Um sich Kenntnisse in der Chemie anzueignen, verschafften sie sich
die Abhandlung von Regnault und erfuhren zunächst, „daß die einfachen
Körper vielleicht zusammengesetzt sind.“
Man teilt sie in Metalloide und Metalle -- ein Unterschied, der „nichts
Absolutes“ hat, sagt der Verfasser. Ebenso gilt für die Säuren und die
Basen, „daß ein Körper sich nach Art der Säuren oder der Basen, ganz
den Umständen zufolge, verhalten kann“.
Die Bemerkung schien ihnen seltsam. -- Die multiplen Proportionen
setzten Pécuchet in Verwirrung.
„Da ein Molekül von A, so nehme ich an, sich mit mehreren Teilen von
B verbindet, so scheint mir, daß dieses Molekül sich in ebenso viele
Teile teilen muß; doch wenn es sich teilt, hört es auf, Einheit, das
ursprüngliche Molekül, zu sein. Kurz, das verstehe ich nicht.“
„Ich auch nicht!“ sagte Bouvard.
Und sie nahmen ihre Zuflucht zu einem weniger schwierigen Werke, dem
von Girardin, wo sie die Gewißheit erlangten, daß zehn Liter Luft
hundert Gramm wiegen, daß die Bleistifte kein Blei enthalten, und daß
der Diamant nur aus Kohlenstoff besteht.
Was sie übermäßig in Verwunderung setzte, war, daß die Erde als Element
nicht existiert.
Sie machten sich an die Handhabung des Lötrohrs, befaßten sich mit
Gold, Silber, Wäschelauge, dem Verzinnen von Bratpfannen. Dann stürzten
sie sich ohne alle Bedenken in die organische Chemie.
Wie wunderbar, bei den lebenden Wesen dieselben Stoffe wiederzufinden,
aus denen die Minerale bestehen. Nichtsdestoweniger fühlten sie eine
Art von Demütigung bei dem Gedanken, daß ihre Person Phosphor wie die
Streichhölzer, Albumin wie das Weiße der Eier, Wasserstoffgas wie die
Laternen enthielt.
Nach den Farben und den Fettkörpern kam die Gärung an die Reihe.
Sie brachte sie auf die Säuren, -- und das Gesetz des
Mengenverhältnisses bereitete ihnen noch einmal Verlegenheit. Sie
versuchten, mit der Atomtheorie Licht hinein zu bringen; das verwirrte
sie vollends.
Um das alles zu verstehen, hätte man nach Bouvards Ansicht Instrumente
haben müssen.
Die Ausgabe war beträchtlich, und sie hatten schon zu viele gehabt.
Doch der Doktor Vaucorbeil konnte sie jedenfalls aufklären.
Sie fanden sich zur Zeit seiner Sprechstunden ein.
„Meine Herren! Ich bin ganz Ohr! Was fehlt Ihnen?“
Pécuchet erwiderte, sie seien nicht krank, und nachdem er den Zweck
ihres Besuches auseinandergesetzt, sagte er:
„Wir wünschen in erster Linie die höhere Atomlehre kennenzulernen.“
Der Arzt wurde sehr rot, dann tadelte er sie, daß sie die Chemie
erlernen wollten.
„Ich leugne nicht deren Bedeutung, seien Sie dessen versichert. Doch
heutzutage bringt man sie mit allem und jedem in Verbindung. Auf die
Medizin übt sie einen Einfluß aus, den man beklagen muß.“
Und das Gewicht seines Wortes wurde durch den Anblick der Dinge der
Umgebung verstärkt.
Bleipflaster und Binden lagen auf dem Kamin umher. Der Kasten mit den
chirurgischen Instrumenten stand mitten auf dem Schreibtisch, in einer
Ecke des Zimmers lagen Sonden in einer Schale und an der Wand hing die
Darstellung einer Muskelfigur.
Pécuchet machte dem Arzt ein Kompliment.
„Das muß ein interessantes Studium sein, die Anatomie.“
Herr Vaucorbeil erging sich über den Reiz, den das Sezieren einst für
ihn gehabt hatte; und Bouvard fragte, welche Beziehungen zwischen dem
Innern der Frau und dem des Mannes beständen.
Um ihre Neugierde zu befriedigen, entnahm der Arzt seinem Büchervorrat
einen Band anatomischer Tafeln.
„Nehmen Sie sie mit! Sie werden sie zu Hause mit mehr Muße betrachten!“
Das Skelett setzte sie durch den hervorstehenden Unterkiefer,
die Höhlen der Augen und die erschreckende Länge seiner Hände in
Verwunderung. -- Ein erklärendes Werk fehlte ihnen; sie begaben sich
wieder zu Herrn Vaucorbeil, und dank dem Handbuch von Alexander Lauth
lernten sie die Einteilung des Knochengerüstes kennen, wobei sie über
das Rückgrat in Staunen gerieten, das, wie man sagt, sechzehnmal
stärker ist, als wenn es der Schöpfer gerade gemacht hätte. -- Warum
gerade sechzehnmal?
Die Mittelhandmuskeln machten Bouvard untröstlich; und Pécuchet,
der sich mit Eifer an den Schädel gemacht, verlor den Mut vor dem
Keilbein, obschon es einem „türkischen oder türkesischen Sattel“ ähnelt.
Was die Gelenke betraf, so wurden sie von zu viel Bändern verdeckt, --
und sie machten sich an die Muskeln.
Aber die Ansatzstellen waren schwer aufzufinden, und als sie zu
den Höhlungen an der Wirbelsäule gekommen waren, verzichteten sie
vollständig darauf.
Da sagte Pécuchet:
„Wenn wir uns wieder an die Chemie machten, wäre es auch nur, um das
Laboratorium zu benutzen.“
Bouvard erhob Einwendungen, und er glaubte sich zu erinnern, daß man
für den Gebrauch in heißen Ländern künstliche Leichname herstelle.
Barberou, dem er schrieb, gab ihm Auskunft darüber. Für zehn Franken im
Monat konnte man einen dieser Kerle des Herrn Auzoux haben, und in der
folgenden Woche setzte der Bote von Falaise eine längliche Kiste vor
ihrem Gittertor nieder.
Ganz erregt beförderten sie sie ins Waschhaus. Als die Nägel aus den
Brettern gezogen waren, fiel das Stroh ab, Hüllen aus Seidenpapier
glitten herab, die Gliederpuppe lag vor ihnen.
Sie war ziegelrot, ohne Haar, ohne Haut, mit unzähligen blauen, roten
und weißen Linien, die ihr ein buntes Aussehen gaben. Das ähnelte
keineswegs einem Leichnam, sondern einer Art von sehr häßlichem, sehr
sauberem Spielzeug, das nach Lack roch.
Dann nahmen sie die Brust ab, und sie bemerkten die beiden Lungen, die
zwei Schwämmen glichen; ferner das Herz, das wie ein großes Ei aussah,
ein wenig zur Seite nach hinten; das Zwerchfell, die Nieren, die ganze
Masse der Eingeweide.
„An die Arbeit!“ sagte Pécuchet.
Der Tag und der Abend gingen damit hin.
Sie hatten Kittel angelegt, wie die Studenten der Medizin in den
Seziersälen, und beim Scheine von drei Kerzen arbeiteten sie mit ihren
Pappstücken, als ein Faustschlag die Tür erschütterte. „Machen Sie auf!“
Es war Herr Foureau in Begleitung des Feldhüters.
Germaines Herren hatten sich darin gefallen, ihr den künstlichen
Mann zu zeigen. Sie war sogleich zum Krämer gelaufen, ihm die Sache
zu erzählen, und das ganze Dorf glaubte jetzt, daß sie in ihrem
Hause einen wirklichen Toten bargen. Foureau, der dem allgemeinen
Gerede Glauben schenkte, kam, um sich von der Tatsache zu überzeugen;
Neugierige standen im Hof.
Als er eintrat, lag die Gliederpuppe auf der Seite, und da die
Gesichtsmuskeln abgenommen waren, quoll das Auge ungeheuerlich hervor,
hatte etwas Furchtbares.
„Was führt sie zu uns?“ sagte Pécuchet.
Foureau stotterte:
„Nichts, gar nichts.“
Und indem er einen der auf dem Tische liegenden Teile in die Hand nahm,
fragte er:
„Was ist das?“
„Der Trompetermuskel,“ erwiderte Bouvard.
Foureau schwieg, aber er lächelte spöttisch, eifersüchtig darauf, daß
sie eine Zerstreuung hatten, die über seinen Gesichtskreis hinausging.
Die beiden Anatomen gaben sich den Anschein, ihre Untersuchungen
fortzusetzen. Die Leute, die sich auf der Schwelle langweilten,
waren in das Waschhaus eingedrungen, und da man sich etwas drängte,
erzitterte der Tisch.
„Ah! das ist zu stark!“ schrie Pécuchet. „Schaffen Sie uns das Publikum
vom Halse!“
Der Feldhüter sorgte für den Abzug der Neugierigen.
„So ist’s recht!“ sagte Bouvard, „wir bedürfen niemandes.“
Foureau verstand den Wink, und er fragte Bouvard, ob sie das Recht
hätten, einen solchen Gegenstand in ihrem Hause zu haben, da sie
keine Ärzte seien? Übrigens würde er dem Präfekten davon Mitteilung
machen. -- Welch ein Land! Man konnte nicht dümmer, barbarischer und
rückständiger sein. Der Vergleich, den sie zwischen sich und den
anderen anstellten, tröstete sie; ihr Ehrgeiz dürstete danach, für die
Wissenschaft zu leiden.
Auch der Arzt besuchte sie. Er urteilte abfällig über die Gliederpuppe
als etwas, das sich zu weit von der Natur entferne, doch benutzte er
die Gelegenheit, zu dozieren.
Bouvard und Pécuchet waren entzückt, und Herr Vaucorbeil lieh ihnen
auf ihren Wunsch mehrere Bände seiner Bibliothek, wobei er indessen
versicherte, sie würden sie nicht zu Ende lesen.
Aus dem „Dictionnaire des Sciences médicales“ merkten sie sich die
besonderen Fälle von Niederkünften, Langlebigkeit, außerordentlicher
Fettleibigkeit und Verstopfung. Wie schade, daß sie nicht den
berühmten Kanadier von Beaumont, die Vielfraße Tarare und Bijou, die
wassersüchtige Frau aus dem Eure-Departement, den Piemontesen, der alle
zwanzig Tage aufs Klosett ging, Simon von Mirepoix, der verknöchert
starb, und jenen ehemaligen Bürgermeister von Angoulême, dessen Nase
drei Pfund wog, gekannt hatten!
Das Gehirn veranlaßte sie zu philosophischen Betrachtungen. Sie
unterschieden sehr deutlich im Innern das Septum lucidum, das aus
zwei Lamellen besteht, und die Zirbeldrüse, die einer roten Erbse
ähnelt; doch es gab Protuberanzen und Kammern, Bögen, Pfeiler, Etagen,
Nervenknoten und Adern aller Art, und das Pacchionische Foramen und das
Pacinische Körperchen, kurz, eine unentwirrbare Ansammlung, genug, um
sie ihr ganzes Leben zu beschäftigen.
Zuweilen nahmen sie in einer Anwandlung von Begeisterung den Leichnam
vollständig auseinander und waren dann in Verlegenheit, die Teile
wieder an den rechten Platz zu setzen.
Das war eine harte Arbeit, besonders nach dem Frühstück, und sie
zögerten nicht einzuschlummern, Bouvard mit gesenktem Kinn und
vorgestrecktem Bauch, Pécuchet den Kopf in den Händen, die beiden
Ellbogen auf den Tisch gestützt.
Häufig schaute in diesem Augenblicke Herr Vaucorbeil, der seine ersten
Besuche gemacht hatte, durch die Tür.
„Nun, Kollegen, wie steht’s mit der Anatomie?“
„Vorzüglich,“ erwiderten sie.
Dann stellte er ihnen Fragen, aus Vergnügen, sie in Verwirrung zu
setzen.
