für das Auge eines Jägers: im Rot

der untergehenden Sonne der Stein mitten im Fluß, rings umströmt von

rauschendem Wasser, darauf lang hingestreckt der Buschbock mit dem

wehrhaften, schwarzen Gehörn; daneben die Gestalt des Negers.

Halb gehend, halb schwimmend, zogen die Neger den Bock an den Hörnern

zum Ufer.

Mitten zwischen den Hörnern, zwei Finger breit über dem Atlas war

meine zweite Kugel eingedrungen und saß zwischen dem linken Unterkiefer

und der Decke. Der erste Schuß hatte den Hals auf der linken Seite

handbreit über der Schulter durchschlagen, ohne die Wirbel zu

verletzen. Der Ausschuß war stark erweitert; vielleicht schon von den

Krokodilen.

Als längst die Feuer brannten und die Unterhaltung der Träger

verstummte, ging ich zwischen den Palmen hindurch und stand noch lange

auf einer Anhöhe, über dem weiten Tal.

In Dunkelheit lag es, von wenigen Sternen beschienen.

* * * * *

Als ich nach Tanga zurückkehrte, waren Herren und Damen zum

Nachmittagstee an Bord. Das Löwenfell wurde zum Schmuck aufgehängt,

und mehr als einer beglückwünschte mich mit den Worten: „Ich bin

soundsoviel Jahre in Afrika und habe noch keinen Löwen gesehen, und

Ihnen läuft am zweiten Tage gleich einer in die Flinte.“

Und in der Suahelizeitung „Kiongozi“ erschien acht Tage später ein

kurzer Bericht über meine Löwenjagd.

* * * * *

[Sidenote: Sonnenuntergang in See.]

Einige Tage später dampfte der ‚Bussard‘ dem Süden der Kolonie

entgegen, als wir, wie gewöhnlich nach dem Abendbrot auf der Hütte

saßen.

Es war ein prachtvoller Abend.

Vom Westen kam goldenes Licht der untergehenden Sonne. Das Land

darunter war nur am Dunst zu vermuten.

Der Himmel sah kalt aus, weil das Auge in dem unendlichen Blau

vergeblich nach Gebilden suchte, die das wärmende Licht auffingen; nur

im Osten stand tief eine massige Wolke; das Abendlicht färbte sie rosig

rot und die einzelnen Kuppen warfen dunkle Schatten.

Die unteren Teile waren unbeleuchtet, und schwächer umrissen, schon in

das Blau der Ferne zurückgetreten.

Roter Widerschein spiegelte in dem glatten Wasser. Von unten herauf

hoben sich die Schleier des Abends, Vorboten der Nacht, und erklommen

die Gipfel des vergänglichen Gebirges bis es mit erstarrten Zügen dalag.

Jetzt schwand auch im Westen das Gold. Aus der Tiefe des Meeres schien

hier die Nacht heraufzukommen.

Jedes Blau, das kühnste Violett mit Rot und Gelb gemischt, breitete

sich aus und dicht an der Schiffswand zeichnete die Bewegung der Wellen

blitzende Linien in die schwarze Flut.

* * * * *

Bei klarem Wetter näherte sich S. M. S. ‚Bussard‘ von Süden kommend,

der Insel Mafia. Von weitem erinnert der Anblick des dunklen Grün

über dem weißen Strand und der freundlichen Farbe des Wassers an die

pommernsche Ostseeküste; erst aus der Nähe erkennt man, daß die Bäume

keine Kiefern sondern Mangroven, Mangos und Kokospalmen sind; flache

Bänke sind hier im Westen der Insel vorgelagert und fallen zur Ebbzeit

weithin trocken.

Die Tirenibucht, in deren hellem Wasser wir den Anker fallen ließen,

ist von hohen Palmen umsäumt; ein rechter Ort des Friedens. Selbst der

Westwind hat nicht Raum, hohe See aufzubringen; denn das Festland mit

dem Mündungsdelta des Rufiyi ist nicht weit.

