[Illustration: S. M. S. „Bussard“.]
Zum Indischen Ozean.
Vor mir liegt, in Schweinsleder gebunden, ein altes Buch, das mich
nach dem Indischen Ozean begleitet hat: „Johann Jakob Merckleins
Ost-Indianische Reise, welche er im Jahre 1644 löblich unternommen
und im Jahre 1653 glücklich vollendet samt Johann Sigmund Wurfbains
kurtzem Bericht wie eine Reise, so zu Wasser wie zu Lande nach Indien
anzustellen sey.“
Das Buch wird bezeichnet als: „Journal alles desjenigen, was sich auf
währender neunjährigen Reise im Dienst der vereinigten geoctroyrten
niederländischen Ost-Indianischen Compagnie täglich begeben und
zugetragen, dabey die Situation und Gelegenheit der Länder und Sitten
unterschiedlicher Völker zu besserer Nachricht in etwas berühret
worden.“
Aus den getreuen Aufzeichnungen des Chirurgum und Barbirern Mercklein
weht ein Hauch ursprünglichster Anschaulichkeit, und Freude an fremden
Dingen. Deshalb ist es mir interessant gewesen hineinzusehen, und
ich wurde unwillkürlich angeregt, meine Fahrt mit der des Holländers
zweihundertfünfzig Jahre früher zu vergleichen.
Die Edle Herren Bewinthabere der Compagnie zu Amsterdam ließen im Jahre
1644 zwei Schiffe zurichten, um neue Besatzungen für die Schiffe und
Faktoreien in Ostindien hinauszusenden.
Das war also ein Ablösungstransport genau wie der unsere, der am 5. Mai
1904 Bremerhaven verließ, um Mannschaften und Material für die im Osten
stationierten Schiffe der Kaiserlich Deutschen Marine hinauszubringen;
ohne Unterbrechung dampfte der ‚Main‘ die Weser abwärts durch den
englischen Kanal und die Biskaya, an der Hispanischen Halbinsel vorbei,
bog in die Meerenge von Gibraltar ein und erreichte am elften Tage der
Abreise Port Said und die Pforte zum indischen Ozean.
Die arme Holländerflottille dagegen: Der ~Walfisch~ -- groß 450 Last,
jede zu 3000 Pfund, Kapitän Pieter Dierksoon, Oberkaufmann Herr
Nikolaus Overschie, gewesener Direktor in Persia, -- und der ~Salm~,
zwei neuerbaute Fluytschiffe. -- Am 8. November verließen sie Amsterdam
und konnten, „weil der Wind stetig aus Westen wehete, nicht in das Meer
auslaufen bis auf den 30. Dezember“. An den Suezkanal dachte man damals
noch nicht; die holländischen Segler mußten ihren Kurs unausgesetzt
südlich nehmen, durch den Kalmengürtel der aufsteigenden Luftströme bis
zum Kap der Stürme, das im Heimatlande des portugiesischen Entdeckers
das Kap Bonae Spei genannt wurde, weil seine Entdeckung gegen Ende des
15. Jahrhunderts die Hoffnung auf den Seeweg nach Ostindien in sich
trug. Anfang März hielt sie ein starker Sturm dort fest, an der alten
Pforte zum indischen Ozean und dem reichen Osten. Auf der Reede von
Batavia wurde nach Verlauf von sieben Monaten am 31. May 1645 geankert,
nach einer Seefahrt von 3600 Meilen. -- Den gleichen Punkt etwa
erreicht der deutsche Transportdampfer in dreißig Tagen; und gehört
nicht zu den schnellsten Schiffen.
Sechs Monate später erst empfingen die Herren Bewinthabere in Amsterdam
den Brief, der ihnen meldete, daß der ‚Walfisch‘ „in des Generals
Residenzstadt Batavia arriviert sey ohne Verlust einiges Menschen
durch Scharbuck oder _morbus Scorbuticus_, welches selten auf so
langen Reisen geschieht“. Heute steht die Ankunft des Dampfers ‚Main‘
in irgend einem der großen Häfen des fernsten Ozeans noch an demselben
Tage in der Weserzeitung. Und doch behielten die Herren in Amsterdam
die Leitung in Händen; nur das Tempo der Unternehmungen ist eben
schneller geworden.
Im Grunde erinnern alle Zustände und Ereignisse der Ostindianischen
Compagnie an die heutigen Zustände in den Kolonien. Eine weitgehende
Arbeitsteilung ist eingetreten; Handels- und Kriegsmarine sind
getrennt; die Umgangsformen der Nationen feiner und empfindlicher
geworden; die geräumigen Handelsdampfer tragen keine Kanonen mehr.
Handel, Verwaltung und Waffengewalt liegen in verschiedenen Händen,
während der Kaufmann des 17. Jahrhunderts alles dies in seiner Person
vereinte, die Kapitäne der Schiffe, die Gouverneure, die Verwalter der
Faktoreien ernannte und die Waffengewalt unmittelbar für sein Interesse
einsetzte.
[Sidenote: Im Niltal.]
Am 17. Mai 1904 fuhr unser Dampfer zwischen den Molen von Port Said
hindurch in den Suezkanal ein, an dem Denkmal Ferdinand von Lesseps
vorbei, gab Leinen an Land und machte fest, um Kohlen zu nehmen. Die
Agentur des Norddeutschen Lloyd hatte die gefüllten Prähme schon
bereitliegen und das farbige Volk der Kohlenträger ging sofort unter
viel Geschrei an die Arbeit; eine dicke Staubwolke hob sich in die Luft
und verleidete dem Zuschauer den Aufenthalt an Bord. Wer abkömmlich
war, verließ deshalb den Dampfer zu einem Abstecher nach Kairo, um
erst in Suez das Schiff wieder zu besteigen. Auch ich gehörte zu den
Reiselustigen, die in den staubbedeckten Waggons der Schmalspurbahn
nach Ismailia Platz nahmen.
Die Sonne glühte, aber ein starker Luftzug trug sehr zum Wohlbefinden
bei.
Zur Linken hatten wir den Suezkanal, zur Rechten die helle
Wüstenlandschaft. Wo sich Menschen angesiedelt hatten, ragte wie
eine Insel ein Fleckchen bebautes Land heraus; mit Dattelpalmen,
Bananenbüschen und bunten Blütenbäumen. Erst der vom Nil hergeleitete
Süßwasserkanal hat den Pflanzenwuchs hier ermöglicht. Ein Trupp
Menschen mit bepackten Kameelen tauchte auf.
