SECHZEHNTES KAPITEL.

Havelaar erhielt einen Brief vom Regenten von Tjanjor, worin dieser ihm

mitteilte, dass er seinem Ohm, dem Adhipatti von Lebak, einen Besuch

darzubringen wünsche. Diese Nachricht war ihm sehr unangenehm. Er

wusste, dass die Häuptlinge in den Preanger Regentschaften einen

grossen Wohlstand zur Schau trugen, und dass der Tjanjorsche Tommongong

solch eine Reise nicht ohne ein Gefolge von vielen Hunderten machen

würde, die alle mit ihren Pferden beherbergt und bewirtet werden

mussten. Er hätte also gern diesen Besuch verhindert, doch er sann

vergeblich auf Mittel, die dem zuvorkommen konnten, ohne dass sie den

Regenten von Rangkas-Betung kränkten, da dieser sehr stolz war und sich

tief beleidigt gefühlt haben würde, wenn man seine verhältnismässige

Armut als zu entscheidendes Moment angeführt hätte, ihn nicht zu

besuchen. Und wenn dieser Besuch nicht zu umgehen war, so musste

er unausbleiblich Veranlassung zur Erschwerung des Druckes geben,

unter dem die Bevölkerung gebeugt ging.

Es ist zweifelhaft, ob Havelaars Ansprache einen bleibenden Eindruck

auf die Häuptlinge gemacht hatte. Bei vielen war dies sicher nicht

der Fall, worauf er selbst denn auch nicht gerechnet hatte. Doch

ebenso gewiss ist, dass es in den Dörfern freudig von Mund zu Mund

gegangen war, dass der Tuwan, der zu Rangkas-Betung Macht hätte, Recht

thun wolle, und hatten also auch seine Worte nicht die Kraft gehabt,

vor Verbrechen zurückzuschrecken, sie hatten doch den Schlachtopfern

derselben den Mut gegeben, sich zu beschweren, geschah es immerhin

auch nur zaghaft und verstohlenerweise.

Sie krochen abends durch den Ravijn, und Tine, in ihrem Zimmer sitzend,

wurde mehrfach durch unerwartetes Geräusch aufgeschreckt, und sie

gewahrte, hinausblickend durchs offene Fenster, dunkle Gestalten, die

mit scheuem Tritt vorbeischlichen. Bald erschrak sie nicht mehr, denn

sie wusste, was es auf sich hatte, wenn diese Gestalten so spukhaft ums

Haus irrten und Schutz suchten bei ihrem Max! Dann winkte sie ihm, und

er stand auf, um die Kläger zu sich zu rufen. Die meisten kamen aus dem

Distrikt Parang-Kudjang, wo des Regenten Schwiegersohn Häuptling war,

und wiewohl dieser Häuptling gewiss nicht versäumte, seinen Teil vom

Erpressten zu nehmen, so war es doch für niemanden ein Geheimnis,

dass er meistens im Namen und für den Niessbrauch des Regenten

raubte. Es war rührend, wie die armen Betroffenen auf Havelaars

Ritterlichkeit bauten und überzeugt waren, er werde sie nicht rufen,

dass sie am folgenden Tage öffentlich wiederholten, was sie in der

Nacht oder am Abend vorher bei ihm im Zimmer gesagt hatten. Denn dies

hätte Misshandlung bedeutet für alle, und für viele den Tod! Havelaar

zeichnete auf, was sie sagten, und darauf gebot er den Klägern, dass

sie in ihr Dorf zurückkehrten. Er versprach, dass Recht geschehen

würde, wenn sie nur nicht zur Gewalt griffen und nicht auswanderten,

wie es die meisten im Sinne hatten. Meistens war er kurz darauf an

dem Ort, wo das Unrecht geschah, ja, oft war er bereits dagewesen

und hatte--gewöhnlich des Nachts--die Sache untersucht, bevor noch

der Kläger selbst an seine Wohnstätte zurückgekehrt war. So besuchte

er in dieser ausgedehnten Abteilung Dörfer, die zwanzig Stunden von

Rangkas-Betung entfernt waren, ohne dass der Regent noch selbst der

Kontrolleur Verbrugge wussten, dass er vom Hauptplatze abwesend war. Er

bezweckte damit, die Gefahr der Rache von den Klägern abzuwenden und

zugleich dem Regenten die Beschämung einer öffentlichen Untersuchung

zu ersparen, die unter ihm sicher nicht wie früher mit einer Einziehung

der Klage abgelaufen wäre. So hoffte er noch immer, dass die Häuptlinge

den gefährlichen Weg verlassen würden, den sie schon so lange begingen,

und es hätte in diesem Falle für ihn sein Bewenden damit gefunden,

dass er die Schadlosstellung der Beraubten forderte ... sofern die

Vergütung des erlittenen Schadens möglich sein würde.

Doch jedesmal, nachdem er aufs neue mit dem Regenten gesprochen hatte,

erlangte er die Überzeugung, dass die Versprechungen der Besserung

eitel waren, und er war bitter betrübt über das Missglücken seiner

Bemühungen.

Wir werden ihn nun einige Zeit dieser Betrübtheit und seiner mühevollen

Arbeit überlassen, um dem Leser die Geschichte von dem Javanen Saïdjah

in der Dessah Badur zu erzählen. Ich entnehme den Namen des Dorfes und

den des Javanen aus den Aufzeichnungen von Havelaar. Es wird darin

Rede sein von Erpressung und Raub, und wenn man einer dichterischen

Schöpfung--was ihren Hauptzweck angeht--Beweiskraft absprechen möchte,

so gebe ich die Versicherung, dass ich im stande bin, die Namen von

zweiunddreissig Personen allein im Distrikt Parang-Kudjang anzugeben,

denen in der Zeit eines Monats sechsunddreissig Büffel abgenommen sind

für den Niessbrauch des Regenten. Oder, noch treffender ausgedrückt:

dass ich die Namen nennen kann von zweiunddreissig Personen aus diesem

Distrikt, die in einem Monat sich zu beklagen den Mut gehabt haben,

und deren Klage von Havelaar untersucht und begründet befunden ist.