Im Norden der Bucht fehlen die Palmen; die Vegetation geht in Busch

über und dann verläuft das Land dem Auge als heller Sandstreifen nach

der See hin.

Zahllose Wasservögel beleben die zur Ebbzeit trockenen Riffe. An dem

steilen Ufer sieht man hellere Stellen, vermutlich Kalkgestein. --

Baumann sagt allerdings, nur im Innern, im nördlichen Teil der Insel,

komme Kalkstein vor. -- Im übrigen ist die ganze Insel sandig und

hervorragend geeignet zur Anlage von Kokospflanzungen; schon jetzt hat

Mafia eine große und stetig wachsende Ausfuhr an Kopra.

Die Palmpflanzungen sind zum großen Teil in den Händen von reichen

Arabern. Auf den Schamben wird Vieh gehalten, und die Regierung hat ein

wachsames Auge auf die Erhaltung und Vermehrung des Viehbestandes, der

für die Düngung der Palmen von großer Bedeutung ist. Bei der Nähe der

Küstenstädte mit ihrem großen Bedarf an frischem Fleisch und bei den

leichten Transportverhältnissen lag die Gefahr vor, daß der Viehbestand

der Insel zum Schaden der Pflanzungen vermindert wurde. Deshalb

bestand ein Ausfuhrverbot, und nur mit Erlaubnis des Herrn Steiner,

der dem Bezirksamt in Tschole vorstand, durften die Araber diesmal dem

Kriegsschiff fünf Rinder schenken; als Dank für die Freundlichkeit, mit

der ihnen die Matrosen während der Landwirtschaftlichen Ausstellung in

Daressalam die Einrichtung des „Manovari“[6] gezeigt hatten.

(Die Mannschaft bekommt bestimmte Verpflegungsgelder; Ersparnisse

werden ausgezahlt oder zu Vergnügungen ausgegeben. Das weiß jeder an

Bord genau und wer der Menage etwas stiftet, ist des Dankes jedes

einzelnen gewiß. So wurde auch das Geschenk der Araber entsprechend

gewürdigt, um so mehr, als diese baten, wir möchten auch Kokosnüsse

nach Bedarf bestellen. -- Die Nüsse wurden von den Matrosen stets sehr

gern gegessen und getrunken.)

Herr Steiner war mit diesem Verhalten seiner Schutzbefohlenen sehr

zufrieden; er benachrichtigte das Kriegsschiff rechtzeitig und riet,

die Geschenke anzunehmen.

[Sidenote: Auf der Insel Mafia.]

Das Landen war in der Tirenibucht nicht einfach; bei Flut konnten

die Boote unmittelbar an Land fahren, bei Ebbzeit aber mußte man

weit durch das Wasser waten oder sich dem Rücken eines Schwarzen

anvertrauen. Doch ein Spaziergang in der wunderbaren Pflanzenwelt der

Ufer dürfte auch größere Mühe und Umstände lohnen. Im Wasser gedeiht

ein dünner Mangrovengürtel, den eine breite Sandstraße von der üppigen

Ufervegetation trennt. Hier glänzen die fein gefiederten Wedel der

wilden Phönixpalme, wie an der Mündung des Rufiyi; große und kleine

Laubbäume wechseln ab mit Büschen, die eine Fülle duftiger, weißer

Schmetterlingsblüten tragen; einzelne Betelpalmen schießen hoch empor

und tragen auf dünnem Stamm die künstlerisch ausgebaute Krone. Mit

erstaunlichem Eifer haben sich die Pflanzen auch einer am Strande

stehenden Ruine bemächtigt. Vor einem halben Menschenalter mag dieses

Haus erbaut sein; wer aber nicht weiß, wie schnell unter tropischer

Sonne Mauern dem Verfall geweiht sind, wird sich versucht fühlen, die

Ruine auf die Portugiesenzeit wohl vierhundert Jahre zurückzuführen und

den Bäumen nach europäischem Maßstabe ein hohes Alter zuzutrauen.