Wenn sie das eine Organ leid waren, gingen sie zum nächsten über, und
sie nahmen so der Reihe nach Herz, Magen, Ohr und Eingeweide vor und
ließen sie wieder liegen, denn der Pappekerl langweilte sie, trotz
ihres Bemühens, sich für ihn zu interessieren. Schließlich überraschte
sie der Arzt, wie sie ihn wieder in die Kiste nagelten.
„Bravo! Das habe ich erwartet!“
In ihrem Alter könne man solche Studien nicht mehr unternehmen, -- und
das Lächeln, das diese Worte begleitete, verletzte sie tief.
Welches Recht hatte er, sie für unfähig zu halten? Gehörte etwa die
Wissenschaft diesem Herrn, als wenn er selbst ein bedeutender Kopf wäre?
Sie nahmen also seine Herausforderung an und gingen bis nach Bayeux, um
dort Bücher zu kaufen.
Was ihnen fehlte, war die Physiologie, und ein Buchhändler verschaffte
ihnen die Abhandlungen von Richerand und Adelon, die zu jener Zeit
berühmt waren.
Alle Gemeinplätze über Alter, Geschlecht und Temperament schienen ihnen
von der höchsten Bedeutung; und sie waren glücklich, zu erfahren,
daß es im Zahnstein drei Arten von Mikroben gibt, daß der Sitz des
Geschmackes auf der Zunge ist und das Hungergefühl im Magen.
Sie bedauerten, daß sie nicht, um besser die Funktionen kennenzulernen,
die Fähigkeit hatten, wiederzukäuen, wie sie Montègre, Herr Gosse
und der Mönch von Bérard besessen hatten, und sie kauten langsam,
zerkleinerten gründlich und vermischten mit Speichel, während sie in
ihren Gedanken den Speisebrei in den Eingeweiden begleiteten, ihn
sogar bis in seine letzten Zustände verfolgten, voll von methodischen
Skrupeln, von einer fast religiösen Aufmerksamkeit.
Um künstlich die Verdauung hervorzubringen, stopften sie Fleisch in
eine Phiole, in der sich der Magensaft einer Ente befand, und sie
trugen sie vierzehn Tage lang unter ihrer Achselhöhle, ohne andern
Erfolg als den, ihre Person zu infizieren.
Man sah sie in der Sonnenhitze mit ihren nassen Kleidern die Landstraße
entlang laufen. Das geschah, um festzustellen, ob der Durst sich legt
bei Anwendung von Wasser auf der Haut. Sie kehrten keuchend und beide
mit einem Schnupfen zurück.
Gehör, Stimmbildung und Gesicht wurden hurtig erledigt; doch Bouvard
verbreitete sich über die Frage der Zeugung.
Pécuchets Zurückhaltung in diesen Dingen hatte ihn immer überrascht.
Die Ahnungslosigkeit seines Freundes schien ihm so vollständig, daß er
ihn drängte, sich zu erklären, und Pécuchet machte schließlich errötend
ein Geständnis.
Spaßvögel hatten ihn einst in ein übles Haus mitgeschleppt, von wo er
fortgelaufen war, um sich für die Frau, die er später lieben würde,
rein zu erhalten. Eine glückliche Gelegenheit hatte sich nie geboten,
so daß er aus falscher Scham, Mangel an Geld, Furcht vor Krankheiten,
Eigensinn, Gewohnheit, mit zweiundfünfzig Jahren trotz des Aufenthaltes
in der Hauptstadt noch seine Jungfernschaft hatte.
Bouvard konnte es nur mit Mühe glauben, dann lachte er ungeheuer,
hielt jedoch an, als er Tränen in Pécuchets Augen bemerkte; denn an
Passionen hatte es diesem nicht gefehlt, da er sich der Reihe nach in
eine Seiltänzerin, die Schwägerin eines Architekten, eine Bufettdame
und zuletzt in eine kleine Wäscherin verliebt hatte; und die Ehe sollte
schon geschlossen werden, als er entdeckte, daß sie von einem andern
schwanger war.
Bouvard sagte zu ihm:
„Es ist immer möglich, das Versäumte wieder gut zu machen. Nun, gräme
dich nicht. Ich übernehme.... wenn du willst.“
Pécuchet erwiderte seufzend, man müsse den Gedanken daran aufgeben; und
sie setzten ihre Physiologie fort.
Ist es wahr, daß die Oberfläche unseres Körpers beständig einen feinen
Dunst absondert? Das wird durch die Tatsache bewiesen, daß das Gewicht
des Menschen mit jeder Minute abnimmt. Wenn jeden Tag ein Ersatz des
Fehlenden und eine Entziehung des Überschüssigen stattfindet, muß die
Gesundheit in vollkommenem Gleichgewicht erhalten bleiben. Sanctorius,
der Erfinder dieses Gesetzes, verwandte ein halbes Jahrhundert darauf,
täglich seine Nahrung wie alle seine Ausscheidungen zu wiegen, und er
wog sich selbst und unterbrach sich dabei nur, um seine Berechnungen
aufzuschreiben.
Sie versuchten, Sanctorius nachzuahmen. Doch da ihre Wage nicht beide
zugleich tragen konnte, so fing Pécuchet an.
Er zog seine Kleider aus, um die Schweißabsonderung nicht zu hindern,
und hielt sich vollständig nackt auf dem Wagebrett, wobei er trotz
seiner Schamhaftigkeit seinen sehr langen, zylinderförmigen Rumpf nebst
seinen kurzen Beinen, platten Füßen und brauner Haut sehen ließ. Auf
einem Stuhle daneben sitzend las ihm sein Freund vor.
Die Gelehrten behaupten, daß die animalische Wärme sich durch die
Zusammenziehung der Muskeln entwickelt und daß es möglich ist, die
Temperatur eines warmen Bades zu erhöhen, wenn man die Brust und die
Körperteile am Becken bewegt.
Bouvard holte ihre Badewanne, und als alles bereit war, tauchte er, mit
einem Thermometer versehen, hinein.
Die Trümmer der Branntweinbrennerei, die man in den hinteren Teil
des Raumes gefegt hatte, bildeten undeutlich einen kleinen Berg im
Schatten. Zuzeiten hörte man das Knabbern der Mäuse; ein alter Geruch
von aromatischen Pflanzen durchdrang die Luft, -- und da sie sich dort
sehr wohl fühlten, plauderten sie mit Heiterkeit.
Indessen fühlte Bouvard eine leichte Kühle.
„Bewege deine Glieder!“ sagte Pécuchet.
Er bewegte sie, ohne etwas am Thermometer zu ändern. „Das ist ganz
gewiß kalt.“
„Ich habe es auch nicht gerade warm!“ erwiderte Pécuchet, der selbst
vor Frost zitterte. „Bewege doch die Beckengegend, bewege sie!“
Bouvard öffnete seine Schenkel, krümmte die Flanken, wiegte seinen
Bauch, prustete wie ein Pottfisch, -- dann sah er auf das Thermometer,
das immer sank. „Das geht über meinen Verstand! Ich bewege mich doch!“
„Nicht genug!“
Und er fing seine Übungen von neuem an.
Sie hatten drei Stunden gedauert, als er noch einmal das Thermometer in
die Hand nahm.
„Wie, zwölf Grad! Ah! gute Nacht! Ich gehe heraus!“
Ein Hund kam herein, halb Dogge, halb Hühnerhund, mit braunem Fell, von
Grind bedeckt; die Zunge hing ihm aus dem Maul.
Was tun? Eine Schelle war nicht zur Hand! Und ihre Magd war taub.
Sie klapperten vor Frost, doch wagten sie nicht, sich zu rühren, aus
Furcht, gebissen zu werden.
Pécuchet hielt es für angebracht, Drohungen auszustoßen, wobei er die
Augen rollte.
Da bellte der Hund; -- und er sprang um die Wage, auf der Pécuchet, an
die Stricke geklammert und die Knie beugend, sich so hoch wie möglich
zu heben suchte.
„Das fängst du nicht richtig an!“ sagte Bouvard, und er begann den Hund
anzulächeln und freundliche Worte zu ihm zu sprechen.
Der Hund verstand sie ohne Zweifel. Er wollte Bouvard liebkosen, legte
seine Pfoten fest auf dessen Schultern und ritzte sie mit seinen
Krallen.
„Da, sieh nur, jetzt hat er meine Hose fortgenommen!“
Er legte sich darauf und blieb ruhig.
Endlich wagten sie unter den größten Vorsichtsmaßregeln, der eine von
der Wage herabzusteigen, der andere das Bad zu verlassen; -- und als
Pécuchet wieder angekleidet war, entschlüpfte ihm der Ausruf:
„Du, mein guter Kerl, du wirst uns für unsere Versuche dienen.“
Für was für Versuche?
Man konnte ihm Phosphor einspritzen, ihn dann in den Keller sperren,
um zu sehen, ob er Feuer aus den Nasenlöchern speien würde. Doch wie
die Einspritzung machen? Und zudem würde man ihnen keinen Phosphor
verkaufen.
Sie dachten daran, ihn unter eine pneumatische Glocke zu setzen,
ihn Gase einatmen zu lassen, ihm als Getränk Gifte zu geben. Das
alles würde vielleicht nicht lustig sein. Endlich wählten sie die
Magnetisierung des Stahls durch die Berührung mit dem Rückenmark.
Bouvard, der seine Erregung niederkämpfte, hielt Pécuchet einen
Teller mit Nadeln hin, die dieser am Rückgrat entlang einsteckte.
Sie zerbrachen, entglitten der Hand, fielen zur Erde; er nahm andere
und pflanzte sie aufs Geratewohl eilig hinein. Der Hund zerriß seine
Fesseln, sauste wie eine Kanonenkugel durch die Scheiben, rannte durch
den Hof, den Hausflur und erschien in der Küche.
Germaine fing an zu schreien, als sie ihn ganz blutüberströmt mit
Bindfäden an den Pfoten erblickte.
Ihre Herren, die hinter ihm herrannten, kamen im selben Augenblick
herein. Er machte einen Satz und war verschwunden.
Die alte Magd hielt ihnen eine Standrede.
„Das ist wieder eine von Ihren Verrücktheiten, das ist sicher! -- Und
meine Küche, die ist sauber! -- Das wird ihn vielleicht toll machen!
Man sperrt Leute ins Gefängnis, die Ihnen noch nicht gleichkommen!“
Und sie eilten ins Laboratorium, um die Nadeln zu versuchen.
Nicht eine einzige zog den kleinsten Feilspan an.
Dann beunruhigte sie Germaines Vermutung. Der Hund konnte die Tollwut
bekommen, unversehens zurückkehren, sich auf sie stürzen.
Am folgenden Tage wandten sie sich nach allen Seiten, um Erkundigungen
einzuziehen, -- und mehrere Jahre lang machten sie draußen einen Umweg,
sobald ein Hund erschien, der jenem ähnelte.
Die übrigen Versuche mißglückten. Entgegen der Angabe der Verfasser
starben die Tauben, denen sie ihr Blut abzapften, in demselben
Zeitraum, gleichviel, ob ihr Magen voll oder leer war. Kleine Katzen
verendeten, unter Wasser gehalten, nach Verlauf von fünf Minuten;
und eine Gans, die sie mit Türkischrot gestopft hatten, zeigte eine
vollkommen weiße Knochenhaut.
Die Ernährung beunruhigte sie.
Wie kommt es, daß derselbe Saft Knochen, Blut, Lymphe und die
Ausscheidungsstoffe hervorbringt? Doch man kann die Verwandlungen eines
Nahrungsmittels nicht verfolgen. Ein Mensch, der nur ein einziges
verbraucht, ist in chemischer Hinsicht demjenigen gleich, der mehrere
in sich aufnimmt. Vauquelin, der den ganzen Kalk berechnet hatte, der
im Haferfutter eines Huhnes enthalten ist, fand mehr davon in den
Schalen seiner Eier. Also findet eine Neuschaffung der Substanzen
statt. Auf welche Weise? Darüber weiß man nichts.
Man weiß nicht einmal, wie groß die Kraft des Herzens ist.
Borelli nimmt an, sie müsse groß genug sein, um ein Gewicht von
hundertachtzigtausend Pfund zu heben, und Kiell schätzt sie auf
ungefähr acht Unzen, woraus sie schlossen, daß die Physiologie (einem
alten Wort zufolge) der Roman der Medizin ist. Da sie unfähig waren,
sie zu verstehen, so glaubten sie nicht daran.
