Allgemeiner Begriff der Logik

Es fühlt sich bei keiner Wissenschaft stärker das Bedürfniß, ohne

vorangehende Reflexionen, von der Sache selbst anzufangen, als bei der

logischen Wissenschaft. In jeder andern ist der Gegenstand, den sie

behandelt, und die wissenschaftliche Methode von einander

unterschieden; so wie auch der Inhalt nicht einen absoluten Anfang

macht, sondern von andern Begriffen abhängt, und um sich herum mit

anderem Stoffe zusammenhängt. Diesen Wissenschaften wird es daher

zugegeben, von ihrem Boden und dessen Zusammenhang, so wie von der

Methode nur lemmatischer Weise zu sprechen, die als bekannt und

angenommen vorausgesetzten Formen von Definitionen und dergleichen ohne

weiteres anzuwenden, und sich der gewöhnlichen Art des Raisonnements

zur Festsetzung ihrer allgemeinen Begriffe und Grundbestimmungen zu

bedienen.

Die Logik dagegen kann keine dieser Formen der Reflexion oder Regeln

und Gesetze des Denkens voraussetzen, denn sie machen einen Theil ihres

Inhalts selbst aus und haben erst innerhalb ihrer begründet zu werden.

Nicht nur aber die Angabe der wissenschaftlichen Methode, sondern auch

der Begriff selbst der Wissenschaft überhaupt gehört zu ihrem Inhalte,

und zwar macht er ihr letztes Resultat aus; was sie ist, kann sie daher

nicht voraussagen, sondern ihre ganze Abhandlung bringt dieß Wissen von

ihr selbst erst als ihr Letztes und als ihre Vollendung hervor.

Gleichfalls ihr Gegenstand, das Denken oder bestimmter das begreifende

Denken, wird wesentlich innerhalb ihrer abgehandelt; der Begriff

desselben erzeugt sich in ihrem Verlaufe, und kann somit nicht

vorausgeschickt werden. Was daher in dieser Einleitung vorausgeschickt

wird, hat nicht den Zweck, den Begriff der Logik etwa zu begründen,

oder den Inhalt und die Methode derselben zum voraus wissenschaftlich

zu rechtfertigen, sondern, durch einige Erläuterungen und Reflexionen,

in raisonnirendem und historischem Sinne, den Gesichtspunkt, aus

welchem diese Wissenschaft zu betrachten ist, der Vorstellung näher zu

bringen.

Wenn die Logik als die Wissenschaft des Denkens im Allgemeinen

angenommen wird, so wird dabei verstanden, daß dieß Denken die bloße

Form einer Erkenntniß ausmache, daß die Logik von allem Inhalte

abstrahire, und das sogenannte zweite Bestandstück, das zu einer

Erkenntniß gehöre, die Materie, anderswoher gegeben werden müsse, daß

somit die Logik als von welcher diese Materie ganz und gar unabhängig

sey, nur die formalen Bedingungen wahrhafter Erkenntniß angeben, nicht

aber reale Wahrheit selbst enthalten, noch auch nur der Weg zu realer

Wahrheit seyn könne, weil gerade das Wesentliche der Wahrheit, der

Inhalt, außer ihr liege.

Vors Erste aber ist es schon ungeschickt zu sagen, daß die Logik von

allem Inhalte abstrahire, daß sie nur die Regeln des Denkens lehre,

ohne auf das Gedachte sich einzulassen und auf dessen Beschaffenheit

Rücksicht nehmen zu können. Denn da das Denken und die Regeln des

Denkens ihr Gegenstand seyn sollen, so hat sie ja unmittelbar daran

ihren eigenthümlichen Inhalt; sie hat daran auch jenes zweite

Bestandstück der Erkenntniß, eine Materie, um deren Beschaffenheit sie

sich bekümmert.

Allein zweitens sind überhaupt die Vorstellungen, auf denen der Begriff

der Logik bisher beruhte, Theils bereits untergegangen, Theils ist es

Zeit, daß sie vollends verschwinden, daß der Standpunkt dieser

Wissenschaft höher gefaßt werde, und daß sie eine völlig veränderte

Gestalt gewinne.

Der bisherige Begriff der Logik beruht auf der im gewöhnlichen

Bewußtseyn ein für allemal vorausgesetzten Trennung des Inhalts der

Erkenntniß und der Form derselben, oder der Wahrheit und der Gewißheit.

Es wird erstens vorausgesetzt, daß der Stoff des Erkennens, als eine

fertige Welt außerhalb des Denkens, an und für sich vorhanden, daß das

Denken für sich leer sey, als eine Form äußerlich zu jener Materie

hinzutrete, sich damit erfülle, erst daran einen Inhalt gewinne und

dadurch ein reales Erkennen werde.

Alsdann stehen diese beiden Bestandtheile,—(denn sie sollen das

Verhältniß von Bestandtheilen haben, und das Erkennen wird aus ihnen

mechanischer oder höchstens chemischer Weise zusammengesetzt—) in

dieser Rangordnung gegen einander, daß das Objekt ein für sich

Vollendetes, Fertiges sey, das des Denkens zu seiner Wirklichkeit

vollkommen entbehren könne, da hingegen das Denken etwas Mangelhaftes

sey, das sich erst an einem Stoffe zu vervollständigen, und zwar als

eine weiche unbestimmte Form sich seiner Materie angemessen zu machen

habe. Wahrheit ist die Übereinstimmung des Denkens mit dem Gegenstande,

und es soll, um diese Übereinstimmung hervorzubringen, —denn sie ist

nicht an und für sich vorhanden,—das Denken nach dem Gegenstande sich

fügen und bequemen.

Drittens, indem die Verschiedenheit der Materie und der Form, des

Gegenstandes und des Denkens nicht in jener neblichten Unbestimmtheit

gelassen, sondern bestimmter genommen wird, so ist jede eine von der

andern geschiedene Sphäre. Das Denken kommt daher in seinem Empfangen

und Formiren des Stoffs nicht über sich hinaus, sein Empfangen und sich

nach ihm Bequemen bleibt eine Modifikation seiner selbst, es wird

dadurch nicht zu seinem Andern; und das selbstbewußte Bestimmen gehört

ohnedieß nur ihm an; es kommt also auch in seiner Beziehung auf den

Gegenstand nicht aus sich heraus zu dem Gegenstande, dieser bleibt als

ein Ding an sich, schlechthin ein Jenseits des Denkens.