Die Abendsonne durchleuchtete hier die Blattgewebe der üppigen

Bäume, die sich an das verwitterte Baugestein anlehnten. Dicht dabei

glitzerten die Sonnenstrahlen in der klaren Salzflut. In den Zweigen

der Mangroven hatten sich hunderte von blauen Reihern und kleinen,

weißen Kuhreihern zur Nachtruhe niedergelassen. Milane und Schildraben

umkreisten die Wipfel der schlanken Kokospalmen.

Ein heller Morgen sah mich wieder am Strand, wo ein kleiner weißer Esel

mit langen, steifen Ohren auf mich wartete. Er wurde nach arabischer

Art gesattelt. Der hübsche Eseljunge, (der offenbar arabisches Blut in

den Adern hatte), legte vier weiche Decken auf, zog mit großer Ruhe und

Ausdauer jede einzelne sorgfältig hin und her und faltete sie gehörig;

dann befestigte er eine weiche Kordel so, daß der fertige Sattel durch

den Schwanz des Tieres am vorrutschen gehindert wurde. Nach vorn führte

gar kein Geschirr; der fertige Sattel ruhte über dem Kreuz des Tieres.

Ein einfacher Strick diente als Zügel; mehr war auch nicht nötig, denn

das Tier war gewohnt stets hinter dem Eseljungen herzulaufen; der warf

sein weißes Gewand über und setzte sich nach Art der Neger in Trab,

indem er Kopf und Oberkörper, besonders beim Anlauf, stark auf dem

niedergehenden Fuß hin und her bewegte. Für die Gangart des Tieres war

also ganz der Junge maßgebend; ich durfte meine Reitkünste zu Hause

lassen und konnte nur durch ein paar auf Kisuaheli zugerufene Worte

meinen Willen zum Ausdruck bringen.

[Sidenote: Ein Ritt durch die Insel Mafia.]

An den Pflanzungen sieht man, daß die Palmen auf der ganzen Insel

gedeihen. Ich durchritt sandiges, mit niedrigem Gras bestandenes

Hügelland, in dem von Zeit zu Zeit kleine Schamben lagen; ein Dutzend

Kokospalmen, ein Garten mit Mohogo, dabei eine kleine Hütte. Das

ganze Besitztum sorgfältig gegen Wildschweine eingezäunt. In langen

Talsenkungen stand Wasser; hier gedieh eine artenreiche, dichte

Sumpfvegetation und blaue Wasserrosen deckten den Wasserspiegel. In

der Regenzeit sind diese Täler ganz mit Wasser ausgefüllt. Die Wege

zeigten streckenweise Pflege; an den Seiten war eine Reihe niedriger,

blaugrauer Agaven gepflanzt. Einmal durchschnitt der Weg übermannshohes

Gebüsch von Heidekraut, das zum Teil niedergebrannt war; an einer

Stelle, wo ich zum Frühstücken hielt, stand ein merkwürdiger Busch

mit glänzenden Blättern; es sah aus, als ob gelbe und rote Blüten

nebeneinander auf einem Ast saßen, aber bei näherem Hinsehen konnte

man erkennen, daß nur die gelben Blüten, Blüten waren und die roten,

alte Kelchblätter, die in ziegelroter Farbe abwechselnd grüne,

unreife und schwarze, reife, glänzende Beeren umkränzten. Gewiß eine

Merkwürdigkeit; erhöht durch die Tatsache, daß die Kelchblätter,

solange sie frische Blüten umschlossen, klein und nur zart gefärbt

waren.

Nach mehrstündigem Ritt näherte ich mich der Ostseite der Insel. Die

Kokospalmen wurden häufiger und bildeten bald regelmäßigen Waldbestand.

Die hohen, gleichmäßig starken Stämme erhoben sich aus niedrigem

Graswuchs; doch, wie um dem Auge einen festeren Halt zu geben, waren

dunkle, volle Mangobäume in diesen einförmigen Wald hineingestreut und

trugen wie Weihnachtsbäume, eine Fülle von Früchten an dünnen Fäden.

