Septett: „Jawohl!“

„Der Alte Dessauer hat Jagdurlaub bis zum Abendbrot; das Veilchen im

Winkel wird helfen, die Heringe einmarinieren, die Ekkehard bringt;

Piesecke kommt zwei Stunden lang an die Jauchenpumpe; Andreas Hofer,

Moritz Arndt, Fitzlibutzli, der Knecht Elieser, Ali-Baba und Jeremias

Gotthelf gehen zum Ackern aufs Feld. Lene und Joachim Hans von Ziethen

helfen beim Rübenabkloppen. Fehlt noch jemand?“

Herr Amtsgerichtsrat Dr. – nein Gottfried Stumpe, erhob sich.

„Ich!“

„Ach so – Sie, Gottfried! Nu, Sie helfen auch beim Rübenabkloppen.“

Gottfried erblaßte. Zu widersprechen wagte er nicht. Er hörte nur noch mit

beißendem Ingrimm, daß Barthel den Methusalem aus Anlaß seines Briefes

einen Tag beurlauben wollte. Methusalem aber wies die Ehre zurück.

„Nimmermehr!“ rief er pathetisch, „denn sehen Sie, Vater Barthel, eine

ungeheure Lebenslust, ein Kraftüberschuß durchströmt plötzlich meinen fast

tausendjährigen Leib. Ich komme mir vor wie ein Fünfunddreißiger. Wo soll

ich hin mit der Freud? Austoben muß ich mich. Und das kann ich nur, wenn

ich Holz hacke. Ich will keinen Urlaub, ich hacke Holz!“

Punkt ein Viertel nach sieben Uhr erklärte Barthel das Frühstück für

aufgehoben. Nun gingen alle ihre Wege, die meisten hinauf nach den

Badehäusern, um ihre „Anwendungen“ zu machen. Auch Gottfried Stumpe

schritt hinaus in den fein sprühenden Regen. Er war sehr schlechter Laune.

Auf seinem Kurzettel stand heute ein zehn Minuten langes Bedampfen des

Magens (er litt an Magennerven), dann ein Bürstbad mit nachfolgendem

kühlen Abguß. Was so die Nervösen bekommen! Früher war er auch massiert

worden und hatte im Gymnastiksaale turnen müssen. Jetzt fiel das weg.

Wahrscheinlich war er schon zu gesund zu solch anständiger Behandlung.

Jetzt mußte er einfach arbeiten. Rüben abkloppen. Mit Mägden und alten

Weibern zusammen. Scheußlich!

Es war ein reines Wunder, wie man sich das als Kulturmensch gefallen ließ.

Daß man nicht einfach sagte: Rutscht mir den Buckel lang; ich reise ab!

Solche Schweinerei, wie Rüben, die im Dreck liegen, abzukloppen, mache ich

nicht mit! Man reiste aber nicht ab. Man wußte, daß sich die Kurverwaltung

aus einer Abreise rein gar nichts machte, weil schon immer Hunderte darauf

warteten, neu eingereiht zu werden. Alle Widerstandskraft verliert man bei

dem Gedanken: sie brauchen dich nicht, du aber brauchst sie. Denn es war

nicht zu leugnen, daß man hier absolut von Grund auf gesünder wurde.

Also bis acht Uhr war er mit seinen Anwendungen fertig; dann mußte er sich

nach der kühlen Abgießung eine halbe Stunde lang warm laufen; dann durfte

er eine halbe Stunde lang in irgendeinem bequemen Lehnstuhl des Kurhauses

verpusten.

Dann aber mußte er unwiderruflich aufs Feld.

Rüben abkloppen! Wenn nur inzwischen der elende Sprühregen aufhörte. Ein

einziger Trost war, daß bei solchem Wetter das Äpfelpflücken vom nassen

Baum auch kein Heidenspaß war.

Wie kämen sonst gerade Friedrich Schiller, Mussolini und Fuhrmann Henschel

dazu, daß sie ...

Neid und Mißgunst plagten ihn immer noch etwas; auch war er noch reichlich

oft schlechter Laune. Das kam wahrscheinlich vom Magen. Aber es war doch

schon zehnmal besser mit ihm als zu Hause. Wie hatte er da oft getobt und

gekollert, mit dem Gerichtsdiener, mit den Angeklagten, mit den Zeugen, ja

mit Weib und Kind. Die Fliege an der Wand ärgerte ihn, das Klopfen des

Regens ans Fenster regte ihn auf. Jetzt – wer diesen Dackel und diesen

Vater Barthel vertrug, ohne tobsüchtig zu werden, mußte schon sehr gesund

sein.