Diese Ansichten über das Verhältnis des Subjektes und Objekts zu

einander drücken die Bestimmungen aus, welche die Natur unsers

gewöhnlichen, des erscheinenden Bewußtseins ausmachen; aber diese

Vorurtheile, in die Vernunft übergetragen, als ob in ihr dasselbe

Verhältniß Gott finde, als ob dieses Verhältniß an und für sich

Wahrheit habe, so sind sie die Irrthümer, deren durch alle Theile des

geistigen und natürlichen Universums durchgeführte Widerlegung die

Philosophie ist, oder die vielmehr, weil sie den Eingang in die

Philosophie versperren, vor derselben abzulegen sind.

Die ältere Metaphysik hatte in dieser Rücksicht einen höhern Begriff

von dem Denken als in der neuern Zeit gäng und gäb geworden ist. Jene

legte nämlich zu Grunde, daß das, was durchs Denken von und an den

Dingen erkannt werde, das allein an ihnen wahrhaft Wahre sey; somit

nicht sie in ihrer Unmittelbarkeit, sondern sie erst in die Form des

Denkens erhoben, als Gedachte. Diese Metaphysik hielt somit dafür, daß

das Denken und die Bestimmungen des Denkens nicht ein den Gegenständen

Fremdes, sondern vielmehr deren Wesen sey, oder daß die Dinge und das

Denken derselben, (—wie auch unsere Sprache eine Verwandtschaft

derselben ausdrückt,—) an und für sich übereinstimmen, daß das Denken

in seinen immanenten Bestimmungen, und die wahrhafte Natur der Dinge,

ein und derselbe Inhalt sey.

Aber der reflektirende Verstand bemächtigte sich der Philosophie. Es

ist genau zu wissen, was dieser Ausdruck sagen will, der sonst vielfach

als Schlagwort gebraucht wird; es ist überhaupt darunter der

abstrahirende und damit trennende Verstand zu verstehen, der in seinen

Trennungen beharrt. Gegen die Vernunft gekehrt beträgt er sich als

gemeiner Menschenverstand und macht seine Ansicht geltend, daß die

Wahrheit auf sinnlicher Realität beruhe, daß die Gedanken nur Gedanken

seyen, in dem Sinne, daß erst die sinnliche Wahrnehmung ihnen Gehalt

und Realität gebe, daß die Vernunft, insofern sie an und für sich

bleibe, nur Hinrgespinnste erzeuge. In diesem Verzichtthun der Vernunft

auf sich selbst, geht der Begriff der Wahrheit verloren, sie ist darauf

eingeschränkt, nur subjektive Wahrheit, nur die Erscheinung zu

erkennen, nur etwas, dem die Natur der Sache selbst nicht entspreche;

das Wissen ist zur Meinung zurückgefallen.

Diese Wendung jedoch, welche das Erkennen nimmt, und die als Verlust

und Rückschritt erscheint, hat das Tiefere zum Grunde, worauf überhaupt

die Erhebung der Vernunft in den höhern Geist der neuern Philosophie

beruht. Der Grund jener allgemein gewordenen Vorstellung ist nämlich in

der Einsicht von dem nothwendigen Widerstreite der Bestimmungen des

Verstandes mit sich selbst, zu suchen.—Die schon namhaft gemacht

Reflexion ist dieß, über das konkrete Unmittelbare hinaus zu gehen, und

dasselbe zu bestimmen und zu trennen. Aber sie muß ebenso sehr über

diese ihre trennenden Bestimmungen hinausgehen, und sie zunächst

beziehen. Auf dem Standpunkte dieses Beziehens tritt der Widerstreit

derselben hervor. Dieses Beziehen der Reflexion gehört an sich der

Vernunft an; die Erhebung über jene Bestimmungen, die zur Einsicht des

Widerstreits derselben gelangt, ist der große negative Schritt zum

wahrhaften Begriffe der Vernunft. Aber die nicht durchgeführte Einsicht

fällt in den Mißverstand, als ob die Vernunft es sey, welche in

Widerspruch mit sich gerathe; sie erkennt nicht, daß der Widerspruch

eben das Erheben der Vernunft über die Beschränkungen des Verstandes

und das Auflösen derselben ist. Statt von hier aus den letzten Schritt

in die Höhe zu thun, ist die Erkenntniß von dem Unbefriedigenden der

Verstandesbestimmungen zu der sinnlichen Existenz zurückgeflohen, an

derselben das Feste und Einige zu haben vermeinend.

Indem aber auf der andern Seite diese Erkenntniß sich als die

Erkenntniß von Erscheinendem weiß, wird das Unbefriedigende derselben

eingestanden, aber zugleich vorausgesetzt, als ob zwar nicht die Dinge

an sich, aber doch innerhalb der Sphäre der Erscheinung richtig erkannt

würde; als ob dabei gleichsam nur die Art der Gegenstände verschieden

wäre, und die eine Art, nämlich die Dinge an sich zwar nicht, aber doch

die andere Art, nämlich die Erscheinungen, in die Erkenntniß fielen.

Wie wenn einem Manne richtige Einsicht beigemessen würde, mit dem

Zusatz, daß er jedoch nichts Wahres, sondern nur Unwahres einzusehen

fähig sey. So ungereimt das Letztere wäre, so ungereimt ist eine wahre

Erkenntniß, die den Gegenstand nicht erkennte, wie er an sich ist.

Die Kritik der Formen des Verstandes hat das angeführte Resultat

gehabt, daß diese Formen keine Anwendung auf die Dinge an sich haben.