Ein Monat ging in Untätigkeit hin. Dann dachten sie an ihren Garten.
Der abgestorbene Baum, der mitten darin lag, war hinderlich; sie hieben
ihn in Stücke. Die Arbeit ermüdete sie. Bouvard war sehr oft genötigt,
sich seine Werkzeuge beim Schmied aufarbeiten zu lassen.
Als er sich eines Tages dorthin begab, vertrat ihm ein Mann mit einem
Leinwandsack auf dem Rücken den Weg. Er bot ihm Almanache, fromme
Bücher, geweihte Münzen, schließlich das „Handbuch der Gesundheit“ von
François Raspail an.
Die kleine Schrift gefiel ihm so, daß er an Barberou schrieb, er möge
ihm das große Werk schicken. Barberou sandte es und gab in seinem
Briefe eine Apotheke für die Arzneimittel an.
Die Klarheit der Lehre bestach sie. Alle krankhaften Zustände
rühren von Würmern her. Sie verderben die Zähne, höhlen die Lungen,
verursachen Schwellungen der Leber, verheeren die Eingeweide und
verursachen Geräusche darin. Das beste Mittel gegen die Würmer ist der
Kampher. Bouvard und Pécuchet nahmen ihn in Gebrauch. Sie schnupften
ihn, knabberten ihn und verteilten Zigaretten, Fläschchen mit
Beruhigungswasser und Aloepillen. Sie unternahmen sogar die Behandlung
eines Buckligen.
Es war ein Knabe, den sie an einem Jahrmarktstage zufällig gefunden
hatten. Seine Mutter, ein Bettelweib, brachte ihn jeden Morgen zu
ihnen. Sie rieben seinen Buckel mit kamphorisiertem Fett, legten
zwanzig Minuten lang einen Senfumschlag darauf, bedeckten ihn dann mit
Bleipflaster und gaben ihm, um sicher zu sein, daß er wiederkäme, zu
frühstücken.
Während Pécuchet sich eifrig mit den Eingeweidewürmern beschäftigte,
bemerkte er auf Frau Bordins Wange einen sonderbaren Fleck. Der Doktor
behandelte sie seit langer Zeit mit Aufgüssen von bitteren Kräutern;
anfangs rund wie ein Frankenstück, hatte dieser Fleck sich vergrößert
und bildete einen rosigen Kreis. Sie wollten sie davon befreien.
Sie willigte ein, aber unter der Bedingung, daß Bouvard ihr die
Einreibungen mache. Sie setzte sich ans Fenster, hakte den oberen Teil
ihrer Taille auf und verharrte mit gebeugter Wange, während sie ihn
mit einem Blick ansah, der ohne Pécuchets Gegenwart gefährlich gewesen
wäre. Trotz der Furcht vor Quecksilber wandten sie in den erlaubten
Dosen Kalomel an. Einen Monat später war Frau Bordin geheilt.
Sie warb ihnen Anhänger, -- und der Steuereinnehmer, der Schreiber
auf dem Bürgermeisteramt, sogar der Bürgermeister, alle Welt in
Chavignolles lutschte Federkiele.
Indessen wurde der Bucklige nicht gerade. Der Steuereinnehmer gab die
Zigarette auf, sie verstärkte seine Atemnot. Foureau beklagte sich
über die Aloepillen, die ihm Hämorrhoiden verursachten, Bouvard hatte
Magenschmerzen und Pécuchet fürchterliche Migränen. Sie verloren das
Vertrauen zu Raspail, doch hüteten sie sich, etwas davon zu sagen, aus
Furcht, ihr Ansehen zu verringern.
Und sie zeigten großen Eifer für die Schutzpockenimpfung, lernten an
Kohlblättern zur Ader lassen und erstanden sogar einen Schnepper.
Sie begleiteten den Arzt zu den Armen und schlugen dann in ihren
Büchern nach.
Die von den Verfassern vermerkten Symptome waren nicht die, welche
sie soeben gesehen hatten. Die Krankheiten selber hatten lateinische,
griechische, französische Namen, es war ein buntes Durcheinander aller
Sprachen.
Man zählt sie nach Tausenden, und die Linnésche Klassifikation mit
ihren Gattungen und Arten ist recht bequem; doch wie die Gattungen
aufstellen? Da verirrten sie sich in die Philosophie der Medizin.
Sie sannen über die Urkraft Van Helmonts nach, über Vitalismus,
Brownianismus, Organicismus; sie fragten den Doktor, woher der
Skrofelkeim komme, wo sich die ansteckende Mikrobe festsetze, und sie
wollten ein Mittel wissen, um in allen Krankheitsfällen Ursache und
Wirkung unterscheiden zu können.
„Ursache und Wirkung vermengen sich,“ sagte Vaucorbeil.
Sein Mangel an Logik widerte sie an, und sie besuchten die Kranken
ganz allein, indem sie sich unter dem Vorwande der Nächstenliebe in die
Häuser einführten.
Hinten in den Zimmern lagen auf schmutzigen Kissen Leute, deren
Gesicht nach einer Seite hing; bei andern war es aufgedunsen und von
scharlachfarbener Röte oder zitronengelb oder auch violett; dazu spitze
Nasen, zitternder Mund, Röcheln, Schlucksen, Schweiß, Ausdünstungen wie
von Leder und altem Käse.
Sie lasen die Rezepte der Ärzte und waren ganz überrascht, daß
die Beruhigungsmittel zuweilen Erregungsmittel, die Brechmittel
Abführmittel seien, daß dieselbe Arznei für verschiedene Krankheiten
gut sei und daß eine Krankheit unter entgegengesetzten Behandlungen
schwinde.
Nichtsdestoweniger gaben sie Ratschläge, hoben den Mut, hatten die
Kühnheit, die Brust zu behorchen.
Ihre Einbildungskraft war in Fluß. Sie schrieben an den König, man möge
im Calvados eine Schule für Krankenpfleger errichten, die sie anlernen
würden.
Sie begaben sich zum Apotheker von Bayeux (der von Falaise war ihnen
noch gram wegen seiner Brustbeerenpaste), und sie drangen in ihn,
gleich den Alten pila purgatoria herzustellen, das heißt Kügelchen
aus Arzneimitteln, die dadurch, daß man sie in der Hand drehte, vom
Individuum absorbiert wurden.
Gemäß dem Satze, daß man die Entzündungen vertreibt, wenn man das
Fieber herabdrückt, hingen sie eine an Hirnhautentzündung leidende Frau
mit ihrem Sessel an den Balken der Decke auf, und sie schaukelten sie
aus Leibeskräften, als der Ehemann dazukam und sie zur Tür hinauswarf.
Schließlich hatten sie zum großen Ärgernis des Herrn Pfarrers die neue
Mode angenommen, Thermometer in die After einzuführen.
Der Typhus nahm in der Umgegend überhand; Bouvard erklärte, er
werde sich nicht damit befassen. Doch die Frau ihres Pächters Gouy
kam jammernd zu ihnen. Ihr Mann sei seit vierzehn Tagen krank, und
Vaucorbeil vernachlässige ihn.
Pécuchet opferte sich.
Linsenartige Flecke auf der Brust, Schmerzen in den Gelenken,
aufgetriebener Leib, rote Zunge, das waren alle Anzeichen von
Dothien-Enteritis. Er erinnerte sich des Raspailschen Wortes, daß man
durch Aufgeben der Diät das Fieber unterdrückt, und er verordnete
Bouillon, ein wenig Fleisch! Plötzlich erschien der Arzt.
Sein Kranker war beim Essen, zwei Kissen hinter dem Rücken, zwischen
der Pächterin und Pécuchet, die ihn nötigten.
Vaucorbeil näherte sich dem Bett und warf den Teller zum Fenster
hinaus, indem er rief:
„Das ist ja der reine Mord!“
„Warum?“
„Sie durchlöchern den Darm, da der Typhus eine Affektion der
Drüsenschleimhaut ist.“
„Nicht immer!“
Und es erhob sich ein Streit über das Wesen der Fieber. Pécuchet
glaubte an deren selbständige Natur. Vaucorbeil ließ sie von den
Organen abhängig sein: „Auch halte ich alles fern, was irgendwie reizen
kann!“
„Doch die Diät schwächt das vitale Prinzip!“
„Was schwatzen Sie da von vitalem Prinzip? Wie verhält es sich damit?
Wer hat es gesehen?“
Pécuchet verwickelte sich in seine Worte.
„Übrigens“, sagte der Arzt, „will Gouy keine Nahrung.“
Der Kranke in seiner wollenen Mütze machte eine zustimmende Bewegung.
„Gleichviel! Er braucht sie!“
„Keineswegs! Sein Puls zeigt achtundneunzig Schläge.“
„Was besagen die Pulsschläge?“ Und Pécuchet nannte seine Autoritäten.
„Lassen wir die Systeme beiseite!“ sagte der Doktor.
Pécuchet kreuzte die Arme.
„Dann sind Sie also Empiriker?“
„Keineswegs! Aber wenn man beobachtet...“
„Und wenn man falsch beobachtet?“
Vaucorbeil nahm dieses Wort für eine Anspielung auf die Flechte der
Frau Bordin, eine Angelegenheit, welche die Witwe herumgeplaudert
hatte. Die Erinnerung daran ärgerte ihn.
„In erster Linie muß man praktische Erfahrung haben.“
„Die, welche Umwälzungen in der Wissenschaft herbeigeführt haben,
hatten keine! Van Helmont, Boerhaave, selbst Broussais.“
Ohne zu antworten, beugte sich Vaucorbeil über Gouy und sagte mit
erhobener Stimme:
„Wen von uns beiden wählen Sie zu Ihrem Arzt?“
Der Kranke bemerkte durch seine Schlaftrunkenheit hindurch
zornentstellte Gesichter und fing an zu weinen.
Seine Frau wußte ebenfalls nicht, was sie antworten sollte; denn der
eine war geschickt, aber der andere besaß vielleicht ein Geheimnis.
„Schön!“ sagte Vaucorbeil, „da Sie schwanken zwischen einem Manne, der
ein Diplom besitzt...“ -- Pécuchet lächelte spöttisch. -- „Warum lachen
Sie?“
„Weil ein Diplom nicht immer etwas beweist!“
Der Doktor war in seinem Broterwerb, in seinen Vorrechten, in seiner
sozialen Stellung bedroht. Sein Zorn brach hervor:
„Das werden wir sehen, wenn Sie wegen unerlaubter Ausübung der Medizin
vor Gericht kommen werden!“ Dann wandte er sich an die Frau des
Pächters: „Lassen Sie ihn durch den Herrn töten, ganz wie es Ihnen
gefällt, und ich will mich eher hängen lassen, als daß ich meinen Fuß
noch einmal in Ihr Haus setze!“
Er stürzte unter dem Buchengange davon, während er mit seinem Stocke
gestikulierte.
Als Pécuchet nach Hause kam, war Bouvard selbst in großer Aufregung.
Soeben war Foureau bei ihm gewesen, der wegen seiner Hämorrhoiden
in allen Zuständen war. Vergebens hatte er ihm vorgestellt, daß sie
vor allen Krankheiten schützen. Foureau, der keine Vernunft annehmen
wollte, hatte ihm mit einer Schadenersatzklage gedroht. Bouvard verlor
den Kopf darüber.
Pécuchet erzählte ihm seine eigene Angelegenheit, die er für ernster
hielt, -- und er war ein wenig durch Bouvards Teilnahmlosigkeit vor den
Kopf gestoßen.
Am folgenden Tage hatte Gouy einen Schmerz im Unterleib. Das konnte von
der Einführung von Nahrung herrühren. Vielleicht hatte sich Vaucorbeil
doch nicht getäuscht? Ein Arzt muß sich letzten Endes darin auskennen!
Und Gewissensbisse quälten Pécuchet. Er hatte Angst, sich an einem
Menschenleben vergangen zu haben.
Aus Vorsicht gaben sie dem Buckligen den Laufpaß. Aber wegen des
Frühstücks, das ihm nun entging, fing seine Mutter einen großen Lärm
an. Es sei nicht der Mühe wert gewesen, sie jeden Tag von Barneval nach
Chavignolles gelockt zu haben!