Bei seinem Spaziergange traf Gottfried seinen Freund Emanuel Geibel vom

Sonnenhof. Das war der Mann, mit dem er sich am besten verstand, mit dem

er wirklich befreundet war. Sie hatten sich eines Tages beim Pilzesuchen

an einem Waldrande getroffen, jeder mit einem Körbchen und einem Messer

bewaffnet, hatten einander gegenübergestanden und gelacht. Dann hatten sie

sich einander vorbestellt: „Emanuel Geibel vom Sonnenhof – Gottfried

Stumpe vom Forellenhof. Freut mich! Freut mich!“ Und am sonnigen Waldrande

gesessen und geschwatzt. Allmählich aber waren sie in zivilisiertes

Gespräch gekommen, auf Hygiene im allgemeinen, auf Volkswirtschaftliches,

auf hohe, schließlich auf ganz hohe Politik, dann noch höher hinauf auf

die Kunst, haben sogar einen etwas torkeligen Aufstieg in metaphysische

Gebiete versucht, sich in die Firnenzonen der Philosophie und Religion

verklettert und sind dann mit einem waghalsigen Sprung auf die letzte

Gipfelhöhe der Menschheit gesetzt – auf den im Blauschnee glitzernden,

aller gewöhnlichen Sterblichkeit ewig unerreichbaren Gaurisankar der

heiligen Jurisprudenz.

Da ist dem Amtsgerichtsrat etwas schwindelig geworden. Emanuel Geibel

entpuppte sich als ein hervorragender Jurist, als eiskalter

Verstandesmensch, als einer, der nicht nur über den Hanswurst, den

jetzigen Justizminister, spottete, der mit seinem geistigen Zwergenmaß die

Riesenschleppe des Ministertalars gar zu possierlich schleifte, sondern

der auch an die Dogmen der anerkanntesten juristischen Größen mit geradezu

souveräner Überlegenheit die Sonde legte. Wie er allein über Liszt

urteilte. Dem Amtsgerichtsrat war klar, daß der Mann, der sich unter dem

Namen Emanuel Geibel versteckte, eine eminente Größe der

Rechtswissenschaft war, hoffentlich der künftige Minister. Dann würde

vieles an den unhaltbaren verrotteten Zuständen der heutigen Rechtspflege

gebessert werden. So beschloß der Amtsrichter dreierlei: erstens lieber

gar keine, als eine dumme Bemerkung zu machen, sondern zumeist den andern

reden zu lassen und ihm zuzustimmen; zweitens ganz leise durchschimmern zu

lassen, daß er durch ein ungerechtes Schicksal, vielmehr durch widrige

Gegenströmungen ins Dunkle gestellt worden sei und gewissermaßen auch

etwas mit der Jurisprudenz zu tun habe; drittens privatim sich als

Gottfried Stumpe treuherzig die Sympathie Emanuel Geibels zu erwerben. Das

alles ist gelungen. Eines Tages hat Geibel sogar mit ihm Brüderschaft

gemacht. Denn Emanuel hatte bei allem messerscharfen Verstand ein

poetisches Gemüt, und der Mann, der eben noch Worte gesprochen hatte, von

denen jedes mit Schwefelsäure getränkt war, konnte plötzlich

traumversunken stehenbleiben und seufzen:

„Oh, darum ist der Lenz so schön

Mit Duft und Strahl und Lied,

Weil singend über Tal und Höh’n

So bald er weiterzieht.“

Oder, weil ihm eben einfiel, daß gar nicht Frühlingszeit sei:

„Herbstlich sonnige Tage,

Mir beschieden zur Lust,

Euch mit leiserem Schlage

Grüßt die atmende Brust.

Oh, wie waltet die Stunde

Nun in seliger Ruh;

Jede schmerzende Wunde

Schließet leise sich zu.“

Der eiskalt schließende Jurist hatte sich ganz in die süßen, goldenen

Melodien Geibelscher Lyrik eingesponnen. Und darum wohl hatte er des

Dichters Namen für seine Ferien vom Ich gewählt. Die Gegensätze berührten

sich auch hier.

Diesem Emanuel Geibel begegnete nun Gottfried Stumpe, als er sich an jenem

feuchtkalten Herbstmorgen nach der Abgießung „trocken lief“. Die Begegnung

war nicht ganz zufällig. Gottfried wußte, daß Emanuel abreiste. Er habe

nur sechs Wochen Urlaub, hatte Geibel ihm gesagt, er könne nicht länger

abkommen. Natürlich, es gab eben im Justizdienst unersetzliche Kräfte.

Wortkarg stiegen die beiden Freunde miteinander zum „Zeughaus“ hinunter.

„Nun gehe ich da hinein“, sagte Emanuel traurig, „und komme nicht mehr

durch diese Tür in unser liebes Heim zurück, sondern trete auf der anderen

Seite in meinem Weltanzug auf die Straße hinaus, die ins kalte Leben

zurückführt. Ach, mein Freund, mir ist sehr schwer ums Herz. Ich wollte,

wir wären jetzt oben im Walde und suchten Pilze. Ich hab dich gern

gehabt.“

Gottfried Stumpe wandte sich zur Seite. Emanuels Seele aber wurde wieder

vom Geiste seines Meisters umfangen, und er sagte mit leisem Beben:

„Wenn sich zwei Herzen scheiden,

Die sich dereinst geliebt,

Das ist ein großes Leiden,

Wie’s größ’res nimmer gibt;

Es klingt das Wort so traurig gar:

Fahr wohl, fahr wohl auf immerdar!