—Dieß kann keinen andern Sinn haben, als daß diese Formen an ihnen

selbst etwas Unwahres sind. Allein indem sie für die subjektive

Vernunft und für die Erfahrung als geltend gelassen werden, so hat die

Kritik keine Änderung an ihnen selbst bewirkt, sondern läßt sie für das

Subjekt in derselben Gestalt, wie sie sonst für das Objekt galten. Wenn

sie aber ungenügend für das Ding an sich sind, so müßte der Verstand,

dem sie angehören sollen, noch weniger dieselben sich gefallen lassen

und damit vorlieb nehmen wollen. Wenn sie nicht Bestimmungen des Dings

an sich seyn können, so können sie noch weniger Bestimmungen des

Verstandes seyn, dem wenigstens die Würde eines Dings an sich

zugestanden werden sollte. Die Bestimmungen des Endlichen und

Unendlichen sind in demselben Widerstreit, es sey, daß sie auf Zeit und

Raum, auf die Welt angewendet werden, oder daß sie Bestimmungen

innerhalb des Geistes seyen; so gut als schwarz und weiß ein Grau

geben, ob sie an einer Wand, oder aber noch auf der Pallete mit

einander vereinigt werden; wenn unsere Weltvorstellung sich auflöst,

indem die Bestimmungen des Unendlichen und Endlichen auf sie

übergetragen werden, so ist noch mehr der Geist selbst, welcher sie

beide in sich enthält, ein in sich selbst Widersprechendes, ein sich

Auflösendes.—Es ist nicht die Beschaffenheit des Stoffes oder

Gegenstandes, worauf sie angewendet würde, oder in dem sie sich

befänden, was einen Unterschied ausmachen kann; denn der Gegenstand hat

nur durch und nach jenen Bestimmungen den Widerspruch an ihm.

Jene Kritik hat also die Formen des objektiven Denkens nur vom Ding

entfernt, aber sie im Subjekt gelassen, wie sie vorgefunden. Sie hat

dabei nämlich diese Formen nicht an und für sich selbst, nach ihrem

eigenthümlichen Inhalt, betrachtet, sondern sie lemmatisch aus der

subjektiven Logik geradezu aufgenommen; so daß von einer Ableitung

ihrer an ihnen selbst, oder auch einer Ableitung derselben als

subjektiv-logischer Formen, noch weniger aber von der dialektischen

Betrachtung derselben die Rede war.

Der konsequenter durchgeführte transcendentale Idealismus hat die

Richtigkeit des von der kritischen Philosophie noch übrig gelassenen

Gespensts des Dings-an-sich, dieses abstrakten von allem Inhalt

abgeschiedenen Schattens erkannt, und den Zweck gehabt, ihn vollends zu

zerstören. Auch machte diese Philosophie den Anfang, die Vernunft aus

sich selbst ihre Bestimmungen darstellen zu lassen. Aber die subjektive

Haltung dieses Versuchs ließ ihn nicht zur Vollendung kommen. Fernerhin

ist diese Haltung und mit ihr auch jener Anfang und die Ausbildung der

reinen Wissenschaft aufgegeben worden.

Ganz ohne Rücksicht auf metaphysische Bedeutung aber wird dasjenige

betrachtet, was gemeinhin unter Logik verstanden wird. Diese

Wissenschaft, in dem Zustande, worin sie sich noch befindet, hat

freilich keinen Inhalt der Art, wie er als Realität und als eine

wahrhafte Sache in dem gewöhnlichen Bewußtseyn gilt, Aber sie ist nicht

aus diesem Grunde eine formelle, inhaltsvoller Wahrheit entbehrende

Wissenschaft. In jenem Stoffe, der in ihr vermißt, welchem Mangel das

Unbefriedigende derselben zugeschrieben zu werden pflegt, ist ohnehin

das Gebiet der Wahrheit nicht zu suchen. Sondern das Gehaltlose der

logischen Formen liegt vielmehr allein in der Art, sie zu betrachten

und zu behandeln. Indem sie als feste Bestimmungen aus einander fallen

und nicht in organischer Einheit zusammengehalten werden, sind sie

todte Formen, und haben den Geist in ihnen nicht wohnen, der ihre

lebendige konkrete Einheit ist. Damit aber entbehren sie des gediegenen

Inhalts,—einer Materie, welche Gehalt an sich selbst wäre. Der Inhalt,

der an den logischen Formen vermißt wird, ist nichts anderes, als eine

feste Grundlage und Konkretion dieser abstrakten Bestimmungen,; und ein

solches substantielles Wesen pflegt für sie außen gesucht zu werden.

Aber die logische Vernunft selbst ist das Substantielle oder Reelle,

das alle abstrakten Bestimmungen in sich zusammenhält, und ihre

gediegene, absolut-konkrete Einheit ist. Nach dem also, was eine

Materie genannt zu werden pflegt, brauchte nicht weit gesucht zu

werden; es ist nicht Schuld des Gegenstandes der Logik, wenn sie

gehaltlos seyn soll, sondern allein der Art, wie derselbe gefaßt wird.

Diese Reflexion führt näher auf die Angabe des Standpunkts, nach

welchem die Logik zu betrachten ist, inwiefern er sich von der

bisherigen Behandlungsweise dieser Wissenschaft unterscheidet, und der

allein wahrhafte Standpunkt ist, auf den sie in Zukunft für immer zu

stellen ist.

In der Phänomenologie des Geistes habe ich das Bewußtseyn in seiner

Fortbewegung von dem ersten unmittelbaren Gegensatz seiner und des

Gegenstandes bis zum absoluten Wissen dargestellt. Dieser Weg geht

durch alle Formen des Verhältnisses des Bewußtseyns zum Objekte durch,

und hat den Begriff der Wissenschaft zu seinem Resultate. Dieser

Begriff bedarf also (abgesehen davon, daß er innerhalb der Logik selbst

hervorgeht) hier keiner Rechtfertigung, weil er sie daselbst erhalten

hat; und er ist keiner andern Rechtfertigung fähig, als nur dieser

Hervorbringung desselben durch das Bewußtseyn, dem sich seine eignen

Gestalten alle in denselben als in die Wahrheit auflösen. —Eine

raisonnirende Begründung der Erläuterung des Begriffs der Wissenschaft

kann zum höchsten dieß leisten, daß er vor die Vorstellung gebracht und

eine historische Kenntniß davon bewirkt werde; aber eine Definition der

Wissenschaft oder näher der Logik hat ihren Beweis allein in jener

Nothwendigkeit ihres Hervorgangs. Eine Definition, mit der irgend eine

Wissenschaft den absoluten Anfang macht, kann nichts anders enthalten,

als den bestimmten, regelrechten Ausdruck von demjenigen, was man sich

zugegebner- und bekanntermaßen unter dem Gegenstande und Zweck der

Wissenschaft vorstellt. Daß man sich gerade dieß darunter vorstelle,

ist eine historische Versicherung in Ansehung deren man sich allein auf

dieses und jenes Anerkannte berufen, oder eigentlich nur bittweise

beibringen kann, daß man dieß und jenes als anerkannt gelten lassen

möge. Es hört gar nicht auf, daß der Eine daher, der Andere dorther

einen Fall und Instanz beibringt, nach der auch noch etwas mehr und

anderes bei diesem und jenem Ausdrucke zu verstehen, in dessen

Definition also noch eine nähere oder allgemeinere Bestimmung

aufzunehmen und darnach auch die Wissenschaft einzurichten sey.—Es

kommt dabei ferner auf Raisonnement an, was alles und bis zu welcher

Grenze und Umfang es hereingezogen oder ausgeschlossen werden müsse;