Solcher Distrikte sind fünf in der Abteilung Lebak ...

Wenn man nun anzunehmen beliebt, dass die Anzahl geraubter Büffel

minder gross war in den Landschaften, die nicht die Ehre hatten,

von einem Schwiegersohn des Adhipatti verwaltet zu werden, will ich

dem nicht widersprechen, wie sehr es die Frage bleibt, ob nicht die

Unverschämtheit von anderen Häuptern auf gleich festem Untergrunde

ruhte wie auf hoher Verwandtschaft. Der Distriktshäuptling zum

Beispiel von Tjilang-Kahan an der Südküste konnte in Ermangelung eines

gefürchteten Schwiegervaters sich stützen auf die Schwierigkeit des

Einbringens einer Klage für arme Leute, die einen Weg von vierzig bis

sechzig »Pfählen« zurückzulegen hatten, ehe es ihnen möglich war, sich

abends im Ravijn nahe Havelaars Hause zu verbergen. Und wenn man dazu

die vielen berücksichtigt, die sich auf den Weg machten, ohne jemals

das Haus zu erreichen ... die vielen, die nicht einmal aus ihrem Dorfe

sich aufmachten, abgeschreckt durch eigene Erfahrung oder das Los

gewahrend, das anderen Klägern erblühte, dann, glaube ich, würde sich

die Meinung als unrichtig herausstellen, dass die Multiplizierung der

Zahl gestohlener Büffel aus einem Distrikt mit fünf einen zu hohen

Massstab ergäbe für den, der nach der Statistik der Anzahl Rinder

verlangt, die jeden Monat in fünf Distrikten geraubt wurden, um den

Erfordernissen in der Hofhaltung des Regenten von Lebak zu dienen.

Und nicht nur Büffel waren es, die gestohlen wurden, noch war gar

Büffelraub das hauptsächlichste, das in Frage kam. Es ist--besonders in

Indien, wo noch immer »Herrendienst« gesetzlich besteht--ein geringeres

Mass von Unverschämtheit nötig, um die Bevölkerung ungesetzlicherweise

zu unbezahlter Arbeit aufzurufen, als erforderlich ist, um Eigentum

wegzunehmen. Es ist leichter, der Bevölkerung weiszumachen, dass die

Regierung ihrer Arbeit bedürfe, ohne sie bezahlen zu wollen, als von

dieser Regierung zu sagen, dass sie ihre Büffel verlange für nichts und

wieder nichts. Und würde auch der furchtsame Javane nachzuspüren wagen,

ob der sogenannte »Herrendienst«, den man von ihm verlangt, mit den

diesbezüglichen Vorschriften in Einklang steht, dann noch würde ihm

dies unmöglich sein, da der eine nicht vom andern weiss und er also

nicht berechnen kann, ob die festgestellte Zahl Personen nicht zehn-,

ja, fünfzigfach überschritten ist. Wo also die mehr gefährliche,

leichter zu entdeckende That mit solcher Vermessenheit ausgeführt

wird, was ist da von den Missbräuchen zu denken, deren man sich

bequemer schuldig machen kann und die minder der Entdeckungsgefahr

ausgesetzt sind?

Ich sagte, dass ich übergehen würde zu der Geschichte des Javanen

Saïdjah. Zuvor jedoch bin ich zu einer der Abschweifungen genötigt,

die bei der Schilderung von Zuständen, die dem Leser gänzlich fremd

sind, so schwer zu vermeiden sind. Ich werde gleichzeitig die sich

bietende Gelegenheit ergreifen, auf eins der Hindernisse hinzuweisen,

die das rechte Beurteilen Indischer Angelegenheiten nicht-indischen

Personen so besonders schwierig machen.

