Reihe gestanden haben; namentlich ist dafuer beweisend, dass - von
einigen Lokalnamen abgesehen - es fuer den alten Verkehr der Latiner
mit den Voelkerschaften aramaeischer Zunge an jedem sprachlichen Zeugnis
gebricht ^11. ----------------------------------------------------------
^11 Das Latein scheint, abgesehen von Sarranus, Afer und anderen
oertlichen Benennungen, nicht ein einziges, in aelterer Zeit unmittelbar
aus dem Phoenikischen entlehntes Wort zu besitzen. Die sehr wenigen in
demselben vorkommenden, wurzelhaft phoenikischen Woerter, wie namentlich
arrabo oder arra und etwa noch murra, nardus und dergleichen mehr, sind
offenbar zunaechst Lehnwoerter aus dem Griechischen, das in solchen
orientalischen Lehnwoertern eine ziemliche Anzahl von Zeugnissen seines
aeltesten Verkehrs mit den Aramaeern aufzuweisen hat. Dass elephas und
ebur von dem gleichen phoenikischen Original mit oder ohne Hinzufuegung
des Artikels, also jedes selbstaendig gebildet seien, ist sprachlich
unmoeglich, da der phoenikische Artikel vielmehr ha ist, auch so nicht
verwendet wird; ueberdies ist das orientalische Urwort bis jetzt noch
nicht gefunden. Dasselbe gilt von dem raetselhaften Worte thesaurus;
mag dasselbe nun urspruenglich griechisch oder von den Griechen aus dem
Phoenikischen oder Persischen entlehnt sein, im Lateinischen ist es,
wie schon die Festhaltung der Aspiration beweist, auf jeden
Fall griechisches Lehnwort.
---------------------------------------------------------- Fragen wir
weiter, wie dieser Handel vorzugsweise gefuehrt ward, ob von italischen
Kaufleuten in der Fremde oder von fremden Kaufleuten in Italien, so
hat, wenigstens was Latium anlangt, die erstere Annahme alle
Wahrscheinlichkeit fuer sich: es ist kaum denkbar, dass jene latinischen
Bezeichnungen des Geldsurrogats und des Handelsdarlehens in den gemeinen
Sprachgebrauch der Bewohner der sizilischen Insel dadurch haetten
eindringen koennen, dass sizilische Kaufleute nach Ostia gingen und
Kupfer gegen Schmuck einhandelten. Was endlich die Personen und Staende
anlangt, durch die dieser Handel in Italien gefuehrt ward, so hat
sich in Rom kein eigener, dem Gutsbesitzerstand selbstaendig
gegenueberstehender hoeherer Kaufmannsstand entwickelt. Der Grund dieser
auffallenden Erscheinung ist, dass der Grosshandel von Latium von Anfang
an sich in den Haenden der grossen Grundbesitzer befunden hat - eine
Annahme, die nicht so seltsam ist, wie sie scheint. Dass in einer von
mehreren schiffbaren Fluessen durchschnittenen Landschaft der grosse
Grundbesitzer, der von seinen Paechtern in Fruchtquoten bezahlt wird,
frueh zu dem Besitz von Barken gelangte, ist natuerlich und beglaubigt;
der ueberseeische Eigenhandel musste also um so mehr dem Gutsbesitzer
zufallen, als er allein die Schiffe und in den Fruechten die
Ausfuhrartikel besass. In der Tat ist der Gegensatz zwischen Land-
und Geldaristokratie den Roemern der aelteren Zeit nicht bekannt;
die grossen Grundbesitzer sind immer zugleich die Spekulanten und die
Kapitalisten. Bei einem sehr intensiven Handel waere allerdings diese
Vereinigung nicht durchzufuehren gewesen; allein wie die bisherige
Darstellung zeigt, fand ein solcher in Rom wohl relativ statt, insofern
der Handel der latinischen Landschaft sich hier konzentrierte, allein
im wesentlichen ward Rom keineswegs eine Handelsstadt wie Caere oder
Tarent, sondern war und blieb der Mittelpunkt einer ackerbauenden
Gemeinde. 14. Kapitel Mass und Schrift Die Kunst des Messens unterwirft
dem Menschen die Welt; durch die Kunst des Schreibens hoert seine
Erkenntnis auf, so vergaenglich zu sein, wie er selbst ist; sie beide
geben dem Menschen, was die Natur ihm versagte, Allmacht und Ewigkeit.