dem Raisonnement selbst aber steht das mannigfaltigste und

verschiedenartigste Dafürhalten offen, worüber am Ende allein die

Willkür eine feste Bestimmung abschließen kann. Bei diesem Verfahren,

die Wissenschaft mir ihrer Definition anzufangen, wird von dem

Bedürfniß nicht die Rede, daß die Nothwendigkeit ihres Gegenstandes und

damit ihrer selbst aufgezeigt würde.

Der Begriff der reinen Wissenschaft und seiner Deduktion wird in

gegenwärtiger Abhandlung also insofern vorausgesetzt, als die

Phänomenologie des Geistes nichts anderes als die Deduktion desselben

ist. Das absolute Wissen ist die Wahrheit aller Weisen des Bewußtseins,

weil, wie jener Gang desselben es hervorbrachte, nur in dem absoluten

Wissen, die Trennung des Gegenstandes von der Gewißheit seiner selbst

vollkommen sich aufgelöst hat, und die Wahrheit, dieser Gewißheit, so

wie diese Gewißheit, der Wahrheit gleich geworden ist.

Die reine Wissenschaft setzt somit die Befreiung von dem Gegensatze des

Bewußtseyns voraus. Sie enthält den Gedanken, insofern er eben so sehr

die Sache an sich selbst ist, oder die Sache an sich selbst, insofern

sie ebenso sehr der reine Gedanke ist. Als Wissenschaft ist die

Wahrheit das reine sich entwicklende Selbstbewußtseyn, und hat die

Gestalt des Selbst, daß das an und für sich seyende gewußter Begriff,

der Begriff als solcher aber das an und für sich seyende ist. Dieses

objektive Denken ist denn der Inhalt der reinen Wissenschaft. Sie ist

daher so wenig formell, sie entbehrt so wenig der Materie zu einer

wirklichen und wahren Erkenntniß, daß ihr Inhalt vielmehr allein das

absolute Wahre, oder wenn man sich noch des Worts Materie bedienen

wollte, die wahrhafte Materie ist,—eine Materie aber, der die Form

nicht ein Äußerliches ist, da diese Materie vielmehr der reine Gedanke,

somit die absolute Form selbst ist. Die Logik ist sonach als das System

der reinen Vernunft, als das Reich des reinen Gedankens zu fassen.

Dieses Reich ist die Wahrheit, wie sie ohne Hülle an und für sich

selbst ist. Man kann sich deswegen ausdrücken, daß dieser Inhalt die

Darstellung Gottes ist, wie er in seinem ewigen Wesen vor der

Erschaffung der Natur und des endlichen Geistes ist.

Anaxagoras wird als derjenige gepriesen, der zuerst den Gedanken

ausgesprochen habe, daß der Nus, der Gedanke, das Princip der Welt, daß

das Wesen der Welt als der Gedanke bestimmt ist. Er hat damit den Grund

zu einer Intellektualansicht des Universums gelegt, deren reine Gestalt

die Logik seyn muß. Es ist in ihr nicht um ein Denken über etwas, das

für sich außer dem Denken zu Grunde läge, zu thun, um Formen, welche

bloße Merkmale der Wahrheit abgeben sollten; sondern die nothwendigen

Formen und eigenen Bestimmungen des Denkens sind der Inhalt und die

höchste Wahrheit selbst.

Um dieß in der Vorstellung wenigstens aufzunehmen, ist die Meinung auf

die Seite zu legen, als ob die Wahrheit etwas Handgreifliches seyn

müsse. Solche Handgreiflichkeit wird zum Beispiel selbst noch in die

platonischen Ideen, die in dem Denken Gottes sind, hineingetragen, als

ob sie gleichsam existirende Dinge, aber in einer andern Welt oder

Region seyen, außerhalb welcher die Welt der Wirklichkeit sich befinde

und eine von jenen Ideen verschiedene, erst durch diese Verschiedenheit

reale Substantialität habe. Die platonische Idee ist nichts anderes,

als das Allgemeine oder bestimmter der Begriff des Gegenstandes; nur in

seinem Begriffe hat Etwas Wirklichkeit; insofern es von seinem Begriffe

verschieden ist, hört es auf wirklich zu seyn, und ist ein Nichtiges;

die Seite der Handgreiflichkeit und des sinnlichen Außersichseyns

gehört dieser nichtigen Seite an.—Von der andern Seite aber kann man

sich auf die eigenen Vorstellungen der gewöhnlichen Logik berufen; es

wird nämlich angenommen, daß z.B. Definitionen nicht Bestimmungen

enthalten, die nur ins erkennende Subjekt fallen, sondern die

Bestimmungen des Gegenstandes, welche seine wesentlichste eigenste

Natur ausmachen. Oder wenn von gegebenen Bestimmungen auf andere

geschlossen wird, wird angenommen, daß das Erschlossene nicht ein dem

Gegenstande Äußerliches und Fremdes sey, sondern daß es ihm vielmehr

selbst zukomme, daß diesem Denken das Seyn entspreche.—Es liegt

überhaupt bei dem Gebrauche der Formen des Begriffs, Urtheils,

Schlusses, Definition, Division u.s.f. zu Grunde, daß sie nicht bloß

Formen des selbstbewußten Denken sind, sondern auch des

gegenständlichen Verstandes. Denken ist ein Ausdruck, der die in ihm

enthaltene Bestimmung vorzugsweise dem Bewußtseyn beilegt. Aber

insofern gesagt wird, daß Verstand, daß Vernunft in der

gegenständlichen Welt ist, daß der Geist und die Natur allgemeine

Gesetze habe, nach welchen ihr Leben und ihre Veränderung sich machen,

so wird zugegeben, daß die Denkbestimmungen eben so sehr objektiven

Werth und Existenz haben.