Zwischen den Bäumen lagen die naturbraunen, mit Palmblättern gedeckten

Hütten der Menschen; Rinderherden zogen durch den Wald, gefolgt von

schneeweißen Kuhreihern, die in Zusammenleben mit Haustier und Mensch

ihren Bedarf an Insektennahrung an der Haut der Rinder suchen; ein

Umstand, der den Viehzüchtern erwünscht ist. (Die Kuhreiher und

Madenhacker werden in Deutsch-Ostafrika durch das Jagdgesetz geschützt,

weil angenommen wird, daß sie auch die von den Rindern abfallenden

Küstenfieberzecken verzehren. Man ist aber weit davon entfernt, den

Nutzen der Vögel zu überschätzen; sie hacken Löcher in die Haut der

Rinder und bringen ihnen häßliche Wunden bei. Die Insel Mafia selbst

ist vor Seuchengefahr ziemlich sicher und die Vieheinfuhr wird durch

Quarantäne sorgfältig überwacht).

Auf einem sauber gehaltenen Platze unter hohen Palmen hielt mich

der Jumbe der Insel an, ein Araber, der aus einer wohlgebauten Hütte

heraustrat. Die hagere Gestalt bekleidete ein langes, weißes Hemd aus

dem die zierlichen Glieder und der fein geformte Kopf heraussahen.

Über der glatten, weichen Stirnhaut war das Kopftuch zu einem Turban

zusammengeschlungen. Die lebhaften, großen Augen glänzten und durch die

feinen Lippen leuchteten beim Sprechen weiße Zähne. Vor der Mitte des

Leibes stak im Gürtel der fein verzierte, gebogene Dolch in silberner

Scheide; an den Füßen trug er weit überstehende Ledersandalen. Er bot

mir einen Stuhl an und ließ eine Kokosnuß holen, eine frische, wie er

versicherte; ich konnte das nicht bezweifeln, denn ich sah, wie der

Junge auf die Palme kletterte und umständlich die beste Nuß auswählte

und herunterschlug.

Die Auswahl muß, wie mir der Araber erläuterte, erlernt werden. Man

unterscheidet Trinknüsse (Madafu) und reife Nüsse zur Kopragewinnung

oder zur Aussaat. Die Trinknüsse haben noch nicht viel Fleisch

angesetzt und sind, nachdem der Bast durchgehauen ist, leicht zu

öffnen. Der Saft macht auf weißen Anzügen braune Flecken, die durch

waschen nicht hinausgehen.

Bewundernswert ist, wie die Neger die Palmen erklettern.

Während wir den Druck der Knie beim Klettern benutzen müssen, gestattet

dem Neger sein Körperbau an dem dünnen Stamm einer Palme empor zu

gehen, wobei er den Stamm mit den Händen umfassen kann, weil er sehr

lange Arme hat. In den Stamm der fruchttragenden Palmen sind, um das

Ersteigen zu erleichtern, meist Treppenstufen eingeschnitten.

Auf dem sauber gefegten Platze vor dem Hause lagen aufgeschnittene

Kokosnüsse zum Trocknen. -- Als ich am Abend wieder vorbeikam, waren

sie unter das überstehende Dach der Hütte gelegt, um sie vor dem hier

reichlichen Nachttau zu schützen. --

Ich ritt weiter und hatte bald den Blick zwischen Palmen hindurch

auf das Meer, auf die große Bucht, deren Südseite die Insel Tschole

vorgelagert ist. An den Korallenriffen stand eine hohe Brandung.

Zwischen den Riffen hindurch führt die Einfahrt in die Tscholebucht,

die bei Hochwasser auch von den kleinen Gouvernementsdampfern

angelaufen werden kann.

[Illustration: Rinderherde. Kokospalme und Mangobäume.]

[Sidenote: Kokospalmen.]

In dem weißen Seesand, dicht am Meere, stand eine sechsjährige

Kokospflanzung, nach dem Wasser hin durch eine Hecke abgeschlossen. Die

Palmen waren gleichmäßig hoch, die Blätter zeigten eine gesunde Farbe.