In all den kleinen Stationen stiegen Farbige ein und je näher wir
von Ismailia dem wunderbaren Kairo kamen, desto vielseitiger wurde
das Völkergemisch. Hier ein Araber in bronzefarbenem Gewande mit
geradem Halsausschnitt und auffallend langen Ärmeln, deren weit
hervortretendes, sauberes Futter auf den zierlichen Händen liegt; er
trägt den Turban auf dem Kopf über dem feinen Gesicht. Neben ihm sitzt
ein Türke, dessen große Nase und in Falten aufgehängter Mund sehr
häßlich wirken. -- Immer ausgedehnter werden die mit Kulturpflanzen
bebauten Flächen. Wo das lebenspendende, kräftelösende Wasser
hingeleitet ist, wächst dicht und üppig der Weizen hervor; unmittelbar
daneben leuchtet der leblose Sand. Kameele und Ziegen begnügen sich mit
spärlichem Grün, dann kommen Esel, starke Kühe und Pferde, wo sich die
Pflanzen mehren. Es wechseln ab: Weizen, der gerade zur Ernte reif ist,
Baumwolle und kniehoher, dichter, weißblühender Klee, als Viehfutter.
Gepflügt wird noch mit dem alten Holzhaken, den wir schon auf den
Malereien der alten Ägypter finden.
In den langen Furchen der sauber gehalten Baumwollfelder glänzt hier
und dort Wasser, und Leute sind beschäftigt, das Naß den Pflanzen
zuzuleiten. Ochsen mit verbundenen Augen ziehen die Göpelwerke der
Schöpfräder und die Trommeln auf den offenen Tennen, wo der Weizen
gedroschen wird. Das Korn wird mit der Sichel gemäht. Wo Kühe weiden,
sitzen ebensoviel Menschen dabei und sehen zu.
Weithin verläuft das fruchtbare Land. In zarter Färbung von der
Nachmittagssonne umflutet, erscheinen am Horizont zwei Pyramiden und
der Höhenzug über Kairo, gekrönt von einem stolzen Bauwerk: der Moschee
Mehemet Alis in der Zitadelle.
Durch die belebten Straßen der Stadt bringt uns ein Wagen auf die Höhe.
Am Eingang der Zitadelle steht ein Posten der ‚_Occupation armee_‘
mit Bajonett, einen Tropenhelm mit silberner Spitze auf dem Kopfe. Um
die hohen, schlanken Minarets kreisen Weihen. In der Moschee werden
der von Teppichen bedeckte Boden, die Alabasterwände, die kunstvolle
Kanzeltreppe und die an langen Ketten hängenden Lampen gezeigt.
Vier mächtige Pfeiler tragen die Kuppel mit ihren bunten Scheiben, die
dem Innern des Raumes eine feierliche Beleuchtung geben.
Lästig war es, dem ewig schwatzenden Führer zu folgen; der wollte
die Neugierde befriedigen und hetzte von einer Sehenswürdigkeit zur
andern. Keines Eindrucks konnte man Herr werden; deshalb blieben wir
einen Augenblick zurück, um in aller Ruhe das Bild in uns aufzunehmen.
Dann standen wir an dem hohen Gitter, das das Plateau der Zitadelle
abschließt.
[Sidenote: Kairo.]
Unter uns lag die große Stadt mit staubfarbenen Gebäuden, mit Türmen
und Minarets.
Als breites Silberband schimmerte der Nil durch die Reihen der Häuser;
einzelne Palmen zierten seine Ufer. In der Ferne begann die Wüste
gerade dort, wo die Pyramiden von Gizeh mächtig emporragten. Weiter
links am Nil hinauf waren die Pyramiden von Memphis im Dunst des Tals
und im letzten Schein der feurig in die Sahara untertauchenden Sonne zu
erkennen.
Als wir zur Stadt zurückfuhren, zündeten braune Gestalten die wenigen
Laternen an; die Fußgänger auf den Straßen mehrten sich; vor den
Trinkhallen saßen Männer auf den Trottoirs und rauchten Wasserpfeife.
Unter beständigen Zurufen an seine Pferde lenkte der Kutscher unsern
Wagen zum Hotel.
[Sidenote: Auf der Cheopspyramide]
Der nächste Morgen war hell, wie fast das ganze Jahr hindurch in Kairo,
als wir über die Nilbrücke nach Gizeh fuhren. Auf dem Wege kamen uns
Kameele und Esel entgegen, die hoch und breit mit Grünfutter, Gemüsen,
Körben mit Geflügel oder großen Milchgefäßen beladen zum Markte
getrieben wurden. Die Sonne stieg höher über die Türme der Stadt und
beleuchtete die üppige blütenreiche Pflanzenpracht des Gizeh-Garden.
Vom Nil her wird das Wasser in den Garten gepumpt, weil es vom Himmel
nicht zu erwarten ist; nun sprudelt es hier und dort aus dem Rasen
hervor und überschwemmt die Beete.
Der breite von Akazien beschattete Weg biegt nach Westen auf die
Pyramiden zu.
Wer es nicht gesehen hat, kann sich keinen Begriff machen von dem
Eindruck der mächtigen von Menschen aufgetürmten Steinmassen aus der
Nähe.
Man sagt, die Pyramide liege in dem Mittelpunkt der ganzen bewohnten
Erde; der Meridian, der den Platz der Pyramide schneidet, decke mehr
Land als irgend ein anderer und auch kein anderer Breitenparallel
soviel wie der 30° N.
Wie weit solche Betrachtungen von Bedeutung sind, darf man dahin
gestellt sein lassen. Wunderbar aber ist es, daß sich an der
Cheopspyramide geometrische Proportionen nachweisen lassen, daß der
Porphyrkoffer im Innern ein Einheitsmaß darstellt, daß die Richtung
der Seiten bei allen Pyramiden den Himmelsrichtungen entsprechen;
die Phantasie wird mächtig angeregt, wenn sie in dem Riesenbauwerk
verborgene Rätsel sucht.
Man war überrascht, als s. Zt. im oberen Teil der Pyramide der
leere Sarkophag gefunden wurde. In allen anderen Pyramiden befanden
sich die Grabkammern unter der Grundfläche. Keine Inschrift, kein
Ornament deutete an, daß je eine Mumie dort gebettet wurde und Herodot
berichtet, daß Cheops nicht in der Pyramide begraben sei. Es schien,
als habe der Baumeister mit seinem Verzicht auf jede Inschrift den
späteren Zeiten sagen wollen, daß über den Sinn der Pyramide kein
Zweifel bestehen könne.
Der Zugang zum Innern war vermauert und ist erst durch ebenfalls
interessante Berechnungen und Überlegungen wieder gefunden worden.