Wiederholt habe ich von Javanen gesprochen, und wie natürlich dies

dem europäischen Leser vorkommen möge, diese Benennung wird doch wie

ein Fehler in den Ohren desjenigen geklungen haben, der auf Java

Bescheid weiss. Die westlichen Residentschaften Bantam, Batavia,

Preanger, Krawang und ein Teil von Cheribon--zusammen Sundahlande

genannt--werden nicht als zum eigentlichen Java gehörig betrachtet,

und in der That ist, um nun nicht von den über die See hergekommenen

Fremdlingen in diesen Gegenden zu reden, die dort heimische Bevölkerung

eine ganz andere als die auf Mittel-Java und in der sogenannten

Ostecke. Kleidung, Volkssitte und Sprache sind so ganz anders als

mehr ostwärts, sodass der Sundanese oder Orang Gunung gegen den

eigentlichen Javanen mehr Unterscheidung zeigt als ein Engländer

gegen den Holländer. Solche Unterschiede geben Veranlassung zu

Abweichungen in der Beurteilung Indischer Angelegenheiten. Man wird

wohl, wenn man sich überzeugt, dass Java allein schon so scharf in

zwei ungleich geartete Teile abgeteilt ist, ohne noch auf die vielen

Unterstufen dieser Zweiteilung zu achten, man wird gewiss daraus

berechnen können, wie gross der Unterschied bei Volksstämmen sein muss,

wenn sie weiter voneinander wohnen und gar durch die See geschieden

sind. Wem Niederländisch-Indien allein von Java her bekannt ist,

der kann sich ebensowenig eine rechte Vorstellung von dem Malayen,

dem Amboinesen, dem Battah, dem Alfur, dem Timoresen, dem Dajak,

dem Bugie oder dem Makassar bilden, wie wenn er niemals Europa

verlassen hätte, und es ist für jemanden, dem Gelegenheit wurde, den

Unterschied zwischen diesen Völkern wahrzunehmen, häufig ergötzlich,

die Gespräche von Personen anzuhören--toll und betrübend zugleich,

ihre Redensarten gedruckt sehen zu müssen!--von Personen, die ihre

Erfahrungen in Indischen Angelegenheiten in Batavia oder in Buitenzorg

erwarben. Oftmals habe ich mich über den Mut gewundert, mit dem zum

Beispiel ein gewesener Generalgouverneur in der Volksvertretung seinen

Worten durch angeblichen Anspruch auf Platzkenntnis und -erfahrung

Gewicht beizulegen sucht. Ich habe hohe Achtung vor Wissenschaft,

die durch ernsthaftes Studium im Studierzimmer erworben ist, und

oft verwunderte ich mich über die Ausgedehntheit der Kenntnis

von Indischen Dingen, die manche im Besitz zeigen, ohne jemals

Indischen Boden betreten zu haben. Sobald nun bei einem gewesenen

Generalgouverneur zu erkennen ist, dass er sich derartige Kenntnis

auf diese Weise zu eigen gemacht, gebührt ihm die Achtung, die der

rechtmässige Lohn vieljähriger, unverdrossener, fruchtbarer Arbeit

ist. Grösser noch sei vor ihm die Achtung als vor dem Gelehrten,

der geringere Schwierigkeiten zu überwinden hatte, da er aus der

Entfernung ohne Anschauung weniger Gefahr lief, in die Irrtümer zu

verfallen, die die Folge einer mangelhaften Anschauung sind, wie sie

unvermeidlich dem gewesenen Generalgouverneur zu teil wurde.

Ich sagte, dass ich erstaunte über den Mut, den manche bei der

Behandlung Indischer Angelegenheiten an den Tag legten. Sie wissen

doch, dass ihre Worte auch von andern Leuten gehört werden, als nur

von denen, die da vielleicht meinen, dass ein paar Jahre Aufenthalt in

Buitenzorg hinreichen, um Indien zu kennen. Es muss ihnen doch bekannt

sein, dass diese Worte auch von Personen gelesen werden, die in Indien

selbst Zeugen ihrer Unerfahrenheit waren und die ebensosehr wie ich

stutzen müssen über die Keckheit, mit der jemand, der noch so kurze

Zeit vorher vergeblich seine Untauglichkeit unter dem hohen Range zu

verstecken suchte, den ihm der König gab, jetzt auf einmal so spricht,

als ob er wirklich Kenntnis von den Dingen besässe, die er in seiner

Rede behandelt.

Oft hört man denn auch Klagen über unbefugte Einmengung. Oft

wird diese oder jene Richtung in der kolonialen Politik bekämpft,

indem dem Betreffenden, der solche Richtung vertritt, die Kompetenz

abgesprochen wird, und vielleicht wäre es nicht uninteressant, eine

Nachforschung nach den Eigenschaften anzustellen, die jemanden befugt

machen, über Befugtheit zu urteilen. Meistens wird eine wichtige Frage

nicht an der Sache geprüft, um die es sich bei dieser Frage handelt,

sondern sie wird bemessen nach dem Wert, den man der Meinung des Mannes

beimisst, der darüber das Wort führt, und da dies meistens die Person

ist, die als eine »Spezialität« gilt, in der Regel jemand, »der in

Indien eine so gewichtige Stellung bekleidet hat«, so folgt hieraus,

dass das Resultat einer Abstimmung meistens die Couleur der Irrtümer

trägt, die nun einmal von »diesen gewichtigen Stellungen« untrennbar

scheinen. Wenn dies schon seine Geltung hat, wo der Einfluss sothaner

Spezialität von einem Mitglied der Volksvertretung ausgeübt wird,

wie gross wird dann erst die Gewissheit verkehrter Urteilsbildung,

wenn solcher Einfluss gepaart geht mit dem Vertrauen des Königs,

der sich zwingen liess, solch eine Spezialität an die Spitze seines

Ministeriums für die Kolonien zu setzen.

Es ist eine eigentümliche Erscheinung--herzuleiten vielleicht aus einer

Art Trägheit, die die Mühe dies Selbst-Urteilens scheut--wie leicht

man Personen Vertrauen schenkt, die sich den Schein höherer Kenntnis

zu geben wissen, sobald nur diese Kenntnis aus Quellen geschöpft sein

kann, die nicht jedem zugänglich sind. Die Ursache liegt vielleicht

darin, dass durch die Anerkennung eines derartigen Übergewichts die

Eigenliebe weniger gekränkt wird, als es der Fall sein würde, wenn man

sich derselben Hülfsmittel hätte bedienen können, wodurch etwas wie

Wetteifer entstehen würde. Es fällt dem Volksvertreter leicht, seine

Empfindlichkeit aufzugeben, sobald ihn jemand bekämpft, von dem man

annehmen kann, dass er ein zutreffenderes Urteil fällt als er, wenn

nur diese vorausgesetzte grössere Zutreffendheit nicht persönlicher

Tüchtigkeit zugeschrieben werden braucht--deren Anerkennung schwerer

fallen würde--sondern allein den besonderen Umständen, die sich diesem

Gegner günstig erwiesen.

Und ohne von denen zu reden, »die solche hohen Stellungen in

Indien einnahmen«: es ist wirklich sonderbar, wie man vielfach

der Meinung von Personen Wert beilegt, die nichts weiter besitzen,

was diese Anerkennung rechtfertigt, als die »Erinnerung an einen

soundsovieljährigen Aufenthalt in diesen Gegenden«. Das ist um so

mehr merkwürdig, als sie, die Gewicht auf solchen Beweisgrund legen,

doch nicht bereitwillig alles annehmen würden, was ihnen von irgend

einem, der erkennen liess, dass er vierzig oder fünfzig Jahre in

Niederland gewohnt, über den Haushalt des Niederländischen Staates

gesagt werden würde. Es giebt Personen, die sich ebenso lange in

Niederländisch-Indien aufhielten, ohne je mit der Bevölkerung oder

mit Inländischen Häuptlingen in Berührung gekommen zu sein, und es ist

betrübend, dass der Rat von Indien sehr oft ganz oder zum grossen Teil

aus solchen Personen zusammengesetzt ist, ja, dass man selbst Mittel

gefunden hat, den König Ernennungen von Leuten zum Generalgouverneur

zeichnen zu lassen, die zu dieser Art von Spezialitäten gehören.