Die Kokospalmen blühen im sechsten Jahre und bringen im siebenten Jahre

die erste Ernte. Eine Palme liefert jährlich 75 bis 100 Nüsse, je nach

der Bearbeitung und Düngung, die man ihr gibt. Der schlimmste Feind der

Palme ist der große Nashornkäfer, dessen Larven von den Eingeborenen

eifrig verfolgt werden.

Am Strande klopfte ein Mann Bast von Kokosnüssen, um Schiffstaue davon

zu machen.

Zu dem Zwecke wird die Umhüllung der Nüsse im nassen Sand einige

Zeitlang eingegraben, damit die Fleischteile sich von dem eigentlichen

Bast lösen, dann wird der Bast ausgeklopft und getrocknet. Das Material

ist uns bekannt in der Form von Kokosmatten.

Das Tauwerk aus dem Bast muß sehr stark sein, und sieht deshalb plump

aus.

Mein Esel ging ohne Zögern durch die glitzernde Flut auf das Boot los,

das etwa 400 _m_ weit vom Strande entfernt im flachen Wasser lag;

ich konnte vom Rücken des Esels in das Boot hineinsteigen. Leider

erlaubte der Wind nicht, Segel zu setzen; ich mußte, um mein Ziel, die

Insel Tschole zu erreichen, in weitem Bogen um eine, bei Ebbe trocken

fallende Landzunge herumrudern lassen. Die Baharias (Matrosen) sangen

laut und kamen dadurch über die eintönige, anstrengende Arbeit hinweg.

Fast eine halbe Stunde lang sangen sie dieselben Worte. „Bringt mich zu

meiner Mutter Faida!“

Die schwarzen Bootsleute können, wenn es nötig ist, acht bis zehn

Stunden lang ohne Unterbrechung rudern; kein Weißer könnte das

aushalten. Aber merkwürdig: dieselben Leute sind zu anderer Arbeit

ungeschickt und nur auf die eine Bewegung des Ruderns trainiert.

Man kann wohl annehmen, daß so außerordentliche Anstrengungen ihrer

Gesundheit schaden, aber daran denken sie nicht; wenn sie krank werden,

sind sie für den Dienst unbrauchbar und verschwinden in der Menge. So

sind es immer die kräftigsten und gesundesten aus vielen Negern, die

den Dienst gerade tun und die der Weiße um sich sieht.

[Sidenote: Tschole.]

Nach einstündiger Fahrt landete ich auf der Insel Tschole. Links über

den hellen Strand hin gingen viele Menschen und löschten die Ladung

einer Dhau. Man hatte das Fahrzeug auf den Strand auflaufen lassen

und so war es den Trägern jetzt, bei halbem Wasser ein leichtes, die

Ladung zu löschen. Auch ein Rind wurde aus dem Schiff gezerrt und unter

Geschrei am Lande entlang getrieben. -- Eine andere Dhau lag dort,

dicht besetzt mit Passagieren, und wartete die Flut ab, um nach der

Insel hinüberzusegeln.

Herr Steiner führte mich in sein schön gelegenes Haus, von dessen

Veranda wir die Aussicht auf die Bucht und die Insel Mafia hatten; am

jenseitigen Ufer, soweit das Auge sah, standen Palmen, der Reichtum der

Insel.

Das Haus einer italienischen Handelsgesellschaft schaute freundlich,

aber verlassen herüber. Wie so oft, waren auch hier grobe Fehler, nicht

die gegebenen Bedingungen an dem Mißlingen des Unternehmens schuld. Die

Gesellschaft hatte Geld an Araber und freie Suahelineger verborgt, die

keine Palmen besaßen und war dadurch in Schulden geraten. Nun hatte

die Gesellschaft das gesegnete Land verlassen; die Schuldner taten

Strafarbeit an der Kette.

[Illustration: Straße auf Tschole (Mafia).

Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika · 第 21 / 34 题