Foureau beruhigte sich, und Gouy kam wieder zu Kräften. Zurzeit war
seine Wiederherstellung sicher: ein solcher Erfolg machte Pécuchet kühn.
„Wenn wir uns mit Hilfe eines jener künstlichen Körper an die
Entbindungen machten...“
„Ich habe die künstlichen Körper satt!“
„Es sind Halbkörper aus Leder, die man für die Hebammenschülerinnen
erfunden hat. Ich glaube, ich würde den Fötus umdrehen können!“
Aber Bouvard war der Medizin müde.
„Die Triebfedern des Lebens sind uns verborgen, die Krankheiten zu
zahlreich, die Heilmittel von zweifelhafter Wirkung, -- und man findet
in den Büchern keine vernünftige Definition der Gesundheit, der
Krankheit, der Diathese, nicht einmal des Eiters!“
Indessen hatte die ganze Lektüre ihr Hirn verwirrt.
Bouvard bildete sich gelegentlich einer Erkältung ein, daß eine
Lungenentzündung bei ihm im Anzuge sei. Da Blutegel die Seitenstiche
nicht gemildert hatten, nahm er seine Zuflucht zu einem Blasenpflaster,
dessen Wirkung sich auf die Nieren schlug. Da glaubte er sich von
Gallensteinen bedroht.
Pécuchet bekam beim Auslichten des Laubenganges den Fluß in die
Glieder und gab darnach seine Mahlzeit wieder von sich, was ihn sehr
erschreckte; als er dann bemerkte, daß seine Hautfarbe ein wenig gelb
war, argwöhnte er eine Krankheit der Leber und fragte sich:
„Habe ich Schmerzen?“
Und kam dann schließlich dahin, welche zu haben.
Während sie sich gegenseitig trübsinnig machten, betrachteten sie ihre
Zunge, fühlten sich den Puls, griffen zu einem andern Mineralwasser,
nahmen Abführmittel, -- und hatten Furcht vor Kälte, Hitze, Wind,
Regen, Fliegen und besonders vor der Zugluft.
Pécuchet bildete sich ein, der Gebrauch der Prise könnte schlimme
Folgen haben. Übrigens bewirkte das Niesen zuweilen ein Aderplatzen, --
und er gab das Schnupfen auf. Gewohnheitsmäßig griff er mit den Fingern
in die Tabakdose; dann erinnerte er sich plötzlich seines Leichtsinns.
Da schwarzer Kaffee die Nerven aufregt, wollte Bouvard auf seine kleine
Tasse verzichten; aber er schlief nach den Mahlzeiten ein und wurde
beim Erwachen von Schrecken ergriffen, denn der verlängerte Schlaf ist
eine drohende Ankündigung des Schlagflusses.
Ihr Ideal war Cornaro, jener venezianische Edelmann, der kraft
einer geregelten Lebensweise ein äußerst hohes Alter erreichte.
Ohne ihn vollständig zum Vorbild zu nehmen, kann man dieselben
Vorsichtsmaßregeln anwenden, und Pécuchet entnahm seiner Bibliothek ein
Handbuch der Hygiene von Dr. Morin.
Wie hatten sie es nur angestellt, bis dahin zu leben? Die Gerichte,
die sie liebten, waren in dem Buche untersagt. Germaine wußte in ihrer
Verlegenheit nicht, was sie ihnen vorsetzen sollte.
Jedes Fleisch hat seine schlimmen Folgen. Rotwurst und kalter
Aufschnitt, saurer Hering, Hummer und Wild sind „widerspenstig“.
Je größer ein Fisch ist, desto mehr Gallerte besitzt er und desto
unverdaulicher ist er. Die Gemüse verursachen saures Aufstoßen, die
Makkaroni erzeugen Träume, die Käse sind, „im allgemeinen betrachtet,
von schwieriger Verdauung“. Ein Glas Wasser am Morgen ist „gefährlich“.
Jedem Getränk oder Nahrungsmittel folgte ein ähnlicher Hinweis oder
eins der Worte: „schädlich!“ -- „man hüte sich vor dem Zuviel!“ --
„bekommt nicht jedermann!“ -- Warum schädlich? Wo ist das Zuviel? Wie
wissen, ob diese Sache einem bekommt?
Welch ein Problem war nicht das Frühstück! Sie verzichteten auf
den Milchkaffee wegen seines schrecklichen Rufes und dann auf die
Schokolade; -- denn sie ist „eine Anhäufung von unverdaulichen
Stoffen“. Blieb also der Tee. Aber „nervöse Leute müssen sich
ihn vollständig versagen“. Indessen verordnete im siebzehnten
Jahrhundert Decker zwanzig Dekaliter täglich davon, um die Sümpfe der
Bauchspeicheldrüse zu reinigen.
Dieser Aufschluß erschütterte ihre Achtung vor Morin, und das um so
mehr, als er alle Kopfbedeckungen, Hüte, Mützen und Kappen verwirft,
eine Forderung, die Pécuchet empörte.
Da erstanden sie die Abhandlung von Becquerel, woraus sie sahen,
daß das Schwein an sich „ein gutes Nahrungsmittel“, der Tabak von
vollständiger Unschädlichkeit und der Kaffee „Militärpersonen
unerläßlich“ ist.
Bis dahin hatten sie an die Ungesundheit feuchter Orte geglaubt. Weit
gefehlt! Casper erklärt sie für weniger todbringend als andere. Man
badet nicht im Meer, ohne seine Haut erfrischt zu haben. Bégin will,
daß man sich in vollem Schweiß hineinwirft. Der unvermischte Wein nach
der Suppe gilt für ausgezeichnet für den Magen. Levy wirft ihm vor,
die Zähne zu verderben. Und endlich die Unterjacke, dieser Schirm,
dieser Gesundheitsschutz, dieses teure Palladium Bouvards, das auch
von Pécuchet unzertrennlich war, ohne Umschweife und ohne Furcht vor
der allgemeinen Meinung widerraten es die Verfasser vollblütigen und
sanguinischen Menschen.
Was ist dann die Hygiene?
„Wahrheit diesseits der Pyrenäen, Irrtum jenseits,“ versichert Herr
Levy, und Becquerel fügte hinzu, sie sei keine Wissenschaft.
Da bestellten sie für ihr Diner Austern, eine Ente, Schweinefleisch mit
Kraut, Creme, einen Pont-l’Evêque und eine Flasche Burgunderwein. Das
war eine Befreiung, fast eine Vergeltung -- und sie machten sich über
Cornaro lustig! Mußte man dumm sein, um sich wie er zu tyrannisieren!
Wie niedrig, stets nur an die Verlängerung des Daseins zu denken! Das
Leben ist nur gut, insoweit man es genießt!
„Noch ein Stück?“
„Ich bin nicht abgeneigt.“
„Ich auch nicht!“
„Auf deine Gesundheit!“
„Auf die deinige!“
„Und kümmern wir uns den Teufel um das übrige!“
Sie gerieten in Stimmung.
Bouvard verkündete, er werde drei Tassen Kaffee trinken, obgleich
er keine Militärperson sei. Pécuchet schnupfte, die Mütze auf den
Ohren, einmal nach dem andern und nieste ohne Furcht; und da ihnen der
Geschmack nach Champagner stand, befahlen sie Germaine, sogleich ins
Wirtshaus zu gehen, um ihnen eine Flasche zu holen. Das Dorf sei zu
weit. Sie weigerte sich. Pécuchet war entrüstet:
„Ich fordere Sie auf, hören Sie! Ich fordere Sie auf, hinzulaufen!“
Sie gehorchte, jedoch brummend und entschlossen, bald ihre Herren zu
verlassen, so unbegreiflich und wunderlich waren sie.
Dann gingen sie wie früher, den Kaffee auf dem Aussichtspunkt
einzunehmen.
Die Ernte war soeben beendet -- und die Heuhaufen hoben sich auf den
Feldern in schwarzen Massen vor der Dunkelheit der bläulichen und
milden Nacht. Die Höfe lagen in Schweigen. Man hörte nicht einmal
die Grillen. Das ganze Gefilde schlummerte. Sie verdauten, die Brise
einatmend, die ihre Wangen kühlte.
Der weite Himmel war mit Sternen besät; einige glänzten in Gruppen,
andere kettenförmig hintereinander, oder sie standen auch einzeln in
weiten Zwischenräumen. Eine Zone von leuchtendem Staub, die von Norden
nach Süden ging, gabelte sich über ihren Köpfen. Zwischen diesen
leuchtenden Stellen waren weite leere Räume, -- und das Firmament
schien ein Meer von Azur mit Archipeln und Inselchen.
„Welch eine Unmenge!“ rief Bouvard aus.
„Wir sehen nicht alles!“ fuhr Pécuchet fort. „Hinter der Milchstraße
gibt es Nebelflecke; jenseits der Nebelflecke wieder Sterne. Der
nächste ist von uns dreihundert Milliarden von Myriametern entfernt.“
Er hatte oft durch das Teleskop auf dem Vendômeplatze geblickt und
erinnerte sich der Zahlen.
„Die Sonne ist eine Million mal größer als die Erde, Sirius hat
die zwölffache Größe der Sonne, die Kometen haben eine Länge von
vierunddreißig Millionen Meilen!“
„Das ist um verrückt zu werden!“ sagte Bouvard.
Er beklagte seine Unwissenheit und bedauerte sogar, in seiner Jugend
nicht auf der polytechnischen Schule gewesen zu sein.
Da drehte Pécuchet ihn gegen den Großen Bären und zeigte ihm den
Polarstern, dann Kassiopeia, deren Konstellation ein Y bildet, Wega aus
dem Sternbild der Leier, hell funkelnd, und, ganz unten am Horizont,
den roten Aldebaran.
Bouvard verfolgte mit zurückgelegtem Kopf mühsam die Dreiecke,
Vierecke und Fünfecke, die man sich denken muß, um sich am Himmel
zurechtzufinden.
Pécuchet fuhr fort:
„Die Schnelligkeit des Lichtes beträgt achtzigtausend Meilen in der
Sekunde. Ein Strahl der Milchstraße gebraucht sechshundert Jahre, um zu
uns zu gelangen. So kann ein Stern zu der Zeit, wo man ihn beobachtet,
verschwunden sein. Mehrere erscheinen nur zuzeiten, andere kehren nie
wieder, -- und sie ändern ihre Stellung; das alles bewegt sich, das
alles zieht vorüber.“
„Doch die Sonne ist unbeweglich!“
„So glaubte man ehemals. Aber heute verkünden die Gelehrten, daß sie
dem Sternbild des Herkules entgegeneilt!“
Das störte Bouvard in seinen Ideen; -- und nach minutenlangem
Nachdenken:
„Die Wissenschaft gründet sich auf die an einer Ecke des Weltraumes
gegebenen Verhältnisse. Vielleicht stimmt sie nicht mit dem ganzen Rest
überein, von dem man nichts weiß, der viel größer ist und den man nicht
erforschen kann.“
So plauderten sie, auf dem Schneckenberg stehend, beim Scheine der
Sterne, und ihre Reden waren von langem Schweigen unterbrochen.
Schließlich legten sie sich die Frage vor, ob es Menschen auf den
Sternen gäbe. Warum nicht? Und da die Schöpfung überall im Einklang
steht, so mußten die Bewohner des Sirius ungeheuer groß, die des Mars
von mittlerem Wuchs, die der Venus sehr klein sein. Vorausgesetzt, daß
es nicht überall dasselbe war. Es gibt dort oben Kaufleute, Gendarmen;
man treibt dort Handel, schlägt sich und entthront Könige.
Einige Sternschnuppen glitten plötzlich herab, am Himmel die Bahn einer
ungeheuren Rakete beschreibend.
„Sieh da,“ sagte Bouvard, „das sind Welten, die untergehen.“
Pécuchet fuhr fort:
„Wenn die unsrige einen solchen Luftsprung machte, würden die Bewohner
der Sterne nicht mehr ergriffen sein, als wir es jetzt sind. Derartige
Gedanken treiben einem den Hochmut aus.“
„Welches ist der Zweck von alldem?“
„Vielleicht gibt es keinen Zweck.“
„Indessen...“
Und Pécuchet wiederholte zwei- oder dreimal „indessen“, ohne weitere
Worte zu finden.
