Frau Susanne strahlte, als ich ihr Methusalems baldige Ankunft
verkündigte, und rannte spornstreichs nach dem Kohlenkasten. Sie kann
ihren ältesten Sohn nicht lieber haben als diesen Maler, der sie doch
ständig ärgert und über den sie ständig schimpft.
Mit Piesecke dagegen hatte ich Schwierigkeiten.
„Ich lehne ab, dem Festausschuß beizutreten“, sagte er kalt, als ich ihm
Methusalems Brief vorgelesen hatte. „Denn erstens, dieser Stefenson, der
mich als Knecht Ignaz gemißhandelt hat, verdient von mir keine
Gefälligkeit, und diese Eva auch nicht. Was aber Methusalem und Emmerich
anbelangt, so habe ich mich einmal mit ihnen eingelassen und die
traurigsten Erfahrungen mit ihnen gemacht.“
„Lieber Piesecke“, sagte ich, „Sie werden sich das noch überlegen. Was
Stefenson anlangt, so sind Sie eine viel zu große Natur, um nachträgerisch
zu sein. Und mit Methusalem und Emmerich dürfen Sie sich ruhig verbinden.
Ich gebe zu, daß sich die beiden in der Waltersburger Schlacht feig und
schäbig benommen haben. Während Sie kämpften, hat der eine gezeichnet, der
andere seine Hymne gesungen. In den Kampf eingegriffen haben sie beide
nicht, obwohl es ihre Pflicht war. Sie sind eben keine Helden. Ein Fest
aber ist keine Schlacht; da werden die zwei ihren Mann stellen. Im übrigen
gebe ich Ihnen zu bedenken, daß, falls Sie sich fernhielten, Fräulein
Agathe aus der Waldschölzerei den schweren Verdacht schöpfen könnte, Sie
hätten Ihren Gram um die verlorene Eva immer noch nicht verwunden.“
„Oh“, rief da Piesecke, „den hab ich gründlich verwunden. Aber Sie haben
recht, der Verdacht läge nahe. Also mache ich mit!“
Schon am nächsten Morgen kehrten unter ungeheurem Hallo Methusalem und
Emmerich nach dem Ferienheim zurück. Eine Stunde später fand die erste
„Geheime Sitzung des intimeren Festausschusses“, bestehend aus Methusalem,
Emmerich und Piesecke, statt. Ich hatte bescheiden angefragt, ob ich eine
beratende Stimme im Ausschuß haben dürfte, dieses war aber abgelehnt
worden.
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Was hatten wir für einen schönen Heiligen Abend! Auch über die Festtage
war unsere Anstalt mit Gästen gut besetzt, aber die Leute waren alle kurz
vor dem Christabend etwas stiller geworden. Ich merkte, wie viele an
Heimweh litten. Durch einen besonderen Anschlag war rechtzeitig
bekanntgegeben worden, daß jeder Feriengast ein Paket nach Hause senden
und ein solches von Hause erbitten solle. In den letzten Tagen trafen
viele solche Liebesgaben bei uns ein. Sie wurden in der Direktion
aufgestapelt. Wie nun der Abend kam am 24. Dezember, dieser heilig-süße
Abend, an dem alle Herzen anders gehen als sonst, ritt auf schneeweißem
Roß Knecht Ruprecht von Haus zu Haus. Hinter ihm fuhren in einem mit
Silber, Gold und Tannengrün geschmückten Schlitten vier Engelein, von
denen eines die kleine Luise war, dann kam ein Bläserchor, zuletzt
stampften Zwerge und Waldgeister durch den Schnee, die schleppten alle
Pakete auf den Schultern und taten, als ob sie schwer daran zu tragen
hätten.
Vor jedem Bauernhof wurde haltgemacht. In der großen Stube brannte der
Christbaum; Knecht Ruprecht trat ins Zimmer und sagte seinen
Weihnachtsgruß, die Engelchen sangen ein Lied, der Bläserchor blies vor
dem Hause einen Choral, und die Zwerge und Waldgeister schleppten Pakete
herbei – Grüße aus der Heimat.
Da hat keinem von unseren Feriengästen die Weihnachtsstimmung gefehlt.
Auch ich hatte meine Weihnachtsfreude. Am Nachmittag erhielt ich ein
Kabeltelegramm von der Mutter aus Rio:
„Sehne mich nach dir. Grüße von Joachim und mir an dich, Luise, Käthe und
die Heimat. Eure Mutter.“
Frieden auf Erden! Ich ging nach der Heimwehfluh. Käthe saß am Fenster,
spähte nach dem Lichtschein der Fackeln, die den Schlitten begleiteten,
darin ihr Kind saß, und hörte auf die alten Weihnachtslieder, die aus dem
Tale klangen.
Ich gab ihr das Telegramm. Sie las es und wurde zum ersten Male wieder ein
wenig rot im Gesicht.
„Schenke es mir zu Weihnachten“, bat sie.
„Ich habe es dir ja gebracht.“
Ich blieb bei ihr, wollte Luises Rückkehr abwarten.
Da sagte sie im Laufe des Abends:
„Ich weiß wohl, daß es nicht mehr allzu lange mit mir dauern kann. Aber
sage mir, ob ich übers Jahr zu Weihnachten noch leben werde.“
„Bestimmt, Käthe.“
Da trat ein Lächeln auf ihre Züge.
„Das ist noch eine lange Zeit zum Glücklichsein!“