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Am nächsten Tage sollte ich Joachim zum Heimweg abholen und hatte
versprochen, vorher die Mutter zu unterrichten.
Wir saßen beim Frühstück zusammen; ich versuchte ein paar Anläufe, brachte
aber die Botschaft nicht heraus. Die Mutter verwunderte sich sehr. Dann
machte ich einen Spaziergang durch die Stadt. Als ich zurückkam, stand die
Mutter am Fenster und schaute wie so oft dem Sprudeln des Johannisbrunnens
zu. Die ersten Schneeflocken flogen durch die Luft und hüllten den Platz
in traulichen weißen Schimmer; aber die Sehnsucht dieser Frau ging wieder
in die Weite, und sie sah nichts von der silbernen Pracht um sich her.
Auch ich war jahrelang in der Fremde. Doch ich war überzeugt, die Mutter
hatte kaum einmal an mich gedacht, wenn sie an Joachim siebenmal dachte.
Ich ging an ihrer Tür vorbei nach meinem Zimmer. Da saß ich, bis es hohe
Zeit war, nach Neustadt aufzubrechen, um zur verabredeten Stunde dort zu
sein. Endlich sagte ich mir, daß ich ein Geselle von kindischer Eifersucht
sei, und ging in das Zimmer der Mutter.
„Ich habe dir etwas mitzuteilen, Mutter; erschrick nicht!“ sagte ich, und
die nervöse Frau erschrak natürlich aufs schwerste.
„Es handelt sich um Joachim!“
„Um Gottes willen – ist ihm etwas passiert – ist er in Not – willst du zu
ihm fahren?“
Ich mußte lächeln. Zu ihm fahren! – Daß ich damit mein Lebenswerk
aufgegeben hätte, daran dachte die Mutter nicht.
„Es ist nichts Schlimmes, Mutter; es ist etwas Gutes, was ich dir von
Joachim zu sagen habe.“
„Sage es mir, Fritz, will er – will er nach Hause kommen?“
„Ja, er kommt schon heute.“
Da stieß sie einen Schrei aus, dann weinte sie laut, schlug in die
Händchen, rannte durchs Zimmer und sprach laute Dankesworte zu Gott, der
ihr das größte Glück beschieden habe, das es für sie gebe. Als sie etwas
ruhiger wurde, fragte sie:
„Und er ist ganz von selbst gekommen, oder hast du ihm noch einmal
geschrieben, daß er kommen soll?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ganz von selbst gekommen“, sagte sie selig; „der treue Sohn!“
In trockenem Tone entgegnete ich:
„Mutter, es wird lange dauern, ehe ich mit Joachim eintreffe, den ich in
Neustadt abhole. Erst in der Dämmerung kommen wir. Inzwischen rege dich
nicht allzusehr auf und vergiß nicht, deinen Baldriantee zu trinken.“
Das nahm sie ungnädig auf.
„Baldriantee – wie kannst du jetzt von so etwas reden. Ich werde natürlich
mit nach Neustadt fahren.“
„Nein, Mutter; Joachim wird nur unter der Bedingung hier leben, daß er von
den Leuten nicht erkannt wird. Deshalb wird er als Arzt in meine
Kuranstalt eintreten.“
„Und nicht bei mir wohnen?“
„Nein, er wird im Ferienheim wohnen.“
„O – o du nimmst ihn mir?“
„Ich nehme ihn dir nicht –“, entgegnete ich unwillig; „mache mit Joachim
selbst ab, wie ihr es halten wollt; ich werde mich da nicht einmischen.“
Ich ging verdrossen meines Weges. Aber draußen im Winterwalde wurde mein
Herz wieder warm; ich war glücklich. Immer, wenn ich mich glücklich fühle,
habe ich Lust, etwas Gutes zu tun. Heute fiel mir nichts anderes ein, als
daß ich bald eine Anzahl von Futterplätzen und Nistkästen für die Vögel in
meinem Ferienheim anbringen würde, auch auf die Gefahr hin, als Gäste
lauter Sperlinge zu mir zu ziehen.
