Traurige Tage begannen.
Aus Furcht vor Enttäuschungen studierten sie nicht mehr; die Einwohner
von Chavignolles hielten sich von ihnen fern; die Zeitungen, soweit sie
erscheinen durften, brachten keine Neuigkeiten, -- und ihre Einsamkeit
war tief, ihre Untätigkeit vollständig.
Zuweilen öffneten sie ein Buch und schlossen es wieder; wozu? An
anderen Tagen kam ihnen der Gedanke, den Garten zu säubern; nach
Verlauf einer Viertelstunde wurden sie von Müdigkeit ergriffen; oder
ihren Gutshof zu besuchen; dann kamen sie, den Tod in der Seele, heim;
oder sich um ihren Haushalt zu kümmern, dann fing Germaine an zu
lamentieren; sie verzichteten darauf.
Bouvard wollte einen Katalog des Museums aufstellen und erklärte den
Krimskrams für stumpfsinnig.
Pécuchet lieh sich Langlois’ Enten-Flinte, um Lerchen zu schießen; die
Waffe platzte beim ersten Schuß und hätte ihn beinahe getötet.
Sie lebten also in jener ländlichen Langeweile, die so schwer lastet,
wenn der weiße Himmel mit seiner Eintönigkeit ein hoffnungsarmes Herz
umschmeichelt. Man horcht auf den Schritt eines Mannes in Holzschuhen,
der an der Mauer entlang geht, oder auf die Regentropfen, die vom
Dache auf die Erde fallen. Zuweilen streift ein abgefallenes Blatt
die Scheibe, wirbelt umher und fliegt davon. Der Wind führt ein
undeutliches Trauerläuten mit sich. Aus der Tiefe des Stalles brüllt
eine Kuh.
Sie gähnten einander an, sahen in den Kalender, schauten auf die Uhr,
erwarteten die Mahlzeiten; und der Horizont blieb immer der gleiche;
geradeaus Felder, rechts die Kirche, links eine Reihe Pappeln;
beständig wiegten sich ihre Wipfel im Nebel. Es war ein melancholischer
Anblick.
Angewohnheiten, die früher jeder dem andern hingehen ließ, begannen,
ihnen lästig zu werden. Pécuchets Vorliebe, sein Taschentuch auf das
Tischtuch zu legen, war unausstehlich; Bouvard legte seine Pfeife nicht
mehr aus der Hand und wiegte sich beim Sprechen hin und her. Hader
entstand wegen der Gerichte oder der Qualität der Butter. Wenn sie
zusammen waren, dachte jeder an etwas anderes.
Ein Ereignis hatte Pécuchet aus der Fassung gebracht.
Zwei Tage nach dem Aufstande in Chavignolles wollte er seinen
politischen Verdruß spazieren führen und geriet auf einen Weg, den
dichtbelaubte Ulmen deckten; da hörte er hinter sich eine Stimme rufen:
„Halt!“
Es war Frau Castillon. Sie rannte auf der anderen Seite, ohne ihn zu
bemerken. Ein Mann, der vor ihr ging, wandte sich um. Es war Gorju;
-- und einen Klafter von Pécuchet entfernt, sprachen sie einander an,
während die Baumreihe sie von ihm schied.
„Ist das wahr?“ sagte sie, „du willst in den Kampf?“
Pécuchet glitt in den Graben, um das weitere Gespräch zu hören.
„Na ja!“ erwiderte Gorju, „ich werde mich schlagen! Was geht dich das
an?“
„Er fragt!“ rief sie, die Hände ringend. „Aber wenn du getötet wirst,
mein Schatz! O bleibe!“ Und ihre blauen Augen flehten noch stärker als
ihre Worte.
„Laß mich in Ruhe! Ich muß fort!“
Sie zeigte ein zorniges Hohnlächeln.
„Die andere hat es erlaubt, was?“
„Still davon!“ Er erhob die geballte Faust.
„Nein, mein Freund! Nein! Ich schweige, ich sage nichts.“ Und dicke
Tränen liefen ihr die Wangen hinab bis in die Rüschen ihrer Halskrause.
Es war Mittag. Die Sonne strahlte über dem Gelände, das mit gelben
Halmen bedeckt war. Ganz in der Ferne glitt langsam die Plane eines
Wagens dahin. Eine schläfrige Stille lag in der Luft, -- kein
Vogelschrei, kein Insektensummen. Gorju hatte sich ein Spazierstöckchen
geschnitten und schabte die Rinde davon ab. Frau Castillon erhob ihren
Kopf nicht.