Die kritische Philosophie machte zwar bereits die Metaphysik zur Logik,

aber sie, wie der spätere Idealismus, gab, wie vorhin erinnert worden,

aus Angst vor dem Objekt den logischen Bestimmungen eine wesentlich

subjektive Bedeutung; dadurch bleiben sie zugleich mit dem Objekte, das

sie flohen, behaftet, und ein Ding-an-sich, ein unendlicher Anstoß,

blieb als ein Jenseits an ihnen übrig. Aber die Befreiung von dem

Gegensatze des Bewußtseyns, welche die Wissenschaft muß voraussetzen

können, erhebt die Denkbestimmungen über diesen ängstlichen,

unvollendeten Standpunkt, und fordert die Betrachtung derselben, wie

sie an und für sich, ohne eine solche Beschränkung und Rücksicht, das

Logische, das Rein-vernünftige sind.

Kant preist sonst die Logik, nämlich das Aggregat von Bestimmungen und

Sätzen, das im gewöhnlichen Sinne Logik heißt, darüber glücklich, daß

ihr vor andern Wissenschaften eine so frühe Vollendung zu Theil

geworden sey; seit Aristoteles habe sie keinen Rückschritt gethan, aber

auch keinen Schritt vorwärts, das Letztere deswegen, weil sie allem

Ansehen nach geschlossen und vollendet zu seyn scheine.—Wenn die Logik

seit Aristoteles keine Veränderung erlitten hat,—wie denn in der That

die Veränderungen, wenn man die neuern Kompendien der Logik betrachtet,

häufig mehr nur in Weglassungen bestehen,—so ist daraus eher zu

folgern, daß sie um so mehr einer totalen Umarbeitung bedürfe; denn ein

zweitausendjähriges Fortarbeiten des Geistes muß ihm ein höheres

Bewußtseyn über sein Denken und über seine reine Wesenheit in sich

selbst, verschafft haben. Die Vergleichung der Gestalten, zu denen sich

der Geist der praktischen und der religiösen Welt und der Geist der

Wissenschaft in jeder Art reellen und ideellen Bewußtseyns emporgehoben

hat, mit der Gestalt, in der sich die Logik, sein Bewußtseyn über sein

reines Wesen, befindet, zeigt einen zu großen Unterschied, als daß es

nicht der oberflächlichsten Betrachtung sogleich auffallen sollte, daß

dieß letztere Bewußtseyn den erstern Erhebungen durchaus unangemessen

und ihrer unwürdig ist.

In der That ist das Bedürfniß einer Umgestaltung der Logik längst

gefühlt worden. In der Form und im Inhalt, wie sie sich in den

Lehrbüchern zeigt, ist sie, man darf sagen, in Verachtung gekommen. Sie

wird noch mitgeschleppt mehr im Gefühle, daß eine Logik überhaupt nicht

zu entbehren sey, und aus einer noch fortdauernden Gewohnheit an die

Tradition von ihrer Wichtigkeit, als aus Überzeugung, daß jener

gewöhnliche Inhalt und die Beschäftigung mit jenen leeren Formen Werth

und Nutzen habe.

Die Erweiterungen, die ihr durch psychologisches, pädagogisches und

selbst physiologisches Material eine Zeitlang gegeben wurden, sind

nachher für Verunstaltungen ziemlich allgemein anerkannt worden. An und

für sich muß ein großer Theil dieser psychologischen, pädagogischen,

physiologischen Beobachtungen, Gesetze und Regeln, sie mochten in der

Logik, oder wo es sey, stehen, als sehr schaal und trivial erscheinen.

Vollends solche Regeln, als zum Beispiel, daß man dasjenige durchdenken

und prüfen solle, was man in Büchern lese oder mündlich höre; daß man,

wenn man nicht gut sehe, seinen Augen durch Brillen zu Hülfe zu kommen

habe,—Regeln, die von den Lehrbüchern in der sogenannten angewandten

Logik, und zwar ernsthaft in Paragraphen abgetheilt gegeben wurden, auf

daß man zur Wahrheit gelange,—müssen jedermann als überflüßig

vorkommen,—nur höchstens dem Schriftsteller oder Lehrer nicht, der in

Verlegenheit ist, den sonst zu kurzen und todten Inhalt der Logik durch

irgend etwas auszudehnen.

Was solchen Inhalt betrifft, so ist schon oben der Grund angegeben

worden, warum er so geistlos ist. Die Bestimmungen desselben gelten in

ihrer Festigkeit unverrückt, und werden nur in äußerliche Beziehung

miteinander gebracht. Dadurch daß bei den Urtheilen und Schlüssen die

Operationen vornehmlich auf das Quantitative der Bestimmungen

zurückgeführt und gegründet werden, beruht Alles auf einem äußerlichen

Unterschiede, auf bloßer Vergleichung, wird ein völlig analytisches

Verfahren und begriffloses Kalkuliren. Das Ableiten der sogenannten

Regeln und Gesetze, des Schließens vornehmlich, ist nicht viel besser,

als ein Befingern von Stäbchen von ungleicher Länge, um sie nach ihrer

Größe zu sortiren und zu verbinden,—als die spielende Beschäftigung der

Kinder, von mannigfaltig zerschnittenen Gemälden die passenden Stücke

zusammen zu suchen.—Man hat daher nicht mit Unrecht dieses Denken dem

Rechnen und das Rechnen wieder diesem Denken gleichgesetzt. In der

Arithmetik werden die Zahlen als das Begrifflose genommen, das außer

seiner Gleichheit oder Ungleichheit, das heißt, außer seinem ganz

äußerlichen Verhältnisse keine Bedeutung hat, das weder an ihm selbst,

noch dessen Beziehung ein Gedanke ist.

Wenn auf mechanische Weise ausgerechnet wird, daß dreiviertel mit

zweidrittel multipliziert, ein Halbes ausmacht, so enthält diese

Operation ungefähr so viel und so wenig Gedanken, als die Berechnung,

ob in einer Figur diese oder jene Art des Schlusses Statt haben könne.