Die Pyramide soll 2000 Jahre vor Christi Geburt erbaut sein; Cheops
ließ die Tempel schließen, verbot die Opfer und machte es dem Volk
zur Aufgabe, dafür an der Pyramide zu arbeiten. Das Bauwerk ist 227
_m_ in jeder der Fronten und war früher 147 _m_ hoch. Mehrere
Millionen Tons Steine stecken darin. Die obersten Steine fehlen ebenso
wie die glatte Bedeckung, die nur an der Spitze der Chephrenpyramide
noch vorhanden ist.
Viel bedeutsamer als alle die oben ausgesprochenen Mutmaßungen
erscheint die Lage des ungeheuren Monuments am Rande der Libyschen
Wüste und des fruchtbaren Niltals. Als die Führer uns von Stein zu
Stein hinaufbefördert hatten und ihre zudringliche Bettelei auf
Minuten zum Stillstand gebracht war, konnte man von der quadratischen
Plattform, die die Spitze der Pyramide bildet, den Rundblick in sich
aufnehmen. Die Ostfront neigt sich nach den üppigen Feldern, die der
Nil überflutet und der alten Chalifenstadt el Fostat, dem heutigen
Kairo. Die Westseite blickt auf die Wüste, auf das unendliche hügelige
Sandmeer, in dessen Fluten die Schatten der Wolken schwimmen. Da geht
die Pilgerstraße durch das Natrontal an die Küste des Mittelmeers; kaum
kann man von einer Straße sprechen. -- -- --
Ins Uferlose führen die Spuren.
[Illustration: Die Sphinx.]
Auch diese lebensfeindliche Wüste haben der Handel und der Islam
überwunden. Von hier aus ist die Lehre Mohameds nach Westen gegangen,
bis sie in den Gebirgen Spaniens zurückgeworfen wurde. Die Menschen
machte der Koran bedürfnislos und sie fanden in den Kameelen Lasttiere,
durch deren Arbeit und Anspruchslosigkeit sogar die Ufer der Wüste
verbunden werden konnten.
Menschen und immer wieder Menschen! Auch die den mächtigen Strom
bändigten und ihren Feldern nutzbar machten, die die Steine zu fast
unvergänglichen Bauwerken auftürmten.
Ein Volk, das Zeit zu solchen Bauten hatte, die nichts weniger sind,
als Nutzbauten, mußte viel Brot besitzen!
Größeres kann die moderne Technik leisten. Welche Opfer an Leben
aber mag es damals gekostet haben? Noch heute versucht die Natur ihr
Veto einzulegen, wenn große Menschenmengen an einem Ort zur Arbeit
zusammengebracht werden. Krankheiten und Seuchen brechen aus und nur
die wohlorganisierte Arbeit der Ärzte ermöglicht große Unternehmungen.
Wie mag es vor 4000 Jahren gewesen sein! Und wieviel Menschen mögen dem
ungewohnten Klima, dem Fieber und anderen Krankheiten erlegen sein, die
die Menschheit vielleicht jetzt schon überwunden hat!
Der Gedanke an solche Zustände erhöht die Bewunderung vor den großen
Bauwerken der Alten; unter den heutigen Umständen würde sich eine
Ausnützung von Menschen nach dem Muster der alten Machthaber von selbst
verbieten. Sind es doch gerade die Leiden der Kulis und der Neger
in Zentralafrika gewesen, durch die die Kulturwelt zur Teilnahme an
kolonialen Unternehmungen begeistert wurde.
Die Ethik der Kulturvölker verbietet eine Ausnutzung der niedriger
stehenden Rassen, wenn auch der Neger noch heute so roh und barbarisch
ist, daß es ihm nicht zur Unehre gereichte, als Diener des Mächtigeren
ausgenützt zu werden. Und welche Kulturarbeit könnte geleistet werden,
wenn die ungeheure Überlegenheit, die wir mit unseren Feuerwaffen über
die Neger besitzen, genutzt würde, um Bahnen und Wege zu bauen, um
Plantagen anzulegen! Eine andere Zeit, hörte ich einmal sagen, hätte im
Besitze einer Macht, wie wir sie haben, andere Werte in den Kolonien
hervorgebracht, und vielleicht würden dann weniger Aufstände gekommen
sein, die zur Vernichtung ganzer Stämme führten, würde schneller durch
Erschließung des Landes der Hungersnot, der Schlafkrankheit und anderen
verheerenden Übeln entgegengetreten sein.
Was Afrika anging, so war die Möglichkeit zu ähnlicher Herrschaft über
Menschen noch immer vorhanden. In dem großen Kontinent, dem der Nil
entströmt, hat es vor 4000 Jahren wahrscheinlich kaum anders ausgesehen
als vor hundert Jahren. Sklaven holte sich Cheops von dort ebenso wie
vor einem Menschenalter noch die Araber, und die Kunde von dem Mondland
Uniamuezi, aus dem der Nil entspringen sollte, ist jedenfalls diesen
ersten Interessen an dem volkreichen Süden zu danken.
Soll man einmal fragen, was wohl aus dem Neger geworden wäre,
wenn Europa noch mit den Anschauungen des Mittelalters an die
Erschließung Afrikas hätte gehen können? Es ist wie ein Zufall in der
Weltgeschichte, daß das große, reiche Land solange unbekannt blieb und
daß den vernichtenden Sklavenjägern gleich Rächer erstehen konnten.
Jetzt stellen sich die kolonisierenden Völker die große Aufgabe, die
Kräfte der neuen Länder in einer unserer Ethik entsprechenden Weise zu
entwickeln und nutzbar zu machen.
Von den Pyramiden ging es auf dem Rücken eines Kameels zur Sphinx und
dann zu einem dritten merkwürdigen Bauwerk, dem Tempel der Sphinx. In
der Erde vergraben erweckt dieses Gebäude den Anschein, niemals für
Außenfassaden, sondern wie der Bau eines Fuchses in die Erde hinein
gebaut zu sein. Es ist von Wüstensand erst wieder freigelegt. Glatte,
sauber gehauene und polierte Granitquadern bis zu 5½ _m_ lang sind
hier mit größter Genauigkeit neben- und übereinander gefügt. Aufrecht
stehende Steine bilden Säulen, auf denen andere als Dach ruhen.
Stellenweise ist Alabaster benutzt und auf jedes Ornament verzichtet
worden: Hier spricht allein das Material durch seine Zusammenfügung,
Wucht und Größe. --
[Sidenote: Kairo.]
Als ich am Nachmittag mit einigen Kameraden durch die Straßen ging,
begegnete uns im Nordviertel der Stadt ein Leichenzug der Fellachen.