Als ich sagte, dass die Annahme der Tauglichkeit eines neuernannten

Generalgouverneurs uns zu der Ansicht berechtige, dass man ihn für ein

Genie hielt, war es keineswegs meine Absicht, die Ernennung von Genies

anzuempfehlen. Abgesehen von der Misslichkeit, die darin bestände, dass

man einen so wichtigen Posten fortwährend unbesetzt liesse, spricht

noch ein anderer Grund dagegen. Ein Genie würde unter dem Ministerium

für die Kolonien nicht arbeiten können und also unbrauchbar sein für

den Posten des Generalgouverneurs ... wie das Genies ja mehrfach sind.

Es wäre vielleicht zu wünschen, dass die von mir in der Form einer

Krankheitsgeschichte mitgeteilten Hauptmängel die Beachtung derjenigen

erregten, die zur Wahl eines neuen Landvogts berufen sind. Vor allem

die Wichtigkeit betonend, dass all die Personen, die für den Posten des

Generalgouverneurs in Vorschlag gebracht werden, rechtschaffen seien

und im Besitz eines Fassungsvermögens, das sie einigermassen befähigt,

zu lernen, was sie werden wissen müssen, halte ich es darnach für

sehr notwendig, dass man mit einigem begründeten Vertrauen von den

Kandidaten die Vermeidung jener anmassenden Besserwisserei im Anfang,

und vor allem jener apathischen Schläfrigkeit in den letzten Jahren

ihrer Verwaltung erwarten kann. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass

Havelaar bei seiner schweren Verpflichtung sich auf den Beistand des

Generalgouverneurs vermeinte stützen zu können, und ich fügte hinzu,

»dass diese Meinung naiv war«. Dieser Generalgouverneur erwartete

seinen Nachfolger: die Ruhe in Niederland winkte!

Wir werden sehen, was diese Neigung zu Schlaf der Abteilung Lebak,

Havelaar und auch dem Javanen Saïdjah eingebracht hat, zu dessen

eintöniger Geschichte--einer unter sehr vielen!--ich jetzt übergehe.

Ja, eintönig wird sie sein! Eintönig wie die Erzählung von der

Arbeitsamkeit der Ameise, die ihren Beitrag zum Wintervorrat den

Erdklumpen--den Berg--hinanschleppen muss, der auf dem Wege zur

Vorratskammer liegt. Jedesmal fällt sie zurück mit ihrer Fracht,

um jedesmal wieder zu versuchen, ob sie wohl endlich festen Fuss

fassen werde auf dem Steinchen dort oben--auf dem Felsen, der den

Berg krönt. Aber zwischen ihr und diesem Gipfel ist ein Abgrund,

der überholt werden muss ... eine Tiefe, die tausend Ameisen nicht

ausfüllen würden. Darum muss sie, die nur eben die Kraft hat,

ihre Last, die viele Male schwerer ist als ihr eigener Körper,

auf ebenem Grund fortzuschleppen, sich weit emporheben und sich

auf einem schwankenden Fleck hoch aufgerichtet halten. Sie muss

das Gleichgewicht bewahren, wenn sie sich aufrichtet mit der Last

zwischen ihren Vorderfüsschen. Sie muss sie umklammern und muss in

steter Aufwärtsrichtung streben, sie auf den Punkt, der aus der

Felswand hervorspringt, niederzusenken. Sie wankt, sie schwankt,

sie erstickt, die Kraft verlässt sie, sie sucht sich an dem halb

entwurzelten Baumstamm zu halten, der mit seiner Krone in die Tiefe

weist--ein Grashalm!--sie findet nicht den Stützpunkt, den sie sucht:

der Baum schnellt zurück--der Grashalm weicht unter ihrem Fuss--ach,

die Ärmste stürzt in die Tiefe mit ihrer Fracht. Dann ist sie einen

Augenblick still, wohl eine ganze Sekunde lang--was viel ist in

dem Leben einer Ameise. Ob sie betäubt ist von dem Schmerz ihres

Sturzes? Oder überlässt sie sich missmutiger Stimmung, da soviel

Anspannung eitel war? Doch sie verliert den Mut nicht. Wieder ergreift

sie ihre Last und wieder schleppt sie sie nach oben, um darauf noch

einmal und immer noch einmal in die Tiefe niederzustürzen.

So eintönig ist meine Geschichte. Allein, nicht von Ameisen will

ich sprechen, deren Freud und Leid unserer Wahrnehmung wegen der

Grobheit der menschlichen Sinne entgeht. Ich will erzählen von

Menschen, von Wesen, die ein Empfinden haben wie wir. Allerdings,

wer Rührung scheut und lästigem Mitleid entgehen will, der wird

sagen, dass diese Menschen gelb sind, oder braun--viele nennen sie

schwarz--und für diese ist die Abweichung in der Farbe Grund genug,

ihr Auge von diesem Elend abzuwenden, oder zum mindesten, wenn sie

darauf niedersehen, es zu thun sonder Rührung.

Meine Erzählung ist also allein an diejenigen gerichtet, die fähig

sind zu dem schwierigen Glauben, dass da Herzen klopfen unter dieser

dunklen Haut, und dass, wer gesegnet ist mit Weisse und dem damit

verbundenen Vorzug an Bildung, Edelmut, Handels- und Gotteskenntnis,

Tugend ... dass der seine schimmernd weissen Qualitäten auf andere

Weise zur Geltung bringen könnte, als es bis jetzt diejenigen erfahren

haben, die minder gesegnet sind in Bezug auf Hautfarbe und allerhand

Seelenvortrefflichkeit.