Damit daß dieß todte Gebein der Logik durch den Geist zu Gehalt und

Inhalt belebt werde, muß ihre Methode diejenige seyn, wodurch sie

allein fähig ist, reine Wissenschaft zu seyn. In dem Zustande, in dem

sie sich befindet, ist kaum eine Ahnung von wissenschaftlicher Methode

zu erkennen. Sie hat ungefähr die Form einer Erfahrungswissenschaft.

Erfahrungswissenschaften haben für das, was sie seyn sollen, ihre

eigenthümliche Methode, des Definirens und des Klassificirens ihres

Stoffes, so gut es geht, gefunden. Auch die reine Mathematik hat ihre

Methode, die für ihre abstrakten Gegenstände und für die quantitative

Bestimmung, in der sie allein betrachtet, passend ist. Ich habe über

diese Methode und überhaupt das Untergeordnete der

Wissenschaftlichkeit, die in der Mathematik Statt finden kann, in der

Vorrede zur Phänomenologie des Geistes, das Wesentliche gesagt; aber

sie wird auch innerhalb der Logik selbst näher betrachtet werden.

Spinoza, Wolf und Andere haben sie verführen lassen, sie auch auf die

Philosophie anzuwenden, und den äußerlichen Gang der begrifflosen

Quantität zum Gange des Begriffes zu machen, was an und für sich

widersprechend ist. Bisher hatte die Philosophie ihre Methode noch

nicht gefunden; sie betrachtete mit Neid das systematische Gebäude der

Mathematik und borgte sie, wie gesagt, von ihr, oder behalf sich mit

der Methode von Wissenschaften, die nur Vermischungen von gegebenem

Stoffe, Erfahrungssätzen und Gedanken sind,—oder half sich auch mit dem

rohen Wegwerfen aller Methode. Die Exposition dessen aber, was allein

die wahrhafte Methode der philosophischen Wissenschaft seyn kann, fällt

in die Abhandlung der Logik selbst; denn die Methode ist das Bewußtseyn

über die Form der inneren Selbstbewegung ihres Inhalts. Ich habe in der

Phänomenologie des Geistes ein Beispiel von dieser Methode, an einem

konkreteren Gegenstande, an dem Bewußtseyn ein Beispiel von dieser

Methode, an einem konkreteren Gegenstande, an dem Bewußtseyn,

aufgestellt.[3] Es sind hier Gestalten des Bewußtseyns, deren jede in

ihrer Realisirung sich zugleich selbst auflöst, ihre eigene Negation zu

ihrem Resultate hat,—und damit in eine höhere Gestalt übergegangen ist.

Das Einzige, um den wissenschaftlichen Fortgang zu gewinnen, und um

dessen ganz einfache Einsicht sich wesentlich zu bemühen ist,—ist die

Erkenntniß des logischen Satzes, daß das Negative ebenso sehr positiv

ist, oder daß das sich Widersprechende sich nicht in Null, in das

abstrakte Nichts auflöst, sondern wesentlich nur in die Negation seines

besonderen Inhalts, oder daß eine solche Negation nicht alle Negation,

sondern die Negation der bestimmten Sache, die sich auflöst, somit

bestimmte Negation ist; daß also im Resultate wesentlich das enthalten

ist, woraus es resultirt;—was eigentlich eine Tautologie ist, denn

sonst wäre es ein Unmittelbares, nicht ein Resultat. Indem das

Resultirende, die Negation, bestimmte Negation ist, hat sie einen

Inhalt. Sie ist ein neuer Begriff, aber der höhere, reichere Begriff

als der vorhergehende; denn sie ist um dessen Negation oder

Entgegengesetztes reicher geworden; enthält ihn also, aber auch mehr

als ihn, und ist die Einheit seiner und seines Entgegengesetzten.—In

diesem Wege hat sich das System der Begriffe überhaupt zu bilden,— und

in unaufhaltsamen, reinem, von Außen nichts hereinnehmendem Gange, sich

zu vollenden.

[3] Später an den anderen konkreten Gegenständen und resp. Theilen der

Philosophie.

Wie würde ich meinen können, daß nicht die Methode, die ich in diesem

Systeme der Logik befolgt,—oder vielmehr die dieß System an ihm selbst

befolgt,—noch vieler Vervollkommnung, vieler Durchbildung im Einzelnen

fähig sey, aber ich weiß zugleich, daß sie die einzige wahrhafte ist.

Dieß erhellt für sich schon daraus, daß sie von ihrem Gegenstande und

Inhalte nichts Unterschiedenes ist;—denn es ist der Inhalt in sich, die

Dialektik, die er an ihm selbst hat, welche ihn fortbewegt. Es ist

klar, daß keine Darstellungen für wissenschaftlich gelten können,

welche nicht den Gang dieser Methode gehen und ihrem einfachen Rhythmus

gemäß sind, denn es ist der Gang der Sache selbst.

In Gemäßheit dieser Methode erinnere ich, daß die Eintheilungen und

Überschriften der Bücher, Abschnitte und Kapitel, die in dem Werke

angegeben sind, so wie etwa die damit verbundenen Erklärungen, zum

Behuf einer vorläufigen Übersicht gemacht, und daß sie eigentlich nur

von historischem Werthe sind. Sie gehören nicht zum Inhalte und Körper

der Wissenschaft, sondern sind Zusammenstellungen der äußeren

Reflexion, welche das Ganze der Ausführung schon durchlaufen hat, daher

die Folge seiner Momente voraus weiß und angiebt, ehe sie noch durch

die Sache selbst sich herbeiführen.