Die arme Frau dachte an die Vergeblichkeit ihrer Opfer, an die
Schulden, die sie bezahlt, die Verpflichtungen, die sie für die Zukunft
eingegangen, an ihren vernichteten Ruf. Anstatt zu klagen, erinnerte
sie ihn an die ersten Zeiten ihrer Liebe, als sie ihn jede Nacht in
der Scheune aufgesucht hatte, -- so daß einmal ihr Gatte, da er einen
Dieb vermutete, mit der Pistole aus dem Fenster geschossen hatte. Die
Kugel steckte noch in der Mauer. „Von dem Augenblicke an, da ich dich
gekannt, bist du mir schön wie ein Prinz erschienen. Ich liebe deine
Augen, deine Stimme, deinen Gang, deinen Geruch!“ Leiser fügte sie
hinzu: „Ich bin toll vor Liebe zu dir!“
Er lächelte, in seinem Stolze geschmeichelt.
Sie faßte mit beiden Händen seine Flanken und bog, wie in Anbetung,
ihren Kopf zurück.
„Mein teures Herz, mein süßer Schatz! meine Seele! mein Leben! Laß
sehen, sprich, was willst du? -- Geld? Es wird sich auftreiben lassen.
Ich war im Unrecht! ich ärgerte dich! verzeih! und bestell dir Kleider
beim Schneider, trink Champagner, amüsiere dich, ich erlaube dir alles,
-- alles.“ Sie murmelte mit höchster Überwindung: „Sogar sie!... wenn
du nur zu mir zurückkehrst!“
Er neigte sich über ihren Mund, einen Arm um ihre Taille, um sie am
Fallen zu hindern, und sie stammelte: „Teures Herz! Süßer Schatz! wie
schön du bist! mein Gott, wie schön du bist!“
Regungslos und keuchend sah Pécuchet über den Grabenrand ihnen zu.
„Keine Schwäche!“ sagte Gorju, „ich brauchte nur die Post zu versäumen!
Es steht ein ordentlicher Putsch in Aussicht; ich bin dabei! -- Gib
mir zehn Sous, damit ich dem Postschaffner einen Kaffee mit Schnaps
bezahlen kann.“
Sie zog ein Fünffrankstück aus ihrer Börse. „Du wirst sie mir bald
zurückerstatten. Hab ein wenig Geduld! Wie lange schon ist er gelähmt!
denke doch! -- Und wenn du wolltest, könnten wir zur Kapelle von La
Croix-Janval gehen -- und da, mein Schatz, wollte ich vor der heiligen
Jungfrau schwören, dich zu heiraten, sobald er tot ist!“
„Je nun! er stirbt nie, dein Gatte!“
Gorju hatte die Hacken gewandt. Sie holte ihn ein; -- und sich an seine
Schultern klammernd:
„Laß mich mit dir gehen! Ich will deine Magd sein! Du hast jemanden
nötig. Aber geh nicht fort! Verlaß mich nicht! Lieber den Tod! Töte
mich!“
Sie schleppte sich auf den Knien, versuchend, seine Hände zu fassen, um
sie zu küssen; ihre Haube fiel zu Boden, dann ihr Kamm, und ihre kurzen
Haare lösten sich. Hinter den Ohren waren sie weiß, -- und als sie ihn,
heftig schluchzend, von unten mit ihren roten Augenlidern und ihren
geschwollenen Lippen ansah, packte ihn die Wut; er stieß sie zurück.
„Fort mit dir, alte Hexe! Jetzt ist’s aus!“
Als sie sich erhoben hatte, riß sie das goldene Kreuz ab, das an ihrem
Halse hing, und es ihm nachwerfend:
„Da! Du Lump!“
Gorju ging davon, mit seinem Stock auf die Blätter der Bäume schlagend.
Frau Castillon weinte nicht. Sie verharrte mit offenem Munde und
erloschenen Augen, ohne eine Bewegung zu machen, in Verzweiflung
versteinert; sie war kein Wesen mehr, sondern ein zertrümmerter
Gegenstand.