Mein Vertrauen auf Mitgefühl mit den Javanen geht jedoch nicht so

weit, dass ihr bei der Beschreibung, wie man den letzten Büffel

aus dem Kendang raubt, bei Tage, ohne Scheu, unter dem Schutze der

Niederländischen Autorität ... wenn ich hinter dem weggeführten Rinde

her den Eigner folgen lasse mit seinen weinenden Kindern ... wenn

ich ihn niedersitzen lasse auf der Treppe vor des Räubers Hause,

sprachlos, wesenlos und versunken in Schmerz ... wenn ich ihn von da

verjagen lasse mit Hohn und Schmach, mit Androhung von Stockprügeln

und Blockgefängnis ... seht, ich fordere nicht--noch erwarte ich,

o Niederländer!--dass ihr euch dadurch in gleichem Masse ergreifen

lasset, als wenn ich euch das Los eines Bauern schilderte, dem man

seine Kuh wegnahm. Ich verlange keine Thräne bei den Thränen, die über

so dunkle Angesichter fliessen, noch edlen Zorn, wenn ich von der

Verzweiflung der Beraubten sprechen werde. Ebensowenig erwarte ich,

dass ihr aufstehen werdet und mit meinem Buche in der Hand vor den

König tretet und sagt: »Sieh, o König, das geschieht in deinem Reich,

in deinem schönen Reiche Insulinde!«

Nein, nein, nein, das alles erwarte ich nicht! Zuviel Leides in der

Nähe macht sich Meister eures Gefühls, als dass es euch so viel Gefühl

überliesse für etwas, das so fern liegt! Werden nicht all eure Nerven

in Spannung gehalten durch die Unannehmlichkeiten der Wahl eines neuen

Kammermitgliedes? Schwankt nicht eure entzweite Seele zwischen den

weltberühmten Verdiensten der Nichtigkeit A und der Unbedeutendheit

B? Und habt ihr nicht eure teuren Thränen für ernstere Dinge nötig als

... doch was brauche ich mehr zu sagen! War es nicht gestern flau auf

der Börse, und drohte nicht etwas lebhafterer Import dem Kaffeemarkt

mit Sinken?

»Schreiben Sie doch solch sinnlose Dinge nicht an Ihren Papa, Stern!«

habe ich gesagt, und vielleicht sagte ich das etwas hitzig, denn

ich kann keine Unwahrheit leiden, das ist immer ein fester Grundsatz

bei mir gewesen. Ich habe gleich denselben Abend an den alten Stern

geschrieben, dass er ein bisschen Eile hinter seine Ordres setzen

und vor allem vor falschen Berichten auf der Hut sein müsse, denn

der Kaffee steht sehr gut.

Der Leser empfindet wohl, was ich beim Anhören dieser letzten Kapitel

wieder ausgestanden habe. Ich habe im Kinderzimmer ein Solitärspiel

gefunden, und das nehme ich fortan mit aufs Kränzchen. Hatte ich nicht

recht, als ich sagte, dass dieser Shawlmann alle toll gemacht hat mit

seinem Paket? Sollte man aus all dem Geschreib von Stern--und Fritz

macht auch mit, das ist gewiss!--wohl junge Leute wiedererkennen, die

in einem vornehmen Hause erzogen werden? Was für alberne Ausfälle sind

das gegen eine Krankheit, die sich in dem Verlangen nach einem Ruhesitz

äussert? Ist das auf mich gemünzt? Darf ich nicht nach Driebergen

gehen, wenn Fritz Makler ist? Und wer spricht von Bauchwehanfällen

in Gesellschaft von Frauen und Mädchen? Es ist ein fester Grundsatz

bei mir, immer mässig und gelassen zu bleiben--denn ich halte das für

nützlich in Geschäften--doch ich muss sagen, dass es mich manchmal

grosse Mühe kostete beim Anhören von all dem überspannten Kram, den

Stern vorliest. Was will er denn nur? Was wird das Ende sein? Wann

kommt denn nun endlich etwas Solides? Was geht es mich an, ob dieser

Havelaar seinen Garten schön in Stand hält, und ob die Menschen bei

ihm vorn oder hinten hineinkommen? Bei Busselinck & Waterman muss

man durch einen ganz schmalen Gang, an einem Ölspeicher entlang, wo

es ganz muffig und dreckig ist. Und dann das lange Gesaires über die

Büffel! Was brauchen sie Büffel zu haben, diese Schwarzen! Ich habe

noch niemals einen Büffel gehabt und bin doch zufrieden. Es giebt

Menschen, die ewig klagen. Und was das Schimpfen auf die Zwangsarbeit

betrifft, man sieht wohl, dass er die Predigt von Pastor Wawelaar nicht

gehört hat, sonst würde er wissen, wie nützlich dieses Arbeiten für

die Ausbreitung des Reiches Gottes ist. Allerdings, er ist lutherisch.

O, bestimmt, wenn ich eine Ahnung hätte haben können, wie er das Buch

schreiben würde, das von solcher Bedeutung werden muss für alle Makler

in Kaffee--und für andere--dann hätte ich's lieber selbst gethan. Doch

hat er eine Stütze an den Rosemeyers, die in Zucker machen, und

das macht ihm soviel Mut. Ich habe geradeaus gesagt--denn ich bin

aufrichtig in solchen Sachen--dass wir uns die Geschichte von dem

Saïdjah wohl würden schenken können, aber da kriegte ich es auf einmal

mit Luise Rosemeyer zu thun. Es scheint, dass Stern ihr gesagt hat,

dass was von Liebe drin vorkommen sollte, und da sind solche Mädchen

toll nach. Ich würde mich jedoch hierdurch nicht haben abschrecken

lassen, wenn mir nur die Rosemeyers nicht gesagt hätten, dass sie

gern mit Sterns Vater Bekanntschaft machen möchten. Das natürlich nur

deswegen, um durch den Vater zu dem Onkel zu kommen, der in Zucker

macht. Wenn ich nun zu stark für den gesunden Menschenverstand Partei

ergreife gegen den jungen Stern, so lade ich den Schein auf mich,

als wenn ich sie von ihm abziehen wollte, und das ist durchaus nicht

der Fall, denn sie machen in Zucker.