Es ist der Geschichte Recht und Pflicht, den Voelkern auch auf diesen
Bahnen zu folgen. Um messen zu koennen, muessen vor allen Dingen die
Begriffe der zeitlichen, raeumlichen und Gewichtseinheit und des
aus gleichen Teilen bestehenden Ganzen, das heisst die Zahl und das
Zahlensystem entwickelt werden. Dazu bietet die Natur als naechste
Anhaltspunkte fuer die Zeit die Wiederkehr der Sonne und des Mondes oder
Tag und Monat, fuer den Raum die Laenge des Mannesfusses, der leichter
misst als der Arm, fuer die Schwere diejenige Last, welche der Mann mit
ausgestrecktem Arm schwebend auf der Hand zu wiegen (librare) vermag
oder das "Gewicht" (libra). Als Anhalt fuer die Vorstellung eines aus
gleichen Teilen bestehenden Ganzen liegt nichts so nahe als die Hand mit
ihren fuenf oder die Haende mit ihren zehn Fingern, und hierauf beruht
das Dezimalsystem. Es ist schon bemerkt worden, dass diese Elemente
alles Zaehlens und Messens nicht bloss ueber die Trennung des
griechischen und lateinischen Stammes, sondern bis in die fernste Urzeit
zurueckreichen. Wie alt namentlich die Messung der Zeit nach dem Monde
ist, beweist die Sprache; selbst die Weise, die zwischen den einzelnen
Mondphasen verfliessenden Tage nicht von der zuletzt eingetretenen
vorwaerts, sondern von der zunaechst zu erwartenden rueckwaerts zu
zaehlen, ist wenigstens aelter als die Trennung der Griechen und
Lateiner. Das bestimmteste Zeugnis fuer das Alter und die urspruengliche
Ausschliesslichkeit des Dezimalsystems bei den Indogermanen gewaehrt
die bekannte Uebereinstimmung aller indogermanischen Sprachen in den
Zahlwoertern bis hundert einschliesslich. Was Italien anlangt, so sind
hier alle aeltesten Verhaeltnisse vom Dezimalsystem durchdrungen: es
genuegt, an die so gewoehnliche Zehnzahl der Zeugen, Buergen, Gesandten,
Magistrate, an die gesetzliche Gleichsetzung von einem Rind und zehn
Schafen, an die Teilung des Gaues in zehn Kurien und ueberhaupt
die durchstehende Dekuriierung, an die Limitation, den Opfer- und
Ackerzehnten, das Dezimieren, den Vornamen Decimus zu erinnern. Dem
Gebiet von Mass und Schrift angehoerige Anwendungen dieses aeltesten
Dezimalsystems sind zunaechst die merkwuerdigen italischen Ziffern.
Konventionelle Zahlzeichen hat es noch bei der Scheidung der Griechen
und Italiker offenbar nicht gegeben. Dagegen finden wir fuer die drei
aeltesten und unentbehrlichsten Ziffern, fuer ein, fuenf, zehn, drei
Zeichen, I, V oder A, X, offenbar Nachbildungen des ausgestreckten
Fingers, der offenen und der Doppelhand, welche weder den Hellenen noch
den Phoenikern entlehnt, dagegen den Roemern, Sabellern und Etruskern
gemeinschaftlich sind. Es sind die Ansaetze zur Bildung einer national
italischen Schrift und zugleich Zeugnisse von der Regsamkeit des
aeltesten, dem ueberseeischen voraufgehenden binnenlaendischen Verkehrs
der Italiker; welcher aber der italischen Staemme diese Zeichen erfunden
und wer von wem sie entlehnt hat, ist natuerlich nicht auszumachen.