Voran ging ein Karree alter Männer; ihnen folgten jüngere Männer mit
Gesangsheften in arabischer Schrift, dann kamen Kinder mit Blumen,
vor dem Sarg, der getragen wurde und mit bunten Tüchern und Blumen
geschmückt war. Unter, neben und hinter dem Sarg gingen klagende
Frauen, darunter eine, die von Zeit zu Zeit die Arme hob, wobei
sie ein Tuch spannte und den Kopf zurückwarf. Ihr Gesicht war mit
schwarzblauer Farbe beschmiert. Der Zug bewegte sich unter dem Klange
eintöniger Lieder langsam vorwärts.
Ein anmutiges Bild bot sich uns am Nil. Langsam glitten Boote mit
hohen, spitzen Segeln über das ruhige Wasser. Dattelpalmen standen
neben weißen Häusern, darüber der blaue Himmel.
Wir gelangten über die Nilbrücke zum zoologischen Garten, der nicht
sehr besetzt war. Die wenigen Tiere aber, die dort in üppigem Grün
umherstanden, sahen sauber und wohlgepflegt aus, wie der ganze Garten.
Die Büsche hingen voller Blüten; an vielen Stellen sahen Hydranten aus
dem Boden, mit deren Hilfe den einzelnen Teilen des Gartens Wasser
zugeführt werden kann. Wie im Sommer in den nordischen Gärten die
Tiere durch Luft und Licht besser gedeihen als im Winter, so machte es
sich auch hier vorteilhaft geltend, daß sie andauernd im Freien liegen
konnten.
Zwischen hohen Fikusbäumen spaziert auf freiem Rasenplatz ein seltsamer
Vogel -- der Walkopfstorch --; sein Schnabel ist plump wie ein
Kasten. Mit ihm teilen den sonnigen Raum einige Kraniche in lebendig
zurechtgeschütteltem Gefieder. Daneben der künstliche Teich mit üppigen
Sumpfgewächsen, Uferbäumen, die von ihren Ästen Wurzelfäden zum Wasser
hinabsenden und breitblättrigen Wasserpflanzen: eine erdrückende Fülle.
Uns fesselten weniger die ausländischen Tiere, die Hirsche aus Europa
und Ceylon, die Bären, die nicht auf afrikanischem Boden heimisch
sind, sondern die Vertreter der ägyptischen Fauna; sicher wäre es eine
vorteilhafte Beschränkung, wenn in solchen Tiergärten, die kaum einer
allgemeinen Belehrung dienen können, die Tierwelt des Landes in der
ihr eigenen Umgebung und in ihrem Klima möglichst vollständig gezeigt
und auf die fremdländischen Vertreter weniger Wert gelegt würde. --
Ein hervorragendes Beispiel der Art ist der große ~Rhodespark~ in
~Kapstadt~.
Die wenigen Gazellen aus dem Sudan waren reizend anzusehen.
Der Nachmittag sah uns in dem Geschäftsviertel der Stadt Kairo, nachdem
wir die Menge der Wagen an uns hatten vorbeifahren lassen, die zum
Korso den Weg über die große Nilbrücke nach Gizeh nahmen.
Es gehört Kenntnis der Volkstypen dazu, um sich in dem Menschengewirr,
das die engen Gassen der Bazars füllt, zurechtzufinden. Mich
beschäftigte nur das bunte Bild; die Menschen aller Farben, zwischen
den Läden mit Teppichen, Goldarbeiten, Ölkuchen, Anzügen, Metallwaren
und Spezereien.
Die Eisenbahn brachte uns in unruhiger Nachtfahrt nach ~Suez~. Der
Dampfer hatte inzwischen den Kanal passiert und nahm uns auf, um seinen
Weg durch das Rote Meer nach ~Colombo~ fortzusetzen.
[Sidenote: Auf Ceylon.]
Der Hafen von Colombo, auf Ceylon, wird von allen nach Osten gehenden
Schiffen angelaufen; meist sogar mit etwas Aufenthalt, so daß die
Schönheit der Insel und ihre Fruchtbarkeit sehr bekannt sind.
Der kleine Kreuzer Bussard, auf dem ich ein zweijähriges Kommando
antrat, lag in dem Hafen. Er kam aus Ostasien und hatte eine schwere
Seefahrt hinter sich, derentwegen man ihm einige Wochen Ruhe zu
Reparaturen und Erholung gab, ein Umstand, der auch dem neuangekommenen
Teil der Besatzung zugute kam.
So lernte ich außer der schönen von Palmen geschmückten Stadt auch
~Kandy~ und den botanischen Garten von ~Peredenya~ kennen,
und unternahm einen kleinen Jagdausflug, der mich mit dem Charakter der
Landschaft vertraut machte.
Wundervoll anzusehen ist das Bild des Hafens mit den vielen Schiffen,
die hinter der langen Mole geborgen liegen, während die ungeheure
Brandung von außen dagegen tobt, himmelhoch aufspritzt und eine breite
See hinübergießt, die sich wie ein weißes Spitzentuch über die Mauer
legt.
Krähen, von den Eingeborenen heilig gehalten, und deshalb geschont,
fliegen in Menge von Schiff zu Schiff, sitzen auf den Stagen und an
Land in den Bäumen. Merkwürdig genug sind auch die aufdringlichen
Singhalesenbengels, die in kleinen Fahrzeugen um die Passagierdampfer
herumfahren, nach Geldstücken tauchen und einen erbärmlichen Chorgesang
anstimmen.
Den Tag über war man meist an Bord beschäftigt; denn nach jedem
Besatzungswechsel gibt es viel zu ordnen; der Erste Offizier drängt
darauf hin, die Rollen der Mannschaft recht bald einzuüben und den
Schiffsdienst in die Reihe zu bringen. -- Aber an den Abenden fuhr man
an Land und promenierte mit Kameraden nach dem schön gelegenen Galle
face Hotel oder ließ sich von einer Rickschah durch die von üppigen
Bäumen eingefaßten Wege dahinfahren.
Eine Bahnfahrt in die Berge nach dem hochgelegenen Kandy führte mich
durch die wechselnden Landschaftsbilder der Insel. Anfangs die Ebene
mit Kokospalmwäldern, unterbrochen durch Reisfelder; die Copra, von
Eingeboren geerntet, bildet ein wichtiges Produkt und wird in Colombo
selbst verarbeitet.
Die ersten Anhöhen kamen, von dichtem Wald bedeckt, Regen strömte
hernieder, Wolken verhüllten die Bergkuppen, die Bahn stieg bergauf
und zog auf kühn angelegter Trace an steilen Berghängen entlang. Über
liebliche Täler ging hier der Blick zu fernen Höhen. An den Hängen
hinab floß Wasser über die Terrassen der Reisfelder; Rinder weideten
dazwischen.