„Gleichviel, ich möchte gerne wissen, wie das Weltall entstanden ist.“
„Das muß sich bei Buffon finden,“ antwortete Bouvard, dessen Augen
zufielen.
„Ich kann nicht mehr, ich lege mich ins Bett.“
Die „Epochen der Natur“ belehrten sie, daß ein Komet dadurch, daß er
gegen die Sonne stieß, einen Teil von ihr abgelöst hatte, der die Erde
wurde. Zuerst hatten sich die Pole abgekühlt. Der Erdball war ganz
von Wassern eingenommen; sie hatten sich in die Höhlungen verlaufen;
dann lösten sich die Erdteile voneinander, die Tiere und der Mensch
erschienen.
Die Größe der Schöpfung setzte sie in ein Staunen, das grenzenlos war
wie das Weltall selbst.
Ihr Gesichtskreis erweiterte sich. Sie waren stolz darauf, über so
bedeutende Gegenstände nachzudenken.
Die Steinarten fingen bald an, sie zu ermüden, und um sich zu
zerstreuen, nahmen sie ihre Zuflucht zu den „Harmonien“ Bernardin de
Saint-Pierres.
Harmonien im Pflanzen- und Erdreich, im Reich der Lüfte, des Wassers,
menschliche, brüderliche und sogar eheliche Harmonien, alles kam
darin vor; es fehlten nicht die Anrufungen an die Venus, an die Söhne
des Zephyrus und die Liebesgötter. Sie staunten darüber, daß die
Fische Flossen, die Vögel Flügel, die Samenkörner eine Hülle hatten;
ganz erfüllt wie sie von dieser Philosophie waren, die in der Natur
tugendhafte Absichten erblickt und sie als eine Art von heiligem
Vinzenz von Paula betrachtet, dessen einzige Beschäftigung ist,
Wohltaten auszuteilen!
Dann bestaunten sie die Naturwunder, die Windhosen, Vulkane, Urwälder,
und sie kauften das Werk des Herrn Depping über „Die Sehenswürdigkeiten
und Schönheiten der Natur in Frankreich“. Cantal besitzt ihrer drei,
Hérault fünf, Burgund nicht mehr als zwei, während der Dauphiné für
sich allein bis zu fünfzehn Sehenswürdigkeiten zählt. Doch bald werden
sie verschwunden sein. Die Stalaktitengrotten schließen sich, die
feuerspeienden Berge verlöschen, die natürlichen Gletscher erwärmen
sich und die alten Bäume, in denen man die Messe las, fallen unter dem
Handbeil der Vermesser oder sind am Absterben.
Dann wandte sich ihre Wißbegierde den Tieren zu.
Sie schlugen wieder ihren Buffon auf und gerieten über den seltsamen
Geschmack gewisser Tiere in Entzücken.
Doch alle Bücher wiegen nicht eine persönliche Beobachtung auf; sie
traten in die Höfe und fragten die Landarbeiter, ob sie gesehen hätten,
daß Stiere sich zu Stuten gesellten, daß Schweine Kühe suchten, und daß
die männlichen Rebhühner untereinander Schändlichkeiten begingen.
„Nie im Leben.“
Man fand diese Fragen für Herren ihres Alters sogar etwas schnurrig.
Sie wollten anormale Kreuzungen versuchen.
Die geringsten Schwierigkeiten macht die Kreuzung zwischen Ziegenbock
und Schaf. Ihr Pächter besaß keinen Bock, eine Nachbarin stellte den
ihrigen zur Verfügung, und nachdem die Zeit der Brunst gekommen war,
schlossen sie die beiden Tiere in das Kelterhaus, während sie sich
selbst hinter den Fässern verbargen, damit das Ereignis in Frieden vor
sich gehen konnte.
Jedes der Tiere fraß zuerst seinen kleinen Heuvorrat, dann käuten sie
wieder; das Schaf legte sich nieder und blökte ohne Aufhören, während
der Bock, aufrecht auf seinen schiefen Beinen, mit seinem langen Barte
und seinen herabhängenden Ohren seine Augäpfel auf sie einstellte, die
im Dunkeln leuchteten.
Am dritten Abend endlich hielten sie es für angemessen, der Natur zu
Hilfe zu kommen; aber der Bock wandte sich gegen Pécuchet und versetzte
ihm einen Stoß mit den Hörnern gegen den Unterleib. Das Schaf, von
Furcht erfaßt, begann im Kelterhaus wie in einer Reitbahn sich im
Kreise zu drehen. Bouvard rannte hinter ihm her, warf sich darauf, um
es festzuhalten, und fiel mit einigen Bündeln Wolle in den Händen auf
die Erde.
Sie erneuerten ihre Versuche mit Hühnern und einem Enterich, mit einer
Dogge und einer Sau, in der Hoffnung, daß ungeheuerliche Wesen aus
solchen Kreuzungen hervorgehen würden, denn sie begriffen nichts von
der Frage der Art.
Dieses Wort bezeichnet eine Gruppe von Wesen, deren Nachkommen sich
fortpflanzen; jedoch vermögen Tiere, die als verschiedene Arten
klassifiziert sind, sich fortzupflanzen, während andere, die zu
derselben Art gehören, diese Fähigkeit verloren haben.
Sie schmeichelten sich, Klarheit darüber zu erlangen, wenn sie die
Entwicklung der Keime studierten, und Pécuchet schrieb an Dumouchel
wegen eines Mikroskops.
Abwechselnd legten sie auf die Glasplatte Haare, Tabak, Nägel,
einen Fliegenfuß; aber sie hatten den unerläßlichen Tropfen Wasser
vergessen; dann wieder lag es an der kleinen Lamelle, und sie stießen
sich, verrückten das Instrument; als sie schließlich nichts als Nebel
wahrnahmen, wurde dem Optiker die Schuld gegeben. Es kamen ihnen
zuletzt Zweifel am Mikroskop. Die Entdeckungen, die man ihm zuschreibt,
sind wohl nicht so positiver Art.
Als Dumouchel ihnen die Rechnung übersandte, bat er sie, für ihn
Ammonshörner und Seeigel zu sammeln; er sei ein Liebhaber solcher
Merkwürdigkeiten, und diese kämen in ihrer Gegend häufig vor. Um ihr
Interesse an der Geologie zu erregen, sandte er ihnen die „Briefe“
Bertrands mit den „Reden Cuviers“ über die Umwälzungen des Erdballs.
Als sie beide Bücher gelesen hatten, bildeten sich folgende Dinge in
ihrer Einbildungskraft:
Zuerst eine ungeheure Wasserfläche, aus der die mit Flechten bedeckten
Vorgebirge hervortauchten, und nicht ein Lebewesen, nicht ein Laut.
Es war eine Welt des Schweigens, der Regungslosigkeit und Nacktheit;
dann schaukelten sich lange Pflanzen in einem Nebel, der dem Dampf
eines heißen Bades glich. Eine feuerrote Sonne überhitzte die
feuchte Atmosphäre. Dann erfolgten Ausbrüche von Vulkanen, feurige
Felsstücke stoben von den Bergen, und die Porphyr- und Basaltlava,
die herabfloß, erstarrte. Drittes Bild: in Meeren von geringer
Tiefe sind Koralleninseln über den Spiegel gewachsen; hier und da
überragt sie eine Gruppe von Palmen. Da sind Muscheln, so groß wie
Wagenräder, Schildkröten von drei Meter Umfang, Eidechsen von sechzig
Fuß Länge; zwischen dem Schilf recken Amphibien ihren Straußenhals
mit Krokodilsrachen; geflügelte Schlangen fliegen davon. Zuletzt
erschienen auf den zusammenhängenden Landmassen die großen Säugetiere
mit Gliedern, mißgestaltet wie schlecht behauene Holzstücke, mit einer
Haut, dicker als Bronzeplatten, oder auch mit zottigem Fell, dicken
Lippen, Mähnen und gekrümmten Hauern. Mammutherden weideten auf den
Ebenen, die später das Atlantische Meer bedeckte; das Urwelttier,
halb Pferd, halb Tapir, durchwühlte mit seiner Schweineschnauze die
Ameisenhaufen von Montmartre, und der Cervus giganteus erzitterte unter
den Kastanienbäumen beim Klange der Stimme des Höhlenbären, der den
Hund von Beaugency, der dreimal so groß als ein Wolf war, in seiner
Höhle bellen machte.
Alle diese Epochen waren voneinander durch Erdumwälzungen getrennt,
deren letzte unsere Sündflut ist. Es war wie ein Feenstück in mehreren
Akten, dessen Apotheose der Mensch war.
Sie waren starr, als sie hörten, daß es auf Steinen Abdrücke von
Libellen, von Vogelfüßen gibt; und nachdem sie eines der Handbücher
Rorets durchgeblättert hatten, suchten sie fossile Überreste.
Als sie eines Nachmittags auf der Landstraße Kiesel umwendeten, kam der
Herr Pfarrer vorbei und redete sie mit süßlicher Stimme an:
„Die Herren befassen sich mit Geologie? Ausgezeichnet!“
Denn er schätzte die Wissenschaft. Sie bestärke das Gewicht der Schrift
dadurch, daß sie die Sündflut beweise.
Bouvard sprach von Koprolithen, was versteinerte Tierexkremente seien.
Der Abbé Jeufroy schien von der Tatsache überrascht; wenn sie bestand,
so war das schließlich nur ein Grund mehr, die Vorsehung zu bewundern.
Pécuchet gestand, daß ihre Nachforschungen bisher nicht von Erfolg
gewesen seien; und doch mußten in der Umgegend von Falaise wie in allen
jurakalkhaltigen Erdlagen tierische Überreste in Menge vorhanden sein.
„Ich habe sagen hören,“ erwiderte der Abbé Jeufroy, „daß man früher in
Villers den Kinnbacken eines Elefanten gefunden hat.“ Übrigens würde
ihnen einer seiner Freunde, Herr Larsoneur, Rechtsanwalt, Mitglied der
Advokatur von Lisieux und Archäologe, Auskunft geben können! Er habe
eine Geschichte von Port-en-Bessin geschrieben, in der die Entdeckung
eines Krokodils verzeichnet war.
Bouvard und Pécuchet wechselten einen Blick; die gleiche Hoffnung
war ihnen gekommen; und trotz der Hitze blieben sie lange stehen und
fragten den Geistlichen aus, der sich mit einem Schirm aus blauer
Baumwolle schützte. Die untere Partie seines Gesichtes war etwas plump,
dazu hatte er eine spitze Nase; er lächelte beständig oder neigte den
Kopf, während er die Augen schloß.
Von der Kirche her erscholl das Angelusläuten.
„Recht guten Abend, meine Herren! Sie gestatten, nicht wahr?“
Durch ihn empfohlen, warteten sie drei Wochen hindurch auf die Antwort
Larsoneurs. Endlich kam sie.
Der Mann aus Villers, welcher den Mastodonzahn ausgegraben hatte,
hieß Louis Bloche; nähere Einzelheiten fehlten. Was seine Geschichte
anlange, so fülle sie einen der Bände der Akademie von Lisieux, und
er verleihe sein Exemplar auf keinen Fall, aus Furcht, die Sammlung
ihrer Vollständigkeit zu berauben. Was den Alligator anginge, so hätte
man ihn im Monat November des Jahres 1825 unter den Klippen von les
Hachettes zu Sainte-Honorine in der Nähe von Port-en-Bessin im Kreise
Bayeux entdeckt. Es folgten die üblichen Höflichkeitsbezeugungen.
Das Dunkel, das über dem Mastodon lag, reizte Pécuchet. Er hätte sich
gerne sogleich nach Villers aufgemacht.
Bouvard wandte dagegen ein, um sich eine vielleicht nutzlose und
sicherlich kostspielige Reise zu ersparen, sei es zweckdienlich,
Erkundigungen einzuziehen -- und sie schrieben dem Bürgermeister des
Ortes einen Brief, in dem sie anfragten, was aus einem gewissen Louis
Bloche geworden sei. Konnten, den Fall seines Todes angenommen, seine
Nachkommen oder Seitenverwandten sie über seine kostbare Entdeckung
unterrichten? Als er sie machte, an welcher Stelle der Gemeinde ruhte
da dieses Zeugnis der Urzeiten? Hatte man Aussicht, ähnliche Funde zu
machen? Was verlangte ein Mann mit Wagen für den Tag?