Ich kann durchaus nicht hinter Sterns Absichten mit seinem Geschreib

kommen. Es giebt immer unzufriedene Menschen, und steht es ihm nun

schön, der er soviel Gutes geniesst in Holland--diese Woche noch

hat meine Frau ihm Kamillenthee aufgebrüht--steht es ihm wohl gut,

dass er so auf die Regierung schimpft? Will er damit die allgemeine

Unzufriedenheit noch mehr anfachen? Will er Generalgouverneur

werden? Er ist anmassend genug dazu ... um es zu wollen, meine

ich. Ich stellte vorgestern diesbezüglich eine Frage an ihn und fügte

geradeaus hinzu, dass sein Holländisch noch sehr mangelhaft sei. »O,

damit hat's keine Schwierigkeiten, sagte er; es scheint nur selten ein

General-gouverneur dorthin geschickt zu werden, der die Sprache des

Landes versteht.« Was soll ich nun anfangen mit so einem Naseweis? Er

hat nicht den geringsten Respekt vor meiner Erfahrung. Als ich

ihm diese Woche sagte, dass ich bereits siebzehn Jahre Makler wäre

und schon zwanzig Jahre die Börse besuchte, führte er Busselinck &

Waterman an, die schon achtzehn Jahre Makler sind, und, sagte er, »die

haben also ein Jahr Erfahrung mehr«. So fing er mich, denn ich muss,

weil ich auf Wahrheit halte, wohl zugeben, dass Busselinck & Waterman

wenig vom Geschäft verstehen und dass es niederträchtige Pfuscher sind.

Marie ist auch angesteckt. Denkt euch, diese Woche--sie war an der

Reihe mit dem Vorlesen beim Frühstück, und wir waren bei der Geschichte

von Lot--hielt sie plötzlich auf und wollte nicht weiterlesen. Meine

Frau, die ebensosehr wie ich auf Religion hält, suchte sie mit Güte

zum Gehorsam zu bewegen, weil es sich doch für ein sittsames Mädchen

nicht passt, so eigensinnig zu sein. Alles vergeblich! Darauf musste

ich als Vater mit grosser Strenge sie vermahnen, denn sie verdarb

mit ihrer Hartnäckigkeit die Morgenerbauung beim Frühstück, was

immer ungünstig auf den ganzen Tag wirkt. Doch es war nichts mit

ihr anzufangen, und sie ging so weit, dass sie sagte, sie wollte

lieber totgeschlagen werden, als dass sie weiterläse. Ich habe sie

mit drei Tagen Stubenarrest bestraft, bei Kaffee und Brot, und hoffe,

dass ihr das gut thun wird. Um zugleich diese Strafe für die sittliche

Besserung dienen zu lassen, habe ich ihr aufgegeben, das Kapitel, das

sie nicht lesen wollte, zehnmal abzuschreiben, und ich bin zu dieser

Strenge vor allem übergegangen, weil ich bemerkt habe, dass sie in

der letzten Zeit--ob dies von Stern kommt, weiss ich nicht--Ansichten

angenommen hat, die mir gefährlich für die Sittlichkeit scheinen,

auf die meine Frau und ich so sehr viel geben. Ich habe sie unter

anderm ein französisches Lied singen hören--von Béranger, glaube

ich--worin eine arme alte Bettlerin beklagt wird, die in ihrer Jugend

an einem Theater sang, und gestern erschien sie beim Frühstück ohne

Korsett--unsere Marie, meine ich--was doch nicht anständig ist.

Auch muss ich sagen, dass Fritz wenig Gutes mit nach Hause genommen

hat von der Betstunde. Ich war recht zufrieden gewesen über sein

Stillsitzen in der Kirche. Er rührte sich nicht und wandte kein

Auge von der Kanzel, doch später erfuhr ich, dass Betsy Rosemeyer

im Taufgestühle gesessen hatte. Ich habe nichts dagegen gesagt,

denn man muss nicht allzustreng gegen junge Leute sein, und die

Rosemeyers sind ein anständiges Haus. Sie haben ihrer ältesten Tochter,

die an den Bruggeman in Droguen verheiratet ist, eine recht nette

Mitgift ausgesetzt, und darum glaube ich, dass so etwas Fritz vom

Westermarkt abhält, was mir sehr angenehm ist, denn ich gebe soviel

auf Sittlichkeit.