Nach der ägyptischen Baukunst machten die Tempel auf Ceylon geringen
Eindruck. Kleinlich; es ist, als ob die Menschen nicht fähig waren,
aus der Schönheit der sie umgebenden Natur etwas in ihre Kunst hinüber
zu nehmen. Kuriosa sind es: der Zahn Buddhas, der Silberschatz, die
abgeschmackten Götzenbilder, die heiligen Schildkröten, der heilige
Baum und all der Flitter im Tempel. Desto großartiger ist die Natur
und besonders die Palmenwelt in dem geräumigen botanischen Garten
von Peredenya. Da stand eine Allee von Fächerpalmen wie das Peristil
eines griechischen Tempels. Die Formenfülle der hier vertretenen
Palmen berauschte das Auge. Neben der _Lodoicea Seychellarum_,
der größten Fächerpalme der Erde, zartgerippte Phönixarten, die
Siegelwachspalme mit roten Blattstengeln und die schmückenden
Königspalmen.
[Sidenote: Ceylon.]
Das Orchideenhaus erinnerte mich an die begeisterten Schilderungen
eines Freundes, dessen Lieblinge diese schmarotzenden Schönen waren;
ich sah hier manche der Wunderblüten, die ich bisher nur von bunten
Tafeln her kannte.
Muskatnuß und Kokain, Gummilianen und Teeblüten entdeckte man.
Ungeheuerlich wirkte das mächtige Bambusgebüsch am fließenden Wasser.
Da war jedes Rohr ein dicker Stamm, alle Gräser zusammen bildeten
unten einen geschlossenen Zaun, und man konnte sich vorstellen, welche
Schwierigkeit es sein mag, in einem Bambuswald vorzudringen, wenn nicht
Elefanten uralte Wege offen gehalten haben.
Von der Bahn aus hatte ich ein merkwürdiges Tier gesehen: eine
Rieseneidechse, die wie ein Krokodil langsam über die Böschung kroch.
In Colombo wurde mir gesagt, daß es nicht schwer sei, solche Tiere im
Lande anzutreffen, und daß auch die Vogelwelt im Tieflande überaus bunt
und vielseitig sei.
So machte ich mich eines Tages auf den Weg um unter Führung eines
Jägers in der Ebene südlich von Kolombo umherzustreifen; nach
mehrstündiger Bahnfahrt verbrachte ich die Nacht in einem englischen
Rasthause.
Am folgenden Morgen durchwanderten wir frische grüne Wälder. Mein
Führer kannte alle die bunten Vögel, die in großer Zahl im Walde
flogen. Bald hatte ich eine kleine Kollektion beisammen, und wir hatten
bis in die Nacht zu tun, die Ausbeute zu präparieren.
Es sind die einzigen Vögel geblieben, die ich im Auslande gesammelt
habe. Die Mühe des Präparierens war mir zu groß, wo größere Trophäen
lockten; deshalb habe ich in Ostafrika außer Hühnern und Tauben fast
keinen Vogel geschossen.
Mit der bunten Ausbeute, die jetzt in einem Glasschrank an den ersten
bescheidenen Jagdtag am Indischen Ozean erinnert, und mit zwei großen
Eidechsen fuhr ich nach Kolombo zurück.
Neun Tage waren wir von Ceylon nach den Seychellen unterwegs, ohne ein
fremdes Schiff zu sehen; eine rechte Seefahrt war es, auf der man das
Land verlernt, nur den Himmel mit den leuchtenden Gestirnen und die
dunkle Salzflut um sich sieht.
Da kommt man dazu, alte Eindrücke zu verarbeiten und auf neue hungrig
zu werden.
Daß Meere die Länder trennen und Gegensätze in dieser kleinen Welt
erhalten und begünstigt werden, geschieht um uns schauende, genießende
Menschen nicht durch langsame Übergänge stumpf zu machen!
Am neunten Tage umkreisten Möwen in wachsender Zahl das Schiff und
kündeten die Nähe des Landes an.
Die Inseln sind grün vom Meeresstrand bis auf die Höhen. Auf einzelnen
erkannte man reihenweise gepflanzte Kokospalmen. Die Bergspitzen der
größten Insel Mahé stecken in den Wolken. Dichtes Grün klettert in den
Schluchten hinauf. Nur einzelne schroffe Wände und große Steinblöcke,
die wie Bastionen nach der See hervorspringen, sind kahl; nach dem
Fuß der Berge wird der Pflanzenwuchs höher und voller, die Häuser
der kleinen Stadt Port Viktoria verschwinden fast darin. Eine weiße
Strandlinie setzt das Grün nach dem Wasser hin ab. Ganz unten, wo das
Meer die Insel umsäumt, leuchtet aus dem seichten Wasser ein breiter
Streifen buntfarbiger Korallen im hellsten Grün und dunklem Violett.
Es ist wunderbar, wie hier der Meeresgrund seine Farbenpracht an
das fruchtbare Gestade heranschiebt, um den großen und freundlichen
Eindruck zu vertiefen.
Wir fuhren zu einem Abendspaziergang an Land. Nahe der Mole die weit
auf das Riff hinausführt, löschte ein kleines Segelschiff seine Ladung
an lebenden Schildkröten. Die Tiere wurden in ein der Mole angebautes
Bassin geworfen. Dort sah man die großen Schilde von Zeit zu Zeit
auftauchen und den Kopf herausstecken, um Luft zu holen.
Ein breiter Weg führt durch den Ort auf einen Sattel an der schmalsten
Stelle der langgestreckten Insel. In den Gärten der Eingeborenen
wachsen Lemonen, Ananas, Vanille und Mais. Die Kokospalme neigt ihre
gefiederte Krone über die braunen Dächer der Hütten, in denen das Feuer
zum Abendessen aufflackert.
[Sidenote: Auf den Seychellen.]
Ein andermal marschierte ich in den erwachenden Morgen hinein, um auf
einer Tagestour die Insel kennen zu lernen. Ein guter Fahrweg geht
fast rund um die Insel herum; mehrere Verbindungswege über die Höhen.
England hat viel Geld dazu geliehen. 130 Inder mußten zum Wegebau
eingeführt werden, weil die Kreolen zur Arbeit zu faul sind. Das
rührige Vorgehen des Gouvernements in der Schaffung von Verkehrswegen
zur Erleichterung der Produktion ist um so mehr hervorzuheben, als die
Aussichten für das Land recht gering waren. Die Vanille ist stark im
Preise gesunken, seit Kunstprodukte die nicht leicht zu kultivierende
Frucht entbehrlich gemacht haben. Die Kopraproduktion aber nimmt an
Ausdehnung zu; ihr kommen die neuen Wege besonders zustatten.