Sie mochten sich noch so viel an den Beigeordneten, dann an den ersten
Stadtrat wenden, sie erhielten keine Antwort aus Villers. Gewiß waren
die Einwohner eifersüchtig in betreff ihrer Fossilien. Wofern sie sie
nicht an die Engländer verkauften. Die Reise nach les Hachettes wurde
beschlossen.
Bouvard und Pécuchet nahmen die Post von Falaise nach Caen. Dann
brachte sie eine Halbkutsche von Caen nach Bayeux; von Bayeux gingen
sie zu Fuß nach Port-en-Bessin.
Man hatte sie nicht getäuscht. Die Küste von les Hachettes zeigte
eigentümliche Geschiebe, und mit Hilfe der Anweisungen des Wirtes
erreichten sie den Strand.
Da Ebbe war, so lag das ganze Geröll nebst einer Ebene von Tang bis zu
den Fluten offen vor ihnen.
Grasbewachsene Hügelbildungen schnitten die Klippen ab, die aus
weicher brauner Erde bestanden und die, in ihren tieferen Lagen sich
verhärtend, zu einem Mauerwerk von grauem Gestein wurden. Kleine
Rinnsale kamen beständig von ihnen herab, während in der Ferne das Meer
rollte. Zuweilen schien sein Wellenschlag auszusetzen; und man hörte
nur noch das leise Geräusch der Quellen.
Sie schwankten auf klebrigem Gras, oder sie mußten über Löcher
springen. Bouvard setzte sich an das Ufer und betrachtete die Wogen,
ohne Gedanken, gefesselt, wie leblos. Pécuchet führte ihn zu dem
Küstenhang zurück, um ihm ein in den Felsen eingewachsenes Ammonshorn
zu zeigen, das darin saß, wie ein Diamant in seinem Muttergestein. Ihre
Nägel zersplitterten daran, man hätte Werkzeuge haben müssen; zudem
kam die Nacht. Der Himmel war im Westen purpurfarbig und der ganze
Strand in Dunkel gehüllt. Inmitten des schwarzen Seegrases dehnten sich
Wasserpfützen. Das Meer stieg; es war Zeit zurückzukehren.
Am folgenden Morgen machten sie sich, sobald es Tag war, mit einer
Hacke und einem spitzen Eisen an ihr Fossil, dessen Hülle absprang. Es
war ein „Ammonites nodosus“, der an den Enden schadhaft war, aber gut
sechzehn Pfund wog; und Pécuchet rief in seiner Begeisterung aus: „Wir
müssen ihn unbedingt Dumouchel schenken!“
Dann trafen sie auf Tiere vom Badeschwamm, Lochmuscheln, Butzkopf, aber
auf kein Krokodil! In seiner Ermangelung hofften sie das Rückgrat eines
Hippopotamus oder Ichthyosaurus, gleichviel welchen Knochen, aus der
Zeit der Sündflut zu finden, als sie in Mannshöhe an der Klippe Umrisse
wahrnahmen, die die Gestalt eines riesenhaften Fisches darstellten.
Sie berieten, auf welche Weise sie ihn bekommen könnten.
Bouvard sollte ihn oben frei machen, während Pécuchet von unten das
Gestein lockern sollte, um ihn sanft ohne Beschädigung herabzulassen.
Als sie Atem schöpften, sahen sie über sich auf dem Felde einen
Zollbeamten im Mantel, der gebieterisch gestikulierte.
„Ach was! Laß uns in Frieden, zum Teufel!“ Und sie setzten ihre Arbeit
fort; Bouvard auf den Zehenspitzen mit der Hacke klopfend; Pécuchet in
gebückter Stellung mit seinem Eisen höhlend.
Doch der Zollbeamte erschien weiter unten, in einem Tale, indem er die
Zeichen verstärkte: darum würden sie sich gerade kümmern! Ein ovaler
Körper ragte aus der verringerten Erde hervor, neigte sich, war im
Begriff herabzugleiten.
Ein zweiter Mensch, dieser mit einem Säbel, zeigte sich plötzlich.
„Ihre Pässe?“
Es war der auf der Runde begriffene Feldhüter, und im selben
Augenblicke tauchte der Zollbeamte auf, der durch eine Schlucht
herbeigeeilt war.
„Nehmen Sie sie fest, Vater Morin! Oder die Klippe wird einstürzen!“
„Es handelt sich um einen wissenschaftlichen Zweck,“ antwortete
Pécuchet.
Da stürzte eine Masse herab und streifte sie alle vier so nahe, daß
nicht viel fehlte, und sie wären tot gewesen.
Als der Staub verflogen war, erkannten sie den Mast eines Schiffes, der
unter dem Stiefel des Zollbeamten zerbröckelte.
Bouvard sagte seufzend:
„Wir haben keinen großen Schaden angerichtet!“
„Man darf nichts anrichten innerhalb der Grenzen des Geniebezirks!“
erwiderte der Feldhüter.
„Zunächst, wer sind Sie, damit ich Sie zu Protokoll nehmen kann?“
Pécuchet widersetzte sich, über die Ungerechtigkeit Lärm machend.
„Keine Ausflüchte! Folgen Sie mir!“
Sobald sie am Hafen angekommen waren, folgte ihnen eine Schar von
Gassenjungen. Bouvard, rot wie eine Mohnblüte, zwang sich zu einer
würdigen Haltung; Pécuchet, der sehr blaß war, sandte wütende Blicke;
und diese beiden Fremden, die Steine in ihren Taschentüchern trugen,
sahen nicht vertrauenerweckend aus. Man brachte sie einstweilen im
Wirtshaus unter, dessen Besitzer, auf der Schwelle stehend, den
Eintritt versperrte. Dann verlangte der Maurer seine Werkzeuge zurück.
Sie bezahlten sie; wieder Auslagen! Und der Feldhüter kehrte nicht
zurück! Warum? Schließlich befreite sie ein Herr, der das Kreuz der
Ehrenlegion trug; und, nachdem sie ihre Namen, Vornamen und Wohnort
angegeben hatten, zogen sie ab, mit dem Versprechen, in Zukunft
vorsichtiger zu sein.
Außer einem Paß fehlten ihnen noch gar manche Dinge, und bevor sie
neue Forschungsreisen unternahmen, holten sie sich im „Führer des
geologischen Reisenden“ von Boné Rat. In erster Linie muß man einen
guten Soldatenranzen haben, sodann eine Meßkette, eine Feile, Zangen,
eine Bussole und drei Hämmer, die man in den Gürtel steckt, der durch
den Rock verdeckt wird und „einen auf diese Weise vor dem originellen
Aussehen bewahrt, das man auf der Reise vermeiden muß“. Als Stock
nahm Pécuchet ganz einfach einen sechs Fuß langen Touristenstock mit
langer Eisenspitze. Bouvard gab einem Stockschirm oder vielarmigem
Schirm den Vorzug; sein Griff läßt sich herausziehen, um die Seide
darüberzuspannen, die in einem besonderen kleinen Beutel steckt. Sie
vergaßen nicht, starke Schuhe mit Gamaschen mitzunehmen, jeder „zwei
Paar Hosenträger, wegen des Durchschwitzens“, und obgleich man „sich
nicht überall in der Mütze vorstellen kann“, scheuten sie die Kosten
„eines jener zusammenlegbaren Hüte, die nach ihrem Erfinder, dem
Hutmacher Gibus, benannt sind.“
Das gleiche Werk gibt Verhaltungsmaßregeln: „Die Sprache des Landes,
das man besuchen will, soll man können,“ -- sie konnten sie. „Eine
bescheidene Haltung bewahren,“ -- das pflegten sie zu tun. „Nicht
zu viel Geld bei sich zu haben,“ nichts einfacher als das. Um sich
schließlich alle möglichen Verlegenheiten zu ersparen, ist es gut,
„sich für einen Ingenieur auszugeben.“
„Schön! Das werden wir tun!“
So vorbereitet begannen sie ihre Streifzüge, waren oft acht Tage lang
abwesend, verbrachten ihr Leben in der frischen Luft.
Bald bemerkten sie an den Ufern der Orne in einem Einschnitt Felswände,
deren schräge Platten zwischen Pappeln und Heidekraut emporragten,
oder sie waren verstimmt, weil sie den ganzen Weg entlang nur
Tonlager antrafen. In einer Landschaft bewunderten sie weder die
Aufeinanderfolge der Prospekte, noch die Tiefe des Hintergrundes, noch
die wellenförmigen grünen Erhebungen, sondern das, was man nicht sah,
was darunter war, die Erde; und alle Hügel waren für sie noch ein
Beweis der Sündflut. Der Leidenschaft für die Sündflut folgte die für
die erratischen Blöcke. Die dicken, einzeln auf dem Gelände liegenden
Steine mußten von verschwundenen Gletschern herrühren, und sie suchten
nach Moränen und Muschelerde.
Mehrere Male nahm man sie wegen ihrer Ausstaffierung für Hausierer, und
wenn sie geantwortet hatten, sie seien „Ingenieure“, packte sie die
Angst: die widerrechtliche Aneignung eines solchen Titels konnte ihnen
Unannehmlichkeiten zuziehen.
Gegen Ende des Tages keuchten sie unter dem Gewicht ihrer Proben, aber
beharrlich trugen sie sie nach Haus. Es gab ihrer auf den Stufen der
Treppe, in den Zimmern, im Eßsaal, in der Küche, und Germaine jammerte
über die Menge Staub.
Es war keine kleine Arbeit, vor dem Aufkleben der Etiketten die Namen
der Gesteine festzustellen. Die Mannigfaltigkeit der Farben und
des Gemenges ließ sie Ton und Mergel, Granit und Gneis, Quarz und
Kalkstein miteinander verwechseln.
Und dann ärgerte sie die Benennung. Warum devonisch, kambrisch,
jurassisch, als ob die so bezeichneten Erden nicht auch anderswo als in
Devonshire, bei Cambridge und im Jura zu finden wären? Unmöglich, sich
darin auszukennen; was hier System, ist dort Sohle, wieder anderswo
eine bloße Schicht. Die Blätter der Lager vermischen sich, gehen
ineinander über; doch Omalius d’Halloy erklärt, man müsse nicht an die
geologischen Einteilungen glauben.
Diese Erklärung erleichterte sie, und als sie in der Ebene von Caen
Kalkstein mit Polypengehäusen, Tonschiefer in Balleroy, Kaolin zu
Saint-Blaise, Rogenstein an allen Orten gesehen und Steinkohle zu
Cartigny und Quecksilber zu la Chapelle-en-Juger bei Saint-Lô gesucht
hatten, beschlossen sie einen weiteren Ausflug, eine Reise nach le
Havre, um den Feuerstein und den Ton von Kimmeridge zu erforschen.
Kaum hatten sie das Boot verlassen, so fragten sie nach dem Wege,
der zu den Leuchttürmen führt; Erdrutsche versperrten ihn, es war
gefährlich, sich dorthin zu wagen.
Ein Wagenvermieter sprach sie an und schlug ihnen Fahrten in die
Umgegend vor: nach Ingouville, Octeville, Fécamp, Lillebonne, „Rom,
wenn es sein müßte“.
Seine Preise waren unvernünftig; doch der Name Fécamp hatte ihre
Aufmerksamkeit erregt; wenn man sich ein wenig zur Seite wandte, konnte
man Etretat sehen, und sie nahmen den Omnibus nach Fécamp, um gleich so
weit wie möglich zu gelangen.
Im Wagen unterhielten sich Bouvard und Pécuchet mit drei Bauern, zwei
braven Frauen, einem Seminaristen, und sie zögerten nicht, sich die
Eigenschaft von Ingenieuren beizulegen.
Vor dem Hafenbecken hielt man an. Sie erreichten die Klippe, und
fünf Minuten später quetschten sie sich an ihr entlang, um eine
große Wasserlache zu umgehen, die sich wie ein Golf mitten ins Ufer
hineinschob. Dann sahen sie eine Bogenwölbung, welche die Öffnung zu
einer tiefen Grotte bildete; sie war widerhallend, sehr hell, ähnelte
mit ihren von oben bis unten gehenden Säulen und einem Teppich von
Algen auf den Fliesen einer Kirche.
