3. Aufheben des Werdens.

Das Gleichgewicht, worein sich Entstehen und Vergehen setzen, ist

zunächst das Werden selbst. Aber dieses geht eben so in ruhige Einheit

zusammen. Seyn und Nichts sind in ihm nur als verschwindende; aber das

Werden als solches ist nur durch die Unterschiedenheit derselben. Ihr

Verschwinden ist daher das Verschwinden des Werdens, oder Verschwinden

des Verschwindens selbst. Das Werden ist eine haltungslose Unruhe, die

in ein ruhiges Resultat zusammensinkt.

Dieß könnte auch so ausgedrückt werden: Das Werden ist das Verschwinden

von Seyn in Nichts, und von Nichts in Seyn, und das Verschwinden von

Seyn und Nichts überhaupt; aber es beruht zugleich auf dem Unterschiede

derselben. Es widerspricht sich also in sich selbst, weil es solches in

sich vereint, das sich entgegengesetzt ist; eine solche Vereinigung

aber zerstört sich.

Dieß Resultat ist das Verschwundenseyn, aber nicht als Nichts; so wäre

es nur ein Rückfall in die eine der schon aufgehobenen Bestimmungen,

nicht Resultat des Nichts und des Seyns. Es ist die zur ruhigen

Einfachheit gewordene Einheit des Seyns und Nichts. Die ruhige

Einfachheit aber ist Seyn, jedoch ebenso, nicht mehr für sich, sondern

als Bestimmung des Ganzen.

Das Werden so Übergehen in die Einheit des Seyns und Nichts, welche als

seyend ist, oder die Gestalt der einseitigen unmittelbaren Einheit

dieser Momente hat, ist das Daseyn.

Anmerkung.

Aufheben und das Aufgehobene (das Ideelle) ist einer der wichtigsten

Begriffe der Philosophie, eine Grundbestimmung, die schlechthin

allenthalben wiederkehrt, deren Sinn bestimmt aufzufassen und besonders

vom Nichts zu unterscheiden ist.—Was sich aufhebt, wird dadurch nicht

zu Nichts. Nichts ist das Unmittelbare; ein Aufgehobenes dagegen ist

ein Vermitteltes, es ist das Nichtseyende, aber als Resultat, das von

einem Seyn ausgegangen ist; es hat daher die Bestimmtheit aus der es

herkommt, noch an sich.

Aufheben hat in der Sprache den gedoppelten Sinn, daß es so viel als

aufbewahren, erhalten bedeutet, und zugleich so viel als aufhören

lassen, ein Ende machen. Das Aufbewahren selbst schließt schon das

Negative in sich, daß etwas seiner Unmittelbarkeit und damit einem den

äußerlichen Einwirkungen offenen Daseyn entnommen wird, um es zu

erhalten.—So ist das Aufgehobene ein zugleich Aufbewahrtes, das nur

seine Unmittelbarkeit verloren hat, aber darum nicht vernichtet ist.

—Die angegebenen zwei Bestimmungen des Aufhebens können lexikalisch als

zwei Bedeutungen dieses Wortes aufgeführt werden. Auffallend müßte es

aber dabei seyn, daß eine Sprache dazu gekommen ist, ein und dasselbe

Wort für zwei entgegengesetzte Bestimmungen zu gebrauchen. Für das

spekulative Denken ist es erfreulich, in der Sprache Wörter zu finden

welche eine spekulative Bedeutung an ihnen selbst haben; die deutsche

Sprache hat mehrere dergleichen. Der Doppelsinn des lateinischen:

tollere (der durch den ciceronianischen Witz tollendum esse Octavium,

berühmt geworden) geht nicht so weit, die affirmative Bestimmung geht

nur bis zum Emporheben. Etwas ist nur insofern aufgehoben, als es in

die Einheit mit seinem Entgegengesetzten getreten ist; in dieser nähern

Bestimmung als ein reflektirtes kann es passend Moment genannt werden.

Gewicht und Entfernung von einem Punkt heißen beim Hebel, dessen

mechanische Momente, um der Dieselbigkeit ihrer Wirkung willen bei

aller sonstigen Verschiedenheit eines Reellen, wie das ein Gewicht ist,

und eines Ideellen, der bloßen räumlichen Bestimmung, der Linie; s.

Encykl. der philos. Wissenschaft 3te Ausg. § 261. Anm.—Noch öfter wird

die Bemerkung sich aufdringen, daß die philosophische Kunstsprache für

reflektirte Bestimmungen lateinische Ausdrücke gebraucht, entweder weil

die Muttersprache keine Ausdrücke dafür hat, oder wenn sie deren hat,

wie hier, weil ihr Ausdruck mehr an das Unmittelbare, die fremde

Sprache aber mehr an das Reflektirte erinnert.

Der nähere Sinn und Ausdruck, den Seyn und Nichts, indem sie nunmehr

Momente sind, erhalten, hat sich bei der Betrachtung des Daseyns, als

der Einheit, in der sie aufbewahrt sind, zu ergeben. Seyn ist Seyn, und

Nichts ist Nichts nur in ihrer Unterschiedenheit von einander; in ihrer

Wahrheit aber, in ihrer Einheit, sind sie als diese Bestimmungen

verschwunden, und sind nun etwas anderes. Seyn und Nichts sind

dasselbe; darum weil sie dasselbe sind, sind sie nicht mehr Seyn und

Nichts, und haben eine verschiedene Bestimmung; im Werden waren sie

Entstehen und Vergehen; im Daseyn als einer anders bestimmten Einheit

sind sie wieder anders bestimmte Momente. Diese Einheit bleibt nun ihre

Grundlage, aus der sie nicht mehr zur abstrakten Bedeutung von Seyn und

Nichts heraustreten.

Zweites Kapitel. Das Daseyn.

Daseyn ist bestimmtes Seyn; seine Bestimmtheit ist seyende

Bestimmtheit, Qualität. Durch seine Qualität ist Etwas gegen ein

Anderes, ist veränderlich und endlich, nicht nur gegen ein Anderes,

sondern an ihm schlechthin negativ bestimmt. Diese seine Negation dem

endlichen Etwas zunächst gegenüber ist das Unendliche; der abstrakte

Gegensatz, in welchem diese Bestimmungen erscheinen, löst sich in die

gegensatzlose Unendlichkeit, in das Fürsichseyn auf.

Die Abhandlung des Daseyns hat so die drei Abtheilungen:

A. das Daseyn als solches,

B. Etwas und Anderes, die Endlichkeit,

Wissenschaft der Logik — Band 1 · 第 16 / 52 题