Zur Linken hatte ich den Strand, zur Rechten den steil ansteigenden
Berg. Hier unten drängte sich eine formenreiche Pflanzenwelt:
Kokospalmen, Brotfruchtbäume mit den großen, glänzenden und gezackten
Blättern, Oleander, der elegante Stamm einer Betelpalme und die großen
Fächer der Wandererpalme, -- einer Musacee, -- dann die Menge der
Sträucher, Gräser und die starken Schwerter einzelner Agaven, auf der
Höhe der den Weg begrenzenden Mauer.
Der Morn Seychellois war wolkenfrei. In den zahlreichen Schluchten, in
den vom schattigen Laub überdachten steinigen Bachbetten kam in dieser
Zeit kein Wasser zu Tal. Haushohe Granitblöcke lagen am Strand, vom
Meer umspült.
Ein kleiner Kreolenknabe führte mich in einer Schlucht bergan, vorbei
an einem Wasserfall, nach Kaskade Estates, der Farm eines Engländers.
Der Besitzer war zu Hause und begleitete mich in stundenlangem
Spaziergang durch die Anlagen. Eine Menge Nutzpflanzen sah ich zum
ersten Male: die Vanille, deren Schoten im Schatten großer Bäume
gedeihen: (die Befruchtung der Blüten muß künstlich geschehen, weil der
kleine Vogel, der in Amerika den Blütenstaub von Pflanze zu Pflanze
trägt, auf den Seychellen nicht lebt.)
Auch die hohen Nelkenbäume mit roten Blüten waren mir unbekannt, ebenso
der Indigo und eine andere Farbpflanze: der Arnotto, dessen Früchte in
rote Farbe gebettet sind, die in Amerika, der Heimat der Pflanze, von
den Indianern zum Bemalen der Haut, in Holland zum Färben von Butter
und Käse verwandt wird.
Eine Menge anderer Pflanzen sah ich noch, die zum Versuch oder nur aus
Interesse an der Botanik angebaut waren.
Auch über die Tierwelt war mein Gastgeber gut unterrichtet, hatte
eine kleine Bibliothek auserlesener Bücher und erklärte mir an seiner
Pflanzen- und Schneckensammlung merkwürdige Zusammenhänge.
Die Gruppe der Seychellen umfaßt 29 Inseln, die alle nicht weit
auseinanderliegen; dennoch sind auffallende Trennungen in der Flora und
noch mehr in der Fauna zu finden.
Die Lodoicea, die riesige Fächerpalme wächst wild nur auf zwei Inseln:
Praslin und Curius island. Ebenso soll es einen Vogel geben, der nur
auf Mahé vorkommt, einen andern, der nur auf Praslin und Felicité lebt
und alle übrigen 27 Inseln meidet.
Wenn das schwer nachzuweisen ist -- abgesehen von der Tiefseeexpedition
mit ihrem vorübergehenden Aufenthalt, hat sich ein deutscher
Zoologe längere Zeit auf den Seychellen aufgehalten --, so muß man
staunen, wenn man in der genau mit Datum und Fundort bezeichneten
Konchiliensammlung sieht, daß eine Schnecke, die auf allen Inseln
nur mit ganz rundem Gehäuse vorkommt, auf einer einzigen Insel
ausschließlich mit einer ausgesprochen scharfen Kante gefunden wird.
„Das sind,“ sagte der Pflanzer, „Beobachtungen, an denen sich jeder
Naturfreund freuen sollte; die die Größe der Natur erhöhen und an denen
wir schlichten Sammler Entdeckerfreuden erleben.“
Er nahm Haeckels „Welträtsel“ -- in englischer Ausgabe -- aus seinem
Bücherschrank und sagte, die deutsche Jugend könne sich freuen, daß ihr
ein solches Buch gegeben würde, zur Teilnahme an einem großen Kampf.
Nach dem Essen saßen wir in bequemen Stühlen auf der Veranda, und mein
Gastgeber lockte durch Pfeifen eine große Zahl kleiner Vögel und wilder
Tauben heran, die so zahm waren, daß sie aus der Hand fraßen.
Auf dem Rückwege nahm ich unter dem Wasserfall ein Bad, dann segelte
mich ein alter Neger in seinem Einbaum mit gutem Winde über die
Korallenriffe hinweg an Bord zurück.
Mir wurde erzählt, daß in den Bergen der Inseln eine ganz besondere
Vegetation zu finden sei: der tropische Urwald mit riesigen Bäumen
und seltenen Holzarten. Das mochte man kaum glauben, wenn man vom
Ankerplatz des Schiffes aus nach den Höhen der Granitfelsen hinaufsah.
Die trockenen Reiser, die dort oben sichtbar wurden, wenn die vom Winde
bewegten Nebel ein Fenster offen ließen, sollten große tote Bäume sein?
Unter Führung schwarzer Holzarbeiter stieg ich eines Morgens hinauf und
stand nach vierstündigem Klettern auf dem höchsten Punkt der Insel,
dreitausend Fuß über dem Meere.
Urwald umgab mich hier; Laubbäume, von denen Tautropfen fielen, große
Baumfarren und Moos.
Zwischen den lebenden Stämmen standen riesige unbelaubte
Eisenholzstämme; seit Jahrzehnten abgestorben trotzte ihr zähes Holz
den Einflüssen der Witterung.
Über die Wipfel der Bäume hinweg sah ich den Horizont.
Insel im Meere! -- Rundum suchte der Blick nach fernem Land; die weite,
bewegte Flut trennte mich von der Heimat und von der Fremde.
Die Heimat mit ihrem Wissen, Verarbeiten und Erziehen machte mich
hungrig nach der Fremde! Und Freude an der fremden, bunten Welt hier
draußen lockte mich am frühen Morgen hinaus. Da sah ich das Meer,
im Morgenlicht; die erwachende Tierwelt und die Menschen, die die
Tagesarbeit vorbereiten.
Nicht der satte Mittag, an dem schon der nächste Tag erhofft wird, kann
den reinen Genuß geben, den der Morgen dem Lebenden gibt.
Dem erwachenden Tag, dem Morgen mit seiner Schönheit, seinem
aufklärenden Licht habe ich Freuden und Erfolge in Afrika zu danken. --
Auch was ich an Kulturansätzen sah, in dem Lande, dem meine
Hauptaufmerksamkeit galt, war wie ein junges, erwachendes Leben.
Endlich war es für mich der erste Versuch frei und selbständig in
die Welt zu gehen und die Dinge anzuschauen; ich selbst stand „im
Morgenlicht“. --
[Illustration: Die katholische Kirche in Daressalam.