In den anderen Wissenschaften sind solche Vorausbestimmungen und

Eintheilungen gleichfalls für sich nichts anderes, als solche äußere

Angaben; aber auch innerhalb der Wissenschaft werden sie nicht über

diesen Charakter erhoben. Selbst in der Logik zum Beispiel, heißt es

etwa, "die Logik hat zwei Hauptstücke, die Elementarlehre und die

Methodik", alsdann unter der Elementarlehre findet sich ohne weiteres

etwa die Überschrift: Gesetze des Denkens;—alsdann erstes Kapitel: von

den Begriffen. Erster Abschnitt: von der Klarheit der Begriffe u.

s.f.—Diese ohne irgend eine Deduktion und Rechtfertigung gemachten

Bestimmungen und Eintheilungen machen das systematische Gerüste und den

ganze Zusammenhang solcher Wissenschaften aus. Eine solche Logik sieht

es für ihren Beruf an, davon zu sprechen, daß die Begriffe und

Wahrheiten aus Principien müssen abgeleitet seyn; aber bei dem, was sie

Methode nennt, wird auch nicht von weitem an ein Ableiten gedacht. Die

Ordnung besteht etwa in der Zusammenstellung von Gleichartigem, in der

Vorausschickung des Einfacheren vor dem Zusammengesetzten und anderen

äußerlichen Rücksichten. Aber in Rücksicht eines inneren, nothwendigen

Zusammenhangs bleibt es bei dem Register der Abtheilungsbestimmungen,

und der Übergang macht sich nur damit, daß es jetzt heißt: Zweites

Kapitel;—oder: wir kommen nunmehr zu den Urtheilen, u. dergl.

Auch die Überschriften und Eintheilungen, die in diesem Systeme

vorkommen, sollen für sich keine andere Bedeutung haben, als die der

Inhaltsanzeige. Außerdem aber muß die Nothwendigkeit des Zusammenhangs

und die immanente Entstehung der Unterschiede sich in der Abhandlung

der Sache selbst vorfinden, denn sie fällt in die eigene Fortbestimmung

des Begriffes.

Das, wodurch sich der Begriff selbst weiter leitet, ist das vorhin

angegebene Negative, das er in sich selbst hat; dieß macht das wahrhaft

Dialektische aus. Die Dialektik, die als ein abgesonderter Theil der

Logik betrachtet und in Ansehung ihres Zwecks und Standpunktes, man

kann sagen, gänzlich verkannt worden, erhält dadurch eine ganz andere

Stellung.—Auch die platonische Dialektik hat selbst im Parmenides, und

anderswo ohnehin noch direkter, Theils nur die Absicht, beschränkte

Behauptungen durch sich selbst aufzulösen und zu widerlegen, Theils

aber überhaupt das Nichts zum Resultate. Gewöhnlich sieht man die

Dialektik für ein äußerliches und negatives Thun an, das nicht der

Sache selbst angehöre, in bloßer Eitelkeit als einer subjektiven Sucht,

sich das Feste und Wahre in Schwanken zu setzen und aufzulösen, seinen

Grund habe oder wenigstens zu Nichts führe, als zur Eitelkeit des

dialektisch behandelten Gegenstandes.

Kant hat die Dialektik höher gestellt, und diese Seite gehört unter die

größten seiner Verdienste,—indem er ihr den Schein von Willkür nahm,

den sie nach der gewöhnlichen Vorstellung hat, und sie als ein

nothwendiges Thun der Vernunft darstellte. Indem sie nur für die Kunst,

Blendwerke vorzumachen und Illusionen hervorzubringen, galt, wurde

schlechthin vorausgesetzt, daß sie ein falsches Spiel spiele, und ihre

ganze Kraft allein darauf beruhe, daß sie den Betrug verstecke; daß

ihre Resultate nur erschlichen und ein subjektiver Schein seyen. Kant's

dialektische Darstellungen in den Antinomien der reinen Vernunft

verdienen zwar, wenn sie näher betrachtet werden, wie dieß im Verfolge

dieses Werkes weitläufiger geschehen wird, freilich kein großes Lob;

aber die allgemeine Idee, die er zu Grunde gelegt und geltend gemacht

hat, ist die Objektivität des Scheins und Nothwendigkeit des

Widerspruchs, der zur Natur der Denkbestimmungen gehört: zunächst zwar

in der Art, insofern diese Bestimmungen von der Vernunft auf die Dinge

an sich angewendet werden; aber eben, was sie in der Vernunft und in

Rücksicht auf das sind, was an sich ist, ist ihre Natur. Es ist dieß

Resultat in seiner positiven Seiten aufgefaßt, nichts anderes, als die

innere Negativität derselben, als ihre sich selbstbewegende Seele, das

Princip aller natürlichen und geistigen Lebendigkeit überhaupt. Aber so

wie nur bei der abstrakt-negativen Seite des Dialektischen stehen

geblieben wird, so ist das Resultat nur das Bekannte, daß die Vernunft

unfähig sey, das Unendliche zu erkennen;—ein sonderbares Resultat,

indem das Unendliche das Vernünftige ist, zu sagen, die Vernunft sey

nicht fähig, das Vernünftige zu erkennen.

In diesem Dialektischen, wie es hier genommen wird, und damit in dem

Fassen des Entgegengesetzten in seiner Einheit, oder des Positiven im

Negativen besteht das Spekulative. Es ist die wichtigste, aber für die

noch ungeübte, unfreie Denkkraft schwerste Seite. Ist solche noch darin

begriffen, sich vom sinnlich-konkreten Vorstellen und vom Raisonniren

loszureißen, so hat sie sich zuerst im abstrakten Denken zu üben.

Begriffe in ihrer Bestimmtheit festzuhalten und aus ihnen erkennen zu

lernen. Eine Darstellung der Logik zu diesem Behuf hätte sich in ihrer

Methode an das obenbesagte Eintheilen und in Ansehung des näheren

Inhalts an die Bestimmungen, die sich für die einzelnen Begriffe

ergeben, zu halten, ohne sich auf das Dialektische einzulassen. Sie

würde der äußeren Gestalt nach dem gewöhnlichen Vortrag dieser

Wissenschaft ähnlich werden, sich übrigens dem Inhalte nach auch davon

unterscheiden, und immer noch dazu dienen, das abstrakte, ob zwar nicht

das spekulative Denken zu üben, welchen Zweck die durch psychologische

und anthropologische Zuthaten populair gewordene Logik nicht einmal

erfüllen kann. Sie würde dem Geiste das Bild eines methodisch

geordneten Ganzen geben, obgleich die Seele des Gebäudes, die Methode,

die im Dialektischen lebt, nicht selbst darin erschiene.