Andere Spuren des rein dezimalen Systems sind auf diesem Gebiet sparsam;
es gehoeren dahin der Vorsus, das Flaechenmass der Sabeller von 100
Fuss ins Gevierte und das roemische zehnmonatliche Jahr. Sonst ist im
allgemeinen in denjenigen italischen Massen, die nicht an griechische
Festsetzungen anknuepfen und wahrscheinlich von den Italikern vor
Beruehrung mit den Griechen entwickelt worden sind, die Teilung des
"Ganzen" (as) in zwoelf "Einheiten" (unciae) vorherrschend. Nach der
Zwoelfzahl sind eben die aeltesten latinischen Priesterschaften,
die Kollegien der Salier und Arvalen sowie auch die etruskischen
Staedtebuende geordnet. Die Zwoelfzahl herrscht im roemischen
Gewichtsystem, wo das Pfund (libra), und im Laengenmass, wo der Fuss
(pes) in zwoelf Teile zerlegt zu werden pflegen; die Einheit des
roemischen Flaechenmasses ist der aus dem Dezimal- und Duodezimalsystem
zusammengesetzte "Trieb" (actus) von 120 Fuss ins Gevierte ^1.
Im Koerpermass moegen aehnliche Bestimmungen verschollen sein.
------------------------------------------ ^1 Urspruenglich sind sowohl
"actus" Trieb, wie auch das noch haeufiger vorkommende Doppelte
davon, "iugerum", Joch, wie unser "Morgen" nicht Flaechen-, sondern
Arbeitsmasse und bezeichnen dieser das Tage-, jener das halbe Tagewerk,
mit Ruecksicht auf die namentlich in Italien scharf einschneidende
Mittagsruhe des Pfluegers. --------------------------------------------
Wenn man erwaegt, worauf das Duodezimalsystem beruhen, wie es gekommen
sein mag, dass aus der gleichen Reihe der Zahlen so frueh und allgemein
neben der Zehn die Zwoelf hervorgetreten ist, so wird die Veranlassung
wohl nur gefunden werden koennen in der Vergleichung des Sonnen- und
Mondlaufs. Mehr noch als an der Doppelhand von zehn Fingern ist an
dem Sonnenkreislauf von ungefaehr zwoelf Mondkreislaeufen zuerst dem
Menschen die tiefsinnige Vorstellung einer aus gleichen Einheiten
zusammengesetzten Einheit aufgegangen und damit der Begriff eines
Zahlensystems, der erste Ansatz mathematischen Denkens. Die feste
duodezimale Entwicklung dieses Gedankens scheint national italisch zu
sein und vor die erste Beruehrung mit den Hellenen zu fallen. Als
nun aber der hellenische Handelsmann sich den Weg an die italische
Westkueste eroeffnet hatte, empfanden zwar nicht das Flaechen-, aber
wohl das Laengenmass, das Gewicht und vor allem das Koerpermass, das
heisst diejenigen Bestimmungen, ohne welche Handel und Wandel unmoeglich
ist, die Folgen des neuen internationalen Verkehrs. Der aelteste
roemische Fuss ist verschollen; der, den wir kennen und der in
fruehester Zeit bei den Roemern in Gebrauch war, ist aus Griechenland
entlehnt und wurde neben seiner neuen roemischen Einteilung in
Zwoelftel auch nach griechischer Art in vier Hand- (palmus) und sechzehn
Fingerbreiten (digitus) geteilt. Ferner wurde das roemische Gewicht
in ein festes Verhaeltnis zu dem attischen gesetzt, welches in ganz
Sizilien herrschte, nicht aber in Kyme - wieder ein bedeutsamer Beweis,
dass der latinische Verkehr vorzugsweise nach der Insel sich zog; vier
roemische Pfund wurden gleich drei attischen Minen oder vielmehr das
roemische Pfund gleich anderthalb sizilischen Litren oder Halbminen
gesetzt. Das seltsamste und buntscheckigste Bild aber bieten die
roemischen Koerpermasse teils in den Namen, die aus den griechischen