Der stolze Bau gibt, in Verbindung mit dem geschmackvoll gebauten
Bischofspalast, dem Städtebild sein Gepräge. Besonders vom Hafen
aus ist der Blick auf die Stadt schön. Im Vordergrund des Bildes
rechts sieht man eine Pandanus mit ihren Stelzwurzeln; die den Ananas
äußerlich ähnlichen Früchte werden in Ostafrika angeblich nicht
gegessen.]
Daressalam.
Die Küstenplätze Ostafrikas, ihre Einrichtungen und Anlagen zu
beschreiben, habe ich mir nicht zur Aufgabe gemacht. Gute Schilderungen
von berufenen finden sich in vielen neuerschienenen Büchern; ich will
nur einen kurzen Einblick geben in Dinge, die nicht oft erwähnt zu
werden pflegen.
[Sidenote: Daressalam.]
Als S. M S. Bussard im Sommer 1904 in den Hafen von Daressalam einlief,
war es noch das alte Daressalam; wir durften die ganz stille Zeit noch
miterleben. Ein Jahr später begann der Bahnbau und brachte Leben in die
Stadt. Die Kaufleute hatten zu tun, Unternehmer begannen den Bau der
Bahnstrecke, ein Arbeitsmarkt entstand.
Der Aufstand kam hinzu, Marinetruppen kamen und gingen; oft lagen drei
Kriegsschiffe zugleich im Hafen.
Die alte stille Zeit: Da war Daressalam Regierungssitz; für Handel und
Verkehr aber nicht mehr als der Ausgangspunkt für die Pugustraße, die
eine Tagereise weit ins Land führte. Die Karawanen des Zentralmagazins
gingen von hier nach den Innenstationen.
Sobald man das Weichbild der Stadt überschritt, kam man in Busch, in
Pflanzungen der Eingeborenen. Sehr bezeichnend ist der Ausdruck, den
ich aus dem Munde des Herausgebers der Deutsch-Ostafrikanischen Zeitung
hörte:
„Beim Anblick Daressalams hat man immer das Gefühl: ‚_bado_‘
(‚noch nicht!‘).“
Dieser Ausspruch soll etwa heißen: jeder, der das Land sieht, sagt:
„ein reiches, aussichtsvolles Land!“ Immer neue kommen, gehen,
erzählen daheim, wie schön es ist, und immer noch läßt der erwartete
Unternehmungsgeist auf sich warten.
Das ist inzwischen freilich anders geworden: Daß ohne Bahnen kein noch
so reiches Land erschlossen werden kann, hat nachgerade jetzt jeder
eingesehen und bald wird man vergessen haben, welche Mühe sich das
Gouvernement hat geben müssen, um in Deutschland richtige Ansichten
über die Kolonie zu verbreiten.
Die anerkennenswerten Versuche, durch Wegebau, Begünstigung der
Eingeborenenkulturen, -- besonders was Baumwollbau anbetrifft, --
die Produktion zu heben, werden hoffentlich bald von den Folgen des
Bahnbaus in Schatten gestellt sein.
Wochenlange Reparaturzeit, die das Kriegsschiff dank der zu solcher
Leistungsfähigkeit entwickelten Werft der Gouvernementsflottille im
Hafen von Daressalam, anstatt in Kapstadt, verbringen konnte, gab uns
Gelegenheit, an Land zu wohnen und das Städtchen kennen zu lernen.
Vor Wind und Wetter geschützt hatte das Schiff im Hafen, von Daressalam
einen angenehmen Aufenthalt. In wenigen Minuten war das Land erreicht
und nach kurzem Spaziergang konnte man -- nötigenfalls durch drei
Pfiffe -- das Dinghi, (das kleinste Boot des Kriegsschiffs), mit einem
Neger der Wache bemannt, querab am Strand haben, um schnell wieder an
Bord zu gehen.
Der Entschluß, an Land zu gehen, wurde einem daher nicht so schwer,
wie an Plätzen, wo das Schiff weit von der Küste auf Reede lag und nur
wenige Routineboote den Verkehr mit Land aufrecht hielten. In dem Falle
überlegte sich mancher, ob er sich den Unbequemlichkeiten der weiten
Bootfahrt aussetzen sollte?
Wir Seeoffiziere waren in Daressalam stets in beneidenswerter Lage.
Wenn man den Nachmittag nach beendetem Dienst mit Spaziergängen in den
Palmenwäldern und in anregendem Verkehr mit den Offizieren, Kaufleuten
und Beamten der Stadt verbracht hatte, dann brauchte man nicht in
dumpfiger, heißer Stube unter ein Moskitonetz zu kriechen, sondern fuhr
in wenigen Minuten auf sein schwimmendes Heim zurück, das von Insekten
unbehelligt auf dem Wasser lag. Da fand man seine kleine Kammer vor
und schlief bei der größten Hitze und Windstille gleich gut; weil ein
kleiner, elektrischer Ventilator frische Luft über das Bett wehte.
So konnte man die Vorzüge des Landes genießen, ohne die Nachteile in
Kauf nehmen zu müssen.
-- Einige Europäer haben schon daran gedacht, in Hausbooten auf
dem Wasser zu wohnen, und den Zolldirektor in eine eifrige Debatte
verwickelt über die Frage, ob sie dort Getränke zollfrei genießen
dürften. --
Es trieb mich, die Stadt und das Leben in den Straßen zu sehen.
Vor Tageslicht stand ich auf. Als ich im Dinghi an Land fuhr,
beleuchtete die Sonne warm die weißen Gebäude am Strand; am Zoll ging
ich vorbei.
Da saß ein schläfriger, schwarzer Matrose und blickte auf die
Araberdhaus, die neben der Brücke verankert lagen; dort regte es
sich schon; die großen Segel wurden gehißt, kräftige schwarze
Seeleute holten an dem Fall; die schweren Takel knarrten, während die
Kokosstricke hindurchliefen.
Mit dem ersten Morgenwind trieb täglich eine Anzahl der malerischen
Fahrzeuge dem Ausgang der Bucht zu.
Sie brachten Brennholz vom Rufiyidelta, Kopra von Tschole- (Mafia)
oder Baumwolle von Kilwa und Mohorro; auch Gummi aus dem Dondeland,
Getreide und Wachs.
Ein Boy führte mir das bestellte Reittier vor.
Wenige Europäer standen erst unter den Vorbauten der Wohnungen.
Ich ritt mitten durch die Negerstadt und sah mit Vergnügen zu, wie ein
schreiendes Kind von seiner Mutter gründlich gewaschen wurde.
[Illustration: Straße in Daressalam.
Häuser der Europäer, aus Korallenstein erbaut. In dem linken Hause
befindet sich die Druckerei der Deutsch-Ostafrikanischen Zeitung. Eine
‚Bibi‘ in mit großen Sternen bedruckte Tücher gekleidet, trägt eine
Tasse mit Öl in der Hand. Zwei Träger mit Lasten auf Kopf und Schulter;
Boys und ein Eselwagen der Gemeindeverwaltung.]