Allein dies hindert nicht, dass es mich ärgert, zu sehen, wie Fritz

sein Herz verhärtet, gerade wie Pharao, der minder schuldig war wie er,

da er keinen Vater hatte, der ihm immerwährend den rechten Weg wies,

denn von dem alten Pharao sagt die Schrift nichts. Pastor Wawelaar

klagt über seine Anmassendheit--über Fritzens, meine ich--in der

Katechismusstunde, und der Junge scheint--natürlich wieder aus dem

Paket von Shawlmann--eine Naseweisigkeit sich angeeignet zu haben,

die den sonst sinnigen Wawelaar ganz aus der Fassung bringt. Es ist

rührend, wie der würdige Mann, der häufig Kaffee bei uns trinkt, bei

Fritz auf das Gefühl zu wirken sucht, und wie der Bengel jedesmal

neue Fragen bei der Hand hat, die die Widerborstigkeit seines

Gemüts verraten ... es stammt alles aus dem verfluchten Paket von

Shawlmann! Mit Thränen der Rührung auf den Wangen versucht der eifrige

Diener des Evangeliums ihn zu bewegen, abzulassen von der Weisheit nach

dem Menschen, um eingeführt zu werden in die Geheimnisse der Weisheit

Gottes. Mit Milde und Zärtlichkeit fleht er ihn an, doch nicht das Brot

des ewigen Lebens zu verwerfen und solchermassen in Satans Klauen zu

fallen, der mit seinen Engeln das Feuer bewohnt, das ihm bereitet ist

für alle Ewigkeit. »O, sagte er gestern--Wawelaar meine ich--o, mein

junger Freund, öffnen Sie doch die Augen und die Ohren und hören Sie

und sehen, was der Herr Ihnen giebt zu hören und zu sehen durch meinen

Mund. Achten Sie auf die Zeugnisse der Heiligen, die gestorben sind

für den wahren Glauben! Sehen Sie Stephanus, wie er niedersinkt unter

den Feldsteinen, die ihn zerschmettern! Sehen Sie, wie noch sein Blick

zum Himmel gerichtet ist, und wie noch seine Zunge Psalmen singt ...«

»Ich hätte lieber wiedergeschmissen!« sagte Fritz darauf.--Leser,

was soll ich mit dem Jungen anfangen?

Einen Augenblick später begann Wawelaar aufs neue, denn er ist

ein eifriger Knecht Gottes und lässt nicht ab von der Arbeit. »O,

junger Freund, sagte er, öffnen Sie doch,« ... der Anfang war so wie

vorhin. »Doch, fuhr er fort, können Sie unbewegt bleiben, wenn Sie

bedenken, was aus Ihnen werden wird, wenn Sie einmal werden gezählt

werden zu den Böcken auf der linken Seite ...«

Da brach der Taugenichts in Gelächter aus--Fritz, meine ich--und auch

Marie fing an zu lachen. Sogar meinte ich etwas wie Lachen auf dem

Gesicht meiner Frau zu entdecken. Doch da bin ich Wawelaar zu Hülfe

gekommen, ich habe Fritz mit einer Busse aus seinem Spartopf belegt,

die an die Missionsgesellschaft gezahlt werden soll.

Ach, Leser, dies alles nimmt mich recht mit. Und man sollte bei solchem

Kummer sich damit ergötzen, Geschichten anzuhören über Büffel und

Javanen? Was ist ein Büffel im Vergleich zu Fritzens Seligkeit? Was

gehen mich die Angelegenheiten der Menschen in weiter Ferne an, wenn

ich fürchten muss, dass Fritz durch seinen Unglauben, meinen eigenen

Angelegenheiten Verderben bringt und dass er niemals ein tüchtiger

Makler werden wird? Denn Wawelaar hat es selbst gesagt, dass Gott

alles so regiert, dass Rechtgläubigkeit zum Reichtum führt. »Sehet

nur, sagte er, ist nicht viel Reichtum in Niederland? Das kommt vom

Glauben her. Ist nicht in Frankreich häufig Mord und Totschlag? Das

kommt daher, dass sie dort katholisch sind. Sind nicht die Javanen

arm? Es sind Heiden. Je länger die Holländer mit den Javanen Umgang

pflegen, desto mehr Reichtum wird hier kommen und desto mehr Armut

da drüben. Das ist Gottes Wille so!«

Ich bin erstaunt über Wawelaars Einsicht in Geschäftssachen. Denn

es ist Thatsache, dass ich, der ich streng auf Religion halte, meine

Geschäfte von Jahr zu Jahr weitere Fortschritte nehmen sehe, während

die Busselinck & Waterman, die weder auf Gott noch auf sonstwas etwas

geben, ihr Leben lang niederträchtige Pfuscher bleiben werden. Auch die

Rosemeyers, die in Zucker machen und ein katholisches Mädchen halten,

haben unlängst wieder 27% aus der Masse eines Juden annehmen müssen,

der pleite war. Je mehr ich nachdenke, desto weiter komme ich in der

Ergründung von Gottes unerforschlichen Wegen. Kürzlich hat es sich

gezeigt, dass wieder dreissig Millionen Reingewinn erzielt sind durch

den Verkauf von Produkten, die die Heiden geliefert haben, und darin

ist nicht einmal eingerechnet, was ich daran verdient habe und die

vielen andern, die von diesen Geschäften leben. Ist das nun nicht so,

als ob der Herr sagte: »siehe da, dreissig Millionen zur Belohnung

eures Glaubens«? Zeigt sich da nicht deutlich der Finger Gottes,

der den Bösen lässet arbeiten, dass er den Gerechten erhalte? Ist

das nicht ein Wink, auf dem guten Wege fortzuschreiten? Ein Wink, da

drüben viel hervorbringen zu lassen, und hier auszuharren im wahren

Glauben? Heisst es nicht darum »betet und arbeitet«, dass wir beten

sollen und die Arbeit durch all das schwarze Kropzeug thun lassen,

das kein Vaterunser kennt?