entweder durch Verderbnis (amphora, modius nach medimnos congius
aus choe?s, hemina, cyathus) oder durch Uebersetzung (acetabulum von
ox?baphon) entstanden sind, waehrend umgekehrt xest/e/s Korruption
von sextarius ist; teils in den Verhaeltnissen. Nicht alle, aber die
gewoehnlichen Masse sind identisch: fuer Fluessigkeiten der Congius
oder Chus, der Sextarius, der Cyathus, die beiden letzteren auch fuer
trockene Waren, die roemische Amphora ist im Wassergewicht dem attischen
Talent gleichgesetzt und steht zugleich im festen Verhaeltnisse zu dem
griechischen Metretes von 3 : 2, zu dem griechischen Medimnos von 2 :
1. Fuer den, der solche Schrift zu lesen versteht, steht in diesen
Namen und Zahlen die ganze Regsamkeit und Bedeutung jenes
sizilisch-latinischen Verkehrs geschrieben. Die griechischen Zahlzeichen
nahm man nicht auf; wohl aber benutzte der Roemer das griechische
Alphabet, als ihm dies zukam, um aus den ihm unnuetzen Zeichen der drei
Hauchbuchstaben die Ziffern 50 und 1000, vielleicht auch die Ziffer 100
zu gestalten. In Etrurien scheint man auf aehnlichem Wege wenigstens das
Zeichen fuer 100 gewonnen zu haben. Spaeter setzte sich wie gewoehnlich
das Ziffersystem der beiden benachbarten Voelker ins gleiche, indem das
roemische im wesentlichen in Etrurien angenommen ward. In gleicher Weise
ist der roemische und wahrscheinlich ueberhaupt der italische Kalender,
nachdem er sich selbstaendig zu entwickeln begonnen hatte, spaeter unter
griechischen Einfluss gekommen. In der Zeiteinteilung draengt sich die
Wiederkehr des Sonnenauf- und -unterganges und des Neu- und Vollmondes
am unmittelbarsten dem Menschen auf; demnach haben Tag und Monat, nicht
nach zyklischer Vorberechnung, sondern nach unmittelbarer Beobachtung
bestimmt, lange Zeit ausschliesslich die Zeit gemessen. Sonnenauf- und
-untergang wurden auf dem roemischen Markte durch den oeffentlichen
Ausrufer bis in spaete Zeit hinab verkuendigt, aehnlich vermutlich
einstmals an jedem der vier Mondphasentage die von da bis zum
naechstfolgenden verfliessende Tagzahl durch die Priester abgerufen.
Man rechnete also in Latium und vermutlich aehnlich nicht bloss bei den
Sabellern, sondern auch bei den Etruskern nach Tagen, welche, wie schon
gesagt, nicht von dem letztverflossenen Phasentag vorwaerts, sondern von
dem naechsterwarteten rueckwaerts gezaehlt wurden; nach Mondwochen, die
bei der mittleren Dauer von 7? Tagen zwischen sieben- und achttaegiger
Dauer wechselten; und nach Mondmonaten, die gleichfalls bei der
mittleren Dauer des synodischen Monats von 29 Tagen 12 Stunden 44
Minuten bald neunundzwanzig-, bald dreissigtaegig waren. Eine gewisse
Zeit hindurch ist den Italikern der Tag die kleinste, der Mond die
groesste Zeiteinteilung geblieben. Erst spaeterhin begann man Tag und
Nacht in je vier Teile zu zerlegen, noch viel spaeter der Stundenteilung
sich zu bedienen; damit haengt auch zusammen, dass in der Bestimmung
des Tagesanfangs selbst die sonst naechstverwandten Staemme
auseinandergehen, die Roemer denselben auf die Mitternacht, die Sabeller
und die Etrusker auf den Mittag setzen. Auch das Jahr ist, wenigstens
als die Griechen von den Italikern sich schieden, noch nicht
kalendarisch geordnet gewesen, da die Benennungen des Jahres und der
Jahresteile bei den Griechen und den Italikern voellig selbstaendig
