Am 8. August

Ich bitte dich, lieber Wilhelm, es war gewiß nicht auf dich geredet,

wenn ich die Menschen unerträglich schalt, die von uns Ergebung in

unvermeidliche Schicksale fordern. Ich dachte wahrlich nicht daran,

daß du von ähnlicher Meinung sein könntest. Und im Grunde hast du

recht. Nur eins, mein Bester! In der Welt ist es sehr selten mit dem

Entweder-Oder getan; die Empfindungen und Handlungsweisen schattieren

sich so mannigfaltig, als Abfälle zwischen einer Habichts--und

Stumpfnase sind.

Du wirst mir also nicht übelnehmen, wenn ich dir dein ganzes Argument

einräume und mich doch zwischen dem Entweder-Oder durchzustehlen suche.

Entweder, sagst du, hast du Hoffnung auf Lotten, oder du hast keine.

Gut, im ersten Fall suche sie durchzutreiben, suche die Erfüllung

deiner Wünsche zu umfassen: im anderen Fall ermanne dich und suche

einer elenden Empfindung los zu werden, die alle deine Kräfte

verzehren muß.--Bester! Das ist wohl gesagt, und--bald gesagt.

Und kannst du von dem Unglücklichen, dessen Leben unter einer

schleichenden Krankheit unaufhaltsam allmählich abstirbt, kannst du

von ihm verlangen, er solle durch einen Dolchstoß der Qual auf einmal

ein Ende machen? Und raubt das Übel, das ihm die Kräfte verzehrt, ihm

nicht auch zugleich den Mut, sich davon zu befreien?

Zwar könntest du mir mit einem verwandten Gleichnisse antworten: wer

ließe sich nicht lieber den Arm abnehmen, als daß er durch Zaudern und

Zagen sein Leben aufs Spiel setzte?--Ich weiß nicht!--Und wir wollen

uns nicht in Gleichnissen herumbeißen. Genug--ja, Wilhelm, ich habe

manchmal so einen Augenblick aufspringenden, abschüttelnden Muts, und

da--wenn ich nur wüßte wohin, ich ginge wohl.

Die Leiden des jungen Werther — Band 1 · 第 30 / 41 题