Dieses Werk der Natur setzte sie in Erstaunen, und während sie im
Weitergehen Muscheln auflasen, erhoben sie sich zu Betrachtungen über
den Ursprung der Welt.
Bouvard neigte zum Neptunismus; Pécuchet war dagegen Plutonist.
Das Feuer im Erdinnern hatte die Kruste des Erdballs gesprengt,
Erdteile emporgehoben, Höhlungen entstehen lassen. Es war wie ein
inneres Meer mit seiner Flut und Ebbe, seinen Stürmen; ein dünnes
Häutchen trennt uns davon. Man würde nicht ruhig schlafen, wenn man an
alles dächte, was sich unter unsern Füßen befindet. Indessen nimmt das
Feuer im Erdinnern ab, und die Sonne verliert ihre Kraft, so daß die
Erde eines Tages vor Kälte zugrunde gehen muß. Sie wird unfruchtbar
werden; alles Holz und alle Kohle werden sich in Kohlensäure
verwandeln, und kein Wesen wird mehr bestehen können.
„So weit sind wir noch nicht,“ sagte Bouvard.
„Hoffen wir es,“ erwiderte Pécuchet.
Gleichviel, dieses Weltende, so fern es lag, stimmte sie düster, und
sie schritten schweigend nebeneinander auf dem Uferkies dahin.
Die Klippe, lotrecht, blendend weiß und hier und da von Kieseln
schwarz geädert, verlief gegen den Horizont in einer Ausdehnung von
fünf Wegstunden wie die Linie einer Befestigungsmauer. Ein scharfer
kalter Ostwind wehte. Der Himmel war grau, das Meer grünlich und wie
geschwollen. Von der Spitze der Klippen flogen Vögel auf, kreisten,
kehrten eilig wieder in ihre Löcher. Zuweilen löste sich ein Stein und
schlug ein paarmal auf, bevor er zu ihnen herabkam.
Pécuchet dachte mit lauter Stimme:
„Wofern nicht die Erde durch eine Umwälzung zugrunde geht. Man weiß
nichts über die Dauer unserer Periode. Das innere Feuer braucht nur
hervorzubrechen.“
„Aber es nimmt doch ab.“
„Das hindert nicht, daß seine Ausbrüche die Insel Julia, den
Monte-Nuovo und vieles andere noch erzeugt haben.“ Bouvard erinnerte
sich, diese Einzelheiten bei Bertrand gelesen zu haben.
„Derartige Umwälzungen kommen in Europa nicht vor.“
„Bitte sehr um Entschuldigung, Beweis das Erdbeben von Lissabon. Was
unsere Gegenden anlangt, so sind die Kohlen- und Schwefelkies-Minen
zahlreich und können sehr wohl bei der Zersetzung vulkanische Schlünde
bilden. Vulkane brechen übrigens immer nahe am Meer aus.“
Bouvard ließ seinen Blick über die Fluten wandern und glaubte in der
Ferne Rauch zu sehen, der zum Himmel stieg.
„Da die Insel Julia verschwunden ist,“ fuhr Pécuchet fort, „so werden
vielleicht Landstriche, die durch dieselbe Ursache entstanden sind, das
gleiche Los teilen. Ein Inselchen des Archipels ist gerade so wichtig
wie die Normandie oder auch wie Europa.“
Bouvard sah Europa von einem Abgrund verschlungen.
„Nimm an,“ sagte Pécuchet, „daß ein Erdbeben unter dem Kanal
stattfindet; die Wassermassen strömen ins Atlantische Meer; die Küsten
von Frankreich und England, in ihren Grundfesten wankend, neigen sich,
vereinigen sich, und, klitsch, klatsch, alles, was dazwischen liegt,
ist zermalmt.“
Anstatt zu antworten, begann Bouvard so schnell zu gehen, daß er bald
Pécuchet hundert Schritt hinter sich ließ. Als er allein war, ängstigte
ihn der Gedanke einer Erdumwälzung. Er hatte seit dem Morgen nichts
mehr genossen; seine Schläfen hämmerten. Plötzlich schien ihm der Boden
zu zittern und die Klippe über ihm mit der Spitze zu schwanken. In
demselben Augenblick rollte von oben ein Kiesregen herab.
Pécuchet sah, wie er mit allen Kräften davonrannte, begriff seine
Furcht, schrie ihm von weitem zu:
„Halt! halt! Die Periode ist noch nicht abgelaufen.“
Und um ihn wiedereinzuholen, machte er, seinen Touristenstock in der
Hand, ungeheure Sätze, während er brüllte:
„Die Periode ist noch nicht abgelaufen! Die Periode ist noch nicht
abgelaufen!“
Bouvard lief wie wahnsinnig weiter. Der vielarmige Schirm fiel hin, die
Schöße seines Rockes flogen im Winde, der Tornister baumelte auf seinem
Rücken. Er glich einer geflügelten Schildkröte, die zwischen den Felsen
herumrannte; ein größerer Block entzog ihn Pécuchets Blicken.
Pécuchet kam atemlos dort an, sah niemand, rannte zurück, um an
einer niedrigen Stelle des Abhanges, an der Bouvard jedenfalls
heraufgeklettert war, auf die Felder zu gelangen.
Dieser steile, enge Anstieg war in großen Stufen in die Klippe
geschnitten, hatte Raum für zwei Menschen und leuchtete wie polierter
Alabaster.
In einer Höhe von fünfzig Fuß wollte Pécuchet absteigen. Da die Flut
herankam, begann er wieder emporzuklimmen.
Als er bei der zweiten Biegung den leeren Raum unter sich sah,
erstarrte er vor Angst. Je mehr er sich der dritten näherte, desto
schwächer wurden seine Beine. Die Luftmassen umzitterten ihn, ein
Krampf faßte ihn an der Herzgrube; er setzte sich mit geschlossenen
Augen auf die Erde, nur noch das Klopfen seines Herzens wahrnehmend,
das ihn erstickte; dann warf er seinen Touristenstock fort und
unternahm auf Knien und Händen den Aufstieg. Doch die drei Hämmer,
die in seinem Gürtel steckten, drückten sich in seinen Leib ein; die
Steine, mit denen seine Taschen vollgestopft waren, schlugen gegen
seine Seiten; der Schirm seiner Mütze blendete ihn; der Wind setzte
mit neuer Kraft ein. Endlich erreichte er die Hochebene und fand dort
Bouvard vor, der weiter hinten an einer weniger schwierigen Stelle
emporgestiegen war.
Ein Wägelchen nahm sie auf. An Etretat dachten sie nicht mehr.
Als sie am folgenden Abend in le Havre das Boot erwarteten, sahen sie
unten in einer Zeitung ein Feuilleton, das „Über den Unterricht in der
Geologie“ betitelt war.
Der Artikel, der voll von Tatsachen war, legte die Frage dar, so wie
man sie zu jener Zeit auffaßte.
Niemals hatte eine vollständige Umwälzung des Erdballs stattgefunden,
aber die gleiche Art hat nicht immer die gleiche Dauer und erlischt an
einem Orte eher als an einem andern. Erdschichten derselben Zeitalter
enthalten verschiedenartige Fossilien, ebenso wie voneinander entfernte
Ablagerungen gleichartige einschließen. Die Farren vergangener Zeiten
sind mit den heutigen identisch. Viele Zoophyten der heutigen Zeit
finden sich in älteren Schichten wieder. Kurz, die gegenwärtigen
Modifikationen erklären die früheren Umwälzungen. Dieselben Ursachen
sind beständig in Wirksamkeit, die Natur macht keine Sprünge, und die
Perioden, so bestätigt Brongniart, sind schließlich nichts weiter als
Abstraktionen.
Bisher sahen sie Cuvier vom Glanze einer Aureole umflossen, hoch auf
dem Gipfel einer unangreifbaren Wissenschaft. Sie war untergraben. Der
Schöpfung lag ein anderes Prinzip zugrunde, und ihre Achtung für diesen
großen Mann sank.
Aus Biographien und Auszügen wurden sie mit den Lehren Lamarcks und
Geoffroy Saint-Hilaires bekannt.
Alles widersprach den gangbaren Anschauungen, der Autorität der Kirche.
Bouvard verspürte gleichsam eine Erleichterung dadurch, als wenn er ein
Joch abgeschüttelt hätte.
„Jetzt möchte ich sehen, was der Bürger Jeufroy mir in betreff der
Sündflut antworten würde!“
Und sie fanden ihn in seinem kleinen Garten, wo er die Mitglieder des
Presbyteriums erwartete, welche sich sogleich wegen der Anschaffung
eines Meßgewandes zu versammeln hatten:
„Die Herren wünschen...?“
„Einen Aufschluß, wenn ich bitten darf.“
Und Bouvard begann:
„Was bedeuten in der Genesis ‚der Abgrund, welcher zerbricht‘ und die
‚Katarakte des Himmels‘? Denn ein Abgrund zerbricht nicht, und ein
Himmel hat keine Katarakte!“
Der Abbé schloß die Augen, dann antwortete er: man müsse immer zwischen
dem Sinn und dem Buchstaben unterscheiden. Dinge, an denen man zuerst
Anstoß nähme, bekämen ihre wohlberechtigte Bedeutung, wenn man sie
vertiefe.
„Ausgezeichnet! Aber wie den Regen erklären, der die höchsten Berge
überflutete, die zwei Meilen hoch sind! Denken Sie, zwei Meilen! ein
Wasserstand von zwei Meilen!“
Und der Bürgermeister, der dazukam, fügte hinzu: „Sapperlot, ein
schönes Bad!“
„Geben Sie zu,“ sagte Bouvard, „daß Moses gewaltig übertreibt?“
Der Pfarrer hatte Bonald gelesen und erwiderte: „Seine Beweggründe
sind mir unbekannt; ohne Zweifel geschah es zu dem Zweck, den Völkern,
welche er leitete, einen heilsamen Schrecken einzuflößen!“
„Schließlich, woher kam die Wassermasse?“
„Was weiß ich! Die Luft hatte sich in Regen verwandelt, wie es alle
Tage geschieht.“
Durch die Gartentür sah man den Steuervorsteher Herrn Girbal mit dem
Hauptmann Heurteaux, Gutsbesitzer, hereinkommen, und der Wirt Beljambe
führte Langlois, den Krämer, der wegen seines Katarrhs nur mühsam
vorwärts kam.
Ohne sich um sie zu kümmern, nahm Pécuchet das Wort:
„Verzeihung, Herr Jeufroy. Das Gewicht der Atmosphäre -- das beweist
uns die Wissenschaft -- ist gleich demjenigen einer Wassermasse, die um
die Erdkugel eine Hülle von zehn Metern bilden würde.
Folglich: wenn die ganze verdichtete Luft im flüssigen Zustande
herabstürzte, so würde sie die schon vorhandene Wassermasse nur wenig
vermehren.“
Die Kirchenvorsteher rissen die Augen auf, hörten zu.
Der Geistliche wurde ungeduldig.
„Wollen Sie leugnen, daß man auf den Bergen Muscheln gefunden hat?
Wer hat sie dorthin gebracht, wenn nicht die Sündflut? Soviel ich
weiß, pflegen sie nicht wie Mohrrübchen in der Erde zu wachsen!“ Und
da dieses Witzwort die Versammlung zum Lachen brachte, fügte er, die
Lippen spitzend, hinzu: „Wofern das nicht eine neue Entdeckung der
Wissenschaft ist!“
Bouvard wollte mit der Erhebung der Berge, der Theorie Elie de
Beaumonts, antworten.
„Mir nicht bekannt!“ erwiderte der Abbé.
Foureau beeilte sich zu sagen: „Er ist aus Caen, ich habe ihn einmal
auf der Präfektur gesehen!“
„Aber wenn Ihre Sündflut,“ erwiderte Bouvard, „Muscheln angeschwemmt
hätte, fände man sie zerbrochen an der Oberfläche, und nicht in Tiefen
von manchmal dreihundert Meter.“
Der Priester berief sich auf die Wahrhaftigkeit der Schrift, auf die
Überlieferung des Menschengeschlechtes und die im Eise von Sibirien
aufgefundenen Tiere.