gebildet sind. Doch scheinen die Italiker schon in der vorhellenischen
Zeit wenn nicht zu einer festen kalendarischen Ordnung, doch zur
Aufstellung sogar einer doppelten groesseren Zeiteinheit fortgeschritten
zu sein. Die bei den Roemern uebliche Vereinfachung der Rechnung nach
Mondmonaten durch Anwendung des Dezimalsystems, die Bezeichnung einer
Frist von zehn Monaten als eines "Ringes" (annus) oder eines Jahrganzen
traegt alle Spuren des hoechsten Altertums an sich. Spaeter, aber auch
noch in einer sehr fruehen und unzweifelhaft ebenfalls jenseits der
griechischen Einwirkung liegenden Zeit ist, wie schon gesagt wurde,
das Duodezimalsystem in Italien entwickelt und, da es eben aus
der Beobachtung des Sonnenlaufs als des Zwoelffachen des Mondlaufs
hervorgegangen ist, sicher zuerst und zunaechst auf die Zeitrechnung
bezogen worden; damit wird es zusammenhaengen, dass in den
Individualnamen der Monate - welche erst entstanden sein koennen, seit
der Monat als Teil eines Sonnenjahres aufgefasst wurde -, namentlich in
den Namen des Maerz und des Mai, nicht Italiker und Griechen, aber wohl
die Italiker unter sich uebereinstimmen. Es mag also das Problem, einen
zugleich dem Mond und der Sonne entsprechenden praktischen Kalender
herzustellen - diese in gewissem Sinne der Quadratur des Zirkels
vergleichbare Aufgabe, die als unloesbar zu erkennen und zu beseitigen
es vieler Jahrhunderte bedurft hat -, in Italien bereits vor der Epoche,
wo die Beruehrungen mit den Griechen begannen, die Gemueter beschaeftigt
haben; indes diese rein nationalen Loesungsversuche sind verschollen.
Was wir von dem aeltesten Kalender Roms und einiger andern latinischen
Staedte wissen - ueber die sabellische und etruskische Zeitmessung ist
ueberall nichts ueberliefert -, beruht entschieden auf der aeltesten
griechischen Jahresordnung, die der Absicht nach zugleich den Phasen des
Mondes und den Sonnenfahrzeiten folgte und aufgebaut war auf der Annahme
eines Mondumlaufs von 29« Tagen, eines Sonnenumlaufs von 12«
Mondmonaten oder 368_ Tagen und dem stetigen Wechsel der vollen oder
dreissigtaegigen und der hohlen oder neunundzwanzigtaegigen Monate
sowie der zwoelf- und der dreizehnmonatlichen Jahre, daneben aber
durch willkuerliche Aus- und Einschaltungen in einiger Harmonie mit den
wirklichen Himmelserscheinungen gehalten ward. Es ist moeglich, dass
diese griechische Jahrordnung zunaechst unveraendert bei den Latinern
in Gebrauch gekommen ist; die aelteste roemische Jahrform aber, die sich
geschichtlich erkennen laesst, weicht zwar nicht im zyklischen Ergebnis
und ebenso wenig in dem Wechsel der zwoelf- und der dreizehnmonatlichen
Jahre, wohl aber wesentlich in der Benennung wie in der Abmessung der
einzelnen Monate von ihrem Muster ab. Dies roemische Jahr beginnt mit
Fruehlingsanfang; der erste Monat desselben und der einzige, der von
einem Gott den Namen traegt, heisst nach dem Mars (Martius), die drei
folgenden vom Sprossen (aprilis), Wachsen (maius) und Gedeihen (iunius),
der fuenfte bis zehnte von ihren Ordnungszahlen (quinctilis, sextilis,
september, october, november, december), der elfte vom Anfangen
(ianuarius, 1, 178), wobei vermutlich an den nach dem Mittwinter und der
Arbeitsruhe folgenden Wiederbeginn der Ackerbestellung gedacht ist, der
zwoelfte und im gewoehnlichen Jahr der letzte vom Reinigen (februarius).
