Am 30. Julius

Albert ist angekommen, und ich werde gehen; und wenn er der beste, der

edelste Mensch wäre, unter den ich mich in jeder Betrachtung zu

stellen bereit wäre, so wär's unerträglich, ihn vor meinem Angesicht

im Besitz so vieler Vollkommenheit zu sehen.--Besitz!--genug, Wilhelm,

der Bräutigam ist da! Ein braver, lieber Mann, dem man gut sein muß.

Glücklicherweise war ich nicht beim Empfange! Das hätte mir das Herz

zerrissen. Auch ist er so ehrlich und hat Lotten in meiner Gegenwart

noch nicht ein einzigmal geküßt. Das lohn' ihm Gott! Um des Respekts

willen, den er vor dem Mädchen hat, muß ich ihn lieben. Er will mir

wohl, und ich vermute, das ist Lottens Werk mehr als seiner eigenen

Empfindung; denn darin sind die Weiber fein und haben recht; wenn sie

zwei Verehrer in gutem Vernehmen mit einander erhalten können, ist der

Vorteil immer ihr, so selten es auch angeht.

Indes kann ich Alberten meine Achtung nicht versagen. Seine gelassene

Außenseite sticht gegen die Unruhe meines Charakters sehr lebhaft ab,

die sich nicht verbergen läßt. Er hat viel Gefühl und weiß, was er an

Lotten hat. Erscheint wenig üble Laune zu haben, und du weißt, das

ist die Sünde, die ich ärger hasse am Menschen als alle andre.

Er hält mich für einen Menschen von Sinn; und meine Anhänglichkeit zu

Lotten, meine warme Freude, die ich an allen ihren Handlungen habe,

vermehrt seinen Triumph, und er liebt sie nur desto mehr. Ob er sie

nicht einmal mit keiner Eifersüchtelei peinigt, das lasse ich

dahingestellt sein, wenigstens würd' ich an seinem Platz nicht ganz

sicher vor diesem Teufel bleiben.

Dem sei nun wie ihm wolle, meine Freude, bei Lotten zu sein, ist hin.

Soll ich das Torheit nennen oder Verblendung?--was braucht's Namen!

Erzählt die Sache an sich!--ich wußte alles, was ich jetzt weiß, ehe

Albert kam; ich wußte, daß ich keine Prätension an sie zu machen hatte,

machte auch keine--das heißt, insofern es möglich ist, bei so viel

Liebenswürdigkeit nicht zu begehren--und jetzt macht der Fratze große

Augen, da der andere nun wirklich kommt und ihm das Mädchen wegnimmt.

Ich beiße die Zähne auf einander und spott über mein Elend, und

spottete derer doppelt und dreifach, die sagen könnten, ich sollte

mich resignieren, und weil es nun einmal nicht anders sein könnte.

--schafft mir diese Strohmänner vom Halse!--ich laufe in den Wäldern

herum, und wenn ich zu Lotten komme, und Albert bei ihr sitzt im

Gärtchen unter der Laube, und ich nicht weiter kann, so bin ich

ausgelassen närrisch und fange viel Possen, viel verwirrtes Zeug an.

--"um Gottes willen", sagte mir Lotte heut, "ich bitte Sie, keine Szene

wie die von gestern abend! Sie sind fürchterlich, wenn Sie so lustig

sind".--Unter uns, ich passe die Zeit ab, wenn er zu tun hat; wutsch!

Bin ich drauß, und da ist mir's immer wohl, wenn ich sie allein finde.

Die Leiden des jungen Werther — Band 1 · 第 29 / 41 题