Stefenson ist an dem von ihm angegebenen Tage nach Hause gekommen. Auf
meine Frage nach der kleinen Luise entgegnete er grob, ich solle mich
nicht in seine Privatangelegenheiten mischen; hätte ich mich früher nicht
um das Kind gekümmert, wo es das Mädel nötig gehabt hätte, so sei meine
Anteilnahme jetzt völlig überflüssig. Das gleiche könne er auch nur mit
Bezug auf meinen Bruder sagen; er hätte sich jetzt schon Vorwürfe über
dessen Berufung gemacht. Da könnten bloß Schwierigkeiten entstehen.
„Mister Stefenson“, sagte ich, „Sie benehmen sich wie ein Drache, der die
verwunschene Jungfrau behütet.“
„Drache hin, Drache her; ich geb’ sie nicht heraus“, knurrte er.
„Das sollen Sie ja gar nicht; wir überlassen Ihnen ja das Kind.“
„Wirklich?“
„Wirklich!“
„Na, dann ist es gut!“
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Stefenson hat die Waltersburger zu einem Festabend im großen Theatersaal
des neuen Rathauses berufen (der Name Rathaus ist beibehalten worden,
obwohl wir keinen eigenen Bürgermeister haben werden). Dieser Theatersaal
ist Hals über Kopf fertiggestellt worden. Er könnte schöner sein. Aber er
ist geräumig, und die Akustik ist gut. Auch ist eine hübsche
Liebhaberbühne da. Sonst sieht es im Rathaus noch sehr wild aus, und es
gehörte viel Tannenreisig dazu, um die unfertigen Wände, Kalkkübel und
Schutthaufen zu maskieren, die in der Nähe des Treppenhauses einen
unschönen Anblick bieten.
Der Lehrer Herder hat ein Melodram geschaffen. Der Mann dichtet,
komponiert und malt. Über braven Dilettantismus geht es bei Herder
nirgends hinaus, aber er schafft für den Hausbedarf brauchbare, gefällige
Sächelchen.
Die Einladung ist wieder an alle Volkskreise ergangen nach dem Noahrezept:
„Von jeder Art zwei Pärchen.“ Dazu sind alle Kinder geladen, die zum
großen Teil bei dem Melodram mitspielen. Die Tatsache, daß die Kleinen auf
Stefensons Kosten die Gewänder geliefert erhielten, die zu ihren Rollen
gehören, hat dem Spender vollends die Sympathie der Stadt verschafft.
Der Festsaal war denn auch beängstigend voll – zugleich für Joachim die
große Probe, ob er erkannt werden würde oder nicht.
Er wurde nicht erkannt. Die Leute betrachteten ihn mit der Neugier, die
dem überseeischen Arzt galt, von dessen Ankunft sie alsbald mit der
gläubigen deutschen Ausländerverehrung gesagt hatten, nun müsse es
wirklich eine gute Kuranstalt werden, da sogar ein amerikanischer Arzt
mittue. Von der Zeit an schienen den Waltersburgern die Neustädter
geschlagen; denn Neustadt hatte nur deutsche Ärzte.
Ich besuchte diese harmlose Weihnachtsfeier mit erregtem Herzen. Einige
Tage vor dem Festabend war mir Herder begegnet und hatte mir mitgeteilt,
daß nun in seinem Melodram sogar die eigene Nichte von Herrn Stefenson
eine Hauptrolle übernehmen und ein kleines Liedchen singen würde. Ich
verbarg mühsam meinen Schrecken.
Herder erzählte weiter:
„Ich habe mit der Kleinen – die Leute sagen, es sei die Tochter des
amerikanischen Petroleumkönigs – eine Probe gemacht. Sie hat eine
allerliebste Stimme, aber sie erscheint etwas schüchtern.“
Ich verabschiedete mich und ging sofort zu Mister Stefenson.
„Es ist unerhört ...“
Er wußte augenblicklich, was ich meinte.
„Gar nichts ist unerhört“, unterbrach er mich rauh. „Die Nichte von Mister
Stefenson kann auftreten und singen, wo sie will. Sie muß auftreten, sie
muß ihre Schüchternheit überwinden. He, Sie scheinen mir ein schöner
Psychologe zu sein, wenn Sie solche Momente außer acht lassen wollen.“
Was hatte es für Zweck, sich mit diesem Manne zu zanken? Nun mußte eben
durchgehalten werden ...
Die Mutter saß mit Joachim, mir und Stefenson in einer Seitenloge, nahe an
der Bühne. Ich sah und hörte kaum etwas von dem Melodram, von dem Gewimmel
von Zwergen, Kobolden, Nußknackern, Pfefferkuchenmännlein, Tiergestalten,
Besenbinderbuben und all den Mannschaften, die zum üblichen
Weihnachtsstück gehören; ich wartete mit Herzklopfen auf den
Weihnachtsengel, als dessen Darstellerin Miß Stefenson aus Chikago auf dem
riesigen roten Theaterzettel angegeben war. Nun war nur noch das letzte
„Bild“ übrig, nun mußte Luise auftreten und damit die Entscheidung kommen.
Der Vorhang hob sich. – Eine Bethlehemsgrotte. Die heilige Mutter mit
ihrem Kind, Joseph, die Hirten, die drei Könige; rings in Anbetung
versunken knieten Zwerge, Besenbinder, Pfefferkuchenmännlein. Es war alles
in halber Nacht, nur von einem mattroten Schein erhellt.
Da erschien plötzlich ein Licht über der Grotte, ein wunderschönes
Engelein trat in den hellen Schein und sang mit zittrigem Silberstimmchen:
„Vom Himmel hoch, da komm ich her
Und bring euch allen frohe Mär:
Geboren ist in Davids Stadt
Er, der des Lebens Fülle hat.“
Die Mutter saß wie starr. Einmal tastete ihre Hand nach der meinen und
drückte sie in kurzem, heftigem Erschrecken. Dann war sie regungslos. Die
ganze Gemeinde saß in Andacht.
Joachim war ganz gleichmütig. Als der Vorhang gefallen war, sagte er:
„Mister Stefenson, Ihre Nichte ist ein reizendes Kind!“
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Die Mutter wollte sofort nach Hause. Ich begleitete sie. Wir gingen stumm
in dem Menschenstrom. Erst als wir daheim angelangt waren und die Lampe
angezündet hatten, sah mich die Mutter voller Angst an.
„Fritz – das Kind – dieses Kind ...“
Ich sah ihr ernst in die Augen und schwieg.
„Fritz – sage mir – ist es – ist es? ...“
„Ja. Es ist Luise.“
Da sank sie auf das Sofa und verbarg den Kopf. Ich trat zu ihr. Nicht ohne
Bitterkeit sagte ich:
„Mutter, du brauchst dich nicht zu ängstigen, das Kind wird dir nie
Ungelegenheiten machen; es ist in Mister Stefensons Pflege gut
aufgehoben.“
So wollte ich gehen. Aber ich brachte es doch nicht fertig. Ich blieb am
Tische sitzen. Nach langer Zeit, in der nichts zu hören war als das leise
Singen der Lampe und der Schlag unserer Standuhr, stützte die Mutter den
Kopf auf den Tisch und sagte müde:
„Das Kind ist Joachim ähnlicher, als er sich jetzt selbst ist!“
Nach einem Weilchen meinte sie:
„Es wird wohl keine Möglichkeit geben, daß ich das Kind zu mir nehme?“
„Nein, Mutter, es gibt keine solche Möglichkeit mehr!“ Damit ging ich nach
meinem Zimmer.