Zu dieser im stetigen Kreislauf wiederkehrenden Reihe tritt im
Schaltjahr noch ein namenloser "Arbeitsmonat" (mercedonius) am
Jahresschluss, also hinter dem Februar hinzu. Ebenso wie in den
wahrscheinlich aus dem altnationalen heruebergenommenen Namen der Monate
ist der roemische Kalender in der Dauer derselben selbstaendig: fuer die
vier aus je sechs dreissig- und sechs neunundzwanzigtaegigen Monaten
und einem jedes zweite Jahr eintretenden, abwechselnd dreissig-
und neunundzwanzigtaegigen Schaltmonat zusammengesetzten Jahre des
griechischen Zyklus (354 + 384 + 354 + 383 = 1475 Tage) sind in ihm
gesetzt worden vier Jahre von je vier - dem ersten, dritten, fuenften
und achten - einunddreissig- und je sieben neunundzwanzigtaegigen
Monaten, ferner einem in drei Jahren acht-, in dem vierten
neunundzwanzigtaegigen Februar und einem jedes andere Jahr eingelegten
siebenundzwanzigtaegigen Schaltmonat (355 + 383 + 355 + 382 = 1475
Tage). Ebenso ging dieser Kalender ab von der urspruenglichen Einteilung
des Monats in vier, bald sieben-, bald achttaegige Wochen; er liess
die achttaegige Woche ohne Ruecksicht auf die sonstigen
Kalenderverhaeltnisse durch die Jahre laufen, wie unsere Sonntage es
tun, und setzte auf deren Anfangstage (noundinae) den Wochenmarkt.
Er setzte daneben ein fuer allemal das erste Viertel in den
einunddreissigtaegigen Monaten auf den siebenten, in den
neunundzwanzigtaegigen auf den fuenften, Vollmond in jenen auf den
fuenfzehnten, in diesen auf den dreizehnten Tag. Bei dem also fest
geordneten Verlauf der Monate brauchte von jetzt ab allein die Zahl der
zwischen dem Neumond und dem ersten Viertel liegenden Tage angekuendigt
zu werden; davon empfing der Tag des Neumonds den Namen des
Rufetages (kalendae). Der Anfangstag des zweiten, immer achttaegigen
Zeitabschnitts des Monats wurde - der roemischen Sitte gemaess, den
Zieltag der Frist mit in dieselbe einzuzaehlen - bezeichnet als Neuntag
(nonae). Der Tag des Vollmonds behielt den alten Namen idus (vielleicht
Scheidetag). Das dieser seltsamen Neugestaltung des Kalenders zu Grunde
liegende Motiv scheint hauptsaechlich der Glaube an die heilbringende
Kraft der ungeraden Zahl gewesen zu sein ^2, und wenn er im allgemeinen
an die aelteste griechische Jahrform sich anlehnt, so tritt in seinen
Abweichungen von dieser bestimmt der Einfluss der damals in Unteritalien
uebermaechtigen, namentlich in Zahlenmystik sich bewegenden Lehren des
Pythagoras hervor. Die Folge aber war, dass dieser roemische Kalender,
so deutlich er auch die Spur an sich traegt, sowohl mit dem Mond-
wie mit dem Sonnenlauf harmonieren zu wollen, doch in der Tat mit
dem Mondlauf keineswegs so uebereinkam, wie wenigstens im ganzen sein
griechisches Vorbild, den Sonnenfahrzeiten aber, eben wie der aelteste
griechische, nicht anders als mittels haeufiger willkuerlicher
Ausschaltungen folgen konnte, und da man den Kalender schwerlich
mit groesserem Verstande gehandhabt als eingerichtet hat, hoechst
wahrscheinlich nur sehr unvollkommen folgte. Auch liegt in der
Festhaltung der Rechnung nach Monaten oder, was dasselbe ist, nach
zehnmonatlichen Jahren ein stummes, aber nicht misszuverstehendes
Eingestaendnis der Unregelmaessigkeit und Unzuverlaessigkeit des
aeltesten roemischen Sonnenjahres. Seinem wesentlichen Schema nach wird