O, wie hat Wawelaar recht, wenn er Gottes Joch sanft nennt! Wie

leicht wird die Last gemacht jedem, der glaubt! Ich bin eben in

den Vierzigern und könnte austreten, wenn ich wollte, und nach

Driebergen gehen, und nun seht daneben, wie es mit andern abläuft,

die den Herrn verliessen. Gestern habe ich Shawlmann gesehen mit

seiner Frau und ihrem Jungen: sie sahen aus wie Gespenster. Er ist

bleich wie der Tod, seine Augen schwellen heraus, und seine Backen

sind hohl. Seine Haltung ist gebeugt, obwohl er noch jünger ist als

ich. Auch sie war sehr ärmlich gekleidet und schien wieder geweint

zu haben. Nun, ich hatte ja gleich bemerkt, dass sie unzufrieden von

Natur ist, denn ich brauche nur einmal jemanden zu sehen, um ihn zu

beurteilen. Das kommt von der Erfahrung. Sie hatte eine Mantille von

schwarzer Seide umhängen, und es war doch sehr kalt. Von Krinoline

keine Spur. Ihr leichtes Kleid hing ihr schlapp um die Kniee, und

am Rande waren Fransen. Er hatte nicht mal mehr seinen Shawl um

und sah aus, als ob es Sommer wäre. Doch scheint er noch eine Art

trotzigen Stolz zu besitzen, denn er gab einer armen Frau etwas,

die auf der Brücke sass, und wer selbst so wenig hat, sündigt, wenn

er noch weggiebt an andere. Übrigens, ich gebe niemals was auf der

Strasse--das ist Grundsatz bei mir--denn ich sage mir immer, wenn ich

so arme Menschen sehe: wer weiss, ob es nicht ihre eigene Schuld ist,

und ich darf sie nicht bestärken in ihrem unrechten Wandel. Sonntags

gebe ich zweimal: einmal für die Armen und einmal für die Kirche. So

ist es in der Ordnung. Ich weiss nicht, ob Shawlmann mich gesehen

hat, aber ich ging schnell vorbei und guckte nach oben, und dachte

an die Gerechtigkeit Gottes, der ihn doch nicht so ohne Winterrock

laufen lassen würde, wenn er besser aufgepasst hätte und nicht faul,

dünkelhaft und kränklich wäre.

Was nun mein Buch betrifft, da darf ich wirklich wohl den Leser um

Entschuldigung bitten für die unverzeihliche Art, in der Stern unsern

Kontrakt missbraucht. Ich muss sagen, dass ich mit Unbehagen dem

kommenden Kränzchenabend und der Liebesgeschichte von diesem Saïdjah

entgegensehe. Der Leser weiss bereits, welche gesunden Anschauungen ich

bezüglich der Liebe habe ... man denke nur an meine Beurteilung der

Lustpartie nach dem Ganges. Dass junge Mädchen so etwas nett finden,

kann ich wohl begreifen, doch es ist mir unerklärlich, dass Männer

von Jahren solche Albernheiten ohne Ekel anhören. Mir ist sicher,

dass ich auf dem anstehenden Kränzchen das Triolett von meinem

Solitärspiel finde.

Ich werde mir Mühe geben, nichts von diesem Saïdjah zu hören, und

hoffe, dass der Mann schnell heiratet, wenigstens wenn er der Held

der Liebesgeschichte ist. Es ist nur gut von Stern, dass er vorher

gewarnt hat, es werde eine eintönige Geschichte sein. Wenn er dann

später mit etwas anderm beginnt, werde ich wieder zuhören. Aber das

Herunterreissen der Indischen Verwaltung missfällt mir fast ebensosehr

wie Liebesgeschichten. Man sieht aus allem, dass Stern jung ist und

wenig Erfahrung hat. Um die Dinge recht zu beurteilen, muss man alles

aus der Nähe sehen. Zur Zeit meiner Verheiratung bin ich selbst im

Haag gewesen und habe mit meiner Frau das Moritzhaus besucht. Ich bin

dort mit allen Gesellschaftsständen in Berührung gekommen, denn ich

habe den Finanzminister vorbeifahren sehen, und wir haben zusammen

Flanell gekauft in der Veenestraat--ich und meine Frau, meine ich--und

nirgends habe ich auch nur das geringste Zeichen von Unzufriedenheit

mit der Regierung wahrgenommen. Die Frau in dem Laden sah glücklich

und zufrieden aus, und da nun im Jahre 1848 einzelne uns weiszumachen

suchten, dass im Haag nicht alles so stände wie es sich gehörte,

habe ich auf dem Kränzchen über diese Unzufriedenheit unumwunden

meine Meinung gesagt. Ich fand Glauben, denn jeder wusste, dass ich

aus Erfahrung sprach. Auch auf der Rückreise mit der Postkutsche hat

der Postillon »Freut euch des Lebens« geblasen, und das würde der

Mann doch nicht gethan haben, wenn es so übel stand. In dieser Weise

habe ich auf alles geachtet und wusste also sofort, was man im Jahre

1848 von all dem Murren zu denken hatte.

Uns gegenüber wohnt eine Frau, deren Vetter in Ostindien einen »Toko«

offen hält, wie sie dort einen Laden nennen. Wenn also alles so

schlecht stände, wie Stern sagt, so würde sie doch auch wohl etwas

davon wissen, und es scheint doch, dass sie sehr zufrieden ist mit

den Geschäften, denn ich höre sie niemals klagen. Im Gegenteil,

sie sagt, dass ihr Vetter da auf einem Landsitz wohnt, und dass er

Mitglied vom Kirchenrat ist, und dass er ihr einen pfauenfedernen

Zigarrenbehälter geschickt hat, den er selbst aus Bambus gemacht

hätte. Dies alles zeigt doch deutlich, wie unbegründet das Gejammer

über schlechte Zeiten ist. Gleichfalls ersieht man daraus, dass

für jemanden, der nur aufpassen will, in dem Lande wohl noch was zu

verdienen ist, und dass also dieser Shawlmann auch da schon faul,

dünkelhaft und kränklich gewesen ist, sonst würde er nicht so arm

nach Haus gekommen sein und hier ohne Winterrock herumlaufen. Und der

Vetter von der Frau uns gegenüber ist nicht der einzige, der im Osten

sein Glück gemacht hat. Im »Café Polen« hier bei uns in Amsterdam,

wo so viele Börsenbesucher verkehren, sehe ich viele, die dort gewesen

sind und wirklich verflucht nobel auftreten. Aber selbstverständlich,

aufs Geschäft muss man acht geben, da drüben so gut wie hier. Auf

Java werden die gebratenen Tauben niemandem in den Mund fliegen: es

muss gearbeitet werden! Wer das nicht will, ist arm und bleibt arm,

das ist wohl selbstredend, und es ist auch gut so.

Max Havelaar · 第 39 / 109 题