Wenn sich zwei Herzen scheiden,

Die sich dereinst geliebt.“

Wohl verwunderte sich Gottfried über diese große Zartheit, aber sie packte

ihn, und die Augen wurden ihm feucht.

Der Freund ging hinein ins Zeughaus. Auf der anderen Seite würde er nun

hinaus auf die Straße treten, die aus diesen friedlichen Ferien

zurückführt in die harte Schule des Lebens. Gottfried ging um das Zeughaus

herum und gelangte durch ein Seitenpförtlein ebenfalls hinaus auf die

Straße. Er wollte den Freund noch einmal sehen. Mochte er zu spät auf

Barthels Feld kommen, es war ihm einerlei.

Nach einer Viertelstunde kam Emanuel. Fast hätte ihn Gottfried in dem

nüchternen Reiseanzug nicht erkannt.

„Ah, da bist du noch!“

„Ja, ich wollte dich noch einmal sehen.“

„Das ist lieb von dir!“

Emanuel zog die Uhr – eine einfache silberne Taschenuhr.

„Ganz fremd mutet mich das Ding an. Es ist so grausam pedantisch. Es zählt

Minuten und Sekunden. Drinnen in der Heimat ist es besser, da dürfen einem

nur eine Glocke oder der Großknecht oder Mond und Sterne sagen, wie spät

es ist. Und dann das Geld, das bedrückt mich am meisten. Was soll ich mit

den paar Kröten tun? Mir eine Burg des Glücks davon bauen? Lieber Gott!“

„Du wirst noch hoch hinauf kommen!“ tröstete ihn Gottfried.

„Nein!“ sagte Emanuel bitter. „Da drinnen, da ist es ja geboten, über das

eigene Ich zu schweigen. Aber hier draußen auf der Landstraße will ich

mich dir gegenüber nicht verbergen. Ich hab Pech gehabt. Hätt’ gern

studiert. Aber wie ich in der Unterprima war, starb der Vater. Da mußte

ich abgehen von der Schule. Wurde ein Subalternbeamter. Ich bin Sekretär

am Amtsgericht zu H.“

„Emanuel!“

Gottfried rang die Hände ineinander. Ein Subalternbeamter! Dieser

Ministerstürzer! Dieser Liszt-Kritiker! Dieser gewaltige Umstürzler von

oben! Ein Sub – sein Duzbruder! Wenn das sein akademischer Stammtisch

wüßte!

„Emanuel!“

Gottfried stand so verdattert da, daß in die weichen Züge Emanuel Geibels

wieder die essigsaure Schärfe trat, die aber doch nur zu den resignierten

Worten führte:

„Gottfried! Sie waren da drinnen Gottfried und ich Emanuel – wer wir

draußen sind, braucht uns nicht mehr zu kümmern, braucht Sie nicht zu

genieren.“

„Ich bin Amtsgerichtsrat Dr. Stein“, sagte Gottfried noch ganz benommen.

„Dann erlaube ich mir, dem Herrn Amtsgerichtsrat eine weitere erfolgreiche

Kur zu wünschen“, sagte Emanuel höflich, verneigte sich, ergriff seine

kleine Handtasche und wollte gehen.

Da aber hatte ihn Gottfried am Arm.

„Nein, lieber Emanuel, wir bleiben Freunde – auch draußen –, verstehst du?

Von dem blödsinnigen Kastengeist bin ich im Ferienheim befreit worden.“

Emanuel setzte die Handtasche auf die Straße.

„Ich danke dir!“ sagte er schlicht, aber in tiefer Freude.

Sie schieden voneinander. Der Amtsgerichtsrat ging mit beklommenem Herzen,

das jeder hat, der von einem Freunde Abschied nahm, nach dem Rübenfelde.

Da waren die Leute fleißig an der Arbeit. Nur Joachim Hans von Ziethen,

der auch zum Rüben „abkloppen“ kommandiert war, sprang in kühnen

Husarensprüngen über ein lustig brennendes Feldfeuerchen hinweg, um sich

warm zu machen, in Wirklichkeit aber – wie der Amtsgerichtsrat mit

neidischem Grimm bei sich feststellte –, um sich von der Arbeit zu

drücken.

Zehn Minuten später sprang er mit über das Feuer, bis von ferne die

Gestalt Barthels auftauchte.

Da begaben sich die beiden Drückeberger schleunigst an die Arbeit.

Ferien vom Ich · 第 33 / 45 题