Die Mutter! – Nun würde sie wohl das Haus von unterst zuoberst kehren und
alle Leckerbissen bereiten, die sie auftreiben konnte. Wahrscheinlich
würde sie meine beiden geräumigen Zimmer für Joachim einrichten und mich
nach der Giebelstube umquartieren. Ich war schon wieder eifersüchtig und
voll häßlichen Mißtrauens, und es fiel mir ein, daß es besser wäre, sich
auf Mutter und Bruder zu besinnen, wenn man was Gutes tun will, als auf
die Spatzen ...
Es lag dichter Nebel auf der Chaussee, als ich mit Joachim heimging. Nicht
einmal die Kuppe des Weihnachtsberges war zu erkennen. Die Heimat hatte
ihr Haupt verhüllt wie eine schmollende Frau. Und Joachim ging stumm und
betreten neben mir her, fast wie ein Sünder. Er war auch ein solcher; denn
er hatte sein Herz verhärtet, und alle Herzensverhärtung ist Sünde.
„Ein Wanderbursch mit dem Stab in der Hand
Kommt wieder heim aus fremdem Land.
Sein Haar ist bestaubt, sein Antlitz verbrannt,
Von wem wird der Bursch wohl zuerst erkannt?“
Es war ganz, wie es Vogl in seinem alten, hübschen Gedichte schildert: die
Leute kannten Joachim nicht mehr. Er war schon in seinen letzten
Studentenjahren selten zu Hause gewesen, als verheirateter Mann fast gar
nicht, und dann kamen die Auslandsjahre, da sein Kopfhaar dünn und sein
Bart dicht wurde und die Zeit die große Retouche an seinem Gesicht vollzog
– er war ein anderer geworden.
In sieben Jahren soll sich der Körper des Menschen ganz erneuern. So
wanderte jetzt kein Atom dessen mehr nach der Heimat zurück, was vor
sieben Jahren auszog. Hätte Joachim keine Seele gehabt, so wäre wirklich
ein ganz fremder, ein ganz anderer Mensch nach Hause gekommen. Dem Bäcker
Schiebulke begegneten wir. Er war Joachims Angelkamerad gewesen. Jetzt
fühlte er sich geehrt, daß ich ihn auf der Straße anhielt, und eilte gewiß
alsbald ins nächste Gasthaus mit der Kunde, daß ein Dr. Harton aus Neuyork
angekommen sei als zweiter Arzt für das Ferienheim, und es müßten doch
schon massenhaft Kurgäste angemeldet sein, wenn man schon einen zweiten
Arzt brauche.
Auch der alte Sanitätsrat lief uns in den Weg. Er war zwar nicht gut auf
mich zu sprechen, aber er ging doch nicht an uns vorbei und begrüßte den
„Herrn Kollegen von drüben“, den ich ihm vorstellte.
Auch die Frau Provisor, von der erzählt wurde, sie hätte, als sich Joachim
verlobte, mit negativem Erfolg zwei Schachteln schwedische Streichhölzer
abgelutscht, um ihr gebrochenes Herz zum Schweigen zu bringen, sah den
ehemals Heißbegehrten jetzt nur neugierig an und ging vorüber.
So näherten wir uns dem Johannisplatz. Joachims Schritte wurden kleiner
und langsamer, sein Stock stampfte hart auf das Pflaster. Irgendwo stand
wohl jetzt der Mond; denn der Nebel über dem Johannisplatz war
durchsichtig und silberhell.
„Der alte Brunnen!“ sagte Joachim leise; „es ist merkwürdig, daß meine
Gedanken meist um den alten Brunnen gingen, wenn ich an die Heimat
dachte.“
Nun näherten wir uns dem Vaterhause und standen am Brunnenrand; da blickte
wirklich wie in alten Kindertagen die Mutter auf uns herab.
Joachim stützte sich auf das Gemäuer, und weiße Tropfen aus der Schale
Baptistas besprengten seine Hand wie mit einem Weihwasser, ehe er in das
Heiligtum seines Vaterhauses eintrat.
Ich stieg mit ihm die Treppe hinauf und öffnete nach leisem Klopfen die
Tür zur Mutter.
Ich sah noch, wie beide mit leisem Aufschluchzen die Arme ausbreiteten,
schloß die Tür und blieb draußen.