Was Pécuchet soeben belauscht hatte, war für ihn gleichsam wie die
Entdeckung einer Welt, -- einer ganzen Welt! -- sie hatte einen
blendenden Schimmer, eine üppige Blütenpracht, Ozeane, Stürme, Schätze,
-- und Abgründe von unendlicher Tiefe; -- sie strömte Schrecken aus,
was tat’s! Er träumte von Liebe, wünschte sich sehnlichst, sie so zu
fühlen wie sie, sie einzuflößen wie er.
Doch verabscheute er Gorju, -- und auf der Wache kostete es ihm Mühe,
ihn nicht zu verraten.
Der Liebhaber der Frau Castillon demütigte ihn durch seine schlanke
Figur, seine gleichmäßigen Locken, seinen krausen Bart, seine
erobernde Miene, während sein eigenes Haar wie eine feuchte Perücke
an seinem Schädel klebte; er sah in seinem Rock aus wie eine lange
Schlummerrolle, zwei Eckzähne fehlten ihm, und sein Gesichtsausdruck
war unfreundlich. Er fand den Himmel ungerecht, kam sich vor wie ein
Enterbter, und sein Freund liebte ihn nicht mehr.
Bouvard verließ ihn jeden Abend. Nach dem Tode seiner Frau hätte nichts
ihn gehindert, sich wieder zu verheiraten; -- wer sollte ihn jetzt
verhätscheln, sein Haus besorgen? Er war zu alt, um an dergleichen zu
denken.
Doch Bouvard betrachtete sich im Spiegel. Seine Backen hatten ihre
Farbe behalten, seine Haare lockten sich wie früher; nicht ein einziger
Zahn war lose geworden, -- und bei dem Gedanken, daß er gefallen könne,
kam ihm das Gefühl der Jugend zurück. Frau Bordin tauchte in seiner
Erinnerung auf. Sie hatte sich ihm gegenüber entgegenkommend gezeigt,
zuerst bei dem Brande der Schober, dann bei ihrem Diner, schließlich
während der Deklamation im Museum, und letzthin war sie, ohne ihm etwas
nachzutragen, drei Sonntage nacheinander gekommen. Er machte ihr also
einen Besuch, fand sich öfter ein und nahm sich vor, sie zu verführen.
Seit dem Tage, an welchem Pécuchet die kleine Magd beim Wasserpumpen
beobachtet hatte, sprach er öfter mit ihr; -- und mochte sie nun den
Flur fegen oder Wäsche ausbreiten oder in den Kochtöpfen rühren, er
konnte sich an dem Glücke, sie anzusehen, nicht genug tun, -- selbst
überrascht über seine Erregung, wie in der Jugend. Sie verursachte ihm
Fieber und Sehnen, -- und die Erinnerung an Frau Castillon, die Gorju
herzte, verfolgte ihn.
Er fragte Bouvard, wie die Lüstlinge es anstellten, die Frauen zu
verführen.
„Man macht ihnen Geschenke, man hält sie im Restaurant frei.“
„Gut! Aber wie weiter?“
„Einige stellen sich, als ob sie ohnmächtig würden, damit man sie auf
ein Sofa trägt, andere lassen ihr Taschentuch zur Erde fallen. Die
brauchbarsten bestellen einen einfach zum Stelldichein.“ Und Bouvard
erging sich in Beschreibungen, die Pécuchets Phantasie entzündeten wie
obszöne Stiche. „Vor allem darf man nicht glauben, was sie sagen. Ich
habe welche gekannt, die sich den Anschein von Heiligen gaben und dabei
wahre Messalinen waren! Vor allem muß man kühn sein.“
Doch die Kühnheit läßt sich nicht befehlen. Pécuchet schob täglich
seinen Entschluß hinaus; und zudem schüchterte ihn Germaines Gegenwart
ein.
In der Hoffnung, sie werde kündigen, verlangte er von ihr ein Übermaß
von Arbeit, merkte sich jedesmal, wenn sie betrunken war, tadelte ganz
laut ihre Unsauberkeit, ihre Faulheit und richtete es so ein, daß sie
entlassen wurde.
Nun war Pécuchet frei!
Mit welcher Ungeduld erwartete er Bouvards Fortgehen! Wie schlug sein
Herz, sobald die Tür sich geschlossen hatte!
Mélie arbeitete an einem kleinen runden Tisch in der Nähe des Fensters
beim Scheine einer Kerze; von Zeit zu Zeit biß sie ihren Faden mit den
Zähnen ab, kniff dann die Augen ein, um ihn durch das Öhr der Nadel zu
ziehen.