Aus den Hütten kamen Negerinnen heraus, die morgens baden, Wasser holen
und sich zum Marktgang vorbereiten.
Durch die Palmenpflanzungen der Sultansschamba erreichte ich die
Ölpalmenquelle. Zwischen großen Abhängen senkt sich das Tal zum Creek
hin, der zur Flutzeit vom Meerwasser überschwemmt wird. In dem
feuchten Tale stehen ein Dutzend der an der Ostküste seltenen Ölpalmen
als dunkle Gruppe.
Viele Negermädchen mit Blechtins und irdenen Töpfen waren auf dem Wege
dorthin; an der Quelle schöpften sie Wasser in ihre Gefäße.
Auf der Straße nach Bagamoyo schritten drei Bibis rüstig aus. Die eine
trug ein kleines Kind auf dem Rücken; in der Hand einen Regenschirm.
Der Reiseanzug bestand aus sauberen, bunten Tüchern; ein Tuch war um
den Kopf gewickelt. Ich fragte wohin sie gingen?
„Nach Bagamoyo!“
„In einem Tage?“
„Heute schlafen wir in Mbweni!“[1] --
Sie gingen den Abhang hinab in das Simbasital, in dem viel
Mangrovengebüsch steht und an die Überschwemmungen des Meeres zur
Flutzeit erinnert.
Neger mit Feldfrüchten kamen aus den Schamben und gingen zum Markt.
Auf der Karawanenstraße begegneten mir Träger, die in den großen Hütten
der Karawanserei übernachtet hatten; Fremdlinge, die das gedrängte
Leben der Großstadt fast zu verwirren schien. Sie gingen zum Markt, um
sich Essen zu kaufen: Matamamehl, einige Mohogoknollen und für 1 Pesa
Fisch, in kleinen Stücken auf Pflanzenfasern gereiht.
Im Staube der Straße saßen am Wege kleine Mädchen hinter geschnitzten
Holztellern, auf denen fettiges Gebäck und gebratene Fische zum Verkauf
lagen. Hier kaufen sich der Boy, der zur Arbeit geht, die Bootsleute
und die Hafenarbeiter ihr Frühstück.
Dicht dabei war eine regelrechte Eingeborenenkneipe, in der allerdings
nur Sodawasser verschenkt wurde. Die Gäste genossen das prickelnde
Getränk unmittelbar aus der Flasche. Auch Tische standen da und es
wurde Karten gespielt. Hier verkehrten die oberen Zehntausend der
Schwarzen, die Lebewelt, Boys, die gerade Geld bekommen hatten, und
Askari. -- Daß die Damen keinen Zutritt hatten, ist selbstverständlich.
--
Die Mehrzahl der Gäste waren Stutzer mit langem, bis an die Knöchel
reichendem Hemd, weißer, gestickter Mütze und dünnem Stöckchen. Mancher
trug auch über dem Hemd eine Weste.
[Illustration: Die Quelle am Simbasital bei Daressalam.
Negerweiber kommen von weither aus der Stadt, um hier gutes Wasser für
den Hausgebrauch zu schöpfen. In Tontöpfen und Petroleumtins tragen sie
das Wasser auf ihren Köpfen heim. Im Hintergrunde des Bildes sieht man
eine Gruppe der an der Ostküste seltenen Ölpalmen (Elaeis).]
Durch enge Gäßchen kam ich auf einen sauber gefegten Platz, wie
es viele in den Dörfern der Küstenneger gibt: Hütten mit offener
Veranda, in der eine Bibi sitzt und Streifen Flechtwerk zu einer Matte
zusammennäht. Zäune aus trockenen Palmblättern von grünen Bananen,
Papayen und Zuckerrohr überragt; ein Mangobaum, in dessen Schatten
ein halbes Dutzend Neger um eine polierte Tischplatte herumsitzen und
Karten spielen.
Zwischen den Inderläden ritt ich entlang. Mädchen mit Körben auf dem
Kopfe für Einkäufe, andere mit einer Flasche oder Tasse, um Öl zu
holen. Auch dies wird auf dem Kopfe getragen; denn die Bibi will beide
Arme frei haben, weil sie mit ihren nur lose umgeschlagenen Tüchern
dauernd zu schaffen hat. An ihrer ganzen Kleidung, die aus zwei dünnen
Baumwolltüchern besteht, ist kein Knopf, keine Naht.
Auch die Männerkleidung muß erst gesäumt und genäht werden. In
offenen kleinen Buden sitzen ein halbes Dutzend fleißige Suaheli
an Nähmaschinen, nähen Mützen und säumen Tücher. Ein merkwürdiger
Geschmack wird vielfach dabei entfaltet, z. B. Nachahmung von
Oberhemden der Europäer mit Manschetten, die ohne Knöpfe getragen
werden und bei jeder Arbeit hinderlich sind.
Das Nähen ist nach Anschauung der Suaheli eine Arbeit, die nicht
schändet und deshalb auch von Männern ausgeführt werden kann, während
Feldarbeit, Bereitung des Essens, Wasserholen von dem vornehmen Suaheli
den Weibern überlassen wird.
An der Markthalle gab ich mein Reittier einem Boy, der es in den Stall
brachte.
Auf dem Markt war viel zu sehen. Zwischen den Säulen der Halle bewegten
sich die Käufer und Käuferinnen.
Ich folgte einer Negerin, die einkaufte.
Sie nahm ihr Körbchen vom Kopfe und suchte sich eine halbe Kokosnuß
aus; sorgfältig und sauber geöffnet lagen die Nüsse da; dann kam sie
zu einem Händler, der fein geriebenen Tabak feilhielt. Das Quantum für
je ein Pesa war in Papier gewickelt. Sie nahm aus einer Schale eine
Probe und wischte den Tabak hinter die Unterlippe, dasselbe wiederholte
sie bei dem nächsten Händler. Hier schien es besser zu schmecken; sie
zahlte die Kupfermünze und nahm ein Päckchen. Dann wurde mit ähnlicher
Sorgfalt ausgewählt: Mohogo, Fisch und anderes.
Jede Ware ist in kleine Portionen geteilt. Feilschen ist überflüssig,
dennoch ist ein ohrenbetäubendes Reden, Lachen, Zetern und Schreien in
der Halle. Askari, schwarze Polizisten, die Goanesenköche der Hotels
drängen sich zwischen Leuten aus der Karawanserei und den vielen
buntgekleideten Weibern.
[Illustration:
Phot. aus Daressalam.