Das beweise nicht, daß der Mensch gleichzeitig mit ihnen gelebt habe!
Die Erde war nach Pécuchets Ansicht beträchtlich älter.
„Das Delta des Mississippi ist mehrere zehntausend Jahre alt. Die
gegenwärtige Epoche umfaßt ihrer wenigstens hunderttausend. Die
Verzeichnisse Manethos...“
Der Graf von Faverges nahte.
Alle verstummten bei seiner Annäherung.
„Bitte, sprechen Sie weiter! Was sagten Sie?“
„Die Herren suchen Streit mit mir,“ antwortete der Abbé.
„Weswegen?“
„Wegen der Heiligen Schrift, Herr Graf!“
Bouvard berief sich sogleich darauf, daß sie als Geologen das Recht
hätten, religiöse Fragen zu erörtern.
„Geben Sie acht,“ sagte der Graf, „Sie kennen, lieber Herr, das Wort:
‚Ein wenig Wissenschaft entfernt von ihr, viel führt zurück.‘“ Und
in einem Tone, der zugleich von oben herab kam und väterlich war:
„Glauben Sie mir! Sie werden zu ihr zurückkehren! Sie werden zu ihr
zurückkehren!“
Vielleicht! Doch was sollte man von einem Buche denken, in dem
behauptet wird, das Licht sei vor der Sonne geschaffen worden, als wenn
die Sonne nicht die einzige Ursache des Lichtes wäre!
„Sie vergessen die, welche man die boreale nennt,“ sagte der Geistliche.
Ohne auf den Einwand zu antworten, stellte Bouvard heftig in Abrede,
daß Licht auf der einen Seite habe sein können und Finsternis auf der
anderen, daß es Morgen und Abend gegeben habe, als die Sterne nicht
waren, und daß die Tiere plötzlich erschienen seien, statt durch
langsame Entwicklung zu entstehen.
Da die Wege bei den heftigen Bewegungen, die man machte, zu eng waren,
ging man auf den Beeten. Langlois bekam einen Hustenanfall. Der
Hauptmann schrie: „Sie predigen den Umsturz!“
Girbal: „Friede! Friede!“ Der Priester: „Welch ein Materialismus!“
Foureau: „Befassen wir uns lieber mit unserm Meßgewande!“
„Nein! Lassen Sie mich reden!“ Bouvard verstieg sich in der Hitze zu
der Behauptung, der Mensch stamme vom Affen ab!
Alle Kirchenvorsteher blickten einander ganz verdutzt an, wie um sich
zu vergewissern, daß sie keine Affen seien.
Bouvard fuhr fort: „Vergleicht man den Fötus einer Frau mit dem einer
Hündin, eines Vogels, eines Frosches...“
„Genug!“
„Ich gehe noch weiter!“ rief Pécuchet. „Der Mensch stammt von den
Fischen ab!“ Gelächter erhob sich. Doch ohne in Verwirrung zu geraten:
„Der Telliamed! ein arabisches Buch!...“
„Zur Sitzung, meine Herren!“
Und man trat in die Sakristei.
Die beiden Freunde hatten den Abbé Jeufroy nicht hineingelegt, wie sie
es vorgehabt hatten. -- Pécuchet fand denn auch, daß er den „Stempel
des Jesuitismus“ trage.
Sein Nordlicht beunruhigte sie jedoch; sie schlugen es im Handbuch
d’Orbignys auf.
Es ist eine Hypothese zur Erklärung der Tatsache, daß die
vegetabilischen Fossilien der Baffinbai den Pflanzen am Äquator
gleichen. Man nimmt an Stelle der Sonne einen großen, jetzt
verschwundenen Lichtherd an, dessen Spuren vielleicht die Nordlichter
sind.
Dann kam ihnen ein Zweifel wegen der Abstammung des Menschen, und in
ihrer Verlegenheit dachten sie an Vaucorbeil.
Seine Drohungen waren ohne Folgen geblieben. Wie früher ging er des
Morgens an ihrem Gitter entlang, indem er mit seinem Stock alle Stäbe
einen nach dem anderen streifte.
Bouvard lauerte ihm auf, -- und nachdem er ihn angehalten hatte,
sagte er, er wolle ihm einen merkwürdigen Punkt der Anthropologie
unterbreiten.
„Glauben Sie, daß das Menschengeschlecht von den Fischen abstammt?“
„Welcher Unsinn!“
„Eher von den Affen, nicht wahr?“
„In gerader Linie ist das unmöglich!“
Zu wem sollte man noch Vertrauen haben? Denn schließlich war der Doktor
kein sehr zuverlässiger Kunde.
Sie setzten ihre Studien fort, doch ohne Leidenschaft, da sie das Eozän
und Miozän, den Mont-Jurillo, die Insel Julia, die sibirischen Mammute
und die Fossilien, die ohne Ausnahme von allen Verfassern mit „Münzen“
verglichen werden, „die authentische Zeugnisse sind“, leid waren,
so daß eines Tages Bouvard seinen Tornister zur Erde warf und dabei
erklärte, daß er nicht weiter mitmachen würde.
Die Geologie hatte zu viele Mängel! Kaum, daß wir einige Örtlichkeiten
in Europa kennen. Über alles Übrige und die Tiefen der Weltmeere wird
man immer in Unkenntnis bleiben.
Als endlich Pécuchet das Wort Mineralreich ausgesprochen:
„Ich glaube nicht daran, ans Mineralreich! da organische Stoffe bei der
Bildung des Kiesels, der Kreide, des Goldes vielleicht teilgenommen
haben! Ist der Diamant nicht Kohle gewesen? Ist die Steinkohle nicht
eine Ansammlung von Vegetabilien? -- Wenn man sie auf ich weiß nicht
wieviel Grad erhitzt, erhält man Holzmehl, derart, daß alles schwindet,
zerfällt, sich verändert. Die Schöpfung ist im Wogen und Fliehen
begriffen; es wäre besser, wir beschäftigten uns mit anderen Dingen.“
Er legte sich auf den Rücken und schlief ein, während Pécuchet mit
gesenktem Kopf und ein Knie in den Händen sich seinen Betrachtungen
hingab.
Ein moosiger Streifen säumte den Hohlweg, der von Eschen beschattet
wurde; ihre feinbelaubten Wipfel zitterten; Engelwurz, Minze, Lavendel
strömten warmen, würzigen Duft aus; die Luft war drückend; und in einer
Art stumpfsinnigen Brütens gedachte Pécuchet träumend der zahllosen
Existenzen, die um ihn zerstreut waren; der Insekten, die summten, der
unter dem Rasen verborgenen Quellen, des Saftes der Pflanzen, der Vögel
in ihren Nestern, des Windes, der Wolken, der ganzen Natur, ohne deren
Geheimnisse durchdringen zu wollen, -- hingerissen von ihrer Macht,
verloren in ihre Größe.
„Ich habe Durst!“ sagte Bouvard erwachend.
„Ich auch! Ich würde gern irgend etwas trinken!“
„Das ist leicht,“ entgegnete ein vorübergehender Mann in Hemdsärmeln,
mit einem Brett auf der Schulter.
Und sie erkannten jenen Landstreicher, dem Bouvard einstmals ein Glas
Wein gegeben hatte. Er schien um zehn Jahre jünger, trug sein Haar
seitlich gekräuselt, den Schnurrbart gut gewichst und wiegte seinen
Körper in pariserischer Weise.
Nach etwa hundert Schritten öffnete er das Gatter eines Hofes, warf
sein Brett gegen eine Mauer und führte sie in eine hohe Küche.
„Mélie! bist du da, Mélie?“
Ein junges Mädchen erschien; auf sein Geheiß ging sie, „etwas zum
Trinken zu zapfen“, und kehrte an den Tisch zurück, um die Herren zu
bedienen.
Die Scheitel ihres korngelben Haares kamen unter einem Häubchen von
grauer Leinwand hervor. Ihr ganzes ärmliches Gewand floß faltenlos an
ihrem Körper herab, und mit ihrer geraden Nase, ihren blauen Augen
hatte sie etwas Zartes, Ländliches, Unschuldiges.
„Sie ist niedlich, was!“ sagte der Tischler, während sie Gläser
herbeibrachte. „Sollte man nicht schwören, sie sei ein als Bäuerin
verkleidetes Fräulein! Und doch tüchtig bei der Arbeit! -- Armes
kleines Herz, wirklich, wenn ich einmal reich werde, heirate ich dich!“
„Sie reden immer Dummheiten, Herr Gorju,“ antwortete sie mit sanfter
Stimme in schleppendem Ton.
Ein Stallknecht kam, um aus einer alten Kiste Hafer zu nehmen, und ließ
den Deckel so heftig niederschlagen, daß ein Stück Holz absprang.
Gorju ereiferte sich über die Ungeschicklichkeit aller „dieser Kerle
vom Lande“, dann suchte er, vor dem Möbel kniend, die Stelle des
Stückes. Pécuchet bemerkte, als er ihm helfen wollte, unter dem Staub
Darstellungen von Personen.
Es war eine Renaissancetruhe mit Taustäben am unteren Teile und
Weinranken in den Ecken, und kleine Säulen teilten ihre Vorderseite in
fünf Felder. In der Mitte sah man Venus Anadyomene auf einer Muschel
stehen, weiter Herkules und Omphale, Simson und Delila, Circe mit ihren
Schweinen, die Töchter Lots, die ihren Vater trunken machten; alles das
war schadhaft, von Würmern zerfressen, und die rechte Füllung fehlte
sogar. Gorju nahm eine Kerze, um Pécuchet die linke besser zeigen zu
können, die Adam und Eva unter dem Baume des Paradieses in einer sehr
unpassenden Stellung wiedergab.
Bouvard bewunderte die Truhe gleicherweise.
„Wenn Ihnen daran liegt, so würde man sie Ihnen billig abgeben.“
Sie zögerten mit Rücksicht auf die Ausbesserungen.
Gorju konnte sie machen, da er von Beruf Kunsttischler war.
„Gut! Kommen Sie!“
Und er zog Pécuchet in den Obsthof, wo Frau Castillon, die Herrin,
Wäsche ausbreitete.
Als Mélie sich die Hände gewaschen hatte, nahm sie ihre Spitzenklöppel
vom Fensterbrett, setzte sich ins volle Licht und arbeitete.
Das Türgesims rahmte sie ein. Die Klöppel ordneten sich unter ihren
Händen mit dem Klappern von Kastagnetten. Man sah ihr Profil, das
geneigt blieb.
Bouvard fragte sie nach ihren Eltern, nach ihrer Heimat, dem Lohn, den
man ihr zahlte.
Sie war aus Ouistreham, hatte keine Angehörigen mehr, verdiente im
Monat eine Pistole; -- kurz, sie gefiel ihm so, daß er sie in seine
Dienste zu nehmen wünschte; sie sollte der alten Germaine helfen.
Pécuchet kam mit der Pächterin zurück, und während sie ihren Handel
fortsetzten, fragte Bouvard ganz leise Gorju, ob die kleine Magd
einwilligen würde, bei ihm Dienste zu nehmen.
„Versteht sich!“
„Ich muß aber erst meinen Freund befragen!“ sagte Bouvard.
„Nun, ich werde es schon machen; doch sprechen Sie nicht davon! Wegen
der Bürgersfrau.“
Der Handel war soeben um die Summe von fünfunddreißig Franken
abgeschlossen. Wegen der Ausbesserungen würde man sich schon einigen.
Kaum im Hof, gab Bouvard seine Absicht bezüglich Mélies kund.
Pécuchet blieb stehen (um besser nachdenken zu können), öffnete seine
Tabakdose, nahm eine Prise, und, nachdem er geschnupft hatte:
„In der Tat, das ist ein Gedanke! mein Gott, ja! warum denn nicht!
Übrigens hast du zu entscheiden!“
Zehn Minuten später erschien Gorju auf dem Walle eines Grabens und rief
sie an:
„Wann soll ich Ihnen das Möbel bringen?“
„Morgen!“
„Und sind Sie in der anderen Frage entschieden?“
„Einverstanden!“ antwortete Pécuchet.