Zuerst wollte er wissen, was für Männer ihr gefielen. Waren es zum
Beispiel die von Bouvards Art? Keineswegs; sie gab den mageren den
Vorzug. Er wagte die Frage, ob sie schon einen Schatz gehabt habe.
„Niemals!“
Sich nähernd, betrachtete er ihre feine Nase, ihren schmalen Mund und
die Umrisse ihres Gesichts. Er machte ihr Komplimente und ermunterte
sie zu einem ehrbaren Wandel.
Während er sich über sie beugte, bemerkte er in ihrem Mieder weiße
Formen, von denen ein lauer Duft emporstieg, der ihm die Wange wärmte.
Eines Abends berührte er die kurzen Löckchen ihres Nackens mit den
Lippen, und er fühlte eine Erschütterung bis ins Mark der Knochen. Ein
anderes Mal küßte er sie auf das Kinn, wobei er an sich halten mußte,
nicht in ihr Fleisch zu beißen, so wonnig war es. Sie erwiderte seinen
Kuß. Das Zimmer drehte sich. Er sah nicht mehr.
Er schenkte ihr ein Paar Stiefel und traktierte sie oft mit einem Glase
Anislikör...
Um ihr Arbeit zu ersparen, erhob er sich frühzeitig, spaltete Holz,
zündete Feuer an, trieb die Aufmerksamkeit so weit, Bouvards Schuhwerk
zu reinigen.
Mélie wurde nicht ohnmächtig, sie ließ auch nicht ihr Taschentuch
fallen, und Pécuchet wußte nicht, wozu er sich entschließen sollte,
während sein Begehren durch die Furcht, es zu befriedigen, stieg.
Bouvard machte Frau Bordin beharrlich den Hof.
Sie empfing ihn, ein wenig zu fest in ihr buntschillerndes Seidenkleid
eingeschnürt, das wie das Zaumzeug eines Pferdes knirschte, während
sie, um sich Haltung zu geben, mit der langen goldenen Kette spielte.
Ihre Gespräche befaßten sich mit den Leuten in Chavignolles oder mit
„ihrem verewigten Gatten“, der früher Gerichtsvollzieher in Livarot
gewesen war.
Dann fragte sie nach Bouvards Vergangenheit, neugierig, „die Streiche
seiner Jugend“ kennenzulernen, erkundigte sich beiläufig nach seinem
Vermögen, welche Interessen ihn mit Pécuchet verknüpften.
Er bewunderte die Ordnung in ihrem Haushalt, und, wenn er bei ihr
speiste, die Sauberkeit des Tafelgeschirres, die Vorzüglichkeit ihrer
Küche. Eine Folge von Gerichten von großer Schmackhaftigkeit, die in
gleichen Zwischenräumen von einem alten Pomard unterbrochen wurden,
brachte sie bis zum Nachtisch, bei dem sie lange saßen und langsam den
Kaffee schlürften; -- und Frau Bordin tauchte ihre fleischige Lippe,
die leicht von einem dunklen Flaum beschattet war, in die Untertasse,
während sie die Nasenflügel blähte.
Eines Tages erschien sie ausgeschnitten. Ihre Schultern fesselten
Bouvard. Da er auf einem niedrigen Stuhle vor ihr saß, begann er,
mit beiden Händen an ihren Armen entlang zu fahren. Die Witwe wurde
böse. Er machte keinen neuen Versuch, aber malte sich Rundungen von
wunderbarer Fülle und Festigkeit aus.
Eines Abends, als Mélies Küche ihn angewidert hatte, wurde ihm freudig
ums Herz, als er in Frau Bordins Salon trat. Da hätte er leben mögen!
Die Glocke der Lampe, die mit rosigem Papier umhüllt war, verbreitete
ein ruhiges Licht. Sie saß am Feuer! und ihr Fuß sah unter dem Saum
ihres Kleides hervor. Gleich nach den ersten Worten versiegte die
Unterhaltung.
Indessen schaute sie ihn mit halbgeschlossenen Lidern in schmachtender
Weise hartnäckig an.
Bouvard hielt es nicht länger aus! -- und auf das Parkett niederkniend,
stammelte er: „Ich liebe Sie! Heiraten wir uns!“
Frau Bordin holte tief Atem, dann sagte sie mit unbefangener Miene, er
scherze; sicher würde man sich über sie lustig machen, es sei nicht
vernünftig. Diese Erklärung verwirrte ihn.