dieser roemische Kalender mindestens als allgemein latinisch angesehen
werden koennen. Bei der allgemeinen Wandelbarkeit des Jahresanfangs und
der Monatsnamen sind kleinere Abweichungen in der Bezifferung und den
Benennungen mit der Annahme einer gemeinschaftlichen Grundlage wohl
vereinbar; ebenso konnten bei jenem Kalenderschema, das tatsaechlich von
dem Mondumlauf absieht, die Latiner leicht zu ihren willkuerlichen,
etwa nach Jahrfesten abgegrenzten Monatlaengen kommen, wie denn
beispielsweise in den albanischen die Monate zwischen 16 und 36 Tagen
schwanken. Wahrscheinlich also ist die griechische Trieteris von
Unteritalien aus fruehzeitig wenigstens nach Latium, vielleicht auch
zu anderen italischen Staemmen gelangt und hat dann in den einzelnen
Stadtkalendern weitere untergeordnete Umgestaltungen erfahren.
---------------------------------------- ^2 Aus derselben Ursache sind
saemtliche Festtage ungerade, sowohl die in jedem Monat wiederkehrenden
(kalendae am 1., nonae am 5. oder 7., idus am 13. oder 15.) als auch,
mit nur zwei Ausnahmen, die Tage der oben erwaehnten 45 Jahresfeste.
Dies geht so weit, dass bei mehrtaegigen Festen dazwischen die geraden
Tage ausfallen, also z. B. das der Carmentis am 11., 15. Januar, das
Hainfest am 19., 21. Juli, die Gespensterfeier am 9., 11., 13. Mai
begangen wird. ----------------------------------------- Zur Messung
mehrjaehriger Zeitraeume konnte man sich der Regierungsjahre der Koenige
bedienen; doch ist es zweifelhaft, ob diese dem Orient gelaeufige
Datierung in Griechenland und Italien in aeltester Zeit vorgekommen
ist. Dagegen scheint an die vierjaehrige Schaltperiode und die damit
verbundene Schatzung und Suehnung der Gemeinde eine der griechischen
Olympiadenzaehlung der Anlage nach gleiche Zaehlung der Lustren
angeknuepft zu haben, die indes infolge der bald in der Abhaltung
der Schatzungen einreissenden Unregelmaessigkeit ihre chronologische
Bedeutung frueh wieder eingebuesst hat. Juenger als die Messkunst ist
die Kunst der Lautschrift. Die Italiker haben sowenig wie die
Hellenen von sich aus eine solche entwickelt, obwohl in den italischen
Zahlzeichen, etwa auch in dem uralt italischen und nicht aus
hellenischem Einfluss hervorgegangenen Gebrauch des Losziehens mit
Holztaefelchen, die Ansaetze zu einer solchen Entwicklung gefunden
werden koennen. Wie schwierig die erste Individualisierung der in
so mannigfaltigen Verbindungen auftretenden Laute gewesen sein muss,
beweist am besten die Tatsache, dass fuer die gesamte aramaeische,
indische, griechisch-roemische und heutige Zivilisation ein einziges,
von Volk zu Volk und von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanztes
Alphabet ausgereicht hat und heute noch ausreicht; und auch dieses
bedeutsame Erzeugnis des Menschengeistes ist gemeinsame Schoepfung der
Aramaeer und der Indogermanen. Der semitische Sprachstamm, in dem
der Vokal untergeordneter Natur ist und nie ein Wort beginnen kann,
erleichtert eben deshalb die Individualisierung des Konsonanten; weshalb
denn auch hier das erste, der Vokale aber noch entbehrende Alphabet
erfunden worden ist. Erst die Inder und die Griechen haben, jedes Volk
selbstaendig und in hoechst abweichender Weise, aus der durch den Handel