Am 22. August

E ist ein Unglück, Wilhelm, meine tätigen Kräfte sind zu einer

unruhigen Lässigkeit verstimmt, ich kann nicht müßig sein und kann

doch auch nichts tun. Ich habe keine Vorstellungskraft, kein Gefühl

an der Natur, und die Bücher ekeln mich an. Wenn wir uns selbst

fehlen, fehlt uns doch alles. Ich schwöre dir, manchmal wünschte ich,

ein Tagelöhner zu sein, um nur des Morgens beim Erwachen eine Aussicht

auf den künftigen Tag, einen Drang, eine Hoffnung zu haben. Oft

beneide ich Alberten, den ich über die Ohren in Akten begraben sehe,

und bilde mir ein, mir wäre wohl, wenn ich an seiner Stelle wäre!

Schon etlichemal ist mir's so aufgefahren, ich wollte dir schreiben

und dem Minister, um die Stelle bei der Gesandtschaft anzuhalten, die,

wie du versicherst, mir nicht versagt werden würde. Ich glaube es

selbst. Der Minister liebt mich seit langer Zeit, hatte lange mir

angelegen, ich sollte mich irgendeinem Geschäfte widmen; und eine

Stunde ist mir's auch wohl drum zu tun. Hernach, wenn ich wieder dran

denke und mir die Fabel vom Pferde einfällt, das, seiner Freiheit

ungeduldig, sich Sattel und Zeug auflegen läßt und zuschanden geritten

wird--ich weiß nicht, was ich soll.--und, mein Lieber! Ist nicht

vielleicht das Sehnen in mir nach Veränderung des Zustands eine innere,

unbehagliche Ungeduld, die mich überallhin verfolgen wird?

Die Leiden des jungen Werther — Band 1 · 第 37 / 41 题