Bouvard wandte ein, daß sie keines Menschen Einwilligung bedürften.
„Was hält Sie ab? Die Aussteuer? Unser Leinen hat dieselbe Zeichnung,
ein B! Wir werden unsere Initialen vereinigen!“
Der Schluß gefiel ihr. Doch eine wichtige Angelegenheit hinderte sie,
sich vor Ende des Monats zu entscheiden. Und Bouvard seufzte.
Sie erwies ihm die Aufmerksamkeit, ihn zurückzubegleiten, -- unter dem
Schutze von Marianne, die eine Stocklaterne trug.
Die beiden Freunde hatten ihre Leidenschaft voreinander verborgen.
Pécuchet gedachte, seinen Liebeshandel mit der Magd immer geheim zu
halten. Sollte Bouvard sich dem entgegensetzen, so wollte er mit ihr
davongehen, wäre es selbst nach Algier, wo das Leben nicht teuer ist!
Doch gab er sich selten solchen Vermutungen hin, er war ganz von seiner
Liebe erfüllt und dachte nicht an die Folgen.
Bouvard beabsichtigte, aus dem Museum das eheliche Schlafzimmer zu
machen, wofern Pécuchet es ihm nicht abschlüge; sollte das der Fall
sein, so wollte er die Besitzung seiner Gattin bewohnen.
Es war an einem Nachmittage der folgenden Woche bei ihr in ihrem
Garten; die Knospen begannen zu springen, und zwischen den Wolken
standen weite blaue Zwischenräume. Sie bückte sich, um Veilchen zu
pflücken, und sagte, sie ihm überreichend:
„Grüßen Sie Frau Bouvard!“
„Wie! So ist es wahr?“
„Durchaus wahr.“
Er wollte sie in seine Arme pressen, sie wies ihn zurück. „Welch ein
Mann!“ -- Dann wurde sie ernst und teilte ihm mit, daß sie ihn bald um
eine Gunst bitten würde.
„Sie ist bewilligt.“
Sie setzten die Unterzeichnung ihres Ehekontraktes auf den nächsten
Donnerstag fest.
Bis zum letzten Augenblicke sollte niemand etwas davon erfahren.
„Einverstanden.“
Und er ging heim, die Augen in den Wolken, leichtfüßig wie ein Reh.
Pécuchet hatte sich am Morgen desselben Tages geschworen, zu sterben,
wenn er nicht die Gunst seiner Magd erlange, und er hatte sie in den
Keller begleitet in der Hoffnung, die Dunkelheit würde ihm Mut machen.
Mehrere Male hatte sie weggehen wollen; doch er hielt sie zurück unter
dem Vorwande, die Flaschen zu zählen, Latten auszuwählen oder den Boden
der Tonnen nachzusehen; das währte schon lange.
Sie stand ihm gegenüber im Lichte des Kellerfensters, aufrecht, die
Wimpern gesenkt, die Mundwinkel etwas in die Höhe gezogen.
„Liebst du mich?“ sagte plötzlich Pécuchet.
„Ja! Ich liebe Sie!“
„Nun gut, dann beweise es mir!“
Und sie mit dem linken Arm umfassend, begann er mit der anderen Hand
ihr Korsett aufzunesteln.
„Sie werden mir weh tun?“
„Nein! mein kleiner Engel! Hab keine Furcht!“
„Wenn Herr Bouvard...“
„Ich werde ihm nichts sagen! Sei unbesorgt!“
Ein Haufen Reisig lag hinter ihr. Sie ließ sich darauf fallen, die
Brüste außerhalb des Hemdes, den Kopf zurückgelehnt; -- dann verbarg
sie ihr Gesicht unter einem Arm, -- und ein anderer hätte gemerkt, daß
es ihr nicht an Erfahrung fehlte.
Bald kam Bouvard zum Essen.
Das Mahl wurde schweigend eingenommen, da jeder fürchtete, sich zu
verraten; Mélie bediente sie teilnahmlos, wie gewöhnlich; Pécuchet
wandte den Blick ab, um dem ihrigen auszuweichen, während Bouvard die
Wände betrachtete und an Verschönerungen dachte.
Acht Tage später, am Donnerstag, kam er wütend nach Hause.
„Das verdammte Luder!“
„Wer denn!“
„Frau Bordin.“
Und er erzählte, daß er die Torheit so weit getrieben habe, sie
heiraten zu wollen; aber jetzt sei alles aus, seit einer Viertelstunde
bei Marescot.