In Rücksicht auf die Bildung und das Verhältniß des Individuums zur

Logik, merke ich schließlich noch an, daß diese Wissenschaft wie die

Grammatik, in zwei verschiedenen Ansichten oder Werthen erscheint. Sie

ist etwas Anderes für den, der zu ihr und den Wissenschaften überhaupt

erst hinzutritt, und etwas Anderes für den, der von ihnen zu ihr

zurückkommt. Wer die Grammatik anfängt kennen zu lernen, findet in

ihren Formen und Gesetzen trockene Abstraktionen, zufällig Regeln,

überhaupt eine isolirte Menge von Bestimmungen, die nur den Werth und

die Bedeutung dessen zeigen, was in ihrem unmittelbaren Sinne liegt;

das Erkennen erkennt in ihnen zunächst nichts als sie. Wer dagegen

einer Sprache mächtig ist und zugleich andere Sprachen in Vergleichung

mit ihr kennt, dem erst kann sich der Geist und die Bildung eines Volks

in der Grammatik seiner Sprache zu fühlen geben; dieselben Regeln und

Formen haben nunmehr einen erfüllten, lebendigen Werth. Er kann durch

die Grammatik hindurch den Ausdruck des Geistes überhaupt, die Logik,

erkennen. So wer zur Wissenschaft hinzutritt, findet in der Logik

zunächst ein isolirtes System von Abstraktionen, das auf sich selbst

beschränkt, nicht über die anderen Kenntnisse und Wissenschaften

übergreift. Vielmehr, gehalten gegen den Reichthum der

Weltvorstellungen, gegen den real erscheinenden Inhalt der anderen

Wissenschaften, und verglichen mit dem Versprechen der absoluten

Wissenschaft, das Wesen dieses Reichthums, die innere Natur des Geistes

und der Welt, die Wahrheit zu enthüllen, hat diese Wissenschaft in

ihrer abstrakten Gestalt, in der farblosen, kalten Einfachheit ihrer

reinen Bestimmungen vielmehr das Ansehen, Alles eher zu leisten als

dieß Versprechen, und gehaltlos jenem Reichthum gegenüber zu stehen,

Die erste Bekanntschaft mit der Logik schränkt ihre Bedeutung auf sie

selbst ein; ihr Inhalt gilt nur für eine isolirte Beschäftigung mit den

Denkbestimmungen, neben der die anderen wissenschaftlichen

Beschäftigungen ein eigener Stoff und Gehalt für sich sind, auf welche

das Logische etwa einen formellen Einfluß hat, und zwar einen solchen,

der sich mehr von selbst macht, und für den die wissenschaftliche

Gestalt und deren Studium allerdings auch zur Noth entbehrt werden

kann. Die anderen Wissenschaften haben die regelrechte Methode, eine

Folge von Definitionen, Axiomen, Theoremen und deren Beweisen u.s.f. zu

seyn, im Ganzen abgeworfen; die sogenannte natürliche Logik macht sich

für sich in ihnen geltend und hilft sich ohne besondere, auf das Denken

selbst gerichtete Erkenntnis fort. Vollends aber hält sich der Stoff

und Inhalt dieser Wissenschaften für sich selbst vom Logischen völlig

unabhängig, und ist auch für Sinn, Gefühl, Vorstellung und praktisches

Interesse jeder Art ansprechender.

So muß denn allerdings die Logik zuerst gelernt werden, als etwas, das

man wohl versteht und einsieht, aber woran Umfang, Tiefe und weitere

Bedeutung anfangs vermißt wird. Erst aus der tiefern Kenntniß der

anderen Wissenschaften erhebt sich für den subjektiven Geist das

Logische als ein nicht nur abstrakt Allgemeines, sondern als das den

Reichthum des Besonderen in sich fassende Allgemeine; —wie derselbe

Sittenspruch in dem Munde des Jünglings, der ihn ganz richtig versteht,

nicht die Bedeutung und den Umfang besitzt, welchen er im Geiste eines

lebenserfahrenen Mannes hat, dem sich damit die ganze Kraft des darin

enthaltenen Gehaltes ausdrückt, so erhält das Logische erst dadurch die

Schätzung seines Werths, wenn es zum Resultate der Erfahrung der

Wissenschaften geworden ist; es stellt sich daraus als die allgemeine

Wahrheit, nicht als eine besondere Kenntniß neben anderem Stoffe und

Realitäten, sondern als das Wesen alles dieses sonstigen Inhalts dem

Geiste dar.

Ob nun das Logische zwar im Anfange des Studiums nicht in dieser

bewußten Kraft für den Geist vorhanden ist, so empfängt er durch

dasselbe darum nicht weniger die Kraft in sich, die ihn in alle

Wahrheit leitet. Das System der Logik ist das Reich der Schatten, die

Welt der einfachen Wesenheiten, von aller sinnlichen Konkretion

befreit. Das Studium dieser Wissenschaft, der Aufenthalt und die Arbeit

in diesem Schattenreich ist die absolute Bildung und Zucht des

Bewußtseyns. Es treibt darin ein von sinnlichen Anschauungen und

Zwecken, von Gefühlen, von der bloß gemeinten Vorstellungswelt fernes

Geschäft. Von seiner negativen Seite betrachtet, besteht dieß Geschäft

in dem Fernhalten der Zufälligkeit des raisonnirenden Denkens und der

Willkür, diese oder die entgegengesetzten Gründe sich einfallen oder

gelten zu lassen.

Vornehmlich aber gewinnt der Gedanke dadurch Selbstständigkeit und

Unabhängigkeit. Er wird in dem Abstrakten und in dem Fortgehen durch

Begriffe ohne sinnliche Substrate einheimisch, wird zur unbewußten

Macht, die sonstige Mannigfaltigkeit der Kenntniß und Wissenschaften in

die vernünftige Form aufzunehmen, sie in ihrem Wesentlichen zu erfassen

und festzuhalten, das Äußerliche abzustreifen und auf diese Weise aus

ihnen das Logische auszuziehen,—oder was dasselbe ist, die vorher durch

das Studium erworbene abstrakte Grundlage des Logischen mit dem Gehalte

aller Wahrheit zu erfüllen, und ihm den Werth eines Allgemeinen zu

geben, das nicht mehr als ein Besonderes neben anderem Besonderen

steht, sondern über alles dieses übergreift und dessen Wesen, das

Absolut-wahre, ist.

Wissenschaft der Logik — Band 1 · 第 4 / 52 题