Sie hatte verlangt, als Morgengabe die Ecalles zu erhalten, über die
er nicht verfügen konnte, da er sie wie den Pachthof zum Teil mit dem
Gelde eines anderen bezahlt hatte.
„In der Tat!“ sagte Pécuchet.
„Und ich! der ich dumm genug war, ihr zu versprechen, sie dürfe sich
etwas von mir wünschen! Das war’s also, was sie wollte! Ich habe mich
entschieden geweigert. Wenn sie mich liebte, hätte sie nachgegeben!“
Doch die Witwe hatte sich zu Beleidigungen hinreißen lassen, hatte sein
Äußeres schlecht gemacht, über seinen dicken Bauch gespottet. „Meinen
dicken Bauch, ich bitte dich!“
Indessen war Pécuchet mehrere Male hinausgegangen, mit gespreizten
Beinen gehend.
„Leidest du?“ sagte Bouvard.
„O! ja! ich leide!“
Und nachdem Pécuchet die Tür geschlossen, gestand er nach langem
Zögern, er habe soeben entdeckt, daß er geschlechtskrank sei.
„Du?“
„Ja, ich!“
„Ach! mein armer Junge! wer hat dir das geschenkt?“
Er errötete noch mehr und sagte mit noch leiserer Stimme:
„Das kann nur Mélie sein!“
Bouvard war starr über die Eröffnung.
Das erste war, das junge Mädchen zu entlassen.
Sie protestierte mit unschuldiger Miene.
Pécuchets Fall war jedoch schwer; doch aus Scham über seine Schande
wagte er nicht, den Arzt aufzusuchen.
Bouvard kam auf den Gedanken, sich an Barberou zu wenden.
Sie sandten ihm eine eingehende Beschreibung des Leidens, damit er
sie einem Arzt zeige, der die Krankheit brieflich behandeln sollte.
Barberou nahm sich der Sache eifrig an, in dem festen Glauben, es
handele sich um Bouvard, und er nannte diesen einen alten geilen Bock,
beglückwünschte ihn aber zugleich.
„In meinem Alter,“ sagte Pécuchet, „ist das nicht traurig! Doch warum
hat sie mir das angetan?“
„Du gefielst ihr.“
„Sie hätte mich warnen sollen.“
„Ist die Leidenschaft vernünftig?“ Und Bouvard beklagte sich über Frau
Bordin.
Oft hatte er sie überrascht, wenn sie vor den Ecalles stand, in
Marescots Gesellschaft und im Gespräch mit Germaine, -- so viel
Schliche um ein Stückchen Land!
„Sie ist habsüchtig! Das erklärt alles!“
So grübelten sie über ihre getäuschten Hoffnungen, während sie im
kleinen Saal am Feuer saßen.
Pécuchet schluckte dabei seine Arzneien, Bouvard rauchte seine Pfeife,
-- und sie ergingen sich in Betrachtungen über die Frauen.
„Seltsames Bedürfnis; ist es ein Bedürfnis? Sie verleiten zum
Verbrechen, zum Heldentum und zur Vertierung. Die Hölle unter
einem Unterrock, das Paradies in einem Kuß, -- Turteltaubengirren,
schlangenhafte Geschmeidigkeit, Katzenkrallen, -- Tücke des Meeres,
Veränderlichkeit des Mondes,“ -- sie sagten alle Gemeinplätze, die man
über die Frauen in die Welt gesetzt hat.
Der Wunsch nach Frauen hatte ihre Freundschaft ins Stocken gebracht.
Gewissensbisse faßten sie. -- Keine Frauen mehr, nicht wahr? Leben wir
ohne sie! -- Und gerührt umarmten sie einander.
Eine Gegenwirkung war nötig; -- und Bouvard erachtete, nachdem Pécuchet
geheilt war, eine Kaltwasserbehandlung für sie von Vorteil.
Germaine, die sogleich bei dem Fortgang der andern wiedergekommen war,
schleppte jeden Morgen die Badewanne in den Hausflur.
Die beiden Biedermänner, nackt wie die Wilden, übergossen sich mit
tüchtigen Eimern Wassers, -- dann rannten sie, ihr Zimmer wieder zu
erreichen. Man sah sie durch das Gitter; -- und es gab Leute, die
darüber entrüstet waren.